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Thomas Albrich

DIE JAHRE DER VERFOLGUNG UND VERNICHTUNG UNTER DER HERRSCHAFT VON NATIONALSOZIALISMUS UND FASCHISMUS 1938 BIS 1945

HAYMONverlag

Herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler KULTURinstitut.

 

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

www.haymonverlag.at

Inhalt

Vorwort – Vom jüdischen Leben im historischen Tirol nach 1918

Die Jahre der Verfolgung und Vernichtung unter der Herrschaft von Nationalsozialismus und Faschismus 1938 bis 1945

Der „Anschluss“ im März 1938 und die ersten Folgen: Diskriminierung und Entrechtung

Der Novemberpogrom: Die „Reichskristallnacht“ vom 9./10. November 1938

Die Jüdische Bevölkerung außerhalb von Innsbruck nach dem „Anschluss“

Die systematische Vertreibung aus dem Gau Tirol-Vorarlberg: Zwangsumsiedlungen nach Wien

Jüdinnen und Juden in den Provinzen Bozen und Trient 1938 bis 1940

„Arisierungen“ in der „Ostmark“

„Arisierungen“ im Gau Tirol-Vorarlberg

Jüdisches Leben im Gau Tirol-Vorarlberg vom Kriegsbeginn bis zum Beginn der Deportationen

Die „Endlösung der Judenfrage“ im Gau Tirol-Vorarlberg und in Südtirol 1941 bis 1945

Zwangsumsiedlung der letzten Jüdinnen und Juden aus Tirol-Vorarlberg nach Wien

Die Auflösung des jüdischen Friedhofs in Innsbruck

Die „Osteraktion“ der Gestapo im April 1943

Die Verfolgung der Juden in der Operationszone Alpenvorland nach dem September 1943

Jüdische Flüchtlinge und „U-Boote“ im Gau Tirol-Vorarlberg und in Südtirol 1942 – 1945

Verfolgung von „jüdischen Mischlingen“ aus dem Gau Tirol-Vorarlberg: Der Arbeitseinsatz im Lager Rositz in Thüringen

Kriegsende April 1945: Der Todesmarsch in die „Alpenfestung“

Bilanz der Verfolgung

Anmerkungen

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Autor

Vom jüdischen Leben im historischen Tirol nach 1918

Thomas Albrich

Der verlorene Erste Weltkrieg war auch eine gravierende Zäsur für die jüdische Bevölkerung: Tirol wurde geteilt, die neue Kultusgemeinde in Meran hatte nach 1921 kaum noch Verbindungen zur Kultusgemeinde in Innsbruck. Die zwanziger Jahre waren geprägt von Antisemitismus, in Nordtirol sogar in organisierter Form durch den „Tiroler Antisemitenbund“, eine Gründung von Vertretern der politischen Eliten des Landes – den Konservativen, Christlichsozialen und Großdeutschen. Auch die Landes- und Gemeindebehörden spielten mit, als es nach dem Zusammenbruch der Monarchie darum ging, den jüdischen „Altösterreichern“ die Staatsbürgerschaft der neuen Republik zu verweigern. Dadurch blieben viele, obwohl in Tirol geboren oder seit Jahrzehnten hier ansässig, Ausländer oder wurden zu Staatenlosen. Dies sollte Folgen haben, die das Schicksal der Betroffenen nach dem „Anschluss“ 1938 mitbestimmten.

Die jüdische Bevölkerung reagierte in der Zwischenkriegszeit auf antisemitische Anfeindungen und Ausgrenzungstendenzen auf unterschiedliche Weise: Während sie von der Mehrheit der Jüdinnen und Juden als Teil der „Normalität“ empfunden und hingenommen wurden, reagierte eine Minderheit, meist Jugendliche unter Führung ehemaliger Frontoffiziere, kämpferisch. Ihre Antwort auf den Antisemitismus war der organisatorische Zusammenschluss in eigenen zionistischen Vereinen. Die Aktivitäten dieser Vereine unterschieden sich aber kaum von jenen der nichtjüdischen: Sport – vor allem Bergsteigen, Wandern und Schifahren – stand im Vordergrund. Zusätzlich gab es Unterricht in jüdischer Geschichte oder Hebräisch. All das diente hauptsächlich der Stärkung eines jüdischen Selbstbewusstseins, und nur die wenigsten dachten vor 1938 an eine Auswanderung nach Palästina.

Die Bandbreite der politischen Ausrichtung der Tiroler Juden in der Zwischenkriegszeit war auch ein Ausdruck von Normalität und ein Spiegelbild der Gesellschaft: Obwohl mehrheitlich konservativ, reichte sie von Sozialdemokraten, die „Spanienkämpfer“ auf ihrem Weg unterstützten, über Liberale bis hin zu großdeutschen Befürwortern eines „Anschlusses“ an Deutschland. „Wir lebten wie sie, aber abseits von ihnen.“ So charakterisierte der 1938 aus Tirol geflüchtete Hugo Silberstein (Gad Hugo Sella) aus seiner Sicht das Verhältnis der jüdischen Bevölkerung zu den Tirolern vor dem „Anschluss“. Für einen Zionisten wie ihn, mit dem Bewusstsein, einem eigenen Volk anzugehören, mag die Einschätzung zutreffen. Für die Mehrheit der jüdischen Menschen in Tirol und Vorarlberg galt vor dem „Anschluss“ 1938 eher nur der erste Teil seiner Aussage: Sie lebten weitgehend wie ihre nicht-jüdische Umgebung.

Der „Anschluss“ Österreichs und mit ihm Tirols hatte zeitversetzt auch schwere Folgen für die Jüdinnen und Juden südlich des Brenners: Beim „Anschluss“ im März 1938 lebten nach heutigem Kenntnisstand rund 460 so genannte „Glaubensjuden“ in Nordtirol und etwa 40 in Vorarlberg. In Südtirol, vor allem in Meran und Bozen, zählte die Kultusgemeinde mit vielen Flüchtlingen 1938 rund 800 Personen.

Nach dem „Anschluss“ aktivierten die Nationalsozialisten auch in Nordtirol das in den „Nürnberger Rassengesetzen“ vom September 1935 festgeschriebene Konstrukt „Jude“. Nun mussten sich weitere rund 200 Menschen plötzlich als „Volljuden“ deklarieren, die sich vorher nie als solche gefühlt hatten. Wer sich nicht selbst meldete, machte sich strafbar, da man als Jude nicht mehr als Beamter oder Angehöriger der Wehrmacht vereidigt werden durfte. Diese perfide Methode der neuen Machthaber öffnete Denunzianten Tür und Tor.

