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KURT LANTHALER

HEISSE HUNDE

HIRNRISSIGE
GESCHICHTEN
UND
EIN
STÜCK KARIBIK

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Aktualisierte E-Book Ausgabe 2013

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

INHALT

I HIRNRISSIGE GESCHICHTEN

Weisswein und Aspirin

Roma Stazione Termini

Die Mutter Gottes in Pavillon IX

Die Festung

Das Kettenkarussell

Arbeitsbuch zum Fall des weissen Uno

II ORTSBESCHREIBUNG

Pigenò

Rebibbia

Zorneding

Maderneid

III KARIBISCHE TRÄUME

Frohes neues Jahr

Zeugeneinvernahme

Gin Fizz

IV HEISSE HUNDE. HOT DOGS. Ein Stück

HIRNRISSIGE GESCHICHTEN

WEISSWEIN UND ASPIRIN

Die Kopfschmerzen waren schon dagewesen, bevor ich den Raum betreten hatte. Die Klimaanlage machte alles nur noch schlimmer. Drei Stunden, das wußte ich, würde ich aushalten müssen. Dann ein Glas Weißwein und ein Aspirin, und hoffen. Hoffen, es bald überstanden zu haben.

Entsprechend unkonzentriert war ich. Stellte, nachdem ich meine drei ersten Sätze gesagt hatte, mitten im vierten fest, daß ich nicht mehr wußte, wovon im ersten die Rede gewesen war.

Zweieinhalb Stunden noch, eine Qual. Aber gutes Geld, das ich mir eben ersitzen mußte. Ich hatte ein Seminar zu halten, zwanzig Studenten hatten ein Seminar zu besuchen. Wir waren schon vor einiger Zeit stillschweigend übereingekommen, uns das Leben gegenseitig so erträglich wie möglich zu machen. Deswegen fragte auch keiner nach, was ich mit dem, was ich sagte, eigentlich meinte. Weswegen ich auch nicht darüber nachdenken mußte. Was wiederum meinen Kopf freute.

Daß ich meine Kopfschmerzen schließlich vergaß, solange, bis sie weg waren, verflogen, lag an der Geschichte. Einer Geschichte, die plötzlich, ohne Vorwarnung, da war, sich in den Raum gesetzt hatte. Gesprochen wurde die Geschichte von einer Studentin, keine zwanzig Jahre alt, grünbuntes Haar, deutsch mit Schweizer Einschlag, Türkin, noch nicht durch besondere Strebsamkeit aufgefallen. Sie hatte eine Geschichte erzählt bekommen.

Es lebte in Stambul ein weitum berühmter Professor für Alte Stambuler Geschichte. Ein ruhiger, in langen Sätzen und mit den Händen sprechender Gelehrter alter Zeiten, ein Mann, der gerne gut aß und trank und den Tänzerinnen zusah dabei. Der Professor litt seit Jahren unter den immergleichen, ihn immer begleitenden Kopfschmerzen. Er lebte leise lächelnd damit, und aß und trank und sah dabei den Tänzerinnen zu.

Bis die Kopfschmerzen eines Tages stärker wurden. Sagte der Professor. Und wußte, daß es nicht die Kopfschmerzen waren, die stärker, sondern er, der schwächer geworden war. Weil er an Essen und Trinken und Tänzerinnen immer weniger Freude hatte. „Das Alter“, sagte er zu seinem Freund, dem Arzt.

„Dann werden wir uns eben einbilden“, sagte sein Freund, der Arzt, „daß in der Kunst die wahren Freuden des Lebens liegen.“

Die Kopfschmerzen des Professors wurden von Tag zu Tag unerträglicher, so unerträglich, daß er grau wurde im Gesicht. Er ging zu seinem Freund, dem Arzt, und sagte: „Hilf mir.“

Sein Freund, der Arzt, war ein Arzt just für alle Fälle, in denen der Kopf Schwierigkeiten macht. Er klebte Drähte auf den Kopf seines Freundes, schloß sie an einen Apparat an, zeichnete sein Hirn in Linien auf Papier, ließ ihn an Essen und Trinken und Tänzerinnen denken und verglich die neuen Linien mit den alten, er schob seinen Freund, den Professor für Alte Stambuler Geschichte, in eine Röhre und sah sich seinen Kopf auf einem Schirm von innen an, scheibchenweise, und als der Professor sein Hirn in Scheibchen und in Farbe auf dem Computermonitor sah, wurde er noch grauer im Gesicht und verließ wortlos die Klinik und trank den Rest des Tages Raki und wurde traurig.

