Bernhard Aichner

Für immer tot

Ein Max-Broll-Krimi

Eins

Wie sich die Erde bewegt. Wie langsam eine Hand nach oben kommt, Finger, die zweite Hand, knochig, und dieses Gesicht, von Würmern zerfressen. Eine Fratze, Augen, die schreien, Augen, die töten. Wie er aus dem Grab steigt. Und neben ihm noch einer, und noch einer. Wie sie ihre Zähne fletschen und über den Friedhof hinken. Wie Max und Baroni sich die Bäuche halten vor Lachen.

Im Friedhofsgarten die große Leinwand, übriggeblieben von der letzten Europameisterschaft, ein Beamer, zwei Freunde trinken Bier und schauen Zombiemassaker.

Ein Muss für einen Totengräber, hat Baroni gesagt.

– Und?

– Ein sehr schöner, ruhiger Film, Baroni.

– Ich wusste, dass dir das gefällt.

– Das ist ganz großes Gefühlskino.

– Was wohl Stein dazu sagt?

– Er packt gerade seine Koffer. Morgen ist Stein Geschichte.

– Er fährt also tatsächlich zur Kur, unser Herr Pfarrer.

– Der kommt nicht wieder.

– So leicht wirst du den nicht los, Max.

– Burnout, der kommt nicht mehr.

– Darauf trinken wir.

– Er sagt, ich bin dafür verantwortlich.

– Wenn er das sagt, wird es wohl so sein. Er ist schließlich Pfarrer.

– Er ist ein dummer alter Mann.

– Dann hoffen wir mal, dass etwas Besseres nachkommt.

– Der Neue ist nett, ich habe ihn in die Sauna eingeladen.

– Der neue Pfarrer geht mit euch in die Sauna?

– Warum nicht? Er kommt aus Afrika, der ist die Hitze gewöhnt.

– Depp.

– Er kommt wirklich. Er scheint sehr bemüht zu sein um seine neuen Schäfchen.

– Ihn stört das nicht, dass im Friedhofsgarten eine Sauna steht?

– Muss nicht jeder so ein Idiot sein wie Stein.

– Ein Schwarzer?

– Ja, das Dorf lebt seit Tagen in Angst, die alten Damen am Friedhof sagen, der Bimbo wird Unglück über die Gemeinde bringen.

– Bimbo?

– Die alte Apothekerin hat sogar Neger gesagt.

– Ungeheuerlich. Ich sage es immer wieder, du hättest mein Angebot annehmen sollen, Wien wäre besser für dich.

– Lass gut sein, Baroni.

– Das Angebot steht nach wie vor, du kannst die leerstehende Wohnung kostenlos haben, du lebst zwei Wochen im Monat kultiviert in Wien, und die anderen beiden Wochen kannst du immer noch hier mit deinen Leichen spielen.

– Du musst nicht jedes Monat wieder damit anfangen, mein Freund. Ich habe mich entschieden und die Entscheidung war richtig.

– Du gehörst nicht auf diesen Friedhof, ich werde dir das noch hundertmal sagen. Totengräber, das ist doch kein Beruf für einen jungen, attraktiven Mann. Stell dir doch mal vor, was wir gemeinsam in Wien bewegen könnten. Du und ich. Johann Baroni und Max Broll.

– Wenn du nicht gleich still bist, mache ich das hier auch mit dir.

– Was?

– Hast du das nicht gesehen?

– Was denn?

– Sie haben dem armen Zombie einfach den Kopf abgerissen.

– Ups.

Sie stoßen an, schlagen ihre Bierflaschen freundschaftlich aneinander, die Dachterrasse des Friedhofswärterhauses ist der schönste Platz auf der Welt, der Abend ist lau. Blut fließt. Die Zombies verspritzen ihr Innerstes, aus der Lautsprecherbox neben ihnen kommen angsterregende Geräusche, der Friedhof auf der Leinwand färbt sich rot. Max schüttelt grinsend den Kopf und holt Bier.

