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Thomas Albrich

JÜDISCHES LEBEN IN NORD- UND SÜDTIROL NACH DER SHOA

HAYMONverlag

Herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler KULTURinstitut.

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

www.haymonverlag.at

Inhalt

Vorwort – Vom jüdischen Leben im historischen Tirol nach 1918

Bestandsaufnahme Kriegsende 1945

Die jüdischen Neuanfänge: Nord- und Südtirol als Transitland des jüdischen Exodus

Die Anfänge der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg in Innsbruck zwischen 1945 und 1955

Die Kultusgemeinde Meran in der ersten Nachkriegszeit

Pogromprozesse vor dem Volksgericht Innsbruck als staatliche Aufarbeitung der Judenverfolgung

Die Instandsetzung der jüdischen Abteilung am Westfriedhof in Innsbruck nach 1945

Die Übernahme des Erbes der Kultusgemeinde Hohenems: Rückstellung und Verkauf des jüdischen Gemeindebesitzes in Hohenems

Bemühungen um Rückstellung des mobilen jüdischen Gemeindebesitzes von Hohenems und Innsbruck

Tiroler jüdische Persönlichkeiten aus der Nachkriegszeit

Die Innsbrucker Kultusgemeinde in der Versenkung: Von Ende der 1950er bis Mitte der 1980er Jahre

Ein fatales Projekt: Verlegung des jüdischen Friedhofs in Innsbruck 1979/80

Antisemitismus nördlich des Brenners

Das offizielle Ende der Ritualmordlegenden um Simon von Trient und Andreas von Rinn

Der Beginn einer neuen Zeit: die Präsidentschaft von Esther Fritsch in Innsbruck

Die Kulturgemeinden Meran und Innsbruck in den 2000er Jahren

Die Wiederentdeckung und „Sichtbarmachung“ des alten jüdischen Friedhofs am Judenbichl

Anmerkungen

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Autor

Vom jüdischen Leben im historischen Tirol nach 1918

Thomas Albrich

Der verlorene Erste Weltkrieg war auch eine gravierende Zäsur für die jüdische Bevölkerung: Tirol wurde geteilt, die neue Kultusgemeinde in Meran hatte nach 1921 kaum noch Verbindungen zur Kultusgemeinde in Innsbruck. Die zwanziger Jahre waren geprägt von Antisemitismus, in Nordtirol sogar in organisierter Form durch den „Tiroler Antisemitenbund“, eine Gründung von Vertretern der politischen Eliten des Landes – den Konservativen, Christlichsozialen und Großdeutschen. Auch die Landes- und Gemeindebehörden spielten mit, als es nach dem Zusammenbruch der Monarchie darum ging, den jüdischen „Altösterreichern“ die Staatsbürgerschaft der neuen Republik zu verweigern. Dadurch blieben viele, obwohl in Tirol geboren oder seit Jahrzehnten hier ansässig, Ausländer oder wurden zu Staatenlosen. Dies sollte Folgen haben, die das Schicksal der Betroffenen nach dem „Anschluss“ 1938 mitbestimmten.

Die jüdische Bevölkerung reagierte in der Zwischenkriegszeit auf antisemitische Anfeindungen und Ausgrenzungstendenzen auf unterschiedliche Weise: Während sie von der Mehrheit der Jüdinnen und Juden als Teil der „Normalität“ empfunden und hingenommen wurden, reagierte eine Minderheit, meist Jugendliche unter Führung ehemaliger Frontoffiziere, kämpferisch. Ihre Antwort auf den Antisemitismus war der organisatorische Zusammenschluss in eigenen zionistischen Vereinen. Die Aktivitäten dieser Vereine unterschieden sich aber kaum von jenen der nichtjüdischen: Sport – vor allem Bergsteigen, Wandern und Schifahren – stand im Vordergrund. Zusätzlich gab es Unterricht in jüdischer Geschichte oder Hebräisch. All das diente hauptsächlich der Stärkung eines jüdischen Selbstbewusstseins, und nur die wenigsten dachten vor 1938 an eine Auswanderung nach Palästina.

Die Bandbreite der politischen Ausrichtung der Tiroler Juden in der Zwischenkriegszeit war auch ein Ausdruck von Normalität und ein Spiegelbild der Gesellschaft: Obwohl mehrheitlich konservativ, reichte sie von Sozialdemokraten, die „Spanienkämpfer“ auf ihrem Weg unterstützten, über Liberale bis hin zu großdeutschen Befürwortern eines „Anschlusses“ an Deutschland. „Wir lebten wie sie, aber abseits von ihnen.“ So charakterisierte der 1938 aus Tirol geflüchtete Hugo Silberstein (Gad Hugo Sella) aus seiner Sicht das Verhältnis der jüdischen Bevölkerung zu den Tirolern vor dem „Anschluss“. Für einen Zionisten wie ihn, mit dem Bewusstsein, einem eigenen Volk anzugehören, mag die Einschätzung zutreffen. Für die Mehrheit der jüdischen Menschen in Tirol und Vorarlberg galt vor dem „Anschluss“ 1938 eher nur der erste Teil seiner Aussage: Sie lebten weitgehend wie ihre nicht-jüdische Umgebung.

