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© 2008

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

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ISBN 978-3-7099-7396-7

Umschlaggestaltung: Haymon Verlag/Stefan Rasberger

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Wendelin Weingartner

Ein Tiroler Traum

Ein Tiroler Gedenkjahr steht wieder vor der Tür. Alle 25 Jahre wird an den tapferen, aber letztlich erfolglosen Widerstand der Tiroler gegen die französisch-bayerische Übermacht erinnert.

Die bisherigen Gedenkjahre standen jeweils unter einem anderen Motto, das auf die jeweilige geschichtliche Situation Bezug nahm. Im Jahr 1859 war es der Aufruf zur Abwehr des Feindes aus dem Süden, denn italienische Freischaren unter der Führung Giuseppe Garibaldis bedrohten Tirol. Im Jahre 1909, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, war es das Treuegelöbnis an den Kaiser, das im Mittelpunkt der Feierlichkeiten stand. 1934 erklang der Appell für die Erhaltung der Unabhängigkeit Österreichs vor der drohenden Machtübernahme durch Nazi-Deutschland. Im Jahre 1959 standen die auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufrecht gebliebene Teilung Tirols und die bedrohten Rechte der Südtiroler im Mittelpunkt des Gedenkjahres. Schließlich wurde das Gedenkjahr 1984 unter das Motto gestellt: „Gemeinsam Tirol gestalten, Erbe und Auftrag.“ Die zusammenfassende Botschaft der Gedenkfeiern des Jahres 1984 war dann: Jeder soll an seiner Stelle ein Stück gemeinsames Tirol bauen.

Was wird das Motto des Gedenkjahres 2009 sein? Tirol in einer Identitätskrise? Neben allen Festveranstaltungen und patriotischen Umzügen, neben Festreden und neuen Gedenkstätten muss ein solches Gedenkjahr auch zu einer geistigen Auseinandersetzung über das gemeinsame Tirol im 21. Jahrhundert genützt werden. Ansatzpunkt hiefür könnte zunächst die Frage sein, wie die Aufträge aus dem letzten Gedenkjahr 1984 erfüllt wurden. Der damalige Südtiroler Landeshauptmann Silvius Magnago hat bei einem großen Treffen in Brixen, das in Vorbereitung des Gedenkjahres am 30. April 1983 stattgefunden hatte, erklärt: „Wir werden die Kleinmütigen, die resignierend von Entfremdung und Identitätsverlust reden, durch die Kraft unseres Selbstbewusstseins überzeugen, dass Tirol eine unzerstörbare Einheit ist und bleibt. Diesen Geist müssen wir vor allem auch der Jugend weitergeben, denn die Jugend ist die Zukunft und unsere Zukunft heißt: Ein Tirol.“

Die äußeren Bedingungen für ein gemeinsames Tirol haben sich zweifellos entscheidend verbessert: Keine Grenzbalken und keine Grenzkontrollen, keine unterschiedlichen Währungen und keine große Sorge mehr, dass deutsche Sprache und Kultur von außen gefährdet werden. Aber neue Gemeinsamkeiten wachsen nur sehr langsam, und manch alte Gemeinsamkeit wurde am Altar des Eigennutzes geopfert. Haben die Kleinmütigen und Resignierenden in Tirol die Oberhand gewonnen? Kann es noch eine Zukunft für die ursprüngliche Dimension des gemeinsamen Tirol geben? Für ein gemeinsames Tirol in einem Europa, in dem nationale Grenzen verblassen und gewachsene regionale Identitäten neue Bedeutung gewinnen? Einer Diskussion über diese Fragen darf im Gedenkjahr 2009 nicht ausgewichen werden.

Im Sinne des Völkerrechtlers Felix Ermacora ist Südtirol ein europäischer Lehrfall. Ein Lehrfall zunächst für all das, was einem Volk nicht angetan werden darf, ein Lehrfall für nationalistische Brutalität: Gebietsabtrennung ohne Selbstbestimmung, Verdrängung der angestammten Muttersprache, Aussiedlung unter falschen Verheißungen, versuchter Todesmarsch durch Unterwanderung, Folterung als Antwort auf verzweifelte Widerstände. Noch heute kann sich ein demokratisches Italien nicht von Symbolen faschistischer Macht trennen.

Südtirol ist aber auch ein Lehrfall dafür, dass es Wege geben kann, die Rechte einer bedrohten Volksgruppe zu schützen und damit den Konflikt zu entschärfen – durch eine international abgesicherte Autonomie. Wer aber in Sonntagsreden immer wieder versucht, Südtirol als Muster für die Bereinigung von Volkstumskonflikten anzupreisen, der vergisst, dass die Lösung für Südtirol nicht am Reißbrett konstruiert, sondern leidvoll gewachsen ist. Der verkennt auch, dass diese Lösung von einer klaren Trennung der Volksgruppen ausgeht, ja diese Trennung die Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit des Modells ist. Das System des Autonomiestatuts folgt dem Modell der Konkordanzdemokratie. Dieses Modell geht von der Fragmentierung der Gesellschaft in streng abgegrenzte Subsysteme aus und verteilt die Macht zwischen diesen Systemen. Diese Trennlinie ist im Fall Südtirol die ethnische Zugehörigkeit. Um Auseinandersetzungen zwischen den beiden ethnischen Teilen der Gesellschaft zu verhindern, ist im Autonomiestatut festgelegt, dass die Machtverteilung nicht nur vom Resultat des Konkurrenzkampfes um die Stimmen abhängt – wie in der normalen Konkurrenzdemokratie –, sondern auch durch die Beteiligungsgarantien, die für die einzelnen Volksgruppen festgelegt sind. Diese Beteiligungsgarantien sichern den beiden Volksgruppen – in gewissem Maße auch der ladinischen – die proporzmäßige Teilhabe an der Macht. Die Regelungen dieser Machtverteilung gehen sehr ins Detail.

Dieses für Südtirol gewählte Modell hat sich zur Lösung des Konfliktes zweifellos bewährt. Es zwingt die Eliten der gesellschaftlichen Subsysteme zur Kooperation. Nach den Auseinandersetzungen in den 1960er Jahren hat es zur Befriedung der Volksgruppen wesentlich beigetragen. Heute ist Südtirol eine friedliche, wohlhabende Region mit vielen eigenen Kompetenzen.

