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Michael Gehler

Europa

Von der Utopie zur Realität

Michael Gehler

Europa

Grundriss

I.     Europa-Mythos und Ideen:
Vom Karlskult bis Coudenhove-Kalergi

1.     Grundlagen und Voraussetzungen

2.     Dante Alighieri als „Propagandist des Reichs“

3.     Pierre Dubois und die „Wiedereroberung des Heiligen Landes“

4.     Georg Podiebrad und der europäische „Fürstenbund“

5.     Sebastian Münster und die Individualisierung der „monarchia universalis“

6.     Althusius und die Schweiz als konföderiertes Europa

7.     Sullys „Grand Dessin“ mit Stoßrichtung gegen die Habsburger Hegemonie

8.     William Penn und der „Europäische Reichstag“ als karitative „balance of power“

9.     Saint-Pierre, Leibniz, Rousseau und der Machiavellismus der Fürsten

10.   Immanuel Kant und der „Föderalismus freier Staaten“ als ethische Maxime

11.   Die Französische Revolution mit ihren direkten Folgen und Fernwirkungen

12.   Kant versus Novalis – konkurrierende Verfasstheiten Europas

13.   Der Wiener Kongress als Gegenmodell zur Französischen Revolution

14.   Giuseppe Mazzini, Victor Hugo und das europäische Revolutionsjahr 1848 – Ursachen und Folgen

15.   Constantin Frantz und sein gegenmoderner „Bund der Völker“

16.   Friedrich Naumann und das deutsche „Mitteleuropa“-Konzept

17.   Das Ende der europäischen Großreiche 1918

18.   Richard N. Coudenhove-Kalergi und sein Appell an die europäische Vernunft

19.   Nationalsozialismus und Kommunismus: Weder europäische Ideologien noch supranationale Politikkonzepte

20.   Fluchtpunkt London:
Europa im Exil 1939–1945

II.    Der Weg zum Europa der Institutionen

1.     Vom Marshall-Plan zur EWG 1947–1957

2.     Spaltung Westeuropas, Aufbau und Krise der EWG/EG 1958–1968

3.     Die Norderweiterung, Vertiefungsversuche und „Eurosklerose“ 1969–1978

4.     Erste Direktwahlen zum Europäischen Parlament und Süderweiterung 1979–1986

5.     Die Einheitliche Europäische Akte, Vertrag von Maastricht und der Beitritt der Neutralen 1987–1995

6.     Die Verträge von Amsterdam und Nizza 1997–2000

7.     Der Euro und der „Konvent zur Zukunft der EU“ 1999–2004

8.     Die größte Erweiterung der europäischen Integrationsgeschichte und das Scheitern der „EU-Verfassung“ 2004–2005

9.     Das Ringen um einen neuen Vertrag 2005–2009

10.   Von der Finanzmarktkrise zur Bankenunion 2010–2013

III.   Vertiefungen

1.     Das Spannungsfeld zwischen Nationalstaat und Supranationalität: Integrationstheoretische Zugänge

2.     Militarisierung und Teilung Europas nach 1945

3.     Dreifache Eindämmung: Sicherheitsgarantie durch die USA als europäische Präsenzmacht

4.     Liberalisierung des Handels- und Zahlungsverkehrs: Die USA als externer Förderer und ökonomischer Impulsgeber

5.     Der Schuman-Plan oder sektoriale Integration

6.     Der Pleven-Plan oder das Scheitern einer europäischen Armee

7.     „Tauwetter“ und Integrationsverlust: Der Ost-West-Konflikt als Hintergrund der Integration

8.     Die Römischen Verträge oder die horizontale Integration

9.     Fortschritte und Rückschläge

10.   Verspätete Demokratisierung im Nachvollzug und integrationspolitischer Neuanlauf

11.   Die Revolutionen in Mittelosteuropa 1989/90 und die Folgen

12.   Die Kriege am Balkan: Eine humanitäre und politische Katastrophe für Europa

13.   Im Zeichen militärischer Schwäche der EU: Befriedung und Stabilisierung des Balkan durch die NATO und die USA

14.   Im Zeichen fragwürdiger US-Interventionspolitik: „Out-of-area“-Einsätze und europäische Gefolgschaftsverweigerung

15.   Der Unionsvertrag von Maastricht: Ein verstärkter Integrationsrahmen für das geeinte Deutschland

16.   Vertiefung vor Erweiterung: Intensivierte Westintegration und verzögerte Ostintegration Europas

17.   Die komplizierte und komplikationsreiche Einführung des Euro

18.   Erweiterung vor Vertiefung: Die politische Vereinigung des Kontinents

19.   Die Chancen, Defizite und Grenzen der Erweiterungen: Aus- und Überdehnung oder die Europäische Nachbarschaftspolitik (ENP)

20.   Der Unionsvertrag von Lissabon: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

21.   Scheitert der Euro – scheitert die EU? Die Bändigung der größten Krise in der Geschichte der europäischen Integration

22.   Das Verhältnis EU-USA – Deutschland als politisch eingebundener Hegemon und wirtschaftliche Zentralmacht Europas

23.   Der Kreis schließt sich: Die Gründe für die Einigung Westeuropas und die Vereinigung des Kontinents

24.   Stärken und Schwächen der Europäischen Union

25.   Europäische Integration als Produkt von Krisen und Inspirationsquelle: Entstehung, Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten

Nachwort zur Neuauflage

Anhang

Europa und seine Einigung nach 1945 – eine Chronologie

Glossar

Abkürzungsverzeichnis

Quellen- und Literaturhinweise (Auswahl)

Linkverzeichnis

I. Europa-Mythos und Ideen:
Vom Karlskult bis Coudenhove-Kalergi

1. Grundlagen und Voraussetzungen

Stellvertretend für den Euro wurde Wim Duisenberg am 9. Mai 2002 der Karlspreis verliehen. Die Wahl seitens des Direktoriums der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen war wohlbegründet: „Der Euro ist ab Januar 2002 weit mehr als das einheitliche Zahlungsmittel in Europa. Er trägt darüber hinaus zu einer gemeinsamen europäischen Identität bei, stabilisiert die Gemeinschaft und hat damit eine friedensstiftende Wirkung. Er unterstützt die zukünftige gemeinsame Sicherheits- sowie Außenpolitik und bildet die Basis für eine europäische Arbeits-, Sozial- und Gesundheitspolitik.“ Der Euro leiste somit einen „entscheidenden, Epoche machenden Beitrag zum Zusammenwachsen der Völker Europas“, denn Währungen seien in der Geschichte „schon immer mehr als ein Zahlungsmittel“ gewesen: „Sie waren und sind immer auch ein Stück Identität und ein Gradmesser politischer, wirtschaftlicher und sozialer Stabilität.“

