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Sabine Albrich-Falch

JÜDISCHES LEBEN IN NORD- UND SÜDTIROL VON HERBST 1918 BIS FRÜHJAHR 1938

HAYMONverlag

© 2013

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

www.haymonverlag.at

Covergestaltung: hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Inhalt

Vorwort – Vom jüdischen Leben im historischen Tirol nach 1918

Jüdisches Leben in Nord- und Südtirol von Herbst 1918 bis Frühjahr 1938

Quantitativ-struktureller Überblick

Die Umbruch- und Krisenjahre nach dem Ersten Weltkrieg

Judentum als religiöse Gemeinschaft in Nord- und Südtirol

Jüdische Lebenswelten

Zionismus in Tirol: Judentum als geistig-kulturelle und/oder politisch-nationale Identität

Anmerkungen

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Autorin

Vom jüdischen Leben im historischen Tirol nach 1918

Thomas Albrich

Der verlorene Erste Weltkrieg war auch eine gravierende Zäsur für die jüdische Bevölkerung: Tirol wurde geteilt, die neue Kultusgemeinde in Meran hatte nach 1921 kaum noch Verbindungen zur Kultusgemeinde in Innsbruck. Die zwanziger Jahre waren geprägt von Antisemitismus, in Nordtirol sogar in organisierter Form durch den „Tiroler Antisemitenbund“, eine Gründung von Vertretern der politischen Eliten des Landes – den Konservativen, Christlichsozialen und Großdeutschen. Auch die Landes- und Gemeindebehörden spielten mit, als es nach dem Zusammenbruch der Monarchie darum ging, den jüdischen „Altösterreichern“ die Staatsbürgerschaft der neuen Republik zu verweigern. Dadurch blieben viele, obwohl in Tirol geboren oder seit Jahrzehnten hier ansässig, Ausländer oder wurden zu Staatenlosen. Dies sollte Folgen haben, die das Schicksal der Betroffenen nach dem „Anschluss“ 1938 mitbestimmten.

Die jüdische Bevölkerung reagierte in der Zwischenkriegszeit auf antisemitische Anfeindungen und Ausgrenzungstendenzen auf unterschiedliche Weise: Während sie von der Mehrheit der Jüdinnen und Juden als Teil der „Normalität“ empfunden und hingenommen wurden, reagierte eine Minderheit, meist Jugendliche unter Führung ehemaliger Frontoffiziere, kämpferisch. Ihre Antwort auf den Antisemitismus war der organisatorische Zusammenschluss in eigenen zionistischen Vereinen. Die Aktivitäten dieser Vereine unterschieden sich aber kaum von jenen der nichtjüdischen: Sport – vor allem Bergsteigen, Wandern und Schifahren – stand im Vordergrund. Zusätzlich gab es Unterricht in jüdischer Geschichte oder Hebräisch. All das diente hauptsächlich der Stärkung eines jüdischen Selbstbewusstseins, und nur die wenigsten dachten vor 1938 an eine Auswanderung nach Palästina.

Die Bandbreite der politischen Ausrichtung der Tiroler Juden in der Zwischenkriegszeit war auch ein Ausdruck von Normalität und ein Spiegelbild der Gesellschaft: Obwohl mehrheitlich konservativ, reichte sie von Sozialdemokraten, die „Spanienkämpfer“ auf ihrem Weg unterstützten, über Liberale bis hin zu großdeutschen Befürwortern eines „Anschlusses“ an Deutschland. „Wir lebten wie sie, aber abseits von ihnen.“ So charakterisierte der 1938 aus Tirol geflüchtete Hugo Silberstein (Gad Hugo Sella) aus seiner Sicht das Verhältnis der jüdischen Bevölkerung zu den Tirolern vor dem „Anschluss“. Für einen Zionisten wie ihn, mit dem Bewusstsein, einem eigenen Volk anzugehören, mag die Einschätzung zutreffen. Für die Mehrheit der jüdischen Menschen in Tirol und Vorarlberg galt vor dem „Anschluss“ 1938 eher nur der erste Teil seiner Aussage: Sie lebten weitgehend wie ihre nicht-jüdische Umgebung.

Der „Anschluss“ Österreichs und mit ihm Tirols hatte zeitversetzt auch schwere Folgen für die Jüdinnen und Juden südlich des Brenners: Beim „Anschluss“ im März 1938 lebten nach heutigem Kenntnisstand rund 460 so genannte „Glaubensjuden“ in Nordtirol und etwa 40 in Vorarlberg. In Südtirol, vor allem in Meran und Bozen, zählte die Kultusgemeinde mit vielen Flüchtlingen 1938 rund 800 Personen.

Nach dem „Anschluss“ aktivierten die Nationalsozialisten auch in Nordtirol das in den „Nürnberger Rassengesetzen“ vom September 1935 festgeschriebene Konstrukt „Jude“. Nun mussten sich weitere rund 200 Menschen plötzlich als „Volljuden“ deklarieren, die sich vorher nie als solche gefühlt hatten. Wer sich nicht selbst meldete, machte sich strafbar, da man als Jude nicht mehr als Beamter oder Angehöriger der Wehrmacht vereidigt werden durfte. Diese perfide Methode der neuen Machthaber öffnete Denunzianten Tür und Tor.

In der Folge wurden Jüdinnen und Juden Diskriminierungen und Verfolgungen durch das NS-Regime ausgesetzt, die ihnen das Leben im nunmehrigen Gau Tirol-Vorarlberg zunehmend unerträglich machten. Ohne Ansehen der Person, ohne Rücksicht auf frühere Verdienste wurden sie mit Berufsverboten belegt, Schritt für Schritt entrechtet und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Parallel zur Diskriminierung erfolgte die so genannte „Arisierung“, der systematische Raub jüdischen Besitzes, von der sowohl die öffentliche Hand als auch Privatpersonen profitierten. Einige zogen die Konsequenz aus dieser neuen Lage und verübten schon in den ersten Wochen nach dem „Anschluss“ Selbstmord, andere wollten nicht glauben, dass es noch schlimmer kommen könnte. Menschliche Tragödien unterschiedlichen Ausmaßes spielten sich in der Folgezeit ab.

Im Novemberpogrom, der so genannten „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938, deutete sich erstmals an, was die jüdische Bevölkerung in Zukunft zu erwarten hatte. In einer Orgie der Gewalt und Brutalität überfielen in Innsbruck Rollkommandos, meist einheimische Angehörige der SS, der SA und des NSKK, die Wohnungen der nur noch wenigen noch nicht geflüchteten Jüdinnen und Juden. Die Bilanz dieser Nacht: neben einer größeren Zahl Verletzter, neben Zerstörungen und Plünderungen wurden drei Männer ermordet, darunter der Vorstand der Innsbrucker Kultusgemeinde Richard Berger, ein vierter starb einige Wochen später an seinen schweren Verletzungen.

