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Laher: Mozart Sohn sein

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Ludwig Laher

Wolfgang Amadeus junior:
Mozart Sohn sein

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Für L. und L.

HAYMON verlag
Innsbruck
www.haymonverlag.at

ISBN 978-3-7099-7698-2

Umschlag: Benno Peter unter Verwendung des 1825 von Karl Gottlieb
Schweickart geschaffenen Porträts von W.A. Mozart Sohn
Satz und Gestaltung: Haymon-Verlag

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AM GRABE MOZARTS, DES SOHNES.

So bist du endlich hingegangen,

Wohin der Geist dich ewig zog,

Und hältst den Großen dort umfangen,

Der adlergleich zur Sonne flog.

Daß keiner doch dein Wirken messe,

Der nicht der Sehnsucht Stachel kennt.

Du warst die trauernde Zypresse

An deines Vaters Monument.

Wovon so viele einzig leben,

Was Stolz und Wahn so gerne hört,

Des Vaters Name war es eben,

Was deiner Tatkraft Keim zerstört.

Begabt, um höher aufzuragen,

Hielt ein Gedanke deinen Flug;

„Was würde wohl mein Vater sagen?“

War, dich zu hemmen, schon genug.

Und war’s zu schaffen dir gelungen,

Was manchen andern hoch geehrt,

Du selbst verwarfst es, kaum gesungen,

Als nicht des Namens Mozart wert.

Nun öffnen sich dem guten Sohne

Des großen Vaters Arme weit,

Er gibt, der Kindestreu’ zum Lohne,

Ein Teilchen dir Unsterblichkeit.

Der Name, dir ein Schmerzgenosse,

Er wandelt sich von heut’ in Glück;

Tönt doch von Salzburgs Erzkolosse

Ein Echo auch für dich zurück.

Wenn dort die Menge sich versammelt,

Ehrfürchtig Schweigen alle bannt,

Wer dann den Namen Mozart stammelt,

Hat ja den deinen auch genannt.

Franz Grillparzer

Vorspiel

Nikolaus hätte ich heißen sollen, außer ich wäre ein Mädchen geworden.

Auf den sechsten Dezember war meine Geburt festgesetzt. Am siebten befielen meine Eltern Zweifel, ob dieser Name noch Sinn mache. Immerhin war ich noch immer nicht da. Am achten hofften sie auf ein Mädchen, am zehnten waren sie sich dessen sicher, gefühlsmäßig. Sie hatten ja keinen tauglichen Namen mehr für ein männliches Kind. Am elften war ich endlich soweit.

Jetzt hieß es handeln. Warum nennen wir ihn nicht doch Ludwig?, habe sie schließlich in ihrer Ratlosigkeit gemeint, erzählte mir meine Mutter später. Und mein Vater Ludwig strahlte, selbst hätte er sich nämlich nicht vorzuschlagen getraut, was ihm nun in den Schoß fiel, weil ich mich verspätet hatte: die erträumte Namensgleichheit.

Man kannte ihn. Er stand in der Öffentlichkeit. Mit seinen Orden spielte ich nach seinem Tod. Der kam früh und ich, ein Kind von sechs Jahren, war der Mann im Haus. Übernahm, kaum der Volksschule entwachsen, den Schriftverkehr mit Ämtern und Behörden, war mehr als nur der ältere Bruder für meine Schwester. Stand oft am Fuß des Grabes, auf dem auch mein Name stand. Steckte in den umgearbeiteten grauen und schwarzen Anzügen des Vaters. Wollte ich auch in seine Fußstapfen treten? Das fragte mich niemand außer ich.

Mein Freund hieß ebenfalls wie sein Vater. Der aber lebte noch damals. Seine Schulzeit hatte Franz im Stiftsinternat verbracht, und nun, zu Studienbeginn, steckte plötzlich ein geheimnisvolles H. zwischen Vor- und Nachname, nicht gedeckt durch den Taufschein. Die Nachfrage ergab, nichts anderes als das Wort Herrgott verstecke sich hinter dem Kürzel. Zwei Fliegen mit einer Klappe also, dachte ich und konnte Franz nur zu gut verstehen. Lange lebte auch sein Vater nicht mehr, und bald darauf verschwand auch das H. wieder.