Es ist kurz vor Mitternacht. Hanni hat sich verabschiedet, als sie hörte, welchen Film sie sich ansehen wollten.

Männerabend, sagte Max.

Saufköpfe, sagte Hanni.

Sie umarmte ihn, als sie ging. Max vermisst sie, ihren Körper, ihre Haut, wie sie lacht. Kurz nur, er denkt an sie, lächelt. Er kommt zurück auf die Terrasse, immer noch laufen Tote zwischen den Gräbern herum, immer noch steigen sie aus dunklen Löchern, zerfetzen und zerreißen einander.

Baroni lacht. Max schaut hinunter auf seinen Friedhof, auf die Gräber, die Kreuze, die Kerzen. Gräber sind für ihn Alltag. Dass er Löcher für tote Menschen macht, ist für ihn selbstverständlich. Mit Toten ist er aufgewachsen, mit Knochen, die mit der Erde nach oben fliegen, mit weinenden Gesichtern, mit Blumenkränzen.

Von seiner Terrasse aus kann er den gesamten Friedhof überblicken. Beste Aussicht, schönes Leben. Rechts von der Friedhofsmauer, direkt unter ihnen, breitet sich sein Garten aus, neben der Blocksauna steht das zusammengenagelte Gerüst mit der Leinwand, an den Garten angeschlossen thront das Pfarrhaus, gegenüber erstrahlt Baronis Villa, ein architektonisches Meisterwerk, der Zweitwohnsitz des Mannes, der früher als Fußballer ein Vermögen verdient hat, ein Prachtbau, moderne Architektur vom Feinsten.

Die Augen von Max wandern im Kreis, er mag sein Leben, seine Wohnung, das Dorf. Dass Stein aus diesem Leben verschwindet, macht ihn glücklich.

Der Pfarrer steht am Fenster. Max begegnet seinem hasserfüllten Blick. Er winkt ihm zu. Mit Genugtuung und Freude sagt er ihm Aufwiedersehen. Baroni schüttelt den Kopf.

– Du bist bösartig, Max.

– Ich habe den Alten jetzt lang genug ertragen, und glaub mir, er war bösartig, nicht ich.

– Ist ja schon gut. Schau dir lieber an, wie die nächsten dreißig aus ihren Gräbern steigen, jetzt wird’s erst richtig blutig.

– Muss ich mir eigentlich Sorgen machen, dass du solche Filme zuhause hast?

– Man muss in alle Richtungen hin offen bleiben.

– Was macht der da mit der Säge?

– Er schneidet sich das Bein ab, weil er von dem Zombie gebissen wurde.

– Er schneidet sich selbst das Bein ab?

– Er hat keine Wahl, Max.

– Das ist krank.

– Das ist meine absolute Lieblingsstelle, schau dir das an.

– Das geht zu weit, Baroni, was soll sich der Herr Pfarrer denken.

– Die Hand sägt er sich auch noch ab, das glaubst du nicht.

– Ein tapferer Bursche.

– Ich liebe diesen Film.

– Ein wirklich sehr, sehr schöner Film, Baroni, hat bestimmt einen Oscar bekommen.

– Das ist große Kunst.

– Genauso wie die hübschen Pünktchen in deinem Gesicht, die Anordnung der Flecken, die Formen, große Kunst, Baroni, ganz groß.

– Halt die Klappe, Max.

An allem war Baronis neue Freundin schuld.

Vor fünf Monaten hatte er Max überredet, ihn nach Wien zu begleiten, eine Woche lang Spaß in der Hauptstadt, hatte Baroni gesagt und sie für einen Flamenco-Workshop angemeldet, weil er die andalusische Tanzlehrerin zum Niederknien schön fand.

Max ist mitgefahren. Drei Abende lang stolperten sie im elften Bezirk über einen malträtierten Nussboden, drei Abende lang umwarb Baroni die Schöne. Am vierten Abend lag sie in seinem Bett. Charme, Liebe auf den ersten Blick oder Baronis peinliche, direkte Art, irgendetwas hatte dazu geführt, dass sich Sylvia Rodriguez Ortega in den ehemaligen österreichischen Stürmerstar verliebte. Aus seiner Zeit als Legionär spricht er etwas Spanisch, kennt die Kultur, die Eigenarten, die Vorlieben der spanischen Frauen.