Der „Anschluss“ Österreichs und mit ihm Tirols hatte zeitversetzt auch schwere Folgen für die Jüdinnen und Juden südlich des Brenners: Beim „Anschluss“ im März 1938 lebten nach heutigem Kenntnisstand rund 460 so genannte „Glaubensjuden“ in Nordtirol und etwa 40 in Vorarlberg. In Südtirol, vor allem in Meran und Bozen, zählte die Kultusgemeinde mit vielen Flüchtlingen 1938 rund 800 Personen.

Nach dem „Anschluss“ aktivierten die Nationalsozialisten auch in Nordtirol das in den „Nürnberger Rassengesetzen“ vom September 1935 festgeschriebene Konstrukt „Jude“. Nun mussten sich weitere rund 200 Menschen plötzlich als „Volljuden“ deklarieren, die sich vorher nie als solche gefühlt hatten. Wer sich nicht selbst meldete, machte sich strafbar, da man als Jude nicht mehr als Beamter oder Angehöriger der Wehrmacht vereidigt werden durfte. Diese perfide Methode der neuen Machthaber öffnete Denunzianten Tür und Tor.

In der Folge wurden Jüdinnen und Juden Diskriminierungen und Verfolgungen durch das NS-Regime ausgesetzt, die ihnen das Leben im nunmehrigen Gau Tirol-Vorarlberg zunehmend unerträglich machten. Ohne Ansehen der Person, ohne Rücksicht auf frühere Verdienste wurden sie mit Berufsverboten belegt, Schritt für Schritt entrechtet und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Parallel zur Diskriminierung erfolgte die so genannte „Arisierung“, der systematische Raub jüdischen Besitzes, von der sowohl die öffentliche Hand als auch Privatpersonen profitierten. Einige zogen die Konsequenz aus dieser neuen Lage und verübten schon in den ersten Wochen nach dem „Anschluss“ Selbstmord, andere wollten nicht glauben, dass es noch schlimmer kommen könnte. Menschliche Tragödien unterschiedlichen Ausmaßes spielten sich in der Folgezeit ab.

Im Novemberpogrom, der so genannten „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938, deutete sich erstmals an, was die jüdische Bevölkerung in Zukunft zu erwarten hatte. In einer Orgie der Gewalt und Brutalität überfielen in Innsbruck Rollkommandos, meist einheimische Angehörige der SS, der SA und des NSKK, die Wohnungen der nur noch wenigen noch nicht geflüchteten Jüdinnen und Juden. Die Bilanz dieser Nacht: neben einer größeren Zahl Verletzter, neben Zerstörungen und Plünderungen wurden drei Männer ermordet, darunter der Vorstand der Innsbrucker Kultusgemeinde Richard Berger, ein vierter starb einige Wochen später an seinen schweren Verletzungen.

Der Bogen der jüdischen Lebensgeschichten aus dem Gau Tirol-Vorarlberg, die in der Shoa endeten, spannt sich von den Schwierigkeiten der orthodoxen ostjüdischen Zuwandererfamilie Nagelberg in Hohenems mit der dortigen liberalen jüdischen Gemeinde bis hin zu Robert Schüller, dem total assimilierten hochrangigen Tiroler NS-Funktionär jüdischer Herkunft, von Friedrich Reitlinger, dem konvertierten Industriellen und Politfunktionär aus Jenbach, über Rudolf Gomperz, den großdeutsch gesinnten Fremdenverkehrspionier aus St. Anton am Arlberg, bis zu Josef Lehrmann, dem kriegsversehrten Trödler in Telfs, vom Gastwirt Ivan Landauer aus Hohenems bis zur religiösen Händlerfamilie Turteltaub in Innsbruck und Dornbirn.

Während bis zum Beginn der Massenvernichtung etwa zwei Drittel der Tiroler und Vorarlberger Jüdinnen und Juden ins Ausland flüchten konnten, traf es Anfang 1942 auch die wenigen zuvor „vergessenen“ alleinstehenden Frauen und Männer in so genannten „nicht-privilegierten Mischehen“, d. h. kinderlosen Ehen mit „Arierinnen“ oder „Ariern“. Sie mussten nun zwangsweise nach Wien übersiedeln und wurden von dort, wie all jene, die es nicht mehr geschafft hatten, irgendwohin zu flüchten, zuerst in Gettos in Polen, dann in die Vernichtungslager wie Treblinka, Sobibor und Auschwitz oder nach Riga und Minsk deportiert und ermordet. Nur wenige überlebten die Jahre im so genannten „Altersgetto“ Theresienstadt in Böhmen.

