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Irene Prugger

MITTEN IM WEG

Roman

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© 1997
HAYMON verlag
Innsbruck
www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Inhalt

Inhalt

Wieder ist es sechs Uhr abends. Gleich wird das Kind läuten, den Ellenbogen am Klingelknopf, und Agnes wird sich beeilen, an der Tür zu sein, bevor das Stromdrähtchen durchglüht. Als erstes wird das Kind sagen, daß man nicht fluchen darf. Sie werden sich auf einen Handel über die Wörter einlassen, die eventuell und im äußersten Notfall noch durchgehen, und das Kind wird noch vor der Tür mit verschmitztem Grinsen die Notrationen einteilen und deutlich aussprechen, während sie nachsieht, was es diesmal zum Essen mitgebracht hat.

Konservenfutter, wird sie sagen, könne sie sich auch selbst zubereiten. Schöne Grüße an die Mama. Ich zahle viertausend Schilling im Monat, damit sie mir einmal täglich eine Dose öffnet. Das ist entweder zuviel Bezahlung oder zuwenig Gegenleistung. Die Lebensmittel sind teurer geworden, wird sich das Kind rechtfertigen. Es wird Agnes die von der Mutter bereitgelegten Antworten herauszählen wie das Wechselgeld für die Tageszeitung von gestern.

Welcher Tag ist heute? Samstag, denn es ist Showabend im Fernsehen. Das ist aber die Zeitung vom Freitag, mein Lieber. Ich will heute wissen, was gestern passiert ist. Dann reicht doch die Zeitung von gestern, wird ihr das Kind seine Logik weismachen wollen. Und sie wird seufzen und fragen, warum zum Teufel es die Schuhe schon wieder nicht ausgezogen hat.

Damit du fluchst.

Ich fluche doch nicht.

Doch, wird der Bub schreien, du fluchst, du fluchst!

Agnes weiß, warum ihn das in helle Aufregung versetzt. Ihre Flüche klingen müde und wirklich unanständig. In diesem Tonfall sollte ein Fünfjähriger solche Wörter lieber nicht hören. Also sagt sie Themawechsel, und er fügt sich, denn sie ist die zahlende Auftraggeberin, und er bringt immer auch ein bißchen Gratisrespekt mit, wenn er ihr die guten Gaben zuteilt.

Magst du gefüllte Paprika aus der Dose?

Nein.

Wer soll die dann essen?

Du. Er wird mit dem Finger auf sie zeigen und ihr dabei so nahe kommen, daß sich sein Finger in ihren Bauch bohrt. Du bist Haut und Knochen, läßt ihr seine Mutter dann durch ihn ausrichten.

Und Hirn mit viel Grips, wird sie sagen, wenn er erst da ist.

Ohne sich nach der Uhr umzudrehen, weiß Agnes, daß der Bub bereits fünfzehn Minuten überfällig ist. Auch diesmal wird es mit einer Viertelstunde Verspätung nicht abgetan sein. Das Kind trägt die billige Armbanduhr, die sie ihm geschenkt hat, am rechten Handgelenk, mit dem Sechser nach oben. Es kann Uhren ohnedies nicht ablesen, aber seine Mutter wird es wohl können und hält sich nicht an die vereinbarte Zeit, weil sie Rache übt für die kleinen Zettel mit den wenig erbaulichen Kommentaren über ihre Kochkünste, die Agnes manchmal in den leeren Topf legt.

Vielleicht hat das Kind aber auch im Verlauf des Botendienstes zwischen den Fronten gelernt, daß nicht alles ankommen muß, was abgeschickt wird. Das könnte auch das häufige Fehlen der Nachspeise erklären, die grundsätzlich im Preis inbegriffen ist.

