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Robert Sedlaczek

Christoph Winder

Das unanständige Lexikon

Tabuwörter der deutschen Sprache und ihre Herkunft

Inhalt

Titel

Das Unanständige und seine Wörter

A

B

C

D

E

F

G

H

I

J

K

L

M

N

O

P

Q

R

S

T

U

V

W

Y

Z

Fachausdrücke

Abkürzungsverzeichnis

Biografische Angaben zu Personen, die in diesem Lexikon zitiert werden (Auswahl)

Verwendete Wörterbücher und verwendete Fachliteratur

Quellenverzeichnis

Online-Quellen (Auswahl)

Dank

Robert Sedlaczek und Christoph Winder

Zu den Autoren

Impressum

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Das Unanständige und seine Wörter

Die Veranstaltung fand im ehrwürdigen Rathaus statt, einem Teil des berühmten Wiener Ringstraßenensembles, direkt gegenüber dem Burgtheater. Wieder vergaben die Spitzen der österreichischen Buchbranche in festlichem Rahmen die „Buchlieblinge“ – Preise für jene Bücher, die bei einer Publikumswahl die meisten Stimmen erhalten hatten. In der Kategorie Belletristik gewann die englische Autorin E. L. James mit ihrem unerhört erfolgreichen Softporno-Bestseller „Shades of Grey. Geheimes Verlangen“.

Der Verleger der deutschen Ausgabe war eigens nach Wien gereist, um die Laudatio von Dolores Schmidinger zu hören und den Preis entgegenzunehmen. Die österreichische Schauspielerin und Kabarettistin verwendete in ihrer launigen Ansprache einige Male das Wort Zumpferl – österreichisch für Penis, oft für den Penis eines Knaben. Als der Applaus für die Laudatio verhallt war, betrat der deutsche Verleger die Bühne. Er bedankte sich nicht nur für den Preis, sondern auch dafür, dass er nun ein neues Wort kenne, das ihn erheitert habe und das er von nun an verwenden werde: Zupferl.

Jetzt war auch das Wiener Publikum erheitert. Das fehlende m ließ Anklänge an das Wort zupfen wach werden, was im Übrigen etymologisch nicht einmal so falsch ist.

Diese Anekdote ist in mehrfacher Hinsicht für unser Thema interessant. Sie zeigt, dass bei tabuisierten Ausdrücken aus der Sexualsprache das Fremde deshalb interessant klingt, weil es so unbelastet und daher relativ „sauber“ ist, hingegen haben die einheimischen und vertrauten Ausdrücke einen obszönen Klang. Das wird wohl auch der Grund sein, warum Wörter für koitieren vom Norden in den Süden und vom Süden in den Norden wandern.

Das aus dem Raum Köln stammende Wort poppen ist vermutlich heute auch ganz im Süden unter Jugendlichen das am häufigsten gebrauchte Verb für koitieren. Umgekehrt breitet sich das Wort schnackseln vom Süden Österreichs Richtung Norden aus. Das in Österreich entstandene Wort pudern wird schon in Bayern als witzig empfunden, weil es dort nicht in Gebrauch ist – worauf der Kabarettist Michael Mittermeier publikumswirksam hingewiesen hat. Mittermeier trägt auf diese Weise dazu bei, dass es sich weiter ausbreitet. Genauso wenig wird es ein Zufall sein, dass das Wort Schniedelwutz, verbreitet von Otto Waalkes, Hella von Sinnen und einigen anderen, heutzutage im gesamten deutschen Sprachraum gern verwendet wird.

Im Krimi „Lebensabende und Blutbäder“ des Wiener Autors Manfred Rebhandl tritt ein ostdeutscher „Puffkaiser“ namens Schlevsky in Erscheinung, der für das Wort Dutteln schwärmt, „eine österreichische Bezeichnung für Titten, die ihm als Deutschen ob ihrer Weichheit immer sehr gut gefallen hat“. Ähnlich empfand das der deutsche Lyriker und Satiriker Robert Gernhardt: Bei mehreren Lesungen in den 1990er Jahren in Wien outete sich Gernhardt ebenfalls als Fan der Dutteln. Sie erschienen ihm als die lieblichere Variante des deutschen Wort-Pendants Titten – allerdings klingt Dutteln im Süden nicht viel milder als Titten im Norden.

Das Phänomen des vermeintlich argloseren Ausdrucks aus der Ferne gibt es auch in der Fäkalsprache. Österreicher halten das Wort pissen für relativ anständig, während das einheimische Wort brunzen in ihren Ohren unanständig klingt. Als wir einer Rheinländerin erzählten, dass die Stadt Wien einige kleinere Parks für Hunde reserviert und dort alte Autoreifen mit der Aufschrift ‚Pissringe‘ als Hundeklo aufgestellt hatte, war sie entsetzt. „Wie können es Stadtväter zulassen, dass so ein unanständiges Wort im öffentlichen Raum verwendet wird?“ – „Was hätten sie sonst schreiben sollen? ‚Brunzringe‘?“ – „Ja. Das wäre lustig gewesen.“ Das Unbekannte, das Fremde, das Neue klingt nicht nur anständig, es amüsiert auch.

Amüsement ist freilich nicht die einzige Reaktion auf das unanständige Wort. Tabuwörter heißen nicht umsonst Tabuwörter, und der Impuls, sie möglichst aus der Öffentlichkeit zu verbannen, hat auch vor der Wissenschaft nicht Halt gemacht. So hat sich vor rund 250 Jahren unter den renommiertesten Sprachforschern und Wörterbuchmachern in deutschen Landen ein Streit entzündet, wie mit dem Wort brunzen umzugehen sei. Johann Christoph Adelung schrieb 1773 im ersten Band seines „Grammatisch-kritischen Wörterbuchs der hochdeutschen Mundart“, dass brunzen „anfänglich vermuthlich ein edler und anständiger Ausdruck“ war. „Allein er ist mit allen seinen Ableitungen und Zusammensetzungen, nunmehr schon lange dem niedrigsten Volke Preis gegeben worden, daher ich mich hier nicht länger dabey aufhalten (…) will.“

Mit diesem Aufruf zur lexikografischen Enthaltsamkeit war Adelung bei den Brüdern Grimm an die Richtigen geraten. Sie zeichneten nicht nur Märchen auf, sondern erarbeiteten ein gigantisches „Deutsches Wörterbuch“, das bis zum heutigen Tag (mit teilweisen Überarbeitungen) als wichtiges Nachschlagwerk gilt. Und sie kritisierten Adelung auf das Schärfste. „… als wenn es nicht die Pflicht der Sprachforschung wäre, solchen Wörtern – die herabgekommen sind, nicht weil das Volk sie in ihrer natürlichen Geltung festhielt, sondern weil die vornehme Welt sie durch fremde, nichts sagende verdrängte und zuletzt vergaß – gleichsam die Ehre zu retten.“