Der Bogen der jüdischen Lebensgeschichten aus dem Gau Tirol-Vorarlberg, die in der Shoa endeten, spannt sich von den Schwierigkeiten der orthodoxen ostjüdischen Zuwandererfamilie Nagelberg in Hohenems mit der dortigen liberalen jüdischen Gemeinde bis hin zu Robert Schüller, dem total assimilierten hochrangigen Tiroler NS-Funktionär jüdischer Herkunft, von Friedrich Reitlinger, dem konvertierten Industriellen und Politfunktionär aus Jenbach, über Rudolf Gomperz, den großdeutsch gesinnten Fremdenverkehrspionier aus St. Anton am Arlberg, bis zu Josef Lehrmann, dem kriegsversehrten Trödler in Telfs, vom Gastwirt Ivan Landauer aus Hohenems bis zur religiösen Händlerfamilie Turteltaub in Innsbruck und Dornbirn.

Während bis zum Beginn der Massenvernichtung etwa zwei Drittel der Tiroler und Vorarlberger Jüdinnen und Juden ins Ausland flüchten konnten, traf es Anfang 1942 auch die wenigen zuvor „vergessenen“ alleinstehenden Frauen und Männer in so genannten „nicht-privilegierten Mischehen“, d. h. kinderlosen Ehen mit „Arierinnen“ oder „Ariern“. Sie mussten nun zwangsweise nach Wien übersiedeln und wurden von dort, wie all jene, die es nicht mehr geschafft hatten, irgendwohin zu flüchten, zuerst in Gettos in Polen, dann in die Vernichtungslager wie Treblinka, Sobibor und Auschwitz oder nach Riga und Minsk deportiert und ermordet. Nur wenige überlebten die Jahre im so genannten „Altersgetto“ Theresienstadt in Böhmen.

Zu Ostern 1943 galt im Gau Tirol-Vorarlberg plötzlich auch der Schutz durch einen „arischen“ Ehemann nichts mehr. Gestapo-Chef Werner Hilliges ließ im ganzen Gaugebiet Frauen, die in geschützten „privilegierten Mischehen“ lebten, auf Basis gefälschter „Schutzhaftbefehle“ ins so genannte Arbeitserziehungslager Reichenau bei Innsbruck einliefern. Vier von ihnen wurden nach Auschwitz deportiert, bevor von „oben“ die Einstellung der Aktion befohlen wurde. Grund für den Stopp war, dass die Machthaber schwer kalkulierbare Reaktionen von „arischen“ Angehörigen befürchteten. Aus den Reaktionen der Bevölkerung lässt sich erahnen, dass das Regime wohlweislich die Fähigkeit der Bevölkerung „zum Wegschauen“ nicht überstrapazieren wollte.

Der Holocaust war nicht ausschließlich von einer unpersönlichen „fernen Macht“ in Berlin angeordnet und exekutiert worden, sondern hatte auch willige Helfer in Nord- und Südtirol sowie in Vorarlberg: In mehreren Fällen zeigt sich, wie persönliche Initiativen und Interessen lokaler Machthaber – vom Bürgermeister oder Gestapochef bis zum Gauleiter – die Beraubung, Vertreibung und sogar Deportation erst möglich machten. Großfamilien wurden zerrissen, wobei ihre jüngeren Mitglieder meist in alle Welt vertrieben, die älteren deportiert und ermordet wurden.

Während einige wenige Frauen die Zeit der Verfolgung als Ehefrauen „arischer“ Männer in dauernder Angst vor Verhaftung und Deportation im Gau überleben konnte, ist bislang kein einziger Fall eines einheimischen Juden historisch nachweisbar, der „illegal“ – als so genanntes „U-Boot“ – im Lande die NS-Zeit im Untergrund überlebt hätte. Allerdings überlebten vier jüdische Berliner Flüchtlinge die letzten Jahre der Shoa in der Wildschönau im Tiroler Unterland.

Nur wenige überstanden die Gettos und Lager der Nationalsozialisten und kehrten wieder nach Hause zurück. Ein Beispiel für Meran ist Walli Hoffmann, die als einzige die Deportation der Südtiroler Jüdinnen und Juden nach dem September 1943 überlebte. Nur wenige der nach 1938 Vertriebenen kehrten nach Kriegsende nach Nordtirol zurück, wie Rudolf Brüll und seine Brüder, ließen sich hier wieder nieder und gründeten erneut eine Kultusgemeinde. Ihr Kampf um Rückstellung des geraubten Besitzes dauerte jahrelang und endete oft mit unbefriedigenden Vergleichen. Die wenigen Rückkehrer nach Südtirol kämpften überhaupt vergebens um die Rückstellung der geraubten Güter. In Vorarlberg stellten sich diese Fragen nicht mehr: Die Jahrhunderte lange Geschichte der jüdischen Gemeinde war durch die Shoa endgültig beendet worden.

Zum Abschluss möchte ich mich bei meiner Mitautorin Sabine Albrich-Falch bedanken, die nicht nur äußerst kompetent gearbeitet hat, auch wenn das ganze Unternehmen etwas länger gedauert hat, sondern mir als Herausgeber auch immer wieder zur Seite stand. Ein besonderer Dank gilt Niko Hofinger, der die Bebilderung der drei Bände souverän durchführte. Weiters möchte ich Roland Sila und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum danken, die uns vor allem die umfangreichen Bildrecherchen sehr erleichtert und sehr viel Material zur Verfügung gestellt haben. Zum Abschluss ein Dank an Verlagsleiter Markus Hatzer für die Geduld mit dem Projekt, Georg Hasibeder und Anna Stock vom Haymon Verlag für die kompetente Betreuung. Nicht zuletzt sei Esther Fritsch, der Präsidentin der IKG Innsbruck für Tirol und Vorarlberg, für ihre jahrelange Unterstützung gedankt, ebenso dem Österreichischen Nationalfonds sowie den zahlreichen teils großzügigen Geldgebern der öffentlichen Hand in Tirol, Südtirol, dem Trentino und in Vorarlberg, die das vorliegende dreibändige Buchprojekt erst möglich gemacht haben.

Innsbruck, im Oktober 2012

Jüdisches Leben in Nord- und Südtirol von Herbst 1918 bis Frühjahr 1938

 

Keine zwanzig Jahre umfasst die Epoche der Ersten Republik Österreich, beginnend mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Untergang der Donaumonarchie im November 1918, endend mit dem „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich im März 1938. Während unter einem allgemeinen historischen Blickwinkel die Frage zu diskutieren wäre, ob der Zeitrahmen gerade auch wegen der Einbeziehung Südtirols und des Trentino nicht eher die gesamte Zwischenkriegszeit zu sein, also bis Anfang September 1939 zu reichen hätte, fällt in Hinblick auf die Geschichte der Juden die Entscheidung eindeutig schon auf den „Anschluss“ als Epochengrenze. Mit diesem Ereignis änderten sich schlagartig und radikal die Lebensbedingungen und Zukunftsperspektiven der jüdischen Bevölkerung im österreichischen Tirol (seit Beginn der Ersten Republik ohne Vorarlberg), aber auch in Südtirol zeigten sich rasch die Folgen: Nun kamen die Flüchtlinge nicht mehr nur aus dem „Altreich“, sondern auch aus der „Ostmark“, sodass den deutschsprachigen Jüdinnen und Juden in Südtirol die „Unrechtsgrenze am Brenner“ durchaus als bislang verborgener Segen der Geschichte erscheinen mochte.

