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Hans Augustin

Fayum und andere Erzählungen

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Ungekürzte E-Book-Ausgabe

© 2006 by Skarabæus Verlag Innsbruck-Bozen-Wien in der Studienverlag Ges.m.b.H.

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7348-6

Buchgestaltung nach Entwürfen von Kurt Höretzeder

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.skarabaeus.at.

Inhalt

Die Schwarze Witwe

Herzrasen

Mein Land ist das Meer

Dead End Street

Fayum

Französische Landschaft

Kalbsherz

Der Riß

Der unauffällige Heimgang des George Turklebaum

Frauenleben

Zanshin no yume

Glossar

Die Schwarze Witwe

Ein paar von der Hitze verzehrte Blätter liegen am Platz, wo sonst die Busse stehen. Es ist nur eine Erinnerung. Im voraus. Ich überlege nur, was ich nachher wahrscheinlich nicht mehr zu denken imstande bin, denn dann werde ich tot sein. Jedenfalls in einem anderen Zustand.

Nichts wird darauf hindeuten, daß ich hier war.

Ein Glas Wasser wäre jetzt gut. Aber Wasser bläht den Magen auf. Und zerreißt ihn beim Einschuß in Fetzen.

Aber warum sollte er zerreißen?

Und wenn er zerreißt, man spürt es nicht.

Woher aber wissen die Lebenden davon?

Nein, jetzt nicht. Es geht nicht.

Acht Uhr vierundzwanzig Minuten. Der Bus ist verspätet. Man kann immer so tun, als ob man in Eile wäre, als sei man zu spät, als ob man jemanden abholen wollte, als hätte man sich an der Haltestelle geirrt, auf die Verkehrsmittel sei eben längst kein Verlaß mehr. Er ist voll besetzt mit Schülern, mit Pendlern, das Leben geht unter allen Umständen weiter. Es muß weitergehen.

Normalität unter Kriegsrecht. Bis das Kriegsrecht normal ist?

Mit Soldaten. Vor allem Soldaten und Angestellte der provisorischen Verwaltung. Obwohl es provisorisch nichts zu verwalten gibt. Nie gegeben hat.

Ich frage mich, was diese Leute verwalten. Ihren Schreibtisch? Einen durchlöcherten Korridor? Die Lebensmittelmarken? Unsere Toten?

Wenn die Türen aufgehen, quillt auch der Mief feuchter Kleider und ungewaschener Körper heraus. Es gibt keinen Strom und kein Wasser. Wie lange schon nicht mehr. Seife ist Luxus, wie Kaffee. Unsere Wasserleitung ist seit Monaten, eigentlich seit Jahren tot. Wir gehen zu einem Hydranten an der Ecke unseres Hauses, aus dem erstaunlicherweise immer noch ein Rinnsal von Wasser kommt. Da stillen wir erst unseren Durst, dann füllen wir Kanister und Krüge, und wenn die Miliz kommt, verziehen wir uns in die nächstliegenden Eingänge.

Hin und wieder wird der Hydrant zur Zielscheibe. Und die Projektile fliegen jaulend in irgendwelche Richtungen.

Die Frauen mit halbvollen Säcken am Rücken. Sie gehen auf den provisorischen Markt, um ihr Gemüse zu verkaufen.

Außerdem habe ich den Zünder nicht scharf gemacht. Ich habe Angst, daß ich sterben könnte. Aber auch, daß ich überleben könnte. Ich werde sterben, in jedem Fall.

Zuerst legen sie mir einen Ausweis hin. Der Mann, der auf dem Foto zu sehen ist, ist mein Mann. Ich brauche nur zu nicken. Das genügt ihnen schon. Wenn ich will, kann ich ihn in der Beschauhalle ansehen.

Ansehen. Was von ihm übrig geblieben ist.

Es ist ein Behälter aus Blech, in der Form einer länglichen Kiste. Mein Atem stockt. Der Mann, den sie beauftragt haben, mit mir zu gehen, trägt einen blauen Arbeitsanzug aus grobem Leinen. Er könnte Maurer sein, Installateur. Hafenarbeiter.

