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Anita Pichler

Die Frauen
aus Fanis

Geschichten aus der
Sagenwelt der Dolomiten

Mit Erläuterungen und
einem Nachwort von Ulrike Kindl

Vorwort

Fanes ist meine Geschichte. Es ist die Geschichte, die ich kenne, seit ich mich an Geschichten erinnern kann: ich hörte sie, wie ich andere Geschichten gehört habe, die von einem Gott, von seiner Schöpfung und von seinem Sohn. Es sind Geschichten des Gewesenseins. Einmal standen sie in einem Zusammenhang, und man brauchte sie nicht zu glauben. Auch die Geschichten von Fanis sind in einem Zusammenhang entstanden, dessen Zeit uns nicht mehr bekannt ist, dessen Ort unwichtig ist. Es sind Geschichten von der Zeit vor der Zeit und von einem Ort vor dem Ort, den sie benennen. Sie erzählen das Immergleiche, was alle Geschichten erzählen: Sie erzählen vom Werden und Vergehen, von Erde, Wasser, Wind und Feuer. Sie erzählen von der Materie, der Urmutter Tanna; von Samblana und Kelina, die über das Werden und den Verlust der Formen des Lebens entscheiden; sie erzählen von den Elementen: von Dindia, dem Wind, dem Spiel der Verfolgung, von Sexualität und Macht. Sie erzählen vom Umgang mit den Elementen, der Kultur, von Somawida, die Feuer ist, Erz. Sie erzählen von Tsikuta, der Wahrnehmung der Zeit, der Geschichte; sie erzählen von der Gründung eines Reiches, von Kämpfen, Siegen und Nieder­lagen und von der Auflösung, vom Vergessen und Verschwinden dieser Wirklichkeit. Am Ende steht bloß noch ein Sonnenstrahl, Sorejina, die Zeit nach der Zeit, ein Beginn.

Fanes ist eine mögliche Geschichte, eine mögliche Vorstellung vom Anfang. Die Geschichten aus Fanis handeln von einem Wissen, das verloren bleibt, dessen Wahrheit wir nicht begreifen, das keine Treue fordert. Man kann diese Geschichten nicht glauben. Mir wurden sie erzählt, ehe ich sie in unterschiedlichen Fassungen gelesen habe. Nichts von dem, was darin erzählt wird, kann bewiesen werden, doch aus allem zwinkert uns, winzig, etwas Wahres zu; wahr wie Hunger, Durst und Nahrung, wie Wasser und Angst, wie Zuneigung und Ablehnung, wie die Zeit, die kommt und kommt und dann vorbei sein wird.

Tanna

Die ersten Menschen waren Stein. Sie hießen Croderes, die Felsgeborenen, saßen schwer auf der Erde und über den Wassern. Mit ihrem Eishaar kitzelten sie den Wind und stießen mit den Füßen bald da, bald dort, die Flüsse aus dem Bett. Tanna war die Königin der Croderes. Ihr Kopf ragte weit in die Sonne, bis er sich erwärmte; das Eishaar schmolz und rann, grub Täler in die Erde. Gräser keimten auf und Blumen. Alles an Tanna wucherte und roch, wuchs in sie hinein und lebte, bis Tannas Herz zu schlagen begann, bis der Wind sich in ihren Bäumen verfing und sie atmete, die Glieder reckte, bis sie die Arme ausstreckte und ihre steinernen Geschwister umarmte.

Die Croderes ringsum schüttelten ihre warmen Hände fort, und Tanna wurde traurig, denn sie war allein mit ihrem Herzen. Tanna bat die Sonne um andere Lebewesen, und die Sonne borgte ihr die Wärme. Tanna nahm von ihren weißen Schultern den Schnee und formte die Murmeltiere. Sie verbeugten sich vor der Sonne, und ihr Fell färbte sich rot. Tanna nahm Erde von ihren Hüften und aus ihrem Schoß und schuf die Menschen, hielt sie der Sonne entgegen, sie begannen zu atmen und lebten.

Tanna strahlte, und an ihrer Stirn strahlte ein kleiner blauer Stein, die Rajeta, denn Tanna war die Königin der Croderes. Die Menschen stiegen an den Croderes hinauf und hinunter und kitzelten sie wie Ameisen, doch Tannas Herz konnten sie nicht fassen, es war groß.