Nur aus seiner Unterschrift ließ es sich nicht mehr tilgen.

Jedenfalls habe ich mein Mozartbuch niemals als
Biographie empfunden, denn die Absätze bezeichnen
weniger die Entwicklung des Themas als die verschiedenen
Sichten auf ein nicht erschöpfbares Phänomen
.

Wolfgang Hildesheimer

Vielleicht ist Wolfgang Amadeus Mozart auch noch nicht ganz tot, als sein Schüler am Abend gegen neun den vergilbten Körper mühselig aus dem Bett zerrt und vorsichtig auf den Fußboden legt. Viel steht auf dem Spiel für den jungen Mann. Trifft der Wundarzt oder gar jemand vom Hotelpersonal den verstorbenen Komponisten im Bett an, muß es bezahlt werden. Streng sind die Bräuche, und Ernst Pauer hat nicht genug Geld.

Ein paar Monate früher fühlt sich der großherzoglich badische Münzmeister bemüßigt, zur Ehre des Vaters eine Medaille zu schaffen. Für ihren Erhalt bedankt sich der Sohn artig. Darin hat er Routine, seit Jahren schon wendet er einen Gutteil seiner Zeit auf, Auskünfte über den Vater zu erteilen und sich für allerlei Biedermeiermozartramsch zu bedanken. Auf der Devotionalie prangt, wenig überraschend, Mozarts Porträt. Ueber die Aehnlichkeit, kann ich leider aus eigener Erfahrung nicht urtheilen, da ich bey meines Vaters Tode, noch nicht fünf Monate zählte, glaube aber nach den vorhandenen Kupferstichen, daß Sie dieselbe ganz richtig aufgefaßt haben.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, der Kleine sei gar kein echter Mozart. Musikhistoriker und Schriftsteller vergleichen akribisch die Daten der väterlichen Reisen mit dem Geburtsdatum des Sohnes, rechnen zurück und wollen sich nicht abfinden damit, daß ein Baby zuweilen auch schon nach achteinhalb Monaten da sein kann. Franz Xaver heißt das Kind zu allem Überfluß am Anfang, ein Dutzendname damals, aber ein solcher Franz Xaver geht bei Mozarts als Hausfreund aus und ein. Die umtriebigen Amateurkriminalisten sind Wolfgang und Konstanze dankbar für den Wink mit dem Zaunpfahl im Taufbuch.

Im böhmischen Karlovy Vary wird kurz vor 2000 der junge Mozart wieder einmal umgebettet. Er soll zurück, fast an die Stelle, wo er ursprünglich gelegen ist, in seinen Park. Diesmal sind neugierige Forscher mit von der Partie, um die günstige Gelegenheit beim Schopf zu packen. Es herrscht gespannte Erwartung, die Wissenschaftler sind auf echte Mozartknochen scharf. Ein allerletztes Mal soll der Sohn mit dem Vater verglichen werden, diesmal genetisch. Im fernen Salzburg liegt nämlich unter der Glasglocke seit urdenklichen Zeiten ein Schädel herum, von dem heißt es in Abständen, er sei der auf allen Mozartkugeln abgebildete. Computertomographische, forensische wie anatomische Untersuchungsreihen indes haben keinen wirklich stichhaltigen Beweis für seine Authentizität geliefert. Das schmerzt. Die österreichischen Forscher im ehemaligen Karlsbad klammern sich nun daran, daß sein Sohn tatsächlich sein Sohn ist. Und daß was übrig geblieben ist von ihm, freilich nur zum Zweck, den mutmaßlichen Vaterkopf endlich dingfest zu machen. Fehlanzeige. Ein paar Schaufeln Erde wandern symbolisch mit dem Grabmal an den neuen alten Ort, von Wolfgang junior selbst findet sich keine Spur mehr. Den ewigen Vergleichen dürfte er sich körperlich endgültig entzogen haben.