Die Toten sind für sie bloßes Material.

Ich halte den Atem an beim Betreten des Raumes. Wie viele vor mir sind hier schon gestanden, um das anzusehen, was nicht anzusehen ist. Als ob hier noch bestätigt werden müßte, was ohnehin vollkommen klar ist: der Tote ist tot. Unkenntlich. Wenn man Glück hat, weiß man von einer Besonderheit am Fuß, an der Wade, am Rücken, am Arm.

Ich berühre mit der Hand meinen Hals. Atemnot. Der Mann öffnet eine mit Drehriegel versehene Eisentür eines Kühlraumes. Dann geht er zu einem Regal mit Blechkisten, auf denen Nummern zu lesen sind. Sie bedeuten nichts und sind nur zur Verwaltung gut.

7934. Das ist alles. Aber dieses Alles war mein Mann. Vor meinem Mund wird die Atemluft sichtbar. Es riecht nach Gestorbenem. Vermischt mit altem Mauerwerk, nach dem Inhalt lecker Abflußrohre.

Ich schließe die Augen und halte den Atem an, als er die Blechkiste herauszieht. Ich verberge mein Gesicht bis zu den Augen in der Armbeuge meines Mantels.

Der Mann hat kein Alter. Er kann dreißig sein, er kann mein Sohn sein, oder sechzig. Seine Augen haben viel gesehen. Um seinen Mund ist eine seltsame Trauer, die nicht ihm gehört, sondern jenen, die hier herkommen, wie ich, um den Rest zu sehen.

Nein, nicht jetzt.

Die Menschen kommen in Wellen und drängen an mir vorbei. Schnell und rücksichtslos. Es ist wie eine Flucht vor etwas, das man nicht greifen, aber spüren kann. Es riecht nach Vernichtung. Eigentlich müßten sie das Harte an meinem Leib spüren.

Die letzten, die aus dem Bus herausklettern, sind Kinder eines Kindergartens mit zwei Tanten. Ich kann Kinder nicht mit hineinziehen. Ich mache kehrt.

Plötzlich spüre ich in meinem Bauch eine feine, sanfte Bewegung. Ich halte mir vor Schrecken mit der Hand den Mund zu: Es wird doch nicht …? Es kann nicht sein! Ich habe meine Tage aufgeschrieben.

Ich werde es nicht tun. Heute nicht. Morgen nicht. Vielleicht nie.

Oder vielleicht in der nächsten halben Stunde.

Eines der Kinder weint. Es macht mich nervös. Ich denke an meine Kinder.

Ich könnte hier den Mechanismus betätigen. Es würde sich auszahlen.

Aber heute nicht. Zumindest jetzt nicht.

Ich habe den Atem angehalten, als jemand vor einem Monat nachts Steinchen ans Fenster warf. Das Zeichen, daß etwas passiert war. Ich stand auf, blieb eine Ewigkeit am Bett stehen, ich wollte es nicht wahrhaben, ich dachte, daß es nur geträumt war, dann hörte ich wieder etwas an die Scheibe prasseln, ich ging ans Fenster und bewegte den Vorhang.

Unten leuchtete schwach konturlos ein Gesicht aus der Dunkelheit, darin nahm ich so etwas wie einen Mund wahr. Der unbekannte Mund sagte etwas, wie um sich zu entschuldigen, daß es Menem erwischt hatte. Wo, war gleichgültig. Es war vorbei. Ich hatte verstanden.

Es gibt keinen Zweifel. Das Komitee würde eine Entschädigung veranlassen. Aber eine Entschädigung für den Gang der Gefühle durch die Hölle ist lächerlich.

Ich habe meinen Mann vier oder sechs oder mehr Wochen nicht mehr gesehen. Nur telefoniert. Er klang wie immer etwas heiser. Wahrscheinlich rauchte er zuviel. Sie alle rauchen zuviel. In seine Stimme färbte sich Aussichtslosigkeit.