Zu Ostern 1943 galt im Gau Tirol-Vorarlberg plötzlich auch der Schutz durch einen „arischen“ Ehemann nichts mehr. Gestapo-Chef Werner Hilliges ließ im ganzen Gaugebiet Frauen, die in geschützten „privilegierten Mischehen“ lebten, auf Basis gefälschter „Schutzhaftbefehle“ ins so genannte Arbeitserziehungslager Reichenau bei Innsbruck einliefern. Vier von ihnen wurden nach Auschwitz deportiert, bevor von „oben“ die Einstellung der Aktion befohlen wurde. Grund für den Stopp war, dass die Machthaber schwer kalkulierbare Reaktionen von „arischen“ Angehörigen befürchteten. Aus den Reaktionen der Bevölkerung lässt sich erahnen, dass das Regime wohlweislich die Fähigkeit der Bevölkerung „zum Wegschauen“ nicht überstrapazieren wollte.

Der Holocaust war nicht ausschließlich von einer unpersönlichen „fernen Macht“ in Berlin angeordnet und exekutiert worden, sondern hatte auch willige Helfer in Nord- und Südtirol sowie in Vorarlberg: In mehreren Fällen zeigt sich, wie persönliche Initiativen und Interessen lokaler Machthaber – vom Bürgermeister oder Gestapochef bis zum Gauleiter – die Beraubung, Vertreibung und sogar Deportation erst möglich machten. Großfamilien wurden zerrissen, wobei ihre jüngeren Mitglieder meist in alle Welt vertrieben, die älteren deportiert und ermordet wurden.

Während einige wenige Frauen die Zeit der Verfolgung als Ehefrauen „arischer“ Männer in dauernder Angst vor Verhaftung und Deportation im Gau überleben konnte, ist bislang kein einziger Fall eines einheimischen Juden historisch nachweisbar, der „illegal“ – als so genanntes „U-Boot“ – im Lande die NS-Zeit im Untergrund überlebt hätte. Allerdings überlebten vier jüdische Berliner Flüchtlinge die letzten Jahre der Shoa in der Wildschönau im Tiroler Unterland.

Nur wenige überstanden die Gettos und Lager der Nationalsozialisten und kehrten wieder nach Hause zurück. Ein Beispiel für Meran ist Walli Hoffmann, die als einzige die Deportation der Südtiroler Jüdinnen und Juden nach dem September 1943 überlebte. Nur wenige der nach 1938 Vertriebenen kehrten nach Kriegsende nach Nordtirol zurück, wie Rudolf Brüll und seine Brüder, ließen sich hier wieder nieder und gründeten erneut eine Kultusgemeinde. Ihr Kampf um Rückstellung des geraubten Besitzes dauerte jahrelang und endete oft mit unbefriedigenden Vergleichen. Die wenigen Rückkehrer nach Südtirol kämpften überhaupt vergebens um die Rückstellung der geraubten Güter. In Vorarlberg stellten sich diese Fragen nicht mehr: Die Jahrhunderte lange Geschichte der jüdischen Gemeinde war durch die Shoa endgültig beendet worden.

Zum Abschluss möchte ich mich bei meiner Mitautorin Sabine Albrich-Falch bedanken, die nicht nur äußerst kompetent gearbeitet hat, auch wenn das ganze Unternehmen etwas länger gedauert hat, sondern mir als Herausgeber auch immer wieder zur Seite stand. Ein besonderer Dank gilt Niko Hofinger, der die Bebilderung der drei Bände souverän durchführte. Weiters möchte ich Roland Sila und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum danken, die uns vor allem die umfangreichen Bildrecherchen sehr erleichtert und sehr viel Material zur Verfügung gestellt haben. Zum Abschluss ein Dank an Verlagsleiter Markus Hatzer für die Geduld mit dem Projekt, Georg Hasibeder und Anna Stock vom Haymon Verlag für die kompetente Betreuung. Nicht zuletzt sei Esther Fritsch, der Präsidentin der IKG Innsbruck für Tirol und Vorarlberg, für ihre jahrelange Unterstützung gedankt, ebenso dem Österreichischen Nationalfonds sowie den zahlreichen teils großzügigen Geldgebern der öffentlichen Hand in Tirol, Südtirol, dem Trentino und in Vorarlberg, die das vorliegende dreibändige Buchprojekt erst möglich gemacht haben.