In der Folge wurden Jüdinnen und Juden Diskriminierungen und Verfolgungen durch das NS-Regime ausgesetzt, die ihnen das Leben im nunmehrigen Gau Tirol-Vorarlberg zunehmend unerträglich machten. Ohne Ansehen der Person, ohne Rücksicht auf frühere Verdienste wurden sie mit Berufsverboten belegt, Schritt für Schritt entrechtet und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Parallel zur Diskriminierung erfolgte die so genannte „Arisierung“, der systematische Raub jüdischen Besitzes, von der sowohl die öffentliche Hand als auch Privatpersonen profitierten. Einige zogen die Konsequenz aus dieser neuen Lage und verübten schon in den ersten Wochen nach dem „Anschluss“ Selbstmord, andere wollten nicht glauben, dass es noch schlimmer kommen könnte. Menschliche Tragödien unterschiedlichen Ausmaßes spielten sich in der Folgezeit ab.

Im Novemberpogrom, der so genannten „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938, deutete sich erstmals an, was die jüdische Bevölkerung in Zukunft zu erwarten hatte. In einer Orgie der Gewalt und Brutalität überfielen in Innsbruck Rollkommandos, meist einheimische Angehörige der SS, der SA und des NSKK, die Wohnungen der nur noch wenigen noch nicht geflüchteten Jüdinnen und Juden. Die Bilanz dieser Nacht: neben einer größeren Zahl Verletzter, neben Zerstörungen und Plünderungen wurden drei Männer ermordet, darunter der Vorstand der Innsbrucker Kultusgemeinde Richard Berger, ein vierter starb einige Wochen später an seinen schweren Verletzungen.

Der Bogen der jüdischen Lebensgeschichten aus dem Gau Tirol-Vorarlberg, die in der Shoa endeten, spannt sich von den Schwierigkeiten der orthodoxen ostjüdischen Zuwandererfamilie Nagelberg in Hohenems mit der dortigen liberalen jüdischen Gemeinde bis hin zu Robert Schüller, dem total assimilierten hochrangigen Tiroler NS-Funktionär jüdischer Herkunft, von Friedrich Reitlinger, dem konvertierten Industriellen und Politfunktionär aus Jenbach, über Rudolf Gomperz, den großdeutsch gesinnten Fremdenverkehrspionier aus St. Anton am Arlberg, bis zu Josef Lehrmann, dem kriegsversehrten Trödler in Telfs, vom Gastwirt Ivan Landauer aus Hohenems bis zur religiösen Händlerfamilie Turteltaub in Innsbruck und Dornbirn.

Während bis zum Beginn der Massenvernichtung etwa zwei Drittel der Tiroler und Vorarlberger Jüdinnen und Juden ins Ausland flüchten konnten, traf es Anfang 1942 auch die wenigen zuvor „vergessenen“ alleinstehenden Frauen und Männer in so genannten „nicht-privilegierten Mischehen“, d. h. kinderlosen Ehen mit „Arierinnen“ oder „Ariern“. Sie mussten nun zwangsweise nach Wien übersiedeln und wurden von dort, wie all jene, die es nicht mehr geschafft hatten, irgendwohin zu flüchten, zuerst in Gettos in Polen, dann in die Vernichtungslager wie Treblinka, Sobibor und Auschwitz oder nach Riga und Minsk deportiert und ermordet. Nur wenige überlebten die Jahre im so genannten „Altersgetto“ Theresienstadt in Böhmen.

Zu Ostern 1943 galt im Gau Tirol-Vorarlberg plötzlich auch der Schutz durch einen „arischen“ Ehemann nichts mehr. Gestapo-Chef Werner Hilliges ließ im ganzen Gaugebiet Frauen, die in geschützten „privilegierten Mischehen“ lebten, auf Basis gefälschter „Schutzhaftbefehle“ ins so genannte Arbeitserziehungslager Reichenau bei Innsbruck einliefern. Vier von ihnen wurden nach Auschwitz deportiert, bevor von „oben“ die Einstellung der Aktion befohlen wurde. Grund für den Stopp war, dass die Machthaber schwer kalkulierbare Reaktionen von „arischen“ Angehörigen befürchteten. Aus den Reaktionen der Bevölkerung lässt sich erahnen, dass das Regime wohlweislich die Fähigkeit der Bevölkerung „zum Wegschauen“ nicht überstrapazieren wollte.

Der Holocaust war nicht ausschließlich von einer unpersönlichen „fernen Macht“ in Berlin angeordnet und exekutiert worden, sondern hatte auch willige Helfer in Nord- und Südtirol sowie in Vorarlberg: In mehreren Fällen zeigt sich, wie persönliche Initiativen und Interessen lokaler Machthaber – vom Bürgermeister oder Gestapochef bis zum Gauleiter – die Beraubung, Vertreibung und sogar Deportation erst möglich machten. Großfamilien wurden zerrissen, wobei ihre jüngeren Mitglieder meist in alle Welt vertrieben, die älteren deportiert und ermordet wurden.

Während einige wenige Frauen die Zeit der Verfolgung als Ehefrauen „arischer“ Männer in dauernder Angst vor Verhaftung und Deportation im Gau überleben konnte, ist bislang kein einziger Fall eines einheimischen Juden historisch nachweisbar, der „illegal“ – als so genanntes „U-Boot“ – im Lande die NS-Zeit im Untergrund überlebt hätte. Allerdings überlebten vier jüdische Berliner Flüchtlinge die letzten Jahre der Shoa in der Wildschönau im Tiroler Unterland.

Nur wenige überstanden die Gettos und Lager der Nationalsozialisten und kehrten wieder nach Hause zurück. Ein Beispiel für Meran ist Walli Hoffmann, die als einzige die Deportation der Südtiroler Jüdinnen und Juden nach dem September 1943 überlebte. Nur wenige der nach 1938 Vertriebenen kehrten nach Kriegsende nach Nordtirol zurück, wie Rudolf Brüll und seine Brüder, ließen sich hier wieder nieder und gründeten erneut eine Kultusgemeinde. Ihr Kampf um Rückstellung des geraubten Besitzes dauerte jahrelang und endete oft mit unbefriedigenden Vergleichen. Die wenigen Rückkehrer nach Südtirol kämpften überhaupt vergebens um die Rückstellung der geraubten Güter. In Vorarlberg stellten sich diese Fragen nicht mehr: Die Jahrhunderte lange Geschichte der jüdischen Gemeinde war durch die Shoa endgültig beendet worden.