Was für ein Weib, hat er gesagt.

La Ortega, wie Baroni sie nennt. Seit fünf Monaten sind sie ein Paar, seit fünf Monaten ist Baroni nicht mehr allein auf den Straßen. Die unzähligen flüchtigen Bettgeschichten sind Vergangenheit, das dauernde Gerede über Brüste und Ärsche auch. Baroni ist erwachsen geworden.

Vorübergehend, sagt Max.

Er ist kaum wiederzuerkennen, ist häuslich geworden, verkriecht sich in seinem Luxuswohnzimmer, macht die Vorhänge zu, versteckt sich mit seiner spanischen Schönheit vor der Welt. Nicht aber vor Max, die gemeinsamen Abende haben Tradition, und wenn la Ortega unterwegs ist, verbringt er nach wie vor mehr Zeit auf der Terrasse von Max als auf seiner eigenen. Die Liebe hat sich nicht zwischen die beiden gestellt, Hanni nicht, la Ortega nicht. Immer wieder sind sie zu zweit, immer wieder auch zu viert. Flamencoabende, gemeinsame Essen, Trinkgelage, schließlich auch Sauna.

Seit sie sich kennen, hat Max Baroni zu überreden versucht, mit ihm in die Friedhofssauna zu kommen, doch Baroni hat immer abgewehrt.

Nicht mit den Bauern, sagte er, niemals, nicht in diesem Leben.

Hunderte Aufgüsse wurden unten im Garten zelebriert, während Baroni oben auf seiner Terrasse stand und zuschaute, wie sie nackt im Garten lagen, im Schnee, im Herbstgras, in der Sommersonne glücklich, lächelnd neben den Toten. Max versuchte es immer wieder, doch Baroni blieb hart. Erst als la Ortega in sein Leben kam, öffnete er sich und würdigte das kleine Holzhäuschen. Zuerst mit Worten, später mit seiner Anwesenheit. Die kleine, mit Liebe zusammengenagelte Blocksauna wurde Baroni zum Verhängnis.

La Ortega schwärmte vom Schwitzen, sie bearbeitete Baroni mit allem, was sie hatte, wochenlang schrie sie nach oben, bat ihn herunterzukommen, mit ihr und den anderen zu schwitzen, doch Baroni blieb eisern. Erst als sie ihm androhte, nie mehr mit ihm zu schlafen, ging er mit ihr.

Baroni in der Sauna. La Ortega, Max und Hanni. Vor fünf Tagen, das Wasser auf dem Ofen, nackt, schön die Körper auf der Polarfichte, Max, wie er mit dem Handtuch auf die heiße Luft einschlug. Wie sie schwitzten, redeten, lachten und wie Baronis Haut von Minute zu Minute röter wurde. Wie überall diese Flecken auf ihm waren, wie er plötzlich nach draußen stürmte und begann, sich zu kratzen, seinen Körper im Gras zu reiben.

Hitzeallergie, Ausschlag. Wie wild lief er durch den Garten, fluchte, beschimpfte Max und diese verdammte Sauna, er verfluchte sich, weil er ja vorher schon gewusst hatte, was dieses Teufelswerk mit ihm machen würde, und trotzdem mitgekommen war.

La Ortega umarmte ihn, Max und Hanni lachten, weil sie endlich den wahren Grund für seine Saunaabstinenz erfahren hatten und weil Baroni aussah wie ein geflecktes Ferkel.

Immer noch sind die Flecken da. Weniger zwar und nicht mehr so intensiv leuchtend, das Rot in seinem Gesicht ist fünf Tage nach der Tortur blasser geworden, bringt Max aber immer noch zum Lachen.

– Du hörst sofort auf damit.

– Ich kann nichts machen, mein Freund, du schaust zu gut aus.

– Wenn du nicht aufhörst zu lachen, erzähle ich dafür der ganzen Welt von deinem Deppenhandy.