Innsbruck, im Oktober 2012

Bestandsaufnahme Kriegsende 1945

Zu Kriegsende 1945 war der Großteil der jüdischen Bevölkerung in Nord- und Südtirol vertrieben und viele davon ermordet. Im Land gab es nur vereinzelte einheimische Jüdinnen und Juden, die als Ehepartner in privilegierten Mischehen das NS-Regime überlebt hatten. Dazu kamen noch einige Hundert jüdische Überlebende des Todesmarsches im Raum Seefeld.

Schon in den ersten Wochen kamen weitere jüdische Flüchtlinge nach Tirol, die als Displaced Persons oder DPs bezeichnet wurden. Schließlich kehrten einige einheimische KZ-Überlebende oder als Zwangsarbeiter in Thüringen eingesetzte jüdische Mischlinge und letztlich auch einzelne Emigranten nach Innsbruck und Meran zurück. Außerdem kamen in den ersten Monaten auch ein paar ehemalige Innsbrucker, die als alliierte Soldaten in der britischen oder US-Armee den Krieg überlebt hatten, in ihre Heimatstadt zurück, um nach Überlebenden zu suchen. Geflüchtete Tiroler Jüdinnen und Juden schrieben an ihre Heimatorte und erkundigten sich nach ihren Verwandten oder ihrem Besitz. Die Bundesländer Tirol und Vorarlberg bildeten ab Juli 1945 bis 1955 die französische Besatzungszone. Unter den Offizieren und Soldaten der Besatzungstruppen befanden sich auch Juden, meist Sefardim aus Marokko und Algerien. Ein Militärrabbiner hielt den Gottesdienst, an dem auch die wenigen einheimischen Jüdinnen und Juden teilnehmen konnten.

Die jüdischen Neuanfänge: Nord- und Südtirol als Transitland des jüdischen Exodus1

Anfang Mai 1945 besetzten amerikanische Truppen aus Bayern kommend das Bundesland Tirol, Südtirol wurde von Süden aus befreit. Tirol beherbergte zur damaligen Zeit eine große Anzahl von Displaced Persons (DPs). Die Amerikaner richteten auf allen Ebenen Militäradministrationen ein, denen es gelang, schon bis Anfang Juli einen großen Teil der heimkehrwilligen Fremden außer Landes zu schaffen. Viele blieben jedoch zurück und mussten von der Besatzungsmacht oder den österreichischen Behörden versorgt werden.2 Unter den Tausenden DPs in Nordtirol befanden sich auch jüdische Überlebende der Shoa. Ein Teil der nunmehr von den Amerikanern als DPs registrierten Juden stammte mit Sicherheit aus dem bereits erwähnten so genannten „Evakuierungstransport“ jüdischer KZ-Häftlinge, der in den letzten Kriegstagen vom KZ Dachau ins Ötztal unterwegs war. Den Großteil der Häftlinge hatten dann die einmarschierenden amerikanischen Truppen zwischen dem 1. und 4. Mai, vor allem im Raum Seefeld und Scharnitz, befreit.3

Ende Mai 1945 wurde von den jüdischen DPs selbst ein Hilfskomitee unter dem Namen „Jüdisches Komitee in Innsbruck“ gegründet, mit dem Zweck, Hilfe jeglicher Art für die überlebenden Juden, die sich in Tirol aufhielten, zu leisten.4 Man war sich auch hier der strategischen Lage Innsbrucks als Sprungbrett nach Italien und weiter nach Palästina bewusst und womöglich auf eine zukünftige Zusammenarbeit mit der geheimen jüdischen Fluchthilfeorganisation Bricha (zu Deutsch „Flucht“), bedacht.5 Aufgabe der Bricha war es, jüdische Flüchtlinge kostenlos von Osteuropa nach Palästina zu schleusen und die dafür notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Dazu wurden immer neue Methoden des illegalen Grenzübertrittes angewendet, um sich flexibel den Gegenmaßnahmen der Behörden anzupassen. Die nötigen Geldmittel zur Beschaffung falscher Papiere, zur Bestechung von Grenzsoldaten und zur Bezahlung notwendiger Fahrzeuge und Rationen stammten von jüdischen Hilfsorganisationen in Amerika. Allein in Österreich waren etwa 150 Leute in 25 Stützpunkten für die Bricha tätig, die bis Ende 1948 gegen alle Widerstände ihren Auftrag durchführten.6 Für diesen Exodus aus Osteuropa nach Italien und weiter nach Palästina waren Nord- und Südtirol nur Durchgangsstationen.