Der vorliegende Beitrag folgt zwar grundsätzlich der Chronologie, doch erscheint es zweckmäßig, für diesen relativ kurzen Zeitabschnitt von knapp zwanzig Jahren eine vorwiegend thematische Gliederung in fünf große Bereiche vorzunehmen:

Am Anfang steht ein quantitativ-struktureller Überblick: Wie groß war die uns interessierende Gruppe von Menschen im hier betrachteten Zeitraum? Welche strukturellen Merkmale dieser Gruppe fallen auf, wie veränderten sie sich und warum?

Im zweiten Kapitel geht es um die gewaltigen Umbrüche und die erzwungene Neuorientierung nach dem Ersten Weltkrieg. In Nordtirol waren die Anfangsjahre der Ersten Republik eine Zeit des Hungers, der Not, der politischen Unsicherheit und vorrangig geprägt vom – letztlich utopischen – Kampf gegen die Abtrennung Südtirols, die im Oktober 1920 definitiv wurde. Die Zukunftsangst der Tiroler Bevölkerung manifestierte sich auch in einem heftigen rassistischen, wenngleich noch weitgehend rhetorischen Antisemitismus. In Südtirol setzten nach einer ersten relativ minderheitenfreundlichen Zeit bald schon massive Italianisierungsmaßnahmen ein. Diese trafen zwar auch die deutschsprachigen Juden, doch war der italienische Faschismus bis Mitte der 1930er Jahre nicht antisemitisch, ja ließ sogar gewisse Sonderregelungen für die Jüdinnen und Juden in Südtirol zu, was wiederum den Antisemitismus in der dortigen Bevölkerung nährte.

Das dritte Kapitel behandelt das Tiroler Judentum als religiöse Gemeinschaft: die Kultusgemeinden Innsbruck und Meran mit ihren Institutionen, Funktionären und Aktivitäten.

Das vierte Kapitel beleuchtet die Lebenswelten der jüdischen Tirolerinnen und Tiroler nördlich und südlich des Brenners: bekannte Personen und Familien, besondere Lebenswege, Berufsleben und Freizeitgestaltung. Eine wichtige Rolle spielte für die gesamte Bevölkerung das Vereinsleben. So wurden auch in Tirol vor 1938 zahllose Vereine unterschiedlichster Art registriert. Diese hatten natürlich auch jüdische Mitglieder, die einerseits auf diese Weise ihre Integration und Assimilation lebten und förderten, andererseits aber gerade hier zunehmend mit Ablehnung konfrontiert wurden, als immer mehr Vereine, vor allem des sportlichen Sektors, Arierparagraphen in ihre Statuten aufnahmen und Juden ausschlossen. Daneben konstituierten sich dezidiert jüdische Vereine, die nicht nur, aber zunehmend der Wahrung jüdischer Interessen und jüdischen Selbstbewusstseins angesichts des wachsenden Antisemitismus dienten. Das galt besonders für die jüdischen Jugendvereine in Innsbruck, die vielen eine unbeschwertere Parallelwelt zum zunehmend konfliktträchtigen Umfeld in Freizeit, Schule, Beruf und Universität boten.

Die jüdischen Reaktionen auf den wachsenden Antisemitismus und die scheiternde gesellschaftliche Assimilation waren unterschiedlich. In der erwachsenen, etablierten Generation weigerten sich viele, das Fehlschlagen der Assimilation zu akzeptieren, betrachteten den neuen rassistischen Antisemitismus nur als weitere Spielart des seit Jahrhunderten immer wieder aufflammenden Phänomens und rechneten lange – manche zu lange – nicht damit, dass diese neue Variante alles bislang Vorstellbare weit übertreffen und die radikale Rhetorik in die Tat umgesetzt werden würde.

Vor allem unter den Jungen verbreitete sich die Hinwendung zum Judentum als Ideologie, zum Zionismus, um den es schließlich im fünften Kapitel geht. Dieser jüdische Nationalismus bewirkte neuen Stolz, den Wunsch und den Mut sich zu verteidigen und den Antisemiten aktiv und auch bewaffnet entgegen zu treten. Damit taten sich jedoch auch tiefe Gräben innerhalb der jüdischen Bevölkerung auf: einerseits zwischen Zionisten und Assimilationisten, die ersteren vorwarfen, letztlich das Selbe anzustreben wie die Antisemiten, nämlich die Aussonderung der Juden aus der Gesamtbevölkerung; zum anderen auch innerhalb der sehr heterogenen jüdischnationalen Bewegung, deren Spielarten vom linken Arbeiterzionismus über die gemäßigte Mitte der so genannten Allgemeinen Zionisten bis hin zu den radikal rechten Revisionisten und dem eigentlich in sich widersprüchlichen Konzept des religiösen Zionismus reichten. Die entschiedensten unter den Zionisten wählten schon vor dem „Anschluss“ Österreichs ans nationalsozialistische Deutschland den Weg nach Palästina, wo sich die Perspektive eines radikal neuen Lebens in einem neuen jüdischen Land – Eretz Israel – bot. Vielen „Zionisten aus Not“, die erst 1938/39 erkannten, dass sie in Nordtirol tatsächlich keine Zukunft mehr hatten, dienten Südtirol bzw. Italien als Zwischenstation auf ihrer Flucht und die frühen Pioniere in Palästina als lebensrettende Anlaufstelle – doch das gehört dann schon zum Thema des nächsten Beitrags.

Quantitativ-struktureller Überblick

Die quantitativ-strukturelle Betrachtung der jüdischen Tiroler Bevölkerung zur Zeit der Ersten Republik Österreich stützt sich hauptsächlich auf die seit Jahren unter der Leitung von Thomas Albrich am Institut für Zeitgeschichte aufgebaute „Biografische Datenbank zur jüdischen Bevölkerung Tirols und Vorarlbergs 1800–1945“ (zitiert als „BioDat“; die Kriterien für die Aufnahme einer Person in die Datenbank vor 1938 lauten: mosaisches Glaubensbekenntnis, mindestens ein Jahr in Tirol ansässig1). Zu Vergleichszwecken werden Volkszählungsergebnisse herangezogen.

