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Thomas Albrich

JÜDISCHES LEBEN IN TIROL UND VORARLBERG VON 1700 BIS 1805

HAYMONverlag

© 2013

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

Covergestaltung: hoeretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Inhalt

Vom jüdischen Leben im historischen Tirol 1300–1805

Jüdisches Leben in Tirol und Vorarlberg von 1700 bis 1805

Die Rechtsverhältnisse der Juden in der Zeit von Kaiser Karl VI. und Maria Theresia

Jüdinnen und Juden in Tirol am Anfang des 18. Jahrhunderts

Jüdinnen und Juden in Hohenems und Sulz im 18. Jahrhundert

Die fünf Brüder Uffenheimer aus Innsbruck und Hohenems

Der Synagogenbau in Hohenems

Die Pflege der Ritualmordlegenden in Tirol im 18. und frühen 19. Jahrhundert

Joseph II. und der Beginn der Toleranz: Erste Schritte auf dem Weg zur Emanzipation

Jüdinnen und Juden in Innsbruck in der ersten Hälfte der 1780er Jahre

Jüdisches Leben in Tirol und Vorarlberg in der zweiten Hälfte der 1780er Jahre

Die Regierung von Kaiser Franz II.: Der Anfang einer neuen Zeit?

Jüdinnen und Juden in Bozen zwischen 1780 und 1800

Innsbrucks Jüdinnen und Juden am Anfang des 19. Jahrhunderts

Anmerkungen

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Vom jüdischen Leben im historischen Tirol 1300–1805

Thomas Albrich

Seit über 700 Jahren leben Jüdinnen und Juden in Alttirol, das historisch das heutige Trentino, Südtirol, Nord- und Osttirol umfasste und seit den 1780er Jahren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs sowie zwischen 1938 und 1945 auch Vorarlberg inkludierte. Die vor 1803 noch unabhängigen Bistümer Brixen und Trient werden im vorliegenden ersten Band natürlich mitbehandelt. Geografisch umfasst der in den drei Bänden behandelte Raum daher (fast) immer den Raum der heutigen österreichischen Bundes länder Tirol und Vorarlberg sowie die italienische Region Trentino-Südtirol. Der erste Band behandelt die Anfänge einer jüdischen Existenz in Tirol von ca. 1300 bis 1805, als ganz Tirol und Vorarlberg zum Königreich Bayern kamen.

Die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Tirol und Vorarlberg war von den Anfängen bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts gekennzeichnet durch Ansiedlungsbeschränkungen, Verbote und Vertreibungen. Jüdische Gemeinden konnten sich bis ins 17. Jahrhundert nicht etablieren, es gab nur Ansiedlungen einzelner tolerierter jüdischer Familien in Bozen, Trient und Innsbruck. Während sich in Tirol an dieser Grundsituation bis zum Abschluss der staatsbürgerlichen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung durch die Staatsgrundgesetze von 1867 nichts änderte, gewährte Graf Kaspar von Hohenems im Jahre 1617 die Ansiedlung einer jüdischen Gemeinde in Hohenems, die mit einer kurzen Unterbrechung – der Vertreibung ins benachbarte Sulz im 18. Jahrhundert – bis zur Zerstörung 1940 dort existierte.

Während die Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts mittlerweile aufgrund unserer Forschungen und Publikationen der vergangenen Jahre zumindest biografisch gut aufgearbeitet wurde1, fehlt für die Jahrhunderte zwischen 1300 und 1800 noch eine ausführliche Darstellung für Tirol.2 Diese Lücke wird im vorliegenden Band weitgehend geschlossen.