Es versteht sich von selbst, dass wir uns als Verfasser eines „Unanständigen Lexikons“ der Position von Jacob und Wilhelm Grimm anschließen. Es geht uns allerdings nicht darum, die „Ehre“ der Tabuwörter aus der Sexual- und Fäkalsphäre zu retten. Was wir wollen, ist: Eine Auswahl dieser sprachlichen Schmuddelkinder dokumentieren, klären, wie sie entstanden sind, welche Bedeutung und Geschichte sie haben, wie sie verwendet werden. Jedes Wort trägt ja seine Vergangenheit gleichsam in einem Rucksack mit sich herum, auch wenn der Inhalt dieses Gepäcks manchmal niemandem mehr bewusst ist. Und: Wenn wir von unanständigen Wörtern sprechen, sollten wir uns natürlich auch im Klaren sein, dass nicht die Wörter unanständig sind, sondern die Sachverhalte, die sie benennen – und zwar in den Köpfen der Sprecher. Wobei man lange darüber diskutieren könnte, warum die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale in unserer Gesellschaft mehrheitlich als unanständig klassifiziert werden.

Wir haben uns in diesem Buch auf die zahlreichen mundartlichen und umgangssprachlichen Wörter für Vagina, Penis, Koitus, Masturbation, Anus, Urin, Kot und einige andere konzentriert, wobei Ausdrücke für Geschlechtsorgane und Körperausscheidungen häufig auch als Schimpfwörter dienen. Im Gegensatz zum Angloamerikanischen (fuck you, fuck off etc.) wird im Deutschen meist nicht mit Sexual-, sondern mit Fäkalwörtern geschimpft; die große Zahl von Komposita mit Arsch-, Moors-, Scheiß- etc. unterstreicht dieses Phänomen. Signifikante Ausnahmen sind Sack, Seckle und Seggl im Alemannischen sowie Beutel im Österreichischen. Da auch uns das Fremde fasziniert, war es uns ein besonders Anliegen, die niederdeutschen/plattdeutschen und friesischen Ausdrücke mit ihren eigenständigen Herkunftsgeschichten ausführlich zu dokumentieren: Piephahn, Niller und Stert, natürlich auch Pus, Fläut und Kunt, ferner Hinnerst und Achterdeel sowie nöken, miegen und viele andere mehr.

Wir konnten also aus dem Vollen schöpfen. Dafür sorgte die auffällig große regionale Vielfalt im Bereich der Sexual- und Fäkalsprache. Wir haben mit Hilfe von Gewährsleuten und durch das Studium von regionalen Wörterbüchern und Internet-Sammlungen die einschlägigen Ausdrücke vom nördlichsten Platt bis zum südlichsten Bairisch recherchiert und waren erstaunt: Die Menschen im deutschsprachigen Raum unterscheiden sich durch die unanständigen Wörter, die sie verwenden – diese Wörter haben manchmal sogar den Charakter eines Schibboleths. Und beim Ersinnen neuer Ausdrücke legen sie eine unglaubliche Kreativität an den Tag.

Ungeachtet aller regionalen Verschiedenheit sind wir immer wieder auf gleiche oder ähnliche Benennungsmotive und Wortbildungsmuster gestoßen. Ein Büxen­kacker oder Büxenschieter ist nach demselben Gedanken entstanden wie Hosenscheißer und Hemdscheißer. Was die einen als Furz mit Fransen bezeichnen, ist für die anderen ein Pup mit Puschel oder ein Schas mit Quasteln. Ob jemand die schnelle Katharina, die schnelle Maria beziehungsweise den flotten Heinrich oder den flotten Otto hat, ist regionalspezifisch determiniert – vermutlich funktioniert die Wendung auch mit anderen Vornamen.

Auch die Lust der Jugendlichen an neuen Wortschöpfungen aus der Sexual- und Fäkalsprache sorgt dafür, dass den Lexikografen der Stoff nicht ausgeht. Viele dieser Kreationen sind aus einer antiautoritären Haltung heraus entstanden. Die Jugendlichen erfinden Ausdrücke, mit denen sie das Prinzip der Verhüllung ad absurdum führen – sie machen das genaue Gegenteil. Ihre Wortschöpfungen sind nicht euphemistisch, sondern dysphemistisch, sie werten nicht auf, sondern ab. Wenn das Etikett der Unterhose hervorschaut, bezeichnen sie dieses kleine Stoffstück als Arschfax, statt sinnlos sagen sie arschlos, aus dem Verb dazwischenfunken wird dazwischenmösen, das Gericht Calamari fritti wird gebackene Arschlöcher genannt. Manchmal greifen die Jugendlichen Ausdrücke ihrer Eltern oder Großeltern bzw. aus fremden Sprachregionen auf und verändern die Schreibung ein wenig: Amateuse wird zu Amatöse. In den regelmäßig in den Verlagen Duden, Pons, Langenscheidt und C. H. Beck erscheinenden Wörterbüchern der Ju­gendsprache werden einschlägige Einsendungen von Jugendlichen dokumentiert. Einige davon – vor allem solche, die wir besonders originell, drastisch oder witzig fanden – haben wir in unser Wörterbuch aufgenommen, wobei natürlich niemand seriös prognostizieren kann, ob es sich bei diesen Kreationen um sprachliche Eintagsfliegen handelt oder ob sie sich länger halten werden.

Zur Ergänzung: Der antiautoritäre Impuls des jungen Menschen, der sich in der Verwendung unanständiger, verpönter Wörter zeigt, setzt nicht erst in der Pubertät ein. Wir verweisen hier auf das Buch „Über das Volksvermögen“, einen erstmals 1969 erschienenen Klassiker des deutschen Schriftstellers Peter Rühmkorf, in dem hunderte, teils in sehr drastischer Sprache verfasste Kinderreime dokumentiert sind. Erwachsene erfreuen sich seit Jahrhunderten an erotischen Volksstücken, Fastnachtspielen und Volksliedern; diese haben entweder schamvoll-verklausuliert oder schamlos-direkt das Geschlecht­liche zum Thema. Eine jüngere Form für den Transport solcher Inhalte sind Schüttelreime.

Das Feld der unanständigen Wörter ist anarchisch bunt, sodass es nicht leichtfallen würde, eine allgemeine Klassifikation dessen durchzuführen, was sich hier alles tummelt. Einige Untergruppen und markante Beispiele, die ihnen angehören, wollen wir dennoch hervorheben.

