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Klaus Brandstätter

JÜDISCHES LEBEN IN TIROL IM MITTELALTER

HAYMONverlag

© 2013

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

Covergestaltung: hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Inhalt

Vorwort – Vom jüdischen Leben im historischen Tirol 1300–1805

Grundzüge der Geschichte der Juden im mittelalterlichen Europa

Juden im Alttiroler Raum im Mittelalter

Siedlungsgeschichte

Herkunft, Migration, Beziehungen zu Juden anderer Städte

Die rechtliche Situation

Berufliche und wirtschaftliche Aktivitäten

Gemeinden und Gemeindeinstitutionen

Leben in der Stadt

Diffamierung, Vertreibungsabsichten, Ritualmordprozesse

Zusammenfassende Bemerkungen

Anmerkungen

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Autor

Vom jüdischen Leben im historischen Tirol 1300–1805

Thomas Albrich

Seit über 700 Jahren leben Jüdinnen und Juden in Alttirol, das historisch das heutige Trentino, Südtirol, Nord- und Osttirol umfasste und seit den 1780er Jahren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs sowie zwischen 1938 und 1945 auch Vorarlberg inkludierte. Die vor 1803 noch unabhängigen Bistümer Brixen und Trient werden im vorliegenden ersten Band natürlich mitbehandelt. Geografisch umfasst der in den drei Bänden be- handelte Raum daher (fast) immer den Raum der heutigen österreichischen Bundesländer Tirol und Vorarlberg sowie die italienische Region Trentino-Südtirol. Der erste Band behandelt die Anfänge einer jüdischen Existenz in Tirol von ca. 1300 bis 1805, als ganz Tirol und Vorarlberg zum Königreich Bayern kamen.

Die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Tirol und Vorarlberg war von den Anfängen bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts gekennzeichnet durch Ansiedlungsbeschränkungen, Verbote und Vertreibungen. Jüdische Gemeinden konnten sich bis ins 17. Jahrhundert nicht etablieren, es gab nur Ansiedlungen einzelner tolerierter jüdischer Familien in Bozen, Trient und Innsbruck. Während sich in Tirol an dieser Grundsituation bis zum Abschluss der staatsbürgerlichen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung durch die Staatsgrundgesetze von 1867 nichts änderte, gewährte Graf Kaspar von Hohenems im Jahre 1617 die Ansiedlung einer jüdischen Gemeinde in Hohenems, die mit einer kurzen Unterbrechung – der Vertreibung ins benachbarte Sulz im 18. Jahrhundert – bis zur Zerstörung 1940 dort existierte.

Während die Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts mittlerweile aufgrund unserer Forschungen und Publikationen der vergangenen Jahre zumindest biografisch gut aufgearbeitet wurde1, fehlt für die Jahrhunderte zwischen 1300 und 1800 noch eine ausführliche Darstellung für Tirol.2 Diese Lücke wird im vorliegenden Band weitgehend geschlossen.

Wer waren die Jüdinnen und Juden, die vor 1805 in Alttirol lebten? Im Mittelalter treten Juden erstmals um 1300 in den Tiroler Quellen auf: Isaak von Lienz ist zu dieser Zeit der wichtigste Geldgeber im Ostalpenraum. Zusammen mit den anderen damals im Tiroler Raum ansässigen Juden dürfte er aus der Friauler Gegend zugezogen sein. Die Nachrichten über diese erste Phase jüdischen Lebens in Alttirol enden jedoch schon um 1330. In der Folge ließen sich bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts einige aus dem Norden zugewanderte Juden in Tirol nieder, darunter der in Innsbruck wohnhafte Salomon, der bis 1347 belegt ist. Ob es auch in Tirol anlässlich der großen Pestepidemie des Jahres 1348 zu Verfolgungen kam, wie dies für viele Städte des römisch-deutschen Reiches belegt ist, lässt sich den spärlichen regionalen Quellen nicht entnehmen. Eine dritte, im ausgehenden 14. Jahrhundert einsetzende Phase jüdischer Präsenz in Tirol ist durch eine markante Vermehrung der Siedlungsorte gekennzeichnet. Jüdische Bewohner finden sich nunmehr in Lienz, Innsbruck, Hall, Mils, Brixen, Glurns, Meran, Bozen, Kaltern sowie in Trient und in einigen anderen Gemeinden des Trienter Hochstifts. Noch in diesem Jahrhundert fand aber die jüdische Ansiedlung an den meisten dieser Orte schon wieder ein Ende. Ritualmordprozesse führten zur Vernichtung der Judengemeinden in Lienz und in Trient, und der Trienter Prozess des Jahres 1475 dürfte den Tiroler Landesfürsten zur Ausweisung aller Tiroler Juden veranlasst haben. Auch nach der Rückkehr bzw. dem Zuzug neuer jüdischer Familien nach Tirol lebten bis 1867 keine Jüdinnen und Juden mehr in Trient.

Kurz nach 1500 tauchen vereinzelt wieder jüdische Familien in Bozen und wenig später auch in Innsbruck auf. Wichtig sind im Laufe des Jahrhunderts vor allem die Bassevi im südlichen Landesteil oder die May, die bis nach 1700 Hofjuden und Hoffaktoren in Innsbruck waren. Im 16. und 17. Jahrhundert lebten immer einige wenige jüdische Familien in Tirol, die aber keine Gemeinde bilden konnten. Einschneidend für die antijüdische und später antisemitische Zukunft vor allem in Nordtirol waren die Aktivitäten und Veröffentlichungen von Hippolyt Guarinoni, der seit etwa 1620 den bislang sehr lokalen Kult um Andreas von Rinn im Inntal und auch landesweit bewarb. Hundert Jahre später wurde auch die Legende um Ursula Pöck in Lienz neu belebt und 1744 der Tod des Franz Thomas Locherer in Montiggel bei Eppan zu einer neuen Ritualmordlegende gemacht.

Anders die Lage in Vorarlberg, wo die jüdische Gemeinde in Hohen-ems immer größer wurde. Um 1750 lebten die Uffenheimer in Innsbruck und Hohenems als Hoffaktoren und Großhändler und waren auch auf den Märkten in Bozen anzutreffen. Ab den 1780er Jahren treffen wir neben den Uffenheimern auf die Familien Weil, Dannhauser und Bernheimer in Innsbruck sowie die Familien Hendle und Gerson in Bozen.

In der bayerischen Zeit zwischen 1806 und 1814 begegnen wir einer relativ geschlossenen jüdischen Gemeinde in Innsbruck, die durch die Ereignisse des Jahres 1809 schwer geschädigt wurde. Wir wissen, wer danach in Innsbruck lebte und blieb, wer wegzog und wer zuzog. Im restlichen Land gab es nur noch die Nachkommen des Markus Gerson in Bozen, aber noch immer keine Juden in Meran oder im Trentino.

