image

Martin Achrainer

JÜDISCHES LEBEN IN TIROL UND VORARLBERG VON 1867 BIS 1918

HAYMONverlag

© 2013

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

Covergestaltung: hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Inhalt

Vorwort – Vom jüdischen Leben im historischen Tirol 1806 – 1918

Vorbemerkung

Tirols Jüdinnen und Juden – eine Zuwanderungsgesellschaft

Jüdinnen und Juden in Innsbruck und Nordtirol

Juden in Bozen

Juden in Meran

Kulturverhältnisse

Auf dem Weg zur Gründung von Kultusgemeinden in Tirol

Die Bildung von Kultusgemeinden in Tirol

Religionslehrer und Rabbiner in Innsbruck

Antisemitismus

Frühe antijüdische Stimmen und Positionen gegen den Antisemitismus

Der politische Antisemitismus der Deutschnationalen

Antisemitismus der Christlichsozialen

Der alltägliche Antisemitismus

Bäder-, Sommerfrischen- und Bergsteiger-Antisemitismus

Im Ersten Weltkrieg

An der Front: Josef Sagher und Siegfried Graubart

Tirols Juden im Weltkrieg

Kriegsopfer

Resümee

Anmerkungen

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Autor

Vom jüdischen Leben im historischen Tirol 1806–1918

Thomas Albrich

Nach der Darstellung des jüdischen Lebens in Alttirol zwischen 1300 und 1805, das geografisch das heutige Trentino, Südtirol, Nord- und Osttirol umfasste und seit den 1780er Jahren auch Vorarlberg inkludierte, folgt im vorliegenden zweiten Band die jüdische Geschichte von der bayerischen Zeit bis zum Ende der Monarchie und zur Teilung des Landes im Jahre 1918.

In der bayerischen Zeit zwischen 1806 und 1814 begegnen wir einer relativ geschlossenen jüdischen Gemeinde in Innsbruck, die durch die Ereignisse des Jahres 1809 schwer geschädigt wurde. Wir wissen, wer danach in Innsbruck lebte und blieb, wer wegzog und wer zuzog. Im restlichen Land Tirol gab es nur noch die Nachkommen des Markus Gerson in Bozen, aber noch immer keine Juden in Meran oder im Trentino.

Obwohl nach 1814 schmerzliche Diskriminierungen – wie die so genannte „Normalzahl“ von maximal 90 jüdischen Familien in Hohenems und maximal sieben in Innsbruck, die „Überzählige“ im Falle eines Heiratswunsches zur Abwanderung zwang – beibehalten wurden, öffneten im Vormärz der Zugang zum Handwerk und das Recht auf Grund- und Hausbesitz in erster Linie in Hohenems schrittweise den Weg zur wirtschaftlichen und bürgerlichen Gleichstellung. Teile der alten jüdischen Oberschicht in Hohenems, vor allem die reichen Händlerfamilien wie die Rosenthals, erkannten die Chancen der neuen Zeit und beteiligten sich mit ihrem Kapital an der Industrialisierung in Vorarlberg. Sie gehörten mit zu den Pionieren der Textilindustrie, gründeten Firmen und wurden Fabrikanten und Großbürger.

Im 19. Jahrhundert wächst die jüdische Bevölkerung in Tirol und Vorarlberg bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs auf über 1400 Personen. Ein weiter Bogen spannt sich von Kantor Salomon Sulzer, dem weit über Österreich hinaus bekannten Reformer der jüdischen Synagogenmusik, bis zur erfolgreichen Innsbrucker Firma Bauer & Schwarz, die sich noch vor dem Ersten Weltkrieg etablierte. Das gesamte 19. Jahrhundert war gekennzeichnet durch den langsamen Weg hin zur rechtlichen Gleichstellung der Juden Ende 1867 und durch die rassistischen, antisemitischen Reaktionen darauf ab Beginn der 1880er Jahre. Wirtschaftliche Neuerungen, insbesondere die Entwicklung einer entsprechenden Infrastruktur – Bäcker, Metzger, Wirte – gingen vor allem in Hohenems Hand in Hand mit dem religiösen Reformprozess, und jüdische Frauen spielten auch in der nichtjüdischen Öffentlichkeit in Hohenems eine sichtbare Rolle.

Nicht so günstig war die Ausgangsposition in Tirol nach der Rückkehr zu Österreich. Die Zeit der bayerischen Herrschaft stellte für die Zusammensetzung der jüdischen Gemeinde in Tirol eine tiefe Zäsur dar: Die meisten alten Familien waren entweder weggezogen, überaltert oder ausgestorben. Bis Mitte der 1820er Jahre nahmen Zuwanderer die Plätze der alten Familien ein und spielten im langsam einsetzenden wirtschaftlichen Modernisierungsprozess in Tirol bis nach der Jahrhundertmitte als risikobereite und innovative Unternehmer eine wichtige Rolle. Da das bayerische Edikt von 1813 hier nie Gültigkeit erlangt hatte, standen den wenigen Juden Tirols im Vergleich zu jenen in Vorarlberg weit größere rechtliche Hindernisse im Weg: Neben den Heiratsbeschränkungen war dies vor allem das nach 1814 wieder aufrechte Verbot des Erwerbs von Realitäten. Zudem galt bis in die 1860er Jahre – abgesehen von sieben tolerierten jüdischen Familien in Innsbruck und zwei in Bozen – offiziell ein Ansiedlungsverbot für Juden in Tirol.

Männer wie Martin Steiner aus Böhmen, 1826 Gründer des späteren „Bürgerlichen Bräuhauses“ in Innsbruck, oder David Friedmann aus Bayern, im selben Jahr Gründer einer „Cotton- und Wollenfabrikation“ an der Sill in Innsbruck, mussten jahrelang um Ausnahmegenehmigungen für den Erwerb ihrer Häuser und Betriebsstätten kämpfen. Beide erwiesen sich immer wieder als kreative Strategen, wenn es darum ging, diskriminierende und anachronistische Gesetze auszuhebeln. Jüdische Kinder hatten es weiterhin schwer. Da nur der jeweils älteste Sohn heiraten durfte und ein Ansässigkeitsrecht erhielt, mussten auch fünf der neun Kinder Steiners bis Mitte der 1850er Jahre nach Amerika und zwei nach Bayern auswandern.