Vor der Bankenkrise in den USA und der durch sie mitverursachten Finanz- und Wirtschaftskrise in der EU war dieser optimistische Ausblick auf die Zukunft nicht unbegründet. So nahm Wim Duisenberg als Präsident der Europäischen Zentralbank (1998–2003) repräsentativ für die seit 1. Juli 1998 tätige Wächterin der Geldwertstabilität die Auszeichnung in Aachen entgegen. Dort werden seit 1950 die Karlspreisträger geehrt, darunter u. a. als Erster Richard N. Coudenhove-Kalergi (für die „Paneuropa-Union“ mit ihrem Ziel der Verwirklichung eines europäischen Staatenbundes), Alcide De Gasperi 1952 (für den italienischen Einsatz zur Gründung der NATO und bei der Integration Europas), Paul Henri Spaak 1957 (für die Zusammenarbeit der Benelux-Staaten und die europäische Einigung), Robert Schuman 1958 (für die Schaffung der Montanunion), Edward Heath 1963 (für die britischen EWG-Beitrittsverhandlungen), Salvador de Madariaga 1973 (als Exponent westeuropäischer Kultur und Liberalität), François Mitterrand und Helmut Kohl 1988 (für ihre besonderen Verdienste um die europäische Einigung), Václav Havel 1991 (als Mitbegründer der Bürgerrechtsbewegung in seinem Land und einer der Initiatoren der „sanften Revolution“ in Mitteleuropa), Franz Vranitzky 1995 (für den EU-Beitritt Österreichs) oder Bill Clinton 2000 (für seine Bemühungen um Irlands Friedensgespräche).

Dass der Karlskult nicht der Vergangenheit angehört, sondern seine Ausstrahlungskraft noch nicht verloren hat, vital ist und ungebrochen fortlebt, kann bei den alljährlichen Preisverleihungen in Aachen beobachtet werden. Immer wieder werden die Geehrten mit den Leistungen Karls des Großen in Verbindung gebracht. Der Mythos schöpft aus verschiedenen historischen Quellen: dem Christen- und Kaisertum, der Einigungsidee für Europa und europäischer Kunst und Kultur.

Das Christentum war nicht nur verbreitungsstark, sondern auch aufnahmefähig und die Botschaft der Christen universal. Die „große religiöse und ideologische Neuheit des westlichen Europa“ (Jacques Le Goff) hatte sich gegenüber orientalisch-mystischen Religionen und dem römischen Kaiserkult behauptet und der griechisch-römischen Welt selbst als identitätstiftende Weltanschauung für die Erhaltung der Einheit des Imperium Romanum angeboten. Der Aufstieg des Bischofs von Rom zum Papst, die Taufe des Merowingers Chlodwig (~ 498) und die erste bei einem mittelalterlichen Herrscher erfolgte Krönung Karls des Großen zum Kaiser durch Papst Leo III. am Weihnachtstag des Jahres 800 in Rom waren Stationen auf dem Weg des Zusammenwachsens von römisch-lateinischen und romanisch-germanischen Traditionen. Die römisch-katholische Kirche war dabei der Kern des neuen Reiches, das sich als Erbe des Imperium Romanum verstand.

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Europa bis 750

Wiederkehrend blieb das Ringen um Europas Einheit eine Idee, die besonders mit Karl assoziiert, aber auch und v. a. mit seinen Nachfolgern verknüpft werden konnte. Sie wurde immer dann notwendig, wenn es äußere, als existentiell empfundene Gefährdungen gab: So als Karl Martell die Araber 732 bei Tours und Poitiers abwehrte, Karl der Große (747–814) einen Feldzug gegen das islamische Spanien (778) führte und in mehreren Kriegszügen (791–796) das Awarenreich zerschlug, daran anknüpfend Otto der Große (912–973) die Ungarn auf dem Lechfeld (955) besiegte, Papst Urban II. die Verteidigung der Christenheit beschwor und den Kreuzzug gegen die Ungläubigen forderte (1095), Kaiser Friedrich Barbarossa (~ 1123–1190) die Tataren an den Ostgrenzen des Stauferreiches fürchtete, als Wien von der Türkengefahr (1529, 1683) bedroht war oder in der Seeschlacht bei Lepanto im Golf von Korinth (1571) der Sohn Karls V., Juan d’Austria, über die Osmanen triumphieren konnte.

Mit dem römischen Recht als umfassende Einrichtung ist das Kaiser- und Königtum Roms als Epoche der „europäischen Einheit“ begriffen worden, mit „Charlemagne“, Karl dem Großen, wurde die Geburt des „Abendlandes“ identifiziert, wobei trotz der von seinem Hofhistoriographen Einhard überragend gezeichneten Herrscherfigur „Caroli Magni“ die Verschiedenartigkeiten seines „Reichs“ dessen Aspekte der Einheitlichkeit überwogen. Von europäischem Bewusstsein war allerdings in der karolingischen Epoche noch kaum etwas zu spüren. Das kontinuierliche Muster des Mittelalters hieß „christianitas“ und „ecclesia“ (Christlichkeit und Kirche). Um die Jahrtausendwende war das Wort „Europa“ in der lateinischen Christenheit nicht unbekannt, sein Inhalt aber noch unbestimmt. Klar war nur, dass man dazugehörte, was schon einiges bedeutete.

Die semantischen Wurzeln sind in der Antike zu finden. Dem semitischen Wort „ereb“ zufolge bezeichnete es das Dunkle, die Gegend, wo die Sonne untergeht, das „Abendland“. So nannten es die an der kleinasiatischen Küste lebenden Phöniker. Die Griechen gebrauchten das Wort für das gestaltlose nördliche Land der „Barbaren“. Der Begriff blieb aber vage und wurde nur selten verwendet.