Agnes sitzt und wartet. Abendsonne fällt in schrägen Blöcken ins Zimmer und läßt feinen Staub tanzen. Sie fragt sich, wieviel Lebendiges sich in dieses hektisch kreisende Universum gemischt haben mag. Milben zum Beispiel, mit gedrungenen Körpern und stechenden, saugenden Mundteilen, von denen einige vielleicht schon an ihrer Haut haften und sich an ihr nähren, während sie selbst mit mäßigem Hunger auf das Essen wartet. Das Konzept der Schöpfung ist ziemlich raffiniert und auch ein wenig zynisch. Sie wird morgen wieder saubermachen, gründlich wie jeden Tag, aber nicht wegen der Milben, eher schon wegen der Langeweile, die seit Monaten ihr ständiger Gast ist, ein nicht unliebsamer Gast, der dauernd zur Ruhe mahnt, aber sich ansonsten nicht sehr gesprächig gibt.

Vor langer Zeit hat Agnes im Radio die These eines Physikers gehört, der behauptete, das Universum dehne sich aus, um sich eines Tages wieder zusammenzuziehen, worauf das Leben der Menschen rückwärts verlaufe, sodaß sie am Tag ihrer ehemaligen Geburt wieder in den Schoß ihrer Mutter zurückkröchen. Davon abgesehen, daß Agnes diese Umkehrfolge noch weniger appetitlich anmutet als das herkömmliche Geborenwerden, Altern und Sterben, und der Physiker die These längst widerrufen hat, ist ihr eine Überlegung hängengeblieben, die sie für wahr hält: daß nämlich alles, was rückgängig gemacht werden soll, unter anderen Vorzeichen wiederholt werden muß. Das kann geschehen wie in der Fernsehwerbung jener Versicherung, die zeigt, wie zerbrochene Tassen wieder ein Ganzes werden und wie die Menschen sich rückwärts bewegen, sodaß sie wieder nicht sehen, was auf sie zukommt. Agnes war von dieser Werbung so angetan, daß sie tatsächlich einen Vertrag mit der Versicherung abgeschlossen hat, obwohl es wahrscheinlich nicht nötig war, das Haus noch gegen andere Katastrophen abzusichern als gegen Brand- und Sturmschäden.

Man kann, wie Agnes glaubt, etwas Geschehenes aber auch revidieren oder ihm eine andere Bedeutung geben, indem man es noch einmal überdenkt, ohne Rücksicht auf Verluste, die ohnedies durch mangelhaftes Erinnerungsvermögen zu Buche schlagen. Während sie über alles, was geschehen ist, nachdenkt, übt sie sich darin, alles rückgängig zu machen, zumindest in seiner bisherigen Bedeutung rückgängig zu machen, und sie hofft dabei inständig auf ein Zeichen, daß die Übung bereits gelungen ist.

Agnes registriert eine halbe Stunde Verspätung. Eine halbe Stunde und eine Minute. Die Klingel hebt an zu schrillen. Sie beeilt sich, an die Tür zu kommen. Die Schmerzen in den Beinen machen sie lebendig.

„Wieso fluchst du heute nicht?“ fragt er.

„Vor einer halben Stunde habe ich geflucht, aber da warst du noch nicht da.“

Er hat ein schlechtes Gewissen, denn er zieht gleich die Schuhe aus und schlüpft in die bereitgestellten Patschen, was er sonst nie macht. Er behauptet, es seien Haustiere und keine Hausschuhe, und jetzt nimmt er bereitwillig die Strafe auf sich, in den katzenartigen Tretern wie auf rohen Eiern durchs Zimmer zu tappen.

„Vorsicht, die beißen!“ warnt Agnes und sieht, wie er einen Augenblick lang innehält und um Haltung kämpft.

„Welche Köstlichkeiten hast du heute mitgebracht? Laß einmal sehen!“

Sachte stellt er den Styroporbehälter mit dem Warmhaltetopf auf den Tisch, hebt den Deckel ab, und sie identifiziert einen Brei aus schlecht geschälten Kartoffeln und buntem, angebranntem Gemüse. Seine Mutter wird immer kreativer in der Zubereitung des Unzumutbaren, aber äußerste Vorsicht ist erst geboten, wenn das Fleisch gar und appetitlich, mit teurer Beilage angerichtet, in der Pfanne liegt.