Auch die fünf Söhne des Josef Schwarz aus Hohenems mussten im Vormärz „auswandern“, in ihrem Fall allerdings nur nach Südtirol. Sie stehen exemplarisch für den Modernisierungsprozess der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts südlich des Brenners: Der Vater bereiste anfangs als Hausierer Südtirol, die Söhne arbeiteten sich bis zur Revolution von 1848 zu erfolgreichen Geschäftsleuten hoch. Sie betrieben in den 1830er Jahren zuerst eine Kantine für die Arbeiter beim Bau der Franzensfeste, wurden zu Heereslieferanten, pachteten und kauften schließlich eine Brauerei in Vilpian und gründeten eine Privatbank in Bozen und Feldkirch. Auch die beiden Brüder Biedermann ließen sich bereits in den 1830er Jahren als erste Juden in Meran nieder und waren schließlich wichtige Bankiers in der Stadt.

In der nächsten Generation war Sigismund Schwarz dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts der größte Investor in den privaten Eisenbahnbau in Südtirol und einer der wichtigsten Förderer des Südtiroler Fremdenverkehrs, vor allem durch die Erschließung neuer Ferienziele durch den Bau von Berg- und Eisenbahnen.

Den größten positiven Einschnitt im Leben der jüdischen Bevölkerung im Laufe des 19. Jahrhunderts stellten die Staatsgrundgesetze vom Dezember 1867 dar. Während in Hohenems in Vorarlberg bekanntlich schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts eine Landjudengemeinde existierte, galt in Tirol vor den Staatsgrundgesetzen von 1867 praktisch ein Ansiedlungsverbot für Juden. Die wichtigste praktische Auswirkung der rechtlichen Gleichstellung war die Niederlassungsfreiheit im ganzen österreichisch-ungarischen Staatsgebiet. Damit begann eine zuerst langsame, ab den 1890er Jahren stürmische jüdische Zuwanderung nach Nord- und Südtirol. Zwischen den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts und der Zwischenkriegszeit kehrten sich die Größenverhältnisse zwischen Hohenems auf der einen Seite und Innsbruck und Meran auf der anderen Seite durch Zu- und Abwanderung um.

Meran entwickelte sich zum neuen Zentrum südlich des Brenners. Wesentliche Beiträge zum Aufschwung des Fremdenverkehrs in der Kurstadt leistete ab den 1870er Jahren der aus Breslau stammende jüdische Kurarzt Raffael Hausmann, der neben dem Aufbau einer religiösen Infrastruktur für jüdische Kurgäste in Meran durch seine Schriften Meran, dessen Heilklima und die Traubenkur weltweit bekannt machte. Vor allem die Königswarterstiftung dominierte das jüdische Leben in der Stadt, bis es kurz vor dem Ersten Weltkrieg zu einer kämpferischen Auseinandersetzung kam, die schließlich nach dem Krieg zur Gründung einer eigenen Kultusgemeinde führte. Eine der wichtigsten jüdischen Familien im Meran der Zeit vor 1900 waren die Bermanns aus dem Burgenland. Sie eröffneten in Meran das erste koschere Restaurant, pachteten und kauften dann Hotels und legten damit den Grundstein für die enorme Zunahme des jüdischen Tourismus in Meran vor dem Ersten Weltkrieg.

Mehrheitlich fassten sich die jüdischen Tiroler und Vorarlberger als religiöse Gruppierung auf, als Tiroler und Vorarlberger jüdischen Glaubens. Besonders die alte jüdische Gemeinde in Hohenems war schon Mitte des 19. Jahrhunderts religiös sehr liberal, ihre stark assimilierten Mitglieder lebten nicht „abseits“ ihrer christlichen Umgebung, sondern mit ihr. Auch die Innsbrucker Gemeinde – bis auf wenige Ausnahmen lebte die jüdische Bevölkerung Nordtirols in der Landeshauptstadt – zählte im Gegensatz zur orthodoxen Gemeinde Meran zu den religiös liberalen. Nur ein paar Familien sind als streng religiös einzustufen und haben versucht, einen koscheren Haushalt zu führen. In Innsbruck zählten einzelne – allen voran Wilhelm Dannhauser als langjähriger liberaler Gemeinderat – zu den Gründungsmitgliedern wichtiger örtlicher Vereine.

Die neue Freiheit, die steigende jüdische Zuwanderung bis zum Ersten Weltkrieg und der wirtschaftliche Erfolg einiger dieser Neuankömmlinge riefen jedoch Gegenkräfte auf den Plan: Die Zuwanderung war vom Entstehen des modernen Antisemitismus begleitet, der ab Anfang der 1890er erstmals eine politische Rolle in Tirol spielte. Gerade der von Wilhelm Dannhauser mitbegründete Innsbrucker Turnverein gehörte Ende der 1880er Jahre zu den ersten, die Juden die Aufnahme verwehrten. Und auch in der Politik wehte ein neuer Wind. Obwohl sich Dannhauser als Kandidat auch bei den Innsbrucker Gemeinderatswahlen 1896 sicher durchgesetzt hätte, wurde er nicht mehr nominiert. Der Grund: Nach 25 Jahren als Gemeinderat hätte er zum Ehrenbürger der Stadt Innsbruck ernannt werden müssen. So liberal waren Mitte der 1890er Jahre nicht einmal mehr die Liberalen in der Landeshauptstadt.

Die nun mögliche Migration brachte seit Anfang der 1870er Jahre auch neue, innovative Kräfte ins Land: zum Beispiel kamen Kaufleute, wie Michael Brüll aus Mähren, die mit neuen Werbe- und Verkaufsmethoden erfolgreich um Kundschaft in Meran und Innsbruck kämpften, oder Josef Bauer aus dem damals noch ungarischen Burgenland und Victor Schwarz aus Slawonien, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Eröffnung des ersten Großkaufhauses „Bauer & Schwarz“ in Innsbruck die neuesten Errungenschaften des modernen Verkaufs in Tirol einführten.

Obwohl in Nord- und Südtirol sowie in Vorarlberg die jüdische Bevölkerung verstärkt antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war, blieben ihr Patriotismus und Landesbewusstsein auch im Ersten Weltkrieg ungebrochen. Viele Juden dienten im Krieg als Offiziere in den Tiroler Traditionsregimentern, bei den Kaiserjägern und Kaiserschützen. Die jüdische Gemeinde in Innsbruck zeichnete mit fast ihren gesamten Ersparnissen Kriegsanleihen und verlor dadurch nach dem Untergang der Monarchie 1918 die finanziellen Möglichkeiten, endlich eine Synagoge zu bauen. Ihr Einsatz für „Gott, Kaiser und Vaterland“ wurde in der Zwischenkriegszeit nicht belohnt, im Gegenteil!