Wer waren die Jüdinnen und Juden, die vor 1805 in Alttirol lebten? Im Mittelalter treten Juden erstmals um 1300 in den Tiroler Quellen auf: Isaak von Lienz ist zu dieser Zeit der wichtigste Geldgeber im Ostalpenraum. Zusammen mit den anderen damals im Tiroler Raum ansässigen Juden dürfte er aus der Friauler Gegend zugezogen sein. Die Nachrichten über diese erste Phase jüdischen Lebens in Alttirol enden jedoch schon um 1330. In der Folge ließen sich bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts einige aus dem Norden zugewanderte Juden in Tirol nieder, darunter der in Innsbruck wohnhafte Salomon, der bis 1347 belegt ist. Ob es auch in Tirol anlässlich der großen Pestepidemie des Jahres 1348 zu Verfolgungen kam, wie dies für viele Städte des römisch-deutschen Reiches belegt ist, lässt sich den spärlichen regionalen Quellen nicht entnehmen. Eine dritte, im ausgehenden 14. Jahrhundert einsetzende Phase jüdischer Präsenz in Tirol ist durch eine markante Vermehrung der Siedlungsorte gekennzeichnet. Jüdische Bewohner finden sich nunmehr in Lienz, Innsbruck, Hall, Mils, Brixen, Glurns, Meran, Bozen, Kaltern sowie in Trient und in einigen anderen Gemeinden des Trienter Hochstifts. Noch in diesem Jahrhundert fand aber die jüdische Ansiedlung an den meisten dieser Orte schon wieder ein Ende. Ritualmordprozesse führten zur Vernichtung der Judengemeinden in Lienz und in Trient, und der Trienter Prozess des Jahres 1475 dürfte den Tiroler Landesfürsten zur Ausweisung aller Tiroler Juden veranlasst haben. Auch nach der Rückkehr bzw. dem Zuzug neuer jüdischer Familien nach Tirol lebten bis 1867 keine Jüdinnen und Juden mehr in Trient.

Kurz nach 1500 tauchen vereinzelt wieder jüdische Familien in Bozen und wenig später auch in Innsbruck auf. Wichtig sind im Laufe des Jahrhunderts vor allem die Bassevi im südlichen Landesteil oder die May, die bis nach 1700 Hofjuden und Hoffaktoren in Innsbruck waren. Im 16. und 17. Jahrhundert lebten immer einige wenige jüdische Familien in Tirol, die aber keine Gemeinde bilden konnten. Einschneidend für die antijüdische und später antisemitische Zukunft vor allem in Nordtirol waren die Aktivitäten und Veröffentlichungen von Hippolyt Guarinoni, der seit etwa 1620 den bislang sehr lokalen Kult um Andreas von Rinn im Inntal und auch landesweit bewarb. Hundert Jahre später wurde auch die Legende um Ursula Pöck in Lienz neu belebt und 1744 der Tod des Franz Thomas Locherer in Montiggel bei Eppan zu einer neuen Ritualmordlegende gemacht.

Anders die Lage in Vorarlberg, wo die jüdische Gemeinde in Hohenems immer größer wurde. Um 1750 lebten die Uffenheimer in Innsbruck und Hohenems als Hoffaktoren und Großhändler und waren auch auf den Märkten in Bozen anzutreffen. Ab den 1780er Jahren treffen wir neben den Uffenheimern auf die Familien Weil, Dannhauser und Bernheimer in Innsbruck sowie die Familien Hendle und Gerson in Bozen.

In der bayerischen Zeit zwischen 1806 und 1814 begegnen wir einer relativ geschlossenen jüdischen Gemeinde in Innsbruck, die durch die Ereignisse des Jahres 1809 schwer geschädigt wurde. Wir wissen, wer danach in Innsbruck lebte und blieb, wer wegzog und wer zuzog. Im restlichen Land gab es nur noch die Nachkommen des Markus Gerson in Bozen, aber noch immer keine Juden in Meran oder im Trentino.

Mit der Rückkehr Tirols und Vorarlbergs zu Österreich im Sommer 1814 begann eine neue Zeit. Im Vormärz bestimmten neue Männer wie Martin Steiner und David Friedmann das jüdische Leben in Nordtirol, und die Familie Schwarz und die Brüder Biedermann etablierten sich in Südtirol. Mit der rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung durch die Staatsgrundgesetze 1867 bot sich nun auch die Möglichkeit der freien Zuwanderung und Niederlassung in Tirol und Vorarlberg. Während die jüdische Bevölkerung Vorarlbergs zwischen 1857 und 1910, hauptsächlich durch Abwanderung in die Schweiz, aber auch in weiter entfernte Länder, von 515 auf 126 abnahm, erfolgte im gleichen Zeitraum in der ganzen Region Tirol durch Zuwanderung vor allem aus den östlichen Teilen der Monarchie, meist über einen Zwischenstopp in Wien, eine Zunahme von 33 auf 1750! Handelte es sich in Hohenems um eine in drei Jahrhunderten gewachsene Gemeinde, so war Tirol eine neue, junge Gemeinde. Diese Konstellation hatte zur Folge, dass die gesamte zugewanderte jüdische Bevölkerung Tirols nördlich und südlich des Brenners im Jahre 1938 theoretisch noch am Leben war und Opfer der NS-Verfolgung wurde. Immerhin starb Bertha Dannhauser, das älteste Mitglied der Innsbrucker jüdischen Gemeinde, erst im Alter von knapp 100 Jahren im Februar 1940. Sie gehörte noch zur „Urgemeinde“ der 33 im Jahre 1857 gezählten Jüdinnen und Juden Tirols. Die Zeit nach der Shoa war für die wenigen Überlebenden der NS-Lager und die Rückkehrer aus der Emigration viele Jahre lang schwer. Erst in den letzten zehn Jahren kann von einer Normalisierung die Rede sein.

