Cover

Roland Zingerle

Ein Mord am Wörthersee

Kärnten-Krimi



Roland Zingerle

Ein Mord am Wörthersee

Ich widme dieses Buch meinen Eltern Helga und Gunter,  meiner Frau Elke und meinem Freund Gerhard.

Ihr seid die besten, die ich mir hätte wünschen können,  euch verdanke ich mein heutiges Leben.

Roland Zingerle

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© Foto: Philipp Scheiflinger

Zum Autor

Roland Zingerle, geboren 1973, studierte Germanistik und Kommunikationswissenschaften. Er arbeitete als Journalist und Kulturmanager, ehe er sich als Schriftsteller selbständig machte und die „Kärntner Schreibschule“ mitbegründete, eine Erwachsenenbildungseinrichtung für kreatives Schreiben. Er lebt mit seiner Familie in Klagenfurt am Wörthersee.

Impressum

© 2015

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-3647-4

Umschlag- und Buchgestaltung nach Entwürfen von hoeretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Umschlag: Eisele Grafik·Design, München, unter Verwendung von Bildelementen von depositphotos/cluckva (Hintergrund); depositphotos/a4ndreas (Maria Wörth und Wörthersee)

Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig

Autorenfoto: Philipp Scheiflinger

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Der letzte Rock hat keine Taschen

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ISBN 978-3-7099-3626-9

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Kapitel 2

Freitag, 7.30 Uhr

Heinz saß gefühlte zehn Minuten an der Uferböschung des Lendkanals, ehe sich sein Atem und sein Herzschlag beruhigt hatten und sein Schwindelgefühl sowie sein Schweißaustritt abgeflaut waren.

Irgendwann, nach dem fünften oder sechsten Bier, hatte er gestern aufgehört zu zählen. Oti war wieder einmal in Höchstform gewesen: Angesichts der erzählerischen Ausschmückungen seiner Alltagserlebnisse wäre sogar Baron Münchhausen vor Neid erblasst. Und Luigi hatte den ganzen Abend über nur Unsinn geredet, was aber von niemandem, der ihn kannte, zwingend als Zeichen für seine Trunkenheit angesehen wurde. Heinz selbst hatte so viel gelacht wie schon lange nicht mehr.

Das war ihm heute gründlich vergangen.

Wie er nachhause gekommen war, hatte er sich nicht gemerkt, und auch die Erinnerung an die erste halbe Stunde des heutigen Morgens schien in eine Art Nebel gehüllt zu sein. Zwar hatte er daran gedacht, Sportbekleidung anzuziehen, nicht jedoch, Handy und Brieftasche zuhause zu lassen. Doch was ihn beim Laufen behindert hatte, gereichte ihm nun zum Vorteil. Entlang der gegenüberliegenden Uferböschung folgte die Villacher Straße dem Verlauf des Lendkanals. Dort befand sich auf Heinz’ Höhe die Bushaltestelle Neckheimgasse. Mit dem unbeabsichtigt mitgenommenen Geld konnte er sich einen Fahrschein zurück in die Innenstadt kaufen, immerhin verspürte er nicht die geringste Lust, die gelaufene Strecke wieder zurückzugehen. Und das Handy konnte er für Recherchen nutzen, wenn sich der Bedarf danach ergab.

Als er sich aufrappelte, stellte er fest, dass sich seine Knie während des Sitzens offenbar in Butter verwandelt hatten. Er hinkte die zwanzig oder dreißig Meter weiter bis zur Unterführung, vor der ihn ein Zubringer auf die Villacher Straße hinaufbrachte. Dort wartete er eine Verkehrslücke ab, querte die Fahrbahn und ließ sich mit einem Seufzen der Erleichterung auf die Wartebank der Haltestelle fallen. Während er auf den Bus wartete, versuchte er nachzudenken – was aber nur bedingt gelang.

Nachdem sein Auftrag lautete, einen Mord zu verhindern, musste er die beiden bereits vorgefallenen Todesfälle zwangsläufig ebenfalls als Morde ansehen. Um seinen Auftrag zu erfüllen, musste er dem Mörder – ob es ein Mann oder eine Frau war, ließ er vorerst dahingestellt – zuvorkommen, und das konnte ihm nur gelingen, wenn er dessen Motive kannte – und dessen Methode. Wenn die Tode von Christoph Neunteufel und Josef Tengg fremdverschuldet waren, kamen nur Giftmorde in Frage, alle anderen Mordarten wären von außen sichtbar gewesen. Das wiederum bedeutete, dass der Mörder eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen musste. Erstens musste er über ein gewisses pharmazeutisches Wissen verfügen, das ihn in die Lage versetzte, das passende Gift zu mischen. Zweitens musste er sich die Zutaten für dieses Gift beschaffen können; ein nicht unwesentlicher Punkt, denn Heinz ging davon aus, dass nicht alle Ingredienzien für jedermann erhältlich waren. Drittens musste der Mörder die Möglichkeit haben, den Opfern das Gift zu verabreichen, ohne dass diese es bemerkten.

Wie es um die pharmazeutischen Kenntnisse von Christine Tengg bestellt war, würde Heinz noch herausfinden müssen, doch klar war, dass sie genaue Kenntnisse über den Gesundheitszustand sowohl ihres Ehemannes als auch ihres Vaters besessen hatte, wodurch es ihr ein Leichtes gewesen wäre, das Gift jeweils richtig zu dosieren. Auch wäre für sie die Verabreichung in beiden Fällen kein Problem gewesen.

Der Bus kam, Heinz stand auf und zückte seine Brieftasche.