Mit der Rückkehr Tirols und Vorarlbergs zu Österreich im Sommer 1814 begann eine neue Zeit. Im Vormärz bestimmten neue Männer wie Martin Steiner und David Friedmann das jüdische Leben in Nordtirol, und die Familie Schwarz und die Brüder Biedermann etablierten sich in Südtirol. Mit der rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung durch die Staatsgrundgesetze 1867 bot sich nun auch die Möglichkeit der freien Zuwanderung und Niederlassung in Tirol und Vorarlberg. Während die jüdische Bevölkerung Vorarlbergs zwischen 1857 und 1910, hauptsächlich durch Abwanderung in die Schweiz, aber auch in weiter entfernte Länder, von 515 auf 126 abnahm, erfolgte im gleichen Zeitraum in der ganzen Region Tirol durch Zuwanderung vor allem aus den östlichen Teilen der Monarchie, meist über einen Zwischenstopp in Wien, eine Zunahme von 33 auf 1750! Handelte es sich in Hohenems um eine in drei Jahrhunderten gewachsene Gemeinde, so war Tirol eine neue, junge Gemeinde. Diese Konstellation hatte zur Folge, dass die gesamte zugewanderte jüdische Bevölkerung Tirols nördlich und südlich des Brenners im Jahre 1938 theoretisch noch am Leben war und Opfer der NS-Verfolgung wurde. Immerhin starb Bertha Dannhauser, das älteste Mitglied der Innsbrucker jüdischen Gemeinde, erst im Alter von knapp 100 Jahren im Februar 1940. Sie gehörte noch zur „Urgemeinde“ der 33 im Jahre 1857 gezählten Jüdinnen und Juden Tirols. Die Zeit nach der Shoa war für die wenigen Überlebenden der NS-Lager und die Rückkehrer aus der Emigration viele Jahre lang schwer. Erst in den letzten zehn Jahren kann von einer Normalisierung die Rede sein.

Zum Abschluss möchte ich meinen beiden Mitautoren Klaus Brand-stätter und Heinz Noflatscher danken, die äußerst kompetent gearbeitet haben, auch wenn das ganze Unternehmen etwas länger gedauert hat, als ursprünglich geplant war. Ein besonderer Dank gilt Niko Hofinger, der die Bebilderung der drei Bände souverän durchführte. Weiters möchte ich Roland Sila und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum danken, die uns wie immer vor allem die umfangreichen Bildrecherchen sehr erleichtert haben. Zum Abschluss ein Dank an Verlagsleiter Markus Hatzer vom Haymon Verlag für die Geduld mit dem Projekt, Georg Hasibeder und Anna Stock für die kompetente Betreuung. Nicht zuletzt sei Esther Fritsch, der Präsidentin der IKG Innsbruck für Tirol und Vorarlberg, für ihre jahrelange Unterstützung gedankt, ebenso dem Österreichischen Nationalfonds sowie den zahlreichen teils großzügigen Geldgebern der öffentlichen Hand in Tirol, Südtirol, dem Trentino und in Vorarlberg, die das vorliegende dreibändige Buchprojekt erst möglich gemacht haben.

Innsbruck, im Oktober 2012

 

 

 

Grundzüge der Geschichte der Juden im mittelalterlichen Europa

Es gehört zu einer der grundlegenden Bedingungen für die Geschichte des Judentums im Mittelalter, Geschichte einer Minorität zu sein.1 Zwar wurden Juden als einzige nichtchristliche Bevölkerungsgruppe toleriert, und sie genossen einen gewissen Schutz vor Missionierung und Zwangstaufe. Aber ihr religiöses Anderssein führte, im Verein mit der allmäh-lichen beruflichen Spezialisierung, zu Misstrauen und Ablehnung von Seiten der christlichen Umwelt. Im Laufe der Zeit erwies sich die jüdische Bevölkerung als „universaler Sündenbock“2 wie geschaffen.

Im Mittelalter war die Stellung der Juden aufs Engste davon geprägt, wie das Christentum sich gegenüber dem Judentum verhielt, wobei die das christliche Bild von den Juden bestimmenden Elemente bereits in der Spätantike grundgelegt waren. Zwar galten die Juden weder als Heiden noch als Ketzer, jedoch sah man die Juden als verstockt und mit Blindheit geschlagen an, da sie die Gottheit Christi nicht anerkannten; aus diesem Grund wird im Mittelalter die Personifikation des Judentums, die Synagoge, in der Plastik immer wieder als Frau mit einer Augenbinde dargestellt. Ausgehend von der Annahme, der Gottesbund sei von den Juden auf die Christen übergegangen, erfolgte – z. B. bei Augustinus – die Schlussfolgerung, dass die Juden wegen ihres Unglaubens den Christen untertan sein sollten; dies führte in letzter Konsequenz zur Ausbildung des Begriffes der Knechtschaft, wonach die Juden wegen ihrer Mitschuld am Kreuzestod Christi zur ewigen Knechtschaft verdammt seien.3

Bereits zu Ende des 4. Jahrhunderts hatte Johannes Chrysostomus die Diaspora als gerechte Strafe für die Kreuzigung Christi, die Juden als Feinde Gottes und ihre Synagogen als „Quartiere von Teufeln“ bezeichnet.4 Allmählich wurden die „Kollektivschuld am Tode Jesu, Teufelssohnschaft und Knechtschaft […] zum integralen Bestandteil der mittelalterlichen Theologie“5, weshalb Juden bei Weltgerichtsszenen immer auf Seiten des Teufels und der Hölle erscheinen. Gerade diese theologische Missachtung führte später in Verbindung mit der besonderen wirtschaftlichen Situation, in der sich die Juden befanden, oft zu einer Verteufelung, zur Dämonisierung, zur Verdächtigung der Anwendung magischer Kräfte in Verbindung mit Verschwörungstheorien. Für ein friedliches Zusammenleben konnte dies selbstverständlich wenig förderlich sein.

Schon im Codex Theodosianus (438) wurden Juden von allen öffentlich-staatlichen Ämtern und Würden ausgeschlossen, wenn sich auch das spätantike Kaiserrecht grundsätzlich für die Duldung der Juden ausgesprochen hatte. Im Mittelalter unterstanden Juden von Anfang an dem Fremdenrecht, und als solche waren sie nur beschränkt rechtsfähig.6 Allerdings waren Juden lange Zeit im Fernhandel insbesondere mit dem Orient geradezu unentbehrlich, denn als Nichtchristen und Nichtmuslime waren sie dafür besonders geeignet und konnten von jüdischen Gemeinden an bedeutenden Handelsplätzen profitieren.7 Der Warenhandel stellte zweifellos lange Zeit die vorherrschende wirtschaftliche Tätigkeit der Juden dar, ohne dass man freilich von einer monopolartigen Stellung oder einer klaren Dominanz sprechen könnte.8 Vorwiegend als Warenhändler wurden sie auch von ihrer Umwelt wahrgenommen. Dies verdeutlicht eine Stelle in der Raffelstetter Zollordnung (um 900), in der von „Iudaei et ceteri mercatores“, von Juden und anderen Kaufleuten, die Rede ist. Aus diesem Grund hatte das Königtum am Schutz der Juden durchaus Interesse9, um ihre Handelstätigkeit nicht zu beeinträchtigen; bis in die Zeit des ersten Kreuzzuges wurde ihre Stellung durch vom Herrscher verliehene Spezialprivilegien geregelt.