„Hast du den Topf für den Hund erwischt?“

„Nein, nein“, lacht er. „Ich hab’s selber gekocht.“

Seit sie ihn in den Dienst genommen hat, wird Agnes das Gefühl nicht los, daß bei ihm zu Hause etwas nicht stimmt. Aber sie weiß nicht viel über die Familie, obwohl diese nun seit mindestens zwei Jahren im Nachbarhaus wohnt. Der Vater betreibt ein Sonnenstudio, dessen veralteten Geräten sich kaum noch Kundschaften anvertrauen, aber die frische Bräune in seinem Gesicht läßt ihn das ganze Jahr unbekümmert und sorglos aussehen. Die Mutter ist nie sehr gesprächig, wenn sie zur Abrechnung kommt. Sie sitzt im gegenüberliegenden Lebensmittelmarkt an der Kassa und tippte früher mit langen, perfekt lackierten Fingernägeln, die Agnes jedesmal in Erstaunen versetzen konnten, täglich sechs Stunden lang Preise in die Kassa. Mittlerweile wurde diese auf ein neues System umgestellt, und das viele Tippen ist nun nicht mehr nötig. Jetzt braucht sie die Lebensmittel nur mehr über einen Scanner zu schieben, aber oft funktioniert die Sache nicht, und es muß wieder nachgetippt werden. Die Frau behauptet, seit der Umstellung empfinde sie die Kassa als ihre persönliche Feindin. „Wenn die Reihen lang und die Leute besonders ungeduldig sind, kann ich sicher sein, daß sie Schwierigkeiten macht. Diese verdammten Dinger spüren, wenn der Mensch nervös ist, der sie bedient. Man müßte selbst eine Maschine sein, ohne Gefühle, dann würde es besser funktionieren“, ereiferte sie sich bei ihrem letzten Besuch. Agnes hatte ihr daraufhin vom Überwachungsgerät erzählt, an das sie im Krankenhaus angeschlossen war. „Mit der Zeit erst merkt man, daß diese Maschinen so etwas wie einen Charakter haben. Und man bekommt den Eindruck, als würden sie ein ganz bestimmtes Benehmen von einem erwarten, ist es nicht so?“ - „Genau so ist es“, hatte die Frau zugestimmt. Es war bisher das einzige Mal, daß sie sich in einem Punkt völlig einig gewesen waren, neben den ständigen unerfreulichen Diskussionen über den Wert der Mahlzeiten.

„Du hast das diesmal gekocht?“

Der Bub nickt ernst und schiebt Agnes die Gabel zur Hand. Er erwartet wohl, daß sie ißt, bis der letzte Rest herausgekratzt ist. Die Kartoffelstücke sind roh, und sie muß so lange kauen, bis er wieder ungeduldig wird, den Topf noch ein bißchen näher zu ihr schiebt und sie auffordert, weiterzuessen. Schmeckt’s, fragt er nun zum wievielten Mal?

„Ausgezeichnet. Ist deine Mutter krank?“

„Nein. Iß weiter!“

Es hat keinen Sinn, ihn zu fragen, bevor der Topf leer ist. Agnes’ Magen wird ihr diese Völlerei noch tagelang vergelten, aber sie denkt, die Dolme in ihrem Bauch seien wohl der gerechte Ausgleich zu den Katzen an seinen Füßen.

„Ist deine Mama nicht zu Hause?“

„Sie hat wegfahren müssen.“

„Und bist du jetzt am Abend allein?“

„Die Evi kommt.“

Agnes möchte gerne Näheres wissen, aber Evi ist eben Evi, wie er sagt. Wenn er sie kennt, müssen alle sie kennen, denn wie er die Welt sieht, so ist die Welt, und mit jeder seiner Entdeckungen wird die Welt um eine Entdeckung reicher.