Für eine Diskussion zum Tiroler Gedenkjahr 2009 kann es aber nicht genügen, die Situation Südtirols nur aus dem Blickwinkel des Türspalts der Gegenwart zu betrachten. Wer den Türspalt erweitert und versucht, in die Zukunft des Landes zu blicken, für den ergeben sich zwei Fragen.

Zum einen die volkstumspolitische Frage: Die ethnische Fragmentierung ist die Voraussetzung dafür, dass der Volksgruppenschutz des Autonomiestatuts funktioniert. In dem Ausmaß, in dem diese Fragmentierung abgebaut wird, verliert das Statut seine Schutzwirkung. Vor allem in den urbanen Räumen Südtirols wird diese Trennung von der tatsächlichen gesellschaftlichen Entwicklung bereits überholt. Für die nächsten Generationen wird die Frage, welcher Volksgruppe sich jemand zugehörig fühlt, immer weniger eine zentrale Frage sein. Das beginnt beim Kindergarten und reicht über Schule bis zu Sport und Beruf. Die Aufweichung der ethnischen Trennung kommt daher nicht von oben, nicht von den politischen Eliten, deren Machtbefugnisse ja von dieser Trennung abgeleitet werden, sondern von unten.

Ist es dann nicht nur mehr eine Frage der Zeit, wann die von Italien angestrebte Assimilierung Wirklichkeit wird? Wird man da nicht an die Worte Degasperis erinnert, der im Mai 1953 als italienischer Ministerpräsident in Trient erklärt hat: „Einmal stimme ich mit Mussolini überein, der im Jahre 1938 feststellte, dass man, um Südtirol zu entdeutschen – stedeschizzare sagte er – die Südtiroler nicht isolieren dürfe, sondern am nationalen Leben teilhaben lassen müsse.“ Diese Assimilierung ist heute in den urbanen Räumen deutlich erkennbar. Außerhalb dieser Zentren ergibt sich allerdings ein anderes Bild. So scheint Südtirol auch räumlich fragmentiert.

Wer als Antwort auf diese Entwicklung die Re-Ethnisierung fordert, liegt zwar auf der Linie des Autonomiestatuts, aber wohl nicht auf der Linie der Entwicklung einer friedlichen Gesellschaft in Südtirol. Einer Gesellschaft, die auf das Wiederbeleben alter Feindbilder verzichtet. Um der „Entdeutschung“ Südtirols entgegenzuwirken, aber die friedliche Entwicklung nicht zu behindern, bedarf es neuer Strategien, die über das Autonomiestatut hinausgehen. Die Assimilierungsstrategie Italiens hat im nationalstaatlichen Denken ihre Wurzel. Die Überwindung dieses Denkens ist jenseits nationalstaatlicher Strategien zu suchen. In einem kosmopolitischen Europa der regionalen Differenzen jenseits nationalstaatlicher Grenzen.

Die zweite Frage ist, inwieweit die mit dem Autonomiestatut verbundene ethnische Fragmentierung der Gesellschaft Potentiale für künftige Entwicklungen einschränkt. Also die Frage, ob damit auch die Möglichkeiten für Südtirol – aber auch für das Bundesland Tirol –, als europäischer Verbindungsraum zu wirken, geschmälert werden. Kann diese ethnische Trennung nicht auch zu einer geistigen Enge führen und zu einer Einschränkung der kreativen Elemente? Werden nicht die Möglichkeiten der Energien, die sich aus dem Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen ergeben, eingeschränkt? Besteht nicht die Gefahr, dass das Land sich als Gegengewicht zu dieser möglichen Enge manchen Modernismen ausliefert? Führt diese Situation nicht zwangsläufig auch zu einem Kleinstaatsdenken mit all seinen Folgen?

So ist die Autonomie heute zweifellos ein sicheres Fundament. Zweifellos ein großer Erfolg konsequenter Politik Südtirols. Aber sie kann nicht Endpunkt sein. Das Schlagwort der „dynamischen Autonomie“ wird oft gebraucht. Aber wie soll die Autonomie dynamisiert werden? Vielleicht durch mehr Kompetenzen für die Provinz, aber damit wohl auch durch mehr Abhängigkeit von römischen Geldtöpfen. Vielleicht wäre es doch an der Zeit, auf dem Fundament der Autonomie ein neues Projekt zu wagen.

Ein Projekt, das allen Teilen Tirols dient: dem Süden, dem Norden und dem Osten. Ein Projekt, das in einem Europa der Differenzen eine regionale Einheit wieder aufleben lässt. Eine Einheit, die dem Verbindenden und nicht dem Trennenden verpflichtet ist.

Die enge Kooperation der alten Landesteile gibt jene Sicherheiten, die der Schutz der deutschen Kultur in Südtirol braucht. Dieser Schutz lässt aber auch die Überwindung ethnischer Grenzen nicht mehr als Gefahr, sondern als Chance erscheinen. Als Chance, um dem Gesamtraum Tirol wieder jene Bedeutung, aber auch jene Aufgabe zu geben, die dieses Land einmal hatte. Dann könnte Südtirol eben mehr sein als ein wohlhabendes, wunderschönes, aber doch etwas enges Sonnenstübchen im Norden Italiens und das Bundesland Tirol mehr sein als der westliche Wurmfortsatz eines donaueuropäischen Raumes. Tirol als attraktiver europäischer Verbindungsraum mit besonderen Qualitäten und Chancen.

Um dieses Projekt umzusetzen, müssten fünf Bedingungen erfüllt werden:

•   Hinter diesem Projekt müsste ein starker politischer Wille stehen.

•   Ressentiments zwischen dem Norden und Süden müssten konsequent abgebaut werden.

•   Die Basis müsste die Gleichwertigkeit der Landesteile mit ihren Hauptstädten sein.

•   Ein Mindestmaß an institutionellen Strukturen müsste aufgebaut werden.

•   Es muss immer klar erkennbar sein, dass hinter dem Projekt nicht alte nationalstaatliche Ziele stecken, sondern dass es sich um eine neue europäische Qualität handelt.

Mit einem solchen Projekt könnte dann Südtirol – und mit Südtirol ganz Tirol – zu einem guten Lehrfall werden. Zu einem Lehrfall der europäischen Einigung. Zu einem Lehrfall, wie die europäische Einigung im Herzen Europas eine friedliche, weitgehend autonome Region schafft, in der alte Feindbilder keinen Platz mehr haben. Auch keine Dornenkrone mehr.

