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Heinz Noflatscher

JÜDISCHES LEBEN IN TIROL IM 16. UND 17. JAHRHUNDERT

HAYMONverlag

 

 

Herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler KULTURinstitut.

Die Arbeit am Projekt wurde gefördert von der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg.

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www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7340-0

Buchgestaltung und Satz: Karin Berner nach Entwürfen von Stefan Rasberger.

Inhalt

Vorwort - Vom jüdischen Leben im historischen Tirol 1300–1805

Einführung

Methodisches und Quellenlage

Zwischen Duldung und Vertreibung: Siedlungswandel

Räumliche Orientierung, Vernetzungen und Mobilität

Politisches Klima und rechtliche Lage

Lebenserwerb: Einstellungen und berufliche Struktur

Gemeindebildung und religiöses Leben

Alltag und Stigmatisierung

Andreas von Rinn

Anmerkungen

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Autor

Vom jüdischen Leben

im historischen Tirol 1300–1805

Thomas Albrich

Seit über 700 Jahren leben Jüdinnen und Juden in Alttirol, das historisch das heutige Trentino, Südtirol, Nord- und Osttirol umfasste und seit den 1780er Jahren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs sowie zwischen 1938 und 1945 auch Vorarlberg inkludierte. Die vor 1803 noch unabhängigen Bistümer Brixen und Trient werden im vorliegenden ersten Band natürlich mitbehandelt. Geografisch umfasst der in den drei Bänden be- handelte Raum daher (fast) immer den Raum der heutigen österreichischen Bundesländer Tirol und Vorarlberg sowie die italienische Region Trentino-Südtirol. Der erste Band behandelt die Anfänge einer jüdischen Existenz in Tirol von ca. 1300 bis 1805, als ganz Tirol und Vorarlberg zum Königreich Bayern kamen.

Die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Tirol und Vorarlberg war von den Anfängen bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts gekennzeichnet durch Ansiedlungsbeschränkungen, Verbote und Vertreibungen. Jüdische Gemeinden konnten sich bis ins 17. Jahrhundert nicht etablieren, es gab nur Ansiedlungen einzelner tolerierter jüdischer Familien in Bozen, Trient und Innsbruck. Während sich in Tirol an dieser Grundsituation bis zum Abschluss der staatsbürgerlichen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung durch die Staatsgrundgesetze von 1867 nichts änderte, gewährte Graf Kaspar von Hohenems im Jahre 1617 die Ansiedlung einer jüdischen Gemeinde in Hohenems, die mit einer kurzen Unterbrechung – der Vertreibung ins benachbarte Sulz im 18. Jahrhundert – bis zur Zerstörung 1940 dort existierte.

Während die Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts mittlerweile aufgrund unserer Forschungen und Publikationen der vergangenen Jahre zumindest biografisch gut aufgearbeitet wurde1, fehlt für die Jahrhunderte zwischen 1300 und 1800 noch eine ausführliche Darstellung für Tirol.2 Diese Lücke wird im vorliegenden Band weitgehend geschlossen.

Wer waren die Jüdinnen und Juden, die vor 1805 in Alttirol lebten? Im Mittelalter treten Juden erstmals um 1300 in den Tiroler Quellen auf: Isaak von Lienz ist zu dieser Zeit der wichtigste Geldgeber im Ostalpenraum. Zusammen mit den anderen damals im Tiroler Raum ansässigen Juden dürfte er aus der Friauler Gegend zugezogen sein. Die Nachrichten über diese erste Phase jüdischen Lebens in Alttirol enden jedoch schon um 1330. In der Folge ließen sich bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts einige aus dem Norden zugewanderte Juden in Tirol nieder, darunter der in Innsbruck wohnhafte Salomon, der bis 1347 belegt ist. Ob es auch in Tirol anlässlich der großen Pestepidemie des Jahres 1348 zu Verfolgungen kam, wie dies für viele Städte des römisch-deutschen Reiches belegt ist, lässt sich den spärlichen regionalen Quellen nicht entnehmen. Eine dritte, im ausgehenden 14. Jahrhundert einsetzende Phase jüdischer Präsenz in Tirol ist durch eine markante Vermehrung der Siedlungsorte gekennzeichnet. Jüdische Bewohner finden sich nunmehr in Lienz, Innsbruck, Hall, Mils, Brixen, Glurns, Meran, Bozen, Kaltern sowie in Trient und in einigen anderen Gemeinden des Trienter Hochstifts. Noch in diesem Jahrhundert fand aber die jüdische Ansiedlung an den meisten dieser Orte schon wieder ein Ende. Ritualmordprozesse führten zur Vernichtung der Judengemeinden in Lienz und in Trient, und der Trienter Prozess des Jahres 1475 dürfte den Tiroler Landesfürsten zur Ausweisung aller Tiroler Juden veranlasst haben. Auch nach der Rückkehr bzw. dem Zuzug neuer jüdischer Familien nach Tirol lebten bis 1867 keine Jüdinnen und Juden mehr in Trient.

Kurz nach 1500 tauchen vereinzelt wieder jüdische Familien in Bozen und wenig später auch in Innsbruck auf. Wichtig sind im Laufe des Jahrhunderts vor allem die Bassevi im südlichen Landesteil oder die May, die bis nach 1700 Hofjuden und Hoffaktoren in Innsbruck waren. Im 16. und 17. Jahrhundert lebten immer einige wenige jüdische Familien in Tirol, die aber keine Gemeinde bilden konnten. Einschneidend für die antijüdische und später antisemitische Zukunft vor allem in Nordtirol waren die Aktivitäten und Veröffentlichungen von Hippolyt Guarinoni, der seit etwa 1620 den bislang sehr lokalen Kult um Andreas von Rinn im Inntal und auch landesweit bewarb. Hundert Jahre später wurde auch die Legende um Ursula Pöck in Lienz neu belebt und 1744 der Tod des Franz Thomas Locherer in Montiggel bei Eppan zu einer neuen Ritualmordlegende gemacht.