Wenn Christine Tengg die Mörderin war, so war ihr Motiv sicherlich nicht das Geld der Lebensversicherungen – zumindest nicht ausschließlich, denn dazu wäre ihr Vorgehen viel zu auffällig. Für Versicherungsdirektor Oberhofer mochte Geld der Antrieb des gesamten Universums sein, für Heinz, wie für viele andere Menschen, war es das nicht.

Heinz legte zwei Ein-Euro-Münzen auf den Kassenautomat neben dem Busfahrer. Dessen abschätziger Blick, mit dem er den verschwitzten Fahrgast musterte, entging Heinz, er war viel zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt. Er warf sich auf einen freien Sitz und starrte zum Fenster hinaus.

Was die Täterschaft von Christine Tengg betraf, war Heinz überhaupt skeptisch. Als Begünstigte beider Lebensversicherungen stand sie in der Reihe der Verdächtigen an erster Stelle. Wäre auch nur der Verdacht aufgekommen, die Todesfälle hätten keine natürliche Ursache, hätte die Polizei sie so lange durchleuchtet, bis sie gefunden hätte, was zu finden war.

Da erschien ihm der Arzt, dieser Doktor Zernatto, schon um einiges verdächtiger. Immerhin hatte dieser die Möglichkeit, das Gift unbemerkt – etwa als Medikament getarnt – zu verabreichen, verfügte über die nötigen Kenntnisse der Substanzen, kam problemlos an diese heran und kannte den Gesundheitszustand seiner künftigen Opfer vermutlich besser als jeder andere Mensch. Darüber hinaus hatte er die Untersuchungen für die Lebensversicherungen durchgeführt, wodurch er auch über diesbezügliche Zusammenhänge Bescheid wusste, etwa, dass Christine Tengg die Hauptverdächtige wäre, wenn eines oder mehrere ihrer Familienmitglieder unnatürliche Tode starben.

Je mehr Heinz darüber nachdachte, desto stimmiger erschien ihm Doktor Zernatto in der Rolle des Mörders. Vordergründig natürlich, denn was noch fehlte, war ein Motiv. Heinz beschloss also, zuerst dem Mediziner auf den Zahn zu fühlen, und dann erst Christine Tengg. Allerdings musste er dabei besonders behutsam vorgehen, denn offiziell wurden die Todesfälle ja als Unfälle betrachtet. Das bedeutete, dass sich Doktor Zernatto, wenn er tatsächlich der Mörder war, seiner Sache sicher sein konnte. Ihn mit einer anderen Version der Geschehnisse bluffen zu wollen, würde dazu führen, dass er das Gespräch abbrechen und überdies wahrscheinlich auch seinen Anwalt einschalten würde, womit Heinz’ Ermittlungen schon beendet wären, noch bevor sie überhaupt begonnen hätten.

Draußen vor dem Busfenster zog die Steinerne Brücke vorbei, danach kam das Floß der Stadtwerke Klagenfurt in Sicht. Die Arbeiter mähten mit gleichmäßig gemächlichen Bewegungen die Uferböschung, und Heinz stellte fest, dass sie nicht viel weiter gekommen waren, bis er sich bewusst machte, wie wenig Zeit eigentlich vergangen war, seit er und Oberhofer das Floß überholt hatten. Er hatte in dieser Zeit nicht nur viel Neues erfahren und eine Menge Gedankengänge durch sein Gehirn laufen lassen, er schleppte ja auch einen ausgewachsenen Kater mit sich herum, der – neben anderen unschönen Begleiterscheinungen – die Zeit zäh wie kalten Honig fließen ließ, besonders wenn sie so unangenehm war wie ein unfreiwilliger Morgenlauf.

Doch das war jetzt nicht wichtig. Wichtig war, dass Heinz mehr Informationen zu den beiden Todesfällen brauchte, wenn er den Mediziner gezielt befragen oder vielleicht sogar Widersprüche in dessen Aussagen aufdecken wollte. Er überlegte. Wenn es einen Verdacht gab, oder auch nur eine Ahnung, dass die Unfälle gar keine solchen waren, dann hatte am ehesten die Polizei Kenntnis davon.

Heinz zog sein Mobiltelefon hervor und sah es unschlüssig an. Seine Hand spielte damit, während er aus dem Fenster sah, ohne irgendetwas wahrzunehmen. Er wusste, wie Sabine darauf reagierte, wenn er ihr Geschwisterverhältnis für Belange seiner Arbeit missbrauchte. Dass er in diesem Punkt gar keine andere Wahl hatte, wenn er professionell arbeiten wollte, ließ Sabine nämlich nicht gelten. Kurz entschlossen wählte er ihre Nummer und hielt das Telefon an sein Ohr.

»Guten Morgen, Bruderherz«, tönte es ungewohnt gefühlswarm aus dem Hörer. Heinz führte das darauf zurück, dass seine Schwester noch nicht lange wach war. Vermutlich hatte sie gestern Abend länger gearbeitet und fing deshalb heute später an. »So früh schon auf den Beinen?«

Du hast ja keine Ahnung!

»O, so früh ist es gar nicht mehr. Aber dir auch einen wunderschönen guten Morgen.«

Sabine stockte kurz, ehe sie antwortete: »Da kommt nichts Gutes, wenn du säuselst.«

Eine gehörige Portion Misstrauen färbte nun den Klang ihrer Stimme. Das passte eher zu ihr, fand Heinz.

»Aber wer wird denn? Ich brauche nur eine kleine Auskunft von dir, weiter nichts.« Seine zu einem Grinsen gespannten Lippen färbten seine Sprechweise. In der Heftigkeit ihrer Antwort war Sabine endgültig sie selbst: die taffe Chefinspektorin.