Wie es mir gehe? Ich lüge an der Wahrheit vorbei. Ein wenig Sehnsucht, aber ich muß entscheiden, was zu tun ist. Wenn du nicht da bist. Was wir essen werden. Wie ich die Kinder zur Schule bringe.

Und ich sage ihm, daß es nicht auszuhalten sei. Ich spüre plötzlich so etwas wie Wut auf ihn, auf sein Kommando, auf die Regierung, sie hatten es in zehn Jahren nicht geschafft, den Krieg zu beenden, die Verschleppungen, die Folterungen, die Vergewaltigungen.

Ich schreie in den Hörer, wie viele Frauen sollen noch zu Witwen werden, wie viele Schwestern ihre Brüder, wie viele Mütter ihre Männer und Söhne verlieren.

Was soll aus unseren Kindern werden?

Das überraschte ihn. Ich wäre seine Frau, Tschetschenin, Beschützerin der Kinder, er verlange Solidarität und ich solle mich nicht zur Jeanne d’Arc entwickeln.

Das wüßte ich. Das hatte er noch nie gesagt. Und wenn es etwas nützte, würde ich es tun. Schon seinetwegen.

Es war kein schönes Telefonat. Es war so etwas wie eine Grenzziehung. Das Wetterleuchten eines Konfliktes innerhalb unserer Beziehung.

Ein Artillerieduell anderer Art.

Wenn er geht, sagt er nie wohin und wann er wieder kommt. Ich habe kein Recht, das zu erfahren. Aber jetzt bin ich auf mich alleine gestellt. Ich verantworte meine Handlungen selbst. Ich habe ihm nicht gesagt, daß ich die Kinder zu meiner Schwester geschickt habe.

Ich will ab heute wissen, wohin er geht. Und ob es vielleicht kein Wiedersehen gibt.

Was macht dieses Milchgesicht in Uniform hier? Die Pickel im Gesicht.

Seine Mama geht vielleicht täglich in die Basilika Peter und Paul und zündet eine Kerze an. Damit er heil zurückkommt. Damit den Terroristen hier ein Ende bereitet werde, damit der Krieg aufhört. Ich bin keine Terroristin.

Ich weiß nicht, ob er heil nach Hause kommt.

Du bist hier, obwohl dich niemand eingeladen hat. Du bist kein Tourist. Es gäbe auch nichts mehr zu besichtigen.

Auch wenn dich die Armee einen Hundedreck interessiert, du bist Soldat. Und du wirst das tun, was man dir befiehlt. Deinesgleichen haben alles hier in Schutt und Asche gelegt.

Ich bemitleide dich, aber ich hasse dich auch.

Dein Befehl wird sein, Verdächtige zu verhaften. Und du hast nichts anderes gelernt, als zu gehorchen. Denn niemand kommt freiwillig hierher.

Deine Zukunft beginnt in der Hölle. Aber das weißt du noch nicht. Drei Jahre für einen Schandlohn. Welche Pläne hast du für dein Leben? Ein Diplom in Nachrichtentechnik oder Kunststoffverarbeitung an der Militärschule. Und irgendwann heiraten und Kinder. Was wirst du deinen Kindern einmal erzählen? Von uns? Von deinem Einsatz in Tschetschenien? Von den „Kaukasiern“? Wirst du überhaupt etwas erzählen?

Aber mit der Zeit machen sie aus dir hier ein Schwein. Sie nehmen dir die gute Erziehung, wie man jemandem Bonbons wegnimmt, das Ersparte, die Zukunft. Daraus wird nichts. Auf Ermordete baut man keine Zukunft.

Wenn du von hier nach Hause kommst, hast du keine Zukunft mehr. Denn das, was du hier zu sehen bekommst, erträgst du nicht. Weil es nicht zu ertragen ist. Von niemandem.

Am wenigsten von jenen, die das befehlen, was zu tun ist.

