3588.jpg

Dr. med. Günther Loewit

Sterben

Zwischen Würde und Geschäft

Inhalt

Titel

Zitat

Vorwort

Sterben und Tod I: Das Leben

Sterben und Tod II: Die Gesellschaft

Sterben und Tod III: Die Medizin

Nachwort

Dr. med. Günther Loewit

Zum Autor

Impressum

Weitere E-Books aus dem Haymon Verlag

Weitere E-Books aus dem Haymon Verlag

Death must be so beautiful. To lie in the soft

brown earth, with the grasses waving above one’s

head, and listen to silence. To have no yesterday,

and no tomorrow. To forget time, to forgive life,

to be at peace.

Oscar Wilde

Vorwort

Nicht den Tod sollte man fürchten,
sondern dass man nie beginnen wird zu leben.

Marcus Aurelius

Herr P. liegt im Sterben. Er ist 90 Jahre alt. Seit 2 Tagen gelingt es der Krankenpflegerin nicht mehr, das künstliche Gebiss in Ober- und Unterkiefer zu platzieren. Zu starr und unbeweglich ist die Muskulatur des senilen Gesichts. Die blassgelbe Hautfarbe, Schweißperlen auf der Stirn, das zugespitzte Kinn und die eingefallenen Augen ohne Glanz geben ihm das typische Aussehen eines Sterbenden. Kinder und Enkelkinder stehen um sein Bett.

Seit 24 Stunden ist er nicht mehr erweckbar. Nicht mehr ansprechbar. Nicht mehr erreichbar. Niemand weiß, wo er ist, niemand weiß, ob er Schmerzen leidet. Ob und wie er noch fühlt. Sein Gesichtsausdruck ist ernst, gefasst. Aber nicht schmerzverzerrt. Die Lunge rasselt bei jedem Atemzug. Die Brust hebt und senkt sich unwirklich und maschinenhaft.

Immer wieder setzt der Atem für längere Zeit aus. In diesen Sekunden kehrt absolute Entspannung, ja Frieden in sein Antlitz. Vorübergehend. Dann beginnt der Brustkorb wieder, sich wie wild auf und ab zu bewegen. Das Gesicht wirkt während dieses Ringens um Luft angespannt, Herr P. kneift die Lippen zusammen. Kurz öffnet er die Augenlider ein wenig, ohne den Blick auf irgendeinen Punkt zu richten. Die Pupillen bleiben starr und trüb. Auch jetzt reagiert er weder auf Worte, noch auf die vorsichtigen Berührungen seiner Nächsten. Aber das heftige Atmen scheint eine Last, eine enorme Anstrengung zu bedeuten.

Nach zehn bis fünfzehn solcher Atemzüge fällt er wieder zurück, in eine totenähnliche Stille. Das Gesicht erholt sich von den Strapazen des scheinbar verzweifelten Kampfes um Luft. Ruhe. Erneute Entspannung. Ein letztes Kräftesammeln für ein vorletztes, für ein letztes Atemringen.

Etliche Stunden führt er diese Auseinandersetzung mit dem Tod. Er tut es konsequent, ohne Pausen, ohne zu rasten, ohne zu klagen. Es wirkt wie eine letzte große Arbeit, die noch getan werden muss. Man hat das Gefühl, dass Herr P. dabei nicht gestört werden möchte.

Dann, irgendwann, bleibt die Ruhe. Verschwindet die letzte Anspannung aus dem Gesicht. Hebt sich die Brust nicht mehr. Bleiben die Augen geschlossen, der Mund leicht geöffnet.

Herr P. bewegt sich nicht mehr. Nie mehr.

Herr P. ist gestorben.

Immer noch der gleiche Mensch im selben Bett wie vor wenigen Sekunden, aber nicht mehr am Leben.

Und doch noch nicht tot.

Denn auch der Tod braucht seine Zeit, um gänzlich Besitz vom leblosen Körper Herrn P.s zu ergreifen.

Meine ersten Erinnerungen überhaupt handeln von zu Hause, von Mutter und Vater, den Geschwistern, in der Reihenfolge ihres Auftretens im gemeinsamen Leben, und von Erlebnissen mit heute längst verstorbenen Menschen. Es sind Erinnerungen, die vom Entdecken des Lebens und der Welt handeln. Der Tod kommt in ihnen aber nicht vor.

