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© 2014
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
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ISBN 978-3-7099-3580-4

Umschlag- und Buchgestaltung, Satz:
hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol
Umschlagfoto: Transport der exhumierten Leiche Sepp Innerkoflers nach Sexten, hier die „Station“ vor den Drei Zinnen, 27. 8. 1918 Fotograf: Anton Trixl; Sammlung Werkmeister Anton Trixl – Tiroler Archiv fur photographische Dokumentation und Kunst (TAP) Karten: Hana Hubalkova nach Angaben von Michael Forcher Autorenfoto: Haymon Verlag

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

 

Michael Forcher

Tirol und der Erste Weltkrieg

Ereignisse, Hintergründe, Schicksale

 

Michael Forcher

Tirol und der Erste Weltkrieg

Inhalt

Kein gerechter Krieg

Vorwort

„Wenigstens anständig untergehen“

Zog man wirklich mit Begeisterung in den Krieg?

Die Stimmung zu Kriegsbeginn, der Abmarsch der Tiroler Regimenter und der kühle Empfang in Galizien

„Lachen kann keiner von uns mehr“

Gegen die russische Dampfwalze

Die Innsbrucker Autokolonne in Krakau, Georg Trakls Tod und das Kriegsgeschehen in Galizien bis zur Durchbruchschlacht von Tarnów-Gorlice im Mai 1915

„Soldatenstrümpfe stricken wir ...“

„Sacro egoismo“ – Italien und sein heiliger Egoismus

Wie es den Trentinern erging

Das letzte Aufgebot rückt aus

„Ein Symbol der deutschen Armee“

Das Deutsche Alpenkorps, seine Bestimmung und sein Einsatz an der Tiroler Front vom Mai bis Oktober 1915

Die Front in Fels und Eis

Vom Isonzo zum Pasubio

Militärdiktatur und Kriegswirtschaft

Dichter, Maler und die Propaganda

Tiroler an anderen Fronten

„Hoffnung auf ein Stück Brot“

Der verhängnisvolle Sieg am Isonzo

Streiflichter auf das Kriegsgeschehen im Jahr 1917 und die Tiroler Beteiligung an der zwölften Isonzoschlacht

Wie die Monarchie zerfiel und der Krieg zu Ende ging

Wilsons vierzehn Punkte, die Sixtus-Affäre, eine aussichtslose Offensive am Piave und die Verwirrung rund um den Termin des Waffenstillstands

„Was wird aus Tirol?“

„Ein gewaltiger Schmerz“

Epilog

Anhang

Literatur und gedruckte Quellen

Bildnachweis

Meinem Vater Gabriel Forcher gewidmet, der als Sechzehnjähriger mit den Lienzer Standschützen auszog, seine Heimat zu verteidigen

Kein gerechter Krieg

Vorwort

Das gefühlt hunderste Buch zum Thema Erster Weltkrieg zu schreiben, ist keine dankbare Aufgabe. Ich habe mich auch nicht leicht dazu überreden lassen. Schließlich haben mich Verleger Markus Hatzer und sein Programmchef Georg Hasibeder aber überzeugen können, dass es ein populäres Buch zum Thema „Tirol und der Erste Weltkrieg“ geben sollte, das den neuesten Forschungs- und Wissensstand zusammenfasst. Unter diesem Titel kam 1995 in der von mir im Haymon Verlag begonnenen und von Hatzer im Studienverlag fortgesetzten Reihe „Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte“ ein Sammelband heraus, der einen Meilenstein in der Forschungsgeschichte und einen Wandel in der Rezeption dieses epochalen Ereignisses bedeutete. Denn erstmals seit Ernst Eigentlers Dissertation aus den 1950er Jahren wurde darin das Hauptaugenmerk nicht auf den militärischen Aspekt und das Geschehen an der Front gelegt, sondern auf die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Lande. Seit damals sind fast 20 Jahre vergangen, ist viel geforscht worden und eine Vielzahl von wissenschaftlichen Büchern und Aufsätzen erschienen, die sich immer detailreicher mit diesem Themenkomplex befassten. So haben wir heute einen anderen Blick auf den Ersten Weltkrieg und das Land Tirol in diesen Katastrophenjahren als vor 20 Jahren. Zumindest können wir ihn haben. Vielen Menschen ist es jedoch zu zeitraubend, sich die nötigen Informationen aus der einschlägigen, vielfach sehr umfangreichen Fachliteratur zu holen. Wer sich doch eingehender informieren möchte, findet im Anhang ausführliche Hinweise.