Am nächsten Tag schickte ihn sein Freund, der Arzt, zu einem anderen Arzt. Dem Professor wurden Dutzende Fragen gestellt, und er beantwortete sie alle, freundlich und geduldig, in der Hoffnung, daß es seinem Kopfschmerz abhelfen würde. Aber es half nicht. „Im Kopf sind Sie noch ganz in Ordnung für Ihr Alter“, sagte der Arzt. „Ich würde mir keine Sorgen machen, Ihr Geist ist nicht defekt.“

Und der Professor wurde von seinem Freund, zu weiteren Ärzten geschickt, und immer wieder ließ sein Freund, der Arzt, sein Hirn Linien auf Papier zeichen, und der Professor sagte: „Schade ums Papier, welche schönen Dinge könnte man darauf schreiben, Buchstaben, Worte, Sätze. Und nicht nur Linien.“ Und die Wochen vergingen damit und die Monate, bis der Arzt, sein Freund, sagte: „Ich kann nichts finden, lieber Freund. Und ich kann es dir nicht erklären.“ „

... und meine Kopfschmerzen kannst du mir auch nicht nehmen“, sagte der Professor. „Wir haben alles versucht“, sagte der Arzt, „mir fällt nichts mehr ein.“

Da stand der Professor wortlos auf und ging und trank den Rest des Tages und die Nacht lang Raki und wanderte von einer Bar zur anderen. Als ihn sein Freund, der Arzt, endlich in einer Hafenbar gefunden hatte, nahm er ihn an der Hand und sagte: „Eine Möglichkeit, Liebster. Wir haben noch eine Möglichkeit.“

Und er nahm den Professor mit und legte ihn schlafen. Und als der Professor wieder aufwachte, sagte sein Freund, der Arzt: „Ich werde deinen Kopf aufschneiden und nachsehen. Vielleicht finde ich doch etwas.“ Und der Professor sah ihn an, nickte dann und sagte: „Tu das.“

Und als der Freund des Professors, der Arzt, von dem man wissen muß, daß er ein weitum berühmter Hirnchirurg war, den Schädel seines Freundes geöffnet hatte, entfuhr ihm ein erstauntes Ahhh. Dann sah er sich den geöffneten Schädel von allen Seiten an, näherte sich langsam und vorsichtig dem Hirn seines Freundes, und schleckte es ab. Dann sagte er: „Ist gut, machen wir ihn wieder zu“, und gab seinen Assistenten einen Wink.

Als sein Freund, der Professor, aus der Narkose erwachte, sagte er: „Und, wie sieht es aus?“

„Gut“, sagte der Arzt, „du wirst keine Kopfschmerzen mehr haben.“

„Das ist schön“, sagte der Professor, „und, was war’s?“

„Ein Haar“, sagte der Arzt.

„Ein Haar?“

„Da war ein Haar, das auf deinem Hirn lag, eineinhalb Zentimeter lang, mein Freund. Es muß durch die Nase und die Stirnhöhle bis auf die Dura gewandert sein.“

„Dura?“ sagte der Professor. „Hirnhaut“, sagte der Arzt, „und da hat dir das Haar wehgetan. Jetzt ist es weg.“ Der Professor lächelte und sagte: „Du bist ein Freund.“

Wochenlang lebte der Professor für Alte Stambuler Geschichte und hatte seine Kopfschmerzen schon längst vergessen, das Grau war aus seinem Gesicht verschwunden, und man sagte, er ist wieder ganz der Alte, bis auf die Tänzerinnen, aber das wird auch noch werden, als man den Arzt rief. Man hatte seinen Freund im Rakirausch auf der Straße liegend gefunden.

„Ich weiß auch nicht, wieso“, sagte der Professor zu seinem Freund. Und auch beim nächsten Mal wußte er nicht, wieso.