Die Klassiker aus dem Volksmund, also gleichsam der unanständige Mainstream. Hierher gehören Wörter wie Schwanz, Möse oder ficken, die anerkannt unständig, allgemein (also überregional) verständlich und seit langem in Gebrauch sind. Über den Schwanz räsonierte schon Johann Wolfgang von Goethe, durchaus mit kritischem Unterton: „Gib mir statt Der Schwanz ein ander Wort, o Priapus! / Denn ich Deutscher, ich bin übel als Dichter geplagt. / Griechisch nennt ich dich φαλλος, das klänge doch prächtig den Ohren, / Und lateinisch ist auch mentula leidlich ein Wort. / Mentula käme von mens, der Schwanz ist etwas von hinten, / Und nach hinten war mir niemals ein froher Genuß.“ Die nach hinten gehenden Assoziationen hinderten Goethe freilich nicht am Gebrauch des Wortes, so heißt es etwa in den Paralipomena zum „Faust“: „Für euch sind zwei Dinge / Von köstlichem Glanz / Das leuchtende Gold / und ein glänzender Schwanz …“ Während ein anderes von Goethe verwendetes Penis-Synonym, das aus dem Lateinischen stammende Iste („Jener“, oft auch Meister Iste), längst im sprachgeschichtlichen Orkus verschwunden ist, hat sich der Schwanz über die Jahrhunderte hinweg behauptet und dürfte auch heute noch das überregional am häufigsten verwendete Wort für Penis sein.

Die Ähnlichkeiten (es gibt natürlich auch Unterschiede) zwischen dem animalischen Schwanz („beweglicher Teil der Wirbelsäule hinter dem Tierafter“, Mackensen, Deutsches Wörterbuch) und dem menschlichen Penis sind durchaus augenfällig, sodass sich der metaphorische Gebrauch des einen für den anderen unschwer nachvollziehen lässt. Auch bei anderen volkstümlichen Bezeichnungen für die männlichen Genitalien ist der Grundgedanke der Übertragung leicht zu erahnen. So gibt es eine Reihe von Wörtern, die ursprünglich Schnabel bedeutet haben: Schnäbber, Schnäbi, Schnärpfl etc. Gemeint ist ein kleiner, vorstehender Körperteil. Außerdem müssen für metaphorische Übertragungen oft – wen wundert es – harte und lange Gegenstände herhalten, vor allem in pornografischen Texten: Bolzen, Keule, Kolben, Knüppel, Lanze etc.

Wieder andere Ausdrücke symbolisieren nach ihrer Wortherkunft ein (abgerissenes oder abgeschnittenes) Stück von einem größeren Ganzen: Schniepel, Schniedel, Zipfel, Zumpel, Zümpfel, Zumpferl etc. Klassische Wortbildungen mit dem zweiten Bestandteil -mann sind Butzelmann, Kitzmann, Pillermann, Pissmanntje, Pullermann und Ziesemann, heißt doch der Penis auch der kleine Mann – oder der Bursche, der Kerl, der Kamerad etc. Da ist es kein weiter Weg zu der Praxis, die männlichen Geschlechtsorgane mit einem Vornamen zu versehen: Hansi, Hugo, Johannes, Jürgen, Max, Otto, Siegfried, Willy etc. Oft kommen auch Namen von gefiederten Tieren zum Zug, zum Beispiel Hahn, Spatz oder Specht.

Ein weiteres Wortbildungsmuster ist der metaphorische Vergleich mit Blasinstrumenten wie Flöte, Pfeife, Trompete etc. Ein sprachliches Prunkstück für humanistisch Gebildete ist Zebedäus. Um dieses Wort zu entschlüsseln, muss man Hebräisch können und bibelfest sein.

Bei den volkstümlichen Bezeichnungen für die weiblichen Genitalien dominiert eine Wortgruppe, die etymologisch nicht genau einzuordnen ist; das Benennungsmotiv ist möglicherweise die Verbindung zwischen Katzenfell und Schambehaarung: Möse, Mösch, Musch, Musche, Muschi, Mutz, Mutze etc. Ein weiteres Wortbildungsmuster ist der metaphorische Vergleich mit Streich- oder Zupfinstrumenten wie Balalaika, Geige etc. Bei den Wörtern Fut, Fud und Fotze deutet einiges darauf hin, dass sie früher sowohl Vulva als auch Anus bedeutet haben, wobei Anus wohl die ursprüngliche Bedeutung war. Sie ist in einigen Regionen des deutschen Sprachraums noch lebendig, und zwar mit den Wörtern Füdla, Fiedle, Füdche, Fott, Fött, Föttche. Die ursprüngliche Doppelbedeutung dürfte es auch bei Kunte und Kunt gegeben haben – die enge Verwandtschaft mit englisch cunt (= Vagina, Vulva) ist evident. Auch Gatt und Gattloch bedeuten sowohl Anus als auch Vagina.

Bei metaphorischen Übertragungen kommt oft – im Gegensatz zu den harten und langen Gegenständen bei den Männern – eine runde, weiche, saftige Frucht zum Zug, zum Beispiel eine Dattel, Feige, Pflaume, Zwetsche/Zwetschge/Zwetschke. Bei anderen Ausdrücken besteht eine gedankliche Verbindung zu einer Art von Behälter: zum Beispiel Büchse, Dose (mit den Komposita Honigdöschen, Puderdöschen etc.), Schmuckkästchen und Tasche. In pornografischen Texten dominieren Loch, Schlitz und Spalte mit diversen Synonymen. Weibliche Vornamen als Bezeichnung für Vagina und Vulva sind nicht so oft anzutreffen wie beim männ­lichen Pendant, einige Belege konnten wir dennoch finden: Mimi und Minna (diese beiden Namen werden auch häufig für Katzen verwendet), Lieschen etc.

Nicht zuletzt sei darauf hingewiesen, dass bei manchen Wortbildungen Bedeutungspaare eine Rolle spielen: Scheide und Säbel, Nest und Vogel, Schnalle und Dorn (= Metallstift zum Schließen), Knopfloch und Knopf, Honigtopf und der dazugehörende Dosierstab, Tulpe und Tulpen­stängel etc.