 

Zum Abschluss möchte ich meinen beiden Mitautoren Klaus Brandstätter und Heinz Noflatscher danken, die äußerst kompetent gearbeitet haben, auch wenn das ganze Unternehmen etwas länger gedauert hat, als ursprünglich geplant war. Ein besonderer Dank gilt Niko Hofinger, der die Bebilderung der drei Bände souverän durchführte. Weiters möchte ich Roland Sila und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum danken, die uns wie immer vor allem die umfangreichen Bildrecherchen sehr erleichtert haben. Zum Abschluss ein Dank an Verlagsleiter Markus Hatzer vom Haymon Verlag für die Geduld mit dem Projekt, Georg Hasibeder und Anna Stock für die kompetente Betreuung. Nicht zuletzt sei Esther Fritsch, der Präsidentin der IKG Innsbruck für Tirol und Vorarlberg, für ihre jahrelange Unterstützung gedankt, ebenso dem Österreichischen Nationalfonds sowie den zahlreichen teils großzügigen Geldgebern der öffentlichen Hand in Tirol, Südtirol, dem Trentino und in Vorarlberg, die das vorliegende dreibändige Buchprojekt erst möglich gemacht haben.

Innsbruck, im Oktober 2012

Jüdisches Leben in Tirol und Vorarlberg von 1700 bis 1805

 

 

 

Thomas Albrich

Die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Tirol, das im 18. Jahrhundert auch das Trentino und die meiste Zeit auch Vorarlberg umfasste, ist vor 1800 die Geschichte einer zahlenmäßig kleinen Gruppe, die nie mehr als 400 Personen umfasste. Geografisch konzentrierten sich diese auf Hohenems, Innsbruck und Bozen. Betrachtet man die historische Entwicklung des jüdischen Lebens in Alttirol, so unterschied es sich zum einen von jenem in den großen Städten – vor allem in Wien –, zum anderen beeinflussten natürlich Entwicklungen wie die josephineschen Toleranzedikte seit Anfang der 1780er Jahre auch die jüdische Existenz in Tirol. Es wird zudem deutlich, dass es meist eine dominierende Persönlichkeit gab, die versuchte, die Lebensbedingungen ihrer Glaubensbrüder und -schwestern zu verbessern. Im 18. Jahrhundert hatten diese Funktion zuerst Jonathan Uffenheimer, danach bis 1790 seine Söhne Maier in Hohenems und Gabriel in Innsbruck inne. In den Jahren bis 1814 erfolgte dann ein personeller Umbruch, der erst mit dem Ende der bayerischen Zeit vor allem in Innsbruck eine neue jüdische Führungselite hervorbrachte.

 

 

 

Die Rechtsverhältnisse der Juden in der Zeit von Kaiser Karl VI. und Maria Theresia

Auf dem Gebiet des heutigen Österreich bestanden um das Jahr 1700 nur in Hohenems und Sulz in Vorarlberg sowie im Burgenland jüdische Gemeinden. In Innsbruck lebte nur eine Handvoll Juden. In Wien konnten sich einige Hofjuden niederlassen, die Gründung einer Gemeinde blieb trotz wachsender Zahl von Juden bis 1848 untersagt. Einer der ersten Hofjuden, die sich nach der Vertreibung von 1670/71 wieder in Wien niederlassen durften, war der wahrscheinlich aus Heidelberg stammende Samuel Oppenheimer, der seinem Kaiser vor allem die Türkenkriege nach der Belagerung Wiens 1689 bis zum Frieden von Karlowitz finanzierte.

Nachdem im Juli 1700 Oppenheimers Haus in Wien geplündert wurde, erließ Kaiser Leopold I. ein Schutzpatent für die in Wien ansässigen und in Ober- und Niederösterreich Handel treibenden Juden.1 Auf Oppenheimer folgte als Hofjude dessen Neffe Samson Wertheimer aus Worms. Seine finanziellen Leistungen für Österreich erlangten vor allem während des Spanischen Erbfolgekriegs (1701–1714) besondere Bedeutung.