Anders die Lage in Vorarlberg, wo die jüdische Gemeinde in Hohen-ems immer größer wurde. Um 1750 lebten die Uffenheimer in Innsbruck und Hohenems als Hoffaktoren und Großhändler und waren auch auf den Märkten in Bozen anzutreffen. Ab den 1780er Jahren treffen wir neben den Uffenheimern auf die Familien Weil, Dannhauser und Bernheimer in Innsbruck sowie die Familien Hendle und Gerson in Bozen.

In der bayerischen Zeit zwischen 1806 und 1814 begegnen wir einer relativ geschlossenen jüdischen Gemeinde in Innsbruck, die durch die Ereignisse des Jahres 1809 schwer geschädigt wurde. Wir wissen, wer danach in Innsbruck lebte und blieb, wer wegzog und wer zuzog. Im restlichen Land gab es nur noch die Nachkommen des Markus Gerson in Bozen, aber noch immer keine Juden in Meran oder im Trentino.

Mit der Rückkehr Tirols und Vorarlbergs zu Österreich im Sommer 1814 begann eine neue Zeit. Im Vormärz bestimmten neue Männer wie Martin Steiner und David Friedmann das jüdische Leben in Nordtirol, und die Familie Schwarz und die Brüder Biedermann etablierten sich in Südtirol. Mit der rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung durch die Staatsgrundgesetze 1867 bot sich nun auch die Möglichkeit der freien Zuwanderung und Niederlassung in Tirol und Vorarlberg. Während die jüdische Bevölkerung Vorarlbergs zwischen 1857 und 1910, hauptsächlich durch Abwanderung in die Schweiz, aber auch in weiter entfernte Länder, von 515 auf 126 abnahm, erfolgte im gleichen Zeitraum in der ganzen Region Tirol durch Zuwanderung vor allem aus den östlichen Teilen der Monarchie, meist über einen Zwischenstopp in Wien, eine Zunahme von 33 auf 1750! Handelte es sich in Hohenems um eine in drei Jahrhunderten gewachsene Gemeinde, so war Tirol eine neue, junge Gemeinde. Diese Konstellation hatte zur Folge, dass die gesamte zugewanderte jüdische Bevölkerung Tirols nördlich und südlich des Brenners im Jahre 1938 theoretisch noch am Leben war und Opfer der NS-Verfolgung wurde. Immerhin starb Bertha Dannhauser, das älteste Mitglied der Innsbrucker jüdischen Gemeinde, erst im Alter von knapp 100 Jahren im Februar 1940. Sie gehörte noch zur „Urgemeinde“ der 33 im Jahre 1857 gezählten Jüdinnen und Juden Tirols. Die Zeit nach der Shoa war für die wenigen Überlebenden der NS-Lager und die Rückkehrer aus der Emigration viele Jahre lang schwer. Erst in den letzten zehn Jahren kann von einer Normalisierung die Rede sein.

Zum Abschluss möchte ich meinen beiden Mitautoren Klaus Brand-stätter und Heinz Noflatscher danken, die äußerst kompetent gearbeitet haben, auch wenn das ganze Unternehmen etwas länger gedauert hat, als ursprünglich geplant war. Ein besonderer Dank gilt Niko Hofinger, der die Bebilderung der drei Bände souverän durchführte. Weiters möchte ich Roland Sila und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum danken, die uns wie immer vor allem die umfangreichen Bildrecherchen sehr erleichtert haben. Zum Abschluss ein Dank an Verlagsleiter Markus Hatzer vom Haymon Verlag für die Geduld mit dem Projekt, Georg Hasibeder und Anna Stock für die kompetente Betreuung. Nicht zuletzt sei Esther Fritsch, der Präsidentin der IKG Innsbruck für Tirol und Vorarlberg, für ihre jahrelange Unterstützung gedankt, ebenso dem Österreichischen Nationalfonds sowie den zahlreichen teils großzügigen Geldgebern der öffentlichen Hand in Tirol, Südtirol, dem Trentino und in Vorarlberg, die das vorliegende dreibändige Buchprojekt erst möglich gemacht haben.

Innsbruck, im Oktober 2012

 

 

 

Einführung

Die Gesellschaften Europas waren im 16. und 17. Jahrhundert zunächst von religiösen Kräften wie der Reformation und später von Konfessionalisierung geprägt. Doch gab es bekanntlich auch säkulare Bewegungen und Prozesse, wie Humanismus und Renaissance, erste Globalisierung, den Wandel der Wahrnehmung. Sie förderten ein neues Verständnis von Wissenschaft und eröffneten ihr zahlreiche neue Fragestellungen. Ebenso verdichtete sich die politische und sonstige Kommunikation beträchtlich, wenngleich die Staatenbildung mit ihrem protonationalen Nährboden mehr Grenzen als Gemeinsames schuf; Umwelten begannen sich bis in kleine gesellschaftliche Verästelungen zu verändern. Immerhin öffnete sich allmählich auch das Rechtsverständnis hin zu mehr Pluralität, ließen die Rezeption antiken Rechts sowie Tendenzen zur öffentlichen Differenzierung auch Konflikte verrechtlichen. Im günstigen Fall wurden Untertanen patriarchalisch regiert, wobei auch frühe merkantilistische Initiativen in diese Richtung gehen konnten. Es lag daher nahe, die genannten Veränderungen in die Darstellung mit einzubeziehen, den vorgegebenen Untersuchungsraum Tirol daraufhin gleichsam umzubrechen; zu fragen, inwieweit eine dort lebende Minorität und Randgruppe davon mehr bevorzugt oder benachteiligt war. Somit werden sich größere Kapitel mit dem regionalen Wandel des politischen Klimas und der rechtlichen Situation, aber auch mit Bedingungen des Lebenserwerbs der Juden befassen. Gerade in einer räumlich stark begrenzten Geschichte ist es wichtig und aufschlussreich, etwas mehr über die örtlichen Niederlassungen und deren Qualität zu erfahren. Zugleich wird ein Versuch unternommen, die innere Geschichte der Minderheit zu durchleuchten: Wegen der schwierigen Quellen- und Literaturlage kann es sich vorerst leider nur um Aspekte handeln. Am regionalen Beispiel sind nicht zuletzt in dieser Epoche Formen der Ab- und Ausgrenzung sowie, damit verbunden, der alltäglichen Kontakte zwischen Juden und Christen darzustellen. Hierzu zählt auch der Fall des Andreas von Rinn, der nach 1620 neue Brisanz erhielt.