»Das hätte ich mir eigentlich denken können! Warum sonst ruft mich mein Bruder so früh an? Egal, was es ist, vergiss es gleich, okay?«

»Popopop«, machte Heinz schnell, um zu verhindern, dass sie auflegte, »erst zuhören, dann ablehnen.«

Doch wenn Sabine in Fahrt war, ließ sie keinen Widerspruch gelten: »Mich kotzt das an, dass du immer Insiderinformationen von mir verlangst, nur weil wir verwandt sind.«

»Ich würde dich auch anrufen, wenn wir nicht verwandt wären, das gehört nun einmal zu meiner Arbeit. Außerdem keine Sorge, ich bringe dich nicht in einen Interessenskonflikt. Der Fall, um den es geht, ist abgeschlossen.«

Diesmal folgte ein Seufzen dem kurzen Stocken.

»Ich bring dich um, Heinz, irgendwann bringe ich dich um, hast du mich gehört?«

»Ich hab dich auch lieb.« Heinz erklärte, worum es ging und wie viel er wusste, dann fragte er: »Gab es zu irgendeinem Zeitpunkt Zweifel an der Unfalltheorie?«

Seine Schwester schwieg. Vermutlich dachte sie nach.

»Nein«, antwortete sie dann, »soweit ich mich erinnere, standen die Todesursachen nie in Zweifel. Es gab ausreichend Zeugen, und die Beschreibungen der Unfallhergänge unterschieden sich in nichts von denen anderer Schwächeanfälle, die an den Renntagen ebenfalls passiert waren – nur dass eben die beiden speziellen tödlich endeten.«

»Die Motivlage hat keinen Verdacht erregt?«

»Welche Motivlage meinst du?«

»Christine Tengg war in beiden Fällen die Begünstigte der Lebensversicherungen der Opfer.«

»Vergiss das, Heinz! Die Frau war nach beiden Unfällen so was von fertig, wenn du sie gesehen hättest, würdest du nicht einmal auf diesen Gedanken kommen.«

»Vielleicht ist sie eine gute Schauspielerin?«

»Ich hatte in meinem Leben schon mit so vielen Betrügern und Scheinheiligen zu tun, dass ich sie zehn Kilometer gegen den Wind riechen kann, das darfst du mir glauben. Aber die Tengg gehört nicht dazu. Wenn die uns echt etwas vorgespielt hat, dann verdient sie einen Oscar.«

»Das heißt, eine Obduktion stand nie zur Debatte?«

Sabine zischte verächtlich.

»Obduktion! Nicht einmal wenn ich eine gewollt hätte, hätte ich sie bekommen, dafür war die Suppe einfach zu dünn.«

»Und was ist mit dem gemeinsamen Arzt?«

»Was soll mit dem sein? Die Verunfallten und die Tengg waren eine Familie, da ist es nicht ungewöhnlich, dass alle denselben Arzt haben. Mama, Papa und wir zwei waren ja auch bei Doktor Gruber, bis er in Pension gegangen ist.«

»Aber findest du nicht, dass da verdächtig viele Gemeinsamkeiten mitspielen? Ich meine: dieselbe Familie, derselbe Arzt, dieselbe Versicherung ...«

»... derselbe Sponsor – ich weiß, diese Gedanken haben wir uns auch gemacht. Doch es war nun einmal so, dass die beiden Verunfallten gehandicapt waren, der eine durch seinen Herzfehler, der andere durch sein Alter. Da passieren solche Dinge schon einmal, auch wenn sie verdächtig aussehen. Aber Heinz: Jeden Tag geschehen Zufälle, die noch viel unglaublicher sind, und trotzdem nichts weiter sind als Zufälle.«

»Moment, was hast du gesagt«, restalkoholbedingt hatte Heinz’ Gehirn etwas länger gebraucht, um die eingehende Information zu verarbeiten, »denselben Sponsor?«

»Hast du das nicht gewusst?« Sabine machte sich nicht die Mühe, ihre Genugtuung zu verbergen. »Obwohl die beiden Verunfallten nur Amateursportler waren, traten sie für ein Rennteam an, und zwar für jenes, in dem der Bruder von der Tengg Mitglied ist, dieser … wie heißt er?«

»Hannes.«

»Hannes, stimmt. Hannes Tengg ist Profisportler und hat seinen Schwager und seinen Vater in sein Team gebracht. Was ich mir übrigens nicht besonders einfach vorstelle.«

»Warum?«

»Weil ein solches Team von sportlichen Höchstleistungen lebt, die nehmen nicht jeden auf. Amateure wie der alte Tengg und dieser … dieser ...«

»Neunteufel.«

»... Neunteufel, genau, die senken die Teamleistung, und das kann dem Sponsor gar nicht recht sein – und damit dem restlichen Team auch nicht.«

»Warum haben sich dann alle darauf eingelassen?«

»Ich denke einmal, Hannes’ Leistungen sind so gut, dass er seinen Einfluss geltend machen konnte.«

»Aber warum sollte er das tun?«

»Aus demselben Grund, warum du mich immer anrufst: Verwandtschaftsliebe.«

Heinz ging über diese Spitze hinweg.

»Wer ist der Sponsor?«

Sabine seufzte tief.

»Soweit ich das mitbekommen habe, hat so ein Team mehrere Sponsoren. Die Sportartikelhersteller, zum Beispiel, sponsern vor allem die Materialien, also Schuhe, Rennanzüge, Rennräder und so weiter. Und dann gibt’s meistens noch einen Hauptsponsor, der Geld herauslässt, zum Beispiel für das Gehalt der Profis.«

»Okay, okay, wer war der Hauptsponsor?«

»Warum fragst du?