– Wovon?

– Von deinem Deppenhandy.

– Was meinst du?

– Dieses bunte Seniorenhandy mit den wenigen Knöpfen.

– Keine Ahnung, wovon du redest.

– Maxilein, du muss dich nicht schämen, ich sag’s nicht weiter. Aber nur, wenn du jetzt brav bist.

– Wenn du mir nicht gleich sagst, wovon du redest, bekommst du kein Bier mehr.

– Das Deppenhandy auf deiner Kommode, ich find’s gut.

– Ich hab kein Deppenhandy.

– Doch, hast du.

– Wo gehst du hin?

– Es holen.

– Das da meine ich.

– Das gehört mir nicht.

– Muss dir echt nicht peinlich sein, Max.

– Ich sagte doch, das gehört mir nicht.

– Muss aber dir gehören, lag auf deiner Kommode.

Max nimmt es ihm aus der Hand. Er hat das Gerät noch nie gesehen, er weiß nicht, wie es auf seine Kommode kam, in Baronis Hand. Vielleicht hat Tilda es ihm hingestellt, seine Stiefmutter, oder Hanni, aber warum? Ein Seniorenhandy. Sechs Tasten, ein SOS-Symbol, kein Display.

Max bittet Baroni mit einer Kopfbewegung, das Zombiemassaker zu beenden. Neugierig schaltet er das Gerät ein, kein Pin-Code, nichts, nur ein grünes Lämpchen, das zeigt, dass es bereit ist. Max drückt auf den ersten Knopf, er stellt auf Lautsprecher, er kann sich nicht erklären, warum dieses Telefon auf seiner Kommode lag, und warum plötzlich die Stimme von Stein auf seiner Terrasse laut ist.

– Pfarramt.

– Stein? Sind Sie das?

– Was wollen Sie noch von mir, Broll?

– Ist das Ihr Telefon? Wie kommt es auf meine Kommode, was wollen Sie von mir?

– Was reden Sie da?

– Ist das Ihr Seniorenhandy?

– Wenn Sie mich nicht auf der Stelle in Ruhe lassen, gehe ich in den Garten und zünde Ihre Sauna an, haben Sie das verstanden, Broll?

– Keine gute Idee, Stein.

– Ich zünde sie an, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.

– Ihr Nervenkostüm ist tatsächlich sehr dünn, Stein.

– Sie haben mir mein Leben versaut, Broll.

– Das haben Sie schon selbst gemacht. Und jetzt fahren Sie bitte auf Kur und kommen Sie nicht zurück.

– Das ist Telefonterror, Broll. Ich werde die Polizei verständigen müssen.

– Sie vermissen also kein Seniorenhandy?

– Nein, verdammt.

– Sie fluchen, Herr Pfarrer.

– Es reicht endgültig, Broll.

– Finde ich auch, Stein.

Max drückt verwundert den roten Knopf. Er versteht es nicht. Warum das Telefon in seiner Hand liegt, warum Stein abhebt. Er drückt den zweiten Knopf. Er trinkt, sie warten, viermal das Freizeichen, dann ist da die leise Stimme einer Frau.

– Hospiz St. Margarethen.

– Wer spricht?

– Die Hospizgemeinschaft, Schwester Pamela.

– Pamela?

– Was kann ich für Sie tun?

– Ich weiß es nicht.

– Wollten Sie jemanden erreichen? Ist es dringend?

– Es tut mir leid, ich habe mich verwählt, verzeihen Sie die späte Störung.

Max und Baroni schauen sich an. Wortlos drückt Max auf den dritten Knopf. Die Telefonseelsorge meldet sich. Eine freundliche Männerstimme, die fragt, wie sie helfen könne. Max entschuldigt sich erneut und legt auf. Er drückt den vierten Knopf, das Kriseninterventionszentrum meldet sich, eine Frauenstimme. Auch beim nächsten Knopf meldet sich eine Frau. Es ist der Polizeinotruf, eine strenge Stimme fragt nach dem Grund des Anrufs, Max kennt den Grund nicht. Zum vierten Mal entschuldigt er sich und legt auf. Er versteht das nicht, auch Baroni ist ratlos, sie können es sich nicht erklären, das Handy, die gespeicherten Nummern.