Ich halte den Atem an. Der Mann öffnet die Blechkiste und ich sehe zuerst nichts als Menems Hemd, mit ein paar Löchern. Ich weiß nicht, ob es Einschüsse sind. Und daran den Gürtel seiner Hose. Aber die Hose ist oben leer. Nur ab den Knien beginnt er wieder. Die Schuhe sind weg. Seine Beine und Zehen wären noch ganz in Ordnung. Und der rechte große Zehennagel ist blau unterlaufen. Das ist die Gewißheit.

Wir trugen ein Sofa und er stellte sich das eine Bein auf seine rechte große Zehe. Ich weiß noch, daß es ihn schmerzte und er humpelte in die Küche und goß sich Whiskey darauf. Whiskey? Woher hatten wir den? Es war ein Geschenk. Für einen Freundschaftsdienst. So heißt das, wenn eine Rechnung beglichen wird.

Oben, am Hemdkragen, liegt noch ein Stück Hinterkopf.

Alles andere ist Erinnerung. Keine Arme, keine Brust, keinen Mund mehr, der meinen Namen aussprechen könnte. Oder der den Kindern eine Geschichte erzählt. Ein Kuß, das wäre jetzt geschmacklos.

Jetzt nicht.

Ein Offizier mit Koffer. Zurück vom Heimaturlaub. Die schönen Stunden hinter sich. Vielleicht auch mit Frau und Kindern. Über Zukunft geredet. Mit Angst. Über Angst spricht man nicht. Angst riecht man. Angst ist wie Mundgeruch.

Du könntest es einrichten, daß du ihn unbeabsichtigt anstößt und anlächelst. Das wäre hier nicht üblich. Eine Kaukasierin lächelt keinen Russen an. Auch wenn er ihr gefällt.

Du könntest ihn mit einem Lächeln ködern. Er geht dir in die Falle. Heute vielleicht nicht, aber übermorgen. In zwei, drei Wochen. Wenn der Abstand des Gefühls nach Hause groß genug ist.

Du triffst ihn einmal, zweimal in einem Café, im Kasino, auf der Straße, abends natürlich. Wenn er dir zu nahe kommt, und er versucht ganz sicher, dir so nahe wie möglich zu kommen, schnappt die Falle zu. Wie du ihn erledigst, ist deine Sache.

Bis man realisiert, was passiert ist, bist du weg und er ist tot.

Ich nicke.

Der Mann klappt den Deckel zu und schiebt die Blechkiste wieder an ihren Platz in der Stellage. Ich solle mir einen Sarg besorgen. Und ein Begräbnis arrangieren.

Bei dieser Gelegenheit würden natürlich die Freunde und Verwandten kommen und der Geheimdienst ein paar Fotos machen. Man kann ja nie wissen. Aber diesen Gefallen werde ich ihnen nicht tun.

Das Komitee wird die Angelegenheit übernehmen. Menem wird am Friedhof der jungen Helden bestattet. Die meisten sind noch nicht dreißig.

Am Abend erkläre ich den Kindern alles. Sie hören wortlos zu. Es gibt keine Fragen. Papa kommt nie wieder nach Hause. Nie wieder. Als ob eine schwere Tür ins Schloß gefallen wäre.

Sarema zieht ihrer Puppe Kleider an und Pawel nimmt das Buch über alle Länder der Erde. Es war ein Geschenk seines Onkels. Er wird es brauchen, wenn er zur Schule geht. Auf den Seiten mit Europa ist Rußland durchgestrichen.

Ich werde sie in Sicherheit bringen. Sie fahren mit dem nächstbesten Bus zu meiner Schwester. Sie hat einen russischen Schiffsbauingenieur geheiratet und lebt in Sotschi. Das sind knapp tausend Kilometer. Dort leben die Menschen im Frieden. Und das Meer leuchtet abends, wenn die Sonne untergeht. Das ist wie Urlaub.