Zum Abschluss möchte ich mich bei meinem Mitautor Martin Achrainer bedanken, der wie immer äußerst kompetent gearbeitet hat, auch wenn das ganze Unternehmen etwas länger gedauert hat, als ursprünglich geplant war. Ein besonderer Dank gilt wiederum Niko Hofinger, der die Bebilderung der drei Bände souverän durchführte. Weiters möchte ich Roland Sila und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum danken, die uns vor allem die umfangreichen Bildrecherchen sehr erleichtert haben. Zum Abschluss ein Dank an Verlagsleiter Markus Hatzer vom Haymon Verlag für die Geduld mit dem Projekt, Georg Hasibeder und Anna Stock für die kompetente Betreuung. Nicht zuletzt sei Esther Fritsch, der Präsidentin der IKG Innsbruck für Tirol und Vorarlberg, für ihre jahrelange Unterstützung gedankt, ebenso dem Österreichischen Nationalfonds sowie den zahlreichen teils großzügigen Geldgebern der öffentlichen Hand in Tirol, Südtirol, dem Trentino und in Vorarlberg, die das vorliegende dreibändige Buchprojekt erst möglich gemacht haben.

Innsbruck, im Oktober 2012

 

Vorbemerkung

Die Grenzen sowie die äußeren Rahmenbedingungen dieses Zeitabschnittes sind von grundlegenden gesetzlichen Regelungen geprägt: Die im Dezember 1867 und Mai 1868 erlassenen Staatsgrundgesetze stellten erstmals dauerhaft alle Staatsangehörigen der österreichischungarischen Monarchie rechtlich gleich. Damit waren alle antijüdischen Sonderregelungen für die Niederlassung und den Grunderwerb hinfällig geworden, Jüdinnen und Juden nahmen in großer Zahl an den massiven Migrationsbewegungen der 1880er und 1890er Jahre teil.

Einen weiteren Einschnitt verursachte das 1890 erlassene Gesetz zur Neuregelung der Israelitischen Kultusgemeinden; diese Neuregelung führte in Tirol und Vorarlberg zu jahrelangen Auseinandersetzungen, bis schließlich kurz vor dem Ersten Weltkrieg eine dauerhafte Lösung gefunden wurde.

Die Jüdinnen und Juden in Tirol, deren Zahl durch Zuwanderung stetig wuchs, waren bereits in den 1880er Jahren mit antisemitischen Ressentiments konfrontiert, die innerhalb von zwei Jahrzehnten zu einem geradezu alltäglichen gesellschaftlichen Phänomen wurden.

Den Schluss dieses Beitrages markieren der Erste Weltkrieg und das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die Republik brachte zwar keine Einschränkung der persönlichen Freiheitsrechte der Juden, allerdings erlangte der moderne politische Antisemitismus in Österreich eine immense Bedeutung, da er für zwei der drei politischen Lager als ein konstituierendes und integrierendes Element in der Zeit der Parteienbildung eine nachhaltige Wirkung hatte. Nur aus der Geschichte der letzten Jahrzehnte der Monarchie ist erklärbar, dass am Beginn der Republik ernsthaft pogromartige Ausschreitungen gegen die Juden zu befürchten waren.1

Diese Entwicklungen werden in ihren wesentlichen Zügen beschrieben; kurze Porträts jüdischer Persönlichkeiten und Familien aus Tirol und Vorarlberg tragen dazu bei, das Alltagsleben der jüdischen Bevölkerung in diesem Umfeld beispielhaft zu beleuchten.

Für diesen Zeitabschnitt standen neben behördlichen Unterlagen vor allem die Tiroler Tageszeitungen2 sowie die zahlreichen jüdischen Zeitungen3 zur Verfügung, dann die Ergebnisse der jahrelangen biographischen Recherchen, die unter der Leitung von Thomas Albrich durchgeführt wurden und zu drei biographischen Bänden und einem über die jüdischen Friedhöfe in Innsbruck geführt haben. Die darin versammelten Aufsätze dienten nicht nur für diesen Beitrag als unerschöpfliche Quelle, sondern sollen generell als weiterführende Literatur an dieser Stelle ausdrücklich genannt sein.4

Tirols Jüdinnen und Juden – eine Zuwanderergesellschaft

Die Staatsgrundgesetze und die Tiroler Juden

Am Ende des Jahres 1867 sanktionierte Kaiser Franz Josef I. die vom Reichstag beschlossenen Staatsgrundgesetze, die Österreichs neue Verfassung bildeten. Das – in seinem Kern heute noch gültige – Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger bestimmt in seinem Artikel 2: „Vor dem Gesetze sind alle Staatsbürger gleich.“ Artikel 14 gewährleistet die „volle Glaubens- und Gewissensfreiheit“ und bekräftigt: „Der Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte ist von dem Religionsbekenntnis unabhängig“. Ohne jede Einschränkung waren damit die österreichischen Juden erstmals vollkommen gleichberechtigte Staatsbürger, denen auch alle anderen Rechte aus diesem Gesetz zugute kamen, insbesondere der Zugang zu öffentlichen Ämtern (Artikel 3), die Niederlassungsfreiheit und das Recht, Liegenschaften zu erwerben (Artikel 6) sowie – als gesetzlich anerkannte „Religionsgesellschaft“ – das Recht auf öffentliche Religionsausübung.5

Dieses Gesetz öffnete Jüdinnen und Juden der Habsburger-Monarchie, vor allem aber in den bis dahin besonders restriktiven Alpenländern, völlig neue Möglichkeiten und Freiheiten in ihrer Lebensgestaltung. Wie sehr der Mangel an solchen Freiheiten sie tatsächlich beschränkt hatte, zeigt am besten das Beispiel der Hohenemser Judengemeinde: Schon im ersten Jahr der Wirksamkeit der neuen Gesetze verlor sie fast die Hälfte ihrer Mitglieder – nicht etwa durch plötzliche Abwanderung, sondern durch die Verrechtlichung eines bereits bestehenden Zustandes. In Innsbruck bildete sich ein neues, wenn auch bescheidenes Zentrum jüdischer Zuwanderung heraus, während sich in Meran eine jüdische Gemeinde unter den ganz lokalspezifischen Bedingungen einer Kurstadt entwickelte und die ohnehin rudimentären Elemente einer jüdischen Gemeinde in Bozen überdeckte.

Die rechtliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung durch die Staatsgrundgesetze ging relativ „unspektakulär über die Bühne“6 – sie lag nicht nur im europäischen Trend der Zeit, ihr waren auch in Österreich mehrere einzelne Maßnahmen vorausgegangen, die die Gleichstellung als Abschluss einer längeren Entwicklung erscheinen lassen.