Die griechische Sage aus Homers Zeiten erzählt von „Europe“, der lieblichen und noch jungfräulichen Tochter des Agenor, des Stammvaters der Phönizier, und Schwester des Kadmos, die ein schöner Stier entführt hatte. Eine einprägsame Erzählung rührt vom Dichter Moschos von Syrakus auf Sizilien, der um 150 v. Chr. lebte. Als die verzweifelte Europe Zwiegespräche mit dem Tier führte und fragte, wer es sei und wohin es sie bringe, antwortete das schöngehörnte Wesen: „Sei getrost, Jungfrau; fürchte dich nicht vor dem Meeresgewoge. Ich bin Zeus selbst; denn ich kann in jeder Gestalt, in der ich will, erscheinen. Sehnsucht zu dir hat mich getrieben. Kreta wird dich nunmehr aufnehmen, das auch mich selbst aufzog; dort wird deine Hochzeit sein. Von mir wirst du berühmte Söhne gebären, die alle Herrscher über die Menschen sein werden.“ Der Sohn des Kronos hielt Wort: Kreta erschien, Zeus nahm seine Gestalt an, löste Europe den Gürtel, und die Horen bereiteten das Lager. Das Mädchen wurde seine Braut und schenkte ihm die Söhne Rhadamanthys, Minos und Sarpedon. Die europäische Kunst gestaltete als Motiv die Entführung seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. bis heute. In den Meisterwerken von Veronese, Tizian und Tintoretto fand die Jungfrau künstlerische Darstellung.

Die Chronisten Karls des Großen priesen ihn zwar schon um 799 als „Pater Europae“. England blieb jedoch außerhalb seines Herrschaftsbereichs. Es gehörte nie zu Karls Reich, dass sich im Wesentlichen auf den Kontinent konzentrierte, alles andere als homogen war und bald in verschiedene Teile zerfallen sollte. Sein Erbe, welches unter den Nachfahren in ein West-, Mittel- und Ostfrankenreich aufgeteilt wurde, verbreitete sich von Norden nach Süden mit der Legitimation durch das geistliche Oberhaupt und die Gefolgschaft der Herrscher, also mit kirchlichem Segen, dynastischer Tradition und den heilsbringenden Insignien. Es dehnte sich auch von Meer zu Meer in Kontinentaleuropa durch Kulturtransfers über Rom, Byzanz nach Kiew aus und führte zu neuen Reichsgründungen bis nach Dänemark und Südskandinavien. Das Karolingische Reich wirkte mit seinen Anstößen zur Herrschaftsbildung von den Ostfranken über Baiern nach Böhmen, Polen und Ungarn.

Der Karlskult hat aber auch mit pseudohistorischen und scheinlegitimatorischen Analogien gearbeitet und dabei bis in die jüngste Zeit unreflektierte Europaideologien produziert und einen unkritischen Gemeinschaftskonformismus genährt. Die Karl zugeschriebene „renovatio imperii“ war mehr Wunschdenken späterer Rezipienten als geschichtliche Realität, seine Politik „kaum ein durchdachtes Programm“, sondern vielmehr „fortgesetzte Improvisation“ (Rudolf Schieffer). Europäisch war weder sein Herrschaftsstil noch seine Politik, wenn man an die Zwangsmissionierungen und -umsiedlungen der Sachsen oder die gewaltsame Unterwerfung des Baiern-Herzogs Tassilo denkt.

Europäisch an Karl waren sein persönliches Umfeld, das aus Italien, Irland, England und Spanien kam, seine erstaunliche Offenheit und die Auffassung, dass man Schrift, Kunst und Kultur nur durch namhafte nichtfränkische Gelehrte fördern könne, die er auch als Berater an seine Hofschule zog und die dort in relativer Freiheit arbeiten konnten. Karl hatte damit eine der Grundlagen für die geistige Entwicklung Europas geschaffen.

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Römische Straßenzüge in der Zeit um 850. Dieses Verkehrsnetz erstreckte sich westlich des Limes im Wesentlichen auf Westeuropa und nur eingeschränkt auf Südosteuropa

Auch für die Baukunst und Kultur schuf Karl eine Basis, die bereits europäische Züge aufwies. Für seinen Aachener Prunkbau ließ er nicht nur die Marmorsäulen aus Italien über die Alpen schleppen, sondern auch lombardische Handwerker herbeiholen, da lokale Kräfte vom Fach noch nicht die Fertigkeiten besaßen. Das von den Römern aufgebaute europaweite Straßensystem existierte weiter und beförderte den Kulturaustausch und Wissenstransfer.

Von Karls Hof gingen auch wesentliche Anstöße zu einer Bildungsreform aus, die für die Entwicklung der Schrift, die karolingische Minuskel, und die Kunst der karolingischen Renaissance entscheidend werden sollten, so bspw. für die Klöster Reichenau und St. Gallen, wo das Bild vom „Vater Europas“ besonders stark gepflegt worden ist. In St. Gallen wurde Karl als „bester aller Kaiser“ hoch geehrt. Notker der Stammler zeichnete auf Bitten von Karls Urenkel, Karl dem Dicken, in den „Gesta Karoli Magni“ das Bild eines christlichen Kaisers, das ganz entscheidend zur Idealisierung seiner Person und Herrschaft beitrug.

Die Ottonen übernahmen die Tradition der Karolinger, was in der Krönung im Münster zu Aachen seinen Ausdruck fand, das Karl der Große selbst schon symbolisch als das „Neue Rom“ tituliert hatte. Die Herrschaft Ottos I. (936–973) war dauerhaft und wirkte nachhaltig. Mit dem Sieg am Lechfeld, der Slawenmissionierung und der Übernahme der Königsmacht in Oberitalien bekam sein Königtum europäische und imperiale Züge. Nach Hilferufen des Papstes folgte seine Kaiserkrönung 962 in Rom zum Imperator Romanorum, dem „Kaiser der Römer“. Der „Rom-Gedanke“ war aber keine Fortsetzung der römischen Politik im Sinne eines Reiches, sondern diente lediglich als Herrschaftsgrundlage über das westliche Mitteleuropa.

Im Dezember 1165, also zur Hochblüte der Stauferherrschaft und während des Schismas, erfolgte Karls Heiligsprechung. In Aachen schrieb Gegenpapst Paschalis III. Karl den Großen in Anwesenheit von Friedrich Barbarossa in das Buch des Heiligen ein, worauf dort und später auch in Frankfurt eine Verstärkung des Kults um seine Person einsetzte. Durch Bildnisse und Statuen verbreitete sich die Karlsverehrung und wurde fester Bestandteil historischer Rückbesinnung.

Der Karlskult und „Europa“ dienten schon sehr früh als ideologisches Vehikel und politisches Identifikationsmittel sowie auch als sinnstiftender Abwehrbegriff gegen äußere Gefahren. Der Gegner wurde dabei oftmals als bedrohlich empfunden, seine Kultur als fremd, zumindest anders als die eigene. Dabei wurde der Gegensatz zwischen „Freiheit“ und „Despotie“ betont. Das Wort „Europa“ verschwand, wenn die äußeren Bedrohungen nachließen. Es tauchte aber wieder auf, wenn es um die Bewahrung oder Wiederherstellung der Einheit der Christenheit (Westrom-Ostrom; später Protestantismus-Katholizismus), die Schaffung des „ewigen Friedens“ und machtpolitischen Egoismus mit universalistischem Herrschaftsanspruch und imperialem Hegemoniestreben ging, aber auch für die Legitimation von Expansionsversuchen und Aggressionsakten nach außen bis hin zur „Befreiung des Heiligen Landes“ wurden „Europa“-Ideen instrumentalisiert.