Erst als er Tag und Nacht wach war und Tag und Nacht Raki trank, fiel ihm ein, wieso. „Mein Arzt und Freund“, sagte er zu seinem Freund, dem Arzt, „ich kann nicht schlafen. Ich träume. Ich träume jede Nacht von einer Zunge, die mein Hirn leckt. Dann wache ich auf. Und dann spüre ich eine Zunge, die mein Hirn leckt. Langsam und Zentimeter für Zentimeter. Manchmal hilft der Raki, und dann spüre ich nichts mehr. Aber er hilft immer weniger.“

„Gehen wir Raki trinken“, sagte der Arzt. Und als sie vor dem Raki saßen, sagte der Arzt zu seinem Freund, dem Professor für Alte Stambuler Geschichte: „Ich habe es abgeschleckt, dein Haar. War einfacher und sicherer, als es mit einem scharfen Instrument zu entfernen. Tut mir leid.“ Und der Professor küßte seinen Freund, den Arzt, und umarmte ihn.

„Gut“, sagte ich und sammelte meine Papiere ein, die ich sinnloserweise vor mir ausgebreitet hatte, „morgen um neun geht’s weiter.“ Dann stand ich auf, verließ den Seminarraum, leicht gebeugt wegen meiner Kopfschmerzen, und überlegte, wie ich an ein Glas Weißwein und ein Aspirin kommen würde, oder zwei.

ROMA STAZIONE TERMINI

Rom im November ist feucht und kalt. Ich hatte mich sechs Tage in der Stadt aufgehalten und nichts von ihr gesehen außer meinem Hotelzimmer, dem Kongreßsaal, einer Bar für den morgendlichen Espresso und einer kleinen Trattoria, in der ich mich jeden Abend vor den anderen Kongreßteilnehmern versteckte.

Kongresse sind die unangenehmste Begleiterscheinung meiner beruflichen Tätigkeit, aber nur selten zu umgehen. Schlimmer, aber glücklicherweise meistens vermeidbar, sind nur noch die Whiskeyabende an der Hotelbar, Veranstaltungen, die zum Groteskesten und Sinnlosesten gehören, das ich in meinem Leben gesehen habe. Innenarichtektonische Geschmackswüsten, deren Messinggreuel mit der Anzahl der Sterne zunehmen, Barkeeper, die das Glas vollgähnen, bevor sie ihre ebenso schlechten wie teuren Spirituosen hineinschütten, und dann: der Leidensgenosse auf dem Hocker nebenan. Kongreßteilnehmer, Vertreter, angetrunkener Heimatloser, zieht er im zweiten Satz ungefragt häßliche Fotos dicker Kinder und zerfallender Frauen aus der Tasche, zeichnet den Grundriß seines Häuschens im Grünen auf den Artikel in deiner Zeitung, den du gerade lesen wolltest, und ist um den Preis einer Bloody Mary gern bereit, dir die Adressen der letzten gesunden Transsexuellen der Stadt zu überlassen.

Ich denke also, es ist menschlich verständlich und nachvollziehbar, daß ich mich für die Dauer meines römischen Aufenthaltes allabends klammheimlich in die Seitenstraßen schlug und durch Gassen schlich, immer in der Angst, ein Kongreßteilnehmer oder einer der Hotelgäste könne meinen Weg kreuzen. Ich hatte Glück und erreichte jedesmal unerkannt die Trattoria „da Toni“, die Sie bitte nicht im Telefonbuch suchen, weil sie selbstverständlich nicht so heißt. Ich habe nämlich berechtigterweise die dumpfe Vorahnung, daß ich schon gegen Ende dieses Jahres aus beruflichen Gründen wieder nach Rom fahren muß. Und ich teile Toni ungern, auch mit Ihnen nicht, verzeihen Sie. Toni, der, Sie vermuten es sicher schon, genausowenig Toni heißt wie seine Trattoria „da Toni“, dieser Toni war ein großherziger Gastgeber, der mich Abend für Abend mit sanftem Zwang dazu brachte, genießerisch lächelnd mehr zu essen und zu trinken, als zur bloßen Erhaltung meiner Körperfunktionen notwendig gewesen wäre. Ich dankte ihm seine Fürsorge damit, daß ich bis in die frühen Morgenstunden an dem immer gleichen kleinen Tisch in einer nur spärlich ausgeleuchteten Ecke seines Lokals saß. Dann setzte er sich an meinen Tisch und wir tranken stumm zwei letzte Schnäpse.

