Letzter Applaus

Hannes Leidinger

Trügerischer Glanz: Der Wiener Kongress

Eine andere Geschichte

Ein kurzes Vorwort

Es war ein einziges Fest – beeindruckend, ja überwältigend. So sahen es zumindest etliche Zeitzeugen, die Aufzeichnungen über den Wiener Kongress hinterlassen haben. Die Herrscher Europas kamen im Herbst 1814 in die habsburgische Residenzstadt und atmeten nach einem Vierteljahrhundert Krieg auf. Bälle, Paraden, »Volksbelustigungen« und viele andere »Merkwürdigkeiten« verbreiteten Sieges- und Friedensstimmung.

Dass trotzdem nicht nur getanzt und gefeiert, sondern auch gearbeitet wurde, ist hinlänglich bekannt. Im engsten Kreis der wirklichen Entscheidungsträger herrschte allerdings Uneinigkeit. Die Situation spitzte sich zum Jahreswechsel 1814/15 gefährlich zu. Schon in den nachfolgenden Wochen überwog jedoch wieder die Kompromissbereitschaft, also noch vor jenen dramatischen Augenblicken, in denen Napoleon den ganzen Kontinent erneut bedrohte.

Die Niederlage des »korsischen Usurpators« erleichterte dann jedenfalls die Durchsetzung der in Wien getroffenen Vereinbarungen. Aber wie lange blieb die nun geltende Ordnung aufrecht? Und wie sah das Leben jenseits der »großen Historie« und grundlegenden Entscheidungen aus? Was geschah abseits der Vergnügungen der »Reichen und Schönen«, der Ränke und Absprachen zwischen den gekrönten Häuptern, Staatsmännern und Diplomaten?

So gefragt entsteht eine andere Geschichte des Wiener Kongresses – gerade auch in Bezug auf seine Konsequenzen. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, das kollektive Gedächtnis verschiedener Länder mit zu beachten und den Stellenwert des Aufsehen erregenden »Events« in unterschiedlichen Erinnerungskulturen zu eruieren.

Anknüpfend an eine solche Langzeitperspektive ist die Bedeutung der Fürsten- und Diplomatenberatungen in der k. k. Metropole dann generell neu zu beurteilen. Das vorliegende Buch begnügt sich folglich nicht mit einem Überblick zu den Begebenheiten von 1814/15 und ihren unmittelbaren Vorbedingungen. Ebenso wenig gibt es sich mit kurzen Skizzen über die Folgewirkungen zufrieden. Schrittweise soll die Erhellung des Kontexts zu einer historischen Gesamtbewertung jener Monate beitragen, in denen zumindest der »Alte Kontinent« Europa, wenn nicht die ganze Welt auf die Kaiserstadt an der Donau blickte.

Das Treffen der Monarchen und Staatsmänner war in eine Ära fundamentaler Systemveränderungen eingebettet. Dabei handelte es sich um Transformationen, die nicht bloß vom 18. in das 19. Jahrhundert führten. Vielmehr vollzog sich ein Wandel von Jahrtausende währenden Strukturen und Geisteshaltungen zu zahlreichen Innovationen und Beschleunigungseffekten, die letztlich in die Gegenwart weisen. Auf allen Ebenen – politisch und gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell, wissenschaftlich und technisch, weltanschaulich und emotionell – wurde die Schwelle zu jener Zeit überschritten, die sich in unserer Vorstellung zur »Moderne« formt.

Von abstrakten Entwicklungsprozessen kann diesbezüglich keine Rede sein. Revolutionen, Reformen, Kriege und Gesetzesänderungen, Bevölkerungsentwicklung, medizinische Erkenntnisse, Transportwesen und Kommunikationsformen, Medienrealität und »öffentliche Meinung«, Säkularisierung, Humanitätsideale, Aufklärung und Romantik, spätfeudale Krisen und frühe Industrialisierungstendenzen beeinflussten den Alltag der Menschen direkt oder indirekt. Die Fürstentreffen und Diplomatenkonferenzen, die Friedensschlüsse, Völkerrechtsbestimmungen und Staatenbündnisse liegen an der Oberfläche einer tiefer gehenden Geschichte der mentalen, sozialen und ökonomischen Umwälzungen.

Altes und Neues ist dabei bisweilen unentwirrbar ineinander verflochten. Dennoch bieten sich Erklärungsmodelle zum besseren Verständnis an. Die mehrmonatige Anwesenheit der europäischen Staatsführungen im Zentrum der Habsburgermonarchie präsentiert sich als kurzfristiges Ereignis, das umgeben ist von Phänomenen und Perioden unterschiedlicher Dauer. Die Jahreswende 1814/15 wird gewissermaßen von »Zeitringen« eingeschlossen: Von einer weltweiten Staatenkrise um 1800, von der Französischen Revolution und dem napoleonischen Hegemoniestreben zwischen 1789 und 1815, von einer »Sattelzeit« zwischen 1770 und 1830. Parallel dazu zeigen sich Kontinuitäten sowie beinahe unmerkliche, langsame Veränderungen während der gesamten Neuzeit. Und schließlich lohnt es sich noch, hinsichtlich der Wirkungsgeschichte des Wiener Kongresses das nachfolgende 19. Jahrhundert in kürzere Etappen zu untergliedern.

Sowohl bei derartigen als auch bei allen anderen Überlegungen oszilliert die Darstellung zwischen Narration und Analyse. Darüber hinaus weitet sich der Blick schrittweise nicht bloß temporal, sondern auch geographisch: von Wien aus auf das Gebiet des heutigen Österreich, dann auf das Territorium der gesamten Donaumonarchie, und zu guter Letzt auf europäische und globale Zusammenhänge.

Die Resultate dieser Neuvermessung eines viel beachteten »Gipfeltreffens« der europäischen Elite und eines »Schlussaktes« nach einem knappen Vierteljahrhundert der Kampfhandlungen sollen hier nicht verraten werden. Soviel aber sei vorausgeschickt: Vom Wiener Kongress geht ein trügerischer Glanz aus, wenn man in die Tiefe der Zeit und des Raums eintaucht, in die Dunkelheit der wachsenden Armut einer schwierigen Übergangsphase oder in die Schattenwelten der geheimen Zirkel und Untergrundnetzwerke einer umtriebigen Opposition.

Hannes Leidinger

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© Foto: Hannes Leidinger

Zum Autor

Hannes Leidinger, geboren 1969 in Gmunden, Universitätsdozent, Lehrtätigkeit an den Instituten für Geschichte und Zeitgeschichte der Universität Wien; 2009 und 2012 Gastprofessor an der Universität Wien. Mitarbeiter sowie Leiter verschiedener Forschungsprojekte vor allem zur österreichischen und russischen Geschichte. Ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen, u.a. dem Böhlau-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Hannes Leidinger ist einer der erfolgreichsten Autoren historischer Sachbücher in Österreich, u.a. „Streitbare Brüder: Österreich : Deutschland“ (2010), „Schwarzbuch der Habsburger“ (2012, HAYMONtb) und „Habsburgs schmutziger Krieg“ (2014).

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