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Michael Forcher

DER RIESE HAYMON

oder

Die wahre Geschichte, wie ein frommer
Adelsherr zum Drachentöter und
Klostergründer und nach Jahrhunderten
zum Namenspatron
für einen
Literaturverlag
wird

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Dieses Buch erscheint zum 25-Jahr-Jubiläum des Haymon Verlags und ist allen verstorbenen Autorinnen und Autoren des Verlags sowie dem langjährigen Mitarbeiter Benno Peter gewidmet.

© 2007

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7360-8

Umschlaggestaltung: Haymon Verlag/Stefan Rasberger unter Verwendung des Merian-Stichs

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

INHALT

WIE ANFANGEN?
oder
Man soll das Pferd nicht vom
Schwanz her aufzäumen

HELD HAYMON
oder
Wie ein bayerischer Adelsherr zum Vergessenwerden
verurteilt wird und
das Volk sich seiner annimmt

DRACHENZUNGE UND RIESENKAMPF
oder
Wie die Sage ihre Grundzüge erhält und
durch immer mehr Details angereichert
wird, wie aber auch andere
Varianten weiterleben

HELD HEIME UND DIE HAYMONSKINDER
oder
Wie wahrscheinlich es ist, dass Haymon
mit der Dietrich-Sage zu tun hat
oder aus dem Rheinland kam

GOLD AUS DER SILL
oder
Von den unterschiedlichen Versuchen,
die Sage und ihre Motive
rational zu deuten

HAYMON UND DIE BÜCHER
oder
Welch sagenhaft kühne Überlegungen dazu
führen, den Riesen als ersten Tiroler
Verleger zu bezeichnen

WIE ANFANGEN?

oder
Man soll das Pferd nicht vom Schwanz her aufzäumen

Wie soll ich denn anfangen? Man weiß doch gar nichts über diesen angeblichen Riesen Haymon. Gut, dann wenigstens die Sage erzählen. Wenn das so leicht wäre. Es gibt sie in den verschiedensten Fassungen. Nur dass der Riese Haymon das Kloster Wilten gründete, bleibt immer gleich. Oder interessiert es Sie mehr, was der historische Hintergrund ist, wer der wirkliche Klostergründer gewesen sein könnte? Spekulationen. Dann werde ich Ihnen wohl sagen müssen, warum ich vor 25 Jahren meinem Verlag ausgerechnet diesen Namen gab. Und seither immer wieder gefragt werde, was es damit auf sich habe. Also der Reihe nach oder das Pferd vom Schwanz her aufzäumen?

Als Historiker, den ich auch nach zwei Jahrzehnten als Literaturverleger nicht verleugnen kann, fange ich mit den historischen Tatsachen an. Aber eine bedeutende wissenschaftliche Arbeit will ich nicht vorlegen, nur ein bisschen plaudern, erzählen. Was die Forscher über Haymon und Wilten herausfinden konnten, haben sie längst niedergeschrieben. Einiges davon, was mir richtig und wichtig scheint, erzähle ich nach und knüpfe daran eigene Überlegungen und Schlussfolgerungen.

Man weiß, dass das Stift Wilten im gleichnamigen heutigen Stadtteil von Innsbruck in seinen Ursprüngen in das 9. oder 10. Jahrhundert, vielleicht sogar weiter zurückreicht. Eine frühmittelalterliche Klostergründung also, auch wenn nur wenige alte Mauern übrig sind und keine Urkunde, kein sonstiges Schriftstück genauere Aussagen erlaubt. Die Überlieferung besagt, und die Historiker stimmen dem ziemlich einhellig zu, dass es ursprünglich ein Kollegiatstift von Regularkanonikern war, eine Gemeinschaft von Klerikern also, die sich zu gemeinsamem Leben nach lockeren klösterlichen Regeln zusammengetan hatten. Bischof Reginbert von Brixen scheint an ihnen wenig Freude gehabt zu haben, denn 1140 löste er die Gemeinschaft auf und berief stattdessen Mönche des gerade gegründeten Prämonstratenserordens hier her. 1138 bestätigte Papst Innozenz II. die neue Ordensniederlassung. Die Patres und Fratres kamen aus der schwäbischen Abtei Rot und übernahmen Seelsorge, Wirtschaftsbetrieb und Kulturzentrum. Denn als solches muss man sich das Kloster Wilten seit seiner Gründung vorstellen, das älteste Kulturzentrum im Inntal mithin. Damit hängt der Verlagsname zusammen. Doch ich greife vor …

