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Luise hat eigentlich genug um die Ohren: eine Mutter, die im landläufigen Sinn als wahnsinnig zu bezeichnen ist, eine Schwester, die sich der Verantwortung des Erwachsenseins lieber noch entzieht, einen geschiedenen Anwalt, der in ihrem Leben ein und aus geht, wie es ihm gerade passt, und ganz nebenbei einen neuen Job, der zur Zufriedenheit aller erledigt sein will. Mitten in diesen alltäglichen Trubel hinein funkt plötzlich eine E-Mail-Nachricht von einem Unbekannten namens Noone, die Luise zunächst als Scherz abtut. Als sich die Mails aber immer öfter in ihrem Posteingang einstellen, muss sie bald erkennen, dass es jemand da draußen ernst meint mit ihr – und klickt eines Tages auf „Antworten“. Spannend wie einen Krimi entwickelt Silvia Pistotnig in ihrem Romandebüt die Beziehung einer jungen Frau zu Unbekannt bis hin zum überraschenden Höhepunkt. Zugleich entsteht im Hintergrund das authentische Bild jener heutigen Generation von 20- bis 30-Jährigen, die – gesegnet und verflucht zugleich mit uneingeschränkter Mobilität und Gestaltungsfreiheit – sich mehr denn je nach Beständigkeit und zwischenmenschlicher Nähe sehnen.

Silvia Pistotnig, geboren 1977 in Kärnten, lebt in Wien. Studium der Publizistik und Politikwissenschaften, arbeitet als Redakteurin. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (Podium, Macondo, Sterz etc.) sowie in den Fotobänden En Détail. Alte Wiener Läden von Petra Rainer und Wien im Licht der Nacht von Klaus Bock. Erhielt zweifach das Arbeitsstipendium für Literatur des Bundeskanzleramtes.

Silvia Pistotnig

Nachricht
von Niemand

Roman

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Von: noone@hotmail.com an alleswirdbesser@gmx.at
19. März 2009 01:11:31
Guten Tag alleswirdbesser,
dieses Mail mag Ihnen verrückt erscheinen, aber ich habe Ihre Adresse in einem Verteiler entdeckt und seitdem muss ich immer daran denken. alleswirdbesser@gmx.at, und ich weiß, es ist nicht so gemeint, aber es hat mich so berührt, aus irgendeinem Grund, und nun schreibe ich Ihnen, einfach so, und ich hoffe, dass Sie mir antworten
.

„Was?“, sagt Lu laut. Sie hebt die Augenbrauen, dann schüttelt sie den Kopf. Eine kranke Werbeaktion? Lu schiebt ihren Stuhl zurück, schaut sich um. Sie liest das Mail noch einmal. Kennt sich nicht aus. Ein dummer Witz? Spam? Eine völlig neue Virusart, die sich sogar über Textnachrichten verbreitet? Oh nein, Viren! Sie erschrickt. Sie starrt auf den Bildschirm. Nichts passiert. Sie löscht das Mail. Kontrolliert jedes Programm. Alles lässt sich öffnen, alle Dokumente sind noch da. Sie speichert die Diplomarbeit auf den USB-Stick.

Von: alleswirdbesser@gmx.at an brit.siczek@univie.ac.at
19. März 2009 09:29:23
huch, was ist denn jetzt passiert, da hab ich ja ein völlig irres mail bekommen. schau dir das mal an, im anhang … lu

Lu wartet. Doch Brit antwortet nicht. Wahrscheinlich hat sie gerade Sprechstunde mit einer Studentin oder einem Studenten. Oder sie hält ein Seminar. Lu fischt das „Noone“-Mail wieder aus dem Papierkorb. Sie liest es noch einmal, dann klickt sie wieder auf „Empfangen“, aber keine neue Nachricht scheint auf.

Irgendwer hat ihr einmal erzählt, man könnte herausfinden, wer hinter E-Mails steckt. Aber wie? Keine Ahnung. Ist ja auch egal. Sie schiebt das Mail wieder in den Papierkorb, lässt den Computer eingeschaltet und geht zum Kleiderschrank, zieht die unterste Lade heraus und seufzt.

Sie hat es versucht. Mit Tricks. Verschiedene Farben zum Beispiel. Nichts hat geholfen. Zu ihrem Geburtstag kaufte sie sich sieben Paar schwarze Socken. Den oberen Rand schloss ein oranges schmales Band ab. Darauf stand in kleiner schwarzer Schrift: Monday, Tuesday, Wednesday, Thursday, Friday, Saturday, Sunday. Der Mittwoch verschwand als Erstes. Nach einem halben Jahr gab es noch einen Mittwoch, einen Freitag, einen Samstag und zwei Montage. Die Montagssocken sind nur für besondere Anlässe. Heute ist ein besonderer Anlass.

Lu steht in ihren Montagssocken vor dem Kleiderschrank. Seit fünf Jahren lebt sie nun in der Wohnung und noch immer hat sie es nicht geschafft, ihren Schrank auszumisten. Sie legt Hose, Pullover, BH und Unterhose über den Arm und geht auf Zehenspitzen ins Bad, damit die wertvollen Montagssocken nicht zu staubig werden.

Lu duscht eine halbe Stunde. Danach ist ihre Haut rot, die dunklen kurzen Haare kleben glatt am Kopf. Im Bad gibt es keine Wanne. Gleich neben der Dusche ist das Waschbecken. Darüber ein Spiegel, mit seitlichen Kästchen und daneben die Waschmaschine. Auf ihr liegen Lus Schminksachen, Zahnbürste, Zahnpasta, Fön. Sich im Bad anzuziehen ist nicht einfach. Streckt man die Arme waagrecht nach vorn, braucht man beinahe die gesamte Breite des Bads. Bückt man sich, muss man das Regal und das Waschbecken mit einberechnen, um nicht mit dem Kopf anzustoßen. Doch Lu ist geübt: Sie hebt das Bein nur wenig, beugt das Knie leicht und senkt den Oberkörper um 45 Grad. Sie zieht den rechten Monday an. Dann wiederholt sie die Bewegung auf der linken Seite mit dem linken Monday. Die Unterhose, die Jeans, der BH. Beim Pullover streckt Lu die Arme nie ganz aus, lässt sie immer leicht angewinkelt. Sie bürstet ihr Haar, schminkt sich. Zwei Stunden noch.

