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Für Peter
Für Dominik
Für Michael

Alles seit je. Nie was andres.
Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei.
Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.

Samuel Beckett

Inhalt

Knochenkopf spielen

Die Große Kunst

Im Erker

Von den Geburtstagen

Mauer I

Mauer II

Das Cello

Über das Verlangen

Komposition

Gabriel

Berenike

Kontertanz

Suchbild

Knochenkopf spielen

Er sagt: Die Krähen schreien. Der Mörder sticht. Das Opfer stöhnt.

Ich schreibe: Im Spiegel sehe ich meinen Totenkopf: keine Augen, keine Lippen – Zähne, schon lange nicht mehr. Knochenkopf, reines helles Bein. Das bin Ich –, wenn es endlich zu Ende ist mit dem Luftzug, den ich auf dem Hals spüre; mit dem Lärm, der in meinen Ohren singt, dem Aufheulen einer vorüber fahrenden Straßenbahn, mit dem Raunen der Autos, als kämen die Fahrzeuge in Turmschuhen daher.

Er sagt: Tippfehler: Tur-n-schuhe! nicht Turm-Schuhe, auf denen die Menschen größer scheinen als sie sind.

Ich schreibe: Die Krähe krakeelt. Der Mörder sticht nur, wenn er imstande ist, Blut zu sehen. Es gibt Mörder, die aus diesem Grund gar nicht morden. Und Opfer stöhnen höchstens, wenn sie noch Zeit dazu haben.

Er sagt: Nachher hört jede Zeit auf. Aus, vorbei!

Ich schreibe: Der unaufhaltsame Weg hin zum Tod ist der einzige, bei dem ich ganz sicher bin, bestimmt ans Ziel zu kommen. Bis heute waren es lustige Weglein, verschlungene Pfade, breite Straßen, dunkle Gassen, Flugbahnen, auch Abstürze, manchmal ein Fließen in kühlen Gewässern oder ein Klettern an steiler Wand.

Sämtliche Wege werden in der absoluten Gewissheit des Zielbandes, das ein stillstehendes Herz gerade noch zerreißen kann, gegangen, sagt er.

Einen kleinen Umweg, ohne jedes Ziel, gibt es immerhin! schreibe ich. Den ging ich stets „so für mich hin und nichts zu suchen, das war mein Sinn“. Es ist der Mittagsschlaf-Weg, das Wegsinken für kurze Zeit.

Mal für Mal lag ich regungslos auf einer ebenen Fläche, unter dem Nacken ein kleines Polster. Die Beine parallel nebeneinander, mit nach oben ragenden Füßen und Zehen. Noch nenne ich alle Extremitäten mein eigen, die Hände mit den zehn Fingern, die Ohren, die Nase.

Die Augen schloss ich wie tot.

Nicht wie tot! Tote starren mit offenen Lidern in eine Ferne, wie an den verschiedensten Leichen zu beobachten ist, sagt er.

Ich lag also auf dem Kreuz, schreibe ich, und verbot der Gehirnmasse zu denken. Sagte: „Denk nicht, Hirn! Es wird jetzt nichts gedacht. Nichts als reines Schweigen. Jetzt bei Gott sein, Gehirn –“

Das ist Blasphemie! Wenn doch längst aus der Kirche ausgetreten wurde, und der Verstand nicht an Gott glauben kann, sagt er.

Das Wegsinken klappte trotzdem immer nach kürzester Zeit, schreibe ich aufmüpfig. Im Anderswo erwachte ich dann von den Toten. Dort trieb ich mich herum, auf blühenden Wiesen, mit Männern, die sehr zart zu mir waren, oder es füllte sich Seite um Seite mit Geschriebenem, und lange Reden in einer unbekannten Sprache verstand ich mühelos. Auch nie gehörte Sinfonien komponierte ich in einem Atemzug. In jenem Jenseits, in der Tiefe des Mittagsschlafs (mindestens viertes Untergeschoß), war das Wesen dort aber nicht Ich, auch nicht fremd; es war etwas aus meiner Person Herausgeschältes, Lebendiges, Leichtes –

das ebenso stumm und mausetot wie der Körper sein wird, wenn er endgültig erkaltet ist, sagt er.

Unbeirrt schreibe ich: Der Mittagsschlafzustand ist ein völlig anderer als der Nachtschlaf. Die Siesta erquickte mich bis heute mehr als alles andere. Noch im Wegsinken bin ich bereits glücklicher, als ich im Wachsein je sein werde. Der Mittagsschlafzustand ist ein betretbares Paradies. Jeden Tag versuche ich erneut, diesen Umweg zu gehen. Ich probiere es im Liegestuhl eines Zahnarztes, in der Marterbank eines Hörsaals oder zurückgelehnt in den U-Bahnen der Großstädte. Oft versuchte ich es auch im Cellolager meines Musikhauses, am Boden auf einer grünen Arbeitsschürze liegend, inmitten der goldroten, duftenden, schweigenden Instrumenten-Herde.