Der Vater, ein manischer Sprachspieler, nennt ihn Wowi, aber nicht oft. Vier Monate hat er noch zu leben nach der Geburt des Kindes, und die sind wie gewöhnlich ausgefüllt. Nach einer langen Durststrecke geht es endlich wieder aufwärts. Er arbeitet an der Zauberflöte, schließt sie noch im Sommer ab. Kaiser Leopold der Zweite wird in Prag zum böhmischen König gekrönt werden, Mozart komponiert dafür den Titus und soll ihn auch selbst dirigieren. Konstanze reist ihm nach und läßt den Säugling in Wien zurück, kommt heim, fährt sofort nach Baden zur Kur. Die Schulden sind zwar noch lange nicht getilgt, aber die Einnahmen scheinen vorläufig gesichert. Die Auftragsbücher sind voll, Mozart soll ein Requiem schreiben, vorher noch eine Kantate für seine Freimaurerbrüder. Die dirigiert er Mitte November noch in der Loge, dann fällt er die ersten Male um, und bald ist Mozart tot wie vier seiner sechs Kinder schon länger. Irgendwo in einer Wiege liegt in dieser zweiten Jahreshälfte 1791 das neue Baby, eine Nebensache ist es, den Eltern kaum eine Erwähnung wert. Der Spitzname Wowi wird ihm bleiben, als eines von ganz wenigen persönlichen Andenken an den Vater.

Franz Xaver verliert seinen wirklichen Namen schon früh für, sagen wir, knapp zweihundert Jahre. Der Mutter genügt es nicht, daß der Zweijährige Mozart heißt, sie läßt ihn kurzerhand offiziell umtaufen. Ab jetzt ist er Wolfgang Amadeus, und Komponist wird er werden, beschließt sie, Wunderkind zunächst einmal, Humankapital, Einnahmequelle. Das Kind kränkelt und folgt brav, steht, fünf ist es jetzt, auf einem Tisch inmitten der Musiker und piepst herzig Papagenos Auftrittslied, behauptet tapfer, ein Vogelfänger zu sein, schließt aktuelle Gelegenheitsstrophen an, die ihm eingetrichtert wurden. Was es da trällert, kann es noch nicht verstehen. Die Prager, die den großen Mozart bis zur Schwärmerei verehrten, wurden durch das Lallen des Kindes von wehmütigem Entzücken ergriffen und der Kleine brachte damals eine Wirkung auf seine Zuhörerschaft hervor, wie es ihm in der Folge vielleicht nie mehr gelungen. War diese Produktion wohl nur eine Schaustellung, so zeigte sie doch immerhin die Begabung des Kindes, die sich in einem richtigen musikalischen Gehör und einem guten Gedächtnis offenbarte. Für ein Jahr parkt Konstanze auch den kleinen Wolfgang in Prag, wo sein älterer Bruder seit langem bei Bekannten aufwächst, während die Mutter meist auf Reisen ist und ihren Geschäften nachgeht.