Wie wird der Mann aussehen? Oder die Frau? Lu hat das Firmengebäude von außen besichtigt. Es ist in einem Haus der Jahrhundertwende im dritten Bezirk untergebracht. ConnectED. Im Internet hat sie die einzelnen Mitarbeiter durchgeklickt und sich unter dem Link „Team“ jeden angesehen. Sich vorgestellt, es gäbe auch ein Bild von ihr in der „Junior-Assistents“-Reihe. Warum nicht?

„Eine Sekunde noch“, flüstert der Mann. Lu nickt. Er nickt zurück, schenkt ihr ein Zahnpastalächeln und spricht wieder in sein winziges Handy. „Herr Egisch, wäre es für Sie in Ordnung, wenn wir uns für nächste Woche einen Termin ausmachen? – Nein, da geht es bei mir nicht. Donnerstag, sagen wir 17 Uhr 30? – Genau, wunderbar. Also bis dann, einen schönen Tag noch, auf Wiederhören!“ Er legt auf, wirft das Handy lässig auf den Schreibtisch. „Lästige Kunden“, sagt er und lacht. Lu lacht verkrampft mit, als wüsste sie, wovon er spricht. Aber in Wahrheit hat sie keine Ahnung, im Gegenteil, ich hab von gar nichts Ahnung, denkt sie und bemüht sich, sympathisch und kompetent zu wirken. Und lächeln, immer lächeln. Als wäre es ein Rendezvous.

„Sooooo“, sagt er und schlägt ihre Mappe auf. „Eigentlich“, er schlägt die Mappe wieder zu, „bin ich nicht besonders an Lebensläufen interessiert.“ Er lehnt sich zurück und Lu tut es ihm nach. Sie hat gelesen, dass man unbewusst die Haltung des Gesprächspartners nachahmt. „Wissen Sie“, sagt er und neigt seinen Kopf kurz nach hinten, dann blickt er ihr ernst und ohne ein Lächeln ins Gesicht. „Ich glaube, ich habe ein gutes Gefühl für Menschen. Und ich habe ein gutes Gefühl für Leute, die in diese Firma passen und die für diese Firma gute Arbeit leisten können. Nun …“ Er lässt dem kleinen Wort eine bedeutungsvolle Pause folgen. „Und ich glaube …“, wieder einige Sekunden Stille – Lu würde am liebsten seinen Hals zusammenquetschen, damit er die Worte endlich herauswürgt. Denn jetzt kommt bestimmt wieder das Übliche, das sie schon von den bisherigen Vorstellungsgesprächen kennt: dass sie nicht in die Firma passt, dass sie für diesen Job nicht die Richtige ist und blabla.

„Nun ich glaube, dass Sie sehr gut in diese Firma passen würden.“

„Oh!“

„Ja, das glaube ich tatsächlich.“ Er sinkt noch weiter in seinem Lederstuhl nach hinten, legt ein Bein über das andere und lässt seinen Kopf wieder in den Nacken fallen. „Natürlich …“ Seine Pausen rauben ihr noch den letzten Nerv! „Natürlich sind noch andere Kandidatinnen und Kandidaten im Gespräch. Und wir werden uns genau informieren, wer welche Fähigkeiten mitbringt. Aber …“ Plötzlich und ohne Vorwarnung beugt er sich weit nach vorne über den Schreibtisch und starrt ihr ins Gesicht. „Sie sind zumindest nicht von vornherein ausgeschlossen.“ Ach so. Na toll. Danke auch.

Der Rest des Gesprächs ist belanglos. Er fragt nach Lus Eigenschaften, nach ihren Hobbys, nach den letzten drei Büchern, die sie gelesen hat, erklärt, dass sie eine Probezeit hätte und er sich danach entscheiden würde, ob sie bleiben dürfe. Dass es ihn langweilt, diese Fragen zu stellen, nimmt Lu ihm nicht einmal übel. Wie viele Leute hat er bereits danach gefragt? Also antwortet sie so knapp wie möglich. Führt nichts aus. „Wollen Sie noch etwas zum Unternehmen wissen?“

Lu überlegt – was könnte sie ihn fragen, um seinem Ego zu schmeicheln? „Nun, eigentlich – ja also … wie sind Sie zu diesem Unternehmen gekommen?“

Dumm, dumm, dumm, schimpft sie sich selbst, wie kann man so etwas Bescheuertes fragen? Tatsächlich sieht er sie einen kurzen Moment erstaunt an. Doch dann lehnt er sich zurück. „Nun“, beginnt er und Lu atmet innerlich auf.

„Das war eigentlich Zufall“, sagt er. Der folgende Monolog dauert zehn Minuten.

Sie verlässt die Firma, eilt zur U-Bahn und sucht in ihrer Tasche nach dem Handy. Sie ruft Brit an.

„Und? Wie war’s?“, fragt Brit.

„Ganz in Ordnung, glaub ich. Der Typ war allerdings echt zum Kotzen.“ Lu steigt die Rolltreppe nach unten und drängt sich an den Leuten vorbei. Sie trägt Stiefel mit hohem Absatz, extra gekauft für diesen Tag. Das Leder reibt an der Achillessehne, sie spürt, dass sich eine Blase bildet. Jeder Schritt schmerzt.