„Jetzt sag noch ein Wort, das man nicht sagen darf!“ fordert er sie auf, als sie gegessen hat.

„Welches Wort?“ fragt Agnes tückisch, aber er fällt nicht darauf herein, ist noch nie darauf hereingefallen. Seit sie dieses Spiel spielen, ist ihm kein einziges der Wörter, die er innerhalb ihrer vier Wände mit einem Verbot belegt hat, über die Lippen gekommen, außer dieses eine Mal, als ihm ein bißchen heiße Suppe auf die Hand spritzte und ihm verdammt herausrutschte, was sie zu seiner großen Erleichterung allerdings nicht gehört hat.

„Eines eben, du weißt schon“, grinst er.

„Wie zum Teufel soll ich wissen, was du meinst?“

„Jetzt hast du schon wieder verloren“, freut er sich und klopft mit der flachen Hand auf den Tisch. Als er den Topf in der Spüle wäscht, sieht sie erst den langen Riß in seinem Hemd, der ihr ein Zeichen des gesellschaftlichen Abstiegs der ganzen anhängigen Familie zu sein scheint. Es ist das Hemd mit der schrillen Aufschrift Fick dich ins Knie, die sie als Antwort seiner Mutter auf die Zettel im Topf interpretiert. Agnes freut sich, daß das Hemd nun nicht mehr lange halten wird. Trotzdem zieht sie kurz die Möglichkeit in Betracht, fünftausend Schilling monatlich für Tiefkühl- und Dosenkost zu bezahlen, verwirft sie aber schnell wieder. Wäre nicht der Bub, hätte sie den Vertrag ohnedies schon längst gekündigt, denn trotz des lahmen linken Armes kommt sie in der Küche offensichtlich immer noch besser zurecht als Renés Mutter, die sich von selbst für diesen Dienst angeboten hat. Einen Tag nach Agnes’ Rückkehr aus der Klinik stand sie vor der Tür und sagte: „Ich habe gehört, Sie könnten Hilfe gebrauchen.“ - „Das ist aber nett“, hatte Agnes sich gefreut, „ich meine, da wir uns doch gar nicht so gut kennen.“ - „Eine Hand wäscht die andere, und ich bin froh um jeden Zusatzverdienst“, hatte Renés Mutter erklärt.

Im nachhinein ist Agnes froh, daß sie das Angebot angenommen und den Preis nicht sonderlich gedrückt hat. Vor allem dann, wenn der Bub niedergeschlagen und schweigsam ist und sie den kleinen Monarchisten mit Königsgeschichten und Prinzenrollen aufmuntern kann, ist Agnes sicher, daß allen Beteiligten mit diesem Geschäft geholfen ist.

„Warum sind alle Könige ausgestorben?“ fragt er.

„Aber das sind sie doch nicht. In Schweden zum Beispiel gibt es noch einen König.“

„Wie heißt er?“

„Karl Gustaf oder so ähnlich.“

„Was weißt du von ihm?“

„Er spricht Schwedisch.“ Er nickt mit ernstem Gesicht, als sei damit alles über den schwedischen König gesagt. Agnes glaubt das auch. Es ist alles gesagt und gedacht über den König und seine Untertanen. Der Norden kann sie kalt lassen. Sie denkt sich in den Süden, in das Licht einer anderen Sonne, und sie spürt neue Haut über die Wunden wachsen, von den Fingerspitzen der rechten Hand über den ganzen Körper bis an den Rand der linken Schulter. Sie fühlt sich bereit, irgend etwas zu tun, was sie noch nie getan hat. Um auf Ideen zu kommen, sieht sie sich um, aber die Sonne blendet, ihr Licht verstellt den Blick zum Meer, zum Strand, zu den Menschen, zu allem, was es noch zu sehen gäbe. Agnes muß die Hand vor die Augen halten und einen Moment lang im Dunkeln warten.

„Ist dir schlecht?“ fragt der Bub.