Der junge Mozart ist nicht mehr wirklich jung, als er auf Lord Byrons 1811 in Athen verfaßtes Gedicht Erinnerung stößt und es vertont. Das ist wohl zu einer Zeit, als er längst darauf verzichtet, ein Lebenswerk schaffen zu wollen, das Erwartungen, gar Forderungen entspricht, als er sich längst nicht mehr ernsthaft abmüht, seine Arbeiten publiziert zu wissen, zu einer Zeit ohne Opuszahlen und Aufführungsnachweise. Wenn er jetzt überhaupt noch etwas komponiert, dann oft ohne Rücksichten auf andere als sich selbst und so selten wie nötig. Der langsam in die Jahre gekommene junge Mozart, zeitlebens ein Mann von schwächlicher Statur, wird sich beim Lesen des Textes erinnert haben, wie er, drei Jahre jünger als der britische Dichter, als Kind vorgeführt, bloßgestellt, dann wieder achtlos zur Seite geschoben wurde, welch immenser Druck auf ihm lastete, was er alles nicht spüren dürfen sollte, wie anfällig er war für jegliche Krankheit. Er wird sich erinnert haben, wie er, je länger er lebte, desto unentrinnbarer sich im unsichtbaren Netz verfing, das die Mutter vorgeblich im Namen des Vaters über ihn geworfen hatte, bis ihm die Luft zum freien Atmen ausging. Bilden wir uns Mozarts Vater als Adressaten von Byrons wehmütigen Zeilen ein, dann wird dieses Lied zum ebenso kurzen wie präzisen Dokument einer letztlich ausweglosen Beziehung zwischen lebendem Sohn und totem Übervater: Du Gegenstand bekämpfter Schmerzen, / Dich, und die Liebe nahm man mir / Doch die Verzweiflung tief im Herzen / Zu mildern, blieb dein Bildniss hier // In meinem Herzen fand ich nimmer / Dass Trauer ende mit der Zeit, / Als mir die Hoffnung schwand auf immer, / Ward die Erinn’rung Ewigkeit.

Mit sieben trägt der Kleine, wenn er halbwegs gesund ist, in Gesellschaft Vaters Klaviersonaten vor. In den besseren Kreisen Wiens muß man Konstanze und ihren Wolfgang eingeladen haben, das befriedigt die Neugierde und gehört zum guten Ton. Schließlich, so heißt es offiziell zur Begründung, und das Kind wird sich diese seltsame Annäherung an seine künstlerische Existenz bis ans Lebensende ohne Unterlaß anhören müssen, schließlich ehre man in der Gestalt des Sohnes den verblichenen Vater. Als zurückhaltend, sanft, ruhig wird der Knabe von Zeitgenossen beschrieben: in sich gekehrt. Er weiß sich zu benehmen, kindliche Umtriebigkeit hingegen macht ihm ordentlich Angst, er hält sich lieber unter Erwachsenen auf, dort kennt er sich wenigstens aus, auch wenn er sich meist zu Tode langweilt. Außerdem läßt die Mutter nicht jeden an ihn ran, der dem jungen Mozart sympathisch ist, mit dem er sich gar aussprechen könnte, Strategien entwickeln gegen das imaginäre Gefängnis, als er alt genug dafür wird. Mit fünfzehn noch muß er Verbündete gewinnen, an die seine Privatpost adressiert werden soll. Die Mutter gestattet ihm nicht, Briefe von Leuten zu empfangen, die ihr ein Dorn im Auge sind.

Das Doppelporträt der beiden Kinder. Sechs, sieben sei er damals gewesen, erklärt der junge Mozart Jahrzehnte später den Gästen das Bild in Konstanzes Salzburger Wohnung. Eng umschlungen, die Köpfe einander zugeneigt, vermitteln Karl und Wowi den Eindruck brüderlicher Vertrautheit und Nähe. In Wahrheit beschränkt sich ihr bewußt gemeinsam mit der Mutter verbrachtes Familienleben auf wenige Monate. Der ältere Karl blickt sinnend ins Leere, Wolfgang in der himmelblauen Kindergarderobe schaut nachdenklich direkt den Betrachter an. Mit diesem Ölgemälde läßt sich, je nach Standpunkt, vieles belegen, es zeigt fast jedem, was er sehen will: dem einen die rührende Familienidylle im Hause der jungen Witwe, dem anderen die bedrückende Melancholie Nachgeborener. Nur Wolfgang Hildesheimer wird herb enttäuscht, ganz Detektiv, sucht er im Gesicht des kleinen Wowi physiognomische Merkmale Franz Xaver Süßmayrs und findet sie nicht. Heute hängt das Bild mit den bekannten Mozartporträts, vor allem jenem unvollendeten, von Konstanze am meisten geschätzten, das Schwager Lange gemalt hat, im Museum in Mozarts Geburtshaus. Szene im Souvenirshop: Die allgemein gehaltene Frage, ob sich hier auch etwas erwerben ließe, das mit Franz Xaver, dem jüngsten Sohn Mozarts zu tun habe, wird bejaht. Man habe eine Postkarte mit dem beliebten Doppelporträt der beiden Kinder anzubieten, da drüben irgendwo zwischen den anderen Karten mit Mozartbildern. Gibt es auch eine Reproduktion jenes Gemäldes, das im dritten Stock des Museums schräg gegenüber dem Kinderbild hängt und den jungen Mozart im Alter von vierunddreißig Jahren zeigt? Nein, gibt es nicht. Platteneinspielungen? Nein, nur von Mozart selbst. Aber die zwei Kinder, die werden wirklich gern gekauft.