„Na dann wird er seinem Ruf gerecht. Und sonst?“

Lu erzählt.

„Das klingt doch gut“, sagt Brit. „Was hast du für ein Gefühl?“

„Ich habe das Gefühl, dass ich vor allem dringend Arbeit brauche. Und zwar bald.“ Sie kann Brits Antwort nicht hören: Die U-Bahn fährt ein. Sie stellt sich vor, wie es wäre, jeden Morgen in der Station anzukommen und jeden Abend wieder nachhause zu fahren. „Was?“, ruft Lu ins Telefon.

„Ich wollte wissen, wie es weiter geht. Was hat er gesagt?“, antwortet Brit.

„Dass sie noch einige Bewerber haben und sich in den nächsten zwei Wochen melden.“ Lu quetscht sich neben eine Frau auf den einzigen freien Platz, lässt ihre Tasche auf den Schoß fallen. „Naja, mal sehen.“ Sie atmet aus.

Der Geruch der Frau mischt sich mit dem des Mannes gegenüber. Lu nimmt ihn unfreiwillig auf, dreht sich von den beiden weg und sieht sich selbst im Fenster spiegeln.

„Du freust dich aber gar nicht“, beschwert sich Brit.

„Doch, schon, aber noch ist es ja nicht so weit. Warten wir mal ab. Wie geht’s dir? Alles in Ordnung?“

„Ja, soweit ist alles okay. Mein Bauch wächst und wächst. Und die Arbeit nervt. Nichts Neues also.“

„Und Raoul?“

„Ach Raoul“, antwortet Brit nur und fragt: „Und Erich?“

„Ach Erich. Wir sehen uns heute. Alles wie immer.“ Lu wendet sich wieder der Frau zu, doch statt der Frau sitzt ein junges Mädchen neben ihr, ihr Haar ist glatt und schwarz gefärbt.

„Na dann wünsche ich dir viel Spaß. Lass dir den wenigstens nicht nehmen. Okay?“

Das Mädchen tippt auf ihren iPod, durch die Kopfhörer ist Musik zu hören. „Ich werde es versuchen. Bis dann.“

Die U-Bahn fährt in die Station Stephansplatz ein. Wie immer, wenn sie hier ist, sucht sie den Bahnsteig ab. Jedes Mal kontrolliert sie, ob Erich nicht doch einsteigt und wie zufällig neben ihr steht, hinter ihr, irgendwo. Dabei fährt er gar nicht U-Bahn. Mit einem Ruck fährt die U-Bahn wieder los.

Die Leute stehen dicht aneinandergedrängt. Es ist kurz nach 5 Uhr Nachmittag, die schlechteste Zeit für Öffis. Seit Lu keinen Job mehr hat, vermeidet sie die U-Bahn. Und das ist jetzt doch schon fast drei Monate her. Sie wollte sich auf ihre Diplomarbeit konzentrieren. Doch es funktionierte nicht. Die Tage vergingen, die Seiten füllten sich nicht.

Aus dem iPod von Lus Sitznachbarin dröhnt Techno. Lu versucht wegzuhören. Bumm, bumm, bumm. Wie hat sie das früher nur ausgehalten, die ständige Musik in den Ohren? Lu straft das Mädchen mit einem vernichtenden Blick.

Vielleicht wird sie auch einfach nur älter, vergrämter, intoleranter. Sie hat früher auch laut Musik gehört. Ihrer Mutter war das egal. Sie regte sich nicht auf, so laut es auch sein mochte.

Danach, in der Wohngemeinschaft für Jugendliche, war das natürlich anders. Aber da war vieles anders.

Lu ist am Westbahnhof angekommen und beschließt, ein Stück zu Fuß zu gehen. Ein bisschen Bewegung schadet nicht. Dadurch bleibt auch noch Zeit. „Entschuldigung“, sagt sie und drängt sich an dem Mädchen vorbei.

Aber heute, ganz bestimmt, wird sie die Mutter anrufen.

In einer Auslage glitzern Minikleider, über und über mit Pailletten verziert. Sie bleibt davor stehen, zieht das Handy aus der Tasche. Nur für den Fall, dass sie Erichs Anruf versäumt hat. Er hat versprochen, sie nach seiner Verhandlung anzurufen. Auf dem Display ist nichts zu sehen.

„Mama, hallo, ich bin es. Wie geht es dir?“

„Marion! Endlich, du bist zurück!“

„Nein Mama, Luise, ich bin es, Luise.“

„Ach so. Ihr habt fast dieselbe Stimme. Ist Marion schon zurück?“

Lu verdreht die Augen. Innerlich seufzt sie. Am liebsten würde sie – nein, das weißt du doch, das habe ich dir schon hundert Mal erzählt– sagen, schluckt es aber hinunter.

„Nein, aber bald. Es geht ihr gut, ich habe vor kurzem ein Mail von ihr bekommen. Und wie geht’s dir?“

„Ach, diese Mails, das ist ja schrecklich. Weißt du, ob da nicht geheime Botschaften mitschwingen? Eine dunkle Machenschaft hat da ihre Hände im Spiel, glaub mir. Eine globale Verschwörung. Die Daten werden überall gespeichert und keiner weiß, was damit passiert. Aber ich lasse mich darauf nicht ein. Ich nicht.“

„Ja, musst du ja auch nicht. Aber sonst alles in Ordnung bei dir? Bist du gesund? Wie ist das Wetter bei euch?“

„Ach immer gleich. Viel zu kalt, ich glaub, mit Frühling und Sommer wird’s nichts mehr, das ist vorbei. Zu viel passiert. Jetzt pfeift uns sogar das Wetter schon was.“

„Bei uns ist es auch eiskalt.“ Das Gespräch stockt. Lu überlegt, was sie noch sagen könnte.