 

 

 

Methodisches und Quellenlage

Für die Definition des Untersuchungsraums Tirol sollen zunächst zeitgenössische Kriterien, also vor allem territoriale Landeshoheiten und Grenzen gelten. Sie werden freilich offener verstanden, da sie wechselten, im vorliegenden Fall zwar nur mehr geringfügig, und da sich (auch) viele historische Phänomene nicht in politische Strukturen eingliedern lassen. Zudem waren vorwiegend Juden zu geographischer Mobilität gezwungen. Insofern erscheint „Region“ im weiteren Sinn, sozusagen als gesellschaftlich verdichtete „Gegend“, hier als ein angemessener Leitbegriff.

Im Mittelpunkt steht die Herrschaft der Grafen von Tirol. Sie vermochte sich im Mittelalter südlich und nördlich des Alpenhauptkammes an der Etsch und am Inn teils gegen jene der Bischöfe von Trient und Brixen auszubilden. Zwischen ihnen und der Grafschaft bestanden seit dem 15. Jahrhundert besondere staatsrechtliche Beziehungen, und seit dem Landlibell von 1511 waren sie verstärkt und langfristig eingebunden, jedoch nur im Defensionswesen. Freilich vermochten sich die beiden Hochstifte in der Frühen Neuzeit, wie auf den Reichstagen, ihre nun reichsunmittelbar genannte Stellung zu erhalten. Die enge Nachbarschaft führte zu vielen rechtlichen Disputen und Konflikten, obwohl ein assoziatives Verhältnis letztlich anerkannt war oder werden musste.

Somit bildeten, aus der Sicht urbaner Zentren, vorwiegend die Städte Innsbruck, Brixen, Bozen, Trient und Rovereto die teils neuen politischen und ökonomischen Kristallisationspunkte der Region. In ihnen oder an ihren Peripherien vermochten sich Juden im weitesten Sinn zu etablieren. Der Schwerpunkt auf der Tiroler Grafschaft bedeutet aber, dass wir auf die Niederlassungen von Juden im Hochstift Trient, vorwiegend in Riva1, nicht in gleichem Maße eingehen können. Dennoch bestanden zwischen den jüdischen Familien im Gebiet Bozen, Trient, Borgo Valsugana und Rovereto engere Kontakte, sodass die jüdischen Haushalte im Trienter Gebiet auf diesem Wege mit einbezogen sind. Im Hochstift Brixen wohnten in der Frühen Neuzeit keine Juden mehr, sie hatten dort aber teils beschränkte Handelsrechte inne. Im Wesentlichen handelt es sich auch und gerade im 16. und 17. Jahrhundert um die Gebiete des heutigen Bundeslandes Tirol und der Provinzen Südtirol und Trentino, sodass sich das Konzept des Beitrages von Klaus Brandstätter zum Mittelalter gut fortführen lässt.

Da in den Jahrzehnten zwischen 1476 und 1509 in Tirol keine Juden mehr lebten, bildet dieser Einschnitt eine sinnvolle untere Grenze. Als obere Zäsur bot sich das Ende des 17. Jahrhunderts am Beginn der Aufklärung an.2 Gegen 1700 ist ein Wandel in der Region festzustellen. So begegnen gehäuft Dekrete der Regierung, dass durchreisenden Juden nur maximal drei Tage Aufenthalt zu gewähren sei. Hatte dies mit einer vermehrten Migration (wie etwas später wegen des Spanischen Erbfolgekrieges) und/oder mit einem politischen Wandel zu tun: insofern, als mit dem Jahr 1690 beziehungsweise endgültig mit 1717 in Innsbruck die Residenz eines fürstlichen Statthalters endete? Offenbar nahm die Bürgerschaft die angeblich unter dem Schutz des Hofes eingedrungenen Juden, die ihre „berüemte christliche Stadt Ihnsbrugg successive in eine Judenstatt verändern“ würden, überdeutlich wahr. Sie diskreditierte die jüdische Minderheit, indem sie gefühlsbetont eine „ja umb gottswillen anflehentliche pitte“ an den Statthalter Karl Philipp von der Pfalz richtete, alle Juden bis auf die Familie May auszuweisen.3

Als Dekrete gegen Vagierende (die nicht nur Juden betrafen) kaum nützten, änderte die Regierung die Vorgangsweise durch eine gewisse, freilich kostenpflichtige Liberalisierung: Seit 1701 waren durchreisenden Juden oder jenen, die sich etwa in Rechtsangelegenheiten in Innsbruck befanden, längere Aufenthalte möglich; sie hatten allerdings ab drei Tagen je Tag und Pferd jeweils einen halben Gulden, das so genannte Leibgeld (später Taggeld genannt), zu bezahlen. In diesem Fall erwies sich die verbliebene mittlere Ebene, die Regierung und Kammer, – es residierte damals kein Hof in der Stadt – einerseits als restriktiver, andererseits als sachbezogen: zumal auch bislang, wie es hieß, längere Aufenthalte, aufgrund von Sondergenehmigungen4 mitunter geduldet worden seien.5