Das Taxi, auch das war mir schon zu einer Gewohnheit geworden, die Ihnen vielleicht als übertrieben vorsichtig oder gar wahnhaft erscheinen mag, das Taxi brachte mich dann in eine zehn Gehminuten vom Hotel entfernte Seitenstraße.

Sowenig ich jetzt, wo ich in der kalten Halle von Roma Stazione Termini auf die Abfahrt meines Zuges wartete, der Stadt, dem Kongreß oder gar meinem Hotel nachtrauerte, so sehr wußte ich, daß ich, gleichgültig was kommen würde, der Trattoria „da Toni“ treu bleiben würde.

Die Bahnhofshalle von Roma Stazione Termini sieht aus wie alle Bahnhofshallen dieser Welt. Sie ist ebenso zugig und ungemütlich wie verschmutzt und laut. Ich mag Bahnhofshallen nicht, aber ich verkehre regelmäßig in ihnen. Beruflich bin ich viel unterwegs, die Eisenbahn ist das einzige Verkehrsmittel, das mich nicht in den Wahnsinn treibt. Und ich habe seit über dreißig Jahren Angst, meinen Zug zu versäumen. Was zur Folge hat, daß ich jedesmal gute eineinhalb Stunden zu früh am Bahnhof stehe und warte.

Weil ich aber bald erkannt habe, daß der Zugang zur Hölle durch die Bahnhofsrestaurants dieser Welt führt, was organisatorisch klug gedacht ist, kommt es doch so, trotz des bekannt großen Andrangs, nie zu Rempeleien oder Wartezeiten, die die mittlere Zubereitungsdauer einer Tütensuppe überschreiten, eben deswegen vermeide ich diese Restaurants.

Ich habe Wochen meines Lebens in Bahnhofshallen zugebracht. Auf und ab gehend, einfahrende Züge inspizierend, die mich nicht im Geringsten interessieren, kurz: sinnlos wartend. Aber so sinnlos das Ganze auch war, es war die sinnvollste Variante. Ich hatte mich längst schon daran gewöhnt.

Mein Zug sollte in achtunddreißig Minuten ab- und in fünfundzwanzig Minuten einfahren. Es war an der Zeit, mein Gepäck aus dem Schließfach zu holen.

Vor meinem Schließfach saß ein alter Mann auf einem Karton, neben sich zwei vollgepackte Plastiktüten. Ich zögerte kurz, er schlief. Noch bevor ich mir mein weiteres Vorgehen überlegen konnte, in solchen Dingen bin ich etwas unentschlossen, wachte er auf. Als ob er meine Anwesenheit gespürt hätte. Er lächelte mich zahnlos und stoppelbärtig an und erhob sich, mühsam, ächzend und stöhnend. Aber er blieb vor meinem Schließfach stehen.

„Geben Sie einem Menschen, der achtzig Jahre alt ist und immer noch Hunger hat, ein paar Lire“, sagte er.

Ich gebe keine Almosen, ich bin kein Katholik. Es gibt intelligentere Formen, jemanden zu beleidigen.

Und dann saß ich im Geist in der Trattoria „da Toni“.

„Hunger?“ sagte ich. „Wenn Sie einverstanden sind, lade ich Sie zum Essen ein.“

Der alte Mann sah mich an, dann schaute er in die Runde, um schließlich kurz zu nicken.

„Ja“, sagte er, „das geht. Wenn ich in einer Stunde wieder hier bin, finde ich noch einen Platz für heute nacht. Das ist nämlich das wärmste Eck im Bahnhof, und ziemlich gefragt als Nachtbleibe, müssen Sie wissen.“

„Ich verstehe“, sagte ich, „wir gehen ins Bahnhofsrestaurant.“

Der alte Mann schien nicht begeistert zu sein bei der Vorstellung, was ihn mir nur sympathischer machte.