„Übrigens habe ich vielleicht bald einen neuen Job.“

„Ach ja?“, fragt die Mutter misstrauisch.

„Bei einer guten Firma.“

„Was machen die?“

„Die Pressearbeit für andere Firmen.“

„Ach so etwas. Die Presse ist ja auch nichts wert. Die arbeitet ja nur mit.“

Lu bereut ihren Anruf schon. Wieso macht die Mutter sie so wütend? Noch immer?

„Weißt du, ich muss eben Geld verdienen, damit ich was zum Leben habe“, zischt sie.

Die Mutter seufzt. „Ach mein Kind. Du musst deinen eigenen Weg finden, Luise, ich kann dir dabei nicht helfen.“

Lu kaut an ihrer Nagelhaut. Sie muss sich beruhigen. Die Mutter ist weit weg. Wen interessiert, was sie über ihre Arbeit denkt? „Ich wollte einfach fragen, wie es dir geht. Was gibt es sonst Neues?“

Durch das offene Fenster der Wohnung fliegt eine Wespe. Sie setzt sich auf den Vorhang, surrt. Lu schüttelt mit der freien Hand den Vorhang, damit das Insekt wieder verschwindet.

„Nun, Luise, ich nehme eben nicht alles einfach hin, sondern hinterfrage. So wollte ich euch auch erziehen, aber es hat nicht gefruchtet.“

Warum, fragt sich Lu, hört sie nicht auf? Gereizt reißt sie weiter am Vorhang herum. Die Wespe schafft es, sich aus dem Stoff zu befreien, allerdings fliegt sie in die falsche Richtung: direkt ins Wohnzimmer. „Welche Erziehung bitte?“, schimpft sie. Wieder nicht geschafft, sich zurückzuhalten.

„Du hast Recht, wenn meine eigene Tochter mir das Jugendamt auf den Hals hetzt, obwohl ich ihr mein Leben gewidmet habe –“

„Ich habe dir das Jugendamt nicht auf den Hals gehetzt. Falls du dich noch erinnern kannst, ist meine Lehrerin drauf gekommen, dass ich so gut wie nie in der Schule war. Und wie hast du mir bitte dein Leben gewidmet? Du hast uns …“

„Weißt du überhaupt, was du da redest, weißt du überhaupt, was du mir damals angetan hast? Du hast gesagt, deine Mutter lässt dich nicht zur Schule. Aber warum ich das getan habe, hat dich nicht interessiert. Dass ich euch beschützen wollte vor all dem da draußen, vor dem System und sogar jetzt auch noch, jeden Tag, jeden Tag bin ich bei dir, aber du lässt es ja nicht zu, du legst es ja darauf an, mein Leben zu zerstören. Ja, meine eigene Tochter, meine eigene Tochter will mich zerstören, aber glaube mir, mit mir nicht, ich lasse mich nicht –“

Lu legt auf. Wirft das Handy auf den Boden, schlägt mit der Faust auf den Tisch. Aufhören! Warum enden die Gespräche immer so? Warum ist sie noch immer nicht erwachsen genug, um endlich zu verstehen, dass die Mutter eben so ist. „Du kannst sie nicht ändern“, sagt Marion ständig und dabei ist doch Lu die Ältere, aber Vernunft hat nichts mit Alter zu tun.

Die Wespe setzt sich auf den Fernseher. Warum ist sie überhaupt schon wach? Es ist doch noch viel zu kalt für Wespen. Wahrscheinlich hat sie das aufgeregte Gespräch der beiden Frauen geweckt.

Während Lu das irre Verhalten der Mutter schon immer zur Weißglut brachte, sie sich für ihre wirren Worte schämte, wollte Marion die Mutter beschützen. Dabei war während Lus Kindheit noch alles ganz normal: Sie wuchs in einer typischen 70er-Einfamilienhaus-Siedlung auf. Billig gebaut, aber gemütlich, am Land, aber doch nicht allein. Ein kleiner Ort in Oberösterreich, unaufregend. Die Familie hatte ein kleines, dann irgendwann größeres Auto. Mann, Frau, Kind, dann noch ein Kind.

Doch mit der Zeit wurde die Mutter immer eigenartiger. Zum Beispiel als Lu krank war: Drei Mädchen aus ihrer Klasse kamen vorbei, um ihr die Hausübung zu bringen. Lu schlief, die Mutter bat die Mädchen dennoch ins Haus, machte ihnen Saft, setzte sich zu ihnen.

Einige Tage später besuchte Lu die Schule wieder. Sie bemerkte das Getuschel der drei Mädchen. Eines von ihnen kam in der Pause zu ihr und fragte, ob ihre Mutter wirklich glaube, sie würde von Außerirdischen beobachtet. Was hätte sie darauf sagen sollen? Lu stammelte. „Nein, natürlich nicht. Sie hat euch nur verarscht.“ Aber dass die Mutter nicht ganz dicht war, hatte sich bereits herumgesprochen. Am Nachmittag heulte Lu vor Wut. „Lieber keine Mutter als die“, schrieb sie in ihr Tagebuch, die einzige Eintragung des ganzen Monats.

Jahre später zogen sie und ihre Schwester Marion in die betreute Wohngemeinschaft. An den Wochenenden besuchten sie die Mutter und Lu versuchte, sie völlig zu ignorieren. Schon beim Eintreten ins Haus grüßte sie nicht, sondern ging in ihr altes Zimmer und schloss die Tür ab. Marion suchte hingegen bei jedem Besuch nach der Mutter und blieb ständig in ihrer Nähe. Die Liebe der jüngeren Schwester zu der verrückten Frau machte Lu noch wütender. Die ganze Woche über bearbeitete sie Marion, versuchte ihr klar zu machen, dass die Mutter wahnsinnig war. Doch es nützte nichts.