Im Raum nördlich der Alpen etablierten sich größere Judengemeinden erst seit dem 10./11. Jahrhundert in den damaligen wirtschaftlichen Zentren und parallel zur Ausbildung des hochmittelalterlichen Städtewesens, etwa im Rheinland, an der Elbe, in Prag und Regensburg. Neben den Siedlungsgebieten im heutigen Frankreich entstand damit ein weiterer Schwerpunkt des aschkenasischen Judentums, wie sich im Laufe des Mittelalters die vor allem in Mittel- und dann auch in Osteuropa ansässigen Juden zur Unterscheidung von den sefardischen Juden Spaniens nennen sollten. Eine erste Erschütterung erlebten diese neu entstandenen Gemeinden durch Pogrome anlässlich des ersten Kreuzzugs zu Ende des 11. Jahrhunderts. Diese führten zwar noch nicht zu einem grundsätzlichen Wandel der Stellung der Juden, denn die teils vernichteten Gemeinden entstanden neu und die Zahl der jüdischen Gemeinden im Gebiet des römisch-deutschen Reichs nahm im 12. und insbesondere im 13. Jahrhundert sogar deutlich zu, eine Entwicklung, die parallel zum intensiven Urbanisierungsprozess verlief. Allerdings verloren die Juden seit dem ersten Kreuzzug allmählich ihre bis dahin bedeutende Position im Fernhandel, der nun verstärkt von Christen wahrgenommen wurde, so dass die Juden seit damals zunehmend auf nichtzünftige Berufe wie Kramhandel und (im Zusammenhang mit dem kirchlichen Zinsverbot) Geldverleih abgedrängt wurden.10

Die im späten Mittelalter dominierende wirtschaftliche Tätigkeit im Geldhandel darf aber nicht den Blick darauf verstellen, dass viele Juden auch andere Berufe ausübten. Selbstverständlich benötigten gerade größere jüdische Gemeinden auch jüdische Handwerker, wie Bäcker oder Metzger, und viele verdienten sich als Lehrer und Erzieher oder in kultischen Funktionen ihren Lebensunterhalt. Als Spezialisten mit bedeutendem technischen Fachwissen, etwa als Büchsenmacher11, wurden sie oftmals an Fürstenhöfe gezogen, und eine erhebliche Bedeutung kam ihnen als gelehrte Ärzte zu.12

Durch ihre Stellung im Geld- und Kreditwesen spielten Juden bis zum Ende des 14. Jahrhunderts weiterhin eine äußerst wichtige Rolle im ökonomischen Bereich, denn bedingt durch die Edelmetallknappheit des Mittelalters besaß der Kredit große Bedeutung. Aus diesem Grund waren Fürsten und Städte an der Ansiedlung von Juden durchaus interessiert13 und erteilten dementsprechende Privilegien, deren Bestimmungen vielfach die Bedürfnisse der Juden offen legen, wie etwa Verbot der Zwangstaufe, Möglichkeit der Beschäftigung christlicher Dienstboten oder vor Gericht Verteidigung durch Eidesleistung (und nicht Unterwerfung unter das Gottesurteil wie bei Unfreien).14

Bereits seit dem 12. Jahrhundert hatte sich allerdings die rechtliche Stellung der Juden allmählich zum Schlechteren gewandelt. Denn an- lässlich der Pogrome des ersten Kreuzzugs sah sich das Kaisertum dazu veranlasst, statt wie bisher Sonderrechte zu verleihen den kaiserlichen Schutz auf alle Juden auszudehnen und sie als Sondergruppe in den Mainzer Reichslandfrieden von 1103 aufzunehmen. Ohne dass dies unmittelbar zu einer radikalen Veränderung der rechtlichen Situation geführt hätte, wurde damit doch ein Prozess in die Wege geleitet, der schließlich – über die Judenpolitik Barbarossas15 – zum Judenprivileg Kaiser Friedrich II. 1236 führte: Mit der darin festgelegten Formel von der „Kammerknechtschaft“ der Juden wurde eine für lange Zeit gültige Umschreibung des kaiserlichen Schutzverhältnisses über die Juden gefunden. Aufbauend auf der kirchlichen Lehre von der Knechtschaft der Juden und angesichts der erhöhten Schutzbedürftigkeit infolge eines aktuellen Ritualmordprozesses wurden alle Juden des Reiches als der kaiserlichen Kammer direkt unterstellte „Knechte“ definiert, woraus sich Schutz- und Herrschaftsrechte ableiten ließen. Damit im Zusammenhang stand die gleichzeitige Einführung einer reichsweiten Judensteuer, und allmählich wurde der Schwerpunkt des Judenschutzes auf die finanzielle Seite verlagert.16

Besonders seit der Mitte des 13. Jahrhunderts kam es verstärkt zur Verleihung des Judenschutzrechtes und der damit verbundenen Einkünfte, des Judenregals, an Territorialherren und Städte, die bis zum 14. Jahrhundert dieses Regal größtenteils in ihrer Hand hatten – die Juden avancierten damit zu Handelsobjekten, denen die „Kammerknechtschaft“ einen kostspieligen, letztlich aber geringen Schutz gewährte. Die Kehrseite des fürstlichen Schutzes war außerdem, dass das jüdische Eigentum quasi als „fürstliches Eigentum“ betrachtet werden konnte. Von Fürsten dekretierte Schuldenerlässe waren damit jederzeit möglich, und insgesamt lässt sich insbesondere seit dem 14. Jahrhundert eine Entwicklung in Richtung zunehmender Willkür feststellen; mehr und mehr waren Juden von der Gnade des Fürsten abhängig.17

Da mit dem Übergang des Judenregals an Fürsten und Städte die königlichen Einkünfte geschmälert wurden, suchte man Ersatz, den Kaiser Ludwig der Bayer 1342 in der Einführung einer Steuer fand, des später so genannten Goldenen Opferpfennigs: Jeder über zwölfjährige Jude mit einem Mindestvermögen von 20 Gulden sollte eine Kopfsteuer von einem Gulden entrichten.18 König Sigismund schließlich versuchte zunächst 1414/1415 durch die Eintreibung einer allgemeinen Konzilssteuer, dann 1433 durch die Forderung einer exorbitant hohen Krönungssteuer dem Königtum neue einträgliche Finanzquellen zu erschließen; auch wenn gleichzeitige Versuche, permanente ordentliche Judensteuern einzuführen, scheiterten, so sollten sich Opferpfennig und Krönungssteuer bis ins 16. Jahrhundert als übliche Einnahmen des Königtums halten.19