Zum Abschluss möchte ich mich bei meiner Mitautorin Sabine Albrich-Falch bedanken, die nicht nur äußerst kompetent gearbeitet hat, auch wenn das ganze Unternehmen etwas länger gedauert hat, sondern mir als Herausgeber auch immer wieder zur Seite stand. Ein besonderer Dank gilt Niko Hofinger, der die Bebilderung der drei Bände souverän durchführte. Weiters möchte ich Roland Sila und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum danken, die uns vor allem die umfangreichen Bildrecherchen sehr erleichtert und sehr viel Material zur Verfügung gestellt haben. Zum Abschluss ein Dank an Verlagsleiter Markus Hatzer für die Geduld mit dem Projekt, Georg Hasibeder und Anna Stock vom Haymon Verlag für die kompetente Betreuung. Nicht zuletzt sei Esther Fritsch, der Präsidentin der IKG Innsbruck für Tirol und Vorarlberg, für ihre jahrelange Unterstützung gedankt, ebenso dem Österreichischen Nationalfonds sowie den zahlreichen teils großzügigen Geldgebern der öffentlichen Hand in Tirol, Südtirol, dem Trentino und in Vorarlberg, die das vorliegende dreibändige Buchprojekt erst möglich gemacht haben.

Innsbruck, im Oktober 2012

Die Jahre der Verfolgung und Vernichtung unter der Herrschaft von Nationalsozialismus und Faschismus 1938 bis 1945

Thomas Albrich

Die Katastrophe, die in den Jahren 1938 bis 1945 über die jüdische Bevölkerung im deutschen Machtbereich – auch in Tirol und Vorarlberg und ab 1943 auch in Südtirol – hereinbrach, hatte, wie gesehen, eine lange Vorgeschichte. Nach dem März 1938 erfüllten sich dann alle apokalyptischen Prophezeiungen. Im Lichte der Vorgeschichte von 100 Jahren kann daher getrost festgestellt werden, dass die Straßen nach Auschwitz bereits lange vor dem „Anschluss“ gebaut worden waren.

Der „Anschluss“ im März 1938 und die ersten Folgen: Diskriminierung und Entrechtung

Im März 1938 ging die Saat des österreichischen Antisemitismus auf: Den ersten pogromartigen Ausschreitungen in der Nacht des 12. März 1938 in Wien, noch vor der Ankunft der Deutschen Wehrmacht, folgte eine stufenweise Radikalisierung, die schließlich in der Deportation und im Massenmord gipfelte. Österreich wurde zum Experimentierfeld für die NS-Herrschaft und diente 1938/39 als Beispiel für die „kumulative Radikalisierung“1, wobei sich schließlich auch in der Judenpolitik die radikalere österreichische Variante als Vorbild für das „Altreich“ durchsetzte.

Unmittelbar nach dem „Anschluss“ begann die stufenweise „Entrechtung durch Sonderrecht“ – die systematische und auf nationalsozialistischen Rechtsnormen basierende Verdrängung der Juden aus der Gesellschaft. Diese erste Phase antijüdischer Maßnahmen war gekennzeichnet von der Anwendung aller nur erdenklichen Druckmittel zur Ausgrenzung, um die Juden zur Auswanderung zu veranlassen. Ohne Ansehen der Person, ohne Rücksicht auf frühere Verdienste wurden sie verhaftet, mit Berufsverboten belegt und ihnen die Gewerbeberechtigungen entzogen.

Entsprechend den Anordnungen des Chefs der Sicherheitspolizei Reinhard Heydrich, wies die Gestapo Innsbruck die Bezirkshauptmannschaften am 19. März 1938 an, jüdische Organisationen und ihre Geschäftsstellen zu besetzen, das Material zu beschlagnahmen und in den Privaträumen der leitenden Personen Hausdurchsuchungen vorzunehmen bzw. diese festzunehmen und zu verhören. In Tirol sollten Hausdurchsuchungen nach politischem Material bei allen Juden durchgeführt werden, die als belastet galten.2 Die Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen Leben und der Entzug der Existenzgrundlagen bedeutete zunächst insbesondere „Säuberung“ des öffentlichen Dienstes, Enthebung jüdischer Universitätslehrer und Entfernung der Juden aus den freien Berufen.

Aus dem Landesdienst wurden fünf Beamte entlassen, weil sie einen jüdischen Elternteil oder jüdische Ehepartner hatten. So wurde beispielsweise Gustav Ebert, Landesbauoberkommissär des Landesbauamtes, als „Volljude“ entlassen, ebenso Dr. Georg Heinsheimer, Oberregierungsrat in der Landeshauptmannschaft.3 Herbert Hönig, Angestellter des Landesverkehrsamtes, Zweigstelle Ötztal, wurde am 14. März in Ötz vorübergehend in Schutzhaft genommen und von seinem Posten entfernt, da er „Volljude“ war. Er musste Tirol verlassen, kam nach Wien und reiste schließlich nach Jugoslawien aus. Er überlebte und kehrte im Oktober 1945 wieder nach Haiming zurück.4 Hofrat Heinrich Giovanelli, Abteilungsvorstand in der Landeshauptmannschaft, wurde als „Mischling 1. Grades“ entlassen. Wilhelm Gruber, Vertragsbediensteter des Landesbauamtes, wurde sogar wegen seiner jüdischen Gattin entlassen.5

Juden durften nicht mehr als „deutsche“ Beamte oder als Angehörige der Wehrmacht vereidigt werden und mussten sich deshalb selbst als Juden deklarieren. An der Universität Innsbruck verloren fünf Professoren ihre Stellung, zwei Dozenten wurde die Lehrbefugnis entzogen. Grete Graubart schilderte die Ereignisse nach dem „Anschluss“ in Innsbruck folgendermaßen:

„Unsere Familie lebte seit Jahrzehnten in Innsbruck. Mein Vater war hier Likörfabrikant. Mein Mann führte mit seinem Bruder ein Schuhgeschäft in der Museumstraße 8. Wir wohnten im Haus Gänsbacherstraße 5. Unsere Tochter war 4 Jahre alt, als Hitler in Österreich einmarschierte.