»Weil ich denke, dass der am meisten dabei verliert, wenn die Teamleistung nachlässt.«

»Soweit ich weiß, irgendein Software-Hersteller.«

»Ein Software-Hersteller? Wieso sponsert ein ...?«

»Frag mich nicht! Aber wenn du meinst, dass der Sponsor ein Motiv hätte, seine Sportler aus dem Weg zu schaffen, dann hast du deinen Beruf verfehlt. Was glaubst du, was das für ein Image-Schaden ist, wenn zwei Triathleten aus demselben Team hintereinander die Kurve kratzen?«

»Du hast Recht, die Idee ist Blödsinn.« Heinz dachte kurz nach, ehe er fortfuhr: »Also, kurz zusammengefasst gab es keinerlei Verdachtsmomente, weil die ganze Geschichte eine blöde Verkettung von Zufällen war.«

»So ist es.«

»Na gut, dann danke ich dir für die Info.«

»Bitte, bitte, das nächste Mal nicht mehr. Verrätst du mir auch, wozu du das jetzt wissen wolltest?«

Heinz spürte, wie ein Lächeln seine Mundwinkel dehnte.

»Musst du nicht schön langsam in die Arbeit?«

Kapitel 7

Samstag, 16 Uhr

Valentin Prugger hatte den Großteil der Kellner nachhause geschickt. Die Vorbereitungen für den morgigen Tag waren im Wesentlichen abgeschlossen und außerdem war der Dienstantritt morgen Früh für 5.30 Uhr festgelegt; die Belegschaft sollte sich noch etwas ausruhen. Heinz verließ die Sperrzone und schlenderte durch den Europapark zum Minimundus-Parkplatz. Er zog das Gilet aus, schulterte es und genoss die heiße Nachmittagssonne. Am Parkplatz angekommen blickte er durch den Zaun am Fahrrad-Abstellplatz und beobachtete das geschäftige Treiben. Die Kampfrichter überprüften schon seit dem frühen Nachmittag die Rennräder der angemeldeten Athleten. Morgen um diese Zeit würde der Sieger des Ironmans bereits feststehen, auch wenn der Großteil des Teilnehmerfeldes noch unterwegs wäre. Wenn alles glattging, würde er seinen Auftrag bereits erledigt haben, denn Hannes Tengg würde wohlbehalten im Ziel angekommen sein – und er nachhause gehen, seine Honorarnote schreiben und gleich an Direktor Oberhofer mailen.

Aber noch war es nicht so weit. Heinz löste sich vom Zaun und ging zu seinem Wagen. Er würde heute früh schlafen gehen, damit er morgen ausgeruht war, zuvor sehnte er sich allerdings noch nach etwas Gesellschaft.

In der Wiener Gasse pulsierte das Leben. Die Menschen saßen vor den Lokalen im künstlichen Schatten oder stöberten an den Ausstellern, die die Einzelhandelsgeschäfte auf die Gasse gestellt hatten. Auch das Damenmodegeschäft »BoutChic« hatte zwei rollbare Kleiderständer so vor der Eingangstür platziert, dass ein lockeres Durchkommen zwischen ihnen und dem Geschäft gegeben war. Verena Bacher, die zweiunddreißigjährige Inhaberin, und Andrea, ihre einzige Angestellte, beobachteten das Treiben aus dem Inneren des Geschäfts, wenn sie nicht gerade eine Kundin betreuten. Doch so groß der Trubel in der Wiener Gasse auch war, so schleppend ging der Verkauf an diesem Samstagnachmittag. Den Menschen schien der Sinn eher nach Schlendern und Schauen zu stehen; nach Shoppen, und nicht nach Einkaufen. Verena legte ihre schlanken Finger vor ihre dezent rot geschminkten Lippen, um ein Gähnen zu verbergen. Eine gute halbe Stunde noch, dann würde sie ihren Laden schließen und Andrea ins wohlverdiente Wochenende entlassen. Als die Silhouette eines Mannes die Eingangstür verdunkelte, sah sie auf und wunderte sich, warum der blonde Kerl in der Kellnermontur sie so vertraulich anlächelte, während er das Geschäftslokal betrat.

Heinz genoss die Irritation in Verenas Miene und er genoss ihr spontanes Auflachen und dass sie ihre Hände an die Nase legte, als sie ihn erkannte. Er genoss auch den Anblick der Bewegungen ihres schlanken Körpers, als sie um das Verkaufspult herum auf ihn zukam, das Wogen ihrer langen blonden Mähne und das strahlende Lachen ihrer Augen und ihres Mundes. Ganz besonders genoss er aber ihre Berührung, als Verena ihn zur Begrüßung auf die rechte und die linke Wange küsste.

»Was für einen Auftrag hast du diesmal? Aushilfe in einer Schickimicki-Bar?« Ihr Sopran überschlug sich leicht. Heinz liebte das; ebenso, wie er die leicht unscharfe Aussprache ihrer S-Laute liebte. Er empfand das als erotisch – er empfand alles an Verena als erotisch.

Schief lächelnd hielt er zur Erklärung den Ausweis seines scheinbaren Bruders hoch. Verena schnappte nach Luft.

»Du bist beim Ironman?« Es klang ehrfürchtig, so wie sie es sagte. »Aber … Heinz, das glaubt dir kein Mensch. Du siehst dem Typ ja nicht einmal ähnlich.« Sie hielt Gerd Zechmanns Foto auf dem Ausweis vergleichend neben Heinz’ Gesicht.

»Ich bin ja auch nicht Gerd, ich bin Tim«, erklärte Heinz, »sein Bruder.«

»Du spinnst ja!« Sie gab ihm einen Klaps.

»Nein, im Ernst. Ich arbeite morgen im VIP-Zelt.«

Verena schnappte einmal mehr nach Luft, was Heinz einmal mehr genoss.

»Nimm mich mit«, bettelte sie.