Ficken, bumsen, nageln: Viele der klassischen Ausdrücke für koitieren symbolisieren ein Klopfen, Hämmern, Reiben oder Stoßen bzw. eine Hin- und Herbewegung. An diesen Wörtern gibt es einen interessanten Sprachwandel zu beobachten. Während früher beim transitiven Gebrauch von ficken („X fickt Y“) das handelnde Subjekt X (sprachwissenschaftlich: das Agens) nur ein Mann sein konnte, kann im jüngeren Sprachgebrauch auch eine Frau diese Rolle übernehmen. Ein Witz, ein Fundstück aus dem Internet, veranschaulicht dies: „Sagt eine Blondine zu einer anderen: ‚Gestern hab ich einen Akademiker gefickt.‘ – ‚Und, wie war’s?‘ – ‚Stell dir vor: Er hat einen Penis!‘ – ‚Was ist denn das?‘ – ‚Wie ein Schwanz. Nur viel kleiner.‘“

Im Großen Duden findet man bei ficken bereits Hinweise auf diesen neueren Gebrauch des Wortes – eine Frau/einen Mann ficken; sie/er lässt sich (nicht) ficken – bei bumsen und vögeln hingegen noch nicht. Aber Sätze nach diesem Muster sind heute von jungen Leuten sehr wohl zu hören: Sei ehrlich, Karin! Hast du diesen Typen gleich in der ersten Nacht gebumst? Womöglich kann man dies als eine sprachliche Emanzipationsentwicklung deuten: Junge Frauen wollen sich von der passiven Rolle verabschieden, sie wollen nicht nur als Patiens gesehen werden (sie hat sich ficken lassen, sie hat die Beine breit gemacht, sie hat ihn reingelassen/drübergelassen), sondern sie wollen als Agens eine aktive Rolle in der Sexualität und in der Sexualsprache spielen: Sie hat ihn gefickt/gebumst/gevögelt. Außerdem wird ficken, bumsen und vögeln heute auch für die Praktiken gleichgeschlechtlicher Sexualpartner verwendet.

Die Kommunikation über den Sexualakt hat viele Nuancen. Eine transitive Verwendung des Verbs (er bumst sie/sie bumst ihn) klingt härter als eine intransitive (er bumst mit ihr/sie bumst mit ihm/die zwei bumsen miteinander). Die zweite Variante signalisiert ein ausgewogenes Rollenverständnis der Sexualpartner oder ein beidseitiges Einverständnis zur Art und Weise des Sexualakts.

Beobachtet man die Entwicklung der Jugendsprache, so fällt auf, dass die von Wörtern aus dem Sexualbereich geprägte angloamerikanische Schimpfkultur in den deutschen Sprachraum überschwappt und das traditionelle Schimpfen mit Ausdrücken aus dem Fäkal- und Analbereich zurückdrängt. Junge Menschen, vor allem im großstädtischen Milieu, schimpfen immer öfter mit Fuck! statt mit Scheiße! – so wird es ihnen schließlich in den Synchronisationen amerikanischer Kinofilme und Seifenopern vorgeführt.

Euphemistische Ausdrücke. Wo Dinge und Sachverhalte tabu sind, neigt man dazu, sie sprachlich zu verballhornen und zu bemänteln. Auch dieses Phänomen ist keineswegs neu. Wir zitieren abermals Goethe, der in einem Briefgedicht an Friedrich Wilhelm Gotter schreibt: „Und bring’, da hast du meinen Dank / Mich vor die Weiblein ohn’ Gestank. / Musst alle garst’gen Worte lindern, / Aus Scheißkerl Schurken, aus Arsch mach Hintern.“

Laut Sigmund Freud ist alles ein Tabu, was heilig oder unrein ist. „Heilig“ bezieht sich beispielsweise auf blasphemische Flüche, aus Herr Jesus und O Jesus wird Herrje und Oje, aus Sakrament wird Sackerment oder gar Sackzement. Außerdem war es in früheren Zeiten ein Tabu, den Namen des Teufels auszusprechen, daher entstanden zahlreiche Verballhornungen wie Deibel oder Deixel und verhüllende Ersatzausdrücke wie der Leibhaftige oder der Gottseibeiuns. „Unrein“ bezieht sich für Freud auf den sexuellen und fäkalen Bereich – jetzt sind wir bei unserem Thema angelangt.

Der US-amerikanische Psychologe, Linguist und Bestsellerautor Steven Pinker weist in seinem Buch „Der Stoff, aus dem das Denken ist“ darauf hin, dass sich beim Fluchen ein Übergang vom Religiösen zum Sexuellen und Fäkalen vollzieht. Im Englischen wird aus Who (in) the hell are you? die Formel Who the fuck are you? Aus for God’s sake wird for fuck’s sake und for shit’s sake. Genauso ist Fuck you! keine Kurzform von I (will) fuck you!, sondern ein Ersatz für Damn you! und God damn you!

Im Deutschen wird aus Es ist seine verdammte Pflicht die Formel Es ist seine scheiß Pflicht, und aus Heilige Maria! wird Heilige Scheiße! oder Heiliger Scheißdreck! Die religiösen Kraftausdrücke haben im Verlauf der Sprachgeschichte „ihren Stachel verloren“, schreibt Pinker, sie werden sukzessive durch fäkale oder sexuelle ersetzt.

In der Rhetorik wird der Vorgang des Verhüllens als Euphemismus bezeichnet. Man könnte auch sagen: Es wird beschönigt, verklausuliert, verhüllt. Typische Hüllwörter, die wir in dieses Lexikon aufgenommen haben, sind etwa der Allerwerteste für das Gesäß, Sportflecken für Spermareste auf dem Sofa oder Erektionsbekleidung für das Kondom – so gelesen in der Internetwerbung eines Kondomversands. Andere euphemistische Formulierungen können zustande kommen, indem ein Tabuwort kurzerhand ausgelassen wird, aus dem Kontext aber glasklar hervorgeht, was gemeint ist. Wenn jemand fragt: „Wer hat da einen fahren lassen?“, wird der Furz (Pforz, Schoaß, Schas etc.) zwar nicht ausgesprochen, aber jedermann weiß, um welches Wort es sich dreht. Eine ähnliche Methode zur Tabuwort-Verschleierung ist die Abkürzung: Recht alt sind WC für Toilette, GV für Geschlechtsverkehr und LMAA für das Götzzitat. Neuere Beispiele dieser Art sind ONS (für das aus dem Englischen entlehnte One-Night-Stand), AFH (für Arsch frisst Hose), MFH (für Muschi/Möse frisst Hose), MoLa und Allmoprala (für eine morgendliche Erektion beim Aufwachen) und SaSaLa (für Samensammellappen). Bei NPZ und LEO muss man um die Ecke denken – wie in einem Kreuzworträtsel der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Unanständige Wortbestandteile. Was wir ebenfalls in dieses Wörterbuch aufgenommen haben, sind zusammengesetzte Wörter mit einer unanständigen Komponente, auch wenn das dadurch entstandene Wort nichts Unanständiges bezeichnet. Ein Beispiel hierfür ist das jugendsprachliche Arschfax für das aus der Hose hervorlugende Etikett. Das Etikett an sich ist keineswegs unanständig, wohl aber der erste Bestandteil des Arschfaxes. Ähnlich verhält es sich mit dem Anschiss, der, wenn man denn mit einem bedacht wird, unangenehm, aber nicht unanständig ist, obwohl er sich vom unanständigen anscheißen herleitet. Wörter wie Arsch oder Scheiß werden ob der ihnen innewohnenden Drastik allgemein gern dazu verwendet, in derber Manier einen hohen Intensitätsgrad zu bezeugen: arschkalt, scheißfreundlich, scheißteuer. In solchen Zusammensetzungen verblasst der ursprüngliche unanständige Sinn dieser Wörter weitgehend. Sie bedeuten dann nicht mehr als „sehr, ungemein, äußerst“ oder Ähnliches.