Vielleicht ein Tiroler Traum. Aber in Gedenkjahren muss Träumen erlaubt sein.

Protokoll 1: Iginio Rogger

31.1.2008, Trient, via Carlo Esterle 2, gleich hinter dem Dom. Iginio Rogger lebt und arbeitet hier, Philosoph, Theologe, Kirchenhistoriker, Doctor honoris causa der Rechtswissenschaften, ein Gedächtnisspeicher (nicht nur) Tiroler Geschichte.

Ach, diese Tirolgeschichte ist eine aufregende Sache für die Gelehrten, da gäbe es viel zu forschen. Das Trentino verleugnet diese Geschichte ein wenig, zu Unrecht, glaube ich, denn es war ein Verdienst Tirols, die frühere bischöfliche Kleinstaaterei in eine stärkere politische Einheit überzuführen. Das Bistum Trient wäre ohne seine Zugehörigkeit zu Tirol eine leichte Beute seiner Veroneser Nachbarn geworden, durch Tirol hat es seine Eigenständigkeit bewahren können. Unter Tirol war „Land“ nicht nur ein geographischer Begriff, das bedeutete auch ans Territorium gebundene Rechte, Kompetenzen. Das ist am Nationalismus zerbrochen.

Iginio Rogger ist 1919 geboren, 89, er sitzt hinter seinem Schreibtisch vor aufgestapelten Büchern, lächelt aus milde gewordenen Augen, sinkt im Laufe des Gesprächs immer tiefer hinter den Bücherstapel.

Wir müssen uns bemühen, die Jahre ab 1915 nicht zum Maßstab zu nehmen, Krieg kann kein Maßstab sein. Die Trentiner Irredentisten wurden für den italienischen Anspruch auf die Brennergrenze missbraucht, aber Cesare Battisti wollte nicht die Brennergrenze. Was habe ich für Kämpfe erlebt, als ich seine Witwe darin unterstützt habe, dieses sein Vermächtnis öffentlich zu machen! Aber auch Alcide Degasperi wird Unrecht getan, ich weiß, ihr Südtiroler habt da ein Problem, weil er die Autonomie auf das Trentino ausgedehnt hat. Ich habe mit Karl Gruber geredet, der mit Degasperi den Pariser Vertrag geschlossen hat. Er hat mir gesagt, schauen Sie, Degasperi und ich haben uns damals bei der Unterzeichnung angeschaut und wohl dasselbe gedacht: Das eine ist dieser Vertrag, etwas anderes die Umsetzung, auf die wird es ankommen. Und das ist am Anfang leider danebengegangen. Ja, diese Tiroler Geschichte, manchmal frage ich mich schon, welche Antworten Jesus von Nazareth dazu geben würde.

Tirol ist sehr schön, aber die schönsten Landschaften können uns nicht entzücken bei trüber Witterung und ähnlicher Gemütsstimmung. Diese ist bei mir immer die Folge von jener, und da es draußen regnete, so war auch in mir schlechtes Wetter. Nur dann und wann durfte ich den Kopf zum Wagen hinausstrecken, und dann schaute ich himmelhohe Berge, die mich ernsthaft ansahen und mir mit den ungeheuern Häuptern und langen Wolkenbärten eine glückliche Reise zunickten. (…) Im südlichen Tirol klärte sich das Wetter auf, die Sonne von Italien ließ schon ihre Nähe fühlen, die Berge wurden wärmer und glänzender, ich sah schon Weinreben, die sich daran hinaufrankten, und ich konnte mich schon öfter zum Wagen hinauslehnen.

(Heinrich Heine, Reisebilder, 1828)

A 22 – A 13

Reisen ist flüchtiger geworden seit damals, als Heinrich Heine in der Postkutsche über den Brenner fuhr, ähnlich wie rund 50 Jahre vorher Johann Wolfgang von Goethe, wie überhaupt viele Söhne aus wohlhabenden Familien in England, Frankreich und Deutschland zur letzten Reifung auf Bildungsreise nach Italien aufbrachen oder geschickt wurden. Wohl fluchte auch Goethe darüber, wie er vom Brenner abwärts durch die Orte gebeutelt wurde und ihm kaum Zeit blieb, sich in Sterzing, in Brixen, in Klausen umzusehen, aber er fand Anregung und Muße, Sehnsüchte zu entwickeln und Gedanken zu weben. An Heine holperten das Eisacktal flussabwärts die Häuser vorbei, die er als „niedlich“ und „nett“ beschrieb, „auch hübsch bemalt sind diese Häuschen, meistens weiß und grün, als trügen sie ebenfalls die Tiroler Landestracht, grüne Hosenträger über dem weißen Hemde“.

Nüchterner als damals und etwas banal liegt Tirol 2009 diesseits und jenseits des Brenners entlang der Autobahn. Die Landschaft an den Hängen fast noch dieselbe wie ehedem, gespickt mit einigen Häuschen mehr, die in der Regel ein bisschen weniger niedlich und nett sind und selten Landestracht tragen, eher einen Verschnitt davon. Die Talsohle verbaut, expandierende Gewerbegebiete als Ausläufer von Dörfern und Städten.

Sicher ließe sich Reiseromantik auch hier noch erspüren. Man könnte bei Waidbruck, in diesem zwischen Schiene und Straße und Stromleitung verspannten Dorf im Schatten der Autobahnschlange, anhalten und zur Trostburg wandern, die noch mit einer gewissen Erhabenheit über dem Tal thront, wie alte Burgen es zu tun pflegen, auch wenn sie längst aus der Zeit und aus der Bedeutung gerückt sind. Die Burg war Amtssitz der Richter von Villanders und kam in den Besitz der Herren von Wolkenstein, wenn auch nicht der berühmte Minnesänger und Haudegen Oswald von Wolkenstein sie übernahm, sondern sein Bruder Michael. Von diesem führt eine direkte Linie zu Frau Hofrat Viktoria Stadlmayer, deren Mutter nicht „eine Gräfin Wolkenstein“ war, wie sie sich über saloppe Biographen ärgern konnte, sondern „die“ Gräfin Elisabeth Wolkenstein. Viktoria Stadlmayer, 1917 in Brixen geboren, verbrachte als Mädchen im Schloss ihres Onkels viele Sommerfrischen. Erinnerungsbilder davon bewahrte sie sich bis ins hohe Alter: wie die Bauern bei Mondschein aus den umliegenden Höfen zur Burg abstiegen und dort, hinter den sicheren Mauern, verbotene deutsche Lieder sangen, vereint für einige magische Stunden im Trutz gegen die fremde italienische Herrschaft zur Zeit des Faschismus, Graf und Bauer und Knecht für eine Sommernacht die Kluft überwindend, die nicht minder tief und trennend gewesen sein dürfte, als Sprachgrenzen es sind.