Lu geht zum Schrank, öffnet eine Flasche klaren Schnaps und nimmt einen kräftigen Schluck. Die Schärfe brennt sich über ihre Zunge durch die Speiseröhre bis in den Bauch.

Hinter ihr tickt die uralte Küchenuhr, die sie auf einem Flohmarkt gekauft hat und die seit drei Jahren zehn Minuten nachgeht. Sie schließt die Augen und erinnert sich: Es ist Anfang Sommer, sie schaukelt im Garten. Die Mutter arbeitet, der Vater auch, Marion spielt im Haus. Der Abend rauscht, Schwalben ziehen über den Himmel und hinterlassen Sehnsucht in ihren Klagen. Vor und zurück und vor und zurück. Ihr Körper im Rhythmus der Zeit, im Gleichklang, im Einklang. Die Wiese klein aber gepflegt, der Zaun des Nachbarn und die Füße, mit deren Spitzen sie den Himmel berührt. Die Luft, süße Frische und voller Leben, zwischen dem Geschrei der Schwalben kläfft ein Hund, zu weit weg. Zu spät für Tagträume, zu früh für die Erschöpfung der Nacht. Lu hört nicht auf, hört nicht auf, vor und zurück und vor und zurück, schwerelos in der Möglichkeit des Vergessens.

Als sie die Augen öffnet, sieht sie aus dem Fenster, gegenüber wirft die Fassade des grauen Hauses einen traurigen Blick durch die schmutzige Scheibe. Dass es einmal ein schönes Gebäude war, liegt irgendwo in den Mauern begraben. Versteckt hinter dem Schmutz und Staub, der sich im Lauf der Jahre angelegt hat.

Lu überlegt, ob sich diese Vorstellung ihrer Kindheit ins Gedächtnis geschlichen oder ob es sie wirklich gegeben hat. Ihr fällt ein Bild ein, das in dieser Zeit entstanden sein müsste und das sie sich später oft im Fotoalbum angesehen hat. Ein hübsches Bild. Sie auf der Schaukel, links von ihr winkt die Mutter und etwas weiter hinten steht der Vater. Auch er winkt. Warum Marion auf dem Bild fehlt, hat Lu vergessen.

Ein Jahr später gab es keine Fotos mehr mit dem Vater. Der Vater war weg. Er ging ganz plötzlich, zumindest empfand es Lu so. Allerdings kam er nicht weit. Er ließ sich im Nachbarort mit seiner Freundin nieder, die er später heiratete.

Dass der Vater verschwand, hinterließ in Lus Leben zu Beginn keine besonders große Lücke – außer in der Brieftasche der auf drei geschrumpften Familie. Er war selten zuhause. Vielleicht traf er die andere Frau schon viel früher? Wer weiß. Später, als die Mutter immer eigenartiger wurde, wünschte sie ihn aber oft zurück.

Die Wespe sitzt noch immer regungslos auf der oberen Kante des Fernsehers. Wahrscheinlich ist sie wieder in die Winterstarre übergetreten. Lu steht auf, nimmt eine Zeitung vom Wohnzimmertisch und einen Brief, den sie gestern bekommen und noch immer nicht geöffnet hat. Mit der Zeitung will sie die Wespe auf den Brief manövrieren, um sie danach aus dem Fenster zu werfen. Doch kaum berührt sie die Wespe, surrt diese aufgeregt davon. Dann eben nicht. Lu legt Zeitung und Brief wieder auf den Tisch, geht zum Fenster, atmet staubige Luft ein und lehnt sich gegen die Fensterbank.

Damals in der betreuten Wohngemeinschaft saß sie oft auf der Fensterbank und träumte: dass man sie plötzlich entdeckt und dass sie singen und in einem Film mitspielen und wunderschön und begehrenswert sein könnte. Wieso auch nicht? So starrte Lu hinaus und wartete, dass der Tag vorbei ging. Wenn sie auch sonst nicht viel hatte – Zeit hatte sie genug.

Es war an einem Nachmittag, war es Sonntag? Samstag? Sie träumte aus dem Fenster, sah Marion und drei Burschen, die ebenfalls in der WG wohnten. Einer von ihnen warf Marions Rucksack auf das flache Garagendach. „Hoppla“, brüllte er und lachte. Marions Arme hingen schlaff nach unten und Lu hatte das Gefühl, sie weinen zu hören, obwohl das durch das geschlossene Fenster gar nicht möglich war. Die Jungen bemerkten Lu nicht, bis sie das Fenster aufriss und schrie. So laut, dass sie selbst verwundert war. „Hört sofort auf, ihr Arschlöcher.“

Der Junge, der den Rucksack geworfen hatte, wandte sich Richtung Fenster, nicht erschrocken oder erstaunt, nur gelangweilt. „Was ist, du Irre?“ Während seine Stimme zuerst tief war, klangen die Worte am Ende des Satzes eine Oktave höher – Stimmbruch. Lu schloss das Fenster energisch, schlug mit der Faust gegen die Scheibe. Der Schmerz machte sie noch zorniger, sie rannte nach unten. Im Garten stand der Junge und grinste sie an. Sie rannte auf ihn zu und bevor er es bemerkte, rammte sie ihm das Knie zwischen die Beine. Er schrie auf, ließ sich fallen. „Du Arschloch, du Scheißarschloch!“, brüllte Lu. Die anderen beiden Jungen standen da und schauten zu, wie der eine sich am Boden wand. Marion war neben Lu, auch sie starrte den Burschen am Boden an, sie bewegte sich nicht, sie hatte aufgehört zu weinen. Lu nahm die Schwester am Unterarm. „Komm wir gehen“, sagte sie und zog Marion mit hoch. Sie gingen zurück ins Zimmer, dort setzte sich die kleine Schwester aufs Bett. „Was machen wir jetzt?“, flüsterte Marion und Lu war sich nicht sicher, was sie damit meinte. „Mach dir keine Sorgen, okay?“, antwortete Lu. „Wir machen das schon irgendwie. Irgendwie geht es immer.“

***

Die Mutter

Die Sonne brennt sich durch den Kopf, um den Geist zu vernichten. Doch der Geist ist wach. Sie steht auf und zieht die Vorhänge zu. Das Licht strahlt durch die winzigen Spalten und Ritzen. Der Vorhangstoff ist viel zu hell. Sie legt sich wieder in das Bett, sie gibt den Polster auf ihr Gesicht, so sind die Stimmen etwas leiser, die Stimmen, die das Licht schickt, direkt in ihren Kopf, tief hinein, um ihren Geist zu vernichten.