„Anstand“ ist ein schillernder Begriff, und obwohl die meisten der hier versammelten Eintragungen den Tatbestand des „Unanständigen“ problemlos erfüllen, so gilt es doch auch zu berücksichtigen, dass das Unanständige in sich noch einmal differenziert ist. Wie unanständig ein Wort wirkt, hängt stark vom gesellschaftlichen Milieu ab, in dem es man es ausspricht, aber auch von situativen Umständen, vom Kontext. Außerdem stößt man immer wieder auf große Unterschiede im subjektiven Vulgaritäts-Empfinden. Im „Vorarlberger Wörterbuch“ von 1960 heißt es zum Beispiel, brunzen sei ein viel weniger derbes Wort als seichen – ob dies allerdings überall und von jedermann so empfunden wird, ist zweifelhaft. Natürlich kommt auch bei den Wörtern für koitieren ein Moment des persönlichen Geschmacks und Anstandsgefühls herein. Die deutsche Entertainerin und Komikerin Anke Engelke zieht zum Beispiel das Ficken dem Vögeln vor („Ficken ist ein sehr klares Wort mit einer schön schmutzigen Konnotation. Ficken klingt viel schöner als dieses süße Vögeln.“). Dass man solch subjektiv geprägte Einschätzungen nicht zwangsläufig teilen muss, ist evident.

„Anstand“ ist aber nicht nur ein schillernder, sondern auch ein wandelbarer Ausdruck. Wer sich mit unanständigen Wörtern befasst, wird zwangsläufig auf die Frage stoßen, welche Rolle das Unanständige im öffentlichen Diskurs der Gegenwart spielt. Ist es so, dass die Kulturpessimisten – Motto: Früher war alles besser! – recht haben, wenn sie auch in den sprachlichen Sitten Verfall und Niedergang wittern? Sofern dieser Eindruck entsteht, ist er sicher manchen Medien geschuldet, Stichwort: „Unterschichtfernsehen“. In den Prolo-Formaten des Reality-TVs und in brachialen Castingshows wird bekanntlich nicht mit der feinen verbalen Klinge gearbeitet. Dieter Bohlens Sprüche aus dem Fäkal- und Sexualbereich können als Beispiele herhalten: „Wenn das Wetter so wäre wie deine Stimme, dann würde es Scheiße regnen.“ – „Du hast weniger Töne getroffen, als ein peruanischer Nackthund Haare am Arsch hat.“ – „Das Einzige, was du kannst, ist als Geruch auf’m Fischkutter arbeiten.“

Natürlich ist auch das Internet in diesem Zusammenhang von Bedeutung: Die immense Ausweitung der Kommunikationsmöglichkeiten und die Absenkung der Zugangsschwellen haben dazu geführt, dass unständige Wörter nicht mehr nur in ihren typischen Verbreitungsgebieten (wie etwa am Stammtisch) anzutreffen sind, sondern sich auch munter im Cyberspace verbreiten. Internetforen, die einen Ruf als Austragungsort zivilisierter gesellschaftlicher Debatten zu verteidigen haben, führen einen ständigen Abwehrkampf gegen Poster, die auf die Gebote der Höf- und Schicklichkeit pfeifen und sich rücksichtslos artikulieren. Dies ist einer gehobenen Diskussionskultur natürlich nicht dienlich und provoziert Gegenmaßnahmen. In den Foren von Qualitätszeitungen und öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten müssen alle Postings eine elektronische Eingangskontrolle passieren, ehe sie online gehen. Wenn ein Wort gepostet wird, das auf einer Liste verpönter Wörter von Arsch bis Zumpferl aufscheint, schlägt das System an und blockiert den Text. Gewitzte Poster, die das als Einschränkung ihrer Meinungsfreiheit interpretieren, sind auf den Trick verfallen, anrüchige Wörter geringfügig orthografisch zu verändern – aus Arsch wird Arxxx, aus Scheiß wird Schice, aus Fut wird F. U. T. –, sodass der elektronische Kontrollor keinen Verdacht schöpft, die Leserinnen und Leser aber sofort wissen, was gemeint ist. Offenbar herrscht bei manchen der Eindruck, dass das Recht auf obszönen Sprachgebrauch auch in der Öffentlichkeit durchgesetzt werden muss.

Trotz der vermehrten Hör- und Sichtbarkeit von vulgärem Vokabular im öffentlichen Raum glauben wir, dass kein Anlass zu übertriebenem Kulturpessimismus besteht. Der deutsche Publizist Klaus Harpprecht veröffentlichte 2004 in der Zeitschrift „Cicero“ den dramatischen Aufschrei: „Gebt uns die Tabus zurück!“ Ursache seines Missbehagens: „Seitdem selbst FAZ und NZZ das Wort ficken wie selbstverständlich drucken, sind die letzten Tabus der Erotik gefallen.“ Wir konnten nicht mehr feststellen, welche Häufung von Tabuwörtern Harpprechts Empörung damals provoziert hat, und möglicherweise war sie ja auch aus einem konkreten Anlass durchaus gerechtfertigt. Die Langzeitbeobachtung lehrt freilich, dass Medien, die auf Qualität Wert legen, Schutzwälle eingezogen haben, die verhindern sollen, dass sie vom Vulgärjargon überflutet werden.

Hier ist nun die Stelle, darauf hinzuweisen, dass das unanständige Wort in manchen öffentlichen Biotopen besonders gute Lebensbedingungen vorfindet. Eines dieser Biotope ist die Literatur, wo das Gesetz der künstlerischen Freiheit herrscht und der Artikulationsradius weiter und freier ist als in den typischen alltäglichen Kommunikationssituationen, in denen das Anstößige und Vulgäre tunlichst vermieden wird. Wir haben für viele Ausdrücke in literarischen Werken Belege gefunden, sie erfüllen dort die unterschiedlichsten Funktionen; zum Beispiel sprachliche Charakterisierung von Milieus, Kritik an der Männersprache, wie häufig bei Elfriede Jelinek, oder als Mittel der Provokation. Auch der ungemein beliebte Berufstand der Kabarettisten und Comedians hat im unanständigen Ausdruck einen stets verlässlichen und hilfreichen Partner, wie Michael Mittermeier, Mario Barth und einige andere immer wieder beweisen – auf unterschied­lichem Qualtitätsniveau, aber jeweils mit großer Anhängerschaft. Als Moderator einer Late-Night-Show hat Harald Schmidt mit Verstößen gegen die political correctness – nicht nur im Sexualbereich, aber auch dort – lange Zeit für Furore gesorgt.