»Warum glaubst du, dass du das verdienst?«

In gespielter Entrüstung stemmte sie eine Hand in ihre Hüfte, blinzelte mehrmals affektiert und erwiderte: »Hallo?« Dann lachte sie über sich selbst und drehte Heinz an den Schultern in Richtung Eingangstür, um ihn im hereinfallenden Licht betrachten zu können. »Das steht dir gar nicht schlecht. Blond, meine ich.«

»Danke«, erwiderte er säuerlich, »mir brennt der Haaransatz noch immer vom Färben.«

»Künstliche Intelligenz tut immer weh. Weil sie ungewohnt ist.«

Heinz lachte auf.

»Künstliche Intelligenz? Du meinst, blonde Haare?«

»Ich meine künstliches Blond.«

Andrea trat zu ihnen. Sie hatte im hinteren Teil des Geschäfts zu tun gehabt und war durch Verenas Reaktion auf den Neuankömmling neugierig geworden. Auch sie war überrascht, als sie Heinz erkannte.

»Kommst du uns heimlich überprüfen?«, witzelte sie.

»Ja, mein neuer Auftraggeber will, dass ich euch observiere«, witzelte er zurück, »unerkannt, versteht sich.«

»Genialer Plan«, meinte Verena dazu.

»Eigentlich bin ich gekommen, um dich zu fragen, ob wir nach Ladenschluss etwas trinken gehen«, erklärte Heinz nun.

Verenas Gesicht verzog sich bedauernd.

»Tut mir leid, aber ich muss noch ein paar Sachen erledigen und danach habe ich schon was vor.«

Heinz spürte einen Stich in seinem Herzen. Er wollte spontan fragen, was sie denn vorhätte, und vor allem mit wem, doch er verbiss es sich.

»Ach, schade«, sagte er stattdessen.

»Ich hätte Zeit«, meinte Andrea resolut und schenkte ihm einen hübschen Blick.

»Na fein, dann gehen wir zwei«, lenkte Heinz spontan ein, um nicht den Eindruck zu vermitteln, an Verena zu kleben, und zur sichtlichen Verwunderung Andreas.

»Du kannst schon gehen«, sagte Verena zu ihr und provozierte damit eine weitere Verwunderung ihrer Angestellten.

»Bist du sicher?«

»Ja. Heute werden sie uns nicht mehr den Laden stürmen. Macht euch einen schönen Abend.«

Andrea sah sie forschend an und dankte ihr, als sie erkannte, dass Verena es Ernst meinte. Die beiden Frauen küssten sich zum Abschied auf die Wangen und wünschten sich gegenseitig ein schönes Wochenende.

»Und du, bleib brav«, sagte Verena dann zu Heinz, während sie auch ihn zum Abschied küsste.

»Du nicht«, erwiderte dieser und wartete vergebens auf eine Reaktion. Dann hielt er Andrea den Arm hin, und als diese sich bei ihm untergehakt hatte, verließen die beiden die »BoutChic«.

Er kannte Verena nun schon seit Jahren, doch er wurde nicht schlau aus ihr. Einerseits glaubte er, an ihren Reaktionen auf ihn immer wieder eine Art der Zuneigung zu erkennen, die über bloße Alltagssympathie hinausging. Doch andererseits blockte sie immer ab, wenn er versuchte, ihr näherzukommen. So wie gerade vorhin: Sie hatte nicht eine Sekunde lang überlegt, ehe sie sein Angebot ausgeschlagen hatte, und auch als er sich mit Andrea verabredet hatte, hatte sie nicht gezögert, ihre Angestellte heute früher gehen zu lassen. War das Taktik, oder bildete Heinz sich nur ein, dass Verena ihn mehr mochte, als irgendeine andere Bekanntschaft? Es waren diese Dinge, die ihm jedes Mal wieder stundenlang wie eine Laus im Pelz saßen, nachdem er Verena besucht hatte. Und es waren auch diese Dinge, die ihn jedes Mal wieder dazu trieben, Verena zu besuchen.

Wenig später saß er mit Andrea vor dem Eissalon am Heuplatz und beide schlürften Eiskaffee. Er verstand sich in letzter Zeit gut mit ihr, weit besser als damals, als er noch mit ihr zusammen war. Sie hatten beide festgestellt, dass sie die gegenseitige Sympathie, die von Anfang an da gewesen war, falsch verstanden hatten. Ihre Zuneigung beruhte nicht auf sexueller Anziehung, sondern auf charakterlicher Ähnlichkeit. Deshalb hatte ihre Beziehung nicht funktioniert und auch nicht lange gehalten. Doch abgesehen von der Freundschaft, die daraus entstanden war, hatte Heinz noch aus einem weiteren Grund von diesem Liebesverhältnis profitiert: Er hatte durch sie Verena kennengelernt, für die Andrea damals schon gearbeitet hatte. Und da Andrea wusste, wie Heinz zu ihrer Chefin stand, konnte er mit ihr auch offen darüber reden – was er nun wieder einmal tat.

»Ich kann dir auch nicht sagen, was in ihr vorgeht«, seufzte Andrea. »Eine Frau weiß oft selbst nicht, was in ihr vorgeht.«

»Ach wirklich? Hör auf!«, erwiderte Heinz in gespieltem Unglauben, wurde aber sofort wieder ernst: »Ich nehme nicht an, dass du weißt, ob sie … ob Verena, ich meine ...«

»Ob sie einen Freund hat, meinst du? Nein.«

Das liebte Heinz so an Andrea. Sie ahnte seine Fragen voraus und beantwortete sie unmittelbar und ohne Unklarheiten aufkommen zu lassen. Er schwieg nun eine Weile, ehe er wieder begann: »Ich weiß nicht, wie ich mich ihr nähern soll. Ich meine, mehr als ihr anzubieten, mit mir auszugehen, kann ich nicht tun, oder?«