Die Croderes aber schickten weiterhin Wasser über die Abhänge, rollten Steine abwärts und begruben die Menschen darunter. Schlamm riß ihre Hütten nieder, zerstörte Almen und Wiesen. Die Menschen flohen zu Tanna, und Tanna schützte sie mit ihrem blauen Stein, der Rajeta, mit dem sie Wassern und Winden gebieten konnte. Lange beobachtete Tanna die Menschen, die an ihren Hängen lebten. Sie spürte die Wärme der Menschen, sah, wie sie sich liebten und trösteten und spürte ihre Einsamkeit. Tanna sehnte sich danach, mit den Menschen zu leben.

Die Croderes aber sagten, wenn du mit den Menschen leben willst, Tanna, mußt du uns die Rajeta geben, deinen blauen Stein. Dann kannst du nicht mehr unsere Königin sein. Tanna gab ihre Krone mit der Rajeta den Croderes und begann zu schmelzen. Sie wurde kleiner und kleiner, das Wasser, das sie war, riß sie fort, spülte Menschen, Tiere und Pflanzen mit ihr, trug sie weiter bis zum Meer.

Da lebte Tanna mit den anderen Lebewesen. Sie war die Herrin von Aquileia, liebte den schönsten von den Söhnen der Menschen und gebar ihm einen Sohn. Er wurde ihr und dem Herrn von Aquileia ähnlich, und die Freude der Menschen war groß. Als aber der Sohn heranwuchs, wollte Tanna in die Berge zurückkehren, sie wollte ihm zeigen, woher sie gekommen war, und den Croderes wollte sie ihr schönes Menschenkind zeigen. Dies sagte sie dem Herrn von Aquileia, und er ärgerte sich. Warum sollte er die Menschen verlassen, die ihm vertrauten, ihre Häuser, ihre Schiffe, ihre Wege zu Wasser und zu Land?

Tanna wurde schwermütig. Die Sehnsucht nach den Bergen zehrte an ihrer Schönheit. Tanna aß nicht mehr und trank nichts, sie wurde mager und alt, die Haut färbte sich grau, sie wurde den Felsen ähnlich und hart wie Stein. Da jagte der Herr von Aquileia sie fort, zurück in die Berge. Tanna floh mit ihrem Sohn aufwärts, Tag und Nacht, mit jedem Schritt wurde sie stärker; sie trank aus den Quellen, aß von Bäumen und Sträuchern, was sie auf ihrem Weg fand. Es war ein langer Weg.

Tanna wurde mit jedem Schritt fröhlicher. Als sie die Täler entlang aufwärts stiegen, und Tanna ihren Fuß schon auf den Felsen setzte, schauderte es ihrem Sohn, und er ging zurück zu seinem Vater, zum Meer.

Doch der Vater hatte eine andere zur Frau genommen und neue Kinder gezeugt. Er wollte diesen Sohn nicht mehr, der seiner Mutter gefolgt war.

Tannas Sohn irrte im Land herum, von der Ebene zog es ihn zu den Hügeln und zurück zum Meer, er wußte nicht, wohin er gehen sollte, er hatte den Weg zu seiner Mutter verloren. Endlich fand ihn ein schönes Mädchen und holte ihn in seine Hütte, sie rochen aneinander die Lust der Körper, liebten sich und lebten gut. Tanna aber war zu den Croderes zurückgekehrt. Sie wuchs und wuchs, ihr Haar wurde zu Eis und kitzelte den Wind. Sie wuchs hoch, und wenn der Wind aus dem Süden wehte, konnte sie weit draußen in der Ebene die Hütte ihres Sohnes erkennen. Die Croderes freuten sich über Tannas Rückkehr, sie holten Blitz und Hagel zu ihrem Fest aus dem Wind und stießen mit den Füßen bald da, bald dort, das Wasser aus dem Fluß, schwemmten die Hütten der Menschen fort, ließen Steinlawinen darüberrollen und begruben die Menschen darunter. Doch Tanna hatte ihr Menschenherz bewahrt und hörte sie weinen und klagen. Sie versuchte die Croderes davon abzuhalten, die Menschen immer wieder zu bedrängen, aber die Croderes hörten nicht auf Tanna.

Sie kümmerten sich nicht um die Zerbrechlichkeit der Menschen. Nur Tanna fürchtete um das Leben ihres Sohnes. Während sie noch sann, wie sie ihm und den Menschen helfen könnte, ließen die Croderes alle ihre Kräfte los. Tanna sah Wassermauern über das Haus ihres Kindes schlagen, hörte Schreie und Röcheln, Verstummen und Tod.

Da brach Tannas Menschenherz, erkaltete und wurde wieder zu Stein. Die Croderes gaben ihr die Krone mit der Rajeta wieder, und sie blieb kalt und schön über den Flüssen und auf den Hügeln.