Die Kinder haben sie immer gerne gemocht. Und sie haben keine Kinder. Also.

Ich gehe aus dem Kühlraum hinaus und denke an die Nummer, die sie mir geben werden. Wenn es vorbei ist. Ich spüre meinen Mann im Wind, den die Tür beim Schließen verursacht. Er verläßt mit mir dieses Haus. Ich trage seine Seele mit. Über die Straße, über den Platz der Freiheit, bis in die kleine Wohnung. Dort wird er mir bei dem zusehen, was zu tun ist. Wie ich mir den Gürtel anlege und den Zünder fixiere.

Ich werde noch den Rest Brot essen und eine Dose mit Sardinen. Made in China. Das haben wir gerne gegessen. In den rechten Schuh stecke ich meinen Ausweis. Dort wird man ihn finden. Man hat mir gesagt, daß die Explosion nur den mittleren und oberen Teil des Körpers berührt. Die Beine bleiben meist unversehrt.

Auch die Beine meines Mannes sind noch am Leben.

Der Beamte reicht mir ein Formular, auf dem ich unterschreibe, daß ich die Leiche gesehen habe und daß das mein Mann war. Diese Unterschrift kostet nichts.

Als ich über den Platz gehe, fährt ein Konvoi von Militärlastwagen stadtauswärts. Hinten auf der überdeckten Plattform eine Menge junge Burschen. Rekruten. So sieht es jedenfalls aus. In Wahrheit sind es Gefangene. Ich sehe, wie ein winziges Stück Papier aus dem Dunkel der Abdeckung herausgeworfen wird, und ich merke mir die Stelle, wo es hinfällt.

Als die Autos vorüber sind, gehe ich dorthin und hebe es auf. Es ist ein Rest Zigarettenpapier, auf dem ein Name steht. Kamel Orinko. Und daneben eine Telefonnummer.

Ich warte, bis es Abend ist.

Als ich die Nummer gewählt habe, dauert es lange, bis jemand abhebt. Ich will schon auflegen, als sich eine Frauenstimme meldet. Ich sage meinen Namen und erzähle, was ich beobachtet habe.

Ich höre nur schweres Atmen und unterdrücktes Schluchzen.

Dann sagt die Frau, daß sie mich sprechen möchte. Wenn möglich gleich.

Ich möge am Platz der Freiheit warten, dort, wo ich den Zettel gefunden hätte. Und als Erkennungszeichen auf der rechten Schulter Mörtelstaub tragen. Schmutzige Kleidung fällt nicht auf.

Der Bus, der morgens zu spät eintrifft, fährt abends zu spät ab. Es gibt Schwierigkeiten mit einer Bäuerin, die ihren Sack nicht von der Schulter nehmen will, um ihn einem Milizionär zu zeigen. Der Inhalt ist deutlich als Huhn erkennbar.

Der junge Milizionär verliert die Geduld und reißt ihr den Sack herunter, um ihn zu öffnen. Dann geschieht alles im Zeitraffer: Aus dem Sack schießt eine gleißende Flamme, im selben Moment lösen sich der Milizionär und die Bäuerin in Stücke auf. Gleichzeitung erfolgt ein unterdrückter, kalter, klarer Knall. Es ist weniger als eine Sekunde vergangen.

Die Umstehenden werfen sich auf den Boden, Verletzte wälzen sich und stöhnen, Kinder schreien, es tritt eine seltsame Stille ein, als ob die Tonspur in einem Film gerissen wäre, kurz darauf rast eine Patrouille von Milizionären heran, sie springen aus dem Auto, ein Krankenwagen reißt die Menge der Umstehenden auf, die Frau im weißen Mantel gibt Anordnungen, die Verletzten zu bergen, bei manchen ist es schon zu spät, sie werden wieder abgeladen, die Sanitäter keuchen, der Krankenwagen ist voll, ein zweiter ist entfernt hörbar, es riecht nach Blut, nach verbranntem Fleisch und Exkrementen, zwischen den Umliegenden finden sich Gemüsereste aus dem Sack der Bäuerin, niemand weiß, wie das geschehen konnte.