Europa, ein geografischer Raum, den Paul Valéry einmal als „Halbinsel Asiens“ bezeichnete, umfasst 10,5 Millionen Quadratkilometer. Einschließlich der Inseln und Binnenmeere ist es der viertgrößte Kontinent und mit einer Bevölkerung von rund 700 Millionen Menschen einer der am dichtesten besiedelten Erdteile. Vom Größenumfang zweitkleinster Kontinent, liegt Europa vom Bevölkerungsausmaß im Spitzenfeld. Die Frage des Raums berührt die der Grenzen, die für Geographen besonders schwierig ist: Wo fängt es an, wo hört es auf? Eine natürliche geographische Trennlinie zu Asien gibt es nicht, wie auch eine bloße Addition seiner politischen Bestandteile ungenügend bleibt.

Europa ist in ständiger Veränderung. Dies gilt für Gestalt wie Gehalt. Es war weder in sich geschlossen noch einheitlich, zu allen Zeiten ungleich und entzog sich sowohl einer genauen Begriffsbestimmung als auch einer „objektiven“ Festlegung. Hat man „Europa“ im Kopf, so tauchen verschiedene Bilder, Klischees und Konflikte auf. Es ist daher mehr als nur ein geographischer und bevölkerungsspezifischer Begriff: Es entspringt einem gemeinsamen historisch-kulturellen Bewusstsein. Gesprochen wird von einem sich wandelnden kollektiv-imaginären Entwurf (Hagen Schulze). Das „gemeinsame“ Europa beinhaltet große Vielfalt, es ist in geistes-, ideen-, mentalitäts- und kulturgeschichtlichen Dimensionen zu denken, um seine Eigenheiten zu ergründen, was Fremdwahrnehmungen und Selbsteinschätzungen einschließt.

Die Machtausübung war in der vorindustriellen Zeit religiös („von Gottes Gnaden“) legitimiert und durch den Heiligen Vater als irdischem Repräsentanten des Herrn repräsentiert. Die Lage des geistlichen Zentrums südlich der Alpen schuf den weltlichen Herrschaftsformen im Norden Handlungsspielräume und geistige Distanz zur römisch-katholischen Autorität in Rom. Das Legitimitätsprinzip blieb jedoch für jede Autokratie gültig. Die Ottonen übernahmen es von den Karolingern, was in der Krönung im Münster zu Aachen zum Ausdruck kam, das Karl symbolisch als das „Neue Rom“ tituliert hatte. Der ottonische Herrschaftsraum umfasste einen großen Teil des ehemaligen fränkischen Mittelreiches von den Niederlanden bis zur Riviera. Die Ottonen setzten die Befestigungs- und Klosterpolitik der Karolinger fort, eroberten und befestigten das Land an Elbe und Oder mit Marken und Burgen.

Während Frankreich und England unter den Wikinger- bzw. Normannen-Invasionen zu leiden hatten, festigte der Sieg am Lechfeld von 955 über die Ungarn die Herrschaft Ottos des Großen dauerhaft. Durch die Slawenmissionierung und Übernahme der Königsmacht in Oberitalien bekam das Königtum Ottos europäische, ja imperiale Züge. Nach Hilferufen des Papstes folgte seine Kaiserkrönung 962 in Rom zum „Imperator Romanorum“, dem „Kaiser der Römer“. Der „Rom-Gedanke“ war noch keine Fortsetzung der römischen Politik im Sinne eines Imperiums, sondern diente lediglich als Herrschaftsgrundlage für das westliche Mitteleuropa. In diesem Personenverbandsstaat zwischen Atlantik, Riviera und Oberitalien kam Ottos persönliche Herrschaft zum Ausdruck. Erst mit dem „Sacrum Imperium“, dem heiligen Reich des 12. Jahrhunderts, wurde ein Raumbezug hergestellt. Vorher bezogen sich Salbung und Krönung allein auf die Person des römischen Königs bzw. Kaisers.

Die Ausdehnung kaiserlicher Machtansprüche im südlichen Mittelmeerraum sah sich mit der Herrschaftslegitimation der römischen Päpste im Widerstreit. Das nordalpine Europa fügte sich sakral dem Heiligen Vater, gründete klösterliche Kulturzentren und trieb deren Ausbreitung nach Mittel- und Osteuropa voran. Für kirchliche Würdenträger und Vertreter des Adels galt die Heidenmissionierung als Expansionslegitimation. Salbung und Krönung durch den Papst verbürgten die Verbindung zwischen Gefolgsmännern und Lehensherren. Schon seit dem 12. Jahrhundert fand das französische Königtum zu einer sakral-eigenständigen Legitimation. Die polnischen Jagiellonen wurden um die Wende zum 14. Jahrhundert christianisiert, während die kirchliche Königskrönung in Litauen erst nach seiner Verbindung mit Polen um 1400 üblich wurde.

Unter der Familie der europäischen Könige behielt der Papst als geistliches Oberhaupt das ideelle Prius, das sich in ihrer Machtpolitik nicht mäßigend auswirkte. Die Päpste verlangten den Vorrang des geistlichen Lebensbereichs („auctoritas“) vor dem weltlichen („potestas“) nicht nur innerhalb der Kirche und Theologie. Das kanonische Recht sollte die Rechtsgrundlage zwischen Kirche und Staat bilden.

Dualismen prägten Europa: zwischen Grundherren und Knechten, Lehensherren und Vasallen, Königen und Ständen, Regierungen und Parlamenten oder Oppositionen. Die Geistlichen emanzipierten sich von der Herrschaft der Könige und des Adels, betonten ihre spezifischen Aufgaben, erhielten Freiräume (Immunitäten), eigene Gerichtsbarkeiten und Abgabenfreiheiten. Der Investiturstreit (1075–1122) entschied zwar nicht die politische Machtfrage zwischen Kaiser und Papst. Die Einführung in das geistliche Amt wurde jedoch durch das Wormser Konkordat (1122) von den weltlichen Rechten getrennt. Damit wurde eine Ausdifferenzierung der Machtausübung erreicht.