»Aber ihr geht ja immer wieder miteinander aus, oder nicht?«

»Ja, schon, aber … viel zu selten und außerdem … außerdem habe ich nie das Gefühl, dass wir uns dabei näherkommen. Wir verstehen uns gut, wir lachen miteinander und so weiter, aber das war’s dann schon.«

»Na, das ist doch schon etwas.«

»Ja, aber es ist wie ein Treten am Stand. Es geht nichts vorwärts.«

»O Gott, Männer! ‚Es geht nichts vorwärts!‘«

Heinz schenkte ihr einen zurechtweisenden Blick, als er antwortete: »Ich erinnere mich da an eine gewisse Andrea, die mir von einem gewissen Kerl erzählt hat – wie er geheißen hat, weiß ich nicht mehr –, der sich mit ihr einige Male verabredet hat und von dem sie etwas wollte. Ich darf dich zitieren: ‚Wenn du nach dem ersten Date kein Gute-Nacht-Bussi kriegst, denkst du dir: Okay, er ist ein Gentleman. Wenn du nach dem zweiten Date keines kriegst, denkst du dir: Okay, er ist schüchtern. Aber wenn er dich nach dem dritten Date nicht küsst, denkst du dir: Ist der schwul, oder was?‘«

Andrea antwortete mit einem treuherzigen Blick und einem stillen Lächeln und meinte: »Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, dass du blond bist!«

Verena schloss den Laden ab und schaltete das Licht in den Umkleidekabinen aus. Dann ließ sie einen Kontrollblick durch ihr Geschäft schweifen, und als sie sicher war, nichts vergessen zu haben, ließ sie die Arbeit der vergangenen Woche mit einem tiefen Seufzen von sich abfallen. Sie war müde. Sie würde ihre Sachen nehmen und nachhause gehen. Dort würde sie sich eine lange Dusche genehmigen, sich danach eine kleine italienische Jause richten und diese vor dem Fernseher zu sich nehmen. Dann würde sie bald schlafen gehen.

Sie wusste selbst nicht, warum sie Heinz’ Einladung vorhin so schnell abgelehnt hatte. In Wahrheit hatte sie sich darüber gefreut und sie hatte auch nichts mehr zu erledigen gehabt, von einem Abendprogramm ganz zu schweigen. Und sie war verletzt gewesen, als er so schnell damit einverstanden war, an ihrer Stelle Andrea auszuführen.

Es war nicht das erste Mal, dass Verena sich eingestehen musste, Angst davor zu haben, Heinz könnte ihr zu nahe kommen, obwohl sie sich das gleichzeitig wünschte. Sie hatte Angst, sie könnte mit ihm glücklich werden, denn dann müsste sie Angst haben, es unter Umständen irgendwann nicht mehr zu sein. In Wahrheit, und auch das gestand sie sich nicht zum ersten Mal ein, in Wahrheit hatte sie Angst, Heinz könnte der Richtige sein.

Kapitel 4

Freitag, 17 Uhr

Als Heinz zum zweiten Mal an diesem Tag im Sportdress den Lendhafen betrat, wusste er, dass das Leben ihn für den Vorabend bestrafen wollte. Es war siebzehn Uhr und sein Unwohlsein bis auf ein unterschwelliges Kopfbrummen abgeklungen. Dennoch machte ihm das Tageslicht zu schaffen, das die Steinmauern und der Schotterboden so gleißend reflektierten, dass Heinz sich dafür verfluchte, keine Sonnenbrille mitgenommen zu haben. Obendrein hatten sich die Mauer und der Boden den ganzen Tag über so in der Sonne aufgeheizt, dass Heinz schon nach wenigen Sekunden spürte, wie die Schweißdrüsen auf seiner gesamten Körperoberfläche aktiv wurden. Er stellte sich in den Schatten eines Pfeilers der Fußgängerbrücke.

Hannes Tengg hatte einem Interviewtermin nur unter der Bedingung zugestimmt, dass Heinz ihn bei seinem Lauftraining begleitete, damit er – und darin erkannte Heinz eine unschöne Parallele zu Direktor Oberhofer – keine Zeit verlor. Heinz, der seinem Empfinden nach heute schon genug gelaufen war, hatte am Telefon schwach dagegen argumentiert, dass er ja gar nicht die erforderliche Kondition hätte, doch Hannes Tengg hatte beruhigend erklärt, es würde sich ohnehin nur um einen Abwärmlauf mit eingestreuten Lockerungsübungen handeln.

Als Heinz an das Telefonat zurückdachte, verzogen sich seine Lippen zu einem schiefen, sardonischen Grinsen.

Abwärmlauf! Ich schwitze ja schon beim Stehen im Schatten.

Es verging eine knappe Viertelstunde, ehe Tengg im lockeren Trab gelaufen kam. Obwohl Sonnenbrille und Schirmkappe sein Gesicht nahezu unkenntlich machten, erkannte Heinz ihn sofort. Es war diese spielerische Leichtigkeit in seiner Bewegung, die ihn verriet. Nur ein durch und durch trainierter Mensch konnte den Eindruck der Unempfindlichkeit gegenüber Dingen wie Schwerkraft, Bodenreibung und Luftwiderstand vermitteln. Hannes Tengg blieb vor dem Hafenbecken stehen und ging in die Hocke. In dieser Stellung wippte er mehrmals, wobei er immer wieder das Bein wechselte, das die Hauptlast trug. Heinz trabte zu ihm hin, er war froh, dass er dem Athleten nicht nachlaufen musste, um auf sich aufmerksam zu machen.

»Herr Tengg?« Hannes Tengg blickte in einer Weise auf, die Heinz als Bejahung auffasste. »Mein Name ist Ernst Hoffmann, ich bin vom Kärntner Beobachter.« Der Sportler nickte nur, aber immerhin mit dem Anflug eines Lächelns. »Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen.«

»Keine Ursache.« Tenggs Stimme klang tief und in keiner Weise außer Atem.