„Es muß sein“, sagte ich, „leider. Ich versäume sonst meinen Zug.“

Er hatte, angesichts dessen, was im Angebot war, nicht schlecht gewählt, der alte Mann. Zuppa pavese, Involtini alla Romagnola, Cassatta, einen halben Liter Rotwein, Espresso, Brandy. Ich hatte mich zu einem viertel Liter Mineralwasser überreden können. Wir waren ein vielbeachtetes Duo. Der alte Mann mit seinen Plastiktüten und dem gefalteten Karton, „optimal“, hatte er gesagt, als ich mir einen fragenden Blick nicht hatte verkneifen können, wie er sich den Karton unter die Achsel geklemmt hatte, „optimal“, hatte er gesagt, „tagsüber drauf sitzen, nachts drauf schlafen.“ Und ich mit meinen zwei Aluminiumkoffern im alten Ju-Design.

„Wie lange leben Sie schon so?“ fragte ich, um nicht vollkommen stumm dazusitzen.

„Seit 1938, eigentlich“, sagte der alte Mann. „Auch wenn da noch etwas Militär und Krieg waren, und dann ein paar Jahre in einem Büro, irgendwann, und das Jahr in einem Hotel in der Schweiz, aber, eigentlich, seit 1938, Dezember, um genau zu sein.“

„Eine lange Zeit“, sagte ich.

„Wie man’s nimmt. In meinem Alter ist Zeit kein Begriff mehr. Weil sie nicht zu haben ist, ist sie wertlos geworden.“

„Gut“, sagte ich, holte meine Brieftasche aus der Jackentasche und zählte drei Hunderttausend-Lire-Scheine auf den Tisch, „dreihundert für dreißig Minuten. Erzählen Sie mir die Geschichte. Eine halbe Stunde, dann ist die Parkuhr abgelaufen, ich steige in meinen Zug und Sie sitzen auf Ihrem Schlafplatz.“

„Ich weiß nicht“, sagte der Alte, „es ist lange her, daß ich das letzte Mal gearbeitet habe für mein Geld. Hab keine guten Erinnerungen daran.“

„Das ist etwas anderes“, sagte ich und schob die Scheine in seine Richtung, „Schmerzensgeld für die Qualität der Küche.“

Das war der eine Grund. Der andere war, daß der Alte seit langem der, nun, wie sagen, eigenartigste Mensch war, den ich in einem Bahnhof getroffen hatte. Er erinnerte mich, fragen Sie mich nicht, wieso, an meine jungen Jahre.

„Verstehe“, sagte der alte Mann und griff nach den Geldscheinen, „wenn es Sie glücklich macht.“

Und dann faltete er die drei Hunderttausender, einen nach dem anderen, fein säuberlich viermal über die Kante und reihte sie wie kleine Häuschen nebeneinander auf.

„Wenn Sie so wollen“, sagte er und schob ein Häuschen nach dem anderen einen Zentimeter nach vorne, „wenn Sie so wollen, waren die Schweine mein Unglück. Dabei sind es Glücksbringer. Um genauer zu sein“, er löffelte konzentriert die Zuppa pavese leer, „damals dachte ich, die Schweine wären mein Unglück gewesen. Es ist aber andersherum. Sie haben mir das Leben gerettet. Fette umbrische Mastschweine, aus denen das Blut lief.“

Er schob die leere Suppentasse zur Seite und sah sich nach dem Kellner um.

„Wenn man’s eilig hat, muß das schlimm sein. Sie verstecken sich“, sagte er, und als ich sein Lächeln sah, fragte ich mich, woher er von meinen Qualen wußte.