„Nein“, sagt Agnes. „Das Essen war diesmal ausgezeichnet.“

„Du hast ja noch alle Zehen“, bemerkt sie, als er aus den Hausschuhen schlüpft, „die Kätzchen waren friedlich.“ Sie weiß nicht, warum er plötzlich auf ihre Beine schaut und ihr frühreif die Diagnose erstellt, sie sei schon fast wieder gesund. Vielleicht ist er seines Dienstes überdrüssig, obwohl sie heute so brav aus seinem Topf gegessen hat und obwohl sie auch heute wieder geflucht hat und obwohl sie, soweit sie sich erinnert, kein abfälliges Wort über seine Mutter gesagt hat.

„Kommst du morgen wieder?“

„Klar“, sagt er.

Aber er ist erst fünf und weiß nicht, daß morgen alles anders sein kann.

Als Agnes in der Klinik aus der Bewußtlosigkeit erwachte, beugte sich ein Arzt über sie und sagte: Sie haben es überstanden, Frau Freiser. Weil sie sofort Schmerzen im ganzen Körper spürte, die nur ihren linken Arm verschonten, wußte sie, daß sie überlebt hatte und also nichts überstanden war.

Es roch nach Benzin im Zimmer, aber das kam von draußen. Die Balkontür stand offen, sperrangelweit, und die tröstlichen Worte des Arztes gingen im Lärm eines startenden Lastkraftwagens unter. Der Arzt redete mit ihr, als wäre sie ein Kind. Also machte sie sich erst gar nicht die Mühe zu antworten.

Gleichzeitig mit den Schmerzen kam die Erinnerung. Sie mußte an ihre Familie denken. Aber wegen des penetranten Benzingeruchs wollte ihr keine rechte Vorstellung gelingen. Oder sie hatte einfach schon wieder die Gesichter ihrer Kinder vergessen, so wie sie immer ihre kindlichen Gesichter vergessen hatte, wenn sie wieder ein bißchen erwachsener geworden waren. Sie veränderten sich so schnell, daß die Zeit nie reichte, sie sich für immer einzuprägen.

Der Sommer war vorbei, und im trüben Licht des frühen Herbstes verschwammen die Konturen. Vielleicht waren auch die Medikamente an der Eintrübung schuld. Als Agnes zum erstenmal aufstehen und zur Toilette gehen konnte, vermied sie es, in die Spiegel zu sehen, weil sie fürchtete, auch noch jenen Teil des Gedächtnisses eingebüßt zu haben, der dafür verantwortlich ist, daß man sich selbst wiedererkennt, wenn man das eigene Gesicht sieht, im Dunkeln den eigenen Körper betastet oder mit dem Namen angeredet wird.

Der Arzt gab sich weiterhin väterlich. Er hielt ihre Hand und fragte, ob sie stärkere Schmerzmittel wünsche. Ohne eine Antwort abzuwarten, tätschelte er ihre verletzte Wange und wollte Agnes beruhigen, indem er behauptete, die Wunden in ihrem Gesicht so sorgfältig vernäht zu haben, daß kaum Narben bleiben würden. Sie hatte daran noch gar nicht gedacht, aber jetzt, da er davon sprach, war sie dennoch erleichtert. Agnes meinte, sie wisse tadellos ausgeführte Nähte schon allein aufgrund ihres Berufes zu schätzen. An seinem förmlichen Lachen merkte sie, daß es ihm im Grunde egal war, wie sie sich fühlte, nur schmerzfrei sollte sie sein.

„Ihr linker Arm macht mir Sorgen“, meinte er, schnell wieder ernst geworden.

„War schon vorher kein Leben drin“, sagte Agnes.

„Wenigstens tut er nicht weh, oder?“

Agnes dachte, als die Schwächere von beiden sei sie keineswegs zu höflichem Lachen verpflichtet. Es tat gut, krank und wehrlos zu sein und alles mit sich geschehen zu lassen. Sie war nicht mehr verantwortlich. Ihr Vormund saß an ihrem Bett und mochte zusehen, wie er sie wieder auf die Beine brachte. Agnes wünschte ihm dazu nicht einmal gutes Gelingen. Sie wünschte gar nichts. Sie war so leer, daß sie sich leicht fühlte.