Irgendwann, mitten in meinem 12. Lebensjahr, ist die Mutter eines Mitschülers im Alter von 42 Jahren an einem Herzinfarkt verstorben. Im ganzen Wohnblock – die Familie wohnte in der Nähe – herrschten blankes Entsetzen und Aufregung. Tagelang wurde von nichts anderem gesprochen. Wie konnte eine so junge Frau plötzlich sterben und nicht mehr da sein? Vom armen Witwer und von den unversorgten Kindern war die Rede. Dabei wurden die zwei Buben von allen anderen Müttern, so schien es, mit mehr Gefühl, Naschereien und Kuchen verwöhnt, als mir damals logisch erscheinen wollte.

Der ganze Rummel, die ganze Erregung um den Tod der angeblich so jungen Mutter war mir unverständlich. Wie konnten die Menschen ringsum eine 42-jährige Frau als jung bezeichnen? In den Augen eines 12-Jährigen war man mit 42 alt und konnte ruhig sterben, ohne dass deshalb die Welt zusammenbrechen müsste. So, wie die Welt im Wohnblock für einige Zeit zusammengebrochen ist. Lediglich die Tatsache, dass ein gleichaltriger Mitschüler seine Mutter verloren hatte, berührte mich insofern, als eine Welt ohne die eigene Mutter einfach unvorstellbar gewesen wäre.

Meine erste persönliche Begegnung mit dem Tod fand Jahre später im ersten anatomischen Sezierkurs zu Beginn des Medizinstudiums statt. Wir wurden einander weder vorgestellt noch auf die Begegnung vorbereitet. Unvermittelt trat er in mein Leben. Er reichte mir eine kalte, steife Hand.

Eine Hand mit Unter-, Oberarm und Schulter. Aber ohne Körper. Auf einem blank gescheuerten Blechtisch in einem nach Formaldehyd riechenden Raum. Die berührten, blassen Gesichter der drei Mitstudenten sind mir bis heute in Erinnerung geblieben.

Die weißen Mäntel, die wir nicht ohne Stolz trugen, mahnten in dem Augenblick ein, dass die Berufswahl getroffen war. Wessen Hand sollte da mit Pinzette und Skalpell zerteilt und in all ihren Funktionen verstanden werden? War es eine Frauen- oder eine Männerhand? Was hatte dieser Arm alles umfangen, wen hatten die Finger berührt? Zu welchem Körper gehörte sie? Woran und warum war der Körper dieses Menschen gestorben? Wie würde sich die kalte Haut anfühlen? Viele Minuten lang irritierte und lähmte uns der leblose Arm. Unsicher und schweigsam verlief der erste Kontakt mit der Hand eines toten Menschen. Erschrocken und ergriffen zugleich.

So wurde mir mit 19 Jahren zum ersten Mal bewusst, was der lebenslang gehegte Wunsch, Arzt zu werden, noch alles mit sich bringen würde. Der tote Körperteil bewegte und berührte jeden von uns Studenten auf seine Art. Und erst heute erkenne ich im Rückblick, wie wichtig es ist, werdende Mediziner so früh wie möglich mit dem Tod zu konfrontieren.

Nach Jahrzehnten, mitten im Berufsleben als Land- und Notarzt, begegnete mir noch einmal ein abgetrennter Arm. Der Tod hat zu diesem Zeitpunkt schon viele seiner Formen und Gesichter gezeigt.

Ich wurde während eines Sommergewitters zu einem Verkehrsunfall gerufen. Als ich mit Blaulicht am Unfallort eintraf, hatte die Polizei die Straße bereits abgesperrt. Die Ruhe war gespenstisch. Man hörte nur den Wind im reifen Korn auf den Feldern ringsum. Der in der Schulter des Opfers abgetrennte Arm lag 150 Meter weit von der Unfallstelle entfernt mitten auf der Fahrbahn. Vom Rückspiegel eines Autos mitgerissen. Ganz alleine am regennassen Asphalt, erinnerte er mich an die Extremität am Blechtisch. Der junge Motorradfahrer muss auf der Stelle tot gewesen sein. Die Brutalität des Unglücks und die grausame Schnelligkeit dieses Todes berührten mich noch einmal ähnlich tief wie der erste tote Arm, 20 Jahre zuvor.