Wir haben schon erwartet, dass wir nun Verfolgungen ausgesetzt sein würden. Dass es aber so ausarten könnte, dachten wir nicht. In Innsbruck selbst lebten damals ungefähr 150 jüdische Familien.

Gleich nach dem Einmarsch der deutschen Truppen kam die SA zu unserem Geschäft. Über eine Woche standen sie hier Posten. Sie verweigerten unseren Kunden den Eintritt. Fensterscheiben wurde angeschmiert und darauf vermerkt, dass hier ein jüdisches Geschäft sei. So vertrieben sie uns die Kunden, die aus Angst fernblieben. Dann legte man uns gleich nahe, dass wir auswandern sollen. Wir erhielten den Befehl zur vorläufigen Ausreise nach Wien. Da mein Mann noch nicht alles Geschäftliche erledigt hatte, suchte er um eine Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung an. Das wurde gewährt.

Aber unser Leben wurde immer schwerer. Wir mussten alle öffentlichen Anstalten und Gärten meiden. Es gab einige Leute, die den Mut hatten, sich unser zu erinnern. Wir waren immer sehr glücklich, wenn wir irgendwo einen Freund fanden. Es war uns dann leichter alles Schlimme zu ertragen.“6

Die perfiden Methoden der neuen Machthaber fanden schon im Vorfeld der „Volksabstimmung“ vom 10. April 1938 Anwendung und öffneten Denunzianten Tür und Tor, da Juden selbstverständlich von der Teilnahme ausgeschlossen waren. Wer sich nicht selbst deklarierte, machte sich strafbar. Selbst die irrtümliche Eintragung in die Wählerlisten wurde gerichtlich geahndet und sogar die Beflaggung ihrer Häuser war Juden verboten, wie Bilder der Maria-Theresien-Straße vom Besuch Hitlers im April in Innsbruck beweisen.7

Die Ausgrenzung betraf nun auch die Mitgliedschaft in jenen Vereinen die das nicht, wie der Innsbrucker und andere Turnvereine, bereits Jahrzehnte früher erledigt hatten. So nahm bereits am 18. März 1938 der Automobilklub Tirol den „Arierparagraphen“ in seine Vereinsstatuten auf, drei Tage später schlossen auch die übrigen Sport- und Spielvereine ihre jüdischen Mitglieder aus. Ende Juli wurde Juden das Tragen von Kleidungsstücken verboten, die Teil der Landestracht waren, wie Lederhosen oder Dirndl. Diese Maßnahmen stellen nur einen Bruchteil der Flut diskriminierender Anordnungen, Erlässe und Gesetze dar, welche die Juden betrafen und es ihnen unerträglich machen sollten, im Lande zu bleiben.8

Schon am 24. März 1938 hatte der Polizeidirektion Innsbruck eine Liste von 353 Personen vorgelegen, die sich in der Kartothek der Israelitischen Kultusgemeinde befanden. Die Liste umfasst im Einzelnen das Verzeichnis der Mitglieder, die Namen der aus dem Judentum vor 1933 und bis 1938 Ausgetretenen, zwei Namen von unbekannt Verzogenen und eine Auflistung von „Judenstämmlingen“.9

Ab dem 20. Mai 1938 galten auch in der „Ostmark“ die „Nürnberger Rassengesetze“ vom 15. September 1935 mit den ergänzenden Verordnungen und Durchführungsbestimmungen, wobei Juden v. a. durch das „Reichsbürgergesetz“ und das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ betraf. Das „Reichbürgergesetz“ legte im §2 fest: „Reichsbürger ist nur der Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes, der durch sein Verhalten beweist, dass er gewillt und geeignet ist, in Treue dem deutschen Volk und Reich zu dienen.“ Damit waren Juden keine Reichsbürger mehr sondern Bürger zweiter Klasse, da nur Reichsbürger „alleinige Träger der vollen politischen Rechte nach Maßgabe der Gesetze“ waren.

Da die „Rassereinheit des deutschen Volkes“ ein zentrales Anliegen der NSDAP seit ihrer Gründung war10, entwickelte sich das zweite der „Nürnberger Gesetze“, das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, für die Justiz zum bedeutsamsten. Für Michael Ley war es sogar „das wichtigste Gesetz des Nationalsozialismus“.11 Menschen mit mindestens drei jüdischen Großeltern wurden zu „Volljuden“ erklärt, jene mit zwei oder einem jüdischen Großelternteil zu „Mischlingen 1. Grades“ bzw. „Mischlingen 2. Grades“.12 Damit galten weit mehr als jene 407 Menschen im Gau Tirol-Vorarlberg (365 in Tirol, 42 in Vorarlberg), die sich bei der Volkszählung 1934 zum Judentum als Religion bekannt hatten13, als Juden. Besonders für die nun aufgrund der „Rassenkriterien“ als „Volljuden“ Definierten, die ein anderes Religionsbekenntnis hatten oder konfessionslos waren, stellte der „Anschluss“ einen traumatischen Einschnitt in ihr Leben dar. Als Nachweis der „Rassenzugehörigkeit“ diente der so genannte „Ariernachweis“, der im Normalfall bis zu den Großeltern erbracht werden musste. Für Parteigenossen und Angehörige von SS, SA und NSKK war dieser Abstammungsnachweis „bis auf die Vorfahren zurück zu führen, die am 1. Januar 1800 gelebt haben“.14

Das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verbot sowohl eheliche als auch außereheliche Beziehungen zwischen Juden und „Angehörigen deutschen oder artverwandten Blutes“. Eine „Mischehe“ konnte nicht mehr geschlossen werden, ein Liebesverhältnis stellte den Tatbestand der „Rassenschande“ dar und wurde strafrechtlich mit aller Härte verfolgt. Das Gesetz sah bei verbotenen Eheschließungen zwischen Juden und Nichtjuden Zuchthaus für beide Partner vor und drohte für eine als „Rassenschande“ bezeichnete außereheliche Beziehung allerdings nur für den männlichen Teil, egal ob Jude oder „deutschblütig“, Gefängnis oder Zuchthaus an. Das Strafmaß betrug zwischen einem und 15 Jahren Zuchthaus, Frauen blieben – allerdings nur theoretisch – straffrei.15 Nach Inkrafttreten des Gesetzes gezeugte Kinder aus derartigen außerehelichen Beziehungen galten automatisch als „Volljuden“ mit allen Konsequenzen. Bereits bestehende Ehen waren davon nicht betroffen, den nichtjüdischen Ehepartnern wurde jedoch vor allem in jenen Fällen, in denen keine gemeinsamen Kinder vorhanden waren, eine Scheidung nahe gelegt. Auch Frauen mit Kindern ließen sich von ihren jüdischen Partnern scheiden, fallweise im Einvernehmen, um nach Ende des NS-Regimes wieder zu heiraten.16