Der populäre „Willkommen Österreich“-Moderator Dirk Stermann, der gemeinsam mit seinem Partner Christoph Grissemann das derbe Wort ebenfalls nicht scheut, hat uns verraten, dass dieses, wann immer es auf der Bühne geäußert wird, wie ein Fanfarenstoß wirkt, der das Publikum umgehend aus der Lethargie reißt. Nicht von ungefähr hat ein Wiener Schauspieler – wir konnten nicht eruieren, wer es war – das Bonmot geprägt: „Der Schas ist der beste Komiker!“ Oder um es freudianisch zu formulieren: Es kann lustvoll sein, ein Tabu, also ein Verbot, zu durchbrechen. Worüber man nicht reden darf, darüber lässt es sich trefflich scherzen. Damit kann der Reiz vieler Wörter dieses Buches erklärt werden, die als „scherzhaft“ einzustufen sind.

Ein Thema, das für viele Mutmaßungen und Spekulationen gut ist, ist der geschlechtsspezifische Aspekt der vulgären Rede: Ist das unanständige Sprechen eine typische Männerdomäne? Richtet sich die unanständige Sprache tendenziell gegen Frauen? Einige Jahrzehnte gesteigerter feministischer Sensibilität haben den sprachlichen Sinn geschärft, und obwohl man mit Generalisierungen vorsichtig sein sollte, ist unübersehbar, dass Schieflagen existieren. Die Comedienne Carolin Kebekus ärgert sich zum Beispiel darüber, dass es unzählige Wendungen für die Selbstbefriedigung des Mannes gibt (die Banane schälen, den Lurch würgen, das Äffchen pelzen, einhandsegeln, Fünf gegen Willy, Mütze-Glatze-Schneemann etc.), während der korrespondierende Wortschatz bei Frauen dünn gesät und oft mit einer abschätzigen Note versehen ist. Die Formulierung die Hölle putzen ist Kebekus besonders unangenehm aufgestoßen: „Habt ihr keine anderen Ausdrücke dafür?“, fragt sie ihre Geschlechtsgenossinnen.

Die amerikanische Schriftstellerin und Feministin Naomi Wolf wiederum beklagt in ihrem Buch „Vagina. Eine Geschichte der Weiblichkeit“ die häufig beleidigende und bestenfalls triviale Art und Weise, mit der über weibliche Geschlechtlichkeit gesprochen wird. Für viele Frauen bedeute es einen erheblichen Stress, mit diesem abschätzigen Vokabular konfrontiert und traktiert zu werden. Das weibliche Sexualorgan wird oft auf ein Loch, einen Schlitz, eine Ritze, eine Spalte oder eine Klumse reduziert oder überhaupt nur durch sein männliches Pendant definiert (z. B. „Schwanzgarage“). Als Beispiel für einen wertschätzenden, erotisch reifen sprachlichen Umgang mit der weiblichen Sexualität zitiert Wolf taoistische chinesische Liebeslyrik, in der die Goldene Lotusblüte, die duftende Laube, das Tor zum Paradies, das Himmelstor oder die Jadetür gepriesen werden. Und man muss gar nicht einmal geografisch in die Ferne schweifen: Wirft man einen Blick in die pornografische Literatur früherer Zeiten, so stößt man dort auf ein gemäßigteres, poetischeres Vokabular: Liebesstab und Liebesgarten, Cupido und Venus, den Freudenquell fließen lassen, den Zauberbecher der Wollust leeren etc. (aus: Anonym: Lina’s aufrichtige Bekenntnisse, um 1790).

Ganz offenbar existiert heute so etwas wie eine gesteigerte weibliche Wehrhaftigkeit gegen eine vulgäre, unanständige Sprache, die als männerdominiert und frauenfeindlich gelten muss, sei es nun, dass Elfriede Jelinek in ihren Romanen machistische Sprachstereotypen aufs Korn nimmt oder Naomi Wolf die Trivialitäten der männlichen Sexual­sprache analytisch-kritisch aufbereitet. Eine besonders interessanter Fall ist jener der englisch-deutschen TV-Moderatorin und Schriftstellerin Charlotte Roche, die in ihrem – inzwischen auch verfilmten – Megabestseller „Feuchtgebiete“ Tabuthemen wie Analrasuren, exotische Sexualpraktiken und Körperausscheidungen aller Art in einem Duktus abhandelt, der an Explizitheit und Vulgarität nichts zu wünschen übrig lässt. Fräuleinwunder einmal anders: Roche überlässt die unanständige Rede nicht mehr den Männern, sondern bedient sich ungeniert einer Sprache, die selbst an einschlägig geeichten Stamm­tischen auffallen würde. Dass die „Feuchtgebiete“ zu einem der größten publizistischen Erfolge der letzten Jahrzehnte geworden sind, zeigt, dass Roche einen Nerv getroffen hat.

Die deutsche Rapperin Lady Bitch Ray wiederum zahlt den Männern sexuelle Beleidigungen in Liedtexten mit gleicher Münze heim. Die promovierte Sprachwissenschaftlerin, eigentlich Reyhan Şahin, erregt außerdem mit hintergründigen Provokationen große mediale Aufmerksamkeit. Wenn sie für den Fernsehsender VOX Gerichte mit der Bezeichnung Schamlippenfilet, Venus-Muschis oder Mös’ au Chocolat serviert, berichtet sogar die Boulevardpresse. „Ich wurde von meiner Muschi inspiriert“, erklärt Lady Bitch Ray der BILD. „Ich finde, dass die Vagina in unserer Gesellschaft zu kurz kommt. Also: Respektiere Deine Pussy!“

Neu ist auch, dass Frauen beim Beschimpfen von Frauen auf jenes Sprachinventar zurückgreifen, das normalerweise Männer gegen Frauen verwenden – vielleicht auch mit der Absicht, die Wörter aus dem Schimpfwortinventar der Männer herauszulösen. Lady Bitch Ray bezeichnet in dem Lied „Ich hasse dich!“ die deutsche Soulsängerin und Docu-Soap-Darstellerin Sarah Connor als Schleimfotze, Pissnelke, Fickgrotte, Kackbratze, Dorfmatratze …“ Das aus dem Angloamerikanischen entlehnte Schimpfwort Bitch verwendet sie als Teil ihres Künstlernamens und erklärt diese Selbstbezeichnung in einem Liedtext so: „Ich bin ne Bitch! / Du meinst, dass du mich disst, / nennst du Ficker mich Bitch? / Junge die Wahrheit ist – / Ich bin ne Bitch!, (…) / Pisser, ich mach mein Ding, Nutte steht auf meinem Ring, keiner kann mich bezwingen! / Ich bin ne Bitch!“

Die Rapperin und Sprachwissenschaftlerin dürfte mit diesen Texten auch noch ein anderes Ziel vor Augen haben: Auf Frauen gemünzte Schimpfwörter sollen durch häufiges Verwenden abgenützt werden, sodass sie an Schärfe verlieren. Psycholinguisten sprechen in diesem Fall von semantischer Sättigung. Sprache ist immer in Bewegung, und es scheint so, als wären auch auf dem Gebiet der unanständigen Wörter die Verhältnisse ins Tanzen geraten.