Die wenigen reichen Wiener Juden wurden immer wieder zu großen Abgaben gezwungen. So mussten sie 1704 eine Zwangssteuer von 205.000 Gulden leisten, und 1706 zu den Kosten der Kaiserkrönung Josephs I. in Frankfurt 200.000 Gulden beitragen.

Auch die Krönung Karls VI., des Vaters von Maria Theresia, im Jahre 1711 verschlang 148.000 Gulden aus jüdischen Kassen. Karl VI. war den Juden nicht freundlich gesonnen, begünstigte jedoch seine Hofjuden, wenn er sich Vorteile versprach. Allerdings betrieb er gegen den Willen der Hofkammer eine sehr restriktive Judenpolitik. 1716 wurde beispielsweise befohlen, alle verheirateten Dienstboten zu entlassen. Ein Jahr später mussten die Juden für den Krieg gegen das Osmanische Reich 1,2 Millionen Gulden und 1727 für weitere Militärausgaben 600.000 Gulden aufbringen. Seine drei Judenordnungen zielten darauf ab, die Zahl der Juden in Wien zu begrenzen. Die Juden mussten von den Christen abgesondert leben, eine Zwangsumsiedlung erwies sich aber als nicht durchsetzbar. Im Jahr 1732 bemühten sich die Wiener Juden vergeblich um die Erlaubnis, eine Synagoge in der Vorstadt bauen zu dürfen. Das religiöse Leben blieb daher weiterhin auf die private und familiäre Ebene beschränkt.

Kaiserin Maria Theresia übernahm diese antijüdische Einstellung von ihrem Vater, wie sich sehr bald auch in Innsbruck herausstellen sollte: 1748 verlangte die Kaiserin die Abschaffung der Juden aus Innsbruck, was aber nicht geschah. Für die Juden in Vorderösterreich war die Verwaltungszentrale bis 1752 ebenfalls in Innsbruck, danach erst in Freiburg im Breisgau. Daher kam es vermutlich allein wegen dieser administrativen Funktion zu vielen Reisen von Juden nach Innsbruck und daraus folgend zu persönlichen und geschäftlichen Kontakten. Für die Innsbrucker Juden ergaben sich umgekehrt Anknüpfungen an die südwestdeutschen Landjudengemeinden.

Nachdem Maria Theresia im Oktober 1752 eine Zählung der in Wien anwesenden Juden durchführen ließ, wurde im September 1753 eine Judenordnung erlassen, die in 33 Artikeln die Bestimmungen der letzten Jahrzehnte zusammenfasste. Die Unzulänglichkeit der Judengesetzgebung führte schließlich 1764 zu einer neuerlichen Reform. Die Juden sollten fortan verstärkt in den Dienst der Volkswirtschaft gestellt werden. Sie sollten mit inländischer Ware Handel treiben und Fabriken gründen, in denen jedoch nur Christen arbeiten durften. Im Herbst 1777 lebten dann ungefähr 500 Juden in der Stadt Wien.2

In diesem Jahr gab Maria Theresia eine dritte Judenordnung in verschärfter Form heraus. Obwohl sie jüdische Großhändler ablehnte, konnte sie trotzdem nicht ohne jüdische Hoffaktoren auskommen. Ihre Einstellung äußerte sich in ihrem Verhalten diesen gegenüber: Während sie bereitwillig auf den Rat getaufter Juden, wie etwa Joseph von Sonnenfels, hörte, empfing sie ihre Hoffaktoren nur hinter einem Vorhang verborgen.3 1777, wenige Jahre vor ihrem Tod, schrieb sie über die Juden:

 

„Künfftig solle keinen Juden, wie sie Nahmen haben, zu erlauben, hier zu sein, ohne meiner schrifftlichen Erlaubnis. Ich kenne keine ärgere Pest von Staatt als diese Nation, wegen Betrug, Wucher und Geldvertragen, Leüt in Bettelstand zu bringen, alle üble Handlungen ausüben, die ein anderer ehrlicher Man verabscheüete; mithin sie, sovill sein kan, von hier abzuhalten und zu vermindern.“4

 

Trotzdem demonstrierten ihr die jüdischen Gemeinden der Monarchie entsprechend den religiösen Vorschriften als ihrer Schutzherrin ihre Treue. Als Maria Theresia starb, hielt Rabbiner Jecheskel Landau in Prag eine Trauerrede.5

 

 

 