Zugleich erfolgte von päpstlicher Seite mit Clemens XI. (1700–1721) eine Missionsoffensive, die Heiden, Türken und eben auch Juden er- fasste. Konvertiten war größtmöglicher Schutz, „Special Praerogativen und befreyung“, anzubieten. Insofern hatte man sich (wie vormals die frühe Reformation) um die Juden zu bemühen; der Perspektivenwechsel6 war im Trienter Riva anscheinend erfolgreich.7 So übermittelte der Augsburger Generalvikar 1704 der Regierung eine entsprechende Bulle zur Kenntnis, verbunden mit der Bitte, diese ebenfalls in Tirol zu „reflectieren“ und die beabsichtigte „apertur“ ins Werk zu leiten. Die Anregung, so die Antwort, würden die hiesigen Stellen im geistlichen Bereich gerne unterstützen, während man im weltlichen Bereich nach Wien an den Kaiser als Landesherrn verwies.8

Insofern bezieht sich der gewählte Zeitraum des 16. und 17. Jahrhunderts zunächst auf den Wandel in der Mehrheitsgesellschaft und greift somit keine gängige Periodisierung der jüdischen Geschichte und Kultur auf, die das „tränenreiche“ und/oder traditionsverhaftete jüdische Mittelalter gewöhnlich erst um 16009 oder 165010 enden lässt. Hingegen war in der Region ein um 1600 in mehrfacher Hinsicht (demographisch, kulturell, ökonomisch) vorhandener Aufschwung der jüdischen Minderheit hundert Jahre später wiederum vorbei.

Zu den Quellen: Die beträchtlich verschiedene Quellendichte zu Juden und Christen wird etwa bei der biografischen Erforschung deutlich. Der Überlieferungsgrad hing unter anderem von den bekannten Faktoren wie der Besitzstruktur und Religion, letztlich der Absonderung und Ausgrenzung der jüdischen Personengemeinschaft ab. Stehen für die Mehrheitsgesellschaft etwa Notariatsakten, Geschäftsurkunden, Urbare, Steuerverzeichnisse und Musterungslisten, seit dem frühen 16. Jahrhundert außerdem Verfachbücher (Grundbücher) und seit der zweiten Jahrhunderthälfte zudem Matrikenbücher, Kommunikantenlisten, Kataster oder eine Getreidebeschreibung zur Verfügung, aus denen wir personale, familiale und sonstige Netzstrukturen und Details ableiten können, so fehlen für die jüdischen Familien derartige oder vergleichbare Quellengattungen großenteils oder gänzlich.11 Auch Schutzgeldlisten oder Nachtgeldverzeichnisse für durchreisende Juden12 (wie im 17. Jahrhundert erstmals üblich) haben sich anscheinend nicht erhalten. Dasselbe trifft genauso auf innerjüdische Quellen zu. Es „verbleiben“ in erster Linie die nicht personenorientierten, in der Tat bereits umfangreichen Überlieferungen der Obrigkeiten, vor allem die Registraturen der Zentralverwaltungen und der Kommunen, in denen sich leider aufwändig, aber immerhin, Spuren jüdischer Vergangenheit finden lassen.

Daher erweist sich die Erforschung der jüdischen Minderheit, wie deren Prosopographie, im vorgegebenen Zeitraum um einiges schwieriger als für solche der christlichen Majorität. So begegnen in der entsprechenden Wissenschaftssprache der Region auffallend viele Vermutungen. Diese Beobachtung veranlasste deshalb zu einer besonders vorsichtigen Quelleninterpretation. Die aufwändige Recherche hängt zudem mit der besonderen Überlieferungsstruktur der Zentralverwaltung zusammen. So hat sich ein historischer Vorgang nicht wie später in einer Akte niedergeschlagen, vielmehr verteilte ihn die Kanzlei nach dem Provenienzprinzip auf mehrere kopiale Reihen, was bei der Auswertung zu systematischen Fehlern führen kann.13 Insgesamt umfassen nur Tirol betreffend, zusammen mit den Raitbüchern die einschlägigen Serien der Regierung, Kammer und des Hofrates beziehungsweise Geheimen Rates für das 16. und 17. Jahrhundert die beeindruckende Anzahl von mindestens 2.000 Bänden.14

Die Forschungslage hat sich für die Frühe Neuzeit erst in den letzten 30 Jahren verbessert.15 Nach der bahnbrechenden Arbeit J. E. Scherers auch für Tirol setzten für die Vormoderne intensive Forschungen erst seit 1979 mit den Studien vor allem Gretl Köflers, Cristina Andreollis und Rudolf Palmes sowie Maria Luisa Crosinas zu Riva ein.16 Dies betraf ebenso die regionalen Ritualmordlegenden, in erster Linie jene Simons von Trient. Auch hier kann es sich keineswegs um eine abgeklärte Darstellung handeln, wie sie einem Handbuch angemessen wäre – vielmehr gleichsam nur um eine kurzlebige Laubhütte als um ein festes Haus. So fehlen nach wie vor sektorale Forschungen, wie zur inneren Geschichte, zu Kultur, Religion, Alltag und sozialen Beziehungen, zur Geschichte der Frau und Geschlechterdifferenz allgemein.17 Auch für den Fall des Andreas von Rinn ist eine umfassende Studie noch immer ein Desiderat.18

 

 

 

Zwischen Duldung und Vertreibung: Siedlungswandel

Vorwiegend im Zeitraum vom 14. bis ins 17. Jahrhundert wurden in Europa Juden vertrieben.19 Die Vertreibungswelle erreichte den Höhepunkt auf der iberischen Halbinsel seit 1492, mit Auswirkungen auf Frankreich, wo zwischen 1498 und 1501 die Juden sogar von der Provence ausgewiesen wurden. Auf Druck der Stände ließ Maximilian I. seit 1496 die jüdischen Niederlassungen in den innerösterreichischen Ländern auflösen; in den Reichsstädten folgte bis auf wenige Ausnahmen eine letzte Welle der Ausweisungen. Teils konnten sich die innerösterreichischen Juden in der Grenzregion zu Ungarn im heutigen Burgenland, bald auch in Niederösterreich und in Eggenburg wiederum ansiedeln20, doch blieben die Aufenthalte temporär und längerfristig unsicher. Auch in der offiziellen Sprache Tirols erscheint die „austreibung“ oder „ausschaffung“21 („gerusch“)22 ansässiger Juden lange als ein beinahe normaler Ausdruck (und Vorgang). Insofern war „instabilitas“ des Wohnens eine erzwungene Lebensform oder, positiv gewendet, ein Prinzip23 ebenso der örtlichen jüdischen Gesellschaft.