Nur an einem Tag im Jahr muß Tanna erinnern und als Menschenfrau den Tod ihres Sohnes beweinen. An diesem einen Tag ruhen Stürme und Wasserfälle, Lawinen und Schauer, und es ist still auf der Erde.

Samblana

Wenn die Croderes die Wasser losschickten, Steine, Geröll und die Hütten der Menschen fortrissen, flohen die Lebenden und die Toten entsetzt aus den Dörfern, wo kein Tisch mehr stand, kein Bett zum Ruhen; nur der Wind blies darüber weg, als sei nichts gewesen.

Bald blieben die Lebenden erschöpft und außer Atem zurück. Sie nahmen den Weg, der sie südwärts führte, bis zu den Conturines, die sicher standen, bauten an den Hängen ihre Hütten wieder auf, schlugen aus Holz und Stein neue Werkzeuge. Wenn die Hammerschläge nach sieben Tagen verstummten, gruben sie Stück für Stück die Erde um, bauten Hirse und Rüben an. Die Hirten stiegen höher, melkten die Schafe, sammelten Milch in Holzschüsseln und ließen sie reifen.

Oben in den Bergen ließ Samblana Tannas blauen Stein wie einen Spiegel über die Täler streifen, sie lockte die Sonne in die Tiefe und nahm sie abends wieder zurück.

Die toten Mädchen hatten sich auf den Weg in die Berge gemacht, in die Felsen und Gletscher. Sie schmiegten sich eng aneinander, hielten sich an den Händen und ließen sich wieder los, staunten, als sie mühelos an den steilen Wänden kletterten, sich gelenkig von Fels zu Fels schwangen. Sie lachten und erinnerten flüsternd, wie sie einst gefroren hatten. Jetzt streichelte sie der Bergwind, sie stiegen ins Eis, nichts knirschte unter ihren Füßen.

Auf einer Schneewehe gingen die Mädchen weiter, und die vordersten hielten so plötzlich inne, daß die Nachkommenden durch die Luft wirbelten und sofort wieder auf das Eis schlugen. Beinahe wären sie über die Frau gestiegen, die sie suchten, so weiß war Samblanas Haut, und ihr Kleid verlor sich in den Falten der Gletscher.

Die Mädchen setzten sich im Kreis um Samblana, legten ihre Finger auf den Mund und bewegten sich kaum, um die schöne Frau nicht zu wecken. Sie saßen die ganze Nacht bei ihr. Plötzlich brach der blaue Stein an Samblanas Stirn in ein Leuchten aus, daß die Mädchen aufschreckten und für einen Augenblick glaubten, den Schmerz zu erinnern und ihn sofort wieder vergaßen. Sie wollten die Frau aufrichten, wollten ihr Kleid aus den Spalten heben, aber da sie im stechenden Licht nichts erkennen konnten, tasteten sie mit vielen Händen nach dem blauen Stein. Der löste sich unter ihren Fingern und rollte an Samblanas Gesicht abwärts, den Berg hinunter und zog die Dunkelheit nach.

Die Mädchen starrten dem Stein hinterher, einem grauen Strahl, der in die Gletscherspalte fuhr; er ließ das Innere vom Eis aufleuchten und fiel lautlos weiter, verlor sich in einem dünnen Strich aus Licht und erlosch.

Im Grau, das von den Gletschern in die Täler zog, sahen die Mädchen, wie Samblana die Augen öffnete, wie sie sich aufrichtete und um sich blickte. Die Mädchen wollten ihr das Kleid aus den Spalten ziehen, doch Samblanas Befehl traf sie, scharf wie der Wind um die Felsenkare. Samblana hieß die Mädchen in Fels und Gletscher steigen und nach Tannas blauem Stein, der Rajeta, suchen.

Die toten Mädchen verteilten sich über die ganze Marmolada. Die Murmeltiere färbten ihre Felle weiß und blieben in den Felsenhöhlen, wo auch Spina de Mul schlief, der Zauberer, der halb Knochengerüst war und halb Maultier. Kein Lebender kann das Rascheln seiner ausgedörrten Haut, das Klappern seiner Knochen hören, ohne ihm in sein trockenes Reich zu folgen. Aber den toten Mädchen konnte er nichts anhaben. Die Murmeltiere hüteten die Rajeta, bis sie kamen, um sie wieder hinaufzutragen an Samblanas Stirn. Die Sonne zeigte sich bleich, Samblana hatte ihren Schleier über alles geworfen.