Als Zwölf-, Dreizehnjähriger spielt er längst auch Eigenes vor erlesenem Publikum. Girolamo Crescentini, der letzte große Kastrat, will wie die meisten Zuhörer zunächst gar nicht glauben, daß vor allem die langsamen, intimen Sätze tatsächlich von dem Kind stammen sollen, das da vor ihm am Fortepiano sitzt. Dem ehrgeizigen Klavierbauer Streicher, einem der zweifelhaften Mentoren des Knaben Wolfgang, genügt diese so beeindruckende öffentliche Probe der Fertigkeiten seines Schützlings allerdings noch lange nicht. Nach dem Konzert forderte er den jungen Mozart auf zu extemporieren, damit die Zuhörer eine Vorstellung von seinem Talent hätten. Mozart versicherte, daß er das nicht könnte und brach sogar in Tränen aus, aber Streicher, der seine Begabung besser kannte als er selbst, bestand darauf daß er sich bemühe und gab ihm als Thema das schöne Menuett seines Vaters aus „Don Giovanni“.

•    Der Knabe setzte sich endlich an das Klavier und blies die Lichter aus, um zu zeigen, daß er keine Notizen hatte, die ihm hätten helfen können, und improvisierte zur Verwunderung und zum Entzücken aller Anwesenden die meisterhaftesten und bezauberndsten Variationen auf das Thema, das ihm so unerwarteterweise vorgelegt worden war So liest es sich jedenfalls in den peniblen, wohl seriösen Aufzeichnungen eines englischen Mozartenthusiasten, der fünfundzwanzig Jahre nach dem Ereignis mit Streicher darüber spricht und auch mit dem jungen Mozart selbst bekannt ist.

Erinnerung, 1829 in der Beilage zur Wiener Zeitschrift veröffentlicht, sei eine seiner tiefgefühltesten, in ihrer Schlichtheit und Größe des Vaters würdige Komposition, heißt es mehr als fünfzig Jahre nach des jungen Mozart Tod in einem der äußerst seltenen Zeitschriftenartikel über ihn. Zwei Unglückliche, Byron und er, seien sich in diesem Werk in die Arme gefallen, um miteinander zu weinen, der Dichter im Verzweiflungsrausch des verschmachtenden Himmelsstürmers, der Musiker als vom Strahlenglanz der Vatergröße verlöschtes Künstlerherz. Diese Deutung hat trotz allem zeitbedingten Pathos manches für sich. Im englischen Original steht übrigens nicht Erinnerung über den beiden kurzen Strophen, sondern zutreffender: Zeilen, unter einem Bildnis geschrieben. Und so ist es auch, das perfekte, das unverrückbare Bild des Vaters sitzt, da nützt alles Schmerzbekämpfen nichts, schon dem Jüngling im Nacken, es krallt sich fest und geht ewig nicht weg.