Gemäß dem Willen der Landstände waren Juden im Land nicht zu dulden. So wurden Juden in der Tiroler Landesordnung von 1532 anders als in jener von 1572 nicht genannt. Auch der Titel zu den fahrenden Händlern24 erwähnte sie nicht: Diese hatten das Recht, sich „haußhäblich“ niederzulassen, sofern sie sich wie andere an den öffentlichen Lasten beteiligten. Die 1532 im Land ansässigen Juden konnten sich indes bedingt auf den siebten Titel des zweiten Buchs der Landesordnung berufen, der unter anderem landesfürstliche Freibriefe25 vorsah. Grundsätzlich waren Juden im Land nicht existent.

Letzteres traf zunächst auch wirklich zu. So hatte der Innsbrucker Kaspar Neudecker am 6. Februar 1476 beim Trienter Ritualmordprozess ausgesagt, er sei gegenwärtig in Trient, da Sigmund (spätestens Anfang des Jahres) alle Juden aus seinen Landen ausgewiesen habe und er diese in seinem Auftrag in die Lombardei geleite.26 Jedenfalls schweigen die Quellen, was die Geschichte der in Tirol wohnenden Juden zwischen 1476 und 1509 betrifft. Offensichtlich lebten keine Juden hier. Insofern war die Region damals mit Frankreich, England, weiten Teilen des Reiches, den meisten Reichsstädten wie Nürnberg, Augsburg und Ulm sowie den innerösterreichischen Ländern vergleichbar. Wenn seit Dezember 150927 in Tirol dennoch wieder kleine Gruppen von Juden ansässig waren, so stellen die Niederlassungen solch einzelner Familien – rechtlich gesehen – stets nur oder „immerhin“ Ausnahmen von der Regel dar.

Das Siedlungsmuster jüdischer Haushalte im Tiroler Raum entsprach jenem in den mittleren und kleinen Staaten Italiens, oder jenem des Südwestens des Binnenreiches bereits im Spätmittelalter. Wie etwa im Stadtstaat Florenz oder im benachbarten Schwaben bestanden die jüdischen Niederlassungen nur aus Mitgliedern einer bis weniger Familien. Die Wohnsitze umfassten in Tirol und im Hochstift Trient im 16. und 17. Jahrhundert mit Ausnahme Rivas und womöglich Roveretos nur einen bis drei Haushalte im Umfang von etwa 5–6 bis maximal 15–20 Personen, was Folgen für die jüdische Gemeindebildung nach sich zog.

So bestanden in Tirol Kerne jüdischen Lebens fast nur in einzelnen kleinen und größeren Städten. Einige Niederlassungen wie im Fleimstal oder in Neumarkt28 blieben nur vorübergehend. Wenn wir alle zusammennehmen, fällt ein weiteres Muster auf: An der jüdischen Randgruppe hatte aus vorwiegend ökonomischen Gründen ein sozialer Stand besonderes Interesse, der Adel. Dieser besaß nicht nur vermehrt entsprechende Ressourcen wie Häuser und Anwesen, sondern stellte sie mitunter auch zur Verfügung – beziehungsweise verfügte zudem über entsprechende Mittel, Interessen von Minoritäten gegenüber der gesellschaftlichen Umwelt durchzusetzen.

Somit überrascht die Fortdauer der jüdischen Siedlung in Riva29 unter der Herrschaft des Hochstiftes Trient (seit 1521) nur zunächst. Zudem eröffneten sich ebenso im Späthumanismus gerade im gelehrten Bereich Chancen, mit Juden anzuknüpfen. Nicht zuletzt suchten im südlichen Tirol und in Trient selbstbewusste Adelsgeschlechter sich einer mediatisierenden Einflussnahme durch den Landesfürsten soweit als möglich zu entziehen. Insofern waren auch das Domkapitel und der Bischofsstuhl höherrangig als in Brixen besetzt, was sich wiederum auf eine duldsamere Judenpolitik (wenngleich nur außerhalb der Stadt) auswirkte. Allerdings galt in der jüdischen Memoria die Stadt Trient als locus horribilis30; Juden bemühten sich zwar um ein dreitägiges Aufenthaltsrecht31, offenbar aber nicht mehr um eine Niederlassung – in der Stadt, nicht jedoch im gesamten Hochstift. So lebte und wirkte in Riva, wie erwähnt, nach wie vor eine kleine jüdische Gemeinde, obgleich der Druck hebräischer Bücher bereits 1562 eingestellt wurde.32

Noch im 15. Jahrhundert waren jüdische Wohnsitze in der Grafschaft Tirol stärker gestreut gewesen. Jüdische Familien lebten nicht nur in Borgo Valsugana, Bozen und Innsbruck, sondern sicher auch in Kaltern, Meran, Glurns und im Raum Hall; außerdem im Görzer Lienz, im Hochstift Brixen und speziell im Süden, in Trient und Arco sowie im venezianischen Riva und Rovereto.33 Offensichtlich verhinderten die Trienter Ritualmordbeschuldigung, deren Prozess und Propaganda eine Wiederansiedlung in etwas breiterem Ausmaß. Dass ein solcher Werdegang nach erfolgter Vertreibung aber nicht zwangsläufig war, zeigt das erbländische Beispiel der zahlreichen Landjuden in Niederösterreich seit dem späteren 16. Jahrhundert.34

Dennoch lebten seit etwa 1570 gleichfalls in Innsbruck wiederum Juden. Die Entwicklung verlief wie jene in Wien, wo ab 1571 ebenso dauerhaft Juden wohnten.35 Wie am Hof Kaiser Maximilians II. konnten sich damals Juden am Innsbrucker Hof von dessen jüngerem Bruder Ferdinand II. erneut niederlassen. Die Duldung hing im Besonderen mit Ferdinands Biographie zusammen, der bis 1567 als Statthalter von Böhmen den Juden günstig gesinnt gewesen war und nun seine Residenz nach Innsbruck verlegte.