Der Wolkensteiner: Er könnte ein Stammvater tirolischen Bewusstseins sein, raubeinig, sattelfest, verwegen und doch groß im Lieben und Verehren des Schönen, ein musikalischer Avantgardist seiner Zeit, ein Ritter Elvis des späten Mittelalters, hoch zu Ross, Lockenpracht, Hüftschwung und zusammengekniffenes, weil verlorenes Auge als erotische Markenzeichen, bedeutender Recke und Diplomat im Dienste des deutsch-ungarischen Königs Sigmund und auch des Tiroler Herzogs Friedrich IV. mit der leeren Tasche. Kein Bückler, er schloss sich einem Adelsaufstand gegen Friedl an, handelte sich Havarien um Schloss und Besitz ein, verbrachte Jahre der Verzweiflung in Gefangenschaft, im Innsbrucker Vorstadtgefängnis Kräuterburg und auf Schloss Vellenberg in Völs im Inntal. Auch fünf Jahre Haft beugten ihn nicht.

Und doch verwittert sein Gedächtnis in der gebügelten Glätte Südtiroler und Tiroler Gegenwartsbefindlichkeit, hochgehalten als Standarte bei der nach ihm benannten Reiterveranstaltung im Tourismusdreieck Völs-Seis-Kastelruth am Schlern. Als sich Deutschtirol gegen 1900 als Außenposten des deutschen Nationalismus gegen den italienischen Irredentismus zu begreifen begann, wurde nicht Oswald von Wolkenstein, sondern Walther von der Vogelweide als Denkmal in Bozen in Stellung gebracht – als Symbol „deutschen Freiheitsgefühls und deutscher Machtentfaltung“, wie es in der Festschrift zur Denkmalenthüllung 1889 heißt. In Trient wurde 1896 das Dante-Denkmal dagegengestellt, dem „padre“, dem Vater der Nation gewidmet. Diesseits und jenseits der von da an immer schärfer gezogenen Sprachgrenze berief man sich nicht auf Trentiner oder Tiroler Geist, sondern auf großdeutsche, auf großitalienische Überstiegenheit, den einen wie den anderen Dichter über Zeit und Geist ihres Wirkens zerrend, verzerrend. So wie der Vogelweider am Bozner Waltherplatz nach Süden blickt, voller Taubendreck, hie und da beschmiert, einmal von Reinhold Messner nächtens mit rotem Schal umwickelt, auf dass er weniger friere in seiner politischen Entfremdung, so starrt der Alighieri auf seinem Platz zwischen Bahnhof und Regionalrat in Trient etwas verdrossen, aber milde nach Norden. Subversiv unterlaufen die Poeten den nationalistischen Missbrauch ihrer vornationalen Dichtung, indem sie zueinander schauen.

Links von der Autobahn, hoch über dem Tal, taucht Säben auf, noch erhabener als die Trostburg, noch deutlicher aus der Zeit gefallen – oder auch nicht. Auf Säben und in Trient wurden – zwischen 300 und 500 – Tirols erste Bischofssitze eingerichtet, Zentren kirchlicher und weltlicher Macht in der römischen Provinz Aquileia. In Trient, das zum Hochstift aufstieg, wurde – mit einigen Unterbrechungen und einer Verlegung nach Bologna – von 1545 bis 1563 das Tridentiner Konzil abgehalten. Säben wurde 798 dem Erzbistum Salzburg unterstellt, um 900 wurde der Bischofssitz nach Brichsna verlegt. Jetzt ist es ein Memento mori entlang einer beschleunigten, das Leben schnell voran- und gelegentlich um die Ecke bringenden Achse. Leitplanken, Lärmschutzwände, digitale Stauankündigung, Raststätten, Ausfahrten, Einfahrten, Mautstellen, mehr oder weniger automatisiert, regeln das Leben zwischen Trient und Innsbruck, Borghetto und Kufstein, Modena und München, halten es in den vorgesehenen Bahnen, schirmen die Umgebung von der Straße oder die Straße von der Umgebung ab, empfehlen auf Touristenschildern, was es am Straßenrand zu sehen gäbe, hätte man Zeit.

Auf dieser Seite des Brenners: die Stellagen mit italienischem Autobahn-Raststätten-Firlefanz, den Plastikbehältern mit den ausrangierten CDs zum Wühlen, die lange metallene Theke, auf die von Baristi im Sekundentakt die Espressi gestellt werden, Panini üppig aufgetürmt und fantasievoll mit Namen ausgestattet, frisch ausgebackene Brioches mit Crema, Marmelatta oder Ciocolatta. Auf der anderen Seite des Brenners: die Stellagen mit österreichischem Autobahn-Raststätten-Firlefanz, keine ausrangierten CDs, eine knappe Theke zwischen Registrierkasse und Zapfstellendisplay, einige Barhocker, die Kaffeehausatmosphäre simulieren, abgepackte Hörnchen, eine Glashaube mit Wurst- und Käsesemmeln, das Backrohr mit zwei Laiben angeschmortem Fleischkäse, der Tankwart und Barmann weniger elegant, weniger schnell, aber meistens mit einem trockenen Schmäh.