Wie viele Jüdinnen und Juden lebten hier?

Tirol war die jüdische Bevölkerung betreffend ein reines Zuwanderungsland, denn vor 1867 war es bekanntlich nur wenigen jüdischen Familien erlaubt, sich hier niederzulassen.2 Die demografische Entwicklung in der Zwischenkriegszeit war dann „typisch für eine Zuwanderergemeinde mit abnehmender Anziehungskraft“.3

Zwischen 1918 und 1937 umfasste die jüdische Bevölkerung Tirols zwischen 400 und etwas über 500 Personen, „von denen 90% in der Landeshauptstadt Innsbruck lebten“.4 Letzteres korrespondiert mit der gesamtösterreichischen Situation: Über 90% der österreichischen Jüdinnen und Juden konzentrierten sich in der Ersten Republik in der Bundeshauptstadt Wien.5 Ihre Zahl ging überall außer in Wien zwischen den Volkszählungen 1910 und 1934 zurück. In den meisten Bundesländern, so auch in Tirol und Vorarlberg, hatte die jüdische Bevölkerung bei den Volkszählungen 1900 und 1910 den höchsten Stand im 20. Jahrhundert erreicht,

„danach war die Zahl rückläufig. Gründe dafür waren das Ausbleiben einer weiteren Zuwanderung aus den ehemaligen Kronländern und die Abwanderung der jüngeren Generation nach Wien. Die Hauptstadt bot den Jungen nicht nur bessere Chancen für den Berufseinstieg, sondern es war auch leichter eine jüdische Partnerin oder einen Partner zu finden. Außerdem war die Atmosphäre in Wien bis 1934 weltoffener und weniger von Antisemitismus durchdrungen.“6

Auszug aus der Tabelle „Die jüdische Bevölkerung in den österreichischen Bundesländern, 1869–1934“:7

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In der Ersten Republik Österreich machten die Juden 2,8% der Gesamtbevölkerung aus. Die höchste, jemals offiziell festgestellte Zahl von Juden in Wien betrug 201.513 im Jahr 1923, das waren damals 10,8 Prozent der Wiener Bevölkerung von 1,868 Mio.8 In den übrigen acht Bundesländern lebten insgesamt weitere 18.695, also deutlich unter 10% der jüdischen Gesamtbevölkerung. Bis 1938 sank die Zahl der österreichischen Juden auf 185.000 – eine Reduktion von 17 Prozent in lediglich 15 Jahren.9

Mit den über 200.000 Einwohnern, die sich selbst als jüdisch deklarierten, beherbergte Wien in den 1920er Jahren die sechstgrößte jüdische Gemeinde der Welt (nach New York, Warschau, Chicago, Philadelphia und Budapest) und lag damit auch deutlich vor Berlin mit etwa 173.000 Juden. Auch die Größe der jüdischen Bevölkerung Deutschlands lag in Relation zur Größe der Gesamtbevölkerung deutlich unter der Österreichs, die im Verhältnis etwa dreieinhalb Mal so groß war.10 Obwohl Wiens jüdische Bevölkerung bis in die 1930er Jahre die drittgrößte Europas blieb, ging sie – entgegen allen antisemitischen Fantasien – während der Ersten Republik zurück.11

Die Tiroler Bevölkerung wuchs in der Zwischenkriegszeit relativ gleichmäßig und „im Spitzenbereich aller Bundesländer“. Lediglich „im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929/30 setzte ein Schwund ein“. Es gab wenig Auswanderer, aber einen deutlichen Zuzug aus dem Italien zugeschlagenen Südtirol.12 1934 hatte Tirol 348.733 Einwohner. Davon waren laut Volkszählung lediglich 365, also 0,1 Prozent Juden, wobei auf die Landeshauptstadt Innsbruck 317 Juden entfielen. Bei einer Einwohnerzahl von 60.688 waren also 0,5 Prozent der Innsbrucker und Innsbruckerinnen jüdischen Glaubens.13 Etwas andere Zahlen liefert die Datenbank, derzufolge die jüdische Tiroler Bevölkerung vom Ende des Ersten Weltkriegs bis auf ein Maximum Anfang der 1920er Jahre wuchs, um von da an mit geringen Schwankungen bis 1937 wieder zu schrumpfen.14 Im März 1938 lebten 452 Jüdinnen und Juden in Tirol, dazu etwa 40 in Vorarlberg (knapp die Hälfte davon in Hohenems).15

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Woher stammten sie, wann kamen und wann gingen sie, wie alt waren sie?

Die Volkszählung in Wien 1923 macht deutlich, dass die Mehrzahl der Jüdinnen und Juden in Wien zugewandert war.16 Zwar war auch gut ein Viertel (25,5%) der römisch-katholischen Wienerinnen und Wiener im Ausland geboren,

„vornehmlich in einem der ehemaligen Kronländer. Bei der jüdischen Bevölkerung war der Anteil der im damaligen Ausland Geborenen mit 57,7 Prozent mehr als doppelt so hoch. Unter der römisch-katholischen Bevölkerung Wiens stammten 18,4 Prozent aus einem der österreichischen Bundesländer, unter der jüdischen hingegen nur 4 Prozent.“17

Interessanterweise ist in Tirol – entgegen der massiven antisemitischen Propaganda um 1919 – nur in Ausnahmefällen eine direkte Zuwanderung von Ostjuden feststellbar. „Beispielsweise kamen fast alle der rund 100 in Galizien geborenen Juden erst nach einem längeren Lebensabschnitt in Wien nach Tirol.“ Das hatte auch Konsequenzen für das religiöse Leben in der Gemeinde: „Ein streng religiöses Leben führten nur ganz wenige Familien“.18 Auf die Herkunft der Nordtiroler Jüdinnen und Juden wird später beim Problem Staatsbürgerschaft noch näher eingegangen.

Der Großteil der Zuwanderer kam bis zum Ende des Ersten Weltkriegs nach Innsbruck bzw. Tirol, danach nahm der Zuzug laufend ab. Die Abwanderung lag dagegen in der Ersten Republik gravierend über jener von davor und auch über der Zuwanderung im selben Zeitraum.

Das Durchschnittsalter der jüdischen Gemeindemitglieder in Tirol, das 1907 noch 26 Jahre betragen hatte, stieg bis 1937 auf 38 Jahre, während es in der Tiroler Gesamtbevölkerung 1934 bei 31 Jahren lag. Vor allem jüngere Einzelpersonen und Familien wanderten in der Zwischenkriegszeit hauptsächlich nach Wien aber auch ins Ausland ab. Dadurch wurde die jüdische Gemeinde Tirols im Schnitt immer älter. „Im Jahr 1937 kann man eigentlich nicht mehr von einer Alterspyramide sprechen, da die unter 20-Jährigen nur mehr einen geringen Teil der Gemeinde ausmachen.“19

Der Bevölkerungsverlust der jüdischen Gemeinde durch Abwanderung lag weit über der Zahl der Verstorbenen, während umgekehrt der Zuwachs durch Zuwanderung deutlich über der Zahl der hier Geborenen blieb.20 Die längerfristig drohende Überalterung der jüdischen Bevölkerung war freilich nicht auf Tirol beschränkt, sondern ein gesamtösterreichisches Phänomen. Nach dem Untergang der Donaumonarchie gab es keine nennenswerte Zuwanderung mehr, und „die Geburten-Sterbe-Bilanz war – wie auch bei der nichtjüdischen Bevölkerung – eine negative“.21

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Welche Berufe übten sie aus?