Wer sich mit der Herkunft und der Geschichte der Wörter befasst, kommt zu der Erkenntnis, dass viele Wörter für „Frau“ vom Althochdeutschen bis zum Neuhochdeutschen eine gravierende Bedeutungsverschlechterung durchgemacht haben. Ein Beispiel von vielen ist diorna. So nannte man im Althochdeutschen ein Mädchen, eine junge Frau – in einigen Mundarten des deutschen Sprachraums ist das auch heute noch so. Im Mittelhochdeutschen war dierne vorwiegend eine junge Dienerin. Doch schon bald begann sich jene Bedeutung herauszubilden, die im Neuhochdeutschen die gängigste ist: Unter Dirne verstehen wir heutzutage eine Prostituierte. Da das Wort vorwiegend in abwertenden und sexualisierten Kontexten verwendet wurde, hat der Kontext auf die Wortbedeutung abgefärbt. Für dieses Phänomen gibt es viele Beispiele. Eine Metze war ursprünglich ein Mädchen niederen Standes, eine Hure war eine Liebhaberin, eine Nymphe eine Kindfrau. Heute dienen auch diese drei Wörter als Bezeichnungen für Prostituierte.

„Wenn Männer rumficken, ist das der Hit, / wenn Frauen rumficken, sind sie nur Shit“, singt Lady Bitch Ray. Ein Mann, der Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern hat und nicht an langfristigen Bindungen interessiert ist, wird anerkennend als Schürzenjäger, Deckhengst oder Gemeindebock bezeichnet; eine Frau mit promiskuitiver Lebensweise wird mit abwertenden Ausdrücken wie Dorfmatratze oder Fickschnitzel belegt. Groß ist auch die Zahl jener Wörter, die ursprünglich Vagina, Vulva bedeutet haben, in einer zweiten Entwicklungsphase pars pro toto für Frau standen und in einer dritten als Bezeichnung für eine Prostituierte herhalten müssen: Britsche, Büchse, Geige, Klumse, Kutt, Musch(e) etc.

In diesem Zusammenhang sind zwei Hypothesen Steven Pinkers von Interesse: die Euphemismus-Tretmühle (engl. euphemism treadmill) und ihr Gegenstück, die Dysphemismus-Tretmühle. Das Konzept der Euphemismus-Tretmühle geht davon aus, dass jeder Euphemismus irgendwann die negative Konnotation seines Vorgängerausdrucks annimmt, solange sich die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ändern. Entscheidend für die Bedeutungsbildung in den Köpfen der Menschen sind nämlich nicht die Wörter selbst, sondern die hinter den Wörtern stehenden Vorstellungen, Meinungen und Vorurteile – also die Begriffe.

So werden fortwährend neue Wörter kreiert, um negative Assoziationen bei den alten Wörtern zu vermeiden. Aus Krüppel wird der Invalide, aus der Invalide wird der Behinderte, und inzwischen empfinden wir auch bei dem Wort der Behinderte ein Unbehagen und registrieren die neuen Ersatzausdrücke im Englischen: disabled (= entfähigt) und differently-abled (= anders befähigt).

Die Dysphemismus-Tretmühle beschreibt den umgekehrten Vorgang. Ein negativ konnotierter Ausdruck erfährt eine Bedeutungsverbesserung, als Folge davon entsteht ein neuer abwertender Ausdruck oder ein bestehender Ausdruck wird abgewertet. Schwuler war ursprünglich ein Schimpfwort für männliche Homosexuelle, wird aber heute von der Schwulen-Bewegung bewusst als positiv besetzte Selbstbezeichnung verwendet, sodass infolgedessen die alte Benennung Homosexueller, besonders aber die Kurzform Homo schon beleidigenden Charakter aufweist.

Vielleicht sind diese zwei Tretmühlen schuld daran, dass die Menschen im Bereich des Analen, Fäkalen und Sexuellen immer wieder neue Wörter kreieren und bestehende Wörter neu bewerten.

Ein paar technische Details zum Schluss: Die Themenabgrenzung hat uns einiges Kopfzerbrechen bereitet. Schließlich fassten wir den Entschluss, im Sinne Sigmund Freuds das Anale, das Fäkale und das Sexuelle zu dokumentieren. In diesen Bereichen stoßen wir heute auf das Gros der deutschen Tabuwörter. Wobei es zum Wesen des menschlichen Körpers gehört, dass – grob gesprochen – jene Organe, die für die Sexualität geschaffen sind, auch der Ausscheidung dienen. Heinrich Heine hat es so formuliert: „Zwei Funktionen, die so greulich / Und so schimpflich und abscheulich / Miteinander kontrastieren / Und die Menschheit sehr blamieren.“

Viele dieser Ausdrücke werden auch als Schimpfwörter verwendet, wobei wir uns nicht in der Lage sahen, sie in Abstufungen wie „derb“ oder „vulgär“ einzuordnen, wie dies andere Wörterbücher tun. In Robert Musils Essay „Über die Dummheit“ finden wir eine Rechtfertigung für unser Versäumnis: „Denn die Bedeutung von Schimpfworten liegt bekanntlich nicht so sehr an ihrem Inhalt als an ihrem Gebrauch … Das Schimpfwort vertritt nicht, was es vorstellt, sondern ein Gemisch von Vorstellungen, Gefühlen und Ansichten, das es nicht im mindesten auszudrücken, sondern nur zu signalisieren vermag.“ Wir müssen es unseren Lesern überlassen, den durchaus wechselvollen Charakter der aufgelisteten Wörter zu beurteilen. Oft ist auch der Kontext entscheidend. Alte Freunde gebrauchen manchmal ein derbes Schimpfwort als Begrüßung – damit soll gezeigt werden: Seht her! So gut ist unsere Freundschaft, dass wir uns derartige Wörter an den Kopf werfen können! Und Ausdrücke wie Föttchen, Arscherl oder Höhnermoors können sogar als Kosewörter verwendet werden, zum Beispiel für kleine Kinder.