Es ging bei dem Auftrag aber nicht nur um die zusammenfassende Wiedergabe des Wissensstandes, sondern auch um eine gut lesbare, erzählerische Darstellungsweise. Es sollte nicht noch ein wissenschaftliches Werk entstehen, sondern ein leicht verständliches Lesebuch, in dem geschichtsinteressierte Tirolerinnen und Tiroler ohne viel Zeitaufwand das Wichtigste und einige interessante Details erfahren. Ob mir der Spagat gelungen ist, müssen die Leserinnen und Leser beurteilen. Etwas muss ich vorausschicken, um falsche Erwartungen zu dämpfen. Es mag oft spannend sein zu lesen, was passiert ist und warum und mit welchen Problemen die Tiroler Bevölkerung zwischen 1914 und 1919 konfrontiert war, unterhaltsam ist es nicht! Denn dieser Krieg ist eines der schlimmsten Kapitel in der Tiroler Geschichte, ein Verbrechen von Anfang an, ein einziger Wahnsinn, sinnlos, grausam.

Diese meine Einschätzung des Ersten Weltkrieges war letztlich der Hauptgrund dafür, dass ich mich dieses Unterfangens angenommen habe. Denn der Erste Weltkrieg wird, besonders in Tirol, im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg oft als der gerechtfertigte, von den Nachbarn aufgezwungene, um nicht zu sagen: der „bessere“ Krieg gesehen. Im Bewusstsein der meisten Tiroler verbindet sich mit dem Begriff „Erster Weltkrieg“ nur die Abwehr des italienischen Angriffs, die Verteidigung der Heimat und die versuchte Verhinderung von deren Teilung. Dass die Tiroler Politiker die Chance eines multinationalen Tirol selbst verspielt haben, dass der Kaiser und seine Minister den Krieg leichtfertig begonnen haben und gegenüber Italien zu lange jede Konzession strikte ablehnten, wird nicht gewusst oder übersehen oder nicht geglaubt. Auch ist das Wesen dieses ersten industrialisierten Krieges weit entfernt vom romantisch verklärten Bild des zwar harten, aber ritterlichen Dolomitenkämpfers und des einsamen Postens auf den höchsten Gipfeln Tirols.

Es fiel mir oft nicht leicht, ein sachlicher Chronist zu bleiben. Einige Male konnte ich meine Emotionen nicht ganz unterdrücken. Da bin ich dann eben – ohne etwas zu erfinden – weniger der wissenschaftliche Publizist als der Erzähler von Geschichte. Eine Geschichte erzählt auch das Umschlagfoto von Anton Trixl, wir haben es wegen seines Symbolwertes ausgesucht – trotz des Nachteils, dass damit wieder der Dolomitenkrieg in den Vordergrund gerückt wird. Aber es wird darin sowohl Tirol (in seinen alten Grenzen) als auch der Krieg thematisiert. Auch eine Folge dieses Krieges, die Teilung des Landes, wird durch dieses Bild zumindest den Nord- und Osttirolern bewusst. Und die unendliche Traurigkeit des Geschehens, was alles verloren ging an Werten und an Leben. Kein gerechter, kein notwendiger, kein „guter“ Krieg. Ein schrecklicher Krieg und ein „gewaltiger Schmerz“, wie Georg Trakl in seinem Gedicht „Grodek“ formuliert. Der Untergang der alten Welt.

Michael Forcher

Innsbruck, im März 2014

„Wenigstens anständig untergehen“

In den Tiroler Sommerfrischorten und Alpinzentren hatte die Saison gerade begonnen, Nobelhotels und Gasthöfe waren ausgebucht. Herrliches Wetter lockte die Feriengäste in die Berge, als am Sonntag, 28. Juni 1914, gegen Abend die ersten Nachrichten von einem Attentat eintrafen, dem im bosnischen Sarajevo der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie zum Opfer gefallen waren. Was zuerst kaum jemand glauben mochte, war am nächsten Tag Gewissheit. Ein serbischer Student hatte das Thronfolgerpaar ermordet. Allerorts traten die Gemeindeführungen zu Trauersitzungen zusammen, verurteilten die Bluttat und sandten Beileidskundgebungen an „unseren allgeliebten Kaiser“. In den Kirchen wurden Trauergottesdienste abgehalten. Schwarze Fahnen beherrschten das Bild der Tiroler Städte und Dörfer.

In die allgemeine Trauer mischte sich bald die Sorge über den weiteren Verlauf der Dinge. Was würden wohl die Folgen der Schüsse von Sarajevo sein? Würde es Krieg geben oder konnte Serbien, dessen Staatsführung beschuldigt wurde, die Hintermänner des Attentats zu unterstützen, auf andere Weise zur Raison gebracht werden? Und welcher Art würde so ein Krieg sein? Würde er sich lokal und zeitlich begrenzen lassen, wie alle Kriege der letzten hundert Jahre? Dass Serbien als Ausgangspunkt nationaler Hetze gegen Österreich-Ungarn eine Tracht Prügel verdiene und sich jetzt die Gelegenheit böte, diesen Unruheherd am Balkan auszumerzen, war weit verbreitete Meinung von der Spitze der Monarchie bis hinunter zum kleinen Mann auf der Straße, auch in Tirol. Umso bemerkenswerter die Meinung eines Mitarbeiters des „Pusterthaler Boten“, der am 17. Juli in seinem Kommentar zur Situation versicherte, es sei „nicht der geringste Grund vorhanden, an einen Konflikt mit Serbien oder sogar an einen Krieg zu glauben“. Trotzdem – oder gerade deshalb – gemahne man die politisch Verantwortlichen zur Vorsicht, es stehe nämlich außer Zweifel, „daß ein Krieg mit Serbien unvermeidlich zum Krieg mit Rußland, das heißt also zum Weltkrieg führen würde“.