Detaillierte Aussagen über die Berufsstruktur der jüdischen Bevölkerung Tirols sind problematisch, denn hinter der Eigendefinition „Kaufmann“ kann ein kleiner Vertreter oder ein Hausierer am Rande des Existenzminimums genauso stehen wie einer der Eigentümer des Innsbrucker Großkaufhauses „Bauer & Schwarz“. Klar ist aber, dass „der Großteil der männlichen Erwerbstätigen im Handelssektor tätig war“.22 Dazu kam noch eine kleine Zahl mit anderen Berufen, wie Staatsbahn-Beamte, Ärzte, Rechtsanwälte, Universitätslehrer.23

In dieser Hinsicht unterschieden sich Tirols Juden deutlich von der Durchschnittsbevölkerung des Landes, dessen Wirtschaft in der Zwischenkriegszeit immer noch „überwiegend agrarisch ausgerichtet“ war. Zwar bewirkten Urbanisierung, Landflucht, zunehmender Tourismus und eine schleichende Agrarkrise, dass der Anteil der in der Landwirtschaft Erwerbstätigen von den 1920er Jahren bis 1934 von 56% auf 35% sank, sie „blieben aber die stärkste Gesellschaftsschicht“ in Tirol.24

Die spezifische Berufsstruktur der jüdischen Bevölkerung wurzelt in jahrhundertelangen Restriktionen, z. B. dem Verbot, Grund und Boden zu erwerben sowie sonstigen massiven Einschränkungen der Berufswahl und bot vielfältige Ansatzpunkte für antisemitische Propaganda. Zum einen wurde die Konzentration auf bestimmte Erwerbszweige als sichtbarer Ausdruck des „Andersseins“ der Juden missdeutet und geflissentlich außer Acht gelassen, dass sie noch wenige Jahrzehnte früher kaum eine Wahl gehabt hatten. Zum anderen schossen sich die Antisemiten gezielt auf einzelne Berufsgruppen ein: etwa die „jüdische Konkurrenz“ zu den „einheimischen“ Kaufleuten oder die „verjudete Wiener Presse“ (unter den hauptstädtischen Journalisten war der jüdische Anteil tatsächlich sehr hoch25), deren liberale oder auch linke Tonart die Tiroler Konservativen und Nationalen empörte.

Die jüdische Bevölkerung Südtirols und des Trentino

Die erst nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Israelitische Kultusgemeinde in Meran ist bis heute die einzige in Südtirol und im Trentino. Die ersten Juden, die sich im 19. Jahrhundert in Meran niederließen, stammten größtenteils aus Hohenems. Nach der Angliederung Südtirols an Italien wanderten zunehmend italienische Juden zu.26 In den ersten Nachkriegsjahren kamen wie schon während des Ersten Weltkriegs Richtung Westen geflohene Ostjuden aus Russland und Galizien auch ins südliche Tirol. „In den beiden Provinzen Trient und Bozen gab es damals etwa 600 Juden, davon allein 400 in Meran, wo sich der größte Teil der Einwanderer wegen der dort vorhandenen Synagoge und des weltoffenen Charakters der Stadt niedergelassen hatte.“27

Als im November 1921 der Minister für Justiz und Kultusangelegenheiten die Gründung der Meraner jüdischen Kultusgemeinde genehmigte, umfasste sie „120 Familien mit insgesamt 300 Personen, von denen einige schon seit Ende des vorigen Jahrhunderts in Meran ansässig waren“.28 Daran änderte sich in den nächsten paar Jahren nicht viel. Aus einer Bilanz für 1924 geht hervor, dass rund 300 Juden hier lebten. 80 Familienoberhäupter waren zur Zahlung von Kultusgemeindesteuer verpflichtet. Mindestens 17 hatten ärztliche Berufe, rund 20 waren Händler und Handwerker, es gab mindestens vier koschere Hotels und Restaurants, eine Klavierschule und eine Bank in jüdischem Besitz.29

Insgesamt sind die Daten zur jüdischen Gemeinde Merans sehr lückenhaft, weil der Großteil der Unterlagen 1943 einer Plünderung der Synagoge und des Gemeindebüros zum Opfer fiel. Bis 1930 wuchs die Mitgliederzahl um rund zehn Prozent: Am 1. Jänner 1931 belief sie sich auf 332, was dem Vorjahresstand entsprach, denn Zuwachs (16 Zuwanderer, 3 Geburten, 3 Zugeheiratete) und Abgang (13 Abwanderer, 9 Todesfälle) hoben sich auf. Die Steuerlisten von 1931 weisen 168 Namen auf, 13 davon neu hinzugekommen. Die Diskrepanz zwischen Mitgliederzahl und Steuerlisten erklärt sich damit, dass in den Steuerlisten die Einnahmen von einer Familie (Mann und Frau) unter einem Namen zusammengenommen wurden. Es gab auch mittellose Mitglieder, die keine Steuern bezahlten. Weil jedoch nur die steuerzahlenden Gemeindemitglieder wahlberechtigt waren, wurde z. T. von den mittellosen Mitgliedern ein symbolischer oder Scheinbetrag eingehoben, um auch ihnen das Wahlrecht zu ermöglichen.30 Die Volkszählung von 1931 registrierte in der Region Venetien-Trient (einschließlich Südtirol) 1293 Juden (davon 1114 Ausländer), und zwar 587 Männer und 706 Frauen.31

1933 waren in Meran 164 Kultussteuerzahler registriert, der älteste von ihnen 1852 geboren, also 81 Jahre alt, der Jüngste 1912 geboren, also 21 Jahre alt. 164 Namen von Steuerzahlern können 300 bis 350 tatsächliche Mitglieder der Gemeinde bedeuten, was etwa dem Stand von 1931 entspricht.32 Zu Jahresende 1934 hatte die Kultusgemeinde Meran 321 Mitglieder.33

Ab 1933 waren Bozen und Meran Zufluchtsorte für Juden aus Deutschland und ab 1938 kurzzeitig auch aus dem ehemaligen Österreich. Natürlich gehörten längst nicht alle hier wohnhaften Jüdinnen und Juden der Meraner Kultusgemeinde an. 1938 zählte man hier

„565 Deutsche, 117 Polen, 88 Tschechen, 13 Amerikaner, vier Palästinenser und viele andere aus weiteren 15 Ländern. Von diesen waren 121 Jugendliche, 65 Kaufleute, 19 Beamte, 17 Ärzte, zwölf Schneider, sieben Rechtsanwälte, sechs Handwerker, vier Apotheker, drei Friseure usw.