Die Anwesenheit jüdischer Familien beschränkte sich demnach seit 1509 vor allem auf die größeren Städte, so die Handelsstadt Bozen und die Residenzstadt Innsbruck. In ihnen boten sich einigermaßen hochwertige Erwerbsnischen, jedenfalls solange, bis sich jüdische Existenz in Tirol normalisiert hatte und die Gefahr der Vertreibung (vorerst) gebannt war. Die beiden Städte lagen zudem an der wichtigen Transitroute von Nord nach Süd und umgekehrt.

Dass die örtliche Lage kein Zufall war, zeigt die Verteilung der anderen Niederlassungen in Kleinststädten und Märkten beziehungsweise auf dem Land. So lebten im vorgegebenen Zeitraum einzelne Judenfamilien ebenso in Rovereto und Umgebung, nicht zuletzt im Trienter Riva36, zeitweise in Königsberg/Montereale, Nomi, Mori, Avio und Arco.37 Wenn es ziemlich lange Juden auch in Pergine38 und Borgo Valsugana39 gab, so wird dadurch die These des Durchzugscharakters bestätigt, da diese Ortschaften an der wichtigen Verbindungsstraße von Trient nach Venedig lagen.

Hingegen fehlten Wohnsitze nicht nur in Meran, sondern auch im Vinschgau und Oberinntal. Hier wirkten sich vermutlich Einflüsse der Städte Meran und Glurns, des Bistums Chur sowie der Abteien Marienberg und Stams aus. Jedenfalls hätte ein Bedarf etwa an Kleinkrediten und Kreditkonkurrenz sowie an Nischenprodukten genauso dort bestanden. Wenn es auch keine jüdischen Haushalte in Hall, der Großsiedlung Schwaz und sonst im Unterinntal gab, so deutet dies (neben anderen Faktoren) auf fehlende Kontakträume hin: Aus jüdischer Perspektive hätte man in einer Randlage gelebt, nachdem 1498 das Erzstift Salzburg die Juden vertrieben und in der Mitte des 16. Jahrhunderts das Herzogtum Bayern zurückgekehrte Juden erneut ausgewiesen hatte.

Als vorübergehender Aufenthaltsort war Hall, wo man sich auf dem Weg in die östlichen Erbländer, nach Böhmen, Mähren und Polen einschiffen konnte, indes nach wie vor auch für Juden wesentlich. Hingegen war für die regionale jüdische Kommunikation im 16. und 17. Jahrhundert besonders der Fernpass nach Schwaben und in die Vorlande wichtig. Dem entsprach, dass Niederlassungen im Pustertal und in Osttirol fehlten. Im Pustertal mit Bruneck war zudem das Hochstift Brixen, teils durch längerfristige Pfandherrschaften, beinahe allgegenwärtig. Insgesamt weist die regionale Verteilung der Wohnsitze auf ein Interesse der jüdischen Minderheit an verkehrsstrategischen Punkten hin, erleichterten Niederlassungen dort doch die lebenswichtige Vernetzung mit durchreisenden Glaubensgenossen.

Wollten wir zusammenfassend für die jüdische Personengemeinschaft eine Siedlungskarte anfertigen, so wäre dies für Zentraleuropa angesichts der ausgeprägten Zwangsmobilität und der zahlreichen Vertreibungen ziemlich schwierig. Zahlreiche zeitliche Schnitte wären nicht nur sinnvoll, sondern vielmehr nötig. Für Tirol und dessen territoriales Umfeld würden zwei solcher Karten für die Jahre um 1500 und 1700 etwa Folgendes ergeben:

Im ersten Fall wäre der Befund eine „Tabula rasa“, da seit den Trienter Prozessen anscheinend keine Juden (mehr) in Tirol lebten.40 Etwas anders stellt sich das räumliche Umfeld dar. Juden waren bis um 1500 zwar ebenso aus den südlichen Reichsstädten wie Augsburg, Ulm und Nürnberg sowie der Eidgenossenschaft vertrieben, es bestand aber noch eine lebhafte Gemeinde in Regensburg. Aus den innerösterreichischen Ländern waren die Juden hingegen seit 1496 ausgewiesen; zwei Jahre später setzte zudem die Salzburger Landschaft die Vertreibung der noch verbliebenen Juden durch.41 Weitere kleinere und größere Gemeinden und Niederlassungen existierten noch in Schwaben sowie im Elsass und nicht zuletzt in Norditalien. Dort wären neben Venedig und Triest ebenfalls die Städte der Terraferma wie Verona, Padua, Treviso, Vicenza, aber auch die Landgebiete sowie Mantua, teils die Lombardei und das Piemont zu nennen.42

Anfang des 18. Jahrhunderts war die Dichte jüdischer Gemeinden und Siedlungen in Europa im Vergleich zur Wende zur Neuzeit jedoch „erheblich“ größer.43 Für Tirol lässt sich der Wandel zunächst nur teilweise bestätigen. Auch hier hatten sich die Lebensbedingungen verbessert, und besonders gegenüber der Zeit um 1500 stellte sich die Situation wesentlich anders dar. So gab es um 1700 jüdische Haushalte sicher in Innsbruck, Bozen, Nomi, Rovereto, Mori und Riva, anscheinend ebenso in der Herrschaft Telvana44; insgesamt lebten etwa zehn bis 15 Familien in der Region. Freilich war die Anzahl der wohnhaften Juden gegenüber dem Stand um 1600 wiederum zurückgegangen: so neben Bozen vor allem in Riva aufgrund von Konversionen.45

Jedoch hatte sich auch in der Umgebung die Lage gewandelt. Am Nordrand der Eidgenossenschaft bestanden erneut kleinere Niederlassungen, während die jüdische Minderheit in Bayern und Salzburg nach wie vor aus Innerösterreich vertrieben war. Im ländlichen Schwaben und hauptsächlich in Norditalien existierten hingegen weiterhin relativ dichte Ansiedlungen; mittlerweile ebenso in Hohenems und Sulz im benachbarten Vorarlberg.