Ein typischer Scheidungsfall: Die Klägerin, Mutter zweier Kleinkinder, beantragte vor dem Landesgericht Innsbruck die Aufhebung der Ehe wegen Irrtums (§ 37 Ehegesetz), da der Beklagte Volljude sei:

„Erst durch die nach der Rückgliederung der Ostmark in das Deutsche Reich einsetzende Volksaufklärung sei sie über die Rassenfrage und den verderblichen Einfluß der jüdischen Rasse auf das Deutsche Volk, sowie über das Wesen der Ehe als eine nicht nur die Eheschliessenden selbst, sondern das ganze Volk betreffende Einrichtung aufgeklärt worden. Sie hätte die Ehe nicht abgeschlossen, wenn sie damals [1937] bereits im gleichen Sinne aufgeklärt gewesen wäre.“17

Wer sich nicht scheiden ließ, musste mit Konsequenzen rechnen: Diese reichten von Berufsverbot und Entzug der Gewerbeberechtigung bis zur Einstellung von Lohnfortzahlungen im Falle einer Einberufung zum Wehrdienst.18 Wie der Druck auf den nichtjüdischen Ehepartner verlief, zeigt der Fall von Olga Quandest und ihrem nichtjüdischen Ehemann Richard:

„Von verschiedenen NS Stellen wurde ich während der ersten Jahre wiederholt aufgefordert, mich von meiner Frau scheiden zu lassen, um dadurch den Arbeitsverboten zu entgehen. Ich antwortete stets mit der Frage: ‚Würden Sie dies auch anständig von mir finden‘? – Aus dem gesellschaftlichen Leben wurden wir fast ausgeschlossen, meine Frau hatte Ausgehverbot nach 8 Uhr abds. Verbot des Besuches von Kino, Theater, Konzerte sowie von öffentlichen Bädern und Parkanlagen. Wir litten schwer unter diesen ständigen Verfolgungen und ich unter der Ohnmacht, meiner Frau nicht helfen zu können.“19

Wer geriet nun nach dem „Anschluss“ und der Einführung der Rassengesetze in Tirol und Vorarlberg als Jude oder Jüdin in die Fänge der Nationalsozialisten? Die Antwort auf diese Frage stellt eines der wichtigsten Ergebnisse einer biographischen Gesamterhebung der jüdischen Bevölkerung in Tirol und Vorarlberg vom 14. bis ins 20. Jahrhundert dar, die zwischen 1993 und 2003 von einer Gruppe von Forscherinnen und Forschern am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck durchgeführt wurde.20

Nach heutigem Kenntnisstand lebten zum Zeitpunkt des „Anschlusses“ im späteren Gau Tirol-Vorarlberg nachweislich mindestens 661 Personen, die nach NS-Kriterien als „Volljuden“ galten (585 in Tirol, 76 in Vorarlberg), sowie 210 Personen, die als „Halbjuden“ oder „Mischlinge 1. Grades“ (Tirol 176, Vorarlberg 34) kategorisiert wurden und somit unterschiedlichen Maßnahmen der rassischen Verfolgung ausgesetzt waren.21 Insgesamt sind uns also 871 Personen als potentielle Opfer rassischer Verfolgung in Tirol und Vorarlberg namentlich bekannt, eine Zahl, die alle bisherigen Annahmen weit übersteigt.22

Tirols jüdische Bevölkerung war zum Zeitpunkt des „Anschlusses“ im Schnitt 41 Jahre alt, jene Vorarlbergs 38, und damit in beiden Bundesländern deutlich älter als die Gesamtbevölkerung. Dies bestätigt den historischen Befund, dass der spürbare Rückgang der Zuwanderung nach dem Ersten Weltkrieg bei gleichzeitiger Abwanderung vor allem der jüngeren Generation in Tirol zu einem dramatischen Anstieg des Durchschnittsalters der jüdischen Bevölkerung von etwa 26 Jahren im Jahre 1910 auf 41 im Jahre 1938 geführt hatte. Bemerkenswert jung hingegen sind die so genannten „Mischlinge 1. Grades“ mit durchschnittlich 24 Jahren in Tirol und 33 in Vorarlberg, ein eindeutiger Beleg dafür, dass Ehen zwischen Juden und Nichtjuden auch in Tirol und Vorarlberg erst ein Phänomen des frühen 20. Jahrhunderts waren. Aussagekräftig hinsichtlich der zunehmenden Assimilation durch „Mischehen“ sind auch die Geburtsorte der 176 bekannten „Mischlinge 1. Grades“ in Tirol: immerhin 66 von ihnen sind in Innsbruck und 28 im übrigen Tirol geboren.23

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Der hohe Grad der Assimilierung in der Provinz wird zudem beim Religionsbekenntnis der nunmehr verfolgten „Volljuden“ deutlich: In Vorarlberg waren nur 41 der 76 so genannten „Volljuden“ sicher mosaischen Glaubens, in Tirol 379 von 585. Von jenen 127 nunmehr zu „Volljuden“ erklärten Personen in Tirol, die sicher nicht mosaischen Glaubens waren, deklarierten sich 87 als katholisch, 32 als evangelisch und acht gehörten anderen Bekenntnissen an oder waren ohne Bekenntnis.24 Sie hatten sich entweder überhaupt nie als Juden gesehen und als solche gelebt oder dem Assimilationsdruck in der Provinz nachgegeben und waren konvertiert. In Tirol traten 1938 zwei Männer und zwei Frauen aus der jüdischen Religionsgemeinschaft aus. Danach sind keine weiteren Austritte mehr bekannt.25

Ein Hort der Judenfeindschaft: Die Universität Innsbruck nach dem „Anschluss“

Beim „Anschluss“ gab es an der Universität Innsbruck rund 1750 Studierende und 73 beamtete Hochschulprofessoren sowie 65 habilitierte Privatdozenten und etwa 60 Assistenten. Insgesamt wurden 54 Hochschullehrer im Zuge des „Anschlusses“ aus politischen und „rassischen“ Gründen von ihrer Lehrtätigkeit an der Universität Innsbruck enthoben.26