Auf der Staatsstraße, auf den alten Landstraßen wären die Akzente vielleicht deutlicher, ließe sich vergleichen die schlichtere und zugleich vornehmere Gasthofarchitektur südlich des Brenners mit der opulenten Wirtshausherrlichkeit Nordtirols. Die Suche nach Gemeinsamkeiten diesseits und jenseits des Brenners hat Generationen überfordert, ermüdet, zu langweilen begonnen. Am ehesten verbindet noch die Suche nach dem Trennenden: Sind die Südtiroler wirklich feiner, eleganter, cooler – oder nur arroganter? Lieben uns nun die Trentiner wieder oder halten sie ein Messer hinterm Rücken, um uns den Autobahnpräsidenten, die Studenten und die Fluggäste wegzunehmen? Und was macht es aus, dass die Nordtiroler, gerade weil sie etwas uncooler sind, irgendwie echter, gar „ehrbarer“ wirken, wie es Hans Heiss erlebt, tirolerisch sozialisiert durch frühe Autofahrten von Brixen nach Innsbruck. Es sind die 1950er Jahre, das Fahren von Südtirol nach Nordtirol ist beinah ein Bekenntnis, die alte Brennerstraße noch eine Herausforderung, dafür am Bergisel jedes Mal die Belohnung – der Blick auf Innsbruck. Ein halbes Jahrhundert später ist der Anblick immer noch ein Erlebnis: neu die Sprungschanze, unverändert die Weitung der Landschaft, mächtig aufragend die Nordkette, eine Inszenierung, die das Herz aufgehen lässt, mit Fluch bedacht vom faschistischen Senator Ettore Tolomei: „Innsbruck, Stadt meines Hasses, daß der Inn dich überflute; daß das Salz der Haller Salinen deine Felder vergifte; daß die Berge (…) dich zermalmen“. Als der junge Hans Heiss das las, wusste er: „Dieser Tolomei muss ein Arsch sein.“

Am Brenner: das fast schon gewohnte Auftauchen von Geschichten aus der Kindheit, der Blick zur großen Uhr am Bahnhofsgebäude, hinter der wir wohnten, als ich geboren wurde, 1961, Bombenzeit. Das Bahnhofsgebäude wurde als mögliches Attentatsziel streng bewacht. Die Kohleschächte zu den Kellern wurden zugemauert, damit keine Sprengsätze durchgeschoben werden konnten. Die Bahnler von hüben und drüben, die Finanzer von hier, die Gendarmen von dort trafen sich trotzdem abwechselnd in der Cafeteria da, im Beisl drüben zum Kartenspielen. Meiner Mutter war der kalte, von Marktbuden und Soldatenaufmarsch belebte Ort an der Grenze eine Heimat. Geschichte hat immer auch diese Seite: die ungestörte, kleine Lebensnische, die sich nicht trüben lässt von den großen Bewegungen und Ereignissen.

Meine erste Innsbruckfahrt auf eigene Faust entbehrte besonderer Ehrbarkeit, es waren schon die 80er Jahre und uns trieb das Ahnen eines freieren Nachtlebens nach Tirol. Wir waren noch nicht alle 18, einer hatte Führerschein und Auto, der Rauscher in Neumarkt hielt Sperrstunde. Handschlag auf Handschlag wurde beschlossen, nach Innsbruck zu fahren. Wir fuhren durch die Nacht, A22, A13, ein Stück Bundesstraße, sahen die Sprungschanze nicht, kamen zum Bahnhof, schauten uns um, schlenderten durch die schon schlafende und nur gelegentlich durch trunkenes Poltern aufschreckende Stadt, fanden die verrufenen Lokale nicht oder trauten uns gar nicht, sie aufzusuchen – irgendwann saßen wir wieder im Auto und schliefen sitzend ein, suchten am nächsten Tag ein Frühstückslokal und waren verwundert, wie freundlich uns die Bedienung begrüßte, als sie hörte, dass wir Südtiroler seien. Erst da blitzte so etwas wie das Gefühl auf, mit denen hier etwas gemeinsam zu haben. Zu unserer Gegenwartsbefindlichkeit, obwohl durchaus getränkt vom Deutschbleibenmüssen in Südtirol, gehörte Tirol nicht oder höchstens als abstrakte politische Idee ohne Bezug zu Menschen, zu Orten, zu Lebenswelten. Daheim straften die Eltern, als die Kunde umging, wo wir die Nacht verbracht hatten, mit stummem Vorwurf den vermeintlichen Sündenfall, den wir gar nicht begangen hatten. Und jetzt lockt gleich hinter dem Brenner die Sünde mit knalligem Herz die Autofahrer an den Straßenrand: Durchziehender Verkehr war immer ein gutes Geschäft, die ganze Brennerstraße entlang lebte die Bevölkerung über Jahrhunderte davon, Reisende zu bewirten, mit Waren und frischen Pferden zu versorgen, einzuquartieren über Nacht.

Die Grenze später: für Tolomei noch Inhalt all seines Sehnens und Hassens, über diese Grenze sollte der letzte Deutsche das Land verlassen, bis hierher sollte Italien reichen, emotional aufgeladen für Generationen, denen sie in Familienchronik und Lebenslauf geschnitten war, eine Grenze, an der ein Staat seine Macht gleich präpotent demonstrierte wie ängstlich kontrollierte, oft mit Schikanen an Frauen und Kindern und Geschwistern und Bekannten von Attentätern, die stundenlang Personenkontrolle über sich ergehen lassen mussten, weinende Kinder im Abteil, die Mutter, der Vater in der Wachstube. Die Attentäter selbst, ihre Helfer und Helferinnen fanden trotzdem Wege genug, Sprengstoff und Waffen in das zu befreiende Land zu liefern. Im Kinderwagen wurden Dynamitstäbe über die Grenze geschoben, nette Blondinen in schnittigen Autos lenkten die Finanzer vom Nachschauen im Kofferraum ab. So ranken sich Mythen und Geschichten um eine Grenze, die daraus, dass sie umkämpft war, ihre Kraft bezog.

Die Grenze jetzt: auf italienischer Seite die letzte Romantik abgetragen mit der Grenzhütte. Ausladend wie ein Riesendampfer hat sich das Einkaufscenter Design Outlet Brennero in den Ort gestemmt, den Ort aufgehoben zugunsten eines Nicht-Ortes von 10.000 Quadratmetern Ladenfläche, erweiterbar auf 13.000 Quadratmeter Ladenfläche und 70 Shops mit einer Grundstücksfläche von 23.000 Quadratmetern – fast das ganze alte Dorf. Wo auch immer ein Ort liegt, was auch immer seine Geschichte ist, ob diesseits oder jenseits der Grenze, gefahren wird von Shoppingmeile zu Shoppingmeile, nicht von Stadt zu Stadt, wenn die Preise stimmen und der Erlebniswert den Benzinpreis übersteigt.