Könige und Fürsten trafen im Verbund mit den ihnen unmittelbar Untertänigen, der hochadeligen Gefolgschaft, Entscheidungen. Dem „Großen Rat der Barone“ in England oder Frankreich entsprachen im deutschen Königtum die Hoftage der Fürsten. Geistliche und hohe Adelige hatten einen eigenen Gerichtsstand, wie der Klerus waren sie grundsätzlich frei von regelmäßiger Besteuerung. Ausnahmen bestanden nur in Landesnot, im Verteidigungsfall oder bei Überschuldung der Herrscher.

Fachkundige Administratoren und spezialisierte Ratsgremien verdrängten die hochadeligen Vasallenräte, so in England und Frankreich im 13. Jahrhundert und in Deutschland im 14. Jahrhundert. Erste große Widerstandshandlungen erfolgten durch die englischen Barone gegen die Eigenmächtigkeiten von König Johann „Ohneland“. In der Magna Charta (1215) erstritten sie für ihre Anerkennung des Königs die Bestätigung eigener Rechte: u. a. ordentliche Gerichtsverfahren, Schutz vor willkürlichen Verhaftungen und Mitentscheidung bei Steuererhebungen. Der Herrscher unterlag dem Konsenszwang aufgrund steigender Finanzprobleme, aber auch aufgrund der nicht kalkulierbaren Erbfolgen und Dynastiewechsel.

Der feudalherrschaftliche Hochadel blieb an der Herrschaft beteiligt. Neue Verwaltungsstrukturen, Hofhaltungen und unzählige militärische Konflikte verschlangen Unsummen. Es sei nur an den längsten aller europäischen Kämpfe erinnert, der sich im „Hundertjährigen Krieg“ (1339–1453) zwischen England und Frankreich abspielte, so dass der Steuerkonsens auf den niederen Adel (Ritter), auf Städte und Klöster ausgeweitet werden musste. Mit der Ausweitung des Konsensrechts entstanden politisch berechtigte Stände, die sich in Reichs- und Landtagen oder den „Generalständen“ formierten. Dem König trat nicht mehr der Adelsstand, sondern die „Gemeinschaft des Reiches“ (Winfried Eberhard) gegenüber. Diese führte zu einer Korporatisierung des Staates, d. h. die Einzelpersönlichkeit des Herrschers trat in den Hintergrund. Im englisch-französischen Krieg setzte sich die Auffassung durch, dass nicht der König, sondern die Krone das Reich besitze. Der Herrscher sei nur dessen Verwalter und Verwahrer der Krone.

Im 14./15. Jahrhundert entwickelten sich in den Königreichen Europas und deutschen Fürstenterritorien Ständeverfassungen – frühmoderne Staatsformen, in denen bisher gültiges oder neues Recht verankert wurde, welches Machtausübung nur im wechselseitigen Zusammenspiel sicherte. Die römisch-deutschen Könige wurden bereits im 14. Jahrhundert von den sieben Kurfürsten, den drei geistlichen (Köln, Mainz und Trier) und vier weltlichen (dem König von Böhmen, dem Herzog von Sachsen, dem Markgraf von Brandenburg und dem Pfalzgraf bei Rhein) gewählt, was Kaiser Karl IV. ihnen in der Goldenen Bulle (1356) verbriefte. Das deutsche Königreich hatte aufgrund der Reformbeschlüsse von Worms (1495) einen Reichstag, der aus den Kurfürsten, Fürsten, Grafen und Städtevertretern sowie einem Reichskammergericht mit Beteiligung der Reichsstände bestand. Die europäischen Monarchien hatten sich zu „ständischen Konsenssystemen“ im Spätmittelalter entwickelt.

Die Macht der Stände erfuhr zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert ihren politischen Höhepunkt und wirkte noch während des „Absolutismus“ im 18. Jahrhundert weiter, ein von der Geschichtsschreibung hinterfragter Begriff, weil er wohl auch selbst nie den Anspruch des Absoluten einlösen konnte. Es handelte sich durch den Einfluss des Adels, des Klerus, der Provinzialstände und anderer höfischer Gruppierungen nur um eine relative monarchische Herrschaftsmacht.

Die Institutionalisierung ihrer Korporationen mit ausgeprägtem Partizipationsverlangen und Repräsentativbewusstsein war kein west-, sondern ein gesamteuropäisches Phänomen, das auch in den als „rückständig“ geltenden ostmitteleuropäischen Kernregionen mit ihren sehr dominanten machtvollen Adelsgruppen anzutreffen war, so im weitgehenden polnischen „liberum veto“, das die Staatsmacht aufzulösen drohte. Auf keinem Kontinent prägten sich derart weitgehende Partizipationsrechte der Untertanen aus wie in Europa. In manchen Ländern etablierte sich ihre Mitwirkungspraxis als permanente Einrichtung, so in den Wahlmonarchien Polen, Böhmen oder Ungarn, wo sie auch noch bei der Nationsbildung im 19. und 20. Jahrhundert beträchtlichen Einfluss hatten (Arno Strohmeyer).

Neben den Territorialherrschaften entwickelten sich mit Genua, Venedig und der Hanse europäische Seemächte. Im 12. Jahrhundert nahm Genua einen gigantischen wirtschaftlichen Aufschwung. Es steigerte seine Bewohner auf 90.000 und war damit eine der größten Städte auf der Apenninen-Halbinsel. Seine Spitzenstellung im Asienhandel für die kommenden eineinhalb Jahrhunderte erlaubte die Ausdehnung eines Netzes von Filialen und Kontoren bis ins Schwarze Meer, wo sie auf der Krim oder am Don mit venezianischen Niederlassungen konkurrierten. Durch den Pesttod des Normannenkönigs Robert Guiscard (1085) konnte Venedig seine Präsenz an der Ostküste und in Byzanz verstärken und mit den römisch-deutschen Kaisern koalieren. Papsttreue war nie ein Anliegen der Lagunenstadt. Der Aufstieg zur europäischen Großmacht gelang mit der Wahl von Enrico Dandolo zum Dogen (1192), der die Thronwirren in Byzanz und den Tod des Staufers Heinrich VI. nutzte, um die Führung des vierten Kreuzzuges mit dem Vorwand zu übernehmen, in Byzanz die rechtmäßige Erbfolge wieder herzustellen. Der offene Krieg mit Genua brach 1257 aus. Ein Kompromiss durch Aufteilung der Interessengebiete kam nicht zustande. Am Ende behielt Venedig im Landkrieg durch „Condottieri“ (Söldnerheere) die Oberhand. Die Kaiser, die sich mit Päpsten und Genuesern in Konflikt befanden, waren die Helfer eines Seestädte-Bundes, der ebenfalls zur europäischen Großmacht avancierte.