„Doch“, sagte ich. „Es ist der Vorhof der Hölle. Und ich habe es eilig.“

„Also fange ich von vorn an“, sagte er, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und tupfte sich mit der Serviette die Lippen trocken. Der Riß zwischen seinem Aussehen und seinem Benehmen wurde von Minute zu Minute größer. „1933 machte ich meine Matura, die Reifeprüfung, mit sechzehn Jahren also“, er redete sich in einen monotonen Singsang hinein, so, als ob ihn das, was er sagte, nichts angehen würde, „ich muß das gewesen sein, was man ein frühreifes Kind nennt, eine Intelligenzbestie. Mit ministerieller Sondergenehmigung der faschistischen Behörde kam ich im selben Jahr noch auf die Medizinische Fakultät. Mit zwanzig hatte ich meinen Doktortitel und eine Forschungsarbeit in Histopathologie abgeliefert. Man reichte mich als Wunderkind herum, als Beweis für den Genius des Römischen Imperiums und verglich mich mit Majorana.“

In diesem Augenblick brachte der Kellner die Involtini, der alte Mann würdigte ihn und den Teller keines Blickes, der Kellner seinerseits rümpfte die Nase. Die zwei wußten, was sie von einander zu halten hatten.

„Spätestens das war ein ausgemachter Blödsinn“, sagte der alte Mann, „Ettore Majorana war ein Genie und der bedeutendste, wenn auch unbekannteste Physiker seiner Zeit. Wenn Sie mich fragen. Aber das ist eine andere Geschichte. Höchst interessant, im übrigen.“ Er schnitt sich eine dünne Scheibe von seinen Involtini ab, verzog, als er das Messer schärfer ansetzen mußte, leicht das Gesicht, spießte das Fleisch auf und begutachtete es kritisch von allen Seiten.

„Stellen Sie sich also einen Menschen vor“, sagte er, während er die Gabel vor und zurück drehte, „stellen Sie sich einen Menschen vor, der vom Leben nichts weiß, aber viel von der Wissenschaft. Das war ich. So in etwa.“

Und damit war das Fleischstück in seinem Mund verschwunden. Er lutschte darauf herum, zum einen, wie ich annahm, um den Geschmack zu ergründen, zum anderen, weil ihm sein zahnloser Mund recht viel mehr wohl nicht erlaubte.

„Durch meine Histologiearbeit war Professor Cervelatti auf mich aufmerksam geworden. Er bestellte mich zu sich und bot mir eine Assistentenstelle an.“

Er schnitt sich wieder ein Stück Fleisch ab, diesmal ein deutlich kleineres.

„Ich nahm an. Alles andere wäre eine unbeschreibliche Verrücktheit gewesen. Professor Cervelatti war damals schon ziemlich bekannt auf seinem Gebiet, Neuropathologie und Histopathologie eben, hatte dann bei Kraepelin, ein Name, der Ihnen nichts sagen dürfte“, ich nickte, „bei Kraepelin Klinische Psychiatrie studiert, und war zwei Monate vor unserem ersten Treffen zum Professor für Psychiatrie an die Universität von Rom berufen worden. Ich war also da, wo ich hingewollt hatte. Ohne eigentlich zu wissen, wieso.“

Wieder ein pathologisch dünner Schnitt in das Fleisch auf seinem Teller.

„Wir, ich darf der Einfachheit halber wir sagen, wir starteten 1935 unsere Experimente mit künstlich erzeugten Krämpfen. Cervelatti entwickelte in Zusammenarbeit mit Professor Blini die erste Apparatur für Elektroschocks. Ich kam damals wochenlang nicht mehr aus dem Labor heraus, wußte nichts von dem, was in der Welt geschah, bekam außer den Hunden, mit denen wir experimentierten, dem Professor, meinen Kollegen und der Putzfrau monatelang keinen Menschen zu sehen, auch keinen Patienten. Ich war glücklich. Irgendwann in dieser Zeit starb meine Mutter; ich vergaß, auf ihre Beerdigung zu gehen. Ich war endgültig zum Mediziner geworden.“

Und ich würde, sollte ich noch einen Schluck Mineralwasser trinken müssen, zum Alkoholiker werden. Ein entsetzliches Gebräu, Kohlensäure pur. Ich schaffte es, den Kellner davon zu überzeugen, daß man einem Menschen wie mir auch einen Espresso bringen kann. Erst als ich den Kaffee endlich vor mir stehen hatte, fiel mir auf, daß der alte Mann regungslos auf seinen Teller starrte. Er war irgendwo anders, weit weg, soviel konnte ich sehen. Aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wo. Ich süßte mit zwei gehäuften Löffeln Zucker und versuchte, so leise als möglich umzurühren. Drei Runden sollte der Löffel drehen, beim dritten schlug er an.

