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Mehrere Personen und ihre Beziehungen zueinander im Spannungsfeld von Freundschaft, Kulturbetrieb und Politik, unter den Zwängen von öffentlichem Engagement, Karrierestreben, wirtschaftlichem Druck und schlechtem Gewissen stehen im Mittelpunkt von Gronds Roman. Der Künstler, gemäß klassischem Selbstverständnis dem „Guten und Schönen“ verpflichtet, agiert als Soldat, Kunst dient der Politik als Kriegswerkzeug.

Grond stellt Selbstgerechtigkeit, Eitelkeit, Intrigenspiel und Rufmord im Kulturbereich bloß, seine Helden erleben hautnah, analysieren aber auch in Gesprächen und Reflexionen die ewig gleichen Methoden der Machterhaltung. Die erzählte Geschichte wird zur Parabel:

Der von seinem Freund Alfons Schrei, einem Bildenden Künstler, geförderte und beratene Robert Brand übernimmt von Utz Kapp, dem alten Herrscher über den Kunstbetrieb, die Leitung des Avantgarde-Künstlerhauses in einer österreichischen Landeshauptstadt. Mit seinen ehrgeizigen Plänen begibt sich Brand in eine Maschinerie der Macht und gerät unter die Räder ...

Die Kunstszene als Schlachtfeld auf den Kriegsschauplätzen der Macht, wo eine Hand die andere wäscht und Geld als Ziel und Mittel der Politik, aber auch als Waffe eine beherrschende Rolle spielt.

Walter Grond

DER SOLDAT UND DAS SCHÖNE

Roman

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© 1998
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

MUSEUM

Ein rechteckiger Direktor. Ein runder Diener ...
Ein dreieckiger Kassierer. Eine quadratische Wache ...
Volk nicht gestattet. Hier wird täglich gespielt
bis zum Ende der Welt.

Marcel Broodthaers, Offene Briefe

Inhalt

AUFTRETENDE PERSONEN

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

AUFTRETENDE PERSONEN:

Allmeier, Sabrina; Angestellte, verheiratet mit Alfons Schrei, befreundet mit Robert Brand, Sabeth Feller, Daniela Ferrini und Daniela Mazzini, von 1986 bis 1995 Sekretärin, seit 1995 Geschäftsführerin des Künstlerhauses

August, Franz; Künstler, Bruder Friedrich Augusts, seit 1996 Kurator des Künstlerhauses

August, Friedrich; Architekt, Bruder Franz Augusts, befr. mit Bert Erber, Konrad Salmon und Anton Sand, von 1992 bis 1995 Kurator, seit 1995 Stellvertreter Brands als Präsident, seit 1997 Präsident des Künstlerhauses

Baum, Werner; Dramatiker, befr. mit Günter Lehmann, Andreas Marbach, Alfons Schrei und Philipp Schwarz, Mitglied des Künstlerhauses

Beck, Alois; Politiker, befr. mit Daniela Ferrini, Utz Kapp, Theo Rubner und Erich Wühler, von 1975 bis 1988 Kulturlandesrat, seit 1985 Präsident der Festwochen

Brand, Robert; Kurator, befr. mit Sabrina Allmeier, Fred Brenner, Dominik Chemnitz, Alfons Schrei und Fabian Zellmann, von 1985 bis 1994 Kurator, seit 1995 Präsident des Künstlerhauses

Brandner, Ernst; Künstler, befr. mit Andreas Marbach und Hans Ulmer, seit 1992 Kurator der Landesgalerie

Böhringer, Bruno; Schriftsteller

Brenner, Fred; Regisseur, befr. mit Robert Brand und Fabian Zellmann, seit 1986 Leiter des Theaters des Künstlerhauses

Chemnitz, Dominik; Kunsthistoriker, befr. mit Robert Brand und Mikou Nerlinger, seit 1995 Kurator im Künstlerhaus

Damm, Reinhard; Wiener Steuerberater, 1996 Finanzberater des Künstlerhauses

Daxer, Emil; Wiener Zeitungsherausgeber, von 1993 bis 1995 Kurator im Künstlerhaus, im Jänner 1997 vom Vorstand als Geschäftsführer des Künstlerhauses designiert

Ehrenreich, Frederic; Kritiker, von 1980 bis 1985 Kulturressortleiter der Tageszeitung, von 1985 bis 1990 Intendant der Festwochen, seit 1991 Kulturressortleiter einer Wiener Tageszeitung, dort Rücktritt 1996 nach der Bestellung zum Landeskulturamtsleiter durch Gerling

Erber, Bert; Künstler, Gymnasiallehrer, befr. mit Utz Kapp und Friedrich August, von 1975 bis 1985 Kurator des Künstlerhauses

Feller, Rudolf; Geschäftsmann, verheiratet mit Sabeth Feller, befr. mit Alfons Schrei

Feller, Sabeth; Kunsthistorikerin, verh. mit Rudolf Feller, befr. mit Sabrina Allmeier und Alfons Schrei, von 1991 bis 1995 Kuratorin des Künstlerhauses, seit 1996 polit. Sekretärin von Kulturlandesrat Gerling

Ferrini, Daniela; Hochschullehrende, verh. mit Erich Wühler, befr. mit Sabrina Allmeier, Alois Beck, Utz Kapp, Markus Patek, Theo Rubner und Alfons Schrei, von 1969 bis 1984 Sekretärin, seit 1985 Geschäftsführerin der Fotozeitschrift des Künstlerhauses, seit 1995 Intendantin der Festwochen

Fonak, Elisabeth; Landesbeamte, seit 1993 Kassierin des Künstlerhauses

Freising, Werner; Landesbeamter, von 1990 bis 1995 Sekretär Lehmanns, seit 1995 Landeskulturamtsleiter Freundlich untergeordnet

Freundlich, Edwin; Landesbeamter, von 1975 bis 1978 polit. Sekretär von Landeshauptmann Huber (Volkspartei), seit 1996 Landeskulturamtsleiter unter Kulturlandesrat Gerling

Gerling, Werner; Politiker, befr. mit Lukas Wesner, seit 1990 sozial. Landesparteivorsitzender, seit 1990 Landeshauptmannstellvertreter, seit 1996 Kulturlandesrat

Gut, Emma; Angestellte, seit 1991 Sekretärin des Künstlerhauses Hagen, Erich; Politiker, von 1990 bis 1995 Wirtschaftslandesrat, befr. mit Johann Muran, seit 1996 Landeshauptmann

Hoch, Josef; Dramatiker, befr. mit Alfons Schrei

Hoffmann, Erna; Schriftstellerin, befr. mit Utz Kapp, Andreas Marbach und Hans Ulmer

Jürgens, Emmerich; deutscher Künstler, 1996 Akademieberater des Künstlerhauses

Kapp, Utz; Dichter, Gymnasiallehrer, befr. mit Alois Beck, Bert Erber, Daniela Ferrini, Erna Hoffmann, Tilmann Karner, Daniel Kosa, Günter Lehmann, Markus Patek, Karl Teller und Thomas Zacharias, seit 1960 Herausgeber der Literaturzeitschrift, von 1967 bis 1995 Präsident des Künstlerhauses