Im Zentrum von Innsbruck, am Adolf Pichler Platz 10, richtete Jakob Mendelssohn-Fischer, der Leiter des „Jüdischen Komitees“, ein Büro ein. Mendelssohn-Fischer, ein Überlebender des Todeslagers Treblinka und früherer Professor der Geschichte an der Universität Warschau, war anscheinend ein Urenkel des Komponisten Felix Mendelssohn. Die erste Unterkunft fanden die jüdischen Flüchtlinge in Innsbruck im Hotel „Post“ in der Maximilianstraße 15. Dank der Vermittlung der amerikanischen Militärregierung konnte das jüdische Komitee den obdachlosen Juden ein vorübergehendes Zuhause schaffen.7 Am 29. Juni 1945 meldete die Zeitschrift Aufbau in New York, dass in Innsbruck 120 Jüdinnen und Juden in zwei Hotels wohnten und von der städtischen Suppenküche verpflegt würden. Insgesamt lebten im Juni 2.000 Jüdinnen und Juden in Innsbruck und im Umland der Stadt, von denen die eine Hälfte nach Palästina, die andere in die USA und südamerikanische Länder wolle. In Mitteleuropa wollten nur wenige bleiben.8

Aufgrund der zunehmenden Zahl durchreisender jüdischer Flüchtlinge wurde bald auch noch das Hotel „Wilder Mann“ in der Museumstraße beschlagnahmt. Schon im Juni wurde das „Jüdische Komitee“ in „Refugee Liason Joint Committee“ umbenannt und bei den amerikanischen Behörden als offizielle Vertretung des American Jewish Joint Distribution Committee („Joint“) registriert.9

Am 10. Juli 1945 lösten die Franzosen die Amerikaner als Besatzungsmacht in Tirol ab. Um die allgemeine Flüchtlingssituation zu verbessern bzw. übersichtlicher zu gestalten, strukturierten die Franzosen die Lagerlandschaft in Tirol neu. Im Zuge dieser Maßnahmen mussten im August die jüdischen DPs in Innsbruck ihre Unterkünfte räumen und in das Anfang August 1945 eröffnete Lager im Wiesenhof in der Tiroler Wallfahrtsgemeinde Gnadenwald, zirka zehn Kilometer östlich von Innsbruck, übersiedeln.10 Der Wiesenhof fiel in die Kategorie eines „permanenten Lagers“, d. h. er diente vor allem als Quartier für länger in Österreich verbleibende jüdische DPs, die hier auf eine legale Einreise nach Palästina warten wollten.11 Daneben lebte im so genannten „Pächterhaus“ offiziell das Organisationsteam des Lagers. Tatsächlich wohnten dort die Bricha-Mitarbeiter, die Fahrer der illegalen Konvois, einige Familien und das Dienstpersonal, das auch einheimische Kräfte einschloss.12

Mitte November 1945 bestand als einziges jüdisches Lager in Innsbruck nur noch das Transitlager am Rennweg 40 im Haus der Barmherzigen Schwestern, in den Quellen als „centre de passage juif“ bezeichnet.13 Ende Februar 1946 fand in Innsbruck eine Unterredung zwischen Mendelssohn-Fischer und Colonel Thibaud, dem Vorstand der DP-Abteilung der französischen Militärregierung, statt. Der Offizier war „sich unzweifelhaft sehr bewusst, dass das Lager am Rennweg ein ‚Punkt‘ der Untergrundroute Richtung Italien ist“.14 Trotzdem wurde im folgenden Monatsbericht der französischen DP-Abteilung die Auflösung des Durchgangslagers schon als abgeschlossen vermeldet.15

Als Ersatz für das Durchgangslager bei den Barmherzigen Schwestern wurde noch im März 1946 unweit des Wiesenhofes ein neues Transitlager im Gnadenwalderhof eröffnet.16 Auch dieses ehemalige Hotel war wie der Wiesenhof vor dem „Anschluss“ 1938 in jüdischem Besitz gewesen.17 Die im Gnadenwalderhof untergebrachten jüdischen Transitflüchtlinge warteten hier nur auf eine Möglichkeit zum Grenzübertritt nach Italien. Sie galten daher nicht als DPs im klassischen Sinne – doch nur solche hatten Anspruch, von den Tiroler Behörden oder den Franzosen mit Lebensmitteln versorgt zu werden. Daher musste der „Joint“ Salzburg Lebensmittel in entsprechender Menge bereitstellen, um die Verpflegung zu sichern.18

Fluchtwege nach Tirol und Methoden des illegalen Grenzübertritts

Die Einreise jüdischer Flüchtlinge nach Nordtirol aus Richtung Salzburg fand meist über die Strecke Saalfelden–Hochfilzen und aus Bayern über Mittenwald–Scharnitz oder Mittenwald–Leutasch statt. Eine dritte Route führte von Lindau am Bodensee über Vorarlberg nach Landeck in Tirol und weiter nach Südtirol.19