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Aus den Zeitungen erfahren die Tiroler, was in Sarajevo passiert ist.

Leider hörten die großen Herren in Wien nicht auf den kleinen Tiroler Zeitungsschreiber. Sie waren ganz auf Krieg eingestellt. Das Attentat war im Grunde der lange ersehnte Grund, Serbien mit Waffengewalt auszuschalten. Kaiser Franz Joseph I. – meist als alt und müde beschrieben, der den Dingen seinen Lauf ließ – wollte den Krieg, das ist durch die Forschungen der letzten Jahre eindeutig erwiesen. Und sein Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf hatte seit 1908 sogar mehrere Varianten für Angriffskriege der Donaumonarchie ausgearbeitet. Ziel war das eine Mal die Neuordnung am Balkan, das andere Mal die Wiedergewinnung des 1859 und 1866 verlorenen Oberitalien. Der Feldmarschall (Conrad ist der Familienname) hätte nicht die geringsten Skrupel gehabt, das seit 1882 mit Österreich und Deutschland verbündete Königreich Italien anzugreifen. Allerdings schien ihm 1914 der Zeitpunkt nicht mehr günstig, weil sich die potentiellen Gegner, Italien eben und Serbiens mächtiger Unterstützer Russland, seitdem von Krisen und Kriegen erholt (Russland vom Krieg mit Japan und Italien vom Libyenabenteuer) und wieder aufgerüstet hatten, während in Österreich-Ungarn die Rüstung sträflich vernachlässigt worden war. Schon 1913 hatte er gegenüber einem Berater des Thronfolgers Franz Ferdinand gemeint, „im Jahr 1908 wäre [der Krieg] ein Spiel mit aufgelegten Karten gewesen, 1912 noch ein Spiel mit Chancen, jetzt ist es ein va banque Spiel“.

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Warten auf Neuigkeiten. Wird es Krieg geben?

Was nichts daran änderte, dass er – wie der Kaiser und die meisten seiner Minister – glaubte, das Wagnis eingehen und selbst Russland als weiteren Gegner riskieren zu müssen. Zumal es nicht nur um die Glaubwürdigkeit und das angeblich gefährdete Ansehen des Habsburgerstaates im europäischen Macht- und Bündnisgefüge ging, sondern um nichts weniger als den Erhalt des nur mehr notdürftig zusammengehaltenen Vielvölkerstaates. Das Zusammenleben der elf offiziell anerkannten Nationen und der zahllosen Minderheiten unter dem Dach der Doppelmonarchie wollte nicht mehr richtig funktionieren und vorsichtige, nur Detailprobleme angehende Reformversuche waren bisher schon in den Ansätzen gescheitert. Auch das Aufkommen neuer sozialer Ideen und die zunehmend politisch zersplitterte Gesellschaft in wirtschaftlich schwieriger werdenden Zeiten bedrohten den Staat, der weiterhin vom Geburts- und Geldadel beherrscht wurde und keine Rücksicht auf die nach Anerkennung, Aufwertung und Mitsprache drängenden unteren Schichten nahm.

In Tirol kannte man diese Probleme nur zu gut. Schließlich hatte über ein Drittel der Tiroler Bevölkerung Italienisch als Muttersprache. So vehement die Tiroler ihre Autonomiewünsche in Wien vorbrachten, so wenig Verständnis hatten die meisten deutschsprachigen Politiker für den Wunsch des italienischen Bevölkerungsteils nach größerer Selbständigkeit. In Innsbruck und Bozen wollte man unbedingt an der „historischen Einheit Tirols“ festhalten, während in Trient der Ruf „Los von Innsbruck“ immer lauter wurde. Im Sinne der Politik des „Irredentismus“ hatte das Königreich Italien die „Erlösung“ jener Italiener, die außerhalb seiner Grenzen lebten, auf seine Fahnen geschrieben. Das betraf in erster Linie Triest und den italienischen Teil von Tirol. Deshalb wäre es ein Gebot der politischen Klugheit gewesen, der dortigen Bevölkerung, den Welschtirolern, den Wunsch nach Autonomie zu erfüllen. Auf diese Weise hätte man jenen Trentiner Politikern zuvorkommen können, die nicht nur „los von Innsbruck“, sondern auch „los von Wien“ wollten. Doch in Innsbruck sah man das nicht ein. Die von den Autonomisten für das italienische Tirol verwendete Bezeichnung „Trentino“ wurde als „geographische Übersetzung“ der politischen „Los-von-Innsbruck“-Parole betrachtet und abgelehnt. Offiziell sprach man von Welschtirol oder von Südtirol.