Kaiser Friedrich II. erhob Lübeck 1226 zur freien Reichsstadt und entzog sie dadurch dem Anspruch von Territorialherren. Während Genua und Venedig im Süden Europas von den Kreuzzügen profitierten, zogen Lübeck und Hamburg Handelsvorteile aus der Missionierung der heidnischen Slawen. Die Nachfrage nach Holz, Asche, Pelzwerk und Erzen aus dem Osten und Norden war groß, Tuche und Fertigwaren konnten im Osten abgesetzt werden. Mit ihren Kontoren auf Gotland, in Bergen, London, Brügge und Nowgorod formte die Hanse um den Nukleus Hamburg und Lübeck ein gemeineuropäisches Fernhandelssystem, das in einem langwierigen Prozess aus genossenschaftlichen Zusammenschlüssen nord-, west- und ostdeutscher Kaufleute während ihrer regelmäßigen Gruppenreisen und Handelsaufenthalte erwachsen war (Ahasver von Brandt).

Hanse bedeutete mittelhochdeutsch „Kaufmannsgilde“ und althochdeutsch „Kriegsschar“ („hansa“). Neben Lübeck, Bremen, Hamburg, Lüneburg, Riga, Rostock, Stralsund oder Wismar, die als klassische Hansestädte gelten, waren solche Städte auch Hildesheim, Frankfurt/Main, Mainz oder Nürnberg. Mit der Hanse wird der Netzwerkcharakter von Städten deutlich, wobei sie über ihre regionale Bedeutung hinaus auch europäische Relevanz hatten (Annette von Boetticher). Sie stellte eine europäische Großmacht dar, die sogar Könige absetzen konnte und Kriege führte. An sich ein „schwer fassbarer Organismus, der keinen wirklich dauerhaften oder übergreifenden institutionellen Charakter besaß“ (Jan Lokers), wird die Dauer der klassischen Hansegeschichte auf rund 500 Jahre von 1159 bis 1669 angesetzt. Eine juristische Einordnung fällt schwer. Die Geschichte dieses Städtebundes ist wohl nur vor dem Hintergrund der demografischen, ökonomischen und politischen Entwicklung zu sehen. Zwischen 1000 und 1300 wuchs die Bevölkerung im Heiligen Römischen Reich von 3,5 Millionen auf 14 Millionen Einwohner an, was eine enorme Nachfrage an Gütern und Produkten hervorrief. Städte wurden Transithandelsplätze und Zentralmärkte.

Die Hanse entstand nicht mit einem einzigen Gründungsakt, sondern in einer langwierigen Entwicklung nach der Mitte des 14. Jahrhunderts. Gemeinsames Interesse waren der Aufbau, die Aufrechterhaltung und die Intensivierung von Handelsbeziehungen. 1358 tritt der Verbund als „Dudesche Hanse“ ans Licht der Öffentlichkeit. Der Ost-West-Handel verlief sehr einseitig: Die auf der Fahrt nach Westen voll beladenen Schiffe verkehrten auf der Rückfahrt nur teilweise beladen oder gar leer. Der Handel von West nach Ost blieb hinter dem Handel von Ost nach West zurück. Der Aufstieg zur Macht der Hanse war begünstigt durch den Verlust der königlichen Zentralgewalt ab Mitte des 13. Jahrhunderts, der auch im Norden des Heiligen Römischen Reichs zu einem Machtvakuum geführt hatte. Die Städte schlossen sich zu regionalen, aber nie lang anhaltenden Bünden zusammen, um Frieden und Recht zu wahren. Die Anarchie auf den Verkehrswegen galt es zu beseitigen und das Seeräuberunwesen zu bekämpfen. Blockaden waren ein Mittel. Hansestädte konnten auch eigene Armeen und Flotten aufstellen. Die militärischen Erfolge waren aber nicht durchschlagend. Mangelnde Geschlossenheit, Nicht-Beteiligung an Gemeinschaftsaktionen, die Sonderrolle einiger Städte, wie Köln und Bremen, sowie die Verfolgung von Eigeninteressen deuteten schon den Niedergang der Hanse an. Die eigentlichen Zielsetzungen, die Beibehaltung der Handelsprivilegien, der Schutz der Kaufleute im Ausland und die Wahrung des Nord- und des Ost-West-Handelsmonopols, blieben verbindend und wurden über lange Zeit erreicht.

Die Hanse entwickelte einen grenzenlosen Wirkungsbereich von norddeutschen und nordeuropäischen Städten bis hin nach Venedig, dem Fondaco dei Tedeschi an der Rialto-Brücke, eingeschränkt aber auch vom Mittelmeer über Spanien und Portugal, ja sporadisch sogar bis nach Lateinamerika. Die Hanse kontrollierte nicht nur die Seewege über die Ostsee, sondern besaß auch ein Vetorecht bei der Wahl des Königs von Dänemark. Das erste bekannte Privileg, die Urkunde einer Kaufmannshanse, stammt aus dem Jahr 1157, während 1669 der letzte Hansetag stattfand. Für den Niedergang werden weitere Gründe angeführt: einmal der Mangel an einheitlichen Gewichten und Maßen. Die Hansekaufleute sperrten sich gegen Neuerungen auf dem Bankensektor und veränderte Formen der Kreditgewährung. In der geballten, wachsenden und immer übermächtiger werdenden Konkurrenz oberdeutscher, niederländischer und englischer Kaufleute ist ein weiterer Grund zu sehen. Letztere konnte die Hanse im 15. Jahrhundert noch im Zaum halten, doch die Holländer liefen ihr vom 15. bis zum 17. Jahrhundert zunehmend den Rang ab. Seit rund 1450 gab es kein Handelsmonopol der Hanse mehr auf der See in Nordeuropa. Die wiederkehrende Uneinigkeit in Abwehr- und Verteidigungsfragen machte sich im Zeichen des Wettbewerbs nun besonders gravierend bemerkbar. Der Deutsche Ordensstaat und der preußische Adel verlangten für sich selbst das Recht des Fernhandels. Die Entstehung des frühneuzeitlichen Staates seit dem 16. Jahrhundert war ein weiterer wesentlicher Faktor, der zur Einbuße an Autonomie und Eigenständigkeit, also zu einem Machtverlust der Städte, führte. Von diesem Vorgang waren auch die Hansestädte betroffen. Die Landesherren engten deren Spielraum immer mehr ein. So erklärte die Stadt Berlin nach ihrer Unterordnung unter den brandenburgischen Kurfürsten 1452 ihren Austritt aus der Hanse. War sie schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bedeutungslos geworden, so lebten ihre Einrichtungen bis ins 19. Jahrhundert weiter. Mit dem Verkauf der Kontore in London (1852) und Antwerpen (1862) erlosch sie definitiv.