Als Zufluchtsort für die Juden der Länder, in denen die systematische Verfolgung begonnen hatte, war Meran besonders beliebt, weil das milde Klima, die Benutzung der deutschen Sprache und, nicht zuletzt, die freundliche Einstellung des faschistischen Regimes gegenüber den Juden als ideal erschien.“34

Alles in allem ist die Größe der jüdischen Bevölkerung einschließlich der Flüchtlinge in Südtirol und im Trentino nur äußerst vage zu umreißen, wie die Ergebnisse der August/September 1938 durchgeführten Judenzählung in Italien illustrieren:

„Aufgrund verschiedener Schätzungen, schienen in der Region eine nicht genau bestimmbare Anzahl zwischen 989 und 1962 Juden ansässig zu sein, von denen zwischen 688 und 711 in Meran ansässig waren; die anderen waren zum Teil Touristen, von denen wiederum der größte Teil aus Flüchtlingen aus Ländern bestand, in denen der Nationalsozialismus sein Verfolgungsprogramm schon aktiviert hatte.“35

Die Umbruch- und Krisenjahre nach dem Ersten Weltkrieg

Anfang November 1918 besiegelte die Kapitulation der k. u. k. Armee endgültig den Untergang der Habsburgermonarchie, die schon in ihre national unterschiedlichen Teile auseinandergebrochen war. Das kaiserliche Manifest vom 16. Oktober über die Umwandlung Österreichs in einen Bundesstaat war viel zu spät gekommen. Am 30. Oktober bildete Staatskanzler Renner eine provisorische Regierung für Deutschösterreich. Als Karl I. am 11. November auf jegliche Beteiligung an den Staatsgeschäften verzichtete, hatte die Erste Republik Österreich längst Gestalt angenommen.

Am 12. November 1918 rief die Provisorische Nationalversammlung die Republik Deutschösterreich aus und erklärte sie zu einem Bestandteil Deutschlands – zwei Akte, deren Revision die Sieger in St. Germain diktierten: Mit dem Friedensvertrag musste neben verschiedenen anderen politisch und wirtschaftlich einschneidenden Bestimmungen nicht nur das Anschlussverbot unterschrieben, sondern auch das „Deutsch“ aus dem Namen des neuen Staates gestrichen werden.

So formte sich in den ersten Krisenjahren nach dem Weltkrieg nicht nur die junge Republik Österreich, sondern auch der Katalog ihrer teils existenziellen Schwierigkeiten, die den knappen zwei Jahrzehnten bis zum „Anschluss“ ans nationalsozialistische Deutschland den Stempel aufdrückten: Identitätsproblem und Anschlussverbot, Wirtschaftsnot in immer wiederkehrenden Wellen, bis zur tätlichen Feindschaft gesteigertes Lagerdenken in der Politik, Militarisierung von Politik und Alltagsleben, massive Demokratieskepsis und prekäre Gegenwartserfahrung und damit wachsender Zulauf zu autoritären Ideologien, politisch instrumentalisierte und geschürte Stadt-Land- und Provinz-Hauptstadt-Antagonismen sowie radikale Sündenbock-Konzepte, als deren mächtigstes über Partei- und Lagergrenzen hinweg sich der Antisemitismus erwies.

In Tirol konstituierte sich am 26. Oktober 1918 die Tiroler Nationalversammlung und setzte einen Vollzugsausschuss unter dem Namen „Tiroler Nationalrat“ ein, der „die gesamte oberste Zivil- und Militärgewalt in Deutschtirol“ übernahm.36 Die Benennung des obersten Landesgremiums als Nationalversammlung bzw. Nationalrat lässt schon erkennen, dass „von einer klaren Entscheidung für Österreich oder für einen Anschluss an Deutschland […] zunächst keine Rede“37 war. Grund dafür waren weniger die Tiroler Ressentiments gegenüber dem „roten Wien“, als vielmehr die verzweifelten und völlig utopischen Bemühungen, mittels eines Tiroler Sonderwegs Südtirol doch noch zu retten und die Landeseinheit zu erhalten.

„Die Tiroler Volkspartei und der hinter ihr stehende einflussreiche Tiroler Bauernbund traten für einen selbständigen Tiroler Freistaat von Kufstein bis Salurn ein. Sozialdemokraten und Liberale lehnten dies jedoch entschieden ab, weil sie befürchteten, in einer derartigen Konzeption politisch an den Rand gedrängt zu werden. Die sich abzeichnende Südtirolproblematik beherrschte spätestens seit dem Frühjahr 1919 die Nordtiroler Öffentlichkeit.“38

Die Teilung des Landes, die noch lange nicht als unvermeidliche und irreversible Kriegsfolge angesehen und hingenommen wurde, blieb eines der großen Probleme der Zwischenkriegsjahre in Tirol. Bei aller damit verbundenen Verunsicherung und wütenden Auflehnung wurde es jedoch in der ersten Zeit nach dem Weltkrieg von einem anderen Problem weit übertroffen: Die katastrophale Ernährungssituation der Kriegszeit spitzte sich nach der Niederlage noch dramatisch zu, außerdem herrschten akuter Mangel an Heizmaterial und Wohnungsnot.

„Um die Liefermoral der Bauern zu erhöhen, wurden im September 1919 die Preise für Lebensmittel erhöht und gleichzeitig die, seit dem Kriege herrschende, Zwangswirtschaft etwas gelockert. So mancher Landwirt zog es jedoch trotzdem vor, seine Überproduktion zu weit günstigeren Konditionen an Sommerfrischler, Schmuggler oder Wucherer zu verkaufen. Dies führte soweit, daß die Bauern von konservativer Seite an ihre Solidaritätspflicht erinnert werden mußten. Gleichzeitig wurde ein allgemeiner Kampf gegen den Lebensmittelwucher geführt.“39

Antisemitische Propaganda schob die Schuld am Elend „den Juden“ zu, doch die Innsbrucker und Innsbruckerinnen wussten offenbar

„die reale Lage relativ gut einzuschätzen: Im Zuge der Hungerkrawalle im Dezember 1919 wurde zwar auch das Lager der Branntweinbrennerei Dubsky geplündert, und Samuel Schindler verteilte Marmelade, um die Zerstörung seines Geschäfts zu verhindern; doch hielten sich die Innsbrucker lieber an die Vorräte des Canisianums, des Stiftes Wilten und des Jesuitenkollegs.“40

Obwohl hunderttausende Soldaten in Kriegsgefangenschaft geraten waren, strömten viele von der Südfront durch Tirol zurück und trugen noch das ihre zu Chaos, Unsicherheit und massiver Versorgungskrise bei.