Jüdinnen und Juden in Tirol am Anfang des 18. Jahrhunderts

Juden in Innsbruck

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert waren immer wieder einzelne Juden nach Innsbruck gekommen, die meist bei der Hoffaktorenfamilie May wohnten, deren Stern aber bereits im Sinken war. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts stieg dann die Zahl der jüdischen Familien in Innsbruck: Die Familie May war bereits seit ungefähr 1570 in Innsbruck ansässig und hatte sich in den rund 130 Jahren eine fixe Position am Hof und dadurch auch in der Stadt erworben sowie das Recht ihre Toten am Judenbichl zu begraben. Weiters scheinen die Namen Joseph und Jacob Iseron, Isaac und Maier Landauer, Salomon Jacob und Jonathan Uffenheimer in Innsbruck auf, die alle miteinander verwandt waren.6

Kurz vor 1700 begegnet uns in den Akten Moyses Pollackh in Innsbruck, der unter anderem um das Begräbnisrecht für sich und die Seinigen bat, worauf ihm Kraft kaiserlicher Resolution vom 23. November 1693 die Erlaubnis erteilt wurde, dass er

 

„sambt weib, kinder vnd hauß gesindt zechen nachein ander folgendte iahr in dero Statt Ynnsprugg haußhablichen wohnen, handlungen vnd khaufmanschafft gegen erstattung der gebihr ohngehindert […] treiben möge, yber das des gelben iuden zaichens verschont, auch von dem auf andere inn- vnd außlendische iuden gelegte leibs zoll enthebt, vnd der begrebnus bey Weyrburg befuegt seyn, vnd bleiben solle“.7

 

Am 14. August 1700 wurde dieses „privilegium“ in Erwiderung eines Bitt-Libells der Familie Pollackh vorzeitig auf weitere zehn Jahre gewährt.8 Damit waren sie praktisch den Mays gleichgestellt.

Etwa um diese Zeit dürften auch die Uffenheimer nach Innsbruck gekommen sein. 1699 hatte die bayerische Stadt Uffenheim das „Privileg“ erhalten, keine Juden mehr aufnehmen zu müssen. Dies könnte Anlass für die Übersiedlung des Jonathan Uffenheimer und dessen Vater nach Innsbruck gewesen sein.9 Jonathan Uffenheimer war seit ungefähr 1700 mit einer Tochter des Abraham May verheiratet und wurde, wie erwähnt, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die zentrale Figur der Juden in Tirol und Vorarlberg.10 Die Zahl der Judenfamilien in Innsbruck hatte sich also in wenigen Jahren nahezu verdoppelt, war aber immer noch sehr gering., Dennoch fanden ihre christlichen Konkurrenten immer wieder Anlass zur Klage: Am 4. Februar 1707 beschwerten sich die bürgerlichen Handelsleute in Innsbruck wegen der „Zuhaltung der Läden an Sonn und Feyertagen“, weil ihnen dies sehr schade. Sie baten um die „Relaxierung des Verbothes, oder dass ein solches den hiesigen befreyten und anderen Krämern und Juden eingestellt werde“. Es sollte der Handel an Sonn- und Feiertagen „auch den fremden Krämern und Juden verbothen werden“.11 Daraus ist zu schließen, dass die Juden in Innsbruck ihre Geschäfte von der Funktion als Hoflieferanten auf den offenen Verkauf in der Stadt erweitert hatten.

In den folgenden Jahren gibt es immer wieder kleine Hinweise auf Juden in Innsbruck: Im Jahre 1709 setzte die Regierung einen aus Salzburg angekommenen Studenten in Innsbruck fest. Er wurde beschuldigt, einem Juden den Mantel gestohlen zu haben. Sofort fand eine Studentenversammlung statt. 150 Studenten beschwerten sich beim Rektor der Universität. Der Rektor erwirkte von der Regierung die Zusage, den Angeklagten an die Gerichtsbarkeit der Universität auszuliefern. Das war aber der „stürmischen übermüthigen Jugend“ noch nicht genug. Sie schlugen die Tür der Gefängniszelle ein und führten ihren Kommilitonen selbst im Triumph weg. Dann suchten sie noch einen Juden in der Judengasse, der heutigen Schlossergasse, auf, der zu seinem Glück nicht anwesend war. Sie brachen nun bei einem anderen Juden ein und erzwangen von ihm „einen Haufen Kleider zum angeblichen Ersatz des Schadens und der Ehre“.12