Wer der Gründer dieses kirchlichen und kulturellen Zentrums war, weiß man nicht. Und hier setzt die Sage ein.

Ich bin Held Haymon genandt

Unnd in diesem Intahl wol bekandt.

Nach Christ gepurt Achthundert und achtundsiebentzig Jahr

Ist das bescheen furwar,

Ich mein leben hie hab vollendt.

Darumb Ich diese gegendt habe benendt

Wilthan nach der ursach gestalt.

Als ich war funff und dreyssig Jar Alt,

Ich einem starcken Mann

Sein mannlichs leben nam.

Darumb Ich Puß entpfing

Unnd in diese Wiltnus herging.

Ein Kloster ich anfing zubauwen

In Gottes Nahmen und unser lieben frauwen.

Ein Track mich sehr bekummert,

Mich hin unnd wieder mit dem bauwfuhret.

Zu lezt ich mich besan,

In Gottes Nahmen greiff ich das greulich thier an:

Lang durch das Thal ab

Ich Im viel schlege von Krefften gab,

In der lezt in einer Klam

Ich im mit Gottes hulff sein greuwlich leben nam,

Ich Ime sein Zung aussschneidt,

Den Kern Ich von dannen spilt.

Diesen der Hochgeporn Erzherzog Sigmundt von Osterich

In silber hat fassen lassen sicherlich,

als mann das noch mag sehen.

Zu meiner gedechtnus ist das bescheen.

Nach dem wardt der Pauw vollbracht,

auch mit Geistlichen Bruedern besezt wardt.

Ich diesen Orden an mich thet nehmen,

Haymon mann mich thet nennen,

Darinn ich mein sehl Gott auffgab:

Der Barmhertzig Gott beweiß uns allen genadt.

Also habe Ich mein leben vollendt.

Gott verley uns allen hie ein seliges endt.

Amen.

Das ist eine der ältesten schriftlichen Fassungen der Wiltener Gründungssage, die zeitgenössische Abschrift einer im 16. Jahrhundert im Stift angebrachten Grabinschrift. Da es nicht jedermanns Sache ist, die alte Schreibweise zu entziffern (die ich nur durch ein paar Satzzeichen ergänzt habe), will ich sie ins heutige Deutsch bringen, ein bisschen glätten und auf Verse und Reime verzichten:

Ich werde Haymon, der Held, genannt, man kennt mich im ganzen Inntal. Mein Leben endete hier im Jahr 878, in einer Gegend, die noch eine Wildnis war und von mir deshalb Wilten genannt wurde. Im Alter von 35 Jahren nahm ich einem starken Mann das Leben. Zur Buße ging ich in diese Wildnis und fing in Gottes und der Lieben Frauen Namen an, ein Kloster zu bauen. Doch ein Drache bereitete mir Sorge, er zerstörte immer wieder, was ich gebaut hatte.

Da besann ich mich und griff in Gottes Namen das gräuliche Tier an, verfolgte es durch das ganze Tal. Ich hieb nach Kräften auf den Drachen ein und tötete ihn schließlich mit Gottes Hilfe in einer Klamm. Ich schnitt ihm seine Zunge heraus und nahm deren Kern, den Herzog Sigmund von Österreich später zur Erinnerung an mich in Silber hat fassen lassen, wie man heute noch sehen kann.

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