Hier verarscht uns jemand, sagt Baroni.

Ich weiß nicht, was das soll, sagt Max und drückt den letzten übergroßen Knopf.

– Dieser Anruf kostet 1,99 Euro pro Minute. Unsere versauten Studentinnen werden sich gleich um dich kümmern. Sie wollen es dreckig, hemmungslos und hart, sie wollen, dass du es ihnen besorgst, dass du sie zum Schreien bringst, sie wollen deinen Saft, sie wollen alles von dir, gleich bist du im Paradies, gleich wird sich eines unserer notgeilen Mädchen melden und dich glücklich machen, gleich wird …

– Nicht auflegen, Max.

– Das hättest du nicht tun sollen.

– Was?

– Auflegen.

– Mein lieber Baroni, bist du dir wirklich sicher, dass du nichts damit zu tun hast?

– Ich gebe zu, den letzten Anruf fand ich gut, aber das war’s auch schon.

– Das verstehe ich nicht.

– Und ich verstehe nicht, warum du aufgelegt hast, jetzt wo es spannend wird. Du sagst, es ist nicht dein Handy, das heißt, du musst nicht dafür bezahlen. Und das heißt: Du wählst sofort nochmal.

– Ich will jetzt sofort wissen, wer mir das Telefon in die Wohnung gelegt hat und wer solche Nummern einspeichert.

– Hanni wird es kaum gewesen sein.

– Im Ernst, Baroni. Ist doch komisch, oder?

– Ach, komm schon, das wird sich alles aufklären.

Baroni klopft ihm auf die Schulter. Amüsiert schaut er zu, wie Max die letzte Taste drückt, den SOS-Knopf.

Wie absurd diese Situation ist, wie verwundert Max das Telefon anstarrt. Wie das Freizeichen die beiden Freunde noch einen Augenblick lang verschont. Wie plötzlich der Schalk aus Baronis Augen verschwindet, wie Max nicht glauben kann, was er hört.

Wie Entsetzen in seine Augen kommt.

Ihre Stimme aus dem kleinen Lautsprecher.

Tildas Stimme.

– Hallo, wer ist da, bitte, Gott sei Dank. Sie müssen mir helfen, Sie müssen mich hier herausholen, bitte. Hallo? Reden Sie schon. Wer ist da?

– Tilda?

– Max, Gott sei Dank, Max. Warum du? Woher hast du diese Nummer, Max, du musst mich hier rausholen, schnell, du musst die Kollegen anrufen, die Kripo, Max, schnell, ich weiß nicht, wie lange das hier noch gut geht.

– Was soll das, Tilda? Wo bist du, sag mir, wo du bist.

– Ich weiß es nicht, Max. Bitte hilf mir. Hol mich hier raus, schnell.

– Du sagst mir jetzt sofort, wo du bist, was geht hier vor sich, warum habe ich ein Seniorenhandy in meiner Wohnung, und warum ist deine Nummer eingespeichert, und wo verdammt nochmal soll ich dich rausholen?

– Ich werde hier sterben, Max.

– Ich weiß nicht, wo ich bin, Max.

– Bitte beruhige dich, Tilda, sag mir, was passiert ist, und ich hole dich ab.

– Ich habe keine Ahnung, wo er mich hingebracht hat.

– Wer, Tilda, wer?

– Er hat mich eingegraben, Max. Ich bin irgendwo unter der Erde.

Das Handy in seiner Hand. Max und Baroni kurz nach Mitternacht. Tilda. Was sie sagt, macht keinen Sinn, sie sollte unten liegen in ihrem Bett, in ihrer Wohnung, sie sollte schlafen, was sie sagt, ist irrsinnig. Aber ihre Stimme klingt ernst, verzweifelt, sie zittert. Max geht im Kreis, spricht in das kleine Gerät, er geht immer schneller, wie ein aufgescheuchtes Tier im Käfig, er weiß nicht, was er tun soll, er hört sie, er kann das nicht glauben, das ergibt keinen Sinn. Nichts davon.