Auch die Praxis, jüdische Kinder zu entführen und zu taufen, ist für Innsbruck belegt: Im Jahre 1710 wurde Gidele, die fünfjährige Tochter eines Moses Günzburger, in Innsbruck von drei Studenten entführt und zum Hofbauschreiber Leonhard Balthasar Dörflinger gebracht. Die Klage des Vaters wegen des Raubes blieb unbeachtet, sein Versuch, seine Tochter zurück zu holen, scheiterte. Um Günzburger loszuwerden wurde angeordnet, dass er binnen zwei Wochen Tirol zu verlassen habe. Auch eine Intervention beim Kaiser war vergeblich, das Mädchen blieb in Tirol und wurde zwei Jahre später getauft.13

Es gab aber in Innsbruck auch freiweillige Konversionen: Maria Johanna Felicitas Maÿrin – offenbar ein Kind aus der Familie May – hat als 16-Jährige nach einem Jahr Religionsunterricht im Jahr 1714 freiwillig „den jüdischen Irrthumb verlassen und die allein selig machende, catholische, heilige Taufe empfangen“.14

Im Jahre 1711 sollten auf Beschwerde der Stadt „vermög Hofresolution alle mit einem Landesfürstl. Privileg nicht specialiter versehenen Juden abgeschaffet“ werden.15 Dass es tatsächlich dazu kam, ist unwahrscheinlich, denn am 18. Oktober 1712 erschien ein „Regiments Dekret“: Es sollte berichtet werden „warum bey den jüngst erfolgten zwey kaiserlichen Todfällen die hiesigen privilegierten Juden ihre Privilegien nicht confir-mieren ließen; item wie viel Nationen Juden sich allhier befinden, und was sonst wegen ihres Handels und Wandels zu erinnern sein möchte“. Es sei „ausführlich zu berichten, wie sich die Juden allhier verhalten, und immer in grosser Anzahl allda befinden, da doch vor Alters niemals mehr als zwey Juden allhier gewesen; um die Konfirmation ihrer Privilegien aber habe man diesseits keine Wissenschaft“.16 Und zwei Jahre später, 1714, bat die Stadt Innsbruck „flehentlich“ den Gubernator Karl Philipp von der Pfalz, „die unter dem Schutze des Hofes eingedrungenen Juden“, welche angeblich bereits den christlichen Charakter der Stadt gefährdeten auszuweisen, mit Ausnahme der Gebrüder May – die zuvor 7.000 Gulden für das Spital gestiftet hatten.17 Diese Bitte blieb offenbar ebenso unbeachtet wie eine weitere im Jahr 1717.18

Das Ende der May in Innsbruck

Noch um 1710 waren die Brüder Abraham und Michael May Hofjuden und Hoffaktoren in Innsbruck19 und wickelten zum Teil größere Geschäfte ab. Das Handelshaus May verlor jedoch kurz darauf bei unglücklichen Transaktionen viel Geld und hatte auch mit seinen Geschäftspartnern Pech. Der damals schon hoch verschuldete Abraham May versuchte sich 1719/20 zusammen mit seinem Schwiegersohn Jonathan Uffenheimer als Heereslieferant. Sie beschafften Uniformen für ein tirolisches Bataillon, das nach Italien zog. Die Lieferung war jedoch von ungenügender Qualität, und es folgte ein Rattenschwanz von Prozessen, jeder gegen jeden20 – bis hin zu einem Prozess zwischen Abraham May und seiner Innsbrucker Vermieterin Elisabeth Schlappin 1723 wegen eines überhöhten Mietzinses von 87 Gulden für sein Haus.21

Auch Michael May, Abrahams Bruder, der um 1680 geborene spätere kurpfälzische Obermiliz- und Hoffaktor, war geschäftlich vielfältig engagiert: Er hatte 1712 Wechselgeschäfte in Frankfurt22, und 1713 lieferte Michael May, „Hofjud zu Innsbruck“, Mehl und Körner zur „Hailingischen Salzausfuhr, auch Sudtweesen in Reichenhall und Traunstein“.23 Im Jahr 1716 lieferte er über 806 Zentner „Salitter“ um fast 20.000 Gulden an den Hof24, ein Jahr später 400 Zentner „Pulfer“ nach Wien.25 1719 betrugen seine Barvorschüsse an den Kaiser 250.000 Gulden.26 Ein Jahr später lieh er gemeinsam mit Lemle Moses, dem kurpfälzischen Obermilizfaktor, dem kurpfälzischen Kurfürst Karl Philipp 500.000 Gulden.27