Hans Heiss gehört als Historiker zum Kreis jener Spezialisten, für die Alttirol noch verbindender Stoff ist, er hat in Innsbruck studiert, ist grüner Abgeordneter mit regen Kontakten zu den Nordtiroler Grünen – sachbezogene, aber offener, inhaltlich reicher wirkende Begegnungen als jene der etwas kühl und professionell kommunizierenden großen Bruderparteien. Die Sympathie für Tirol rührt noch von den Kindheitsgeschichten her, später wurde sie eher gemindert. In den 70er Jahren war Tirol noch uncooler als jetzt, stand im Verdacht von patriotischem Mief. Erst seit die Tiroler Landeseinheit kein Refrain im politischen Vaterunser der Südtiroler mehr ist, findet sich Hans Heiss wieder gern unter den wenigen, die mit Landeseinheit noch irgendetwas verbinden, keine Revolte oder Freistaatgründung, eher Interesse für das viele, was war, und Sympathie für das wenige, was geblieben ist, Forschungsstoff vor allem.

Unlängst: Vorstellung des zweibändigen Werks von Michael Gehler über Eduard Reut-Nicolussi, die Würdigung einer Persönlichkeit, die Südtirol-Politik mit einer gleich antifaschistischen wie antinazistischen Grundhaltung verband. Herzliche Einladungen an Südtirol, zur Buchpräsentation nach Innsbruck ins Ferdinandeum zu kommen. Es kamen genau zwei: Hans Heiss und Martha Stocker, auch sie eine Spezialistin der Tiroler Beziehungspflege. – Vor zwei Wochen in Südtirol: eine kleine Tagung über die italienischen Militärinternierten in der Zeit der NS-Besetzung Südtirols durch die NS-Verwaltung. Wenig Publikum, aber immerhin aus zwei Ländern des ehemaligen Tirols. – Vorgestern: Präsentation der Regesten-Edition aus dem Bozner Stadtarchiv, neben den Boznern und den Trentinern sind in respektabler Anzahl auch die historisch Interessierten aus Innsbruck gekommen. – Diesmal: Im Ferdinandeum wird die Festschrift zum 65. Geburtstag einer Institution der Gesamttiroler Gedächtnisarbeit vorgestellt: Meinrad Pizzinini, Leiter und Kustos der historischen Sammlungen am Ferdinandeum, in jeder seiner Publikationen um den Blick über die Grenze bemüht. Diesmal sind Hans Heiss und Martha Stocker als Landtagsabgeordnete verhindert, offizieller Vertreter aus Südtirol ist keiner da, der frisch pensionierte Direktor des Südtiroler Landesarchivs Ludwig Nössing vertritt einsam den Nachbarn. In Innsbruck ist man nicht einmal beleidigt, man ist es gewöhnt. Die Reise durch die Landeseinheit verspricht eine Reise der Ernüchterung zu werden.

Protokoll 2: Robert Gismann

13.6.2008, Vahrn bei Brixen, Café Voitsberg; ein typischer Ort für Neusüdtirol: Schnittige Baukästen im Stil der Feuerwehrhallen ersetzen das fehlende Dorfzentrum, Blick auf die Autobahn.

Gesamttirol ist zunehmend eine Fiktion. Man geht bei Vorstellungen für die Zukunft von der Vergangenheit aus, Generäle planen immer vergangene Kriege. Überall, wo es Wiedervereinigungen gegeben hat, war ein starker Wille, ein zwingender Grund da, sonst geht’s nicht. Man hat ja gesehen, wie das Projekt einer Holding, noch nicht einmal einer Fusion, zwischen Hypo Tirol und Südtiroler Sparkasse in die Hose gegangen ist. Und umgekehrt gibt es oft ganz zwanglos wirtschaftliche Zusammenarbeit, gegenseitige Firmenbeteiligungen, Ärzte und Rechtsanwälte, die über den Brenner hin- und herarbeiten. Im Weiterbildungsbetrieb gibt es auch einen regen Austausch.

Robert Gismann war Leiter des aufgelösten Südtirol-Referats der Tiroler Landesregierung, in Nordtirol wohnt er in Völs, in Vahrn ist das Haus der Familie seiner Frau ein neues Rückzugsgebiet, Gismann pflegt den Garten, kümmert sich um Ausbesserungsarbeiten.

Mit dem Vahrner Alpenverein machen wir auch Touren in Nordtirol und im Trentino, sowieso. Nordtiroler kennen sich in Südtirol meist viel besser aus als umgekehrt. Auch das hat etwas zu sagen: Was rede ich von einer Europaregion, wenn ich nie im Ferdinandeum war, nie in Mariahilf, rede ich da nur von einer abstrakten Idee, weil’s halt schön wär, oder habe ich wirklich einen Bezug? Das Referat „S“ wurde geschlossen, und deswegen brennt der Hut nicht, obwohl viele Dinge nicht mehr geschehen, weil sie in keiner Agenda mehr vorkommen. Eine vertane Chance war die Universitätsgründung in Südtirol, nicht, weil die Südtiroler keine Universität haben sollen, sondern weil man da wirklich etwas Gemeinsames schaffen hätte können, auch mit dem Trentino. Aber ich möchte schon auch sagen: nix ist irreversibel.

Ein Lastkahn legt gerade an. Der Steuermann ist ein alter Portener. Da der Lastkahn an der Staatsgrenze entlang über die Etsch gleitet, steht die Bootsladung unter der direkten Kontrolle der österreichischen und italienischen Zollwache. Auf der Mole jenseits der Landungsbrücke sieht man verschiedene halbbearbeitete Baumstämme, die wahrscheinlich von einem großen Kahn vor kurzem dort ausgeladen und aufgestapelt worden sind. Im letzten noch warmen Sonnenschein plaudern zwei Klatschtanten.