Neben den 500.000 Deutschtirolern – so der ungefähre Stand um 1900 – lebten im Land rund 350.000 Welschtiroler. Sie hatten in ihrem geschlossenen Siedlungsgebiet die volle kulturell-nationale Autonomie: Italienisch war Amts- und Gerichtssprache; es gab genügend viele italienische Schulen; Aufschriften und Namenstafeln waren durchwegs italienisch. Nicht nur die Beamten der autonomen Behörden, wie der Gemeinden, waren stets Italiener, auch staatliche Beamtenstellen wurden fast durchwegs mit italienischsprachigen Einheimischen besetzt. Auch sonst kam es zu keiner Benachteiligung oder gar Unterdrückung der italienischen Bevölkerung. Trotzdem wollten die führenden Welschtiroler mehr, nämlich einen eigenen Landtag, eine eigene gesetzgebende und ausführende Gewalt. Man war im Tiroler Landtag nicht großzügig genug, diesem verständlichen Wunsch Rechnung zu tragen. Aus Protest blieben die italienischen Abgeordneten immer wieder längere Zeit hindurch den Sitzungen des Landtags fern.

Anders verhielten sich die Angehörigen der dritten tirolischen Volksgruppe, die Ladiner in den fünf Dolomitentälern, deren Zahl für die Jahrhundertwende auf rund 20.000 geschätzt wird. Die jahrhundertelange Zugehörigkeit zum Fürstentum Brixen bzw. zum Land Tirol und die enge persönliche, wirtschaftliche und rechtliche Bindung an den deutschen Siedlungsraum hatten bei Bewahrung der eigenen Sprache eine weitgehende Angleichung an die deutschen Lebens- und Kulturformen bewirkt. Mit Ausnahme des Fassatales, das seit 1815 zu einem Welschtiroler Kreis bzw. Bezirk gehörte, waren alle Dolomitentäler deutschen Verwaltungssprengeln zugeordnet. Ampezzo bildete zusammen mit Buchenstein seit 1868 eine eigene Bezirkshauptmannschaft. Ein Anspruch auf Autonomie in irgendeiner Form wurde von den Ladinern nie gestellt. Sie fühlten sich den Deutschtirolern verbunden, von denen sie auch im Landtag vertreten wurden. Eine Ausnahme bildeten auch hier die Ladiner im Fassatal, die von einem Welschtiroler vertreten wurden. Die Bemühungen der Fassaner, in allen Belangen an Deutschtirol angeschlossen zu werden, wurden zwar vom Tiroler Landtag unterstützt, scheiterten aber an der Verständnislosigkeit der Wiener Regierung.

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Typisches Welschtiroler Ortsbild: Strigno in der Valsugana

Die Frage der Trentiner Autonomie trat – nach einigen früheren Zugeständnissen – um 1900 in eine entscheidende Phase. Schon 1889 hatte die deutsche Mehrheit im Tiroler Landtag die Berechtigung von „besonderen Einrichtungen und Organen der Selbstverwaltung zur besseren Besorgung der nur den italienischen Landesteil betreffenden Angelegenheiten“ zugegeben. Die eingeleiteten Verhandlungen erbrachten jedoch kein Ergebnis. Zwischen 1900 und 1902 kam es zu mehreren ernsthaften Versuchen, das Problem zur beiderseitigen Zufriedenheit zu lösen. Zwar war nie an einen Trentiner Landtag und an eine Teilung des Landes gedacht; immerhin sollte es aber eine italienische Sektion der Landesregierung in Trient und verschiedene autonome Organe geben; auch andere für eine Minderheit vorteilhafte Regelungen waren vorgesehen, z.B. die Bildung nationaler Sektionen im Landtag und die Teilung des Budgets. Doch es sollte nicht dazu kommen, die Chance eines multinationalen Tirol wurde vertan. Einmal wurde eine Vereinbarung von der Staatsregierung sabotiert, die fürchtete, für Tschechen und Ruthenen einen Präzedenzfall zu schaffen; dann wieder waren die italienischen oder die deutschen Politiker mit dem Erreichten nicht zufrieden; oft scheiterte ein fertiger Entwurf nur an wenigen Detailfragen. Schließlich lehnten die Trentiner Wähler selbst durch eine Art Referendum die vorgeschlagene Lösung ab. Die Welschtiroler Nationalliberalen hatten mit Erfolg das „Alles oder Nichts“ propagiert. Die Trentiner Sozialdemokraten waren entsetzt, weil sie in einem Kompromiss, auch wenn er nicht ihren Idealvorstellungen entsprach, einen „guten Schritt in Richtung Autonomie“ gesehen hätten.