Man könnte, wie es Steven Pinker nahelegt, nicht nur das Anale, Fäkale und Sexuelle mit den dazugehörenden Tabuwörtern dokumentieren, sondern auch Körperausscheidungen jeder Art. Um den Umfang dieses Buches nicht zu sprengen, haben wir auf alltagssprachliche und mundartliche Ausdrücke für Nasenschleim, Speichel etc. bewusst verzichtet.

Ausgeklammert haben wir auch pejorative Wörter für homosexuelle Frauen und Männer sowie für Transsexuelle, ferner Spezialausdrücke aus dem Jargon der Prostituierten und der Zuhälter sowie Termini, mit denen die Pornobranche ihr Angebot an teilweise recht extravaganten Sexualpraktiken feilbietet.

Die regionale Differenzierung innerhalb des deutschen Sprachraums war für uns ein Faszinosum. Hier offenbarte sich eine unglaubliche Vielfalt, die historisch gewachsen ist. Die Quellenlage ist allerdings alles andere als optimal.

– Das „Variantenwörterbuch des Deutschen“ von Ulrich Ammon befasst sich mit der Standardsprache in den deutschsprachigen Ländern und enthält aus dem Bereich des Fäkalen und des Sexuellen nur wenige Wörter: brunzen, pieseln, pullern und strullen, ferner Titten und Möpse. Nur bei diesen sechs Wörtern sind also die aktuellen geografischen Verbreitungen wissenschaftlich erhoben worden.

– „Das große Wörterbuch der deutschen Sprache“ des Duden hat bei vielen Wörtern nur die Markierung „landschaftlich“. Auch unsere Angaben zur geografischen Verbreitung sind von ungefährer Natur.

– Bei wichtigen Ausdrücken führt „Das große Wörterbuch der deutschen Sprache“ die Etymologie an. Wenn Sie in der Folge den Vermerk „Duden“ finden, ist immer „Das große Wörterbuch der deutschen Sprache“ gemeint, nicht der „Rechtschreib-Duden“.

– Was die Etymologie einzelner Wörter anlangt, haben wir auch in jenem Standardwerk nachgesehen, das unter Sprachforschern kurz und bündig als „der Kluge“ bezeichnet wird – genauer: „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“, bearbeitet von Elmar Seebold.

– Da im „Duden“ und im „Kluge“ nur die wichtigsten Ausdrücke der Sexual- und Fäkalsprache vermerkt sind, mussten wir in vielen Fällen eigene Recherchen anstellen. Im Internet können im sogenannten „Wörterbuchnetz“ das Grimmsche Wörterbuch und einige altehrwürdige regionale Wörterbücher abgerufen werden. Oft führte der Weg zur Herkunft eines Wortes über solche Abrufe.

– Das Corpus des allgemein zugänglichen Wörterbuchs auf duden.de ist nicht identisch mit jenem des „Großen Wörterbuchs der deutschen Sprache“. Es enthält bei den wichtigsten Ausdrücken Synonyme, was für unsere Arbeit eine große Hilfe war.

– Heinz Küppers grandioses „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“, erschienen in verschiedenen Ausgaben und bei verschiedenen Verlagen, war ebenfalls eine wichtige Quelle. Wir verwendeten die digitale Version von Directmedia Publishing, Berlin, mit 65.000 Stichwörtern. Küppers hat eine derart große Anzahl an Wörtern der Sexual- und Fäkalsprache aufgenommen, dass wir eine rigorose Auswahl treffen mussten. Wir haben jene Wörter aufgenommen, bei denen die Vermutung berechtigt ist, dass sie auch heute noch verwendet werden – außerdem Wörter mit einer interessanten Etymologie. Küppers etymologische Angaben sind oft spekulativ, außerdem scheinen viele soldatensprachliche Ausdrücke aus dem Zweiten Weltkrieg kaum noch in Gebrauch zu sein.

– Ernest Bornemans klassisches Werk „Sex im Volksmund. Der obszöne Wortschatz der Deutschen“ war gleichfalls eine wertvolle Quelle. Wegen seiner Schwerpunktsetzung auf die Sprache professioneller Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter wird es seinem Titel („Volksmund“) allerdings nur zum Teil gerecht. Auch bei diesem Buch mussten wir eine rigorose Auswahl treffen.

– Zum Glück hat die wissenschaftliche Aufarbeitung der Thematik inzwischen einige Fortschritte gemacht. Die von Rudolf Hoberg her­ausgegebene Sammlung von Aufsätzen unter dem Titel „Sprache – Erotik – Sexualität“ enthält Hinweise zu weiterführender wissenschaftlicher Literatur.

– Wir konnten uns beim Sammeln und Beschreiben der Wörter einerseits auf unsere Gewährsleute in verschiedenen Regionen des deutschen Sprachraums stützen (siehe Danksagung am Ende des Buches), andererseits auf Mundartwörterbücher und Internetsammlungen – sofern sie nicht die Sexual- und Fäkalwörter aussparen, was leider oft der Fall ist.

– Leider fehlen sogar in den ausgezeichneten Mundartwörterbüchern die Angaben zur Flexion der Substantive. Wir mussten daher in manchen Fällen bei unseren Gewährsleuten die Pluralformen recherchieren.

– Da in vielen Mundarten keine Genitive gebildet werden, sondern Umschreibungen mit Dativ- und Possessivpronomen üblich sind (nach dem Muster: dem Vater sein Hut), tauchen in unserem Wörterbuch immer wieder Substantive mit dem Vermerk „kein Genitiv“ auf. Wenn es um einen Mundartausdruck geht, der in einem standardsprachlichen Text vorkommen könnte, haben wir eine Genitivform nach den Regeln der deutschen Sprache konstruiert. Wir verwenden auch bei den Mundartausrücken die standardsprachlichen Artikel „der“, „die“, „das“, obwohl sie in den Mundarten anders ausgesprochen werden. Dadurch kann das grammatische Geschlecht leichter erkannt werden.

Dieses Buch kann nicht mehr als ein erster Versuch sein, es ist sicher mit Fehlern behaftet und erhebt auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wir warten gespannt auf Reaktionen von Leserinnen und Lesern aus dem gesamten deutschen Sprachraum und sind dankbar für ergänzende oder kritische Hinweise. Wir werden sie interessiert zur Kenntnis nehmen und bei unserer weiteren Arbeit berücksichtigen. Schicken Sie einfach eine Nachricht mit Angabe Ihres Geburts- und Wohnortes (damit wir eine regionale Zuordnung treffen können) an: unanstaendiges@robertsedlaczek.at.