Aus rassischen Gründen verfolgt und entlassen wurden die ordentlichen Professoren Gustav Bayer, Medizin (Freitod), und Ernst Theodor Brücke, Medizin, sowie der außerordentliche Professor Wilhelm Bauer, Medizin, der ordentliche Professor Karl Wolff, Zivilrecht, und der außerordentliche Professor Wilhelm Fischer, Musikwissenschaft, sowie die Dozenten Richard Stöhr, Medizin, und Helmut Gams, Botanik.27

An der medizinischen Fakultät hatte Univ.-Prof. Gustav Bayer jahrelang das Institut für Experimentelle Pathologie geleitet. Obwohl er nur Halbjude war beging er mit seiner 17-jährigen Tochter Helga am 15. März 1938 Selbstmord, nachdem er unter dem Eindruck des „Anschlusses“ am 13. März 1938 einen Abschiedsbrief geschrieben hatte:

„Mein lieber Freund! An einen gerichtet, für alle gemeint: Lebe wohl u[nd] glücklich, so glücklich wie ich, dank meiner Gemütsart, gelebt. Stirb, wenn es sein soll, so leicht u[nd] freudig wie ich! Und an den Dekan! Viele Grüße meinen alten Fakultätskollegen, sie sollen mir eine gute Erinnerung bewahren. In alter Treue! G. Bayer. 13.III.38.“28

Am 17. März 1938 muss aufmerksamen Leserinnen und Lesern eine Todesanzeige in den Innsbrucker Nachrichten aufgefallen sein. Darin gaben die „tieftrauernden Hinterbliebenen“ bekannt, dass „Dr. Gustav Bayer und sein Töchterlein Helga […] im Alter von 59, bzw. 17 Jahren plötzlich zu Gott abberufen worden“ seien.29

Univ.-Prof. Ernst Theodor Brücke, Ordinarius für Physiologie, war laut Aussage der Medizinischen Fakultät von Anfang April 1938 Halbjude und mit einer Jüdin verheiratet. Schon Ende März 1938 hatte die damalige Universitätsleitung ausgeführt: „Professor Dr. Ernst Brücke hat am 28. III. aus dem Grunde um vorläufige Beurlaubung gebeten, weil er noch nicht sicher weiß, ob er den erforderlichen Nachweis seiner arischen Abstammung wird erbringen können.“

Am 14. April 1938 begründete das Rektorat der Universität Innsbruck Brückes Entlassung mit dem Druck der Studentenschaft: Aufgrund seiner Abstammung „konnte [Brücke] den Amtseid nicht leisten“ und war „vom NSStB [Nationalsozialistischer Studentenbund] für untragbar erklärt“ worden. Seine Bezüge wurden Ende Mai 1938 eingestellt. Er floh 1939 in die USA, wo er mit Hilfe eines Stipendiums an der Harvard Medical School forschen konnte. Er starb 1941.30 Zwei Wochen vor seinem Tod schrieb er aus dem Bostoner Exil: „Leider habe ich über die Verlängerung meines Stipendiums hier noch immer nichts gehört, ich werde schon sehr ungeduldig, und der Gedanke, was ich anfangen soll, wenn ich nicht hier weiterarbeiten kann, beschäftigt mich sehr.“31

Auch Wilhelm Bauer wurde aus „rassischen Gründen“ vertrieben.32 Wilhelm Bauer wurde am 14. März 1938 gebeten, von der Leitung des Zahnärztlichen Universitätsinstituts zurückzutreten. Anfang April meldete die Medizinische Fakultät dem NS-Dozentenbund: „Prof. Dr. Wilhelm Bauer, Jude […] ist jetzt enthoben.“ Seinen bei den Kindern wurde das Weiterstudium an der Universität Innsbruck ab dem Wintersemester 1938 verboten.33 Im September schrieb er aus den USA an Dr. Karl Gelb:

„[…] dass wir hier nur mit unseren 2 Töchtern sind, während der Sohn zu meiner Verzweiflung noch ausserhalb weilt und uns mit tiefster Sorge erfüllt. Meine Frau […] ist Gott sei Dank gesund und meine Töchter studieren Fächer die hier aussichtsreich sind.[…] – Wir wohnen ausserhalb der grossen Stadt mit ihrem enormen Trubel und Tempo in einer Villen-Vorstadt 1 Stunde mit streetcar entfernt […] Ich selbst bin für die erste Zeit zufrieden, bin Vorstand des „research departements“, habe Gott sei Dank mit dem praktischen Teil meines Faches nichts zu tun, arbeite wissenschaftlich und unterrichte. Das war ja stets mein Ideal. Ich habe schon verschiedene Einladungen zu Vorträgen erhalten und bin begeistert von den Verhältnissen und Menschen in diesem unermesslich begnadeten Lande. […]“34

Dr. Bauer übernahm das „Department of Pathology of St. Louis University of Medicine“ und blieb bis zu seinem Tod 1956 in den USA.35

An der Medizinischen Fakultät verlor auch der Dozent Richard Stöhr seine Venia legendi, nachdem seine Frau als Jüdin denunziert worden war.

An der Philosophischen Fakultät wurde der Musikwissenschaftler a. o. Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Fischer aus „rassischen Gründen „am 1. Mai 1938 entlassen, weil er 3/4 Jude sei. Später war er Zwangsarbeiter in einer Metallfabrik. Fischer überlebte und kehrte 1948 wieder an die Universität Innsbruck zurück.36 Ende 1938 wurde auch dem Botaniker Helmut Gams das Lehramt wegen fehlendem „Ariernachweis“ entzogen. Er überlebte ebenfalls und war ab 1945 o. Univ.-Prof. für Botanik in Innsbruck.

An der Rechtsfakultät wurde der Zivilrechtler Univ.-Prof. Karl Wolff aus „rassischen Gründen“ entlassen. Er war wahrscheinlich Halbjude, überlebte den Krieg in Wien und wurde nach der Befreiung zum Ordinarius in Wien berufen.

Um der „Überfremdung der deutschösterreichischen Hochschulen durch jüdische Hörer zu steuern“, wurde mit Erlass des Unterrichtsministeriums vom 29. März 1938 ein Numerus clausus für jüdische Hörerinnen und Hörer verfügt. Daraufhin suchten an der Universität Innsbruck Maria Magdalena Heller (10. Semester, philosophische Fakultät), Hans Bauer (6. Semester, medizinische Fakultät), Inge Bauer (2. Semester, medizinische Fakultät) und Dr. Robert Popper (2. Semester des zahnärztlichen Lehrgangs) um nochmalige Inskription an, die vom Rektorat ausnahmsweise bewilligt wurde. Die Geschwister Inge und Hans Bauer, die jüdischer Abstammung waren, mussten das Studium abbrechen.