Sie bekommt kaum Luft. Die Stimmen versuchen, zu ihr vorzudringen und sie beginnt, ein Lied zu summen. La Paloma, ohe, summt sie. Sie summt und summt und summt, bis die Stimmen zu einem konstanten Zischen werden. Bis sie einschläft.

Ein Mädchen öffnet die Tür und lugt scheu in das Zimmer. „Mama“, sagt Marion und die Mutter blinzelt. Durch den Spalt dringt Licht und sie schreit. „Mach zu, mach sofort zu!“ Marion will etwas sagen, die Augen füllen sich mit Tränen, sie sagt nichts, tritt einen Schritt zurück und schlägt die Tür zu. Die Mutter ist wieder allein.

Doch sofort sind die Stimmen wieder da und das Licht. Sie drückt den Polster auf ihre Ohren. Kneift die Augen zusammen, dass sich über ihre Stirn zwei tiefe Falten bilden. Ihr ist heiß, doch sie schlägt die Decke nicht zurück, um ihrem Körper frische Luft zu gönnen. Sie bleibt unter dem Schutz, damit sich das Licht nicht von ihren Füßen nach oben frisst, den ganzen Körper verbrennt – und am Ende ihr Zentrum, ihren Geist, sie selbst.

Noch immer lassen sie die Stimmen nicht in Ruhe, nur langsam beruhigen sie sich wieder. Wenn nur niemand mehr kommt, denkt sie und beginnt wieder zu summen. Sie summt und summt und summt.

Als sie die Augen aufschlägt, sitzt ein anderes Mädchen auf dem Stuhl, es ist älter und das Haar ist verfilzt, Lu. Lu sieht sie an. Sie sagt etwas, doch die Mutter kann es nicht hören, im Kopf sind so viele Stimmen. Lus Lippen bewegen sich und dann plötzlich erkennt sie, dass Lu in ihrem Kopf spricht, sie ist eine der Stimmen, die ihr etwas sagen wollen, sie ist eine von ihnen, eine von denen, die sie beherrschen wollen, ihren Körper, ihren Geist und sie selbst.

„Geh“, schreit sie. „Geh weg, geh hinaus!“

Lu schließt den Mund und steht auf, doch noch spricht sie, sagt Wörter, die ihr in den Kopf schneiden. Sie geht zur Tür und dann hinaus. Die Stimmen hören nicht auf, doch eine ist weg, Lu, jaja, Lu.

Sie beginnt zu singen. La Paloma, ohe, irgendwann muss es vorbei sein.

***

Vor der neuen, leeren Seite graut Lu. Bis die Worte die Seite nach und nach füllen, ist jedes einzelne Blatt in seiner Leere ein Beweis des Versagens. Lu schaut auf, sie ist müde, lustlos – und überhaupt. Ein Student mit asymmetrischer Frisur und umgehängtem Gitarrenkoffer zwängt sich durch die Bibliothek. Er erinnert Lu an einen Burschen von früher, auch er ging immer mit dem Instrument spazieren.

Gespielt, erinnert sich Lu, hat er nur selten, und wenn, war es falsch. Lu streckt sich und lehnt sich wieder nach vorn. Kein Wort kommt ihr in den Sinn, nichts, das der leeren Seite den Schrecken nehmen würde. Sie schließt das Dokument, ruft ihren Account auf.

Wieder ein Mail von Noone! Lu erschrickt. Überlegt. Sie will die Nachricht wegwerfen. Schließlich siegt, wie immer, doch ihre Neugierde.

Von: noone@hotmail.com an alleswirdbesser@gmx.at
21. März 2009 01:42:21
Sie haben doch alleswirdbesser nicht zufällig ausgewählt.
Erlauben Sie mir also bitte, Ihnen zu schreiben. Es genügt schon zu wissen, dass Sie da sind – jemand zumindest von mir weiß, von mir Notiz nimmt.
Es ist Nacht, alles ist ruhig, aber nicht für mich. Ich höre so viel, in der Nacht herrscht keine Stille, in der Nacht ist es lauter, viel lauter als sonst, jeder Schritt auf der Straße und jedes Auto, sie machen einen Höllenlärm und oft reden Leute, sie reden miteinander, ganz knapp unter meinem Fenster, ich will sie nicht hören, ich will sie alle nicht hören, sie sollen mich nicht stören in meiner stillen, ruhigen Einsamkeit
.

Darf ich Ihnen erzählen, nur ein bisschen erzählen? Sie brauchen es gar nicht zu lesen, aber wissen Sie, es würde mich freuen, wenn Sie mein Mail zumindest überfliegen, um festzustellen, dass ich ein netter Mensch bin und glauben Sie mir, das bin ich. Ich war heute spazieren, den ganzen Tag, ich habe die Vögel beobachtet und die Kinder auf dem Spielplatz, ich bin gegangen und gegangen, durch die halbe Stadt und sie macht mir Angst, wissen Sie, dass ich mich oft fürchte, vor der Stadt, vor den vielen Leuten, die ich alle nicht kenne?

Wäre es Ihnen möglich, mir zu schreiben?