Karner, Tilmann; Philosoph, Hochschullehrender, befr. mit Utz Kapp, Matthias Nolden, Karl Teller und Fabian Zellmann, von 1990 bis 1994 Mitglied des Künstlerhauses, von 1990 bis 1994 konzeptueller Leiter der Festwochen

Kisch, David; Medienkünstler, befr. mit Anton Linzer, Theo Rubner und Lukas Wesner, Mitglied des Künstlerhauses

Knauss, Albert; Architekturstudent, befreundet mit Mikou Nerlinger, seit 1996 Kurator des Künstlerhauses

Köhl, Alexander; Politiker, von 1957 bis 1975 Kulturlandesrat, 1967 Begründer der Festwochen und bis 1985 deren Präsident

Kosa, Daniel; Schriftsteller, befr. mit Utz Kapp, Mitglied des Künstlerhauses

Krein, Martin; deutscher Künstler, befr. mit Daniela Mazzini und Alfons Schrei

Lehmann, Günter; Politiker, befr. mit Werner Baum, Utz Kapp, Markus Patek, Anton Sand, Hans Strauss und Philipp Schwarz, von 1978 bis 1995 Landeshauptmann

Linzer, Anton; Politiker, seit 1986 Bürgermeister, befr. mit Lukas Wesner

Loran, Roger; Schriftsteller

Marbach, Andreas; Filmproduzent, befr. mit Werner Baum, Ernst Brandner, Erna Hoffmann, Alfons Schrei und Philipp Schwarz, von 1961 bis 1963 Kurator des Künstlerhauses

Mazzini, Daniela; deutsche Künstlerin, befr. mit Sabrina Allmeier, Martin Krein und Alfons Schrei, 1996 Akademieberaterin des Künstlerhauses

Muran, Johann; Politiker, befr. mit Ernst Hagen, Konrad Salmon und Anton Sand, seit 1996 Wirtschaftslandesrat

Nerlinger, Mikou; Architektin, befr. mit Dominik Chemnitz und Albert Knauss, seit 1995 Mitarbeiterin des Künstlerhauses

Nolden, Matthias; Hochschullehrer, befr. mit Tilmann Karner, Karl Teller und Fabian Zellmann, von 1970 bis 1994 Mitglied des Künstlerhauses, seit 1972 Werberessortleiter einer Schuhfabrik, von 1985 bis 1990 Kulturressortleiter der Tageszeitung, von 1990 bis 1994 Intendant der Festwochen

Patek, Markus; Politiker, befr. mit Daniela Ferrini, Utz Kapp, Günter Lehmann, Theo Rubner, Anton Sand und Erich Wühler, seit 1989 Generalsekretär der Landesvolkspartei, seit 1992 Sportlandesrat

Pöll, Johann; Kulturmanager, seit 1995 Betriebsberater des Künstlerhauses

Rubner, Theo; Politiker, befr. mit Alois Beck, Daniela Ferrini, David Kisch, Markus Patek, Anton Sand und Alfons Schrei, seit 1985 Kulturstadtrat

Salmon, Konrad; Architekt, befr. mit Friedrich August, Johann Muran und Anton Sand, von 1983 bis 1991 Kurator des Künstlerhauses

Sand, Anton; Landesbeamter, befr. mit Friedrich August, Günter Lehmann, Johann Muran, Markus Patek, Theo Rubner und Konrad Salmon, von 1978 bis 1995 Architekturreferent des Landeshauptmannes

Schrei, Alfons; Künstler, Erzieher, verh. mit Sabrina Allmeier, befr. mit Werner Baum, Robert Brand, Sabeth und Rudolf Feller, Daniela Ferrini, Josef Hoch, Martin Krein, Andreas Marbach, Daniela Mazzini und Theo Rubner, von 1985 bis 1992 Kurator des Künstlerhauses, seit 1996 Artdirector der Festwochen

Schwarz, Philipp; Schriftsteller, befr. mit Werner Baum, Günter Lehmann und Andreas Marbach, von 1967 bis 1991 Mitglied, von 1980 bis 1982 Stellvertreter Kapps als Präsident des Künstlerhauses

Strack, Sandra; deutsche Schriftstellerin

Strauss, Hans; Politiker, seit 1978 Stadtrat für Liegenschaftsfragen, befr. mit Günter Lehmann

Teller, Karl; Schriftsteller, Gymnasiallehrer, befr. mit Utz Kapp, Tilmann Karner, Matthias Nolden, von 1980 bis 1985 Kurator des Künstlerhauses

Ulmer, Hans; Schriftsteller, befr. mit Ernst Brandner und Erna Hoffmann

Wesner, Lukas; Hochschullehrer, befr. mit David Kisch, Anton Linzer und Werner Gerling, seit 1993 Rektor der Universität, seit 1996 künstlerischer Beirat der Festwochen

Wolf, Christian; Priester, Leiter des Kulturzentrums der Diözese

Wühler, Erich; Fotograf, verh. mit Daniela Ferrini, befr. mit Alois Beck und Markus Patek, seit 1977 Herausgeber der Fotozeitschrift des Künstlerhauses

Zacharias, Thomas; Schriftsteller, befr. mit Utz Kapp, von 1964 bis 1971 Mitglied des Künstlerhauses

Zellmann, Fabian; Journalist, befr. mit Robert Brand, Fred Brenner, Tilmann Karner und Matthias Nolden, seit 1980 Kritiker in der Tageszeitung, von 1990 bis 1994 Berater seines ehemaligen Kulturressortchefs und damaligen Festwochenintendanten Nolden

1

Solange Brand schwieg, würde Schrei nicht losbrüllen. Brand starrte, seinen Kopf gesenkt, auf die Tischplatte, und Schrei, hastig rauchend, schaute herausfordernd, mit verkniffenen Augen.

Im Sitzungssaal der Rotunde wurde es still. Brand richtete sich auf, schaute rundum in die Gesichter der Vorstände und sagte, er wünsche einen Augenblick lang nicht unterbrochen zu werden. Alfons Schrei, sein Freund, sei durch die Stadt gezogen, um seinen, Brands, Kopf zu fordern, und habe über Gut und Böse entschieden wie der liebe Gott selbst. Seine Selbstgerechtigkeit habe Schrei zum Rufmörder gemacht. Was ihn, Brand, dazu veranlasse zu gehen, sei indes nicht Schreis Feldzug, sondern ihr Schweigen.

Mit Blick auf den Brunnen draußen erklärte Robert Brand seinen Rücktritt als Präsident des Künstlerhauses im Hofgarten, einer Sezession, der der Ruf vorauseilte, nicht nur ein Labor für Experimente in allen Künsten, sondern eine Art Künstlerstaat zu sein, ein Hort der Begabtesten und Klügsten.

Als Brand das Hauptgebäude, das in einem Krater unter Erdniveau lag, verließ, schimmerten die Treppen des rundum gemauerten Lichthofs. Er kam aus dem Eingang auf dem Grund der Arena, von wo die Treppen fliehend nach oben verlaufen. Von hier schien die gläserne Rotunde in den Himmel zu ragen, und als Brand seinen Blick nach oben wandte, wankte sie plötzlich und drohte ihn unter sich zu begraben. Einen Augenblick später verschwand die Wolke, die an der Spitze der Rotunde vorbeigezogen war, aus seinem Blickfeld. Die optische Täuschung löste in Brand hysterische Gefühle aus. Er zitterte und wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Er stieg die Treppen hinauf in den Park und ging durch den Hofgarten zum Brunnen, weg von der Gesellschaft, die sich für allgegenwärtig hielt. Er ging, und kein Schrei und nicht die Gewalt der Kunst würden ihn einholen.