Von gesetzlichen Regelungen abgesehen, hatten sich auch in Tirol einzelne Zeichen einer Liberalisierung bemerkbar gemacht, wenn auch nur in den Städten: Schon 1845, nur sieben Jahre nach der Vertreibung der Zillertaler „Inklinanten“, wurde mit Friedrich Wilhelm ein Protestant in den Innsbrucker Bürgerausschuss gewählt, der 1851 schließlich auch Handelskammerpräsident im Land der Glaubenseinheit werden sollte. In derselben Wahl wurde der jüdische Fabrikant David Friedmann zu einem der „Stimmführer“ der Handelskammer gewählt. In Innsbruck siedelten sich einige jüdische Händler an, ohne von der Stadt daran gehindert zu werden, während eine direkte Aufnahme als Bürger noch immer nicht möglich schien: David Wimpfheimer war mit einem solchen Ansuchen im Jahr 1851 – trotz seines erheblichen Vermögens, das er Großteils in das Geschäft seines Schwiegervaters Martin Steiner einbrachte und damit in Tirol investierte – gescheitert.7 Dennoch sollte das Ringen um die „Glaubenseinheit“ und damit gegen die Grundgesetze die folgenden Jahrzehnte beherrschen.8

Die politische Lage in Tirol

Die politische Lage in Tirol war seit den Protestantenpatenten von 1859 und 1861 vom Kampf der katholisch-konservativen Mehrheit des Tiroler Landtages gegen die liberale Regierungspolitik in Wien gekennzeichnet. Die schärfste Opposition gegen die Staatsgrundgesetze im Reichsrat kam von den konservativen Nordtiroler Abgeordneten. Im Vordergrund stand dabei die Verfassungsfrage um das Recht des Reichsrates, Landesrechte durch Reichsgesetze außer Kraft zu setzen. Mit einer Verwahrung gegen diese Rechte des Reichsrates eröffnete der konservative Tiroler Abgeordnete Ignaz Giovanelli am 8. Oktober 1867 die Generaldebatte über das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger: „Die Grundsätze, welche hier ausgesprochen sind, wollen uns in Schul- und Kirchensachen solche Bestimmungen octroyiren, mit denen wir nie und nimmer einverstanden sein werden“, lautete Giovanellis Kernaussage.9 Auf liberaler Seite wurde dagegen nicht nur mit dem formellen Recht argumentiert, sondern die politische Absicht angesprochen – „eine Seite“ scheine „ein Landesrecht darin zu erblicken […], für ewige Zeiten die Herrschaft des katholischen Clerus zu befestigen und Protestanten wie Israeliten zu Staatsbürgern zweiter Classe zu degradiren“.10

Nicht nur im Reichsrat, sondern vor allem in Tirol selbst führte der Kulturkampf zu einer extrem scharfen Polarisierung zwischen dem katholisch-konservativen und dem liberalen Lager. Das letztere hatte in den großen Städten Innsbruck und Bozen das Sagen. In diesem Konflikt hatten die Juden ein leidliches Auskommen: Die Auseinandersetzung wurde nicht auf ihrem Rücken ausgetragen. Politisch wie auch gesellschaftlich konnten sie nur im Lager der Liberalen stehen. Tatsächlich gelebte Toleranz war in den liberalen Städten ein öffentliches Bekenntnis zum gesellschaftlichen Fortschritt. So konnte Tobias Wildauer schon 1861 darauf verweisen, dass in Innsbruck, „wo noch nie einem Protestanten irgendeine Schwierigkeit gemacht wurde, […] bekanntlich ein Protestant Magistratsrath und Präsident der Handelskammer ist“.11 Der aus Augsburg gebürtige Friedrich Wilhelm war bekanntlich 1845 in den Bürgerausschuss und im Jänner 1851 zum Präsidenten der Handelskammer gewählt worden; aus dieser Position zog er sich erst 1874 wegen seines Alters zurück.12 Zum dritten Vertreter des „Fabrikstandes“ wurde wie erwähnt 1850 der Jude David Friedmann gewählt.13

Die kaiserliche Genehmigung der Staatsgrundgesetze feierte der liberale Konstitutionelle Verein in Innsbruck jährlich mit einer „Verfassungsfeier“, bei deren zweiten im Dezember 1870 sich mit Wilhelm Dannhauser auch ein Vertreter der Innsbrucker Juden zu Wort meldete. Seine launige Rede auf die liberale Landtagsminorität darf im Hinblick auf die tatsächlichen Erleichterungen, die die nunmehr rechtlich verbrieften Freiheiten den Juden in Tirol brachten, wohl auch wörtlich genommen werden:

„Zwar sagen unsere Gegner, sie wollen ja auch unser Bestes. Aber das ist es eben, daß wir ihnen unser Bestes nicht zum Opfer bringen wollen (Bravo!), daß wir dieses Kleinod wahren wollen, dieses Atom von Freiheit, diesen Tropfen Licht, der uns vom Himmel in die Schale geworfen wurde. Wir wollen es wahren, wie der Gärtner sein junges Pflänzchen wahrt, daß es gedeihe, erstarke und heranwachse zu einem Baume, zum Baume der Freiheit, der belebend und kräftigend zum Lichte führen muß, und diesen Wächtern unseres Kleinods, den Führern der tirolischen Verfassungspartei, gilt mein herzliches Hoch! (Bravo! Hoch!)“14

Als Dannhauser zwei Jahre später als erster Jude in den Innsbrucker Gemeinderat gewählt wurde, stellten die Neuen Tiroler Stimmen, die Tageszeitung der Katholisch-Konservativen, dieses Ereignis als neuerlichen Einschnitt in die althergebrachte Glaubenseinheit des Landes dar:

„Bei uns in Innsbruck sondirte man die edle Bürgerschaft, wie viel sie ertrage. Man stellte zum ersten Mal, seit Innsbruck steht, in dieser einst marianischen Stadt, im dritten Wahlkörper einen Israeliten als Kandidaten für den Bürgerausschuß auf und – es glückte vollständig. Es versteht sich, wir reden nicht von der Person, die ist ehrenwerther als oft Hunderte getaufter Neuheiden, wir reden vom Prinzip. Darum wird es immer besser kommen, man wird immer mehr wagen.“15

Die politische Stimmung im Land konnte der tatsächlichen rechtlichen Gleichstellung der Juden auch in Tirol nicht mehr schaden. Mit den neuen Möglichkeiten der Niederlassung und des Erwerbs von Immobilien und Grundbesitz fand nun auch eine größere Anzahl jüdischer Bewohner der Monarchie, zu einem geringeren Teil auch aus dem Deutschen Reich, ihren Wohnsitz in Tirol.

Wer waren die Juden in Tirol?