Ein Ordnungsfaktor war das italienische Militär, das Mitte November 1918 auch Nordtirol okkupierte und bis 1920 blieb. Bis auf wenige Zusammenstöße mit deutschnationalen Studenten in Innsbruck war diese Besatzungszeit relativ unproblematisch, schränkte aber natürlich „Tirols Handlungsspielräume mit Blick auf die Wahrung der Landeseinheit erheblich“ ein.41

Als Selbstschutz formierten sich in der turbulenten Umbruchzeit Bürger- und Einwohnerwehren, aus denen mit Hilfe bayerischer Rechtskreise 1920 die der Tiroler Volkspartei nahestehende Tiroler Heimatwehr entstand, der gegenüber die Soldatenräte von 1918/19 sowie die sozialdemokratische Volkswehr marginal blieben.42 Erst der 1923 gegründete Republikanische Schutzbund der Sozialdemokraten bildete dann das paramilitärische Gegenstück zur Heimatwehr, auch wenn er ihr in Tirol zahlenmäßig nie das Wasser reichen konnte. Die Militarisierung war ein weiteres prägendes Merkmal der Tiroler Politik und Gesellschaft in der Zwischenkriegszeit. Mit ihr verband sich offene Gewaltbereitschaft im Umgang mit den politischen Gegnern, die allenthalben nicht als Andersdenkende sondern als Feinde betrachtet wurden. Diese Haltung zog sich quer durchs gesamte politische Spektrum von ganz links bis ganz rechts.

Seit den Wahlen vom Juni 1919 verfügte die Tiroler Volkspartei mit 66% der Stimmen über eine satte Zweidrittel-Mehrheit im Land, die zwar in der Folge etwas abbröckelte, insgesamt aber unangefochten blieb. Den zweiten Platz nahmen die Sozialdemokraten ein, den dritten die deutschnationalen Gruppen, deren Hauptvertreterin die Großdeutsche Volkspartei war.43

Am 6. September 1919 nahm die konstituierende Nationalversammlung in Wien unter empörtem Protest den Friedensvertrag von St. Germain an, die Tiroler Abgeordneten enthielten sich der Stimme. Zu den die Erste Republik Österreich entscheidend prägenden Bestimmungen gehörten das Anschlussverbot und – aus Tiroler Sicht – die Abtrennung Südtirols. Am 10. Oktober 1920 wurde mit Südtirol und dem Trentino der größere Teil des ehemaligen Kronlandes mit 14.100 km² und rund 540.000 Bewohnern offiziell Italien einverleibt, während das Österreich verbleibende Gebiet mit 12.647 km² und gut 306.000 Einwohnern zudem noch in die territorial nicht verbundenen Teile Nord- und Osttirol zerfiel.44

Antisemitismus in den Anfangsjahren der Ersten Republik

Die Republik erbte den Antisemitismus, der sich in den letzten drei Jahrzehnten der Monarchie etabliert hatte. Den Juden blieb nun allein die Sündenbockfunktion, die sie zur Zeit der Monarchie noch mit Tschechen, Ungarn, Italienern und anderen Nationalitäten geteilt hatten.

„Verkörperte die jüdische Bevölkerung während der Habsburgermonarchie gleichsam das Ideal der multinationalen Identität des Vielvölkerstaates, wurde ihr genau dies in der Ersten Republik um so schärfer als Kosmopolitismus und Vaterlandslosigkeit vorgehalten. Mit dem Wegfall der früheren Kontrahenten im Nationalitätenstreit, insbesondere der um Autonomie kämpfenden tschechischen Bevölkerung, geriet die jüdische nun noch stärker ins Visier der Deutschnationalen.“45

Der Antisemitismus war in allen großen Parteien, in zahllosen Vereinen, in allen sozialen Schichten und Altersgruppen vertreten, am stärksten jedoch unter den Jungen, insbesondere den Studenten. Die Varianten des Antisemitismus blieben während der Ersten Republik dieselben wie im 19. Jahrhundert.46

„Antisemitismus bildete nicht nur im sozial heterogenen rechten politischen Lager das traditionelle Verbindungsglied, sondern es gab auch eine Art populistischen Konkurrenzantisemitismus, der das gesamte politische Spektrum der Ersten Republik erfaßte. In der einen oder anderen Form griffen vor 1938 alle Parteien auf antisemitische Klischees als Waffe im politischen Tageskampf zurück, wodurch ein antisemitischer Konsens entstand, der die breite Akzeptanz antijüdischer Maßnahmen der Nationalsozialisten begreifbarer macht. Wie sich zeigte, war auch Österreichs Linke nicht frei von derartigen Einstellungen.“47

Zwar war die Sozialdemokratie im Gegensatz zu Christlichsozialen und Großdeutschen offiziell nicht antisemitisch, aber „auf der Ebene der Volkskultur, auf der Ebene der politischen Kultur reichte der Antisemitismus auch in die linke Partei hinein“48, wie etwa Der Nationalsozialist. Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung in Tirol und Vorarlberg im September 1923 mit Bezug auf die Wiener Sozialdemokraten hämisch bemerkte: „Dem Mandaterl zuliebe sogar – antisemitisch!“49 Dass es sich dabei nicht bloß um opportunistische Wahlpropaganda handelte, sondern um eine Grundhaltung so mancher Sozialdemokraten bis in die Führungsebene hinauf und auch noch zu einer Zeit, als in Deutschland bereits die nationalsozialistische Verfolgung angelaufen war, illustriert eine abfällige Äußerung von Otto Bauer kurz nach dem Schutzbundaufstand 1934:

„Dem österreichischen Faschismus fehlt eine […] faschistische Gewaltorganisation. Er hat dafür – die Vaterländische Front. Das ist ein Sammelsurium von jüdischen Bourgeois, die den Antisemitismus Hitlers fürchten, von monarchistischen Aristokraten, klerikalen Kleinbürgern, von Heimwehren, die täglich gegen Dollfuß meutern und an Dollfuß Erpressung verüben, an Ostmärkischen Sturmscharen, die gegen die Heimwehren organisiert werden, von einem großen Troß armer Teufel, dessen eine Hälfte Nazi und dessen andere Hälfte Sozialdemokraten sind, die beide das rotweißrote Bändchen nur tragen, um eine Arbeitsstelle nicht zu verlieren oder eine Arbeitsstelle zu bekommen. Eine solche Spottgeburt ohne Feuer ist keine ausreichende Stütze einer dauerhaften Diktatur.“50