Wer aber war der Vater hinter dem Bild? Was will die Mutter wirklich? Heißt ihm nachstreben ausschließlich möglichst viel Einmaliges komponieren, ein bedeutender Pianist werden? Gut, aber der Mensch, der sein Vater war, er muß wohl mehr gewesen sein als das. Heißt es so erfolgreich werden wie er? Er hat immerhin nur Schulden hinterlassen. Gar seiner Persönlichkeit so ähnlich werden, wie’s nur irgend geht? Wie war die denn, zum Teufel? Konstanze konnte offensichtlich lange schon nichts mehr anfangen mit ihrem Mann im Alltag, man ging zumeist getrennte Wege. Er muß schwierig, extravagant gewesen sein, unberechenbar, kaum auszuloten, beredt nur in der Ablenkung und vielsagend nur in seinem Werk, das er durchweg von anderen Dingen sprechen läßt als von seinem Schöpfer. Als großen Schweiger hinter den Wort- und Notenschwällen sieht Wolfgang Hildesheimer ihn heute, mit Recht wohl, was aber erzählen sie Wowi, getraut er sich denn überhaupt, Fragen zu stellen? Soll er eine synthetische Legende werden, einer, wie die Mutter den Vater gern gehabt hätte?

Andreas Streicher zerbricht sich im Jahr der Publikation des Byron-Liedes den Kopf über Wolfgangs Ausscheren, seine Verweigerung nach glänzendem Beginn. Streicher nennt es Untätigkeit und Trägheit. Ungeniert geriert sich der renommierte Klavierfabrikant dabei als pränataler Psychologe und macht natürliche Ursachen für die im Sande verlaufene Karriere verantwortlich. Schon vor der Schwangerschaft sei Konstanze bekanntlich indisponiert gewesen, ihr Zustand habe sich danach nicht wesentlich gebessert, und unter denselben Umständen von Schwäche und Krankheit sei sie schließlich niedergekommen. Daß auch nachher etwas falsch gelaufen sein könnte, räumt Streicher nur indirekt ein, wenn er im Rückblick meint, trotz seiner vollkommenen Begabung hätte man den jungen Mozart besser zum Landwirt erziehen sollen.

Lange haben sie einander nicht gesehen, da begegnet Wolfgang Amadeus Mozart Sohn, ein Endzwanziger ist er mittlerweile, Konstanze im fernen Kopenhagen wieder. Dort hat sie sich mit ihrem zweiten Mann niedergelassen, dem ehemaligen dänischen Legationsrat in Wien Georg Nikolaus Nissen. Ihre unerwartete Zuneigung tut Wolfgang gut, sie scheint endlich eingesehen zu haben, daß es nichts werden wird mit der idealisierten Kopie des Vaters. Alles vergangne ist vergessen, bildet er sich für den Moment ein, sie ist mir eine liebende, zärtliche Mutter geworden, was sie wohl immer war, mir aber nicht zeigen wollte. Eine merkwürdige Formulierung ist das. Rückt hier jemand aus Harmoniebedürfnis sein schwer beschädigtes Bild von der Mutter zurecht? Warum sollte Konstanze keine liebende, keine zärtliche Mutter gewesen sein wollen, wenn sie es innerlich doch war? Wäre dann aus dem geplanten Wunderkind Wolfgang Amadeus Sohn nur ein gewöhnliches Kind geworden mit Namen Franz Xaver, Beamter vielleicht der k.k. Staatlichen Lombardischen Buchhaltung in Mailand wie der Bruder Karl? Ein glücklicherer Mensch?

Wolfgang das Kind hat keine realistische Chance. In seinem Stammbuch wird es von unzähligen Wohlmeinenden abgemahnt, die Unsterblichkeit des Vaters dadurch zu beweisen, daß er in ihm fortlebe. Gott möge ihm den Geist des Vaters verleihen, meint der eine Unterfertigte, und der andere empfiehlt nachdrücklich, das Kind möge doch seinem künstlerischen Werden gefälligst selbst den Geist des Vaters einhauchen. Die passende Zauberformel dazu verrät ihm freilich niemand. Seine Mutter hält vom Hauchen jedenfalls wenig, sie steckt den Rahmen überdeutlich ab und stellt dem Zehnjährigen zu den Geistern gleich auch die Rute ins Stammbuch: Ein Kind das seine Eltern kränkt, / Das wider sie auf Böses denkt, / das nicht der Eltern Segen sucht / Wird öffentlich von Gott verflucht / Erschrecklich wird sein Ende seyn / Es rennt in Schmach und Qual hinein. / Dies zur Wahrnung meines lieben Wowis von seyner ihn zährtlich liebent Mutter. Wolfgang das Kind hat keine realistische Chance.