Sie erfuhr, daß ihr Unfall relativ glimpflich verlaufen war, weil aus dem Erdreich ragende Äste ihren Sturz gebremst hätten. Fast ein Wunder bei dieser Höhe, sagte der Arzt. Eines von vielen Mißgeschicken der letzten Zeit, dachte sie und genierte sich, weil sie nicht sicher war, ob er nicht vielleicht doch in jeder Hinsicht eine richtige Diagnose gestellt hatte. Als er sie fragte, unter welcher Telefonnummer oder Adresse er ihre Angehörigen erreichen könne und sie ihm antwortete, ihre einzige lebende Angehörige sei ihre Tochter, die sich leider gerade auf einer mehrmonatigen Studienreise durch China befände und deshalb nur auf kompliziertesten und keineswegs erfolgversprechenden Umwegen erreichbar sei, sah er sie so an, daß sie wußte, daß er wußte, daß sie log.

Gleich am ersten Tag kam auch ein Gendarmeriebeamter, der Agnes nach dem Unfallhergang befragte und dem sie bestätigte, daß niemand sie in die Tiefe gestoßen hatte. Er gab sich schnell zufrieden mit der Aussage, ihr sei plötzlich schlecht geworden, weil sie die Hormonpräparate gegen die Wechselbeschwerden tagelang nicht eingenommen hatte. Auf die Frage, was sie am oberen Aushubrand der Schottergrube gesucht hatte, gab sie an: eine Abkürzung, was, wenn man der Doppeldeutigkeit Beachtung schenkt, keinesfalls gelogen war.

Sie sagte, sie habe ein gelbes Kleid angehabt mit zierlichen Stickereien an den Ärmeln. Er aber meinte, das sei für den Unfallhergang von keinerlei Bedeutung gewesen, und wünschte ihr noch eine gute Genesung.

Die meiste Zeit hing sie mittels einer Nadel, die in ihrem gesunden Arm steckte, an Flaschen, aus denen Tropfen für Tropfen synthetischer Trost in sie einsickerte, der Wirkung zeigte. Manchmal fühlte sie sich zum Scherzen aufgelegt, aber früh genug fiel ihr ein, wie deprimierend sich Galgenhumor in einem Krankenzimmer ausnimmt. Manche der Schwestern scherzten ununterbrochen, als hätten sie sich selbst Aufputschmittel verabreicht. Wenn sie mit ansteckender Munterkeit die Betten machten oder Blutdruck maßen, war es Agnes, als spielten sie alle zusammen ein Kinderspiel mit strengen Regeln. Schon bald fühlte sie sich so unwiderruflich zur Patientin abgestempelt, daß sie glaubte, sie sei immer schon eine Patientin gewesen, auch in heilem Zustand, und hätte nun zu ihrer eigentlichen Identität gefunden. Vielleicht war es ab jetzt ihre Bestimmung, krank zu sein und die Verantwortung für ihr Leben einem Arzt zu überlassen. Aber der Arzt überließ sie der Fürsorge der Schwestern, und diese überließen sie der Fürsorge der Maschinen und Geräte, was ihr auch recht war.

Ihrem Körper mißtraute Agnes, seit sie die ersten Anzeichen des Alters an ihm entdeckt hatte. Er gehorchte nicht ihrem Willen, sondern einem Plan der Natur, der ihr als Person keine Bedeutung zumaß. Während sie immer zuversichtlicher geworden war, wurde er schlaff und faltig.

Wer soll das sein? hatte sich Agnes oft gefragt, wenn sie in den letzten Monaten in einen Spiegel geschaut hatte.

Du, hatte der Spiegel jedesmal geantwortet.