Die rechtliche Situation der Juden im Spätmittelalter hatte nicht nur durch die Formulierung der „Kammerknechtschaft“ und durch die Überlassung des Judenregals an andere Herrschaftsträger Beeinträchtigungen erfahren, auch in den Städten kam es zu gravierenden Veränderungen im Rechtsstatus der Juden. So wurde aus dem vollberechtigten jüdischen Bürger des 11./12. Jahrhunderts allmählich ein nur noch zeitweilig geduldeter Bewohner20; die wirtschaftlichen Veränderungen seit dem hohen Mittelalter, die Ausbildung von nur Christen vorbehaltenen Handwerkerzünften, die allmähliche Abdrängung von Juden in das Geldverleihgeschäft bei zugleich wachsender christlicher Konkurrenz schlugen hier zu Buche. Insbesondere im 14. und 15. Jahrhundert wurde neben der rechtlichen Ausgrenzung auch die soziale Randstellung der Juden verschärft, erkennbar etwa an der beginnenden räumlichen Absonderung (ohne dass Juden vollständig isoliert worden wären), an der verstärkt durchgesetzten Kennzeichnung, die die Kirche schon länger gefordert hatte, und an spürbaren Veränderungen hinsichtlich der Einstellung gegenüber den Juden: sie waren nun Gottesmörder und „verdächtigt, Christenkinder zu morden, Hostien zu entweihen, gottlos zu wuchern, die Christen zu schmähen und zu spotten“.21

Dieses neue Judenstereotyp zeigt viele irrationale Komponenten: Juden wurden zu Handlangern des Teufels erklärt und verdächtigt, sich gegen die Christenheit verschworen zu haben. Aktuell wurde dies vor allem im Zusammenhang mit dem Entstehen von Ritualmordfabeln und Hostienfrevelgeschichten seit dem 12. bzw. 13. Jahrhundert, die den Judenhass immer mehr schürten: Als Hostienschänder würden sie den Mord an Christus wiederholen, als Ritualmörder Christenkinder foltern und umbringen, um das Blut für rituelle Zwecke zu benutzen – eine völlig absurde Verleumdung, widerspricht dies doch den religiösen Reinheits-vorschriften des Judentums aufs Schärfste, was auch von einigen Zeitgenossen bereits klar erkannt wurde; so ließ Friedrich II. aus diesem Grund die in Fulda und Lauda Beschuldigten 1236 freisprechen, und auch Päpste wiesen solche Anschuldigungen deshalb wiederholt zurück.22

Bezeichnend ist, dass sich die Vorwürfe immer gegen die Juden insgesamt richteten, wobei dann der Einzelfall als Beweis für die Christen-feindschaft aller Juden diente.23 Die antijüdischen Vorurteile führten in Verbindung mit den von der christlichen Umwelt als charakteristisch angenommenen wirtschaftlichen Tätigkeiten bereits im Spätmittelalter nicht nur zum sich ständig verschärfenden Vorwurf des Wuchers sondern auch zur Überzeugung, die Juden würden über eine bedeutende wirtschaftliche Machtposition verfügen und diese auch gegen die Christen einsetzen.24 In den Texten des bekannten Predigers Berthold von Regensburg findet sich bereits im 13. Jahrhundert der Satz: „Das Übel ist, dass sie überhaupt leben“25, wie überhaupt in Volkspredigten bekannte Stereotype nachhaltig tradiert wurden. Gerade zu Ostern war die Gefahr groß, dass es zu tätlichen Angriffen auf die Juden kam, was durch die spätmittelalterlichen Oster- und Passionsspiele noch gefördert wurde. War es den Juden nicht ohnehin verboten, in den Kartagen ihre Häuser zu verlassen, so taten sie gut daran, sich in dieser Zeit nicht auf die Straße zu wagen.26 In einigen Spielen wurde seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert das traditionelle Bild der verstockten Juden durch die Kennzeichnung als „geldgierige Wucherer“ und als Symbol für das Böse schlechthin erweitert.27 Komprimiert fasste etwa Johannes Eck in einer 1542 gedruckten „Widerlegung“ einer projüdischen Verteidigungsschrift antijüdische Vorurteile zusammen:28 „[…] die juden seind mutwillig, hertneckig, vnlustig, tückisch, vnzüchtig, vntrew, falsch, mainaidig, diebisch, schalckhaftig, verbittert, neidisch, ain vnuolck, rachselig, blutgierig, verreterisch, manschlechtig, mörderisch, gotslesterlich uolck“.

Zu ersten Verfolgungen nach den Kreuzzügen kam es in Mitteleuropa zu Ende des 13. und in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, bis dann zur Mitte des 14. Jahrhunderts anlässlich der Großen Pest schwerste Pogrome einsetzten.29 Man warf den Juden vor, die Brunnen vergiftet zu haben, um die gesamte Christenheit auszurotten. Mehrere hundert Gemeinden wurden damals vernichtet, indem die Juden „erschlagen, ertränkt, verbrannt, gerädert, gehenkt, vertilgt, erdrosselt, lebendig begraben und mit allen Todesarten gefoltert“30 wurden. Vielfach wurde die Gelegenheit genützt, um sich der Schulden bei Juden zu entledigen; der Straßburger Chronist Fritsche Closener notierte damals, allein das Geld sei das Gift gewesen, das die Juden getötet habe. Um sich eine Vorstellung vom Ausmaß der Verfolgungen zu machen: In der „Germania Judaica“ waren von insgesamt 1038 Siedlungsorten über 400 von mindestens einer Verfolgung betroffen.31

Noch aber waren jüdische Geldgeber nicht zur Gänze ersetzbar, man „brauchte“ sie noch, weshalb Juden in den meisten Städten in der Folge wieder zugelassen wurden, wenn auch vielfach unter verschlechterten Bedingungen: Anstatt generellen Privilegierungen traten z. B. nunmehr individuelle Schutzbriefe in den Vordergrund, die noch dazu in aller Regel zeitlich befristet waren.32 Aber gegen Ende des 14. Jahrhunderts erstarkte das nichtjüdische Kreditwesen zusehends, nicht zuletzt deshalb, weil die Leistungsfähigkeit der Juden durch Verfolgungen und Schuldentilgungen gesunken war; Juden schieden nun zunehmend als Gläubiger von Adeligen aus, wodurch ihnen allmählich nur mehr das sozial verachtete kleinere Geld- und Pfandleihgeschäft insbesondere mit Mittel- und Unterschichten blieb.33 Gerade diese Beschränkung auf Kleinkredite trug dazu bei, dass Juden zum Inbegriff des „Wucherers“ wurden, und da sie seit dem 15. Jahrhundert auch im Geldgeschäft ersetzbar wurden34, waren sie nun ständig der Gefahr der Verfolgung ausgesetzt, wozu ein Funke genügen konnte. Insgesamt waren die Motive der Verfolgung zweifellos vielfältig. Neben den erwähnten wirtschaftlichen Aspekten spielten dafür die traditionellen religiösen Vorurteile in Verbindung mit Vorstellungen der Agitation der Juden gegen das Christentum eine entscheidende Rolle. Grundlage war aber immer die religiös-kulturelle Außenseiterposition, die auf christlicher Seite in eine „tief verwurzelte Bereitschaft zur Verfolgung“ mündete.35