Baroni stoppt ihn, drückt ihn sanft in einen Sessel, legt ihm die Hand auf die Schulter.

Ganz ruhig, flüstert er.

Tilda, sag mir, dass das alles nicht wahr ist, sagt Max.

– Ich sitze in einer Holzkiste, Max. Ich kann mich kaum bewegen. Ein Luftrohr geht nach oben, und da ist eine Antenne, Max. Meine Beine tun schon weh, ich kann sie nicht ausstrecken. Ihr müsst euch beeilen. Ruf Paul an, sie müssen zu dir kommen, sie müssen alles in Bewegung setzen, die Spurensicherung soll meine Wohnung auf den Kopf stellen, ihr müsst mich finden, Max.

– Weiterreden, Tilda, Baroni ruft Paul an, und du sagst mir, wie du in eine Holzkiste kommst, das kann doch nicht sein, was ist passiert?

– Es tut mir so leid, Max.

– Hör auf damit, sag mir lieber, wer das war.

– Woher hast du das Telefon?

– Lag auf meiner Kommode, es war einfach da.

– Er hat es dir in die Wohnung gelegt.

– Wer, verdammt?

– Und eines hat er mir in die Kiste gelegt.

– Wer, Tilda?

– Aber ich kann nicht telefonieren, die Tasten sind gesperrt, es funktioniert nicht, ich kann nur angerufen werden, Max, aber warum, warum tut er das?

– Komm schon, Tilda, sag mir, was los ist.

– Er hat mich einfach von meiner Couch geholt, er hat mich betäubt, ich bin erst wieder aufgewacht, als er den Deckel zugemacht hat.

– Wer, Tilda? Wer macht so etwas?

– Leopold Wagner.

– Was redest du da, Tilda? Sag mir, dass das ein Scherz ist, dass du unten in deiner Wohnung bist, dass dir nichts passiert ist, sag es mir.

– Er will, dass ich hier sterbe.

– Das kann doch alles nicht sein.

– Doch, Max.

– Wann ist das passiert?

– Vielleicht vor drei Stunden, ich weiß es nicht, Max. Ich bin vor dem Fernseher eingenickt, ich habe nur die Schritte gehört, ich dachte, du bist es.

– Eine Holzkiste?

– Ich komm da alleine nicht raus, Max, er hat Erde auf die Kiste geschaufelt, es ist dunkel hier, Max.

– Hast du Licht?

– Nur das Handy, die Tasten leuchten.

– Ich hol dich da raus.

– Ich habe keine Ahnung, wo ich bin, Max.

– Wer ist dieser Wagner?

– Ich bin mir sicher, dass er es war. Dieses Gesicht vergesse ich nicht.

– Warum sollte er so etwas tun?

– Ich habe ihn ins Gefängnis gebracht, vor achtzehn Jahren. Und jetzt hat er mich eingegraben.

– Blödsinn, Tilda.

– Es ist aber so.

– Scheißdreck, verdammter Scheißdreck.

– Ja, Max.

– Warum hat er dir das Handy gegeben?

– Warum hast du eines, Max, ich weiß es nicht. Der Mann ist krank.

– Bekommst du genug Luft?

– Ja, aber meine Beine tun weh. Ich kann mich kaum rühren. Ich will hier raus, Max, schnell.

Während Max mit Tilda spricht, hat Baroni im Telefonbuch verzweifelt nach Pauls Nummer gesucht, er hat ihn aus dem Bett geholt, Kriminalinspektor Paul Köber, Tildas rechte Hand, Tildas Vertrauter, Tildas Freund. Baroni hat ihm erzählt, was passiert ist, er hat so genau wie möglich wiederholt, was Tilda gesagt hat.