(Texttafel zu einem Wandbild von Augusto Corradini in Borghetto, 1906)

Borghetto – barbari

Ein Grenzstein ist nicht zu finden, wohl aber ein Wandgemälde. Zwei Grenzbeamte, der eine in österreichischer, der andere in italienischer Uniform, begleiten ein Floß über die Etsch, die Fracht besteht aus ein paar Kisten, ein Fahrgast hält sein Fahrrad, am Kai Hafenszenerie. Im Bild ist die Kraft zu spüren, die es brauchte, um einen Frachtkahn sanft anlegen zu lassen, die Spannung der übers Wasser verlaufenden Grenze wird aufgehoben von der friedlichen Naivität der Darstellung – eine in ihrer Unschuld wohl unfreiwillige Metapher für die Zweideutigkeit der Lebensgefühle in Welschtirol, schwankend zwischen der Nationalisierung des öffentlichen Lebens und dem nostalgisch verklärten Kolorit der Habsburgermonarchie.

An diesem ehemaligen Anlegeplatz an der Etsch etwa 10 Kilometer südlich von Ala, genannt Borghetto, lag Tirols Südgrenze: kein Städtchen, nicht einmal ein Dörfchen, wie es der Name besagt, nur zwei Hausreihen links und rechts von der einzigen Gasse, der via 27 maggio, die Hausnummern reichen von 1 bis 108. Ungefähr in der Mitte der Gasse liegt ein kleiner Platz, eine verschlossene Kirche, ein Fischrestaurant. Stufen führen zur Flussmauer, gut abgesichert aus der Erfahrung häufiger Überschwemmungen, mit polierten Steinplatten dekorativ abgedeckt und mit Blumentöpfen bestückt – Ästhetisierungen eines Ortes, der keine Ästhetik haben musste, solange er durch die Grenze hier wichtig war. Borghetto war ein zweckmäßiger Ort, kein beschaulicher Fischerhafen. Im Fischrestaurant Vecchio Porto ersehnt ein Bild die Uferweite des Meeres, das hier nur ein Fluss ist, am Südrand des Dorfes inszeniert ein niederer Turm eher unabsichtlich Hafenatmosphäre, verhilft der Vorstellungskraft zu Skizzen einer aufgehobenen Zeit. Die gegenwärtigen Kraftquellen des Ortes sind der Bahnhof und die E-Werkstation, von der aus die Leitung über die Etsch führt. Vom Zug aus, meist vom vorbeifahrenden, denn nur wenige Züge halten hier, bietet sich das liebliche Bild einer entschlafenen Vergangenheit. Wer an der Autobahn vorbeifährt, sieht Borghetto gar nicht – die Beschleunigung des Reisens orientiert sich an den weiter auseinander liegenden Polen und überfährt die Zwischengebiete.

Borghetto, Ala sind erst in jüngerer Zeit Beschwörungsformeln eines neuen Tirolbewusstseins geworden, das sich wieder bis ins Trentino vordenkt. Mit den ersten Gründungen von Schützenkompanien im ehemaligen Welschtirol – befehligt vom wackeren Carlo Cadrobbi schon in den 1980er Jahren – kehrte verdrängte Vergangenheit zurück: das habsburgische Trentino nicht mehr nur als letztes unerlöstes Gebiet Italiens („terra irredenta“), sondern als Hort einer tirolischen Tradition, als bizarrer Fanclub des multikulturellen Altösterreich und seiner mit Orden und Ordnung funkelnden Monarchie. Die Exotik italienischer Schützen, die durch Trient und Rovereto marschieren und den Städtern eine Mischung aus Faszination und Schrecken einflößen, lässt sich gleich leicht belächeln wie überbewerten: Romantiker, Nostalgiker, Spinner? Oder die Boten eines Bedürfnisses, Fäden einer verleugneten Vergangenheit neu aufzunehmen, weiterzuknüpfen?

Die Befindlichkeit war in den vorangegangenen 80 Jahren eine andere gewesen. Ala und Borghetto waren, als Außenpunkte des alten Tirol, für den Südtiroler Autonomiekampf nie ein Thema, Anschläge wurden zwar auch in Oberitalien verübt, aber nicht hier, wo eine historische Grenze angemahnt werden hätte können. Wozu auch? Südtirol in den 60er Jahren wollte nicht die Wurzeln zum Trentino suchen, sondern „Los von Trient“, so wie im Trentino ein halbes Jahrhundert vorher die Irredentisten wegwollten von Österreich. Der Hauptplatz in Ala ist nach dem Irredentisten Cesare Battisti benannt. Wenn Ala sich bei seinem jährlichen Sommerfest in alte Kostüme wirft, die Torbögen öffnet und in festlich gedeckte Innenhöfe lädt – dann zelebriert die sonst eher verschlossene Stadt ihr knapp 100-jähriges venezianisches Intermezzo und den Einfluss des italienischen Settecento. Die 400-jährige Zugehörigkeit zu Österreich, die der Stadt ihre Paläste und viel vom vergangenen Glanz verlieh, wird unterschlagen.

Ala hieß zu Deutsch Ahl oder Halla an der Etsch, so wie die meisten Ortschaften der Vallagarina auch deutsche Namen hatten: Rofreit für Rovereto, Moor für Mori, Kitzel für Chizzali, Frenten für Brentonico. Die Gemeinde Avio, zu der Borghetto gehört, hieß Aue. Die Namen sind verschwunden, das offizielle Gedächtnis der Orte hat sich abgelöst von der österreichischen Vergangenheit. Borghetto, via 27 maggio – der 27. Mai ist ein historisch kaum zitiertes, hier aber amtlich aufgewertetes Datum: der Sieg der garibaldischen Truppen bei Como 1859 im zweiten italienischen Unabhängigkeitskrieg. Como liegt nördlich von Mailand, weit von Tirol, auch von Welschtirol. Am Friedhof von Borghetto liegen, wie überall in diesen Orten, aus jener Zeit viele Verstorbene, die auf Francesco Giuseppe getauft waren oder auf Elisabetta, auf Franz Joseph und Elisabeth. Die einzige Gasse des Ortes aber ist nach einem italienischen Sieg in einer 250 Kilometer entfernten Stadt benannt.