„Varri hat er geheißen, oder Valli, ich kann mich nicht mehr erinnern, Cervelattis langjähriger Assistent jedenfalls, der kam eines Tages und erzählte, daß im Schlachthaus von Rom Schweine durch elektrischen Strom getötet würden.“

Der alte Mann hatte auf das Klingelzeichen meines Löffels hin mit dem alten, monotonen Singsang fortgefahren und dabei nur kurz aufgesehen.

„Der Chef nahm diese Information zuerst als Bestätigung seiner Zweifel, was die Gefahren der elektrischen Behandlung von Menschen betraf. Dann fuhr er, ohne einem von uns etwas zu sagen, eines morgens zum Schlachthof, um sich diese sogenannten elektrischen Schlachtungen anzusehen. Und erzählte, als er wiederkam, daß den Schweinen metallene, elektrisch geladene Zangen mit 125 Volt an die Schläfen gehalten wurden. Die Schweine fielen sofort bewußtlos um, erstarrten und wurden nach einigen Sekunden von denselben Krämpfen geschüttelt wie unsere Versuchshunde. Während dieser Zeit der Bewußtlosigkeit, die wir als epileptisches Koma definierten, stach der Schlachter die Tiere ohne Schwierigkeiten ab und ließ sie ausbluten. Diese elektrische Schlachtung war auf Vorschlag des Tierschutzverbandes eingeführt worden, um eine schmerzlose Tötung der Tiere zu ermöglichen.

Professor Cervelatti war an diesem Tag völlig aufgeregt. Er war sich sicher, daß die Schweine im Schlachthof das wertvollste Material für unsere Versuche bilden könnten. Für mich war das ein harter Schlag. Die Metzger hatten den Professor weiter gebracht als meine Forschungsarbeit. Ich ließ mir nichts anmerken und arbeitete, falls das möglich war, noch rastloser. Der Professor kehrte nun den Ablauf seiner Experimente um. Während es bei unseren Hunden sein Ziel gewesen war... , übrigens, sagen Sie mir, wenn ich Sie mit Details langweile...“

„Nein, bitte, im Gegenteil“, sagte ich. Ich hatte vor, mir den Gegenwert von drei Gängen zur Gänze anzuhören.

„... bei den Hunden war es sein Ziel gewesen, ohne Schädigung des Tieres mit Hilfe einer minimalen Stromstärke einen Anfall auszulösen. Jetzt, nach seinem Besuch im Schlachthof, ging er von der Zeitdauer, der Voltzahl und der Anwendungsmethode aus, die nötig waren, um das Tier zu töten. Deshalb schickten wir mehrere Minuten lang elektrischen Strom durch Schädel und Rumpf. Unsere Beobachtung war, daß die Hunde selten starben, und wenn, dann nur, wenn der Strom durch den Körper und nicht durch den Kopf geleitet wurde. Diejenigen Hunde, die die stärkste Dosis erhielten, erstarrten während des Stromstoßes, blieben nach einem heftigen Krampfanfall manchmal minutenlang auf der Seite liegen und versuchten schließlich sich aufzurichten. Wenn sie sich lange und ernsthaft genug anstrengten, gelang es ihnen aufzustehen, einige zögernde Schritte zu machen und schließlich davonzulaufen.“

„Wir schlossen aus diesen Beobachtungen ...“, der alte Mann drehte sich in den Speisesaal und rief, laut: „La cassatta!“ Dann sprach er leise weiter. „Aufgrund dieser Beobachtungen hielten wir es für bewiesen, daß ein 125-Volt-Stromstoß durch den Kopf, bei einer Dauer von einigen Zehntelsekunden, einerseits mehr als ausreichend ist, um einen vollständigen Krampfanfall auszulösen, andererseits aber auch, daß er völlig harmlos ist. Professor Cervelatti gab Anweisung, nach einer geeigneten Versuchsperson zu suchen. Ich war der, der den Fund machte. Allerdings nicht auf der Straße, auf der ich wie gesagt schon seit Monaten nicht mehr gewesen war. Ich hatte Glück, die Beute fiel mir direkt in den Schoß. Während ich im Institut saß.“

Stellen Sie sich die Queen vor, wenn sie in ihrem Park in einen Hundehaufen tritt. Ein vergleichbares Gesicht machte der Kellner, als er mit der cassatta an unseren Tisch trat. Von mir bekommst du keine Lire Trinkgeld, mein Lieber, dachte ich.