Mit ersten Vertreibungen war das wirtschaftlich entwickeltere West-europa schon früh vorausgegangen: generelle Ausweisungen erfolgten in England 1290, in Frankreich endgültig 1394/1395, in Spanien und Portugal schließlich 1492 und 1496. Auch in Mitteleuropa fanden nun im Laufe des 15. Jahrhunderts viele lokale und regionale Judenverfolgungen und -vertreibungen statt – man bedurfte „keiner Juden mehr“.36 Gegenteilige Stimmen verhallten ungehört. Wenig nützte es etwa, wenn 1422 Papst Martin V. der oftmals von Angehörigen der Bettelorden erhobenen Forderung, keinen Umgang mit Juden zu pflegen, mit folgenden Worten entgegen trat: „In vielen Fällen haben auch Christen, um besagte Juden ihres Vermögens zu berauben und steinigen zu können, bei Gelegenheit von Seuchen und anderen öffentlichen Unglücksfällen behauptet, die Juden hätten selbst Gift in die Brunnen geworfen und ihren Mazzen Menschenblut beigemischt; solche ihnen mit Unrecht vorgeworfene Verbrechen aber gereichen zum Verderben der Menschheit. Durch dergleichen wird das Volk gegen die Juden aufgeregt, so daß sie dieselben töten und auf alle Weise verfolgen. In der Hoffnung auf die von den Propheten vorausgesagte einstige Bekehrung des heiligen Restes der Juden verbieten wir euch, allen hohen Weltgeistlichen und besonders den Oberen der vorgenannten Orden, ausdrücklich, solche Hetzpredigten gegen die Juden zu erlauben. Wir wollen, daß jeder Christ die Juden mit menschlicher Milde behandelt und ihnen weder an Leib noch an Hab und Gut ein Unrecht zufügt.“37 Die Realität war eine andere: Bis um 1520 hatten schließlich alle größeren Städte des römisch-deutschen Reiches und viele Fürsten mit wenigen Ausnahmen die Juden ausgewiesen.38

 

 

 

Juden im Alttiroler Raum im Mittelalter

Unter „Alttirol“ wird im Folgenden das Gebiet des heutigen Bundeslandes Tirol und der Provinzen Südtirol und Trentino verstanden. Dieser Raum stand im späten Mittelalter unter der Herrschaft nicht weniger Fürsten, unter denen die wichtigsten genannt seien: Der Herrschaftsbereich der Grafen von Tirol mit Zentrum auf Schloss Tirol bei Meran bzw. ab dem 15. Jahrhundert in Innsbruck erstreckte sich über weite Teile des heutigen Nord- und Südtirol und umfasste auch Gebiete im Trentino. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts war die Grafschaft Tirol auf dem Erbweg an die Grafen von Görz gefallen, die aber 1273 eine Herrschaftsteilung durchführten und sich in zwei Linien teilten: Die Herrschaft in den ursprünglichen Görzer Besitzungen kam den Albertinern zu; dazu gehörten der Ost tiroler Raum sowie Teile des Pustertals, und zudem waren die Albertiner in Kärnten sowie weiter im Süden, im Bereich des heutigen Slowenien und Friaul mit Zentrum Görz (Gorizia / Nova Gorica) verankert. Tirol fiel an die Meinhardiner, die 1286 mit Kärnten auch die Herzogswürde erwarben. Als sie 1335 in männlicher Linie ausstarben, vermochte sich schließlich Markgraf Ludwig von Brandenburg, ein Wittelsbacher und Sohn des Kaisers Ludwig des Bayern, als Gemahl der Erbtochter Margarete Maultasch für einige Zeit in Tirol durchzusetzen. Zwei Jahre nach seinem Tod, 1363, übergab Margarete schließlich Tirol an die Habsburger.

Die Bischöfe von Trient und Brixen kontrollierten im einen Fall größere, im anderen Fall kleinere Gebiete im Umkreis ihrer Residenzstädte; allerdings vermochten sich die Tiroler Grafen als Vögte der beiden geistlichen Fürsten maßgebliche Einflussrechte auch in diesen de jure reichsunmittelbaren, de facto aber mehr und mehr an Tirol gebundenen Hochstiften zu sichern. Die Kontrolle über den südlichen Teil des heutigen Trentino mit den Städten Rovereto und Riva musste der Bischof von Trient seit 1416 bzw. 1440 der expandierenden Republik Venedig überlassen, die sich dort bis 1509 behaupten sollte. In Nordtirol gehörten schließlich die drei Unterinntaler Gerichte Kitzbühel, Kufstein und Rattenberg bis 1504 zu Bayern.

In Stichworten sei noch der Gang der Forschung skizziert. Bereits früh stießen die angeblichen Ritualmorde (Simon von Trient, Ursula von Lienz, Andreas von Rinn) auf Interesse, ehe sich infolge des Liberalismus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erste kritische Stimmen zu Wort meldeten (Hermann Bidermann). Im Zusammenhang mit katholisch-konservativen Agitationen gegen Liberalismus und Freimaurertum ist die Veröffentlichung von Auszügen aus den Trienter Prozessakten in der Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“ seit 1880 zu sehen; Ziel war es, den Wahrheitsgehalt der Ritualmordvorwürfe zu unterstreichen. Ganz in diesem Sinne ist die 1893 erschienene, extrem antisemitische Schrift des Geistlichen Josef Deckert („Vier Tiroler Kinder“) über die vier angeblichen Alttiroler Ritualmordfälle (Simon von Trient, Ursula von Lienz, Andreas von Rinn, Franz Locherer von Montiggl) gehalten. Dann aber war es Johann Evangelist Scherer, der 1901 in einem Werk über die „Rechtsverhältnisse der Juden in den deutsch-österreichischen Ländern“ auch die Verhältnisse in Tirol berücksichtigte und dabei erstmals die Ritualmordgeschichten einer wissenschaftlich fundierten Kritik unterzog; es handelt sich hierbei um die erste umfassende, vorurteilsfreie Untersuchung speziell des Trienter Prozesses. Dessen ungeachtet veröffentlichte der Trienter Geistliche Giuseppe Divina im Jahr darauf eine zweibändige „Storia del beato Simone“ – ein völlig unkritischer Versuch, die Verehrung Simons zu rechtfertigen; unter anderem nahm der Autor alle durch Folter erzwungenen Selbstbezichtigungen der Juden für bare Münze. Von Interesse ist dieses letzte größere antijüdische Werk deshalb, weil Divina teils heute verschollene Quellen verwenden konnte.39 Bereits 1903 erschien aber die klassisch gewordene Studie von Giuseppe Menestrina, deren Verdienst es ist, den Trienter Forschern Anstöße zur kritischen Betrachtung der Prozessakten gegeben zu haben.