Plötzlich stehen weitere zwanzig, dreißig russische Sicherheitskräfte herum, ihre Maschinengewehre im Anschlag, ein alter Mann wird sofort verhaftet, der, das kann ich bezeugen, nur aus dem Bus ausgestiegen ist, um sich die Beine zu vertreten, völlig harmlos, eine Sirene heult, ich greife mir an den Bauch, aber da ist nichts, ich habe heute alles zu Hause gelassen, weil ich die Kinder zum Bus gebracht habe, der sie nach Sotschi fährt, Sarema hat geweint, Pawel saß stumm auf ihrem Schoß. Wir haben keinen Abschied gefeiert, ich habe ihnen versprochen, daß wir uns in zwei Wochen wieder sehen werden.

Pawel hat mir aus dem Rückfenster zugewunken. Ich habe mit mir gerungen, nicht zu weinen.

Aber er weiß, daß er seine Mutter zum letzten Mal gesehen hat.

Mörteldreck zu finden ist gar nicht so leicht, obwohl doch alles in Schutt und Asche liegt. Am demolierten Eingang unseres Wohnblocks finde ich zwischen lockeren Ziegeln Reste alten Mörtels, den ich mir auf die rechte Schulter reibe.

Ich gehe über den Platz der Freiheit. Von den dutzenden Straßenlampen funktionieren nur noch fünf. Ihre Schutzgläser sind zerbrochen. Und der Abend hat sich ein unendlich langsames Ausdämmern zurecht gelegt. An der Stelle, an der ich das Papier gefunden habe, bleibe ich stehen und warte. Irgendwann kommt ein Junge auf mich zu und nennt den Namen auf dem Zettel. Ich solle ihm folgen.

Wir gehen in einen Stadtteil, den ich früher gemieden haben, weil die Menschen dort nicht von der Arbeit des Tages lebten. Dort sind die Häuser noch einigermaßen intakt. Aber die Fenster sind teilweise vernagelt, weil die Scheiben kaputt sind und es keine neuen zu kaufen gibt.

In einer Seitengasse sagt der Junge, ich solle warten. Er verschwindet in einem Hauseingang. Kurze Zeit danach tritt eine Frau aus der Eingang. Der Stimme nach muß es die Frau sein, mit der ich telefoniert habe.

Ich möge mit ihr kommen. Ihre Gestalt ist aufrecht, aber ihr Gesicht ist gebeugt. Ihre Bewegungen sind sanft, aber bestimmt. Wir gehen wortlos in das Haus und die Treppe nach oben in den dritten Stock. Aus größerer Entfernung sickert russische Popmusik durch. Eine Provokation.

An einer Tür klopft sie und wir werden eingelassen.

In dem einzigen Raum sitzen vier Männer an einem Tisch. Sie sehen müde aus. Wir begrüßen uns. Die Frau fordert mich auf zu erzählen.

Dann fragt mich einer der Männer, woher ich komme und wer ich sei.

Ich gerate ins Stocken, als ich davon erzähle, daß mein Mann kürzlich ermordet wurde. Ihre Gesichter verraten keine Gefühlsregung.

Sie blicken auf den Boden oder die Tischplatte.

Auf die Frage, was ich zu tun gedenke, sage ich nur, vergessen.

Und ich erinnere mich des letzten Telefongesprächs mit meinem Mann.

Die Frau setzt beiläufig dazu, daß sie schon zwei Söhne und ihren Mann verloren hätte. Orinko wäre der Jüngste.

Einer der Männer fragt mich, ob ich für einen großen Dienst in Sachen Freiheit bereit sei.

Ich weiß es nicht, gebe ich zurück. Ich habe Kinder.

Wir auch, sagt ein anderer.

Ein langes Schweigen breitet sich aus. Über das Gesicht der Frau rinnen lautlos Tränen.