Vom Brunnen aus sah er nur die Rotunde. Das Glas spiegelte die Morgensonne und blendete ihn. Er ging noch einmal zurück, durch den englischen Garten, stieg die Treppen der Arena hinunter, preßte das Gesicht an das Fenster und warf einen Blick auf die aktuelle Ausstellung. Durch das Glas betrachtete er die Präparate Damien Hirsts in den Glascontainern, die in Formalin schwimmenden Hälften von Kühen und Schafen, die sezierte und konservierte Farbenpracht, den Anschein des Untoten.

Von einer Telefonzelle rief er seine Frau an, berichtete ihr von seinem Rücktritt und ging nach Hirm, einem Teich am östlichen Stadtrand. Während des Gehens war er beflügelt, und die Alleen, die Zäune und Hecken, die gepanzerten Tore, die Videokameras, die Jugendstilhäuser und Villen flogen an ihm vorbei. Er ging und hörte die Vögel zwitschern, und als er sich auf eine Gartenbank am Ufer des Teiches setzte, nahm er erstaunt wahr, daß die Haut seines Unterarms von der Sonne angenehm juckte. Er beobachtete die Enten, die im Schlamm des leeren Teiches steckten, und die Passanten, die an ihm vorbeiflanierten, die alten Frauen mit Brotresten für die Tauben, die jungen Mütter mit Kinderwägen, die Asylanten im speckigen Sonntagsanzug.

Brand genoß die Anonymität. Er versuchte sich an den Tag seiner Wahl vor zwei Jahren zu erinnern, an die Pläne, die er dem Vorstand dargelegt, wie er eine Pressekonferenz gegeben und mit seinem Team die nächsten Schritte besprochen hatte. An Einzelheiten erinnerte er sich nicht, als existierte für ihn ohne Termin in einem Terminkalender nichts, auch nicht als Gefühl, daß da etwas gewesen sein muß.

Hier auf der Parkbank, dachte Brand, unter den morgendlichen Passanten, verkörpere der Kalender, dieses Resultat der äußersten Ernüchterung einer Biographie, keine Vernunftsleistung. Nicht die fixe Idee der absoluten Leere für Augenblicke, die keiner Notiz im Terminkalender wert waren. Nicht die lückenlose Überprüfbarkeit seiner Existenz. Und nicht, daß die Ermangelung einer Notiz im Terminkalender für diesen oder jenen Abend diesen oder jenen Abend verdächtig mache. Hier auf der Parkbank verkörpere ein Leben als die Aneinanderreihung von konspirativen Möglichkeiten Präsidentenkitsch.

Er habe Menschen enttäuscht, weil er sie – wie sich selbst – vergessen und seine fortschreitenden blinden Flecken als selektives Gedächtnis gerechtfertigt habe, das sich Künstlerhauspräsidenten wie Politiker aneignen müßten. Weil nur der Erfolg zähle und mit jedem Mißerfolg der Sturz ins Bodenlose drohe, selektierten Präsidenten andauernd Menschen aus ihrem Gedächtnis. Macht, dachte Brand, wende sich mörderisch gegen das Erinnern.

Jetzt saß er am Teich und empfand eine kindliche Freude an den Vorboten des Frühlings. Blumen blühten noch keine, aber die Sonne prickelte auf der Haut. Der Euphorie folgte Müdigkeit, und im Einschlafen erinnerte er sich an Salman Rushdie, den er als Unterzeichner einer Menschenrechtsdeklaration vor Monaten in Straßburg gesehen hatte.

Er, Brand, sei damals in Straßburg aus dem Europäischen Parlament auf die Freitreppe getreten und habe die Delegiertenkarte, erschöpft von den Berichten über Greuel und Leid, in einen Papierkorb geworfen. Unten auf dem Boulevard sei die Limousine mit Rushdie verschwunden, während er, Brand, sich erleichtert für eine Straßenbahn entschieden und über die Freiheit gefreut habe, aus seiner Haut schlüpfen zu können. Am Abend dann sei er in einem Gasthaus am Domplatz eingekehrt, um Hühnchen in Weißweinsauce zu bestellen, und habe sich, als das Huhn nicht kam, darüber beschwert, bis schließlich der Kellner an seinem Tisch Platz genommen, Wein nachgeschenkt und vergnügt von Jean-Marie Le Pen erzählt habe.

Le Pen, der in Begleitung einer schönen Frau am selben Tisch gesessen wäre, hätte Seeteufel gegessen. Und als der Seeteufel nicht kam, so der Kellner, hätte er eine Stunde lang geduldig auf Ersatz gewartet, eine schlichte Forelle. Kein Wort der Beschwerde wäre aus Le Pens Mund gekommen, kein Drängen auf Eile, und beim Gehen hätte er dem Kellner, ohne die Spur einer herablassenden Miene, 200 Franc Trinkgeld gegeben. Der Kellner habe von sich als einem Grünen gesprochen, aber privat, habe er behauptet, privat seien die alle ausnahmslos lieb.

2

In jenem Augenblick empfand Alfons Schrei große Zufriedenheit. Er saß fensterseitig am Konferenztisch, von wo er alle Bewegungen Brands mitverfolgen konnte. Den Freund in Verruf zu bringen, den er nur mehr als Brand in den Mund nahm, mit einem abfällig umgangssprachlichen Ton, hatte große Konzentration von ihm erfordert, und so fühlte sich Schrei jetzt zugleich zufrieden und erschöpft.

Wie in Zeitlupe verfolgte er, wie Brand hinausging, die aufschnellende Bewegung, als er sich vom Sessel erhob, sein jähes Hochziehen der Schulter, die trotzige Handbewegung und wieder die Bewegung der Hand, wie sie zur Stirn fuhr, als erwidere sie einen Gruß. Die großbürgerliche Verbohrtheit, mit der Brand im Augenblick der Niederlage zwanghaft Haltung zu bewahren versuchte, war Schrei vertraut. Schrei hatte Brands Reaktion vorausberechnet, seinen Hochmut, der Brand daran hindern würde, sich zu verteidigen. Hochmut kommt vor dem Fall, sagte sich Schrei, der großmütterliche Sprichwörter liebte.

Die Tür war ins Schloß geschnappt, und es blieb still, länger als einen Augenblick. Die Vorstände warteten auf die Rückkehr Brands, der ihnen ohne zu fragen, ob sie seinen Rücktritt respektierten, gerade den Rücktritt erklärt hatte. Der blaue Thonetsessel blieb leer, und die Halogenlampen an der Decke brannten, obwohl es hell und sonnig war.

Dominik Chemnitz durchbrach die Stille. Der treue Adjutant Brands, wie Schrei ihn nannte, stand auf und erklärte, nicht nur seinen Sitz als Vorstand und Kurator zur Verfügung zu stellen, sondern aus dem Künstlerhaus auszutreten. Niemand sagte etwas, bis Schrei dem jungen Chemnitz zu seinem ersten klugen Schritt im Leben gratulierte und in die Hände klatschte. Wie kurz zuvor Brand, verließ Chemnitz den Sitzungsraum, ohne daß sich einer der Vorstände mit einem Wort dazu geäußert hatte.