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Der Christlichsoziale Alcide Degasperi: Autonomie als Druckmittel

Nach diesem Misserfolg konstruktiver Verhandlungen änderten sich Taktik und Ziele der Trentiner Politiker, die seit 1901 wieder an den Landtagssitzungen teilnahmen. Die extremen italienischen Nationalisten wollten gar keine Autonomie mehr, um das ungelöste Problem für ihre Forderung nach einem Anschluss an Italien ausnützen zu können. Ihre Politik hatte sich auch nicht geändert, seit das Königreich dem Bündnis Österreich-Ungarns mit Deutschland beigetreten war und als Mitglied dieses Dreibundes natürlich die „unerlösten Brüder“ in der Habsburgermonarchie nicht offiziell umwerben durfte. Die christlichsoziale „Unione politica popolare“, deren rasch wachsende ländliche Anhängerschaft durchaus österreichisch gesinnt war, arrangierte sich hingegen unter der Führung von Alcide Degasperi mit den Deutschtirolern in Innsbruck, um in Trient ihre Ziele verwirklichen zu können. Die Autonomieforderung war dabei als Druckmittel wertvoll, da die regierende christlichsoziale Partei bei den Landtagsabstimmungen auf die Unterstützung ihrer italienischen Gesinnungsfreunde angewiesen war. Dem Trentino kam diese realistische oder – je nach Standpunkt – opportunistische Politik sehr zugute, nicht zuletzt in wirtschaftlicher Hinsicht. Die „Popolari“ verstanden es auch, die Situation propagandistisch zu nützen. Alles Positive war ihr Verdienst, alles Negative konnten sie der deutschen Mehrheit anlasten. So führten die italienfreundlichen Nationalliberalen wie die proösterreichischen Christlichsozialen aus dem Trentino im Landtag nicht einen Kampf um die Autonomie, sondern einen Kampf mit der Autonomiefrage, wie es Claus Gatterer ausdrückte.

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Der Sozialdemokrat Cesare Battisti: Trentiner Autonomie auch als Muster zur Lösung der Probleme des Vielvölkerstaates

Nur den zahlenmäßig schwachen Trentiner Sozialdemokraten, die 1914 nach Änderung des Wahlrechts mit Cesare Battisti in den Tiroler Landtag einzogen, ging es wirklich noch um die Autonomie. Battisti betrachtete das Trentiner Problem von zwei Seiten: Einmal meinte er, nach Gewährung einer Autonomie die Politik der herrschenden „Popolari“ als für das Trentino schädlich entlarven zu können, anderseits sah er in einer national sauberen Lösung einen Beitrag zur Bewältigung des Nationalitätenproblems im Vielvölkerstaat Österreich. Battisti schrieb: „Wenn wir unseren Landtag in Trient haben werden, wird niemand mehr sagen können, dass die zunehmende Not in unserem Lande eine unmittelbare Folge des deutschen Regimes ist. Allein unser Bürgertum wird dann für Reformen und Gesetze verantwortlich sein. Nur eine autonome Verwaltung wird das Trentino wirtschaftlich heben und den nationalen Streitigkeiten ein Ende setzen. Das wird nicht nur zum Nutzen des Trentino und Tirols gereichen, sondern zum Nutzen des ganzen Staates.“ Doch statt einer zukunftsweisenden Lösung näherzukommen, nahmen Radikalisierung und Misstrauen auf beiden Seiten zu.

In Welschtirol orientierten sich mittelständische Kreise immer mehr nach Italien, wobei sich das Bekenntnis zur Kulturnation durchaus mit Loyalität gegenüber dem habsburgischen Staatenverband vereinen ließ. Doch vor allem in den Städten wuchs die Zahl derer, die den Anschluss an das Königreich Italien forderten. Am Land waren die Aktivitäten dieser einheimischen Irredentisten und die Propaganda aus dem benachbarten Italien weniger wirksam. Einige der Trentiner, die knapp vor Kriegsbeginn 1914 nach Italien emigrierten, hatten in ihrem Gepäck eine Untersuchung über die nationale Einstellung der Landbevölkerung. Dazu waren 355 Haushalte in sechs Gemeinden befragt worden. Das Ergebnis konnte für sie nicht sehr erfreulich sein, denn 42 Prozent wurden als „austriacanti“, also österreichisch gesinnt, eingestuft und nur 16,9 Prozent als national eingestellt, was im Übrigen noch gar nicht bedeuten musste, dass diese Gruppe unbedingt den Anschluss an Italien wollte. Der Rest, also über 40 Prozent, war im Zwiespalt oder stand der Frage gleichgültig gegenüber.