Auch diesmal verändert sich der Bildschirm nicht und sie entspannt sich. Kein Virus. Vielleicht jemand von früher. Ruhig bleiben. Einfach weiterarbeiten. „Ha!“, ruft sie laut, um ihr mulmiges Gefühl gänzlich zu vertreiben. Die anderen Studierenden sehen sie streng an. „Tschuldigung“, murmelt sie. Sie schreibt ein Mail an Brit.

Von: alleswirdbesser@gmx.at an brit.siczek@univie.ac.at
21. März 2009 14:20:31
hallo du!
stell dir vor, ich habe wieder ein mail von dem unbekannten bekommen. klingt eher wie ein brief. und auch irgendwie so traurig. ich schicke es dir mal mit. was meinst du dazu? fällt dir jemand ein, der so was schreibt?
bu
lu

Lu wartet kurz, doch Brit mailt nicht zurück. Also bleibt ihr nichts anderes übrig als weiterzuarbeiten. Nach zwei Stunden kontrolliert Lu wieder die Zeichenanzahl. Es sind 1529 Zeichen mehr. In ihrer Hosentasche läutet das Handy. Sie zieht es heraus: Brit. Sofort erntet Lu einen strengen Blick der Bibliotheksmitarbeiterin und verschwindet nach draußen. „Hallo?“

„Hallo. Du, ich hab nicht viel Zeit, aber das Mail ist völlig irre. Vielleicht solltest du dagegen wirklich etwas machen.“

„Aber was?“

„Keine Ahnung, ich frag Raoul, komm morgen vorbei, er kennt sich da sicher aus. Das ist ja unheimlich. So um sechs, da ist er daheim. Bis dann!“

Am nächsten Tag ist die Diplomarbeit um weitere 3.000 Anschläge reicher. Sie hat noch nie verstanden, wie andere ihre Arbeiten so ohne weiteres verfassten. Lu verlässt das Haus und es beginnt leicht zu regnen. Ihr fällt ein, dass sie ihren Regenschirm letzte Woche in der U-Bahn vergessen hat. Sie blickt auf das kleine Stück Himmel und hört Stimmen aus einem offenen Fenster vom obersten Stockwerk des Hauses gegenüber.

Und was, wenn es doch keine Werbung ist? Kein Spam und kein mieser Trick, um an ihre Daten heranzukommen oder etwas Persönliches zu erfahren? Was, wenn dieser E-Mail-Schreiber wirklich nur reden – oder besser gesagt – schreiben und gelesen werden will? Warum immer gleich etwas Bedrohliches vermuten?

Langsam geht Lu weiter, vorbei an Handyläden, Wettbüros, einer Trafik, drei Lokalen, einem Optiker. Was könnte an ihrem Leben schon so spannend sein, dass es jemand wissen möchte?

„Ich werde mich nie an deine Pünktlichkeit gewöhnen“, sagt Raoul, als er die Tür öffnet. Er trägt eine alte Jogginghose in lila.

„Hübsches Höschen, der Hintern hängt schon bis zu den Knien“, lächelt Lu.

„Komm du nicht so pünktlich, dann schau ich besser aus.“ Lu folgt Raoul ins Wohnzimmer. Wie immer ist sie erstaunt, dass ein Gitterbett darin steht. Es wirkt wie ein Fremdkörper zwischen der schwarzen Ledercouch, den CDs und dem Regal.

„Also, was kann ich für dich tun?“, fragt Raoul und lässt sich auf die Couch fallen. „Brit hat gesagt, du bekommst eigenartige E-Mails. Ist doch super, ganz ohne Partnerbörse! Sei froh, dann wirst du auch den furchtbaren Anwalt los.“

„Ja, du hast Recht. Na dann brauch ich dich eigentlich gar nicht fragen. Danke, du hast mir schon geholfen.“

„Stopp, so geht das auch wieder nicht. Neugierig wäre ich ja schon.“

Lu erzählt Raoul von den E-Mails, die sie sogar ausgedruckt hat. Er liest sie durch, macht dabei „hmmmm“. Lu grinst. Das „hmmmm“ verwendet Raoul immer, wenn er nachdenkt. Gar nichts von sich zu geben liegt ihm nicht. „Hmmmm“ macht er noch einmal und streicht mit dem Zeigefinger über sein Kinn. „Also“, beginnt er, doch dann folgt eine weitere Pause und ein „hmmmm“. Raoul gibt Lu die Zettel zurück. „Also die Sache ist folgende: Man kann meistens herausfinden, wer hinter einem Mail steckt. Das ist aber extrem aufwändig. Und ich frage mich, ob sich der Aufwand lohnt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass da irgendeine böse Absicht dahinter steckt. Oder irgendeine Organisation oder was weiß ich was. Ich glaube, das ist ein Typ, dem fad oder der vielleicht wirklich allein ist, der nicht auf Foren oder Chats steht und einfach ein bisschen kommunizieren will.“ Raoul zuckt mit den Schultern. „Wär meine Meinung.“

Lu nickt. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass irgendetwas Böses dahinter steckt. Eigentlich. Und ja, vielleicht ist er wirklich einsam.“

„Weißt du“, sagt Raoul, „die machen uns alle einfach schon verrückt.“

„Wen meinst du?“

„Na die alle, die Parteien und die Medien und überhaupt. Mit ihren Überwachungen und Kameras und Kontrolle und gläserner Mensch und der ganze Scheiß. Es ist ja ganz klar, dass man dann niemand mehr über den Weg traut und bei allem das Schlechteste vermutet. Aber jeder hat eine Einkaufskarte von irgendeinem Drecksgeschäft, damit die Semmel drei Cent weniger kosten. Ist doch so, oder? Da hört sich die Panik auf. Auf Facebook posten die Leute alles Mögliche. Und am Ende sind wir in Wahrheit ganz froh, wenn jemand auf uns aufpasst. Damit wir wissen, dass wir nicht so einfach verloren gehen können.“ Raoul hat sich in seine Rede ziemlich hineingesteigert. „Ist halt meine Meinung“, meint er schließlich etwas ruhiger.