Da Michael May oft von Innsbruck abwesend war, nahm er 1714 seinen ehemaligen Kommis Jakob Iseron zum Teilhaber. Dieser junge, ehrgeizige Mann lieh sich von einem jüdischen Konsortium hohe Summen und investierte in Verlustgeschäfte. Die als Gegenleistung ausgestellten Wechsel waren mit dem entwendeten Siegel und der gefälschten Unterschrift Michael Mays versehen. Jakob Iseron landete im Gefängnis, die Wechsel wurden eingeklagt. Auch andere Lieferanten wurden hellhörig und meldeten ihre Forderungen an. Michael May ging bankrott. In der Liste seiner Gläubiger scheinen Gerson Daniel Oppenheimer aus Pfersee bei Augsburg28 mit rund 24.000 Gulden und die Brüder Maier und Isak Landauer mit 9.000 Gulden auf. Der Innsbrucker Bürgermeister drohte ihm mit Haftstrafe. Die Brüder Landauer, seine früheren Partner, versuchten mit allen möglichen Tricks an ihr Geld zu kommen. Michael May verdächtigte sie sogar der Anstiftung zu Gewalttätigkeit, nachdem er von dem Umgeldeinnehmer Johann Franz von Goldegg auf der Straße nieder geschlagen worden war.29

Noch Mitte der 1720er Jahre werden Michael und Abraham May zwar als „Hofjuden“ bezeichnet30; spätestens zu diesem Zeitpunkt trat aber die Familie Uffenheimer die Nachfolge der Familie May an: Jonathan Uffenheimer war der Schwiegersohn des um 1726 verstorbenen Abraham May.31 Jonathan Uffenheimer blieb, obwohl er 1725 nach Hohenems übersiedelt war, auch in den nächsten 30 Jahren die dominierende jüdische Persönlichkeit im Lande.

Michael May und seine Söhne hinterließen auch in Mannheim und Frankfurt ihre Spuren: Im jüdischen Museum der Stadt Frankfurt befindet sich eine illustrierte Handschrift des Jakob ben Michael May Segal von 1731, die so genannte Frankfurter Pessach-Haggadah. Jakob ben Michael May Segal aus Innsbruck war der Schreiber und Illuminator dieser reich ausgemalten Pergament-Handschrift mit 67 farbigen Minia turen. Er war ein Sohn des Michael May und im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts in die Frankfurter Judengasse gezogen.32 Aus dem Jahre 1733 gibt es ein weiteres bis heute erhaltenes schriftliches Zeugnis der Familie May: Im Juli 1954 meldete der Jewish Chronicle den Verkauf eines wertvollen hebräischen Manuskripts aus Innsbruck aus dem Jahre 1733 an die Charles Sawyer Ltd bei Christie’s:

 

„A Hebrew manuscript of 219 leaves on vellum was sold at Christie’s last week for £160. The manuscript consisted of a book of Psalms arranged for each day of the week, followed by the Seder Maamadoth, similarly arranged.–

The scribe’s name, Simcha Boehm, and that of the owner, Gabriel Ben Michael ha-Levi, of Innsbruck (for whom the manuscript was written) appear on the title-page. The manuscript was bound in a Dutch silver-gilt binding described as eighteenth-century.“33

 

Beim ursprünglichen Besitzer dieses Schriftstücks handelte es sich um Gabriel, einen weiteren Sohn des Michael May, der als der letzte in Innsbruck lebende jüdische May – manche Familienmitglieder waren konvertiert – zu betrachten ist. Sein Vater Michael war Ende der 1720er Jahre mit seiner Familie nach Mannheim übersiedelt, um sich den Klagen zu entziehen. Dort gründete er um 1730 eine jüdische Schule, die Michael May’sche Klaus, die jedoch schon 1765 wieder aufgelöst wurde.34 In Mannheim waren Michael May und sein Sohn Lazarus unter den Kurfürsten Johann Wilhelm und Karl Philipp bedeutende Hoffaktoren.35 Im kurpfälzischen Hofkalender von 1734 steht Michael May als Oberhofund Milizfaktor an erster Stelle der acht aufgeführten Hoffaktoren. Für seinen Lebensstil spricht, dass er 1737 in Schlangebad starb, als er dort zur Kur war.36 Mit dem Tod der beiden Brüder hat auch das Handelshaus May in Innsbruck zu bestehen aufgehört.37