Nicht nur unter den Welschtirolern, auch auf der Gegenseite gewann extremer Nationalismus an Boden. 1904 erregte die eingeleitete Gründung einer italienischen Rechtsfakultät in Innsbruck die Gemüter und führte zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen italienischen Studenten und deutschnationalen Demonstranten. 1905 wurde der „Tiroler Volksbund“ gegründet, der in erster Linie – wie vorher schon der Deutsche Schulverein – die Erhaltung oder Errichtung von Schulen und Kindergärten in gemischtsprachigen Gemeinden des Bozner Unterlandes und in den deutschen Sprachinseln Welschtirols zum Ziel hatte. Zu seinen volkstumspolitischen Aktivitäten gehörte es, grundsätzlich jedweden Trentiner Ansprüchen den Kampf anzusagen. Der private Verein wurde – mit Ausnahme der Sozialdemokraten – von Politikern aus allen Parteien unterstützt, wenn auch nur einige radikale Wortführer so weit gingen, den Welschtirolern die Anerkennung eines geschlossenen italienischen Siedlungsgebietes zu verweigern und Germanisierungsmaßnahmen zu planen. Von den Regierungen in Wien und Innsbruck wurde jedoch das Territorialprinzip mit der ethnischen Grenze bei Salurn so streng eingehalten, dass man sich selbst um die großen deutschen Sprachinseln im Trentino, Lusern und Fersental, kaum kümmerte. Es war der Einsatz des Deutschen Volksbundes oder anderer privater Vereinigungen notwendig, um dort Maßnahmen zum Schutz dieses gefährdeten Volkstums in die Wege zu leiten. Trentiner Politiker waren empört über solche Aktivitäten. Umgekehrt wurde von Deutschtiroler Seite jede Initiative der Trentiner, gleich ob wirtschaftlicher oder kulturell-nationaler Art, als Irredentismus gedeutet, auch wenn sich die Verantwortlichen loyal zu Österreich verhielten.

Im Nachhinein betrachtet, fanden die patriotischen Feiern rund um das Anno-Neun-Jubiläum von 1909, in denen sich Tirol als selbstbewusstes, zwar traditionsverbundenes, jedoch der Zukunft gegenüber aufgeschlossenes Land inszenierte, unter bedrohlichen Gewitterwolken statt. In Tirol war man in jenen Jahren aufs Engste mit den Problemen konfrontiert, die den österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat erschütterten. Wie sollten sich ein Dutzend Völker untereinander verständigen können, wenn es in Tirol schon zwischen zwei Volksgruppen nicht möglich war, zu einer Einigung zu kommen? Ein übersteigerter Patriotismus, Denkmalenthüllungen, Jubiläumsfeste, patriotische Reden und glanzvolle Kaisermanöver konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lebensfragen der Donaumonarchie ungelöst waren.

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Festzug zum 100-Jahr-Jubiläum des Freiheitskampfes von 1809: Die großartige Selbstinszenierung eines Landes verweigert die Sicht auf das ungelöste nationale Problem, das es auch in Tirol gab.

Nun sollte ein Krieg die Lösung sein. Mit Blick auf den äußeren Feind würden die Völker und sozialen Gruppen noch einmal zusammenstehen. Der Krieg auf Gedeih und Verderb würde sie zusammenschweißen, im politischen Streit gebundene Energien freisetzen und im Falle eines Sieges den Bestand der Monarchie sichern. So dachte man. Aber auch der Gedanke, dass ein Volk oder ein Staatsgebilde nicht wert sei zu überleben, wenn es sich nicht durchsetzen könne, spielte im Sinne der damals gerade in Militärkreisen weit verbreiteten Ideen des Sozialdarwinismus nicht nur eine untergeordnete Rolle. Äußerungen des Kaisers, dass die Monarchie, wenn sie schon untergehen müsse, „wenigstens anständig zugrunde gehen“ solle, oder des einflussreichen späteren Außenministers Ottokar Czernin, dass Österreich „mit einem gewissen Anstand krepieren“ möge, gehen in diese Richtung.

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Kaiser Wilhelm II. (rechts) und sein Generalstabschef Paul von Hindenburg: Unterstützung für Österreich ohne Wenn und Aber

Entscheidend für die Bereitschaft, den für notwendig gehaltenen Krieg auch wirklich zu beginnen, war schließlich die „Blankovollmacht“, die der deutsche Kaiser Wilhelm ausstellte: Bedingungslos würde er hinter der Entscheidung seines Verbündeten stehen, wie immer diese auch ausfalle. Mit dieser Rückendeckung wurde am 9. Juli 1914 im Ministerrat der Krieg beschlossen, obwohl niemand in diesem Leitungsgremium der Monarchie daran zweifelte, dass eine Kriegserklärung an Serbien mit allergrößter Wahrscheinlichkeit den Kriegseintritt Russlands zur Folge haben würde. Der Kaiser nahm an dieser entscheidenden Sitzung übrigens nicht teil. Er war mit dem Hofzug unterwegs nach Bad Ischl. Was sollte er auch in Wien. Seine Minister wussten, was er wollte, nämlich den Krieg. Auf Drängen des ungarischen Ministerpräsidenten István Tisza wurde allerdings beschlossen, vor einer Kriegserklärung dem Königreich Serbien ein Ultimatum mit der Forderung zu stellen, die Hintergründe des Attentats vorbehaltlos aufzudecken, die Hintermänner namhaft zu machen und österreichischen Staatsorganen die Mitwirkung an der Untersuchung zu ermöglichen. Dieser diplomatische Schachzug brachte nicht nur Zeitgewinn, sondern eröffnete die Möglichkeit, Serbien als Schuldigen am bevorstehenden Krieg dastehen zu lassen. Denn niemand in der österreichisch-ungarischen Staats- und Militärführung rechnete damit, dass Serbien das äußerst harsche 48-Stunden-Ultimatum, das am 23. Juli in Belgrad übergeben wurde, zufriedenstellend beantworten würde. Und wenn doch?, hatte Außenminister Berchtold den Chef des Generalstabes während der Ministerratssitzung vom 9. Juli gefragt. Dessen Antwort: Trotzdem einmarschieren und so lange bleiben, bis Serbien alle Forderungen erfüllt und die Kriegs- und Besatzungskosten bezahlt hat.