Die Morgensonne leuchtete Schrei ins Gesicht, ohne ihn daran zu hindern, die Situation zu überblicken. Um die zu einer geschlossenen Fläche zusammengerückten Tische kauerten Brenner, die Brüder August und drei aus dem jungen Team Brands, die er nicht namentlich kannte. Unten im Park tauchte Brand auf, ging zum Brunnen und schaute zu ihm herüber.

Inmitten der spätwinterlich braunen Wiese, umrahmt von den mit Schilf bedeckten Beeten, verkümmerte Brand. Der Winter, dachte Schrei, stelle den Brunnen mit seinen schwerfälligen bronzenen Atlanten, die über dem Becken wassersprudelnd schwebten, als ein Ensemble menschlicher Geschmacklosigkeit bloß. Im Winter entpuppe sich der Brunnen als so häßlich wie ein monströses Souvenir, und der davorstehende Brand gleiche einem Atlanten, der aus der Halterung gebrochen und plump auf den Boden gefallen sei. Er, Schrei, habe gemeint, nur den Tratsch über Brand zu hassen, jetzt aber erkenne er, daß es Brand selbst sei, den er verachte.

Wer billig kauft, kauft teuer, sagte sich Schrei, denn von beständigem Wert sei nicht, wovon etwa die Berliner Modeschöpferin schwärme, von Brands jugendlichem Aussehen, seiner Tochter, dem Haus, seiner Gewandtheit, dem Instinkt für das Neue, seinem Scharfsinn, den Ideen, der Respektlosigkeit. Von beständigem Wert sei das alles nicht, denn hier in der Rotunde sitze er, Schrei, der Brand einen Strich durch die Rechnung gemacht habe.

Der Heldenkitsch nämlich verurteile Brand zum Passanten am Brunnen, der hilflos zu ihm, Schrei, herüberschaue. Eine winzige Anstrengung, und das Kunstvolk habe Brand, ihn eben noch bewundernd, aus dem Tempel verjagt. Das Künstlerhaus lasse an seinen Wänden, Böden und Möbeln persönliche Spuren nicht zu, die Kunst ertrage nur äußerste architektonische Nüchternheit. In der Rotunde bleibe nicht eine Spur von Brand, ausgelöscht sei dieser Verräter an der Kunst.

Mit geschickten Mundbewegungen formte Schrei den Rauch der Zigarette zu Ringen und beobachtete, wie er im Lichtstrahl der Sonne pirouettenhaft aufstieg. Der Sessel ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, war leer. An seinem, Schreis, Nein sei Brand gescheitert, an seinem unbändigen Wunsch, etwas nichtig zu machen, das ihn bedrohe. Wie das Leben sei die Kunst grausam, ein Schauplatz jenes alltäglichen Krieges, den jedermann sein Leben lang führen müsse, um nicht selbst vernichtet zu werden.

Was für ein Gefühl, dachte Schrei, den Platz auf jenem leeren Sessel einzunehmen, ohne sich von seinem eigenen wegzubewegen.

Gähnend lehnte er sich zurück und gratulierte Brenner, dem Theatermann, wie er ein Freund Brands, der ihm den Weg in den Vorstand geebnet hatte. Er verachte zwar Brenner, dachte Schrei, indes gebe es keine besseren Söldner als Theatermänner. Theatermänner seien geborene Intriganten, ein skrupelloses Volk. Während er Brenner beobachtete, wie der in seinem Sessel saß, prätentiös, von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, das ergrauende hüftlange Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, Brenner, der die Zigarette entsetzlich eitel zum Mund führe, verschwanden die letzten Zweifel aus ihm, Schrei, dem Strategen.

Er beglückwünschte sich selbst, mit jenem bösartigen Komödianten den geeigneten Verbündeten gefunden zu haben. Brenner, jener Opportunist, Vorstand seit zehn Jahren, wolle wie Kapp und Wühler im Hofgarten alt werden, hisse die Fahne des Künstlerhauses, als bleibe er dadurch ewig jung, entziehe aber die eigene Arbeit jeder Kontrolle der anderen.

Auch Brenner lächelte. Schrei saß mit überkreuzten Beinen neben ihm, mit Understatement gekleidet, mit weichem Rauhleder und Seide, und beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Wort für Wort wußte Brenner, was Schrei, während der ihm lachend gratulierte, durch den Kopf ging, und er erhob sich mit einem Gefühl der Beschwingtheit.

Schrei, der Bildende Künstler, das Anhängsel der Reichen, dachte Brenner, der sich um ein Publikum nicht kümmere, aber um eine Handvoll Käufer buhle, benehme sich, als feilsche er gerade um den Preis eines Gemäldes. Von den langen Gesichtern der Vorstände, die wie ahnungslose Lämmer vor sich hinstarrten, wie ein paar Häufchen Elend um die schwarzen Konferenztische gruppiert, fühlte sich Brenner in seinem Entschluß, Brand in den Rücken zu fallen, bestärkt. In der Gesellschaft von Einzelkämpfern würde sich ein Gefühl wie Mitleid als eine menschliche Schwäche mit unabsehbaren Folgen erweisen. Er schaute zu Schrei, sah dessen Blick auf den leeren Sessel und sagte etwas wie: ein absurdes Theater.

Als Drama lieferte der Fall Brands für Brenner ein schlüssiges Stück. Die Kunst sei ein harter Bretterboden, mitleidlos wie das Heroin, das Brenners Frau hinweggerafft hatte und beinahe ihn selbst, und lasse keine Glücklosen gelten. Zwar hasse er, Brenner, Schrei wie auch Ferrini, die Intendantin der Festwochen, weil beide ihn für einen miserablen Regisseur und kaltblütigen Intriganten hielten und nur kleinlaut geworden wären, seit das Hofgartentheater ein bedeutender Bühnenpreis ehrte. Er hasse Schrei und Ferrini, aber hätte er sich nicht der Schlacht gegen Brand angeschlossen, wäre er selbst in Gefahr geraten, ins Bodenlose zu fallen.

Brenner stand auf und umarmte Schrei, und Schrei umarmte Brenner, und beide küßten sich auf die Wangen, je rechts und je links, und klopften sich auf die Schultern und versicherten sich mehrmals gegenseitig, die Sache gut, ja sehr gut gemacht zu haben. Schrei lachte laut, und Brenner erwiderte sein Lachen, während die Gesichter der Vorstände alterten. Das Lachen der beiden Männer nahm kein Ende, und längst war klar, der Spott galt nicht Brand, sondern ihrer, der Vorstände, Naivität.

Friedrich August, Architekt und Stellvertreter Brands, der Brand hatte zurückhalten und zum Bleiben bewegen wollen, unterbrach die beiden Männer mit der Bemerkung, Brand müsse schon deswegen keine Mißwirtschaft verantworten, weil er Präsident und nicht Geschäftsführer sei. Man beschwöre ja eine Überschuldung des Hauses geradezu herauf, wenn man, während man die Budgets mit der Regierung verhandle, Gerüchte um eine Mißwirtschaft im Hofgarten verbreite.