Als letzte Station der Bricha in der US-Zone in Salzburg und Absprungstelle nach Nordtirol diente das im Sommer 1946 eröffnete Lager Saalfelden unmittelbar an der Zonengrenze zu Tirol. Die meisten Transporte, die in Gnadenwald eintrafen, kamen aus Saalfelden. Von der „Verteilerzentrale“ Gnadenwalderhof ging bei günstiger Gelegenheit die Flucht zumeist in LKWs zum Brenner oder Reschenpass und dann weiter nach Bozen oder Meran. Die Bricha Salzburg versuchte auch immer wieder, Flüchtlinge ohne Zwischenstopp durch Tirol direkt nach Meran zu bringen. Ihre LKW-Transporte führten sie dabei wahlweise über das Kleine Deutsche Eck bei Lofer oder über Saalfelden – Hochfilzen nach Meran, wo die Flüchtlinge ihren nächsten Aufenthalt hatten.20

Die Hauptroute aus Deutschland durch Tirol Richtung Italien hatte ihren Ausgangspunkt in Mittenwald. Hier war im Hotel „Karwendel“ ein Erholungslager für jüdische DPs aus dem südlich von München gelegenen DP-Lager Föhrenwald untergebracht.21 Von Mittenwald wurden die jüdischen Flüchtlinge auf Schleichwegen bis in die Nähe der Grenze geführt, wo sie von ortskundigen Schleppern der Bricha übernommen und entweder direkt durch Tirol nach Italien geschleust oder vorübergehend in Gnadenwald untergebracht wurden.22

Die wohl am häufigsten angewendete Methode war, mit gefälschten Papieren die Grenze zu passieren. Marco Feingold, ehemaliger Mitarbeiter der Bricha in Salzburg, erinnert sich an die Fälscher: „Da waren sehr tüchtige Leute dabei und man bewunderte oftmals die so schön bedruckten Papiere mit den herrlichen (Brief-)Köpfen; was denen immer wieder neu eingefallen ist: immer wieder neue Organisationen, immer wieder neue Uniformen, alles strahlte immer mehr.“23

Auch wenn die Papiere nicht gefälscht waren, war man bestrebt, mit legalen Transporten immer mehr Flüchtlinge als erlaubt mitzuschicken.24 Eine andere Methode bestand darin, die Flüchtlinge unter Führung eines Ortskundigen bei Nacht zu Fuß die Grenze überschreiten zu lassen. Im Falle einer Entdeckung wurden einfach die Angaben über Ausgangsund Zielort vertauscht.25 Die Flüchtlinge rechneten bei ihren illegalen Grenzübertritten auch nicht mit Gewaltanwendung der österreichischen Gendarmerie. Vielleicht war ihnen die Weisung bekannt, dass Waffengebrauch gegen illegal einreisende Juden nur auf Anordnung der französischen Militärbehörden oder im Falle echter Notwehr erfolgen durfte.26 Die LKWs, die man zum Transport der Flüchtlinge verwendete, wurden als englische oder amerikanische Militärfahrzeuge getarnt. Die österreichischen Grenzwachorgane waren nicht dazu ermächtigt, alliierte Fahrzeuge anzuhalten bzw. alliierte Militärpersonen zu kontrollieren.27

Die wechselnde Haltung der französischen Besatzer

Ein wichtiger für die Bricha zu berücksichtigender Faktor bei der Organisation der Transporte waren die damaligen Hausherren in Nordtirol, die französischen Besatzer. Für oder gegen den illegalen Transit jüdischer Flüchtlinge sprach auf französischer Seite kein Eigeninteresse. Die wechselhafte französische Politik war in hohem Maße nur eine Reaktion auf Druck oder Bitten von Briten, Amerikanern oder Italienern. Während die Amerikaner die DPs loswerden wollten, war es das Interesse der die Briten, diese so weit wie möglich von Palästina fernzuhalten. Unter britischem Druck fungierten die Italiener am Brenner und Reschen als erste Barriere.28

Zu Beginn des jüdischen Exodus bestand zwischen Amerikanern und Franzosen keine Abmachung, dass in Nordtirol aufgegriffene jüdische Flüchtlinge aus der US-Zone wieder in diese zurückgebracht werden konnten. Die französischen Behörden wollten sie aber unter keinen Umständen in der eigenen Zone unterbringen29, weswegen man anfangs gegenüber dem Problem meist beide Augen verschloss.