Die zögerliche Mitwirkung britischer Kaufleute an dem einträglichen Tausch und Handel lag an der eingeschränkten Städtepolitik des Hauses Plantagenet, das die Geldströme nicht in bürgerliche, sondern in die eigenen Kassen lenken wollte. Bis zum 14. Jahrhundert blieb das englische Bürgertum handelspolitisch zurückhaltend. Anders als England war Flandern ein florierendes Handelsgebiet. Brügges Aufstieg zum Weltmarkt des europäischen Westens erfolgte gleichzeitig mit den Aktivitäten deutscher Kaufleute im Osten. Die Stadt wurde Umschlagplatz für englische Wolle, friesisches Vieh, französischen Wein, portugiesische oder spanische Früchte. Italienische Kaufleute führten mit dem Wechsel ein neues Finanzierungssystem ein, während die Deutschen mit ihrem Großschiff, den Koggen, das wirtschaftlichste Transportmittel besaßen.

Die Kirche besaß jahrhundertelang den alleinigen geistigen Führungsanspruch, bedingt durch ihr Wissensmonopol, die weitverzweigte Organisation und die auf Dauer angelegte machtvolle Gestaltungskraft gegenüber herrschaftlichen und staatlichen Gemeinwesen. Romanische Kirchen, gotische Dome und barocke Prachtbauten zeugen von ihrer glanzvollen irdischen Präsenz. Ordensgründer, wie der Schöpfer der Klosterregel des westlichen Mönchtums, der Heilige Benedikt von Nursia (~ 480–547) – Papst Paul VI. ernannte ihn zum „Patron Europas“ –, namhafte Theologen wie Albertus Magnus (~ 1200–1280), dem der Brückenschlag zwischen Christentum und der Philosophie Aristoteles’ gelang, Thomas von Aquin (1224–1274) oder Nikolaus von Kues (1401–1464), der die Aussöhnung zwischen Reichspolitik und päpstlichem Machtstreben versuchte, prägten die geistesgeschichtliche Entwicklung Europas.

Daneben wirkten die lateinischen Slawenapostel Kyrillos/Cyrill (827–869) und Methodios/Method (826–885), die die theologisch-kulturelle Expansion des Christentums, v. a. die „Missionierung“ der Ostgermanen, Ungarn und kleinerer Teile der slawischen Völker (9.–11. Jahrhundert) vorantrieben. Für ihre Bekehrungsarbeit im Großmährischen Reich schufen sie das „kyrillische“ Alphabet. Das Gros der Slawen, die Balkan-Völker und Russen ließen sich jedoch von der griechisch-christlichen Konfession inspirieren und bekannten sich zur orthodoxen Kirche, während der Westen des Kontinents zur Zeit der Merowinger, Karolinger und Ottonen durch die katholische Kirche christianisiert wurde. Hierbei spielten irische Mönche wie bspw. Columban der Jüngere von Luxeuil (~ 542/3–615), der „Glaubensbote in Alemannien“ und Gründungsabt des Klosters Bobbio, oder der angelsächsische Mönch (Wynfrith) Bonifatius (672–754) eine große Rolle.

Seit dem späten Mittelalter sind die hohen Schulen als Einrichtungen mit europäischer Dimension zu verstehen. Die Erziehung zu Akademikern war bis dato in Kloster- und Domschulen erfolgt, die für den eigenen Bedarf ausbildeten und eher selten auswärtige Kleriker aufnahmen. Diese Schulen standen unter der direkten Aufsicht eines Abtes oder Bischofs. Es entstanden Universitäten. Eine Gründung erfolgte 1224 durch den Stauferkaiser Friedrich II. in Neapel. Salerno (1050), Bologna (1088) und Paris (~ 1100) waren vorausgegangen und spielten für weitere Gründungen eine Vorreiterrolle. Oxford (1163), Cambridge (1200), Montpellier (1289), Prag (1348), Krakau (1364), Wien (1365), Ofen (1389), Leipzig (1409), Rostock (1419), Löwen (1425) und Uppsala (1477) folgten. Dabei bildeten sich eigenständige universitäre Einheiten, Personenverbände, die für die akademische Lehre zuständig waren. Neu waren an diesen Stätten die weitreichende, überregionale Ausstrahlungskraft sowie die Freizügigkeit der Magister und Scholaren. Sie bedurften als Ortsfremde eines spezifischen Rechtsschutzes, die Universität selbst einer besonderen Bestandsgarantie. Nicht nur die Herren „professores“, sondern auch die „fahrenden Scholaren“ und Vaganten frequentierten verschiedene Städte des Kontinents.

Kaiser Friedrich Barbarossa gewährte mit der „Authentica Habita“, dem Scholarenprivileg, erlassen am Reichstag auf den Roncalischen Feldern 1158, den Bologneser Studenten Bewegungsfreiheit und Immunität. Damit wurde der Grundstein zur universitären Selbstverwaltung gelegt und die rechtliche Zuständigkeit der Kommunen beschränkt. Das Dokument untersagte, die Hochschüler für Schulden ihrer Landsleute haftbar zu machen. Berühmt wurde der Passus, wonach allen, die aus Liebe zur Wissenschaft die Heimat verlassen und in der Fremde leben mussten, Schutz zugesagt sei. Das Hochschulwesen wurde damit stark befördert. Innerhalb zahlreicher Universitäten schlossen sich die Studenten zu „nationes“ in der Art von Schutzgilden und „Bursen“ (Wohnheimen) zu organisierten Gemeinwesen zusammen. Die fahrenden „scholares“ trugen durch ihre gemeinsame Sprache Latein zusammen mit Magistern und Professoren zur Europäisierung der Universitäten bei und können als erste Repräsentanten europäischer Identität bezeichnet werden. Festzuhalten ist allerdings auch, dass aus den europäischen Universitätsstädten die landsmannschaftlich organisierten studentischen „Nationen“ hervorgingen, d. h. die Städte mit den Universitäten bei aller Europäizität und Internationalität über die Studenten auch den Anfang der Territorialisierung machten und dabei den geistigen Nukleus für das Denken in Kategorien der vormodernen Nationalstaatsbildung bildeten. Dabei ging es auch immer wieder um die Freiheit der „Nationen“.