Borgo Sacco bei Rovereto: auch dies ein ehemaliger Flößerhafen, größer, bedeutender als Borghetto, keine Zollstation, sondern ein Handelsplatz, von Kaiser Ferdinand mit stattlichen Privilegien ausgestattet, die das kleine Nest reich gemacht haben. Das Dorfbild wird beherrscht von der altösterreichischen Tabakmanufaktur, der Hauptplatz ist den irredentistischen Freiheitskämpfern Fabio und Fausto Filzi gewidmet. Fausto weilte in Amerika, als er von der Hinrichtung seines Bruders hörte, kam nach Italien zurück, beteiligte sich am Krieg gegen Österreich und fiel 1917 auf dem Monte Zebio. Hier in Sacco steht aber auch der Ansitz der Grafen Bossi Fedrigotti – jetzt Azienda Agricola Conti Bossi Fedrigotti, ein renommiertes Weingut mit dem Trentiner Marzemino und dem Tiroler Lagrein im Rotweinsortiment, mit Moscato und Gewürztraminer in der Weißweinkollektion. Um 1850 herum war es ein zwar Würde wahrendes, aber nicht prosperierendes Trentiner Adelsgut. Für den jungen Fedrigo war der Beitritt zum Husarenregiment das Eintrittsbillet in das Wiener Gesellschaftsleben der k.u.k. Monarchie. Bei einem Karnevalsball lernte er die junge Leopoldine kennen, eine Lobkowitz aus Böhmen. Das Paar heiratete trotz widriger Umstände. Sie spürte die Österreichfeindlichkeit in Teilen der Bevölkerung, er musste den Komplex abdienen, kein richtiger Österreicher zu sein. Leopoldine und Fedrigo lebten zwischen Sacco bei Rovereto und dem Bloshof in Eppan, ebenfalls Familienbesitz der Bossi Fedrigotti. Als Garibaldi mit seinen Freischärlern 1866 gegen das Trentino vordrang, sympathisierte Fedrigos Bruder Filippo mit Italien. Er aber kaufte sich ein Pferd und meldete sich als Freiwilliger für Österreich. Seine Frau schrieb ihm glühende Briefe an die Front: „Mein Liebster, töte sofort diesen Garibaldi.“ Auch wenn ihm das nicht gelang, kehrte er stolz heim in die Arme seiner Leopoldine: Der Krieg gegen Preußen ging verloren, Venetien musste in den Friedensverhandlungen geopfert werden, aber das Trentino war noch einmal für Österreich gerettet worden.

Isabella Bossi Fedrigotti ist die Urenkelin von Fedrigo und Leopoldine, Trentiner Schriftstellerin, lebt in Mailand, arbeitet für den „Corriere della Sera“, hat aber noch ihr Standbein in Borgo Sacco, ist in Rovereto Vizepräsidentin des Museums für moderne Kunst Mart. Auch ihr Vater hatte, wie sein Großvater, eine Österreicherin geheiratet und selbst Deutsch gelernt. So wuchs sie zweisprachig auf, mit einem kulturellen Hinterland von Wien bis Mailand. Sie heiratete einen Napoletaner, aber ihre Kinder lernten trotzdem Deutsch. Die Fremdheit, die sie ihren Urgroßvater Fedrigo im Roman erleben lässt, als er zum Pferdehandeln ins italienisch gewordene Mailand muss, hat sie selbst nie gefühlt. Trotzdem sei etwas, was sie mit der alten Zeit verbindet, „unterirdisch“ noch da, der „Charakter“, meint sie, auch wenn dieser vor allem in Fragen sichtbar werde, die sich ihre Kinder stellen: Was sind wir eigentlich? Trentiner oder Mailänder oder Österreicher oder Tiroler? Das multikulturelle Österreich bot auch unsicheren oder vielschichtigen Herkünften einen Bezugsrahmen, der verlorengegangen ist. In der Eindeutigkeit der Nationalstaaten mussten Identitäten enger geschnitten werden.

In Rovereto lebt die erste Hälfte der Woche auch das Ehepaar Canestrini, Martha, eine Südtirolerin, und Sandro aus einer Roveretaner Juristendynastie. Vater Luigi Canestrini kämpfte an der Seite von Cesare Battisti für ein italienisches Trentino, Sohn Sandro hat – nach einem Leben zwischen politischen und ethnischen Fronten – als erster Südtiroler Italiener das Tiroler Ehrenzeichen erhalten. Das Haus der Canestrini grenzt an das Rathaus, darüber thront das Castello di Rovereto, das die Geschichte der Vallagarina widerspiegelt. Das Kastell wurde zur Zeit der venezianischen Herrschaft von 1416 bis 1509 auf der Ruine einer Burg gebaut, 1487 wurde es von österreichischen Kanonaden weitgehend zerstört, konnte aber nach der Erstürmung durch die Habsburger von den Venezianern zurückerobert werden. 1509 fiel es doch an Österreich und verlor durch die Verschiebung der Grenze nach Süden seine militärische Bedeutung. Ab 1859, als Tirols Südgrenze wieder unsicher war, wurden zwei Kompanien des 3. Kaiserjägerregimentes darin einquartiert. Unter dem Faschismus wurde es zum Kriegsmuseum.

Die zweite Hälfte der Woche verbringt das Ehepaar Canestrini in Neumarkt, in einer beschaulichen Villa mit viel Grün, Enten und Hühnern. Das ist die Welt der Martha Debiasi – und zwischen diesen Polen leben sie. Kennengelernt haben sie sich, als er im Gerichtssaal die Südtiroler Attentäter verteidigte, für seine Partei – den Partito Communista Italiano – eine Ungeheuerlichkeit, für die junge Südtirolerin eine umwerfende Heldentat. Nicht die einfache, ungebrochene Identität schafft Spielräume für ein Tirolbewusstsein, sondern jene, die sich aus Widersprüchen zusammenfinden muss. Martha Debiasi musste anfangs auch ihren Mann zu einer kritischen Reflexion italienischer Haltungen erziehen – symbolisch gipfelnd in einer Strafpredigt, weil er in Meran gedankenlos im Hotel Italia abgestiegen war. Weniger erfolgreich war ihr jüngerer Versuch, in Rovereto altösterreichische Kultur in Erinnerung zu rufen. Ein Brief an den Roveretaner Bürgermeister, er möge die nationalistischen Inschriften in der Stadt endlich beseitigen, blieb unbeantwortet. Aus Empörung plant das Ehepaar gemeinsam mit dem Roveretaner Schützenhauptmann Francesco Pizzini eine Dokumentation über die nationalistische Gedächtniskultur in Rovereto. Die Gedenktafeln zu Ehren verstorbener Irredentisten sprechen vom österreichischen Feind als dem „eterno barbaro“, dem ewigen Barbaren.

Protokoll 3: Richard Piock

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