Kräftige Impulse erhielt die Forschung sodann durch die Diskussion rund um die Abschaffung der Ritualmordkulte, zunächst in Trient, wo der Bischof den Dominikaner Willehad Paul Eckert mit einer historischkritischen Untersuchung betraute. Eckert kam zum Ergebnis, dass es für eine Verehrung Simons keine Grundlage gebe. Auf seinen Ergebnissen basierte die moderne Forschung über längere Zeit hinweg, bis der Trienter Rechtshistoriker Diego Quaglioni mit einer Reihe von Aufsätzen und vor allem mit der Edition der Prozessakten – erschienen sind bislang zwei Bände mit den Verhören der Hauptangeklagten und der Frauen – neue Akzente setzte. Während das 1992 publizierte Buch des amerikanischen Historikers Ronnie Po-chia Hsia (in deutscher Übersetzung 1997) nicht ohne inhaltliche und methodische Mängel ist, liegt mit dem 1996 erschienenen Werk von Wolfgang Treue nunmehr auch eine hervorragende Gesamtdarstellung des Trienter Prozesses vor.

Für den Tiroler Raum ist auf kürzere Überblicke von Gretl Köfler und Rudolf Palme über die Geschichte der Juden in Tirol zu verweisen, mit dem angeblichen Lienzer Ritualmord hat sich Meinrad Pizzinini auseinandergesetzt. Von grundlegender Bedeutung sind insbesondere die Tirol betreffenden, von Markus J. Wenninger bearbeiteten Artikel in den Bänden der „Germania Judaica“, einem umfassenden Nachschlagewerk zur Geschichte der Juden im römisch-deutschen Reich.40 Obwohl die das Mittelalter betreffenden Quellen bereits recht gut aufgearbeitet sind, dürften sich in den Archiven noch einige Hinweise finden lassen; zu denken ist etwa an eine systematische Sichtung der Rechnungs- und Kopialbücher der zentralen Verwaltung.

 

 

 

Siedlungsgeschichte

Vorbemerkung

Jüdische Händler und Reisende werden den Alttiroler Raum bereits im frühen Mittelalter durchquert haben, für eine dauerhafte Ansiedlung von Juden fehlen jedoch bis zum Ende des 13. Jahrhunderts jegliche Hinweise. Zwar existieren einige Sagen, die eine Präsenz von Juden in ferner Vergangenheit suggerieren; sie haben jedoch allesamt keinen historischen Kern. Dies gilt etwa für das aus Carisolo (Val di Rendena) im Trentino stammende so genannte „Privilegium S. Stephani“, eine nicht vor dem ausgehenden Mittelalter angefertigte Zusammenstellung aller durch den Besuch der Stephanskirche zu gewinnenden Ablässe. Am Anfang ist ein Bericht über die Errichtung dieser Kirche durch Karl den Großen zu finden, die im Zusammenhang mit umfassenderen Aktivitäten des Herrschers erfolgt sei: Demnach habe diese berühmte Herrscherpersönlichkeit anlässlich eines Kriegszuges von Bergamo ins Val Camonica sowie nach der Überquerung des Tonale-Passes im Val di Sole (Sulzberg) und dann im Val di Rendena (in Judikarien) mehrere jüdische Burgenbesitzer besiegt bzw. zum Teil bekehrt und im Anschluss daran zahlreiche Kirchen gegründet.41 Einen anderen thematischen Schwerpunkt setzt die Gründungssage von Völs am Schlern, wonach die ersten Siedler Juden gewesen seien, die versucht hätten, sich im Bereich des Völser Peterbühel ansässig zu machen, jedoch habe die Erde nichts als Unkraut hervorgebracht; der Peterbühel sei in der Folge unfruchtbar geblieben.42 Zwar sind die geschilderten Ereignisse in beiden Fällen reine Fiktion ohne realen Hintergrund43, aber die zwei Erzählungen besitzen doch insofern eine historische Basis, als sie die in weiten Kreisen der christlichen Bevölkerung tief verwurzelte antijüdische Gesinnung zum Ausdruck bringen, wie sie seit dem späten Mittelalter allenthalben anzutreffen war.

Dass vor dem ausgehenden 13. Jahrhundert keine Quellen über die Niederlassung von Juden informieren, dürfte kein Überlieferungsproblem sein. Vielmehr standen einer dauerhaften Ansiedlung bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts wohl die allgemeinen Rahmenbedingungen entgegen, denn aufgrund der geringen Nachfrage nach barem Geld und der fehlenden städtischen Zentren hätten die damals bereits auf Geldleihe spezialisierten Juden hier wohl wenig zu tun gehabt. Gerade in Tirol lässt sich der Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung und der Ansiedlung von Juden deutlich verfolgen, und nicht zufällig fallen die ersten Erwähnungen von Juden in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in die Regierungszeit Graf Meinhard II., eines Fürsten, der wie kein anderer die Geldwirtschaft in den Mittelpunkt seiner politischen Überlegungen stellte und durch gezielte Maßnahmen die bis dahin bescheidene Anzahl von städtischen Mittelpunkten erhöhte. Zwar wurde für Lienz eine jüdische Gemeinde schon für den Beginn des 13. Jahrhunderts vermutet, da seit damals eine Münze existierte44, jedoch sind Juden in dieser Stadt erst um 1300 nachweisbar, und eine Ansiedlung erst zu diesem Zeitpunkt dürfte auch wahrscheinlicher sein.