Schon seit dem Mittelalter war es Brauch, dass vor allem Gelehrte, Künstler, später auch Handwerker zum Zwecke ihrer Ausbildung oder um Neues kennen zu lernen, längere Reisen, eine so genannte „Grand Tour“, unternahmen. So zog es Maler besonders nach Italien oder Wissenschaftler nach Frankreich. Legendär wurden Bildungsreisen, auf die sich junge Adelige und Begüterte begaben, auf denen bekannte Persönlichkeiten und Stätten aufgesucht wurden. So fand auf diese Weise ein relativ regelmäßiger Austausch von Erkenntnissen, Sitten und Gebräuchen statt.

Schon früh erfolgte neben der Ausbildung an den Universitäten ein reger Gedankenaustausch über Erfindungen und Neuerungen via Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften. Zwischen den Gelehrten des gesamten Europas wurden dabei durch Fahrten, vor allem aber durch Briefwechsel dauerhafte und enge Kontakte geknüpft. In diesen Akademien waren zum Teil auch Vertreter von Fürstenhöfen und frühmodernen Staaten oder auch (wie in England) der Wirtschaft vertreten, die dafür sorgten, dass neue Erkenntnisse und Fragestellungen schneller und weiter verbreitet werden konnten. Ein Beispiel dafür liefert Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), einer der letzten großen Universalgelehrten (Mathematiker, Philosoph und Jurist), der mit nahezu allen Wissensgebieten befasst war. Er war Mitglied der Royal Society und der Académie des Sciences sowie Präsident der Sozietät der Wissenschaften in Preußen. Seine Leistung wird in der Transferierung der antiken Wertewelt in die Neuzeit gesehen, ohne diese zu verstellen oder zu verfälschen.

Politik- und kulturgeschichtlicher Hintergrund sowie gesellschaftlicher Kontext des Denkens und Wirkens von Leibniz war die konfessionelle Spaltung, die das Europa der Mitte des 17. Jahrhunderts charakterisierte. Dieser Gegensatz ist mit der ideologischen Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts vergleichbar. Als Sohn eines Juristen und Moralphilosophen war Leibniz Nachkriegskind, das die Folgen des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) zu begreifen versuchte, einer Zeit, in der sich für Gebildete und Gelehrte die Vereinbarkeit der Güte Gottes mit dem Leid der Welt als ernsthafte Frage stellte. Leibniz wandte sich religionsphilosophischen Fragen zu, so jener von der „Theodizee“, der Rechtfertigung Gottes und einer Welt, die er im Weg der Lehre von den „Monaden“ zu erklären versuchte. Danach habe Gott aus der Vielzahl von möglichen Welten die beste „aller möglichen Welten“ auf der Basis einer „prästabilierten Harmonie“ (also einem von vornherein eingerichteten Zusammenwirken des Gemeinwohls) geschaffen. Leibniz’ Denken und Wirken kreiste wiederholt um die Wiederherstellung der Einheit des Christentums. Dabei entwickelte er sich zu einem herausragenden Vertreter grenzüberschreitenden Denkens, der ausgehend von seinen Welterkundungen für die Schaffung einer europäischen Friedensordnung eintrat. Mit seiner Monadenlehre nahm Leibniz die vielfach propagierte Formel „Einheit in der Vielheit“ („unitas in multitudine“) vorweg, die dem heutigen Leitbild der EU entspricht. Es erstaunt umso mehr, als er zeitgleich auf verschiedensten Ebenen wirkte, europäisch und global orientiert war, einem moderaten Patriotismus „wie Griechen und Römer“ verpflichtet war und Verbindendes vor Trennendes stellte.

Europa-Pläne sind damit keine Erfindungen des 20. Jahrhunderts. Es gab sie bereits im hohen Mittelalter und der Neuzeit. Die Scholaren erlebten den Kontinent während ihrer Studienaufenthalte. Die Ritterorden, Konzilien und Universitäten waren für die mittelalterlichen Eliten von großer Bedeutung. Daraus erwuchsen auch Vorstellungen zur politischen Gestaltung Europas. Die Autoren dachten nicht nur an eine bessere Zukunft für den Kontinent, sondern boten Herrschern auch Rezepte zur Machterhaltung an. In der Debatte wurde v. a. der westliche Teil des Kontinents bzw. die lateinische Christenheit als Einheit verstanden, die es wiederholt gegen äußere Feinde, wie z. B. die so empfundenen Türken, zu verteidigen galt. Universalistisch angelegte Herrschaftskonzeptionen vom hohen Mittelalter bis in die Neuzeit wurden zwar realpolitisch wenig bedeutsam, sind aber in ihrer ideengeschichtlichen, herrschaftslegitimierenden und motivationsspezifischen Dimension von historischem Interesse. Sie stammten von Beratern, Schriftstellern, Gelehrten, Juristen, Philosophen oder politischen Außenseitern (Derek Heater). Sie sind auch als nicht zu unterschätzende Beiträge für die „Entstehung einer europapolitischen Philosophie“ (Wolfgang Schmale) und als Elemente der langen „Geschichte des Völkerrechts“ (Harald Kleinschmidt), in diesem Falle des „Ius Publicum Europaeum“, zu verstehen. Wenn sie aufgegriffen und propagiert wurden, waren sie nur selten ein Ziel für sich, sondern dienten der Verschleierung machtpolitischer Egoismen, hegemonialer Intentionen oder imperialistischer Zielsetzungen. Die Konzepte widerspiegeln zeitgenössisches Denken im Umfeld von Eliten mit Blick auf Konfliktmanagement, Kompromisslösungen und praktische Machtausübung. Sie waren sowohl Ausdruck regional begrenzten Denkens als auch (gesamt)europäischer Selbstwahrnehmung und bewegten sich zwischen souveräner Herrschaftslegitimation und supranationaler Föderation.

2. Dante Alighieri als „Propagandist des Reichs“

Der Florentiner Dante Alighieri (1265–1321) war der erste abendländische Denker, der als Anhänger des Kaisers („Ghibelline“) für die Unabhängigkeit der Stadt am Arno gegen die Ansprüche der Papsttreuen (der „Guelfen“) eintrat. Dem Weltherrschaftsanspruch von Papst Bonifatius VIII. – „Bulla Unam Sanctam“ (1302) – widersprach er: Weder das Alte noch das Neue Testament habe einem Priester anvertraut, sich um weltliche Dinge zu kümmern. Derlei sei gegen die Natur der Kirche. Der Papst habe die Aufgabe, der Offenbarung