»Ich habe Ihnen ja schon am Telefon gesagt, dass es um Ihr mittlerweile legendäres Duell mit Mister Strongbow geht.«

Heinz hatte schon oft genug Journalisten gespielt, um die Rolle zu beherrschen. Zwar musste er sich dazu überwinden, den englischen Namen in übertriebener Weise amerikanisch auszusprechen, weil er das einfach nur lächerlich fand, doch er wusste, dass er dadurch authentisch erscheinen würde, nämlich wie ein Provinzreporter, der glaubte, damit welterfahren zu wirken.

»Fuck hey. Duell.«

Heinz wusste Tenggs Bekundung nicht recht zu deuten, darum fragte er nach: »Wie meinen?«

»Bei euch Journalisten läuft’s immer auf einen Krieg hinaus. Wir machen nur Sport, Alter, sonst nichts.«

Heinz machte sich bewusst, dass Hannes Tengg gerade einmal siebenundzwanzig Jahre alt war. Durch seine große, muskulöse Statur, sein Sportdress und die kontrollierten, weil schier endlos oft wiederholten Übungsbewegungen wirkte er jedoch um einiges älter. In der Rolle eines Reporters, der nur mit den Wassern seiner Heimatstadt gewaschen war, fuhr Heinz großspurig fort: »Na, ein bisserl mehr ist es schon. Immerhin hängt eine Menge Geld davon ab, ob Sie gewinnen oder verlieren. Ihre ganze Existenz, wenn man’s genau nimmt.«

Tengg lachte locker, ehe er fragte: »Alter, welche Ahnung hast denn du?«

»Was meinen Sie … meinst du?«

»Ich sterbe ja nicht gleich, wenn ich einmal nicht gewinne. Glaubst du, die schmeißen mich deshalb aus dem Team?«

»Aber … deine Sponsoren ...?«

»Die reden da überhaupt nicht mit. Von woher kommst du eigentlich? Vom Wetter?«

»Nein, Lokalredaktion, aber sehr sportinteressiert.«

»Und nix anderes ist es, was ich mache. Nur Sport.«

»Du willst mir jetzt aber nicht erzählen, dass dir Mister Strongbow vollkommen wurscht ist, oder?«

»Nein, nein, nein.« Hannes Tengg stand auf und schüttelte kurz die Beine aus, ehe er sich im lockeren Trab in Bewegung setzte. Heinz folgte ihm. »Josh ist ein super Konkurrent. Gleich stark wie ich. Was Besseres gibt’s nicht.«

»Wieso?«

»Weil das der beste Motivator ist, wo gibt. Wenn einer viel besser ist als du, fuck hey, dem kommst du eh nicht nach. Und wenn einer viel schlechter ist als du, interessiert er dich eh nicht. Aber wenn einer fast gleich so gut ist wie du, das spornt richtig an, weil dem willst du immer einen Schritt voraus sein.«

»Also ein Duell, oder?«

»Ach Scheiße, Duell! Wir schießen ja nicht aufeinander, wir laufen gegeneinander und fahren und schwimmen gegeneinander.«

Heinz fielen Bodenmarkierungen auf, die in der Früh noch nicht da gewesen waren. »Go, Franky, go! 818« stand da mit Sprühfarbe geschrieben, »Du schaffst es, Papa! 1023« mit Kreide. Diese Botschaften wurden alljährlich von Fans oder Angehörigen der Ironman-Teilnehmer platziert, um diese zu motivieren. Die beigefügten Nummern waren die Startnummern des jeweiligen Athleten und sollten sicherstellen, dass die Motivation den richtigen Franky oder Papa erreichte. Das hatte mittlerweile Tradition – ebenso wie die öffentliche Diskussion in den Wochen danach, wer die Kosten für die Entfernung dieser Markierungen tragen solle.

»Ein bisserl Feindschaft ist aber schon dabei, oder?«, fragte Heinz nun, um an Hannes Tenggs Worte von vorhin anzuknüpfen. Dieser zischte verächtlich.

»Alter, du hast echt keine Ahnung.«

Heinz hatte das Gefühl, er und Tengg würden einer Dimensionsgrenze entlanglaufen, die genau zwischen ihnen verlief. Denn während seine Schrittfolge zappelig war und er schon jetzt spürte, dass sein Atem schwerer ging, schien der Athlet fast nur am Stand zu hüpfen.

»He – meine Leser lieben den Nervenkitzel. Soll ich schreiben, dass du und Mister Strongbow die besten Freunde seid? Das reißt doch niemanden vom Hocker!«

»Wenn du lügen musst, damit du dein Blatt verkaufst, dann musst du eben lügen.«

In der nun folgenden Gesprächspause ermahnte sich Heinz zur Mäßigung. Nur um seine Rolle überzeugend zu spielen, hatte er sich in ein Thema verrannt, das ihn überhaupt nicht interessierte. Da er keinen Anknüpfungspunkt für einen inhaltlichen Schwenk sah, blieb ihm nichts anderes übrig als ein abrupter Themenwechsel: »Ein weiterer Grund für dieses Interview ist natürlich auch das tragische Schicksal deiner Familie.« Verstohlen beobachtete Heinz die Reaktion seines Interviewpartners, doch dieser ließ sich nichts anmerken. »Vergangenes Jahr ist dein Vater beim Ironman ums Leben gekommen, das Jahr davor dein Schwager. Macht dir das nicht irgendwie Angst?«

Hannes Tengg antwortete mit einigen Sekunden Verzögerung: »Mir macht eher Angst, was du darüber wieder schreiben wirst.«