Im Juni 1919 gründeten Antisemiten in Wien über alle Partei- und sonstigen weltanschaulichen Grenzen hinweg den „Deutsch-Österreichischen Schutzverein Antisemitenbund“, ab Oktober gab es dann in Tirol einen eigenen „Tiroler Antisemitenbund“51 – dazu unten noch mehr. Im Herbst 1919 kam es in Österreich zu Antisemitenkrawallen und erstmals zu gewaltsamen Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung durch uniformierte Nationalsozialisten52, Studenten und paramilitärische Frontkämpfer.53 Im März 1921 veranstaltete der Antisemitenbund in Wien einen dreitägigen internationalen Antisemitentag, an dem 62 Verbände und Klubs teilnahmen, die insgesamt rund 400.000 Mitglieder repräsentierten.54 Die Wahrheit. Unabhängige Zeitschrift für jüdische Interessen berichtete über die Ausschreitungen im Zuge dieser Veranstaltung und stellte fest: „Der Antisemitismus ist keine Gesinnung, sondern ein Gewerbe […] Es muß nur zur Hauptsache seinen Mann nähren oder dessen Ehrgeiz befriedigen.“55

Ebenfalls 1921 veröffentlichte der gesamtösterreichische Antisemitenbund in der christlichsozialen Reichspost einen Aufruf an die „arische Bevölkerung Wiens“, bei einem Judenkataster in Form von detaillierten Hauslisten mitzuarbeiten. Zwar gab es im katholischen Lager früh auch schon Kritiker des rassistischen Antisemitismus, doch waren sie oft sehr ambivalent, wie beispielsweise der spätere Bundeskanzler Ignaz Seipel oder der Linzer Bischof Johannes Maria Gföllner.56

In der wirtschaftlich stabileren zweiten Hälfte der 1920er Jahre ging der Antisemitismus zurück, verschwand aber nie ganz. Im Gefolge der Weltwirtschaftskrise, die Anfang der 1930er Jahre auch Österreich voll erfasste, kam er dann zu neuerlicher Entfaltung, nicht zuletzt da die aufstrebende NSDAP damit an längst etablierte Denkmuster andockte.

„Juden kam für alle vermeintlichen und tatsächlichen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen eine ‚Sündenbockfunktion‘ zu: sie wurden zum Synonym für das Böse, für die als Bedrohung empfundenen Phänomene der Moderne – Glaubensfreiheit, Säkularisierung, Atheismus, Demokratie, Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus, Kapitalismus bis hin zur angeblichen ‚freimaurerisch-bolschewistischen Weltverschwörung‘.

Die Nationalsozialisten, der radikalste Auswuchs dieser latent antisemitisch eingestellten politischen Kultur, haben bei all ihren Maßnahmen – bis zur Deportation – nur die Reden der Antisemiten in die Tat umgesetzt. Erst der Endpunkt der Radikalisierung, die ‚Endlösung‘, der Massenmord an den Juden, war ein spezifisches Produkt der NS-Herrschaft.“57

Mit dem grauenhaften Endergebnis von Millionen Opfern vor Augen gerät die Auseinandersetzung mit jüdischem Leben in früheren Jahrzehnten sehr leicht in die Perspektive des „davor“, also alles mit Bezug auf letztendlich Flucht, Vertreibung und Massenmord zu betrachten. Gegen diesen rückwärtsgewandten Blick wandten sich schon 1997 Innsbrucker Historiker mit dem programmatischen Titel „Lebensgeschichten statt Opferlisten“.58

In der Zwischenkriegszeit ist jüdisches Leben in Österreich vielfältiges österreichisches Leben – freilich unter teilweise erschwerten Bedingungen und schließlich rasch zunehmenden Alarmzeichen –, keineswegs aber zu reduzieren auf eine „Vorgeschichte der Shoa“. Die Jüdinnen und Juden der Ersten Republik treten nicht als „passive künftige Opfergruppe“ in Erscheinung, sondern entgegen allen Kategorisierungen der Antisemiten als sehr heterogene Glaubensgemeinschaft, deren Mitglieder ebenso unterschiedliche Lebensvorstellungen, politische Ansichten usw. vertraten wie jene der anderen Religionen und die Konfessionslosen.

„Auch ein Ausdruck von Normalität und ein Spiegelbild der Gesellschaft waren sowohl die wirtschaftliche Lage der jüdischen Minderheit als auch die Bandbreite ihrer politischen Ausrichtung in der Zwischenkriegszeit: Obwohl mehrheitlich konservativ, reichte sie von Sozialdemokraten, die ‚Spanienkämpfer‘ auf ihrem Weg unterstützten, über Liberale bis hin zu großdeutschen Befürwortern eines Anschlusses an Deutschland.“59

Diese Bandbreite manifestierte sich auch in den unterschiedlichen Strategien gegenüber der Judenfeindschaft, die von „möglichst Ignorieren“ über förmliche Beschwerden bei Behörden, innerjüdische und öffentliche Bewusstseinsbildung bis zu tätlichen Auseinandersetzungen mit Antisemiten reichten – und sich im Lauf der Zeit änderten, was sich u. a. in der allmählich zunehmenden Akzeptanz des Zionismus in breiteren jüdischen Schichten niederschlug.

Antisemitismus in Tirol und der Tiroler Antisemitenbund

Auch in Tirol setzte sich der jahrhundertealte vor allem religiös motivierte Antijudaismus über den Ersten Weltkrieg hinweg in die Erste Republik fort und wurde dabei zunehmend rassistisch.

„Wer die Schwerpunkte der Tiroler Innenpolitik der Jahre 1918–20 verfolgt, muß feststellen, daß es keinen größeren oder kleineren Mißstand gab, der, zumindest in erster Reaktion, nicht den Juden angelastet wurde. Die Juden waren u. a. Schuld an der militärischen Niederlage, am Nachkriegselend, aber auch am Verlust der territorialen Einheit“60,

konstatiert Georg Spießberger-Eichhorn, der diesen Befund auf seine Analyse der Parteiorgane der Tiroler Landtagsfraktionen, der Grundprogramme der Großparteien und der Tagespresse 1918 bis 1920/21 stützt. Rechtsanwalt Dr. Richard Steidle, Tiroler Landtagsabgeordneter, Bauernbündler, späterer Führer der Tiroler Heimatwehr sowie Bundesführer der gesamtösterreichischen Heimwehr, forderte schon am 21. November 1918 im Allgemeinen Tiroler Anzeiger unter dem Titel „Die gelbe Gefahr“ die „Beseitigung der jüdischen Vorherrschaft auf allen Gebieten des Wirtschafts- und Geisteslebens“ und „Schutz vor dem zersetzenden und zerstörenden Einfluss des Judentums im Staats- und politischen Leben und reinliche Scheidung des deutschen und jüdischen Volkstums“.61, doch hatte Steidles Antisemitismus, den er nicht nur per Zeitung, sondern auch mittels zahlreicher öffentlicher Auftritte unters Volk brachte, vor allem „stark antiwienerischen Charakter“.63