Ich sehe meine Kinder im Haus meiner Schwester. Es ist Frühling, die Bäume blühen, im Gemüsegarten hat sie sich einen kleinen Kartoffelacker gerichtet. Karotten, Paprika, Tomaten und Melanzane. Und Grigorij hat hinter dem Haus Wein gepflanzt. Für ein paar Flaschen Eigenbedarf reicht es aus.

Sie hängt gerade die Wäsche auf die Leine und Sarema kommt zu ihr und fragt, ob auch heute kein Brief von Mama gekommen sei. Pawel spielt mit dem kleinen Panzer im Sandkasten. Dort passiert nichts. Die Luft flirrt vor Hitze, vom Meer zieht eine leichte Brise herauf. Es könnte ein schöner Tag sein. Aber der Krieg hat unsere Herzen zerfressen.

In den Abendnachrichten zeigt das russische Staatsfernsehen den Überfall auf ein Theater. Eine Sondereinheit des Innenministeriums soll das Gebäude erstürmt haben. Wie es heißt, hätten sich hundert tschetschenische Terroristen darin verschanzt und den Großteil des Publikums als Geiseln genommen.

In Tschetschenien sind an die 80.000 russische Soldaten stationiert. Junges Gemüse. Die sich für einen Schandlohn dorthin verpflichten, weil für einen Tag Tschetschenien drei Tage Wehrdienst verrechnet werden.

Ich träume, daß ich gezündet habe. Ich fahre mit dem Bus in ein Viertel, das der russischen Miliz als Vergnügungsort dient. Ich habe mich schön angezogen. Meine blaue Bluse, die ich zur Hochzeit getragen habe, ist mir geblieben. Das Kostüm habe ich schon verkauft. Wir mußten essen. In einer Reisetasche habe ich unvermutet Rouge und Farbe für den Lidschatten gefunden. Das zieht die Augen der Burschen auf mich.

Darüber eine Strickweste und den Rock mit dem Schottenmuster. Und darunter ein Kissen, das Menem gerne für sein Mittagsschläfchen benützte. Das Kopftuch meiner Mutter paßt farblich.

Den Mantel habe ich ausgebürstet. Ich sehe nicht nur aus wie schwanger, ich bin es. Seit gestern weiß ich es. Es muß passiert sein, als Menem das letzte Mal zu Besuch war. Unerwartet.

Es tut mir leid für das Kind. Ich verspüre eine große Leere und ich kann nicht weinen. Ich wüßte nicht, wie wir es nennen würden. Der Prophet braucht viele Engel. Den Sprenggürtel trage ich um den Bauch.

Vielleicht ist der Schmerz groß, aber sicher nur einen winzigen Bruchteil einer Sekunde.

Am Eingang zum Vergnügungsbezirk wird streng kontrolliert. Ein Milizionär greift mir an den Bauch. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Wenn es gefährlich wird, zünde ich. Aber er wird durch eine Gruppe junger Mädchen abgelenkt. Sie kichern gekünstelt und flüstern sich vielleicht Anzüglichkeiten ins Ohr.

Ich entdecke ein Zelt mit der Aufschrift „Hollywood-Kino“. Ich stelle mich an der Kinokasse an. Alles drängt. Die Milizionäre verbergen ihre Angst mit unflätigen Bemerkungen, die sie sich gegenseitig zuwerfen. Ein Unteroffizier will nicht so lange warten und schiebt sich vor. Er erntet wüste Beschimpfungen. Um mich sind nun ungefähr dreißig, vierzig Menschen.

Ich denke an meine Kinder, ich bitte sie um Verzeihung, daß ich das tue. Ich werde meine Schwester im Traum besuchen und ihr sagen, daß sie meine Kinder nehmen soll. Sie soll sie in meinem Namen lieben. Und die Erinnerungen an unsere Familie erhalten.

In fünfzehn, zwanzig Jahren sind sie erwachsen und beginnen ihr eigenes Leben. Und ich hoffe in Würde und Freiheit.