image

Was sieht man, wenn das Auge seine Arbeit aufnimmt; wie sieht man, wenn beide Augen ihre Aufmerksamkeit auf die Außenwelt richten? Und kann man diesen Prozeß der Wahrnehmung in ein anderes Medium umsetzen, in Sprache zum Beispiel? Ist „Farbe“ erzählbar? Ist ein „Ort“ identisch mit seiner Beschreibung? Die erschreckende und faszinierende Kompliziertheit des Sehens bildet den Ausgangspunkt für Anita Pichlers neuen Prosaband: Den neun Texten liegt die Beschäftigung mit Bildern zugrunde, woraus aber keine Bildbeschreibungen im engeren Sinn entstanden sind, sondern ganz eigenständige Texte, teils kleine Erzählungen, teils lyrische Prosastücke. Die Autorin wendet sich für ihre Formvorgaben nicht zufällig an die Malkunst, die wie ihre Texte Möglichkeiten zur Verarbeitung gesehener Wirklichkeit vorführt. In der Literatur geschieht dasselbe mit anderen Mitteln: in ständiger Auseinandersetzung mit dem spröden Medium Sprache, das aus allem Gesehenen erst einmal etwas Geschehenes machen muß, „beider Augen Blick“ in einen „Augenblick“ umwandeln muß, in eine Geschichte, die man erzählen kann.

Anita Pichler

BEIDER AUGEN BLICK

Neun Variationen
über das Sehen

image

Ungekürzte E-Book Ausgabe 2014

© 1995

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7397-4

Satz: Tau Type, Bad Sauerbrunn

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

INHALT

Das Andere

Das Herz

Das Feuer

Der Zufall

Die Landschaft

Die Farbe

Der Tod

Der Raum

Der Ort

DAS ANDERE

»Es ist weder gut noch schlecht, höre ich sagen, es ist einfach anders.« Ich sage diesen Satz und spreche von Landschaften und Bildern, von Menschen und Tieren, von Früchten, Farben und Empfindungen. Ich spreche von dem, was schweigt, weil ich seine Sprache nicht begreife. Ich spreche von meinen Empfindlichkeiten. Gut oder schlecht ist das Kürzel, es faßt das Bekannte, das Vertraute, das, was ich nennen kann, was ich orte und ordne, es faßt das Nicht-Andere. Es faßt das, womit ich das Andere ausgrenze, denn über das Andere kann ich nichts sagen. Ich kann es umgrenzen, indem ich das Bekannte benenne. Die Grenze des Anderen ist die Grenze von dem, was ich weiß. Das Andere ist das, was meinem Wissen einen Rahmen gibt. Vieles von dem, was ich weiß, habe ich gelesen oder gehört. Ich habe gelesen, daß es Götter gab auf der Erde, welche die Menschen aus Wassern und Felsen ins Leben riefen und wieder zurück in Flüsse und Stein; ich habe gelesen, daß es einen Gott gegeben hat, der die Menschen erschaffen, ihnen einen Teil seiner Zeit zugemessen und sie wieder zu sich gerufen hat; ich habe gehört, daß sich die Menschen von ihm lösten, daß sie versuchten, Ursache und Wirkung nach ihrem Maß zu ergründen, daß sie von den Müttern geboren wurden und starben; ich habe von sanften Theorien der Entwicklung gehört, von heftigen Theorien, vom großen Knall: Ich habe gehört, daß durch ihn die ganze sichtbare Welt aus dem Zusammenhang gestoßen wurde. Ich glaube nicht mehr. Ein Anderes hat sich meiner bemächtigt. Es ist keinem Gewicht unterworfen, es traut dem Ohr nicht, es kann den Blick nicht richten, es weicht jedem Vergleich aus, jedes Maß ist ihm gleich und gültig.

Das Andere und ich, wir wissen nichts voneinander. Wir sind uns kein Spiegel. Nur als Echo meine ich es wahrzunehmen, als Druck.