Mit Schrei sei besprochen gewesen, Brand die Flügel zu stutzen, so August, zwar gegen das übliche Protokoll, das interne Angelegenheiten als interne Angelegenheiten festschreibe, eine Verpflichtung, die für Schrei nicht gelte. Zwar seien er, August, und die jungen Kuratoren Brand gegenüber nicht gerade loyal gewesen. Zwar hätten die Vorstände genauso wie Schrei Zugriff auf Brands Akademiepläne gewünscht. Zwar gelte es, wie Schrei richtig ausgeführt habe, Brand zu schwächen, über eine Vernichtung aber habe man im Vorfeld der heutigen Sitzung nicht verhandelt, sagte August mit so festem Ton, wie er nur konnte.

Statt einer Antwort erntete Augusts Einwand Gelächter. August versuchte Brenner zur Vernunft zu bringen, dessen Theater tatsächlich verschuldet und der Brand für geleistete Haftungen zu Dank verpflichtet sei. Nicht Brand, sondern Brenner stecke bis zum Hals im Schuldenberg.

Die beiden Männer lachten, und das Gelächter entpuppte Brands Weggehen als das Resultat eines klaren Kalküls. In diesem Augenblick fühlte sich August als Mittäter entlarvt, und als Idiot, der sich selbst ins Verderben getrieben hatte. Er sagte, die Formulierung, Brand habe das Künstlerhaus in finanzielle Schwierigkeiten gestürzt, sei unlauter, wie kaum eine Behauptung unlauterer hätte sein können. Nicht auszudenken, wenn auf Schreis Inkriminierungen keine Beweise folgten.

Die kahlen Wände, die metallenen Büroschränke, das Zwielicht aus Sonne und Halogen, alles was August je für den Beweis einer gewissen Unverletzlichkeit gehalten hatte, eine Aura, die das Künstlerhaus vor den Nachstellungen der unkünstlerischen Außenwelt schütze, brach in sich zusammen. Hätten die ergrauenden Herren in ihrem Kriegsrausch jede Einschätzung der Realität verloren, wollte August wissen, oder läge es in des Altpräsidenten Kapp und Ferrinis Absicht, den Hofgarten tatsächlich zu ruinieren?

Friedrich August blickte hinüber zu Franz, seinem Bruder, dem Bildenden Künstler, dem Strategen der Familie, der sich zu Boden duckte, Franz, der Moral in der Kunst eingefordert und als erster Ferrinis Geld angenommen habe. Das Bild des Bruders als Künstler verblaßte wie das der jungen Kuratoren für Techno und Medienkunst. Immerhin, dachte Friedrich August, habe Brand seinen Bruder Franz engagiert und seiner fast hoffnungslosen Stagnation entrissen, engagiert wie den jungen Medienkünstler, der jetzt Zeitung las, als betreffe ihn das alles nicht, oder die Filmerin, die ihre Fingernägel manikürte und gelangweilt aufblickte, um zu fragen, wer nun, nach Brands Abgang, eigentlich Präsident sei. Jetzt, da Brand zurückgetreten sei, müsse er, August, als sein Stellvertreter den Kopf hinhalten!

Während August, dessen Selbstbild keineswegs das eines Kriegers war, die Nüchternheit der Rotunde wie die Akteure an diesem Tisch zu hassen begann, hörte er Schrei, wie aus der Ferne, wiederholt den Namen Murans aussprechen, des Wirtschaftslandesrates und Adjutanten von Landeshauptmann Hagen, jenes Muran, der ihn, August, so aussichtslos in die Enge getrieben hatte.

Auf die Frage Brenners, ob Muran tatsächlich im Auftrag der Volkspartei August dazu gezwungen habe, Brand ans Messer zu liefern, hörte Schrei nicht auf, begeistert zu bejahen, ja, August, Brands Brutus, der ihn an Wirtschaftslandesrat Muran verraten habe, den Mann fürs Grobe, der jeden verscheiße, der mit dem Sozialisten Gerling in Zusammenhang gebracht werde, Muran, der August in der Hand halte, weil der als ein erfolgloser und verschuldeter Architekt nach jedem Auftrag wie nach einem Bissen Brot schnappe und wie ein Fisch an Murans Rute zapple.

August winkte erschrocken ab. Muran habe nicht von Rufmord gesprochen, nicht in der drastischen Weise, Murans Wortwahl sei Brand einbremsen gewesen. Brand als diktatorisch anzuklagen, mochte moralisch eine Berechtigung haben, entbehre als Vorwurf aber jeder formalen Grundlage. Brands Plänen seien immer korrekte Anträge gefolgt, und den Anträgen habe der Vorstand, wenn auch aus Desinteresse, jedesmal zugestimmt. Und was die Brand in der Tageszeitung vorgeworfene Mißwirtschaft betreffe, liege diese nicht in der Verantwortung Brands, sondern treffe Allmeier, die wohl kaum gegen sich selbst operiere. Allmeier, Geschäftsführerin, ob sie nun wolle oder nicht, sei dafür verantwortlich zu machen, und für das Versäumnis seiner Kontrollpflicht allenfalls der siebenköpfige Vorstand selbst, sagte August.

Schrei lachte, und alle blickten zu Sabrina Allmeier, die seelenruhig Protokoll schrieb und keine Miene verzog, als Schrei über den Konferenztisch hinweg die Vorstände fragte, ob alle gut aufgepaßt hätten, denn: so macht man das, Präsidenten hole man und verjage man, so gehe das, Zug für Zug, so gehe das.

Und plötzlich erschienen Friedrich August sein Bruder Franz, die Filmerin und der Mann der Neuen Medien durch etwas, das er erst einen Augenblick später wahrnahm, wie aus der Pubertät verstoßen, aus dem Paradies ihrer Jugend, dem Vorrecht der Naivität. Das Entsetzen in ihren Augen galt dem schallenden, bedächtig wiederholten Hahaha Schreis. Dasselbe Hahaha, so Friedrich August, zelebriere Schrei, wenn er als WochenendBürgerschreck den Dichter Werner Baum imitiere und betrunken Gesellschaften schockiere, ja mit erhobenem Glas und über Wirtshaustische hinweg rufe, Künstler sehen die Welt voraus, sie würden die Welt so klar und so grausam sehen und dürften daher nicht Politiker werden. Gute Künstler, so Schrei dann mit erhobenem Glas weiter, seien Faschisten. Der Faschismus sei entsetzlich, aber unvermeidlich. Weil Künstler alles wüßten, würden sie sich selbst vernichten. Der Alkohol sei die Waffe der Künstler gegen die faschistische Natur des Menschen.

Für einen Augenblick stand den Vorständen ins Gesicht geschrieben, warum Schrei peinlichst darauf geachtet hatte, seinen Freund nicht mehr mit Robert, sondern mit Brand anzusprechen. Warum er immer öfter zu ausschweifenden Vorträgen über seine Erkenntnis geneigt hatte, auf der Welt komme es niemals darauf an, was wahrhaftig, sondern in welcher Weise ein Mensch in der Lage sei, Wirklichkeiten zu erzeugen. Warum er die Fähigkeit, Wirklichkeit zu erzeugen, als eine Begabung pries, die die Natur wie den künstlerischen Genius nur wenigen Menschen vorbehalte. Und weshalb Schrei darauf pochte, Wirklichkeit werde naturgemäß nach dem Gesetz des Stärkeren erzeugt, weshalb die Welt fatalerweise als Ebenbild der Phantasien ihrer Eliten zu betrachten sei, als ein Schlachtfeld der grausamsten Vorstellungen, die Menschen zu bilden imstande sind.