Obwohl im späten Mittelalter nicht wenige Quellen auf die Präsenz von jüdischen Familien im Alttiroler Raum verweisen, ist die Überlieferung insgesamt doch als äußerst lückenhaft zu charakterisieren. Dieser Umstand erschwert präzise Aussagen, wobei im Unterschied zur Zeit vor 1300 dieses Schweigen der Quellen durchaus nicht immer als aussagekräftig interpretiert werden darf. Um ein Beispiel zu nennen: Wären wir etwa im Falle von Innsbruck nur auf Quellen angewiesen, die sich in den Tiroler Archiven erhalten haben, so gäbe es mit der Erwähnung einer Judengasse für das Jahr 1405 und der Person des Arztes Seligmann nur äußerst spärliche Hinweise auf die Existenz einer jüdischen Gemeinde im 15. Jahrhundert45; erst einzelne überregionale Überlieferungen ermöglichen es, ein etwas plastischeres Bild zu zeichnen. In vielen Fällen stehen freilich nur vereinzelte Erwähnungen von Juden zur Verfügung, so dass sich für viele Orte oft kaum mehr sagen lässt, als dass dort zeitweise Juden lebten. Dazu kommt, dass gerade bei isolierten topographischen Bezeichnungen wie „Judengasse“, „Judenfriedhof“, „Judenfeld“ usw. nicht klar zu entscheiden ist, ob im betreffenden Zeitraum eine Judengemeinde bestand oder ob diese Bezeichnung nur ein Relikt einer früheren Ansiedlung darstellt. Die vielfach nur sporadischen Nachrichten sollten außerdem nicht dazu verleiten, für den Zeitraum zwischen zwei Eckdaten automatisch auf die Kontinuität jüdischer Ansiedlung zu schließen, war doch die Mobilität der jüdischen Bevölkerung beachtlich; gerade in kleineren Orten hielten sich Juden meist nur vorübergehend auf.46

Noch eines gilt es zu bedenken. Nicht alle Personen, die in den Quellen mit dem Beinamen „Jude“ erwähnt werden, waren tatsächlich Juden. So konnten etwa die im Klosterneuburger Traditionscodex mit einem solchen Beinamen genannten Personen ausnahmslos als Christen identifiziert werden.47 Dies dürfte auch für viele Tiroler Belege zutreffen. So war der immer wieder in der Literatur erwähnte Nikolaus „iudeus“ von Bozen48, dem der Landesfürst 1317/1318 ein Haus verlieh, mit Sicherheit kein Jude.49 Gerade bei Trägern eindeutig christlicher Vornamen handelte es sich wohl in den meisten Fällen nicht um Juden, und dafür gibt es für den Tiroler Raum recht viele Beispiele.50 Vermutlich gilt dies auch für den bisher immer als Juden angeführten Heinrich „judeus“, der 1346 als Besitzer des später so genannten „Judenhofs“ in Latsch erscheint und zum Jahr 1370 als verstorben bezeichnet wird51, wiewohl der Vorname „Heinrich“ bei Juden durchaus belegt ist.52 Zwar ist eine Konversion zum Christentum in diesen Fällen nicht zur Gänze auszuschließen, erscheint aber gerade bei den Tiroler Beispielen als eher unwahrscheinlich53 und ist jedenfalls nicht zu belegen. Diese Beinamen – „judeus“, „Jud“, „Jude“, „der Jude“, „Judlin“, auch „Jaud“ bzw. „Jaudes“ – fußen wohl in der Regel auf dem altdeutschen Personennamen Judo bzw. dem Apostelnamen Judas Thaddäus.54

Aus diesem Grund dürfte es sich bei einigen der in der „Germania Judaica“, einem ansonsten hervorragenden Nachschlagewerk, als Juden angeführten Personen um Christen gehandelt haben: Dies gilt etwa für einen um 1457 in Olang lebenden Trödler mit dem Beinamen „Jud“55, der aller Wahrscheinlichkeit nach ein Angehöriger der im 14. und 15. Jahrhundert in Olang nachweisbaren, christlichen Familie namens „Jud“ gewesen sein wird.56 Dasselbe trifft wohl für einen zum Jahr 1483 erwähnten „Michael den Juden von Ramsberg“ zu, der wohl kaum in einem „Dorf im hinteren Zillertal“57 ansässig gewesen sein dürfte; dieses „Ramsberg“ wird nicht im Zillertal (und somit im heutigen Ramsau), sondern anderswo – vermutlich in den Vorlanden – zu suchen sein.

Mit Sicherheit irrig sind einige erst vor wenigen Jahren namhaft gemachte „neue Belege“ für Juden in Tirol: Demnach habe es zum Jahr 1320 einen Juden mit dem abgekürzten Namen „Laur.“ in Sterzing gegeben, dem der Landesfürst Geld schuldete, und im selben Zeitraum werde ein Jude Egno in Kastelbell erwähnt; in beiden Orten sei bislang nichts über die Präsenz von Juden bekannt gewesen.58 Bei dieser Einschätzung wird es freilich vorläufig auch bleiben müssen, handelt es sich doch bei den beiden Personen um die für Sterzing bzw. Kastelbell zuständigen Richter Laurentius und Egno, deren lateinische Funktionsbezeichnung „judex“ mit „jud.“ abgekürzt wurde und die als Richter in diesem Zeitraum gut bezeugt sind.59 Bei dem für 1297/1298 sowie 1304 in Meran erwähnten und mit Isak von Lienz identifizierten Juden Isak60 handelt es sich um eine in Meran wohnhafte christliche Familie namens Ysach / Eisach, deren Angehörige in zeitgenössischen Quellen vielfach hervortreten. Sie waren genauso wenig Juden wie der Meraner Bürger Judlin.61 Keinerlei Hinweise gibt es zudem für die postulierte Präsenz von Juden in Terlan62, Schluderns63 oder Stenico64. Ob jener Salomon, Sohn eines Abraham von Speyer, der im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts für kurze Zeit in „Ulten“ gelebt und dann nach Pavia weitergezogen sein soll, sich tatsächlich im Südtiroler Ulten aufhielt, kann dagegen weder zweifelsfrei bestätigt noch ausgeschlossen werden.65

Bislang nicht geklärt ist, ob gelegentlich im Wappen christlicher Bürger- und Adelsfamilien vorkommende Judenköpfe und Judenhüte zum Teil auf jüdische Vorfahren verweisen. Für den Alttiroler Raum ist ein solches Wappen nicht belegt, jedoch gibt es den interessanten Fall des Sigwein’schen Wappens, der zumindest indirekt damit zu tun hat. Als der aus einer bedeutenden Haller Familie stammende Christof Sigwein 1455 von Kaiser Friedrich III. eine Wappenbesserung erhielt, wurde das Wappen mit den Worten „darinn ein judenhut mit einem knopff und einem verworffen pannde“ beschrieben.66 Diese Beschreibung ist allerdings nicht korrekt, denn bei dieser als „Judenhut“ bezeichneten Kopfbedeckung handelte es sich eigentlich um einen Eisenhut67; aus diesem Grund erübrigt sich der Hinweis, dass nichts darauf hindeutet, dass diese seit der Mitte des 14. Jahrhunderts nachweisbare Familie jüdische Vorfahren gehabt haben könnte. Die Frage bleibt, wie diese irreführende Wappenbeschreibung möglich war. Wenn man davon ausgeht, dass der Text des Wappenbriefs auch im Zusammenwirken mit dem Empfänger zustande kam, so hätte jedenfalls Christof Sigwein offensichtlich nichts gegen eine solche Bezeichnung einzuwenden gehabt.