Am 15. November 1938 teilte das Rektorat dem Reichserziehungsministerium mit, künftig keinem jüdischen Immatrikulationswerber eine Zu-lassungsbescheinigung zu erteilen. Die Universität Innsbruck sei bereits im Wintersemester 1938/39 „judenfrei“. Mit einem Ministerialdekret vom 17. Dezember 1938 wurden jüdische Gelehrte endgültig von Innsbrucker „Hochschulinstituten und Bibliotheken usw.“ ausgeschlossen.37

Im Jahre 1942 wurde drei jüdischen Absolventen das Doktorat aberkannt: einer hatte 1889, einer 1913 und einer 1934 promoviert.38 Noch im Jahre 1943 wurde die Medizinstudentin Lydia Weiskopf als „Mischling 2. Grades“ ausgeschlossen. Als die NS-Behörden 1944 die Bestimmungen über „die Zulassung von jüdischen Mischlingen zum Hochschulstudium“ verschärften, meldete Rektor Raimund Klebelsberg, dass an der Universität im Sommersemester 1944 nur noch eine Studentin als „Mischling 2. Grades“ zum Studium zugelassen sei.39

Flucht aus dem Gau Tirol-Vorarlberg

Erstes Fluchtziel: durch die Schweiz nach Westen40

Der Gau Tirol-Vorarlberg zog als Grenzland zur Schweiz bzw. bis zum Herbst 1943 auch zu Italien Flüchtlinge an, die von hier ins rettende Ausland gelangen wollten. Eine erste Fluchtwelle erlebte der Gau in den Wochen unmittelbar nach dem „Anschluss“. Der direkte Weg in die Schweiz war jedoch nicht lange möglich: Schon am 28. März 1938 verhängte die Schweiz die Visumspflicht und sperrte bereits Mitte August ihre Grenzen gegen einen massenhaften Übertritt politisch und rassisch Verfolgter. Wie vielen jüdischen Flüchtlingen in den ersten Wochen nach dem „Anschluss“ die legale Ausreise und im Verlaufe des Krieges die Flucht über die Schweizer Grenze tatsächlich gelang, ist ebenso schwer feststellbar wie die genaue Zahl der gescheiterten Fluchtversuche.

Noch in der Nacht vom 11. auf den 12. März besetzten SA-Truppen die Tiroler Grenzen, um die ungehinderte Ausreise von Juden, die in der Folge ihre Reisepässe abgeben mussten, zu vereiteln. Auch in Vorarlberg erfolgten die ersten strengen Grenzkontrollen bereits vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich am 11. März 1938: So begannen eifrige Nationalsozialisten, meist SA-Angehörige, „die sich nur durch Armbinden von normalen Rowdis unterschieden“, die aus Wien kommenden „D-Züge“ in die Schweiz, die Vorarlberger Grenzübergänge und deren Zufahrtsstraßen zu kontrollieren. In Bings bei Bludenz errichteten sie gar einen Schlagbaum, um die Arlbergstraße zu überwachen. Am Tag darauf erschienen aus Salzburg und Innsbruck 78 Probebedienstete der aufgelassenen Zollwachkurse zur Verstärkung der Bewachung der Liechtensteiner und Schweizer Grenze. Allein bis zum 16. März 1938 beschlagnahmten Beamte am Bahnhof Feldkirch 121.353 Schilling, da bei Reisen in die Innerschweiz nur die Mitnahme von 25 Franken erlaubt war.

An den größeren Bahnhöfen, vor allem in Feldkirch, Hohenems und Bregenz, und an wichtigen Brückenübergängen, wo die meisten Auswanderungswilligen und später die Flüchtlinge eintrafen, machte von Anfang an die SS Kontroll- und Wachdienste. Die einheimischen Vorarlberger SS-Leute zeigten sich in ihren schwarzen Uniformen von ihrer übelsten Seite: Die am 13. März 1938 am Bahnhof Feldkirch angereisten Juden wurden mit „Saujud“ angeschrien, ihnen wurden die Fingerringe abgezogen und den Frauen der Schmuck heruntergerissen. Kontrollen von Juden bezüglich Devisen und Wertgegenständen erfolgten in den internationalen Zügen durch Vorarlberg bereits ab St. Anton in Tirol. Nach der Einführung der Schweizer Visumspflicht für ehemalige österreichische Staatsbürger hörte in den folgenden zwei Monaten die legale Ausreisetätigkeit aus Österreich fast völlig auf.

Ab Juni änderte sich das Vorgehen gegen Juden grundlegend. Man versuchte, sie mit allen Mitteln zur Auswanderung zu bewegen und über die Schweizer Grenze abzuschieben. Als „Fluchthelfer“ fungierte, nicht ohne Ironie, die SS. Es gibt eine Reihe von Augenzeugenberichten, die dies bestätigen: Der Wiener Emigrant Kurt Bettelheim schildert die Situation am 13. August 1938 in Hohenems:

„Zu diesem Zeitpunkt verhielt sich die dortige SS noch relativ human, da die Massenvernichtung noch nicht auf ihrem Programm stand und sie somit zufrieden waren, die unliebsamen Bürger nach dem Ausland abzuschieben. Konkret sah das so aus, daß man uns schon bei der Ankunft am Bahnhof Hohenems sammelt und bis zum Einbruch der Nacht in einem Gasthaus sammelte. In der Dunkelheit brachte uns dann diese SS über einen kleinen Steg auf Schweizer Boden, wo wir auch sofort von der dortigen Grenzwache eingesammelt wurden. Zu dieser Zeit war die Schweizer Grenze für Flüchtlinge noch offen […]“41