In Flugzeugen versuchtest du nie zu schlafen? fragt er.

Im Fliegen genieße ich es, als schwerfälliger Mensch, ohne den kleinsten Ansatz von Flügeln durch die Luft zu schweben, schreibe ich. Den Kopf ans kleine Fenster gedrückt, lache ich laut, wenn ich auf dem Tragflügel lese: „Do not walk outside the area.“

Es schlägt dreiundzwanzig Uhr, sagt er.

Die Zahl dreiundzwanzig, ich liebe sie. Sie ist die schönste unter den Zahlen, schreibe ich.

Und die letzte Stunde, bevor der Tag zu Ende ist, sagt er.

Ich bin des Schreibens müde, schreibe ich. Mein Knochengerüst hängt verkrümmt auf einem Stuhl. Ich gebe auf; lege mich nieder und: „Ich reite froh in alle Ferne, über meiner Mütze nur die Sterne.“ Ich weiß ja, wohin ich mit Bestimmtheit gehe, geübt durch unzählige Tauchgänge ins fünfte Untergeschoß, wie ich bin. Ich drifte weg vom nirgends hinführenden Denken – hinein in die Befreiung, nichts mehr überlegen zu müssen; ja, nicht einmal mehr MÜSSEN denken zu müssen.

Er sagt: Die Krähen schreien. Der Mörder sticht. Das Opfer stöhnt.

Allerdings, schreibe ich, allerdings lamentiert ein Opfer, das ständig schreiben muss.

Er sagt: Tippfehler: schrei-en muss, nicht schreiben.

Bis es tot ist? Ich lache schallend. Das könnte dir so passen! Du verwechselst mich mit deiner Krähe.

Aber ich bin ein Mensch: Ich lache und tanze und singe! Auch wenn du mich erwischst und zu Boden wirfst, auch wenn ich – wie gesagt wurde – mit offenen Augen liege, dann lacht und tanzt und singt mein Geist noch lange wie ein Huhn ohne Kopf.

Er sagt: Wer zuletzt lacht

Ich schreibe: Du weißt gar nicht was das ist – lachen –;

Er sagt, nichts. Ich schreibe: Gewonnen!

Die Große Kunst

Wir haben unseren Tisch verkauft oder verschenkt. Genau weiß ich das nicht mehr. Dabei liebe ich Tische, und ein Grund, nicht in der Mitte der Straße zu leben, ist: dann keinen Tisch mein eigen nennen zu können und kein Klo. Als wir uns so leichtfertig von unserem Tisch trennten, wusste ich noch nicht, wie wichtig das Möbel für mich ist. Erst der Verlust zeigte mir meine Tischsucht.

Manchmal stelle ich mich in der Phantasie an einen Steintisch in einem Stehausschank; ich hänge mit den Unterarmen auf der kalten Platte, mit der Zeit erwärmt sie sich.

Eines Vormittags sah ich, an einen Steintisch im Hauptbahnhof gelehnt, meinen besten Lehrer, den Professor; rotgesichtig, lallend, umwölkt von Alkoholgeruch. Warum sollte also nicht auch ich – vor einer undefinierbaren Angst oder Erinnerung flüchtend, dort vor Anker gehen?

Am Beispiel der Tische im Stehausschank erkenne ich die wichtigste Eigenschaft, die ein Tisch haben muss: Stabilität. Ein wackelnder Tisch bedroht die menschliche Existenz. Das ganze Grundgefüge des Lebens wankt dann. Mit dem Wiegen eines Tischblatts wird einem die Fragilität der eigenen Existenz bewusst, nicht ständig, aber es genügt, um sich zu fürchten.

Als wir unseren Tisch verkauften, und es ist die Rede von einem Esstisch, ging es nicht um Geld, sondern um Platz.

Überall fehlte der richtige Raum für einen Tisch. Es gibt nur einen einzigen angemessenen Standort: die Mitte eines Zimmers, flutendes Licht darüber, Stühle darum herum, freie Bodenflächen, um außen herum zu laufen oder um, außen um die sitzende Gesellschaft herum, eine Eisenbahn oder eine Bedienung zirkulieren zu lassen. Wir hätten unbedingt auf anderes verzichten und ein Zimmer mehr mieten sollen, ein Esszimmer.

Zu Hause hatten wir ein so genanntes Speisezimmer: dreimeterdreißig hoch, zehn lang, drei Fenster, dunkelblauer Kachelofen ohne Anschluss an einen Kamin; polierte Chippendale-Möbel, dunkelrote Blumentapete und genügend Platz, das Tisch-Ensemble zu umkreisen. Die Stuhlsitze waren mit rotem Leder überzogen, die Lehnen geflochten. War kein schlechtes Speisezimmer. Wir haben nur mit Gästen und an Festen dort gegessen.