Als der St. Gallener Rabbiner Dr. Hermann Engelbert16 im Jahr 1872 an einer Statistik des Judentums in der Schweiz, in Österreich-Ungarn und im Deutschen Reich arbeitete, erhielt er von der Statthalterei in Innsbruck die Auskunft, im Kronland Tirol und Vorarlberg gebe es drei israelitische Kultusgemeinden, nämlich in Innsbruck, Bozen und Hohenems. Diese Gemeinden erhielten drei Begräbnisplätze, eine Synagoge im Eigentum einer Gemeinde, zwei gemietete Synagogen, eine Elementarschule und keine Religionsschule. Zusammen zählten sie 262 Mitglieder, darunter 30 schulpflichtige Kinder.17

Diese Auskunft bedarf eines näheren Blicks. Der Begriff einer „Kultusgemeinde“ wurde hier ohne nähere Definition verwendet – die Angaben bezogen sich offensichtlich nur auf jene Orte, in denen jeweils eine etwas höhere Zahl von Juden ansässig war. Neben der langjährig bestehenden jüdischen Gemeinde in Hohenems – sie war nicht nur Kultusgemeinde, sondern seit 1849 auch politische Gemeinde – hatten lediglich Innsbruck und Bozen irgendwelche jüdischen Institutionen aufzuweisen: In beiden Städten gab es nämlich einen jüdischen Friedhof. Und da in beiden Städten eine wenn auch geringe Zahl von Juden lebte, mochten sie immerhin für gelegentliche Gottesdienste und die Durchführung von Beerdigungen sorgen, außerdem wohl auch für die religiöse Erziehung ihrer Kinder.

Im zunehmend auch von Juden frequentierten Kurort Meran begann man gegen Ende dieses Jahres 1872, religiöse Institutionen zu konstituieren.

Nur in Hohenems war regelmäßig ein Rabbiner tätig – die Stelle war zum Zeitpunkt der Erhebung gerade nicht besetzt –, dem die Statthalterei im Jahr 1873 die Matrikenführung für alle in Tirol und Vorarlberg lebenden Juden übertrug18, wie es wohl auch schon vorher geschehen sein mag. Innsbruck, Bozen und Meran blieben für den gesamten Zeitraum die wesentlichen Orte jüdischen Lebens in Tirol, mit Hohenems durch die kultusrechtlichen Bedingungen eng verbunden.

Bevor nun der Frage nachgegangen wird, wer die jüdische Bevölkerung in Tirol war, einige Worte zu ihrer demographischen Entwicklung. Die nüchternen Zahlen der Volkszählung allein zeigen schon eine enorme Bevölkerungsverschiebung; doch damit allein ist noch nicht viel erreicht. Denn als Orte jüdischen Lebens nahmen die vier Zentren Hohenems, Innsbruck, Bozen und Meran höchst unterschiedliche Entwicklungen ein. Die Enklave Hohenems verlor nach 1867 sehr rasch einen Großteil ihrer Mitglieder; Innsbruck erlebte einen Aufstieg zum Verkehrs-, Verwaltungs- und Handelszentrum, der einen enormen Zuzug mit sich brachte, darunter auch eine Anzahl von Juden, die schließlich eine an Mitgliedern Hohenems rasch überholende Gemeinde bildeten. Wenn auch Meran unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg ein Mehrfaches an jüdischer, allerdings nur zeitweise anwesender Bevölkerung zählte, so hatte dies wiederum eine ganz selbständige Ursache im aufkommenden Kurbetrieb, der auch jüdische Gäste umfasst, und einer Stiftung, die die Gründung spezifisch jüdischer Kultus- und Kureinrichtungen erlaubte. In Bozen war die Bevölkerungsentwicklung der Zahl nach wenig bedeutend.

 

1880

1890

1900

1910
mit Militär

Nordtirol

125

157

190

467

davon Stadt Innsbruck

112

100

128

384

Südtirol (mit Bezirk Lienz)

220

385

701

1040

davon Stadt Bozen

24

21

35

50

davon Bezirk Meran

176

326

619

904

Welschtirol

13

103

57

107

Jüdinnen und Juden in Innsbruck und Nordtirol

Die Grundsätze in der Judenpolitik, wie sie seit den Toleranzedikten von Kaiser Josef II. und noch im Vormärz gehandhabt worden waren, wurden etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stillschweigend vernachlässigt. Allerdings blieb vor allem der Erwerb von Haus- und Grundbesitz Juden grundsätzlich verwehrt, und eine Aufnahme in den Gemeindeverband schien nahezu unmöglich. Eine Überwachung der Zahl der tolerierten jüdischen Familien, wie wir sie in den 1820er Jahren noch finden, scheint nicht mehr stattgefunden zu haben. Ein wenn auch geringer Zuzug von fremden Juden stieß offenbar zunächst auf keinen behördlichen Widerstand. So änderte sich zunächst langsam, dann relativ rasch die Zusammensetzung der jüdischen Gemeinschaft in Innsbruck.

Von den seit der Toleranzgesetzgebung als ansässig betrachteten Familien Uffenheimer, Weil, Dannhauser und Bernheimer waren zunächst die meisten Uffenheimer-Familien aus Innsbruck verzogen und die verbliebenen Uffenheimers konvertiert. Die Nachkommen der beiden Familien Weil und der mit ihnen verbundenen Familie Moos waren teils nach Hohenems verzogen, teils ausgestorben. Die Familie Bernheimer war nach Bayern verzogen. Noch in der bayerischen Zeit war Martin Steiner nach Innsbruck gekommen, später David Friedmann, dann der Bankier Markus Loewe und der Mineralienhändler Isak Gebhard – alle vier kamen aus Südwestdeutschland. Ihnen allen gelang es, sich in Innsbruck wirtschaftlich und familiär zu etablieren. Zusammen mit der Familie Dannhauser bildeten sie um die Mitte des Jahrhunderts die „alte“ jüdische Gemeinde in Innsbruck.

Die Mitglieder dieser Gemeinde scheinen sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gut etabliert zu haben und – trotz der erheblichen Schwierigkeit bei Grunderwerb und Heiratsbewilligungen – in der bürgerlich-liberalen Gesellschaftsschicht Innsbrucks relativ gut integriert gewesen zu sein. Diese Neuorientierung gegenüber religiösen Minderheiten – denn auch die Protestanten waren davon betroffen – ist als eine Folge der Herausbildung eines städtischen Bürgertums zu betrachten, das sich vom bisherigen gesellschaftlichen und politischen Establishment emanzipierte und den Grundstock einer gesellschaftlich und politisch liberalen Schicht bildete.19 Die Städte Bozen und Innsbruck entwickelten sich dabei zu liberalen Hochburgen in einem Umfeld, das nicht nur besonders stark katholisch-konservativ dominiert war, sondern sich im Zuge des in den 1860er Jahren tobenden Kulturkampfes zunehmend rückwärtsgewandter, reaktionär gab.20 Ein Zeichen für die gegenüber vorangegangenen Jahrzehnten tolerante und unaufgeregte Einstellung gegenüber den wenigen Innsbrucker Juden mag die so selbstverständlich erfolgte Genehmigung der israelitischen Abteilung am Westfriedhof im Jahr 1864 gewesen sein.