Plötzlich standen Schreis Wirtshausreden über die Kunst und die Welt in den Gesichtern der Vorstände geschrieben, seine mit Wörtern wie Katastrophe, Entsetzen und Mitleid übersättigten Proklamationen. Schrei, dachte August, manipuliere so meisterhaft, weil er sich ständig in einen Rausch der Selbstmanipulation steigere. Er lasse nach Belieben einen Gedanken durch die Hintertür herein, den er eben durch die Vordertür verjagt habe. Schrei sage in einem Atemzug: das Zeitalter der Genies ist vorbei, Karadzic ist ein Genie, der Krieg ist entsetzlich, die Massaker in Bosnien sind Propaganda, die Kunst ist Krieg oder alle Serben sind Deutsche.

Alfons Schrei schreckte August aus seinen Gedanken, als er seelenruhig von Sabrina Allmeier die vorbereiteten Unterlagen verlangte und dem Vorstand die Pläne der Retter des Hofgartens mitteilte.

Vor wenigen Wochen erst hatte ein Fax, anonym von einem Postamt an den Hofgarten geschickt und nicht handschriftlich unterzeichnet, ein Ausschlußverfahren gegen Brand gefordert. Neben dem früheren Präsidenten, dem Dichter Utz Kapp, sowie Schrei hatte jenes Fax die Hofgartenveteranen Fred Brenner, Erich Wühler, Bert Erber und Karl Teller als die Retter des Hofgartens genannt. Zum Entsetzen der jungen Kuratoren sahen nun Schreis Pläne nicht nur den Architekten und früheren Kurator Konrad Salmon als neuen Präsidenten vor, sondern auch die Rückkehr all jener Hofgartenveteranen in den Vorstand. Ihre Rückkehr in den Vorstand, sagte Schrei, werde ebenso wie die Rückkehr von Daniela Ferrini die Dinge wieder ins Lot bringen.

Die meisten von Brands jungen Leuten schienen in jenem Plan nicht mehr auf, andere nur in untergeordneten Rollen. Für Brand war ein Posten vorgesehen, ihm würde angeboten, das Archiv in Ordnung zu halten. Kapp, Ferrini, Brenner und er, Schrei, seien schließlich nicht unmenschlich, und: jedem, was er verdient.

Am Ende erklärte Schrei die Absicht der Retter des Hofgartens, die Restauration des Künstlerhauses, das durch Brands Aktivitäten die Reputation der Festwochen gefährde, zu einem befriedeten Ort einzuleiten. Kapp habe trotz seines Alters zu jugendlicher Frische zurückgefunden, die Niederschlagung von Brands Akademieplänen beflügle den Alten. Brands Propaganda von einer Zeitenwende und der Antwort, die der Kunstbetrieb darauf finden müsse, treibe besonders Ferrini Angstperlen auf die Stirn. Ferrini habe als Verantwortliche der Festwochen in so dunklen Zeiten keine leichte Aufgabe, und auch das Künstlerhaus müsse die ihm zugemessene Rolle erfüllen. Brand taste an einem sehr sensiblen Zusammenhang.

Schrei holte kräftig Luft. Der Hofgarten, sagte er, sei der Hofgarten, und wer anders darüber denke, sei ein Revolutionär. Stalin sei Revolutionär gewesen. Brand habe behauptet, der Kunstbetrieb müsse sich ändern. Was für ein Unsinn. Mit Propaganda richteten Revolutionäre die Welt zugrunde. Man stelle sich vor, man wache eines Morgens auf und alles sei anders geworden. Entsetzlich. Brand füge ihnen ständig Verwundungen zu. Was als Erneuerung beginne, ende mit einem Flächenbrand, und alles werde anders, und das bedeute, es sei nichts mehr. Brand müsse zu Fall gebracht werden, Brand sei intelligent, er sei Stalin, sie müßten ihm zuvorkommen, er sei gefährlich intelligent, Brand sei Machiavelli.

Aus jener Sitzung am 5. März ging Friedrich August als interimistischer Präsident hervor. Die jungen Kuratoren, nach Brands Rücktritt plötzlich erwachsen geworden, verhinderten nämlich eine Restauration im Künstlerhaus. Schrei, berichtete August später seinem Freund Konrad Salmon, habe am Ende wütend den Sitzungssaal in der Rotunde verlassen und nicht mehr aufhalten können, daß ein bereits geschriebener Artikel in der Abendausgabe des Anzeigers behauptete, nach dem Sturz Brands wären Kapp und Schrei wieder in den Vorstand eingezogen und hätten ihn, Salmon, zum nächsten Präsidenten gekürt.

Nach jener Sitzung, die den Gerüchten um eine Krise im Künstlerhaus hätte ein Ende setzen sollen, waren die Gräben zwischen den Generationen tiefer als je zuvor. Schrei äußerte, das Künstlerhaus sei zu einem Jugendclub verkommen und eine wahre Schande für die Kunst geworden. Im Anzeiger sprach er von verschwundenen Millionen und skandalösen Machenschaften und mutmaßte, der eben zurückgetretene Brand habe sich persönlich bereichert. Wenig später äußerte Utz Kapp gegenüber der Tageszeitung, Brand müsse zur Verantwortung gezogen werden und könne sich nicht einfach davonmachen.

Stadt, Land und Bund stornierten daraufhin die Zahlungen an das Künstlerhaus mit sofortiger Wirkung. Brand forderte in einem Brief eine Prüfung der Geschäftsführung durch den Rechnungshof, was Gerüchte nährte, unter Kapps Präsidentschaft seien Steuern unterschlagen worden. Schließlich drohte der interimistische Präsident Friedrich August, ein Konkursverfahren zu beantragen, da die Kosten des laufenden Betriebes nicht mehr gedeckt werden konnten.

Zwei Wochen nach Brands Rücktritt rief die Tageszeitung zur Rettung des Künstlerhauses auf und ortete jetzt im sozialistischen Kulturpolitiker Gerling, dem Förderer Brands, den Zugrunderichter des Künstlerhauses. Immerhin spreche man vom Hofgarten als einem Inbegriff dessen, was seine Kritiker zwar als Staatskünstlertum verurteilten, was aber im aufgeklärten Selbstverständnis als Bastion eines anderen Österreich gelte. Das Künstlerhaus im Hofgarten habe über Jahrzehnte als Botschafter der Moderne dem Land nach Auschwitz ein menschenfreundliches Antlitz geschenkt. Der Hofgarten würde die öffentlichen Förderungen als Wiedergutmachung an seine Künstler entgegennehmen, die der Staat als Nachfolger des nationalsozialistischen zu leisten habe. So fungiere der Hofgarten seit seiner Gründung im Jahr 1959 nicht nur als moralische Instanz, sondern habe unter der väterlichen Führung Kapps als eine Kaderschmiede für junge Künstler der Republik eine antinazistische Elite herangezogen. Polarisierende Elemente wie Brand brächten den Hofgarten in Verruf, aber entferne man ein Geschwür, dürfe daran nicht der Patient zugrundegehen, so die Tageszeitung.