Wenn wir die Siedlungsdichte der jüdischen Bevölkerung prozentual bemessen und vergleichen, so lebten um 1600 in der Region mit Tirol, Brixen46 und Trient (mit Riva und den Vier Vikariaten) mindestens 100, in der Grafschaft Tirol (mit Arco) mindestens 50 Juden.47 Insofern erreichte der Anteil weder in Tirol, bei einer Bevölkerung von etwa 250.000, noch im Hochstift Trient mit etwa 80.000 Personen48 0,1 Prozent (Europa um 1650: maximal 1 Prozent; 1998: 0,2 Prozent49). Dies war keineswegs viel, aber auch nicht nichts, wenn wir die Lage mit West- und Nordeuropa oder den unmittelbaren Nachbargebieten, die Terraferma ausgenommen, vergleichen. Für das Heilige Römische Reich ohne oberitalienische Herrschaften wird der Anteil für die Zeit um 1600 auf allenfalls 0,2 Prozent bei einer Gesamtbevölkerung von 18 bis 20 Millionen geschätzt.50 Hingegen betrug er, um Regionen mit besonders starker jüdischer Besiedlung zu nennen, etwa im Osmanischen Reich bei drei Prozent, und in Saloniki stellten die Juden sogar die Bevölkerungsmehrheit dar.51 In Polen-Litauen betrug der Anteil in der Mitte des 17. Jahrhunderts rund fünf Prozent.52

 

 

 

Räumliche Orientierung, Vernetzungen und Mobilität

Wenn wir im „Discorso circa il stato de gl’Hebrei“ des (säkular angehauchten) Autors Simone Luzzatto (1583–1663)53 lesen, stellen wir bald fest, wie regional differenziert das zeitgenössische Judentum zumindest wahrgenommen wurde.54 Somit sind, bezogen auf die örtliche Situation, etwa der kulturelle Übergangs- sowie allgemein der Transitcharakter der Region mit zu berücksichtigen. Das „Land im Gebirge“ lag an einer wichtigen Nord-Süd-Verbindung, wenn auch, wie der spätmittelalterliche Name andeutet, teils peripher. So begegnet zunächst das Paradoxon, dass in der Gegend zwar wenige Juden lebten, durch die Haupttäler, das Etsch-, Eisack- und Inntal jedoch zahlreiche Juden reisten. Insofern waren Tirol und dessen naturwüchsige Schrecknisse, die Unsicherheiten und Gefahren des Weges, die Wildheit der Berge und Flüsse, den meisten Juden in Zentraleuropa sicher bekannt. Dennoch blieb es eben nur ein Durchzugsland und war außerhalb lange Zeit vor allem nur für Knappen und im Süden für Saisonarbeiter sowie Besucher der Bozner Märkte attraktiv.

Da nationale Hemmnisse erst eine geringe Rolle spielten, ist für ein Transitland ein erweiterter Einzugsbereich zu erwarten. Ein Beispiel setzten seit dem späten 15. Jahrhundert die Tiroler Habsburger selbst, die sich mit Damen aus dem Norden und Süden vermählten. Entsprechend waren ihre Höfe in beide Richtungen geöffnet. In der Tat begegnen wir noch in der Frühen Neuzeit ebenso bei der jüdischen Minderheit Angehörigen, die aus einer der beiden Regionen, aus „Teutschland“ oder „Italia“55 stammten und dorthin Kontakte (auch durch Heirat) pflegten. Bereits die bei den Trienter Judenprozessen gerichteten Familien hatten hierfür einen Musterfall gebildet. So kamen damals die Mitglieder zweier Haushalte im Wesentlichen aus Süddeutschland, jene des dritten aus Verona.56

Im Laufe des 17. Jahrhunderts teilte sich die räumliche Verflechtung verstärkt, indem sich die jüdischen Haushalte in Innsbruck mehr nach Schwaben, Vorarlberg und Frankfurt orientierten, während jene in Bozen, Rovereto und Riva wie bislang vermehrt mit Oberitalien, hauptsächlich der Terraferma, mit Verona, Mantua und Venedig (im 16. Jahrhundert außerdem mit Cremona) verbunden waren. Freilich betraf dies nur unmittelbar vorangegangene oder zeitgenössische Wanderungen, nachdem der Großteil der oberitalienischen Aschkenasim im Spätmittelalter aus dem Binnenreich geflüchtet war. Dabei mögen die intensiven Kontakte der Bozener Juden zu Glaubensgenossen aus Verona zunächst überraschen, da sich die Stadt in der Terraferma, dem zeitweise feindlichen Ausland befand. Sie entsprachen aber dem Pragmatismus der Kaufleute; außerdem herrschte seit 1517, zumal angesichts der gemeinsamen Gegnerschaft zu den Osmanen, zwischen den Habsburgern und Venedig meist Frieden. Hingegen war die Zuwanderung aus den östlichen Erbländern, wie aus Wien oder Prag, unbedeutend. Vielmehr verliefen Interessen, Notwendigkeiten und Regelungen in die andere Richtung.