Erst als die Mädchen den blauen Stein wieder brachten, strahlte Samblana, hieß sie das Kleid aus den Gletschern heben und gab jedem von ihnen ein Stück davon; damit zogen die Mädchen abwärts und verstreuten sich, manche schmiegten sich in einen Felsspalt, manche legten sich an ein Flußbett, andere verstreuten sich über die Wiesen im Gras: Aus ihnen wurden die Blumen.

Später, wenn sie welkten, blieb ihre Kraft in den Zwiebeln in der Erde zurück, die Menschen graben danach, wenn sie krank und traurig sind, und sie werden geheilt.

Als die Menschen nicht mehr in Frieden miteinander lebten, kamen immer mehr tote Mädchen zu Samblana. Und wenn die Rajeta in die Gletscher fiel, schickte sie alle aus über die Berge, damit sie den blauen Stein schneller fänden. Später verteilte sie ihr Kleid unter ihnen, und es blühte überall an den Hängen der Marmolada, in Sennes und Vanna, an der Tofana und selbst im schwarzen Padon.

Als aber die Zwillinge kamen, war Samblanas Kleid so kurz, daß sie ihnen nichts mehr davon abtrennen konnte. Da nahm Samblana ihren Schleier und teilte ihn und gab ihn den Zwillingen; sie hüllten sich hinein. Jetzt warnen sie die Menschen vor Unwetter und Kälte, vor Sturm, Hagel und Schnee. Den Zwillingen vertraute Samblana ihren blauen Stein, die Rajeta, an, damit sie ihn den Fürsten der Menschen brächten: So konnten die Menschen Licht und Schatten unterscheiden und erkennen, ob sie Wahres oder Falsches taten.

Molta

Molta riß das Kind aus dem Schlaf, nahm es in die Arme und schleppte es fort aus dem Dorf, den Berg hoch, aufwärts. Die Füße waren schwer im Schlamm, sie mußte den rollenden Felsbrocken ausweichen, mußte Baumstämme umgehen, die wie Splitter aus Erde und Steinlawinen ragten. Die Augen schmerzten in der Sonne, sieben Tage lang hatte es nicht aufgehört zu regnen, Molta hatte zitternd gehört, wie die Wasser alles fortrissen, Bäume und Wiesen in Abgründe sogen, Steine darüberwälzten und Schlamm.

Auf der Anhöhe, wo sich früher Almen ausgebreitet hatten, hörte sie jetzt das Blöken der Tiere, unter Bäumen und Steinen waren sie lebendig begraben. Molta ließ alles hinter sich, floh aufwärts, den Felsen zu, sie brauchte eine sichere Höhle für sich und das Kind, in die kein Wasser dringen konnte, die kein Sturmwind in die Tiefe riß.

Molta robbte am Berg aufwärts, weit über den Wald. Endlich wagte sie es, anzuhalten. Sie holte Wasser aus dem Bach, wusch das Kind. Sie schleppte sich am Wacholder vorbei, duckte sich vor dem Adler, der neben ihr niederstieß. Sie sah die Geier über das leere Dorf kreisen, als sie ihre Kreise tiefer zogen, drückte Molta das Kind enger an die Brust. Sie wollte die Höhlen der Murmeltiere erreichen; da hatte sie einmal gelebt, bevor sie abwärts gezogen war, in warme Täler, da oben waren Molta und das Kind sicher.

Eine alte Frau lebte dort, eine Aguana, eine Wasserfrau. Die kannte Wurzeln und Pilze, Kräuter und Blüten, alles, was wuchs und zum Leben taugte, für Schlaf und Traum. Aguana, flüsterte Molta, das Wasser aus dem Bach hatte ihre Zunge gelöst, doch schwach war der Atem, vermochte es kaum, die Stimme aus dem Körper zu tragen.

Molta kroch zwischen Latschenkiefern und Gras. Der Wind trug ihren Geruch weiter, Murmeltiere pfiffen, kündeten von einem Felsen zum nächsten ihre Ankunft an, scheuchten die Aguana aus der Hütte und verstecken sich in ihren Höhlen.

Molta sank an einen Stein, die Aguana starrte auf die Stumme, Totenblasse, Sterbende, nahm den Kopf der Frau in ihren Schoß und erkannte Molta. Die hatte als Kind hier gespielt, sie schloß der Toten die Lider.

Da kamen die Murmeltiere aus ihren Verstecken, stellten sich im Kreis um die tote Frau, die Aguana und das Kind und sangen:

Die Menschen haben die Berge verlassen und sterben,

die Menschen haben die Wasser verlassen und sterben,

die Menschen haben die Tiere verlassen und sterben.

Sie zogen die Leiche der Frau mit sich fort.

Die Aguana nahm das Mädchen zu sich und gab ihm den Namen Moltina.