Baroni hört mit einem Ohr zu, wie Paul flucht, wie er ungläubig dieselben Fragen stellt wie Max, mit dem anderen Ohr verfolgt er weiter das Unfassbare. Flüsternd bittet er Paul zuzuhören, er legt das Telefon einfach hin. Mit offenem Mund schüttelt er den Kopf. Er kann nicht glauben, was er hört.

Max redet mit ihr.

Nervös kaut er an seinen Fingern. Tilda schlägt sie nieder mit dem, was sie sagt, irgendwo eingesperrt, vergraben, gefangen in einer Kiste. Wie Max das Telefon anstarrt. Er kann es nicht fassen, dass jemand sie betäubt und aus ihrer Wohnung getragen hat, dass sie jemand bei lebendigem Leib begraben hat, dass jemand sie leiden lässt, mit ihr spielt. Wer tut so etwas? Warum? Warum Tilda? Sie tut keiner Fliege etwas zuleide, warum sie? Warum jetzt?

Max stellt es sich vor, während sie redet, er sieht es vor sich, wie ein Fremder in seine Wohnung kam, während er und Baroni den Zombiefilm anschauten. Wie er das Telefon auf die Kommode legte, wie die Tür auf und zu ging, wie er sie lachen hörte auf der Terrasse. Wie er wieder nach unten ging und mit Tilda davonfuhr. Seine Stiefmutter auf einer Rückbank, ohne Bewusstsein in einem Kofferraum, dann in dieser Kiste.

Wie eng es ist. Wie dunkel. Wie sie sich kaum rühren kann, wie sie das Telefon in der Hand hat, wie sie es fest zwischen ihren Fingern hält, weil es ihre einzige Chance ist, weil die Stimmen am anderen Ende ihr sagen, dass sie nicht allein ist, dass sie Hoffnung haben darf, dass nach ihr gesucht wird. Wie ihre Stimme zittert.

Ihre Angst. Seine Angst.

Wie sie ihn überschwemmt.

Ihm die Luft nimmt.

Seit einem halben Jahr war wieder Ruhe in seinem Leben, die Tage mit Hanni waren schön, er hatte es endlich geschafft, sie nah an sich heranzulassen, ganz. Mit ihr frühstücken, mit ihr in der Sauna, mit ihr im Würstelstand, ihr bei der Arbeit zusehen, sie anlachen, mit ihr im Bett liegen, aufwachen mit ihr, einschlafen, Haut an Haut, und immer wieder auch die Zeit ohne sie, Zeit mit sich allein, mit Baroni, mit Tilda. Sie hatte Hanni herzlich aufgenommen, auch wenn sie nicht mehr damit gerechnet hatte, dass sie in das Leben von Max zurückkommen würde.

Schön, dass er nicht mehr allein ist, hat sie zu Hanni gesagt.

Tilda hat sie umarmt, sie willkommen geheißen im Friedhofswärterhaus, sie haben stundenlang gewürfelt, sich gemeinsam betrunken, miteinander geredet nächtelang. Hanni und Tilda. Wie sie unten in Tildas Küche saßen, während Max und Baroni oben Unsinn trieben.

Wie ihre Stimme jetzt weh tut.

Wie schrecklich sie klingt, was sie sagt, was es bedeutet. Max schreit laut auf. Er flucht, er wirft die Bierflasche hinunter auf den Friedhof, er stöhnt, dass das alles nicht sein kann, dass sie ihn aus diesem Albtraum aufwecken soll.

Sie beruhigt ihn, bittet ihn, ihren Kollegen von der Kripo zu helfen, alles zu tun, was Paul von ihm will, und dann sagt sie noch, dass sie jetzt auflegen muss. Dass sie nicht weiß, wie viel Zeit sie noch hat, dass sie nicht weiß, wie lange sie noch sprechen kann, wie lange der Akku noch hält.

Melde dich in einer Stunde wieder, sagt sie.

Dann ist ihre Stimme weg.

So schnell sie plötzlich da war, so schnell ist sie verschwunden. Es ist still auf der Terrasse. Da ist kein Wort. Nur das Telefon, wie es daliegt, bedrohlich, bunt.