„Ich habe auch eine Bipa-Card und bin auf Facebook“, sagt Lu und Raoul lächelt.

„Na siehst du. Und deshalb“, sagt er, beugt sich nach vorn und berührt mit seiner Hand kurz ihre Schulter, „deshalb wäre es völlig absurd, sich auf der andern Seite wegen so eines lächerlichen E-Mails, das ein armer, trauriger Schlucker geschrieben hat, Sorgen zu machen.“ Lu nickt. „Ich mach jetzt mal einen Kaffee“, sagt Raoul und lässt Lu allein.

Sie ist beruhigt. Raoul hat Recht. Wieso sich über alles aufregen?

Ihr Blick fällt auf das Gitterbett, die Stäbe aus Plastik. Gleich neben dem Gitterbett beginnt Raouls CD- und Plattensammlung. Wenn Raoul das so sieht, wird es stimmen, denkt Lu. Vielleicht sollte sie die Mitgliedschaft auch gleich aufkündigen, bei Bipa, bei Billa, bei Spar, beim Friseur, wo auch immer.

Am nächsten Tag ist in Lus Posteingang wieder ein Mail.

Von: noone@hotmail.com an alleswirdbesser@gmx.at
23. März 2009 03:21:12
Ich war um die zehn Jahre alt und lief mit den anderen Kindern durch den Wald, wir machten einen Wettlauf. Obwohl meine Schuhe schlecht und der Waldboden rutschig war, lief ich schneller als die anderen. Es war, als wäre mein Kopf nicht mehr vorhanden, als wäre ich ein Waldgeist, der den Boden nicht berührt. Wir liefen eine Stunde, vielleicht auch mehr, aber ich spürte keine Erschöpfung. Wir mussten einem Weg folgen, der mit roten Bändern an den Bäumen gekennzeichnet war. Doch ich wollte ihm nicht folgen, wollte vorbei an der vorgegebenen Richtung, nicht zurück und nicht aufhören, ich wollte ein Waldgeist bleiben – und frei von allen Gedanken.
Manchmal frage ich mich, ob es mich verändert hätte, wenn ich weiter gelaufen wäre. Ob ich es danach geschafft hätte, mich noch einmal so zu fühlen, so unabhängig. Bei allen späteren Läufen war ich unter den Letzten, erschöpft und müde
.

Lu liest das Mail noch einmal. Um die zehn Jahre alt. Was hat sie mit zehn getan? Lebten ihre Eltern damals noch zusammen? Von der Zeit, in der ihr Vater noch mit der Mutter zusammenlebte, weiß sie kaum noch etwas. In ihrer Erinnerung war der Vater immer ein großer, schlanker Mann. Später wunderte sie sich immer, wenn sie ihn sah: Er war nicht besonders groß und hatte einen Bauch, über dem das Hemd sich spannte. Auch der Bart, den er später trug, blieb Lu fremd. Wie dieser Mann überhaupt. Fünf Jahre hatten sie keinen Kontakt. Dabei wohnte er nur wenige Kilometer weit weg. Lebte mit einer Frau, die Lu noch mehr hasste als den Vater selbst. Lebte mit einer Tochter, die nicht ihre Schwester war.

Als sie sich wieder trafen, fand Lu sein Aussehen sympathisch, er sah aus wie ein Brummbär, gemütlich, nett. Doch sie ließ sich nicht täuschen. Er war ein Verräter, er hatte sie und seine Schwester mit der verrückten Mutter sitzen lassen. Und plötzlich tauchte er wieder auf.

Er versprach, für fünf Jahre Lus und Marions Wohnungsmiete zu übernehmen. Ein guter Deal. Dafür besuchten die Schwestern den Vater hin und wieder. Als er die Miete nicht mehr bezahlte, eröffnete er für die beiden einen Bausparvertrag. Sie besuchten ihn weiterhin.

Während Marion und Lu in der WG lebten, trafen sie den Vater manchmal zufällig. Beim Einkaufen zum Beispiel. Lu bummelte mit Marion durch die Einkaufsstraße. Einige Meter vor ihnen ging der Vater. Marion wollte nach ihm rufen, doch Lu verbot es, befahl ihr, gefälligst den Mund zu halten. Also gab die kleine Schwester Ruhe und sah dem Vater nach.

Die Sache mit dem Rucksack passierte etwa zur selben Zeit: Lu und Marion waren kurz davor in die WG gezogen. Die ersten Monate verbrachten die beiden fast nur in ihrem Zimmer. Erst mit Becko änderte sich alles. Gleich am ersten Tag, als er sich ins Wohnzimmer auf die Couch legte, als wäre er schon immer hier gewesen.

Es war ein Tag Ende der Ferien. Sie wollte ein Glas aus der Küche holen und lief durch das Wohnzimmer. „Wer bist du?“, fragte jemand plötzlich von links und Lu blickte erschrocken zur Seite. Sie brauchte einige Sekunden, um seine Erscheinung zu verdauen. Becko war riesig und spindeldürr. Obwohl er seine Beine abgewinkelt hatte, fand er kaum Platz auf der Couch, auf der Lu immer das Gefühl hatte, zu versinken. Er hatte Locken, die bis zu seinen Schultern reichten. Er trug keine Socken und seine riesigen, dünnen Zehen ekelten Lu.

„Ich bin Becko“, sagte er, hob seine Hand und bildete mit seinen langen Fingern einen Vulkanier-Gruß.

„Lu“, sagte Lu und hob die Hand ebenfalls, jedoch ohne Mittel- und Ringfinger auseinanderzuspreizen.