In einem anderen Raum stand der Familientisch, rund, Kirschbaum, mit einer Klingel, um dem Dienstmädchen zu läuten. In der Nähe eines Erkers war der Tisch gestanden, immer mit einem Molton und langen, glockenhaft wallenden Tüchern bedeckt. Leider wurden die vier Tischbeine, ungefähr in ihrer Mitte, durch ein Holzkreuz stabilisiert. Niemand konnte sich deshalb unter den Tisch in die Stoffglocke hineinsetzen, wenn einen Angst oder der Wunsch nach Unsichtbarkeit befiel.

Der Lieblingstisch von uns Kindern, von meinem Geschwister und mir, war der Küchentisch. Derart ausladende Küchentische gibt es heute nicht mehr. Es gibt auch die Räume dazu nicht mehr. Oder vielleicht schon, nur sind sie mir nicht bekannt.

Der Küchentisch stand, gemäß seiner Wichtigkeit, in der Mitte eines großen Zimmers, von allen Seiten zugänglich.

Dem Küchentisch galt unsere Leidenschaft. Hier spielten wir Kinder die „Große Kunst“, spielten ernster als es jedem Erwachsenen Ernst ist. Die Große Kunst erfanden wir als Gegenmaßnahme zu einem ätzend langweiligen Regennachmittag, wenn sich die Erwachsenen ihrer Mittagsruhe hingaben. Die Kunst bestand darin, auf den Tisch zu klettern und kopfvoran, händevoran hinunter zu kriechen von der hohen Tischplatte. Klingt einfach. Es war aber für Kinder ein fast unüberwindlicher Abgrund zwischen den Händen und dem Boden. Man musste sich ein Stück fallen lassen und, wenn die Hände den Boden berührten, den restlichen Körper nachrutschen lassen. Wir hätten stürzen können, hätten uns das Genick brechen können. Der Genickbruch als Todesart war uns Kindern bekannt. Das passierte immer wieder: bei Haushaltsunfällen oder im Freien, bei den Stürzen von Leitern und Balkonen, von den Treppen, die Kellertreppen hinunter. Er oder sie hat sich das Genick gebrochen! hatte es geheißen. Wir hatten uns nicht weiter damit beschäftigt, haben uns den Tod erst richtig vorstellen können, als vor unseren Augen gestorben wurde.

Wir spielten die Große Kunst von einem stabilen, nicht wankenden Küchentisch aus. Damit konnten wir Kinder etwas, was niemand sonst wagte. Es wäre undenkbar gewesen, dass die Mutter oder die Großmutter oder das Dienstmädchen kopfvoran vom Tisch gekrochen wären. Wir haben sie auch nie darum gebeten. Die Große Kunst war allein uns vorbehalten. Ich glaube, wir hatten sie nur unserem Vater vorgeführt, als er zum letzten Mal von der Front heimgekommen war. Ich erinnere mich, dass ihn das sinn- und zweckfreie Kinderspiel ratlos ließ. Dass er nicht ahnte, wie viel Mut dazu nötig war.

Ich überlege mir, ob ich jetzt aufstehen und in die Küche gehen soll, um das Kunststück noch einmal zu versuchen.

Gleichzeitig fällt mir der Abschied von unserem Erstgeborenen ein. Damals saß ich auf dem Küchentisch. Der Junge ging zur Tür hinaus mit seinem gerade erworbenen Führerschein. Und ich wusste: jetzt ist er erwachsen, mobil, jetzt braucht er uns nicht mehr. Auf dem Küchentisch saß ich, weil er zufällig abgeräumt war. Ich habe immer mehr Lust, auf Tischen zu sitzen als auf einem Stuhl, doch nur in seltenen Fällen sind die Flächen frei.

Als ich im Sommer ein Kleidungsstück ändern ließ, sah ich zum erstenmal einen Schneider auf dem Tisch sitzen. Schneider, auf einem Tisch sitzend, gab es zu Hause nicht, nur im Märchenbuch. Die Schneider meiner Kindheit waren im Krieg, kamen aus dem Krieg nicht nach Hause oder hatten nur noch einen Arm oder ein Bein oder keine Beine. Und Schneiderinnen sitzen nicht auf Tischen. An eine Schneiderin erinnere ich mich, sie besaß gewaltige, große Tische, Zimmer voll von Tischen. Ich fragte den Meister: Sitzen denn die Schneider immer noch auf Tischen?

Ja, wo sonst? sagte er. Ich wagte nicht zu fragen, warum.

Die angolanische Fürstin in einer Erzählung Gottfried Kellers ließ sich im Zelt der portugiesischen Besatzungsmacht, des Eroberers Don Correa, auf einer ihrer Sklavinnen nieder. Das Mädchen kniete und legte die Arme so auf den Boden, dass sie in der Stellung einer ägyptischen Sphinx einen Ruhesitz bildete. Die Fürstin ließ die Kauernde im Zelt des Admirals zurück, denn sie setzte sich nie zweimal auf denselben Stuhl; dieser wird schließlich von der Besatzungsmacht, von Don Correa, geheiratet. Er zog das Kaffeebraune aus dem Staub zu sich hinauf, sozusagen. Führt aber weg von den Tischen.