Agnes hatte sich dann immer verärgert abgewandt. Er lügt, hatte sie gedacht. Aber ihr stand diese Lüge ins Gesicht geschrieben und in den Körper geprägt, und sie mußte damit leben.

Im Krankenhaus gewöhnte Agnes sich an, den Sinn ihres Körpers darin zu sehen, das Funktionieren der Geräte anzuzeigen. Nur ab und zu, wenn die Fröhlichkeit der Schwestern unerträglich wurde, hatte sie den Wunsch, die Maschine, an die sie während der ersten Tage und Nächte angeschlossen war, im Stich zu lassen. Aber diese war wachsam und auf ihre Art barmherzig und unbarmherzig zugleich. Wäre Agnes sehr alt gewesen, wäre sie an ihr verzweifelt. So aber atmete sie, damit die Maschine intakt blieb.

Als sie nach etlichen Tagen von ihr getrennt wurde, stockte ihr der Atem.

Ein schöner Frühling, nicht wahr?“

„Ist das Wetter wirklich schön draußen? Ich traue dem Blick aus dem Fenster nicht. Ich glaube, dort wo ich nicht hinsehen kann, spielt sich das Leben ganz anders ab.“

„Wie sollte es sich denn viel anders abspielen?“

„So, wie ich es noch nicht kennengelernt habe. In ganz anderen Dimensionen.“

„Wenn Sie erst einmal nach draußen gehen, werden Sie sehen: Es hat sich nichts verändert. Nichts Grundlegendes, meine ich.“

„Ich bin sicher, ich werde Veränderungen bemerken. Grundlegende, meine ich.“

„Aber Sie könnten jetzt schon das Haus verlassen. Ich wäre Ihnen dabei behilflich!“

„Reden wir nicht darüber“, sagt Agnes.

Der junge Student, der öfter kommt, als Agnes mit ihm zu Beginn des Zweckbündnisses vereinbart hat, ist verwirrt. Sein Gesicht ist blaß. Die altmodischen Brillen grenzen seinen Blick so ein, daß er sich nur starr auf ein Objekt richten kann. Sobald Agnes dieses Objekt ist, beginnt sie sich unwohl zu fühlen. Er geniert sich leicht und entschuldigt sich so oft, daß sie immer das Gefühl hat, von ihm beleidigt worden zu sein. Wenn er seine Dienste erledigt hat und doch noch bleibt, weiß sie nicht recht, was sie mit ihm anfangen soll. Sie glaubt, es gibt irgend etwas an ihm gutzumachen, was andere verdorben haben, und deshalb schickt sie ihn nie gleich fort. Irgendeinen tieferen Sinn muß das Leben haben, vor allem, wenn es sich dem Ende zuneigt.

„Erzählen Sie mir von Ihren Reisen“, sagt Agnes, „vor allem von Ihren Reisen in den hohen Norden. Wie sieht es dort aus? Wie sind die Menschen? Welche Namen tragen sie? Was essen sie am liebsten? Womit beschäftigen sie sich in der Freizeit? Welche Tiere kommen vor? Welche besonderen Vogelarten, die es bei uns nicht gibt?“

Und dann erzählt er geduldig das, was er weiß und entschuldigt sich wieder für das, was er nicht weiß, und verspricht ihr, sich zu erkundigen, was er auch tatsächlich tut, denn jedesmal bringt er die Antworten auf die offenen Fragen vom letztenmal als Geschenk mit. Agnes glaubt, er sei der einzige, der etwas in Erfahrung bringen könnte über dieses winzige schwedische Nest, in dem ihre Kinder leben. Aber sie beißt die Zähne zusammen und sagt, wenn sie sich wieder entspannt hat: Und jetzt könnten Sie vielleicht noch im Garten ein bißchen Unkraut jäten, oder: Die Möbel müßten einmal wieder mit Politur eingerieben werden, oder: Holen Sie mir bitte eine Flasche Bier aus dem Laden, denn ich brauche etwas Ordentliches zum Nachspülen, sollte es heute wieder flachsiges Gulasch geben.