Bei der Volkszählung am Ende des Jahres 1857 wurden in Innsbruck nur 25 Israeliten gezählt.21 Diese Zahl ist zweifellos zu gering gegriffen – die Erhebung erfasste nämlich nur die einheimische, nicht die anwesende Bevölkerung. 1869 wurden 59 Personen gezählt.22

Darunter befanden sich als Nachkommen und Oberhäupter der bedeutenderen jüdischen Familien der Bankier Markus Loewe, die Söhne des 1864 verstorbenen Brauereibesitzers Martin Steiner, Max und Sigmund, die Söhne des 1869 verstorbenen Mineralienhändlers Ezechiel Dannhauser, Jakob und Wilhelm, die 1860 ein Weißwarengeschäft eröffnet hatten, und der Strohhutfabrikant Moritz Friedmann.23

In den 1860er Jahren waren nun etwa sechs kleine Händler, vorwiegend aus Wien, dazugekommen; Julius Stern und etwas später seine beiden Brüder traten bei ihrem kinderlosen Onkel Markus Loewe ins Geschäft ein, und mit Ludwig Mauthner wurde 1869 der angeblich erste jüdische ordentliche k. k. Universitäts-Professor Österreichs an die Universität Innsbruck berufen. Damit stammte bereits zu Beginn der 1870er Jahre nur mehr die Hälfte der in Innsbruck ansässigen Juden aus der „alten“ Gemeinde, während die andere Hälfte in den letzten Jahren zugewandert war.

Für die bereits erwähnte Statistik der Kultusgemeinden in Österreich bat 1872 der Stadtmagistrat Innsbruck den Bankier Markus Loewe um die Erhebung der geforderten Daten. Loewe gab an, dass in Innsbruck zwölf männliche und 15 weibliche Israeliten wohnten – womit nur die Zahl der volljährigen Erwachsenen gemeint sein konnte.24

Seine weiteren Angaben geben einen kleinen Einblick in die religiöse Situation der Innsbrucker Juden:

„Cultusbeamte existiren hier keine, ebensowenig eine Schule. Innsbruck untersteht dem Rabbinat Hohenems in Vorarlberg. Als Synagoge dient ein in der Judengasse No. 107 im 5ten Stock gelegenes Betzimmer, welches Eigenthum der Herren Brüder Dannhauser hier ist. Begräbnißplatz befindet sich hier Einer, neben dem städtischen Friedhof. Wolhthätigkeits Anstalten & Vereine, die speziell von den hiesigen Israeliten gegründet, bestehen hier keine.“25

Dass sich das Betzimmer im Haus der Familie Dannhauser befand, ist kein Zufall: Schon um 1670 kauften die Brüder May dieses Haus; ab 1775 war Gabriel Uffenheimer dessen Eigentümer und seit 1784 gehörte es der Familie Dannhauser, die sich seither immer um die religiösen Angelegenheiten der Innsbrucker jüdischen Gemeinde kümmerte.

Für einzelne Persönlichkeiten wie Ezechiel Dannhauser oder Markus Loewe lässt sich belegen, dass Juden gesellschaftliches Ansehen nicht grundsätzlich verwehrt blieb.

Bei Markus Loewes Tod hieß es, der Bankier habe „in den weitesten Kreisen der Geschäftswelt auch außerhalb Tirol und Oesterreich den besten Ruf eines coulanten, tüchtigen und vertrauenswürdigen Geschäftsmannes“ genossen „und stand hier bei allen Berufskreisen in großem Ansehen“.26 Die Innsbrucker Nachrichten würdigten die „hohe Achtung und die große Beliebtheit, deren sich der biedere, leutselige alte Herr in allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung erfreut hatte“.27

Im liberalen Vereinswesen der Stadt waren seit den 1860er Jahren auch Juden präsent: Sie waren Mitglieder sowohl im Innsbrucker Turnverein wie in der Innsbrucker Liedertafel, im Kaufmännischen Verein oder im Verein des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum. Sie wurden als Geschworene berufen und engagierten sich in Interessensvertretungen, besonders in der Handelskammer und in den Institutionen des gewerblichen Bildungswesens. Universitätsprofessoren und Ärzte, später auch mancher interessierte Händler traten dem naturwissenschaftlichmedizinischen Verein Innsbruck bei, in dessen erstem, 1870 veröffentlichten Bericht Beiträge von Raphael Hausmann, Camil Heller – er war zu dieser Zeit 1. Vorstand des Vereins – und Ludwig Mauthner enthalten waren.28

Das folgende kurze Porträt stellt die um 1870 „älteste“ jüdische Familie Innsbrucks in dieser Übergangszeit vor.

Die Familie Dannhauser

Die Familie Dannhauser war nunmehr die älteste jüdische Familie in Innsbruck – obwohl sie erst ab 1784 nachweisbar ist, führte sie selbst sich auf das Jahr 1676, das Jahr der Vertreibung aus Hohenems zurück. Ein kurzer Rückblick soll die entscheidenden Veränderungen, die sich innerhalb dreier Generationen abspielten, veranschaulichen.

1784 war der mit Gabriel Uffenheimer verschwägerte Jakob Dannhauser von Fellheim nach Innsbruck gekommen; er wurde, da er mit seiner Frau Sara das Haus in der Judengasse 107 besaß, schließlich als „toleriert“ betrachtet. Nach seinem Tod im Jahr 1790 konnte daher sein ältester Sohn Abraham das Erbe antreten, dessen Brüder waren allerdings ständig von der Ausweisung bedroht und verließen letztlich in der bayerischen Zeit auch die Stadt. Die Söhne Abraham Dannhausers dienten bereits beim Militär – teils beim bayerischen, teils beim kaiserlichen Jägerregiment –, wanderten aber schließlich nach Frankfurt bzw. nach Frankreich aus. Der jüngste Sohn, Ezechiel, übernahm nun das väterliche Erbe. Wie sein Vater und nach dessen Tod seine Mutter führte schließlich Ezechiel Dannhauser eine „Trödlerei“ weiter, spezialisierte sich aber auf den Mineralienhandel, den auch seine Brüder und sein Schwager Isak Gebhard betrieben. Ezechiel Dannhauser trat nicht nur als Sprecher der Innsbrucker Juden in Erscheinung – nämlich im Gesuch um den neuen Friedhof im Jahr 1864 –, sondern auch in einer gewerberechtlichen Angelegenheit im Jahr 1850 als Vertreter der Innsbrucker Trödler, unter denen er der einzige Jude war.29