Gegen Ende des Medizinstudiums, ich famulierte zu dem Zeitpunkt auf der Herzchirurgie, stellte mir der Tod zum ersten Mal eine Art Gretchenfrage. Jeden Abend begleitete ich – nicht ohne Stolz – den Abteilungsleiter bei der Visite. Und wie bei jedem Stationsrundgang kamen wir auch an jenem Tag wieder zum Zimmer einer langzeit-beatmeten Patientin. Während ihrer Herz-OP hatte sie einen Schlaganfall erlitten. Sie war nie mehr aus der Narkose aufgewacht, sondern für immer ins Koma gefallen. Nach ein paar Tagen wurde sie als hoffnungsloser Fall samt ihrer Beatmungs­maschine von der Intensivstation auf die Bettenstation verlegt. Die Angehörigen hofften immer noch auf ein Wunder. Aber die Situation verschlimmerte sich nur von Tag zu Tag. Und da standen wir vor ihr, mein Lehrer und ich. Ich sehe ihr aufgedunsenes Gesicht noch vor mir und habe ihren Namen bis heute nicht vergessen. Die Abendsonne schien ins Zimmer. In einem Glaszylinder sah man den Kolben auf und ab laufen, der ihr die Luft in die Lunge presste. Dieses Bild eines reduzierten menschlichen Lebens berührte und beschäftigte mich. Entsetzt und entrüstet stellte ich an jenem Abend meinem Begleiter die Frage, was das noch für ein Leben sein sollte. Eine Zeit lang schwieg und überlegte der Dozent. Dann sah er mir ruhig in die Augen und sagte: „Wenn du willst, darfst du die Maschine abstellen.“ Dabei zeigte er mit einer knappen Geste auf den Ein/Aus-Schalter. Für den Bruchteil einer Sekunde war ich mir sicher, den Schalter betätigen zu wollen. Aber dann setzte ein Nachdenkprozess ein, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist.

Als jungen Arzt berührte mich der Tod älterer Patienten lediglich in Form der betroffenen Angehörigen. Der eigene Tod war aus meinem Blickfeld verschwunden, die Zeit bis dahin schien noch unendlich lang zu sein. Als Arzt arbeitete ich dem Tod zu, begleitete Patienten und dachte nicht ans eigene Sterben. Inzwischen sterben aber schon immer häufiger Patienten, denen deutlich weniger Lebensjahre als mir vergönnt waren. Der Tod kommt also näher und näher. Zieht seine immer engeren Kreise, nicht nur um Patienten, Familie und Freunde, sondern auch um das eigene Leben. Dieses Wissen macht die verbleibende Zeit zunehmend wertvoll.

32 Jahre Arztsein haben dem Tod ein schärferes und genaueres Gesicht gezeichnet. Er wurde ein nicht abweisbarer und nicht abzuschüttelnder Weggefährte. Wir teilen uns die Patienten, sozusagen. Zuerst überlässt er sie uns Ärzten, dann müssen wir sie ihm überlassen. Gegen ihn zu kämpfen, wie es immer als oberste Pflicht eines Arztes angesehen wird, erscheint mir heute in einem etwas anderen Licht. Denn der Kampf gegen den Tod ist immer nur vorübergehend zu gewinnen. Und das Blaulicht als Symbol für die ärzt­liche Dringlichkeit ist schon längst vom Dach meines Autos verschwunden.

Den Tod als notwendiges Ende des Lebens zuzulassen ist für mich Bestandteil unendlich vieler Patientengespräche geworden. Erst das Integrieren des Todes in die gemeinsamen medizinischen Bemühungen nimmt manchem Patienten den Druck, um jeden Preis gesund und jung bleiben zu müssen.

Immer wieder höre ich, wie erfüllend und befriedigend der Beruf des Landarztes doch sein muss. Die Antwort darauf lautet seit einiger Zeit monoton, aber wohlüberlegt und abgewogen: „Ja, der Beruf ist erfüllend … und das eigene Lebenswerk kann jederzeit am Ortsfriedhof bewundert werden.“ Allerdings gibt es auf keinem einzigen Grabstein eine Inschrift, die „ohne meinen Arzt könnte ich hier nicht ruhen“ lauten würde.

Als älter werdender Hausarzt überblicke ich in vielen Häusern drei, vier und sogar fünf Generationen von Menschen. Gegen diesen Aspekt der Lebensbetrachtung, und das wird mir erst in den letzten Jahren richtig bewusst, hat der Tod allerdings keine Chance. Das egozentrische Weltbild, das sich nur mit dem eigenen Leben und auch nur mit dem eigenen Tod beschäftigt, weicht zunehmend einem breiteren Blickwinkel, in dem es auch um die Menschheit an sich geht.