Interessant, was nach Kriegsende Alfons Mäser, der führende SS-Angehörige in Vorarlberg, im Dezember 1946 aus dem Internierungslager Brederis an den Leiter der Kontrollkommission Vorarlberg, Colonel Jung, über das „Verhalten der Allgemeinen SS in der Judenfrage“ schrieb. In seinem wichtigsten Beispiel ging es um die obigen Aspekte der Fluchthilfe der SS für Juden in die Schweiz. Im Herbst 1938 wären täglich 30–50 Juden mit dem Wiener Schnellzug in Hohenems angekommen, um von dort über die grüne Grenze in die Schweiz zu gelangen. Das sei meist aus mangelnden Ortskenntnissen gescheitert, die Juden gefasst und meist ohne Papiere an die Gestapo übergeben worden. Andererseits entwickelte sich ein bezahlter Menschenschmuggel mit ähnlichen Misserfolgen. Daher habe er, Mäser, die SS-Angehörigen Eduard Jäger, Rudolf Bitsche und Rudolf Reis aus Hohenems, sowie Erwin Schneider aus Feldkirch beauftragt, den illegalen Grenzübertritt der Juden zu organisieren. Der Vorgang verlief laut Mäser folgendermaßen: Die ankommenden Juden wurden im Gasthaus Habsburg in Hohenems gesammelt und von Zollamtsleiter Bräuer mit seinen Beamten die zollmäßige Abfertigung durchgeführt. Geldbeträge über 10 Reichsmark konnten die Juden beim Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde Hohenems, Theodor Elkan, deponieren. Bei Dunkelheit wurde die „österreichische Zollstreife“ eingezogen und die SS führte die Juden bis an die Grenze. Kranken wurde sogar ihr Gepäck getragen. Auf diese Weise wurden 580 Juden ohne Wissen der Gestapo und ohne finanzielle Entschädigung in die Schweiz gebracht. Nach Protest der Schweizer Regierung beim Außenamt in Berlin habe Mäser bei der Untersuchung durch einen Abgesandten aus Berlin nur mit Mühe und Not es verhindern können, dass die Verantwortlichen bestraft wurden.42

Die Schweiz reagierte auf diese massenhaften Abschiebungen: Die Regierung verordnete am 18. August 1938 die Sperrung der Grenze und die Zurückweisung von Flüchtlingen ohne Schweizer Visum. Obwohl Berlin angeblich strikte Weisungen an die Vorarlberger Behörden gab, die Fluchthilfe zu unterlassen, zeigte dies vorerst nicht die gewünschte Wirkung. Immerhin schickten SS und Gestapo jüdische Flüchtlinge, die sie in Vorarlberg ohne Schweizer Visum aufgriffen, fallweise wieder in ihre „Heimat“ zurück. Bevor dies geschah, musste die kleine jüdische Kultusgemeinde Hohenems den Flüchtlingen Unterkunft gewähren und ihnen das Fahrtgeld für die Rückreise nach Wien vorstrecken.

Nach einem Bericht eines St. Galler Landjägers (Kantonspolizist) überschritten Ende Juli 1938 innerhalb von drei Nächten etwa 1.200 Flüchtlinge die Grenze bei Diepoldsau und St. Margrethen. Mitte August durchwateten bei Diepoldsau täglich 50 und mehr Juden den seichten Alten Rhein. Ende August betrug die Anzahl der jüdischen Flüchtlinge aus Österreich in der Schweiz etwa 2.300 Personen.

Der Hohenemser Bürgermeister schlug ob der wachsenden Anzahl von Juden, die durch die Zurückweisung an der Schweizer Grenze in Hohenems hängen blieben, bei der BH Alarm, da er befürchtete, dass diese Menschen, die nicht allzu viel Geld mit sich trugen, der Gemeinde zur Last fallen und den Fremdenverkehr stören würden. Er schlug deshalb vor, die angereisten Juden „möglichst rasch wieder weiterzubringen“ und „entsprechende Maßnahmen“ gegen diese „Plage“ einzuleiten. Die Gastwirte wies er in einem geheimen Rundschreiben an, Nächtigende nach ihrer Religions- und Rassezugehörigkeit zu fragen und Juden nur einmal übernachten zu lassen. Zuwiderhandelnden drohte der Bürgermeister eine Geldstrafe, im Wiederholungsfall die Schließung des Betriebs an.43

Die Fluchtbewegung setzte sich trotz verschärfter Schweizer Grenzschutz- und Einreiseverordnungen, wenn auch nicht im selben Ausmaß, fort: Im September gelangten von Altach und Hohenems täglich bis zu 25 Juden über die Grenze. Im Oktober nahmen die illegalen Grenzübertritte rapide ab. Mitte November und im Dezember 1938 setzte eine neue Fluchtwelle ein, bei der mindestens 360 Personen illegal in den Kanton St. Gallen entkamen und vor allem: nicht zurückgeschickt wurden. An die Grenze geführt wurden sie von Einheimischen.44 Der sozialdemokratische St. Galler Regierungsrat Valentin Keel berichtete im Herbst 1938: „Eine effektive Schließung der Grenze war bei der beidseitig des Rheines betriebenen Emigrantenschlepperei praktisch nahezu unmöglich.“45

Die Möglichkeiten einer Flucht in die Schweiz und nach Liechtenstein waren recht unterschiedlich. Am stärksten frequentiert waren das so genannte Brugger Horn bei St. Margrethen und der Alte Rhein bei Diepoldsau in der Nähe von Hohenems. Dort war der Rhein sehr seicht. Den Neuen Rhein zu durchschwimmen, wagten nur wenige, etliche kamen in den kalten und reißenden Fluten um ihr Leben. Wesentlich gefahrloser war der Grenzübertritt im Raum Feldkirch nach Liechtenstein. Hier verlief bis zum Frühjahr 1940 eine grüne Grenze ohne Stacheldraht. Vor allem im Gebiet der Orte Mauren und Schellenberg gab es beliebte Schleichwege, über die Feldkircher und Liechtensteiner Fluchthelfer die jüdischen Flüchtlinge führten. Die Kontrolle durch die Liechtensteiner Polizei muss in den Sommermonaten 1938 sehr nachlässig oder gar nicht erfolgt sein.

Eine Sonderstellung besaß der gebirgige Vorarlberger Grenzbereich in Silvretta und Rätikon zum Kanton Graubünden. Besonders von Gargellen aus erreichten 1938 Flüchtlinge mit ortskundiger Führung über das Schlappiner- und St. Antönier Joch die Graubündner Orte Klosters und schließlich Davos. Ein anderer Fluchtweg führte von Bludenz durch das Brandnertal und entlang dem Lünersee zu den Grenzpässen. Auf diesen Pfaden und Stegen erreichten bis zum August 1938 lediglich 173 Personen Graubünden. Dabei handelte es sich vor allem um sozialdemokratische, politische Flüchtlinge, die später über Zürich nach Frankreich weiterbefördert wurden.46