Freilich war Migration nicht nur durch restriktive Regelungen der Durchreise und Ansässigkeit, die nur zeitlich befristete Sonderprivilegien57 oder spezielle Aufenthaltsgenehmigungen kannten, beeinflusst. Denn selbst diese waren in der Vormoderne nicht immer oder nur stark verzögert durchzusetzen, sodass zeitweilig immer wieder Konflikte ausbrachen und es zu Petitionen sowie Einsprüchen kam. Insofern waren Juden auch in Tirol mitunter gezwungen, sich am Rande der Legalität58 zu bewegen.

Das grundsätzliche Niederlassungsverbot hatte auch für Tirol zur Folge, dass individuelle Wohnrechte meist nur an direkte Nachkommen und allenfalls deren enge Schwäger vergeben wurden. Dies schränkte einerseits im Laufe der Jahrzehnte den Herkunftsradius per se weiter ein. Da der Kreis der tatsächlich verbleibenden Kinder jedoch genauso stark eingegrenzt war, mussten die übrigen Nachkommen, vor allem die Töchter, emigrieren. Unbeabsichtigt erweiterten sich dadurch die engsten familiären Kontakte wiederum.

Methodisch gesehen, erweist es sich im Einzelfall auch für Tirol meist als schwierig, die regionale Herkunft von Juden beziehungsweise der erstmals privilegierten Familien zu bestimmen. Bei der jüdischen Randgruppe können wir zudem nicht von einer einfachen, linearen Mobilität, sozusagen der Herkunft vom Ort X ausgehen. So wies Michele Luzzati darauf hin, dass im Spätmittelalter die individuelle Mobilität von Juden jedenfalls in Nord- und Mittelitalien sehr ausgeprägt war und man oft mehrmals zwischen den Herrschaften zu wechseln hatte – vielmehr scheint (Zwangs-)Migration ein Prinzip gewesen zu sein.59 Vertreibungen erzwangen Mobilität nicht nur im Bereich der Wohnsitze, sondern auch der ökonomisch- und bildungsbedingten Reisen.60 Der Befund hat sich bis weit in die Frühe Neuzeit nicht wesentlich verändert. Gesteigerte Wohnmobilität wirkte sich dann ebenso auf den Wandel beziehungsweise die Bildung von Herkunftsnamen und somit auch auf die spätere wissenschaftliche Identifizierbarkeit aus.

Dafür bildet die Familie des Salomon Bassano, des Stammvaters der Innsbrucker May, ein gutes Beispiel. Maximilian I. stellte ihm 1509 wegen erlittener Schäden im Venezianerkrieg einen weitreichenden Schutzbrief aus.61 Während des andauernden Krieges erhielten neben Salomon ebenso sein „cugnatus“62 Joseph Consalomon aus Asola63 sowie Emanuel, Sohn des Samson64, ähnliche Freibriefe bewilligt. Salomons Biographie ist etwas näher fassbar. So verblieb er nach seiner Unterstützung Maximilians im antivenezianischen Lager. In den ersten vier Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts wechselte er seine Wohnorte zwischen Bassano, Cremona65 und Riva. Für Privilegien und deren Bestätigungen hatte er dem Monarchen nachzureisen – wie 1509 nach Bozen und 1530 nach Mantua.66 Als er 1535 wie zahlreiche andere Juden in Cremona mit der Stadt wegen der Pfandleihe in Konflikt geriet, flüchtete er mit Sohn Maggio d. J., anscheinend nach Riva.67

Für Maggio wurde das sichere Mantua, ein habsburgischer Satellitenstaat, zum langfristigen Lebensmittelpunkt. In Mantua hatte Karl V. 1530 Salomons Freibrief, den dieser von Maximilian erhalten hatte, erneuert, und dort war im selben Jahr bereits eine Schwester Maggios verheiratet.68 1556 führt Maggio als „Mazo de Passon de Mantua“69 offenbar Waren aus Polen über den Brenner, da er dort einen lateinischen Passbrief der Königin Katharina, einer Habsburgerin, vorweisen kann. Die Erzherzogin (* 1533) hatte mit ihren Geschwistern ihre erste Kindheit in Tirol verbracht. Maggio wird dann 1565 in Mantua an erster Stelle als einer von fünf jüdischen Mitgliedern der Zunft der Seidenhändler erwähnt.70 Als die Mantuaner Juden anlässlich der Hochzeit Herzog Vincenzos 1581 eine „commedia“ veranstalteten, ist er wiederum als erster und somit Ältester der drei „massari“ der jüdischen Gemeinde genannt.71 Der einflussreiche Maggio wurde schließlich auf seine Weise namensgebend: Sein (wohl nachgeborener) Sohn72 war der Innsbrucker Samuel Maggio oder May – womit endlich die Herkunft73 der gleichnamigen Innsbrucker Hofjudenfamilie geklärt ist.74

Immigrationen konnten genauso eine Folge von kriegerischen Konflikten, Pogromen und Vertreibungen sein. In der Tat spiegeln sich in Tirol solche Ereignisse wider. Anders als etwa Mähren, Brandenburg oder Teile Südwestdeutschlands – um einige Gebiete in Zentraleuropa zu nennen – wurde das (eher arme) Land jedoch nie zur Asylregion; allenfalls erhielten Juden temporäre Aufenthaltsgenehmigungen.75 Bezüglich der Vertreibung aus den innerösterreichischen Ländern seit 1496 nennt die Literatur teils auch Tirol als Zielregion.76 Dies ließ sich nicht verifizieren. Selbst als die Reichsstadt Regensburg 1519 die Juden vertrieb, konnten sich in Tirol offensichtlich keine Emigranten niederlassen, was zunächst überraschen mag, weil die dortige Judenschaft Eigentum des Hauses Österreich77 war. Tirol diente offenbar nur als Transitland nach Oberitalien.78 Hierzu hat sich der Entwurf einer Erlaubnis des Regiments, ungehindert „hinein in Welschlande“ durchzuziehen, erhalten.79