Britischer Druck auf die französischen Behörden, keine Flüchtlinge in die Zone einreisen zu lassen, führte fallweise zu hartem Durchgreifen auf französischer Seite und zur Zurückweisung von jüdischen Flüchtlingen in die amerikanische Zone.30 Auch verschärfte italienische Grenzkontrollen und damit verbundene Rückstellungen illegal in Südtirol eingereister Flüchtlinge nach Nordtirol hatten wenigstens kurzzeitig ebenfalls eine härtere Gangart der Franzosen zur Folge. Sie wollten verhindern, dass sie für eine große Zahl jüdischer Flüchtlinge zu sorgen hatten, die sich angesichts einer immer schwerer passierbaren Grenze nach Süden in Nordtirol stauten.

In den Anfängen des illegalen Transits jüdischer Flüchtlinge Richtung Italien wurden vom jüdischen Komitee in Innsbruck in Zusammenarbeit mit amerikanischen und später französischen Besatzungsbehörden jüdische Flüchtlinge als „Heimkehrer“ nach Italien geschickt. Die jüdischen DPs gaben sich als Italiener aus und reisten offiziell gemeinsam mit italienischen Heimkehrern nach Italien.31 Nicht erst seit Ende Juli 1945, als die Jewish Brigade der britischen Armee auf der Durchreise aus Italien nach Belgien in Innsbruck war, hatte sich die Zusammenarbeit zwischen dem jüdischen Komitee und den Soldaten dieser Einheit sehr erfolgreich gestaltet. Mit dieser „erfolgreichen Zusammenarbeit“ ging es zweifelsohne um die Organisation illegaler Transporte. Der größte derartige Transport – 1.250 Jüdinnen und Juden aus Oberösterreich – traf am 10. Juli in Innsbruck ein und konnte „unter verständnisvoller Mitwirkung der Behörden“ umgehend nach Italien weitergeleitet werden.32

Im Herbst 1945 setzte die Wanderung kleinerer Gruppen von Jüdinnen und Juden aus Polen, die ursprünglich aus den NS-Lagern befreit worden waren, in die DP-Lager Deutschlands und Österreichs ein. Die Abwicklung der ganzen Operation verlief im Winter 1945/46 relativ klaglos. Die Flüchtlinge fanden nach ihrer Ankunft aus Osteuropa in Wien zuerst Unterkunft und Verpflegung im amerikanischen Sektor. Von hier wurden immer so viele Jüdinnen und Juden mit manipulierten Transportpapieren in die US-Zone geschleust wie gleichzeitig von dort mit der Bricha in Richtung Deutschland oder über Tirol nach Südtirol illegal weitertransportiert wurden. Die Aufenthaltsdauer in der US-Zone war recht kurz, obwohl monatlich zwischen 2.000 und 3.000 Flüchtlinge durcheschleust werden mussten. Damit blieb wenigstens theoretisch die Zahl der Flüchtlinge in der US-Zone konstant.33

Die Erkenntnis der Briten, dass es sich um eine organisierte Flucht handelte und die daraus folgenden Anstrengungen, diesen Transit zu unterbinden34, wirkten sich vorerst noch nicht auf die französische Besatzungszone aus. Im Dezember 1945 stellten die Franzosen zwar fest, dass eine große Anzahl illegaler Immigranten „auf Wegen, die nicht immer das Resultat ihrer eigenen Initiativen seien“35, die Zonengrenze überquerte, aber weder die französischen noch die Tiroler Behörden36 setzten dem illegalen Transit polnischer Juden nach Südtirol Hindernisse entgegen. Aufgrund dieser Entwicklung übernahmen zu Jahresende 1945 die Briten die Grenzkontrolle auf der italienischen Seite des Brenner, was den jüdischen Flüchtlingen die Ausreise aus Österreich über diese Strecke fast unmöglich machte.37 Die Bricha verlegte deshalb Anfang 1946 ihre Fluchtroute auf den weiter westlich gelegenen Reschenpass, über den in der ersten Jahreshälfte 1946 eine relativ problemlose Einreise nach Italien möglich war.38

Aufgrund britischen Drucks versprachen die Franzosen zwar, keine Reisegenehmigungen für Juden ohne gültige Papiere auszustellen und gleichzeitig die Überwachung der Zonengrenze zu verstärken39, tatsächlich wurden aber keine ernstzunehmenden Maßnahmen gegen den Transit unternommen. Im Zuge dieser „wohlwollenden Ignorierung“ wurde Ende März 1946 zwischen den Franzosen und der Bricha ein Geheimabkommen getroffen, welches der Fluchthilfeorganisation ermöglichte, mehrere Großtransporte durch Tirol zu schleusen. Das Bezirksgendarmeriekommando Landeck wurde durch die französische Besatzung unterrichtet, dass ab sofort jüdische Flüchtlinge mit amerikanischen Armeelastkraftwagen zum Reschenpass befördert würden. Es sei Aufgabe der österreichischen Grenzkontrollstelle, die Flüchtlinge über die grüne Grenze nach Italien zu bringen. Der Zeitzeuge Josef Wilhelm, damals Stellvertreter des Landecker Bezirksgendarmeriekommandanten, erzählt:40