3

Vier Jahre vor jenem Artikel, im Frühsommer 1993, war Sabrina Allmeier, damals Sekretärin im Hofgarten, nach Salzburg gefahren, um dem Kulturmanager Johann Pöll vertraulich ihre Sorgen um die Zukunft des Künstlerhauses zu schildern. Als Sekretärin führte sie mit Pöll ein Gespräch, von dem nur Daniela Ferrini wußte, ohne zu ahnen, was genau Allmeier mit Pöll besprach.

Ihre Wortkargheit und ihre finstere Miene hatten Allmeier eine Autorität im Hofgarten verschafft, die ihr erlaubte, zu kommen und zu gehen, wann sie wollte. Sie verbuchte ihre Fahrt zu Pöll unter Zeitausgleich. Schrei, der damals noch Kurator des Künstlerhauses und ihr Vorgesetzter war, erklärte sie, sie besuche ihre Salzburger Freundin Elisa. Gegenüber der Freundin, mit der sie täglich telefonierte, erwähnte sie, die Klagen satt zu haben, die täglichen Lamenti der Männer, das Ertränken der Lamenti im Wein. Sie habe den Weltuntergang satt und nehme daher die Dinge in die Hand. Die Eitelkeit nämlich hindere Kapp, Schrei und Brand daran zu begreifen, was sie inzwischen begriffen habe.

Sie fuhr auf der Autobahn und dachte an eines der Sprichwörter Schreis: Weil Österreich so schön ist, sind die Österreicher so häßlich. Die fichtenbewachsenen Berge, durch die sich die Täler schlängeln, Berge mit einer Baumgrenze erst knapp unter Gipfelhöhe, waren trotz der Hitze in üppiges Grün getaucht, und der tiefblaue Himmel leuchtete wie das Meer. Die Fahrt nach Salzburg lehrte Allmeier das Gefühl der Allmacht, ein Gefühl, das ihr die Künstler tagtäglich vorlebten.

Bäche rannen von den Bergen, und die Autobahn überquerte rauschende Flüsse. Auf den Wiesen weideten Kühe, und rund um die Häuser blühten Gärten. Allmeier mußte nicht haltmachen, um zu empfinden, was sie empfand, weil sie die Landschaft kannte, die Tiere, die Gärten. Mit jenem plötzlich gewonnenen Gefühl der Allmacht indes entdeckte sie die Gegend wie eine neue Welt.

Sosehr sie die Künstlerhausmänner verehrte, verachtete sie sie für ihre Selbstsucht. Mit ihren Quälern, behauptete ihre Salzburger Freundin Elisa, bestrafe sie sich selbst, denn solange andere sie quälten, bleibe sie im Recht. Ihre wirkliche Qual sei, nichts zu Ende zu bringen, eine Hemmung, gegen die sie kein Mittel wisse, als sich unterzuordnen.

Draußen flogen die Hügel der Buckligen Welt vorbei. Allmeier war mit sich zufrieden, denn immerhin hatte sie den Mut aufgebracht, nach Salzburg zu fahren. Vielleicht, dachte sie, lasse sie sich tatsächlich quälen, von Schrei, von Kapp und den anderen, aber sie halte stets noch mehr aus als ihre Quäler und sei am Ende zäher als sie.

Als Studienabbrecherin von der Arbeitsmarktförderung dem Hofgarten vermittelt und finanziert, habe Kapp sie schon nach wenigen Monaten die gute Seele genannt, die Sekretärin, die mit dem Chaos und Wahnsinn der Künstler zurechtkäme. Und habe nicht Daniela Ferrini, Kapps stellvertretende Präsidentin, wie sie als Sekretärin begonnen?

Schreis böse Zunge nenne Ferrini neurotisch wortkarg und das Inbild der strengen Mutter, korpulent, mit am Hinterkopf verknotetem Haar und großmütterlich gekleidet, eine Cerbera, die offenen Streit durch ihr bloßes Erscheinen unterbinde. Alfons Schrei übertreibe wie immer maßlos.

In den Künstlern, doziere er gern, sei die Kunst beheimatet, und der Kunst müsse alles untergeordnet werden. Als Kunstfeind verhexe der Hofgarten, wen Kapp für unbegabt halte, Realisten, Utopisten und Sozialisten, die in Kapp körperlichen Ekel erregten. Loyalität laute das oberste Gesetz, und eine Sekretärin sei die Verkörperung dieses Gesetzes.

Allmeier lächelte. Eine Künstlerhausfrau, dachte sie, gehorche nicht dem Gesetz, sondern lebe es. Sie geleite die Künstler in den praktischen Angelegenheiten des Lebens, weil sie im Alltag Kinder geblieben seien, Pubertierende, die daran festhielten, damit der Quell ihres Schaffens nicht versiege. Das Recht auf eine zweite Kindheit würden Künstler durch Ruhm erwerben, und eine Frau müsse sich nicht nur zu einem Künstler hingezogen, sondern sich selbst für die Hingabe an einen Künstler auserwählt fühlen.

Ob sie die hohen Erwartungen erfüllen könne? fragte sich Allmeier und sah in den Rückspiegel. Entspreche Ferrini dem Bild der Auserwählten, der Muttersekretärin? Und weckten nicht gerade Berührungsängste und stille Aggressionen das Begehren der Künstlerhausmänner?

Im Autobahntunnel, wie im Sog der Nacht, der Schrei, an Höhenangst leidend, ängstige, fühlte sich Allmeier wie losgelöst. Die Künstlerhausmänner widmeten ihren Frauen Bilder und Plastiken und schrieben für sie Rollen in Theaterstücken. Die Frauen der Künstler hätten sich wie Nonnen, wie Huren hinzugeben und zugleich nicht hinzugeben, zu gehorchen und sich für ein Leben danach aufzusparen. Ganz gleich, ob sie sich hingeben würden oder Hingabe in Fleiß und Gehorsam ihren Ausdruck fände, die Frauen der Künstler bewahrten sich immer auf.

In einer Raststation in der Obersteiermark machte Allmeier halt und aß Nudelsuppe und Apfelstrudel. Das Interieur aus Plastik, die Zapfsäulen der Tankstelle, die Kalkfelsen der Berge im Hintergrund wirkten mit einer ihr unerklärlichen Intensität auf sie, und interessiert folgte sie den Schritten der Kellner.

Wenig später, als sie ihre Reise fortsetzte, dachte sie an Kapp und fühlte sich wie eine Todsünderin, eine Kunstmörderin, wie Kapp sie, wüßte er von ihrer Fahrt zu Pöll, nennen würde. Wiederholt meldete sich, sobald sie an den Abfahrten Exit las, ihr Gewissen mit dem Befehl umzukehren. Alle und alles überschattend, ihre Arbeit, ihre Beziehungen, ihr Leben, sei Utz Kapp, dachte Allmeier, nicht nur ihr Präsident, sondern das Gesetz selbst, dem sie gehorchten. Kapp gebe und nehme ihnen den Atem, wie er wolle, und über das Ende seiner vierzigjährigen Präsidentschaft nur einen Gedanken zu wagen, gleiche einem Vatermord. Andererseits tue sie, was sie jetzt tat, wie Kapp es tun würde. Noch die verbotenen Wünsche gehorchten seinen Gesetzen.