Der Apple-Gründer Steve Jobs hat den bevorstehenden eigenen Tod sehr beeindruckend mit den Worten „Der Tod ist vielleicht die beste Erfindung des Lebens. Er ist der Unternehmensberater des Lebens. Er mistet das Alte aus, um Platz für das Neue zu schaffen“ kommentiert. Der Satz hat mich in seiner Reife berührt.

Die Vorstellung, dass ich nach einem Leben voller medizinischer Aktivität und intensiver Beschäftigung mit Menschen in allen Lebenslagen selbst dem Tod ausgeliefert sein werde, ist manchmal bedrückend, manchmal aber auch tröstlich. Bewusst geworden ist mir im Lauf der Jahre aber, dass der Mensch nicht die Art des eigenen Todes, sondern nur die Art des eigenen Lebens selbst bestimmen oder zumindest mitbestimmen kann.

Sehr treffend hat der Evangelist Matthäus das Dilemma unserer Zeit vorweggenommen: „Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren.“ Das angstvolle Klammern an einem Leben um jeden medizinischen Preis lässt viele von uns schon lange vor dem Tod sterben. Denn ein Leben, das nur noch um seiner selbst willen erhalten wird, verliert Inhalt und Lebendigkeit.

Sich vor dem Tod zu fürchten ist vermutlich genauso wenig sinnvoll, wie den nächsten Winter verhindern zu wollen. Fürchten sollte man sich nur vor vergeudeten Lebenstagen. Letztlich sollte also im Verlauf des Lebens in jedem Menschen der Gedanke reifen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Tod auch dem eigenen Leben ein Ende setzen wird. Die Medizin spielt dabei lediglich eine untergeordnete Rolle. Denn sterben muss jeder Mensch alleine, und für sich selbst. Und prinzipiell nur ein Mal.

Ein Ärzte-Sprichwort, das gerne im Zusammenhang mit dem Stellen von Diagnosen verwendet wird, lautet: „Erstens gibt es nichts, was es nicht gibt, und zweitens ist das Häufigere das Häufigere.“ Das bedeutet, dass man als Arzt zwar an alle Eventualitäten denken sollte, sich aber auch darauf verlassen kann, dass – statistisch gesehen – die meisten Krankheiten harmlos sind und so, wie sie gekommen sind, auch wieder von selbst gehen werden.

Ähnlich verhält es sich mit Einzelfall und Statistik.

Wenn von 100 Patienten, die erfolgreich reanimiert werden, bei denen die Reanimation aber länger als zehn Minuten gedauert hat, nur einer ein einigermaßen normales Leben weiterführen kann und die rest­lichen 99 als Wachkomapatienten enden, so wird diese statistische Aussage dem einen geretteten Menschen belanglos erscheinen. Weil die Statistik im Einzelfall nicht gilt.

Aber trotzdem lügt die Statistik nicht.

So soll in diesem Buch trotz der häufigen Beschreibung von Einzelfällen immer das größere Ganze im Blick behalten werden. Es muss tragfähigen Arzt-­Patient-Beziehungen überlassen werden, individuelle Entscheidungen zu treffen. Jeder Mensch, jeder Patient ist eine Besonderheit. Jede schwere Krankheit eine individuelle Tragödie. Jeder Tod so einzigartig wie das ihm vorausgegangene Leben.

Mein ganzer ärztlicher Respekt gilt in jeder Situation stets dem einzelnen Patienten. Trotzdem wähle ich in diesem Buch immer wieder auch den übergeordneten Blick auf die medizinisch-gesellschaftlichen Eigenheiten unserer Zeit im Umgang mit dem Sterben und dem Tod. Manche der getätigten Aussagen mögen hart klingen, vielleicht auch im Moment unannehmbar sein, wenn sie ein betroffener Leser auf den individuellen Einzelfall bezieht. Aber nur, wenn man den Blick vom Einzelfall weg auf die großen Zusammenhänge lenkt, lässt sich verstehen, warum unsere Gesellschaft den natürlichen Umgang mit dem Tod verlernt und sich in ein Netz aus ökonomischen Abhängigkeiten, medizinischer Illusionen und unrealistischen Erwartungen gegenüber dem Leben und Sterben verstrickt hat.