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Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf: Va-banque-Spiel, aber es muss gespielt werden

Zeit war also gewonnen, trotzdem wollte Conrad von Hötzendorf mit der Mobilisierung noch warten, um die zukünftigen Feinde im Unklaren zu lassen. Er trat sogar seinen geplanten Urlaub im Pustertal an. Dass Serbien in seiner zeitgerecht übergebenen Antwort auf das Ultimatum Österreich weitestgehend entgegenkam und nur die Mitwirkung österreichischer Organe bei der Suche nach Schuldigen für das Attentat ablehnte, dafür aber die Angelegenheit dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag übergeben wollte, änderte nichts am Kriegsbeschluss. Auch ein Vermittlungsversuch Englands – man schlug vor, den Streitfall auf einer internationalen Konferenz zu behandeln, und versicherte, vor diesem Forum Österreich-Ungarn jede gewünschte Genugtuung zu verschaffen – und die längst nicht mehr anzuzweifelnde Haltung Russlands, das einen Angriff auf Serbien als Kriegsgrund ansah, vermochten die österreichischen Verantwortungsträger nicht umzustimmen.

Deutschland lehnte das britische Ersuchen rundweg ab, den Bündnispartner zum Einlenken zu bewegen. Es war klar, dass die sture Haltung Österreichs in Berlin sehr willkommen war, denn so hatte nun auch Deutschland seinen nicht minder erwünschten Kriegsgrund und konnte losschlagen. Man fühlte sich in Berlin nach Jahren der konsequenten Aufrüstung stark genug, um es gleichzeitig mit Frankreich und Russland aufzunehmen. Schon lange lag für den Fall eines Zweifrontenkrieges ein Feldzugsplan vor, der das deutsche Kaiserreich aus einer als gefährlich erachteten Umklammerung befreien und zur dominierenden Macht am europäischen Festland machen sollte. Genau das wollte Frankreich verhindern, und hatte mit der Wiedergewinnung Elsass-Lothringens zudem ein ganz konkretes Kriegsziel. Russland ging es weniger um den Erhalt Serbiens als darum, die Donaumonarchie vom Balkan zu verdrängen und sich selbst und seinen Einfluss dort auszubauen, ja vielleicht bis an den Bosporus auszudehnen. Den völkerrechtswidrigen Einmarsch der deutschen Truppen im neutralen Belgien, der die Umgehung des französischen Festungsgürtels ermöglichte, erklärte schließlich England zum Kriegsgrund, doch ging es auch den Briten nicht wirklich um Belgien, sondern in erster Linie darum, dem deutschen Machtstreben entgegenzutreten, bevor es das weltweite koloniale Gefüge gefährden konnte.

Unter diesen Voraussetzungen kam parallel zum hektischen diplomatischen Hin und Her der Automatismus von Bündnisverträgen und meist geheimen militärischen Nebenabsprachen in Gang. Jeder misstraute dem anderen, jeder glaubte, dem anderen bei der Mobilmachung zuvorkommen zu müssen, letztlich torkelte Europa, wie von Schlafwandlern geführt (Christopher Clark), in die epochale Katastrophe. Eine Kette von Missverständnissen, Dummheiten, Fehleinschätzungen und Jetzt-oder-Nie-Beschlüssen, die einer zynischen Herausforderung des Schicksals gleichkamen, ließ „in Europa die Lichter ausgehen“, wie es der britische Außenminister Edward Grey ausdrückte.