Erste Niederlassungen von Juden in Tirol seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert

Generell gilt die Niederlassung von Juden in Städten als relativ sicherer Hinweis für die Ausstrahlungskraft eines Marktes und damit für ein schon fortgeschrittenes Stadium der urbanen Entwicklung.68 Erst unter Graf Meinhard II. von Görz-Tirol, seit 1286 auch Herzog von Kärnten, erlebte die Grafschaft Tirol einen deutlichen wirtschaftlichen Aufschwung, wodurch der Bedarf an Bargeld nachhaltig angeregt wurde. Zu diesem Zweck ließ dieser Fürst, der im Übrigen auch Rabbi Meir von Rothenburg, den damals berühmtesten jüdischen Gelehrten nördlich der Alpen, der sich 1286 zur Auswanderung ins Heilige Land entschlossen hatte, gefangen gesetzt und an König Rudolf I. ausgeliefert haben dürfte69, in vielen Tiroler Städten Pfandleihbanken einrichten, die er auf bestimmte Zeit an kapitalkräftige Personen (meist Florentiner bzw. Lombarden) verpachtete, die bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts ein wesentliches Element in der Tiroler Geldwirtschaft darstellten.70 Neben dem Geldverleih betätigten sich diese „Italiener“ auch als Pächter von Zollund Münzstätten. Für den Landesfürsten brachte dies den Vorteil fixer und sofort verfügbarer Einkünfte, was in einer Zeit des Bargeldmangels außerordentlich wichtig war.

Seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert gibt es aber auch erste Hinweise für die Ansiedlung und die Tätigkeit von Juden in Tirol.71 Allem Anschein nach kamen diese aus Friaul und fanden über das Herrschaftsgebiet der Görzer den Weg nach Lienz und in weiterer Folge nach Tirol. Alles spricht dafür, dass sie von Meinhard II. gezielt nach Tirol gezogen wurden, mit der Absicht, ihre Finanzkraft zu nutzen.72 Insgesamt scheinen die Juden nach dem Ausweis der Quellen wenig zahlreich und bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts noch auf wenige Orte beschränkt gewesen zu sein.73 Dies mag man wenigstens zum Teil auch mit der Konkurrenz durch Florentiner und Lombarden erklären können, auch wenn es zwischen jüdischen Finanziers und „italienischen“ Geldhändlern zweifellos keine unüberbrückbaren Gegensätze gab. Jedenfalls ist es auffällig, dass gerade für das Hochstift Trient lange Zeit Nachrichten über die Präsenz von Juden fast zur Gänze fehlen.

Erste direkte Nachrichten über Juden in der Grafschaft Tirol gibt es zum Jahr 1288, denn die landesfürstlichen „Raitbücher“ (Rechnungsbücher) belegen Ausgaben für einen ungenannten Juden sowie einen „magister F.“ (es handelte sich wohl um einen Arzt) und Einnahmen von einem Juden namens Gumbert, von dem auch 1289 nochmals Einnahmen verrechnet werden.74 In den Rechnungsbüchern finden sich in den folgenden Jahren weitere Hinweise auf in Tirol aktive Juden. 1290 wird etwa ein in Imst ansässiger Jude erwähnt75, 1291 werden dann Meraner Juden, darunter ein Salmlinus, genannt76, 1293 erhält ein Jude namens „Wittach“ eine Zahlung77, und recht häufig werden Einnahmen von bzw. Ausgaben für nicht namentlich genannte und nicht auf einen konkreten Ort bezogene Juden angeführt.78 Noch in den 90er Jahren des 13. Jahrhunderts setzen die ersten Nachrichten über Juden ein, die in landesfürstlichen Diensten stehen: Ein Maisterlin erscheint von 1294 bis zumindest 129679 als Pächter der Pfandleihbank an der Töll in der Nähe von Meran80, und der Jude Gutkind lässt sich von 1293 bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts in mehreren Funktionen, insbesondere als Münzer zu Meran und als Zöllner am Lueg (Brenner), nachweisen.81 Daneben verrechnete etwa der landesfürstliche Kämmerer zum Jahr 1297 eine Ausgabe von 2 Mark für einen jüdischen Arzt.82 Eine detaillierte Überprüfung aller landesfürstlichen Rechnungsbücher, die bislang nur zum geringen Teil im Druck vorliegen, dürfte sicherlich noch eine Vielzahl an Informationen zu Tage bringen.

Um 1300 dürften somit mehrere Juden im Südtiroler Raum ansässig gewesen sein. Ausdrücklich werden nur Meraner Juden erwähnt, und hier, in der Nähe der landesfürstlichen Residenzburg Schloss Tirol, wird man auch den Schwerpunkt der Siedlungstätigkeit vermuten dürfen83; von Meran aus nahmen sie vermutlich ihre Aufgaben an der Töll und am Lueg war. Es handelte sich um eine „wohl nicht zahlenmäßig, aber jedenfalls hinsichtlich ihrer Wirtschaftskraft bedeutende jüdische Gemeinde“.84 Eine vom (Tiroler) Richter von Cembra zum Jahr 1291 festgehaltene Einnahme von 6 Pfund „de judeis“85 könnte auf eine zumindest vorübergehende Präsenz von Juden im Gebiet des südlichen Tirol bzw. des heutigen Trentino hinweisen, jedoch lässt sich diese Frage nicht näher beantworten. Neben den Meraner Juden wird nur noch ein Imster Jude dezidiert genannt, wobei es sich um die einzige Erwähnung von Juden in Imst für das gesamte Mittelalter handelt. Angesichts der von Meinhard II. in die Wege geleiteten, aber letztlich nicht erfolgreich abgeschlossenen Entwicklung zur städtischen Siedlung erscheint dies durchaus nachvollziehbar. Von daher wäre es zweifellos nahe liegend, auch auf in der wichtigen Handelsstadt Bozen oder in Innsbruck ansässige Juden zu schließen, jedoch liegen dafür keine unmittelbaren Belege vor.86 Am ehesten könnte man annehmen, dass einige Juden sich im aufstrebenden, 1303 zur Stadt erhobenen Hall niederließen, wo sich mit der Saline eine der wichtigsten landesfürstlichen Einnahmequellen befand. Es ist zwar keinesfalls zwingend, dass einer der in den Rechnungsbüchern genannten Juden auf Hall zu beziehen ist, nur weil er in einer Abrechnung des Haller Salzmairs genannt wird.87 Dennoch könnten sich gerade hier einige Juden bereits um 1300 niedergelassen haben, denn einige Jahrzehnte später, 1341, wird eine Judengasse in Hall erwähnt.88

, und nach den Rechnungsbüchern des Kämmerers Herzog Ludwigs erhielt kurz nach 1300 eine „domina judea facta christiana“, also eine zum Christentum konvertierte Jüdin, namens des Landesfürsten ein Geschenk.90