Ihm wurde nach seinem Tod 1869 auch ein besonders ehrender Nachruf gewidmet:

„Wir gaben am letzten Dienstag einem unserer wackersten Mitbürger das letzte Geleite. Es war der durch seinen Bieder- und Wohlthätigkeitssinn allgemein geachtete E. Dannhauser, Mineralog hier. Die rege, tiefe Theilnahme von Seite der Bevölkerung unserer Stadt ohne Unterschied der Stände gab hinlänglich Beweis, welchen Grad der Achtung und Liebe dieser würdige Greis durch sein ganzes Wesen erworben. Wie viel des Guten und Edlen der Dahingeschiedene im Stillen gewirkt, wie manchem Armen er wohlgethan, wie manchen Hungrigen in seinem Hause er gespeist, spricht ganz für seinen bescheidenen edlen Charakter, und für die wahre Menschenliebe, die er als Israelite ohne Unterschied des Glaubens an Jeden mit gleicher Liebe übte! – Friede seiner Asche.“30

Das besondere Ansehen der Familie Dannhauser zeigt sich auch in einem sehr seltenen Dokument, der „Leichenpredigt“ für Karoline Gebhard, einer Schwester Ezechiel Dannhausers, die mit Isak Gebhard verheiratet war. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1864 zog die Witwe zu ihrem mittlerweile in Salach als Fabriksbuchhalter lebenden Sohn David31 und dessen Frau, wo sie im Jahr 1879 starb. Ein in Teilen Deutschlands üblicher Brauch, die „Leichenpredigten“ drucken zu lassen, hat uns die „Rede am Grabe“, die ihr Rabbiner Max Herz hielt, überliefert. Darin wird Karoline Gebhard vor allem als religiöse Frau beschrieben. Einige näher auf die Persönlichkeit eingehende Sätze seien hier zitiert:

„Ja eine edle Frau ist’s, die wir ins kühle Grab betten. Nicht blos darum verdient sie diesen Namen, weil sie einer geachteten, angesehenen Familie entsproßte, in ihrem Hause einst sehr hochgestellte Personen, ja selbst Angehörige fürstlicher und gekrönter Häupter ein- und ausgiengen; edel nenne ich sie auch nicht blos wegen ihres feinen Taktes und Benehmens, das sie befähigte mit den Edlen und Großen der Erde zu verkehren, und sich deren Achtung und Werthschätzung zu erwerben, sondern […] ob des Adels ihrer Gesinnung und Denkweise, ob der schönen Tugenden, die sie schmückten, und die das Weib zu einem edlen und biederen machen.“

Der Rabbiner schildert Karoline Gebhard als besonders gottesfürchtige Frau, die sich mit Gottes Wort „so vertraut gemacht hatte, daß sie noch im Greisenalter ganze Abschnitte aus demselben aus dem Gedächtnisse zu recitiren vermochte“. Gebhard war in den letzten zehn Jahren ihres Lebens vollständig erblindet. Sie habe, so der Rabbiner, „so lange und so weit sie es vermochte“ die religiösen Vorschriften geübt, sei gleichzeitig aber „frei von jeder lieblosen Gesinnung gegen Andersdenkende und Andersglaubende“ gewesen.32

Die Erzählung von gekrönten Häuptern, die bei Dannhauser und Gebhard Edelsteine gekauft haben, hat sich bis in die jüngsten Generationen der Nachkommen erhalten.33 Unklar bleibt, warum die Familie trotzdem kein Vermögen erwarb, Isak Gebhard ein sehr beschwerliches Leben führte34 und letztlich Ezechiel Dannhausers Söhne für die Familie sorgen mussten.

Einige Jahre vor Ezechiels Tod, im Dezember 1860, hatten seine Söhne Jakob und Wilhelm im elterlichen Haus ein kleines Weißwarengeschäft gegründet. Der Übergang von dem offiziell immer noch als „Trödlerei“ geltenden Mineralienhandel des Vaters auf den Textilhandel dürfte durch die neue Gewerbeordnung des Jahres 1859 ermöglicht worden sein – zumindest ersparten sich die beiden Brüder ein umständliches Bewilligungsverfahren.

Zur Gründung dieses Geschäfts notierte Wilhelm Dannhauser Jahrzehnte später, „außer sehr viel Mut & den guten Willen unserem guten Vater die große Sorge für eine Familie von 9 Köpfen Brot zu schaffen, abzunehmen, brachten wir nicht viel mit“. Das Geschäft gedieh, wurde um einen En-Gros-Verkauf erweitert, mit der „Konfektionierung“ von Wäsche begann der Einstieg in die Produktion. Die Versorgung der Familie gelang, wie Wilhelm Dannhauser 1925 resümierte: „Es glückte uns auch unsere 4 Schwestern zu verheiraten & unseren l[ieben] Eltern ein sorgenfreies Alter zu schaffen.“35

Die vier Schwestern wurden nach auswärts verheiratet, wie es auch bisher in Innsbruck üblich war, während in den folgenden Jahrzehnten sehr viele Verehelichungen mit einem Zuzug der Braut oder des Bräutigams nach Innsbruck verbunden sein sollten. Die beiden Brüder Jakob und Wilhelm waren markante Persönlichkeiten, wie im Folgenden gezeigt wird.

Jakob Dannhauser – der Freimaurer

Jakob Dannhauser war wie sein Bruder Wilhelm für den Wareneinkauf viel unterwegs. Es wird wohl auf seinen Geschäftsreisen gewesen sein, dass er mit der Freimaurerei in Berührung kam. Denn in Österreich war den Freimaurern jede kultische Betätigung verboten, und nur mit Mühe gelang es ihnen, wenigstens als „Humanitätsvereine“ zugelassen zu werden und so den Kontakt aufrecht zu erhalten.

Im Sommer 1869 trat Jakob Dannhauser der neugegründeten Loge „Zur Einigkeit im Vaterland“ in Pest bei – das Verbot galt in Ungarn nicht – und in der Folge publizierte er mehrmals in der in Leipzig erscheinenden Freimaurer-Zeitung. Einige dieser Beiträge erhellen die Denkweise dieses Mannes und können daher als Einblick in die Geisteswelt eines Innsbrucker Juden – wenn er auch nicht als typisch gelten mag – dienen. Meistens in schwärmerisch gehaltenen Gedichten gab der 35-jährige Kaufmann seinen Gedanken Ausdruck; konkret lässt sich erkennen, dass Dannhauser die Erziehung der Kinder und Jugend für die größte Aufgabe der Gegenwart hielt.

Zunächst entrichtete er jedoch im Juli 1869 seinen Brüdern einen „Gruss aus Tirol“.36

Gruss aus Tirol.