Der Kleine besitzt Talent, ziemlich viel Talent sogar, darin sind sich die Förderer einig. Aber ist ziemlich viel genug im Vergleich zum Talent des Vaters, wird er durchgehen als Reinkarnation? Frühe Kompositionen für den Hausgebrauch entstehen, ein Rondo ist als Handschrift erhalten. Das Kind ist erst elf, als sein Quartett für Klavier und Streicher als Opus eins bei Steiner in Wien gestochen wird. Ein erstaunliches Debüt. Die pianistischen Fähigkeiten des Knaben stehen von Anfang an außer Frage, aber hat nicht auch der Vater ein g-Moll-Quartett geschaffen, und wer würde die Ähnlichkeit zwischen beiden verkennen wollen? Das liebste Spiel der Rezensenten beginnt schon früh. Alle werden sie vergleichen, bis es Mozart schließlich reicht, alle werden sie zwar sagen, aber auch aber.

Das ist der wesentliche Unterschied zum Vater, von der Begabung, wer will sie exakt messen, einmal abgesehen. Leopold Mozart kannte keinen Pardon, jedes Jahr legte er dem kleinen Wolfgangerl die Latte ein paar Zentimeter höher, und der sprang, da blieb einem der Mund offen. Aber bald schon spürte, wußte der Kleine im Gegensatz zur Schwester, sein Vater war von ihm letztlich mindestens so abhängig wie umgekehrt. Das profitorientierte Unternehmen Mozart und Sohn stand und fiel mit seinem Genie. Und kein Zuhörer, kein Berichterstatter kam auf die Schnapsidee, unermüdlich künstlerische Vergleiche zwischen Vater und Sohn ziehen zu wollen. Im Gegenteil: Leopold hörte fast ganz auf zu komponieren und wurde Manager der Kinder. Unersetzlich zunächst, erwies er sich mehr und mehr entbehrlich mit der Zeit. Dafür aber hatte er kein Sensorium, er mischte sich weiter ein, wurde zum Ärgernis für den Sohn. Die Waage hatte sich geneigt, und eines Tages, da mochte der Vater noch so dominant sein, war er weg vom Fenster. Nicht zu vergessen, als Leopold Mozart starb, war er wirklich tot, der Sohn erwähnte ihn nach Regelung der Erbschaft in seinen Briefen nie mehr. Das ist, zugegeben, eine spannende Geschichte, und viele haben bis zum heutigen Tag etwas gesagt dazu, Kluges und weniger Kluges geschrieben, das Verhältnis der beiden zueinander analysiert, Psychogramme gezeichnet, soweit das für Menschen des achtzehnten Jahrhunderts möglich ist. Für den neuen jungen Mozart dagegen bleibt der Vater ein ungreifbarer Verbündeter, ein schemenhafter Gegner, ein gemaltes Bild an der Wand. Da kann er sich noch so schwer machen, so gewichtig auftreten, die Waage läßt sich nichts anmerken. Dieser Vater ist sakrosankt, er zuckt nicht einmal mit der Wimper, wie Leopold es oft tat in seinen späten Jahren, wenn er sich nichts anmerken lassen wollte. Gegen diesen Vater kann man sich beim besten Willen nicht durchsetzen, und man bringt ihn auch nicht weg.