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Bündnissysteme und zu erwartende Fronten im Juli 1914: Die Mittelmächte Deutsches Reich und Österreich-Ungarn gegen Serbien und die Entente Frankreich-Russland-Großbritannien. Zukünftige Gegner der Mittelmächte: Montenegro (1914), Italien (1915), Rumänien (1916) und Griechenland (1917); Verbündete: Osmanisches Reich (1914) und Bulgarien (1915)

Ein schicksalhafter Vorgang also, den niemand hätte stoppen können? Europa ein Pulverfass, das durch die Schüsse eines fanatisierten Studenten zur Explosion gebracht wurde? Keineswegs. Die europäischen Mächte waren zwar hoch aufgerüstet und allesamt kriegsbereit, und Misstöne gab es genügend in diesem „europäischen Konzert“, wie man das kontinentale Macht- und Bündnisgefüge nannte. Doch das hätte – wie ein halbes Jahrhundert später das Gleichgewicht des Schreckens zwischen den USA und der Sowjetunion – noch jahrelang so weitergehen können. Nicht ein junger Serbe ließ das angehäufte Dynamit explodieren, er hielt höchstens das Streichholz an die Lunte. Man hätte die glühende Zündschnur noch austreten können. Doch niemand, der die Macht besessen hätte, es zu tun, war vernünftig genug. Lieber als nachgeben wollten sie allesamt untergehen. Und einen ganzen Kontinent, Millionen Menschen in den Abgrund reißen. Der Erste Weltkrieg ist nicht „ausgebrochen“, er wurde entfesselt. Nur eines könnte man eventuell zur Entschuldigung der maßgeblichen Männer vorbringen, die immer noch glaubten, mit dem Schwert in der Hand nationale Interessenspolitik betreiben zu können. Sie kannten alle nur die kurzen, lokal begrenzten Kriege der Vergangenheit. Welch unvergleichliches Grauen ein moderner Krieg zwischen den industrialisierten Mächten Europas mit sich bringen würde und dass er sich über Jahre hinziehen sollte, das konnten wohl nur einige von ihnen im Ansatz erahnen.

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Wollte den Krieg: Kaiser Franz Joseph I.

So unterschrieb Kaiser Franz Joseph I. – trotz der nun offen ausgesprochenen Drohung Russlands – am 26. Juli sowohl den Befehl zur Mobilmachung der gegen Serbien bestimmten Armeekorps als auch die Kriegserklärung an den Balkanstaat, die am 28. Juli telegrafisch nach Belgrad geschickt wurde. Oft kann man lesen, der Kaiser sei zur Unterschrift erst bereit gewesen, als man ihm gesagt habe, die Serben hätten von einem Donauschiff aus auf eine k. u. k. Einheit geschossen und damit die Feindseligkeiten eröffnet. Tatsächlich erwähnte Außenminister Graf Berchtold, als er dem Monarchen den schon länger vorbereiteten Text der Kriegserklärung vorlegte, dieses angebliche Gefecht an der Donau. Für den Kaiser spielte dieser Punkt jedoch keine Rolle. Er hätte auf alle Fälle unterschrieben, das ist aktenkundig. Die Nachricht von dem angeblichen Gefecht an der serbischen Grenze sollte sich schon tags darauf als Falschmeldung herausstellen, wobei unklar ist, ob der Außenminister selber nicht richtig informiert war oder ob man bewusst eine bewaffnete Aktion der Serben konstruierte, um den Anschein zu erwecken, Österreich sei der angegriffene Staat. Jedenfalls gingen Österreichs Diplomaten mit dieser Behauptung noch tagelang bei Freund und Feind hausieren.

Nicht unwichtig war so ein Schachzug für die Haltung von Österreichs zweitem Verbündeten, dem Königreich Italien. Der 1882 abgeschlossene „Dreibund“ war ein reines Verteidigungsbündnis und stellte es jedem Partner frei, sich aus einem Konflikt herauszuhalten, den einer der zwei anderen beginnen würde. Ausdrücklich im Vertrag steht auch, dass kriegerische Absichten den Bundesgenossen mitzuteilen waren. Österreich-Ungarn hat dies Italien gegenüber absichtlich unterlassen. Zu groß war das Misstrauen. So durfte man sich auch nicht wundern, dass König und Regierung in Rom sich übergangen fühlten und Italien durchaus vertragskonform seine Neutralität erklärte.

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Propagandapostkarte mit überholten Fakten: Der Dreibundpartner Italien erklärt sich für neutral.

Inzwischen hatten alle Großmächte mit der Mobilmachung ihrer Armeen begonnen. Da Russland diese als kriegerische Absicht zu verstehende Maßnahme nicht zurücknahm, erklärte Deutschland dem Zarenreich am 1. August den Krieg. Zwei Tage später schickte Berlin die Kriegserklärung nach Frankreich, wo die Vorbereitungen für einen Waffengang ebenfalls schon weit gediehen waren. Österreich-Ungarn folgte seinem Bündnispartner mit der Kriegserklärung an Russland erst am 6. August. Frankreich wiederum brach am 10. August die diplomatischen Beziehungen zur Habsburger Monarchie ab und teilte am folgenden Tag dem k. u. k. Botschafter in Paris mit, dass zwischen beiden Staaten Kriegszustand herrsche. Und so ging es weiter. Im Grunde war und ist es unwichtig, wer wem wann den Krieg erklärte, Österreich-Ungarn hatte einen Automatismus in Gang gesetzt. Dass am 4. August Großbritannien mit seinen Kolonien in den Krieg gegen die Mittelmächte eintrat, sollte den „Großen Krieg“ zum „Weltkrieg“ machen.