Seid mir gegrüsst, Ihr Brüder all

Vom hohen Norden und vom Süd,

Mein Gruss sei kräftig, dass sein Schall

Auch nach dem Ost und West hinzieht! –

Seid mir, Ihr Brüder all, gegrüsst

So warm, so treu und rein,

Ein ehrlich Herz sich an Euch schliesst,

Treuer wohl kanns nicht sein! –

Nach sehnsuchtsvollen Stunden

Hab ich den Fels erklommen,

Ich hab Euch nun gefunden,

Ihr hiesset mich „willkommen“!! –

Wohl nicht in meiner schönen Heimath

Fand ich der Brüder treue Hand; –

bis endlich mich so mancher Pfad

Geführt ins schöne Ungarland.

Wo Bruderherzen ich gefunden,

Die neue Heimath sich erschloss; –

Denn zu des Lebens schönsten Stunden

Zähl ich mein Sein in Eurem Schooss!! –

Dort in des Landes Metropol,

Am fernen üppigen Donaustrand,

Mir gar so warm entgegenquoll

Der Quell: „Zur Einigkeit im Vaterland“!! –

Als ich betrat die heilige Schwelle

Die Pforte mir geöffnet ward,

Und Licht mir wurde, auf der Stelle

Die Brüder sich um mich geschaart, –

Da wars ein mächtig Fühlen, Denken,

Wohl überschwänglich gross und rein;

„Mögst dus, o Gott, zum Guten lenken,

Gelobt ichs ja, Euch treu zu sein“!! –

„Mit Euch zu leben,

„Mit Euch zu sterben.

„Mit Euch zu ringen,

„Empor mich zu schwingen,

„Mich aufzuraffen,

„Im edlen Schaffen

„Nicht zu erschlaffen,“ –

Sei meines Lebens höchstes Ziel!! –

Nochmals gegrüsst, Ihr Brüder all

Vom hohen Norden und vom Süd,

Aus Tirols Bergen dringt der Schall,

Der auch nach Ost und West hinzieht!! –

Innsbruck, im Juli 1869.

Jacob Dannhauser

Jakob Dannhauser scheint sich sehr intensiv mit den freimaurerischen Verhältnissen befasst zu haben, denn schon im November 1869, also nur wenige Monate nach seiner Aufnahme, trat er mit einem längeren Artikel – „Maurerische Gedanken!“ – an die Öffentlichkeit, aus dem zunächst eine Passage zitiert sei, in der Dannhauser unter dem Titel „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ die Ziele des Freimaurertums zusammenfasst:

„Um aber zur wahren Freiheit dauernd zu gelangen, müssen wir selbst erst den Grundstein legen, auf die Erziehung und Bildung unserer Jugend einwirken, auf die grosse Masse des Volkes unser Augenmerk richten, sie belehren und bilden, an uns heranziehen, und dann, wenn wir auf deren sittliche und geistige Entwickelung hingewirkt, wenn wir sie gelehrt:

das Wahre vom Unwahren, das Reine vom Unlautern, das Gute vom Bösen, das Edle vom Gemeinen, und die wahre reine Religion vom Fanatismus und frommen Betrug zu unterscheiden, wenn wir ihr empfindungsloses Herz der göttlichen Natur zugeführt und sie den wahren Grund ihres Daseins begreifen gelehrt und sie auf dem Niveau sittlichen und vorurtheilsfreien Denkens und Wollens gebracht, dann wohl stehen wir auf der Stufe reiner geistiger Freiheit, und durch die erst kann die physische und materielle Freiheit gefördert werden. […]“37

In diesem Artikel, der mit „Innsbruck, im Novbr. 1869“ datiert ist, scheut sich Dannhauser auch nicht, die Brüder in den preußischen Logen direkt anzusprechen und ihnen einen Spiegel vorzuhalten – denn diese nahmen keine Juden auf:

„Zu Euch also, ihr Brüder im Norden, dringe der Ruf, die Bitte, jenes alte Unkraut des Vorurtheils aus Euren Herzen zu bannen, jenes mittelalterliche Unding aus Eurer Mitte zu scheiden und Jedem, der Eurer würdig, Eure Hütte zu öffnen und Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit an ihm zu üben!“38

In Innsbruck war Dannhauser als Freimaurer isoliert, wie er im Dezember 1869 wissen ließ: „Einsam wie ich hier stehe, erregt alles, was unsern grossen Weltbund betrifft, mein besonderes Interesse, und nehme ich an allen bezüglichen Mittheilungen den wärmsten brüderl. Antheil“, schrieb er in einer „Rundschau“39 an die Freimaurer-Zeitung. In diesem Artikel besprach er eine Schrift „Weltbürgerthum und Schule“, die Beachtung verdiene:

„[…] denn sie weist uns den rechten Weg zur Erziehung und Heranbildung unserer Kinder, der gesammten Jugend, stellt das Verhältniss des Lehrers zum Schüler, und umgekehrt in so schöner Weise dar, worin er Lehrer sich in Gestalt eines Freundes, Erziehers und Rathgebers zeigt, und wohlthuend und nachhaltig auf seinen Pflegebefohlenen einwirkt, denn nur so und nicht anders lässt sich auf die geistige und sittliche Entwicklung der jungen Welt einwirken.

[…] unsere Hauptaufgabe ist daher, die Kinder sittlich religiös, rein zu erziehen, auf deren geistige und auch körperliche Entwicklung hinzuwirken, (die eine fordert die andere) und ihnen Gelegenheit zu geben, sich mit allen für das Leben erforderlichen Kenntnissen auszustatten, den Keim zu allem, was edel, schön und gut ist, zu legen, um ihnen die Grundlager für Heranbildung tüchtiger gediegener Menschen und Mitglieder des Gemeinwesens zu schaffen […]“40

Um diese Zeit – 1870 oder 1871 – zog Jakob Dannhauser schließlich nach Wien, um eine Filiale der Firma „Brüder Dannhauser“ einzurichten und „die Herrenwäschefabrication für den Export in größerem Maaße zu inszeniren“41. Wir finden ihn in diesen Jahren noch als Vorsitzenden des wöchentlichen Wiener „Freimaurerkränzchens“42, das im Jahr der Weltausstellung 1873 als „Internationales Freimaurerkränzchen“43 bezeichnet wurde. Damit enden die freimaurerischen Nachrichten über Jakob Dannhauser; möglicherweise, weil er mit dem Aufbau des Geschäfts zu beschäftigt war, das zunächst sehr erfolgreich agierte, in den 1880er Jahren aber Schiffbruch erlitt.

Freimaurer-ZeitungTiroler Volksblatt