„Mit einem verschlüsselten Telefonanruf wurde der jeweils Dienstag und Freitag zwischen 23.00 und 1.00 Uhr eintreffende LKW-Konvoi mit 200–300 Personen angekündigt und ca. 500 Meter vor der Grenze von den österreichischen Gendarmen erwartet. Eigenes Begleitpersonal und die Gendarmen führten im Morgengrauen bei jeder Witterung diese zumeist ärmlich und herabgekommen aussehenden Männer, Frauen und Kinder über schmale Steige abseits des offiziellen Grenzüberganges nach Italien. Beim Etsch-Ursprung, nördlich des Grenzortes Reschen, standen Omnibusse bereit, welche die Flüchtlinge aufnahmen. […] Bei den ersten Transporten gab es öfters Grenzzwischenfälle durch die italienischen Grenzorgane. Die Flüchtlinge wurden aufgegriffen, zwischen die beiderseitigen Grenzlinien gestellt und durch Schüsse in die Luft zur Rückkehr gezwungen. Im Verlaufe der Zeit ging die illegale Einschleusung nach Italien ohne Störungen vor sich, da von amerikanischer Seite vermutlich Einfluß auf die italienischen Grenzbehörden genommen wurde.“41

Erleichtert wurden diese Transporte durch den Rückzug der Briten vom Reschenpass und die Übergabe der Grenzkontrolle an die Italiener. Ab diesem Zeitpunkt häuften sich die Transporte Richtung Meran. Dort registrierten britische Offiziere allein im April 1946 insgesamt 1.792 jüdische Flüchtlinge, die die Grenze nach Südtirol überquert hatten.42 Die Briten zogen die Konsequenzen aus der für sie alarmierenden Entwicklung am Reschen und übernahmen ab Mai 1946 wieder selbst die Grenzkontrolle. Damit machten sie diese Route für die Bricha nahezu unpassierbar.43

Als im Sommer 1946 der Massenexodus mit über 100.000 jüdischen Flüchtlingen aus Polen Richtung Österreich seinen Höhepunkt erreichte, brach aufgrund des großen Ansturms das bis dahin gut funktionierende „Durchschleusungssystem“ durch die Transitlager der US-Zone zusammen.44

Während des polnischen Exodus erreichte auch die antisemitische Propaganda ihren Höhepunkt. Die Sündenböcke für die herrschenden Missstände waren auch in Tirol rasch gefunden – die jüdischen DPs. Dies ist umso bemerkenswerter, als sich zu diesem Zeitpunkt unter den etwa 65.000 Ausländern in Tirol und Vorarlberg nur knapp 600 Juden befanden.45 So polemisierte beispielsweise der ÖVP-Landtagsabgeordnete und Gründer der Tyroler Landsmannschaft, Major A. D. Molling, gegen den Zustrom von Tausenden von Juden, die aus Polen nach Österreich abgeschoben würden.46

Um den Flüchtlingsstrom einzudämmen, versuchten die Briten im Spätsommer 1946 einerseits ergebnislos, Polen und die Tschechoslowakei dazu zu bewegen, die Grenzen zu sperren, andererseits aber umso erfolgreicher, die Küsten Palästinas durch die eigene Marine und Luftwaffe abzuriegeln, um die illegalen Schiffe an der Landung zu hindern. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Politik der Italiener, die sich vor Beginn der Seeblockade wenig um die Einreise jüdischer Flüchtlinge nach Italien gekümmert hatten. Britischer Druck führte dazu, dass in Südtirol wiederholt Flüchtlinge aufgegriffen und in die französische Zone nach Nordtirol zurückgewiesen wurden.

Die konsequent restriktive Haltung der Italiener gegenüber illegal aus Nordtirol eingereisten jüdischen Flüchtlingen erforderte nun auch seitens der Franzosen im Laufe des Herbstes 1946 eine Änderung der nachlässigen Haltung. Man ging dazu über, die für den Transport in das Lager Gnadenwald wichtigen Bahnhöfe des Inntals durch österreichische Gendarmerie überwachen zu lassen und die Transportzüge mit jüdischen Flüchtlingen zu registrieren. Die striktere Haltung der französischen Besatzer führte im Oktober dazu, dass den nicht ordnungsgemäß registrierten Transitflüchtlingen im Gnadenwalderhof keine Lebensmittel zur Verfügung gestellt47 und neuerlich die Grenzkontrollen verschärft wurden.48