Juden in Bozen und Trient

Meldungen über Juden in Bozen und aus dem Hochstift Trient aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind selten. Am 19. Mai 1745 wurde in Bozen die bischöfliche Visitation abgehalten, im Oktober erhielt der Stadtrat von Bozen die Visitationsdekrete. Darin wurde u. a. gefordert, dass christliche Frauen nicht bei Juden Dienst nehmen sollten. Der Stadtrat erwiderte darauf, das werde bei Juden, welche die Bozner Märkte besuchen, kaum angehen. Ansonsten müssten die Juden ihre Frauen und Töchter mitbringen, wodurch die Zahl der Juden anwachsen würde. Zudem würden die Juden auf den Bozner Märkten die gleichen Rechte wie die Christen genießen. Wie die Christen von auswärts während der Märkte christliche Frauenspersonen in ihren Dienst stellen dürften, dürften es auch die Juden. Im übrigen würden selbst in Italien des öfteren christliche Mägde in Judenhäusern angestellt. Für Bozen sei es leicht, Missbräuchen vorzubeugen, da die Juden nur bei gutem Benehmen in der Stadt bleiben durften.38

Während es im Jahre 1731 noch hieß, dass die fürstlich Trientinischen Untertanen die Juden ungehindert passieren und repassieren lassen sollten39, befahl im Jahre 1777 der Fürstbischof von Trient, Pietro Vigilio Thun, dass durchreisende Juden auf dem Weg zwischen Lavis und Mattarello und zwischen Buco di Vela und Levico einen Spitzhut mit gelbem Gupf oder gelber Binde zu tragen hätten. Im Übertretungsfalle mussten sie 100 Gulden Strafe bezahlen. Davon sollte ein Drittel der Anzeiger des Vergehens, ein Drittel der Fiskus und ein Drittel die Kapelle des heiligen Simon von Trient erhalten. Der Fürstbischof lehnte auch die Ansiedlung von Juden im deutschen Teil des Bistums ab.40

Im Jahre 1754 traf mit dem 1724 in Jerusalem geborenen Rabbi Haim Joseph David Azulai, der 1806 in Livorno starb, ein hoher Besuch aus dem „Heiligen Land“ in Tirol ein. Als Emissär der kleinen Gemeinden in Palästina unternahm er Reisen nach Europa und Nordafrika. Nach einer halbjährigen Fahrt durch Italien kam Rabbi Azulai über Verona ins Bistum Trient, und damit zum ersten Mal, wie er selbst feststellte, in ein Gebiet, das zum Deutschen Reich gehörte.

Hier kam er gleich auf tragikomische Weise mit der antijüdischen Bürokratie in Berührung:

 

„Hier muss sich jeder Jude ein Kennzeichen anheften, damit er als solcher erkannt werden könne. Ich hatte in Verona davon gehört und heftete es an der Brust an. In der Herberge in Trient kam ein Esbirro, der uns aufklärte, daß das Zeichen auf dem Kopf zu tragen sei. Ich bin ein Fremder, sagte ich, und wurde informiert, daß das Zeichen an der Brust zu tragen sei, aber es sei wie du sagst, ob unten oder oben ist mir alles eins, schau her und überzeuge dich, daß ich das Zeichen umändere, es sei nun auf dem Kopf Davids (David ist einer der Vornamen Azulais). Da lief er behende hinaus, um aber bald wieder zurückzukommen, mit einem Strafmandat über 200 Reichstaler, 100 für mich und 100 für meinen Diener.“

 

Die Fürsprache zweier Italiener in der Herberge nutzte nichts. Azulai ließ sich nun den Weg zu einem höheren Beamten zeigen und bat diesen, Gnade walten zu lassen, da er ein Bewohner Jerusalems sei. Der Beamte darauf: „Wer hat denn den Juden erlaubt, in Jerusalem zu wohnen und das Heilige Land zu verunreinigen?“ Zuletzt kam ein Kompromiss zustande, und Rabbi Azulai musste 13 Gulden Strafe bezahlen. „Ich tat dies und verließ unbehelligt den Ort.“

Von Trient reiste er nach Bozen weiter, wo er am 31. Mai 1754 ankam. Hier traf er Rabbi Shabbetai, ein Mitglied der Familie Moravia, und Rabbi Mose, ein Mitglied der Familie Polacco, wie er in seinem Reisetagebuch notierte: „Freitag Mittag kamen wir in Bozen an. Ich war der Gast des mildtätigen Rabbi Moses, und auch ein anderer armer Rabbi, Shabbetai, war dort. Es gibt eine Synagoge und Juden, die den Markt besuchten, beteten dort.“41