Mein Tischgenosse hatte sich inzwischen einen hochherrschaftlichen Ausdruck aufs Gesicht gesetzt, als wäre er der Kaiser von China. Ich verkniff mir mein Grinsen nicht.

„Am 15. April schickte der Polizeikommisar von Rom einen Mann in unser Institut, ich war der, bei dem er abgegeben wurde. Der Eskorte des Mannes hatte der Kommisar eine Notiz mitgegeben. Und in der hieß es, ich weiß das noch wie heute: ‚Salvatore Emeri, 39 Jahre, Maschinist, wohnhaft in Mailand, wurde auf dem Bahnhof Roma Stazione Termini verhaftet, weil er ohne Fahrkarte kurz vor der Abfahrt in Zügen umherlief. Er scheint nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte zu sein’, schrieb der Kommissar“, sagte der alte Mann. „Sie müssen wissen, daß Laien, und blutige besonders gern, nichts lieber tun, als pseudopsychiatrische Diagnosen zu erstellen. ‚Ich schicke ihn in Ihre Klinik’, schrieb der Kommisar weiter, ‚damit er unter Beobachtung gestellt wird.’ Ich brachte Salvatore Emeri zu meinem Chef, der Professor belobigte mich, wir gingen an die Arbeit.“

Der alte Mann lachte. „Und wir machten sie gut“, sagte er. „Drei Tage später stand für den Professor, und für mich damals auch, muß ich sagen, fest, was wir von dem Mann zu halten hatten. Das klang in etwa so: Der Patient zeigt klares, gutes Orientierungsvermögen. Er beschreibt unter Verwendung von Neologismen deliröse Vorstellungen, telepathisch beeinflußt zu werden, und hat entsprechende Sinnesstörungen. Seine Mimik entspricht dem Sinn seiner Worte. Er ist gleichgültig gegenüber seiner Umgebung, hat geringe affektive Reserven. Medizinische und neurologische Diagnose negativ. Täuscht bei der körperlichen Untersuchung Schwerhörigkeit und Sehstörungen vor. Aufgrund seiner Passivität, der Konzentrationsschwäche, der geringen affektiven Reserven, der Halluzinationen, der delirösen Vorstellungen, beeinflußt zu werden, und seiner Neologismen wurde ein schizophrenes Syndrom diagnostiziert.“

„Aha“, sagte ich.

„Ich weiß“, sagte der Alte, „das wird Ihnen nicht viel sagen.“

„Es geht so“, sagte ich, „ich nehme an, Sie und Ihr Professor dachten, er sei krank.“

„Ja. Sehen Sie, so beurteilten wir das Verhalten eines Mannes, der auf dem Bahnhof verhaftet worden war, ohne etwas verbrochen zu haben. Verhaftet, weil er ohne Fahrkarte kurz vor der Abfahrt in Zügen umherlief, erinnern Sie sich? Die wollten ihn da einfach weghaben und haben ihn uns ins Zimmer gestellt. Und von uns war er dann polizeilichem Auftrag gemäß beobachtet worden, was auch heißt: drei Tage festgehalten, ohne irgendwelche Rechte. Heute weiß ich, was das heißt“, sagte der alte Mann.

„Damals, wie gesagt, war ich ein Kind, und Mediziner. Mein Professor wählte Salvatore Emeri für das erste Experiment zur Anwendung von Elektroschock am Menschen aus. In der Klinik hatte Cervelatti dreißig, vierzig Patienten, die meisten kannte er schon seit Monaten. Er nahm den Mann, der seit drei Tagen bei uns war, von der Polizei zur Beobachtung geschickt, weil er am Bahnhof in Züge gestiegen, aber nicht abgefahren war. Wir brachten zwei große Elektroden an seinen vorderen Kopfregionen an.