Mit knapp dreißig, auf dem kurzen Höhepunkt seiner Karriere, gastiert Wolfgang Amadeus Mozart junior in halb Europa. Wenn er nicht auf Achse ist oder selbst spielt, verbringt er die meisten Abende in Theater und Konzert, folgt er zahlreichen Einladungen der besseren Gesellschaft. Zu Besuch bei Abraham Mendelssohn in Berlin, dem Sohn des populären Aufklärers Moses, gelangt seine Sonate op. 19 für Klavier und Violoncello im Salon zur Aufführung. Im Anschluß daran wird Mozart Zeuge, wie das elfjährige Kind des Hausherren, Felix heißt es, selbst in die Tasten greift: Auch der kleine Mendelsohn gab uns eine sehr schwere Sonate, seines Lehrers H Berger, zum Besten; und ich muß gestehn, daß es Schade wäre, wenn dieser Knabe, durch übertriebenes Lob verdorben würde. Er hat ausserordentliches Talent. Diese Worte notiert der beeindruckte Gast noch selbigen Tages vor dem Schlafengehen ins Tagebuch, und er weiß aus eigener Erfahrung nur zu genau, wovon er schreibt. Vom Hausherrn ist übrigens der bezeichnende Satz überliefert: Erst war ich der Sohn meines Vaters, nun bin ich der Vater meines Sohnes.

Wir waren alle einmal elf. Was haben wir gedacht damals, was tat uns weh, wonach stand uns der Sinn? Und wie gaben wir dem Ausdruck, was da war in uns? Wir waren keine Wunderkinder, aber dieses Wort will ohnehin nicht bezeichnen, daß da wer als Kind schon eine meisterliche Form gefunden hat, einen bestechenden Ausdruck für das, was vorgeht in ihm, in ihr, was er, was sie einzubringen hat als Vorschläge so früh im Leben. Wunderkinder waren die Heintjes, haben wir gelernt, Goldkehlchen im doppelten Wortsinn, die alle schrecklichen, alle abgründigen Projektionen der infantil schweigenden Erwachsenenmehrheit tapfer mit sich herumschleppten, als Wort- und Klangmüll in Wunschkonzertendlosschleifen ausspuckten und nicht erwachsen werden durften, denn scheiden, scheiden tut so weh, Mama. Was hören wir also, wenn wir Mozarts sechste Sinfonie, KV 43, oder seines Sohnes Quartett, op. 1, hören? Eine Familie namens Mozart heißt die CD, auf der Kompositionen, die Leopold und Wolfgang als Erwachsene schufen, das Werk des elfjährigen Juniors beigefügt ist, Einfälle eines Kindes sind das. Nicht der leiseste Hinweis auf diesen Umstand findet sich in der Beilage zur Schallplatte. Hören wir es sofort? Was ist uns diese Musik? Unausgegoren? Virtuosität ohne Tiefgang? Hören wir die heraus, die Pate standen? Und wenn, was heißt das? Oder sind wir erstaunt, daß einer mit elf uns ansatzlos ein Adagio auftischt, das so dunkel daherkommt, so ernst, ein paar sphärische Takte enthält, die Schubert vorwegzunehmen scheinen? Schreckt es uns? Sind solche Kinder heute noch denkbar? Sind solche Kinder noch Kinder? Finden wir Ergötzen an ihrem Mißbrauch?

Die Legende Joseph Haydn wird dreiundsiebzig. Konstanze begreift so etwas als Chance. Mit innigstem Danke für die Willfährigkeit großmüthiger Gönner gebe ich mir die Ehre, dem verehrungswürdigen Publicum anzukündigen, daß mein 13jähriger Sohn, Wolfgang Gottlieb Mozart, am 8. April eine musicalische Academie halten wird. Er versuchte zu diesem Ende seine Kräfte an der Composition einer Cantate auf den 73sten Geburtstag des Herrn Capellmeisters Joseph Haydn, überzeugt, daß er seine Laufbahn nicht würdiger als mit der einem so großen Muster schuldigen Huldigung eröffnen könnte. Möchten nachsichtsvolle Kenner in den Bemühungen des Sohnes einige Spuren des väterlichen Talents entdecken! Stäts soll es mein eifrigstes Bestreben bleiben, den Namen Mozarts in seinen Nachkommen in ehrenvollem Andenken zu erhalten