Einen Augenblick später dachte sie fast zärtlich an Utzi und dachte auch an Schrei, der nichts sehnlicher wünsche, als so zu sein wie Kapp und zu besitzen, was Kapp besitze.

Kapp meide ja im Grunde das Künstlerhaus, weil er ständig Intrigen fürchte, gegen die er zu steuern hätte. Von früh bis spät in der Stadt unterwegs, von Café zu Café, von Büro zu Büro, von Redaktion zu Redaktion, halte Kapp ein kompliziertes Netz von Informanten und Lobbyisten aufrecht. Sei er nicht unterwegs, sitze er zu Hause und telefoniere. Ihm entgehe nichts, weil er stündlich mit Ferrini konferiere. Das Kommen und Gehen im Büro gleiche einer Vernissage, mit allen Dramen, Intrigen und Zusammenbrüchen, die Vernissagen kennen.

Jetzt, auf der Fahrt nach Salzburg, war sich Allmeier ihrer Berufung so sicher wie noch nie. Immer schon, dachte sie, sei es an ihr gelegen, das Künstlerhaus zu retten. Wer, wenn nicht sie, sei mit den Jahren zur Künstlerhausmutter geworden, sie und nicht Ferrini, die sich das nur einbilde, weil Kapp sie als seine Nachfolgerin vorsehe, um den Einfluß auf den Hofgarten bis an sein Lebensende nicht zu verlieren. An ihr, Allmeier, liege es, die Zeit nach Kapp vorzubereiten. Sie und niemand anderer fahre nach Salzburg, um das Künstlerhaus als eine Schicksalsgemeinschaft zu retten.

Sie nämlich würde sich nicht von jener Angst vor einem Kulturmanager anstecken lassen, die die Künstlerhausmänner in heilige Rage treibe. Schrei gegenüber, der Kapps Ende geradezu beschwöre, habe sie das Treffen mit Pöll verschwiegen, weil der als Manager für Schrei einen Eindringling darstelle, einen Agent provocateur, der sich in Künstlergemeinschaften einniste, um sie zu vernichten.

Von Pölls Unternehmen wußte Allmeier, weil Beamte des Kunstministeriums Ferrini zu verstehen gegeben hatten, man wünsche eine zeitgemäßere Leitung des Künstlerhauses. Bis Wien spreche sich durch, wie gespenstisch am Hofgarten, dem Inbegriff zeitgenössischen Handelns, die Gegenwart spurlos vorbeiziehe. Böse Witze über eine beamtete Avantgarde kursierten, man wolle aber Kapp nicht kränken und empfehle die Kontaktnahme mit Pöll, der sich auf Reformen verstehe.

Für Schrei müßten sich Künstler aus sich selbst heraus retten, und nicht mit Hilfe eines Managers, der nichts im Sinn habe als das Zugrunderichten eines Künstlerortes, der Seele, des Odems, des Atems der Kunst, kurz dessen, was ein Künstlerhaus darstelle. Ein Künstler, so Schrei, finde sich von Feinden umzingelt, von Politikern, Kritikern, Beamten und Managern und nicht zuletzt von einem kunstunverständigen Publikum. Nur indem er sich das Brennen in der Brust bewahre, den heiligen Zorn, bleibe er ein Künstler, bewahre er sein besonderes Wesen, das ihn vom Durchschnittsmenschen unterscheide.

Ferrini hätte gezaudert, wie sie immer zaudere, und ihr, Allmeier, davon erzählt, geradezu panisch, weil Ferrini die Drohung aus Wien durchaus verstanden habe, aber nichts unternehme, zwar bissig und griesgrämig, aber hörig ergeben, wie sie Kapp sei. Sie, Allmeier, dürfe nicht zaudern wie Ferrini, die gleichzeitig nichts inniger wünsche, als daß Allmeier das Heft in die Hand nehme, um sich selbst die Hände in Unschuld waschen zu können und am Ende mit weißer Weste als neue Präsidentin feiern zu lassen.

Gegen Mittag kam Allmeier in Salzburg an, verwundert über die Modernität dieser Stadt. Als sie das Gelände des Techno-Zentrums betrat, spürte sie eine Dynamik, die ins Zukünftige drängte, eine Kraft, die sie bisher nur als Unbehagen wahrgenommen hatte. Ihr vager Wunsch nach Gegenwart, nach etwas jenseits der Verklärung des Künstlerleids und -freuds, bekam ein faktisches Gesicht, eine architektonische Entsprechung, etwas, was ihr greif- und bewältigbar schien. Dieses Etwas hieß Machbarkeit, eine Hoffnung, Verbindungen zwischen der Welt der Menschen und der Ordnung der Kunst herzustellen.

Am westlichen Stadtrand gelegen, war die Atmosphäre des Techno-Zentrums nüchtern und hell. Wie auf einem Campus angeordnet, reihten sich uniforme schlichte Neubauten, und ein Farbleitsystem wies den Weg. Vorbei an Tafeln wie High Tech, Medical Tech, Multimedia, Kommunikationsdesign fand Allmeier zu Pöll. Auf den Anschlagtafeln in der Vorhalle des Internationalen Kultur Management Zentrums las sie Stundenpläne für Kursteilnehmer in Fächern wie Marketing, PR, Produktanalyse, Finanzcontrolling, Sponsoring, Geschäftsstrategien, Human Ressources, Informationsmanagement. Die Büroräume waren offen, eine Landschaft aus Nischen und Ecken, mit Computern auf den Tischen und an den Stellwänden hochrankenden Pflanzen. Allmeier staunte über den kollegialen Ton, mit dem die Frau, die sie nach Pölls Büro fragte, antwortete.

In einem bequemen Lederfauteuil saß sie dann dem freundlichen Herrn gegenüber, der ihr in die Augen blickte, ohne sie zu mustern. Die Fensterrahmen aus Aluminium, registrierte Allmeier, waren hellgrün gestrichen, und die schwarzen Jalousien auch tagsüber halb geschlossen. Johann Pöll ließ Kaffee servieren, erkundigte sich nach der Reise und plauderte vom Ruf des Hofgartens als einem Zentrum zeitgenössischer Kunst.

Pöll, dachte Allmeier, habe womöglich einen Hinweis aus dem Ministerium erhalten und verwechsle sie wohl mit Ferrini. Aber sosehr sie diese Möglichkeit erschreckte, erregte sie auch die Vorstellung, in die Haut einer anderen zu schlüpfen, in die Haut einer Frau, die sie mochte, so wie sie sie nicht mochte, wie eine ältere Schwester.

Ferrini, dachte Allmeier, während sie Pöll gegenübersaß, der gerade ein Telefonat entgegennahm, tue alles für Kapp und ertrage Wühler, der ein aggressiver und zur Brutalität neigender Alkoholiker und ohne Ferrini nichts sei. Wühler hasse Kapp, weil er Kapp nicht das Wasser reichen könne, aber sich einbilde, ein geborener Vorgesetzter zu sein. Dabei bringe Wühler keinen geordneten Satz über die Lippen. Betrete Wühler das Büro, flüsterten die Sekretärinnen: Achtung Giftzwerg, und sie, Allmeier, kenne niemanden, der Frauen niederträchtiger demütige als Wühler, Frauen, alleinstehend mit einem Kleinkind, die es nicht wagten, Recht einzufordern, heilfroh, irgendeine Arbeit gefunden zu haben.