»Ja, tut mir leid, das früher. Aber im Ernst jetzt: Machst du dir keine Sorgen?«

»Warum sollte ich?«

»Es sieht irgendwie so aus wie eine Serie«, begann Heinz behutsam. »Dein Schwager war ja nur wenig älter als du. Dann dein Vater … und du läufst heuer trotzdem mit?«

»Ich bin nicht abergläubisch, wenn du das meinst.« Heinz wartete die Pause ab, er spürte, dass da noch mehr kam. »Christoph hatte ein schwaches Herz. Papa war alt. Es hätte nicht passieren sollen, aber es ist passiert. So was passiert nun einmal.«

»Hast du versucht zu verhindern, dass die beiden am Ironman teilnehmen?«

»Im Gegenteil, ich war es, der Christoph gesagt hat, er soll mitmachen. Und wie der mitgemacht hat, hat sich auch Papa dafür begeistert.«

Heinz war weniger über Tenggs Offenheit irritiert als über den stolzen Unterton, mit dem dieser davon erzählte.

»Das musst du mir erklären.«

Tengg blieb wieder stehen, stellte sich breitbeinig hin und begann, seinen Oberkörper über die Seiten zu dehnen. Dabei fuhr er fort: »Der Christoph war ein ganzer Kerl, auch wenn er wie ein halbes Hemd ausgeschaut hat. Und sein Herz war am richtigen Fleck, auch wenn es schwach war. Ich hab ihm immer gesagt, dass auch er das schaffen kann. Den Ironman, meine ich. Der hätte eh viel früher mitgemacht, wenn die Christine nicht so ein Trara gemacht hätte.«

»Seine Frau? Deine Schwester?«

»Wegen seinem schwachen Herz natürlich. Aber ich hab immer gesagt, wenn er es schön langsam angeht, kann ihm nichts passieren. Und außerdem war er ja beim Peter in Behandlung, der hat ihn seit Jahren gekannt und gewusst, worauf er schauen muss.«

»Der Peter war sein Arzt, nehme ich an?«

»Wir sind alle beim Peter in Behandlung, die ganze Familie.«

»Also euer Hausarzt, dieser Peter ...?«

»Hausarzt … ja, auch. Der Peter ist Sportmediziner. Aber wie er seine Praxis eröffnet hat, haben wir alle gerade einen neuen Arzt gesucht. Für mich perfekt, weil ich ja dann meine Profikarriere gestartet habe, und ohne medizinischen Betreuer geht da nix.«

Heinz musste sich konzentrieren. Wenn er in den Augen des Athleten zu viele Dinge wusste, die er in seiner Rolle als Journalist nicht wissen konnte, flog seine Tarnung auf. Deshalb fragte er nach: »In Klagen­furt, oder wo hat er seine Ordination? Wie heißt er überhaupt?«

»Zernatto. In Klagenfurt, ja.«

»Und der war schon sozusagen euer Hausarzt, als Christoph auf die Idee kam, beim Ironman mitzumachen?«

»Ja, schon längst. Den Christoph hat er aber schon vorher gekannt.«

Nachdem Hannes Tengg seine Glieder ausgeschüttelt hatte, lief er weiter. Heinz gab sein Bestes, um mit ihm Schritt zu halten und gleichzeitig Klarheit in seine Gedanken zu bekommen. Wie konnte es sein, dass Doktor Zernatto Christoph Neunteufel schon behandelt hatte, bevor dessen Familie ihn konsultierte? Das ergab auch nach mehrmaligem Nachdenken keinen Sinn, weshalb Heinz nachfragte: »Wie meinst du das, Doktor Zernatto hat Christoph vorher schon gekannt?«

Hannes Tengg schnaufte ungeduldig, als müsste er einem Dreijährigen zum dritten Mal erklären, warum nachts nicht die Sonne schien: »Peter war vorher Herzspezialist. Ich glaube in Graz oder so. Damals war Christoph schon bei ihm in Behandlung wegen seiner Herzschwäche. Und dann, als Peter seine Privatpraxis in Klagenfurt eröffnete, als Sportmediziner, da nahm er Christoph als Patienten sozusagen mit, weil der eh in Klagenfurt wohnte. Das war gescheiter, als wenn Christoph zur Behandlung weiter nach Graz oder sonst wohin gefahren wäre, noch dazu, wo Peters Nachfolger seine Leidensgeschichte nicht gekannt hätte.«

»Verstehe, dann war es also Christoph, der euch zu Doktor Zernatto gebracht hat.«

Hannes Tengg sah Heinz im Laufen von der Seite her an, als hätte dieser nicht alle Balken unter dem Dach. Heinz spürte den Blick, wusste ihn jedoch nicht einzuordnen, bis der Athlet endlich sagte: »Nein, da haben wir uns noch gar nicht gekannt.«

»Wer ...?«

»Alter! Christoph und Christine haben sich ja erst beim Peter im Wartezimmer kennengelernt. Meine Leute und ich, wir haben einen neuen Arzt gebraucht, weil der alte in Pension gegangen ist. Und weil ich damals gerade am Sprung zum Profi war, habe ich einen Sportmediziner gesucht. Und Papa und Christine habe ich gleich mitgenommen.«

»Ach, so ist das! Und Doktor Zernatto hat dann auch Christophs Training überwacht?«

»Aber wie! Jede Woche machte er Herzmessungen, stellte die Medikamentendosen ein und so weiter, und so weiter. Normal hätte da nix passieren dürfen.«

Heinz sah an dem Schatten, der plötzlich auf Hannes Tenggs Miene zu liegen schien, wie sehr ihn die Umstände des Todes seines Schwagers mitgenommen hatten. Deshalb bemühte er sich um größtmögliches Einfühlungsvermögen, als er die Frage formulierte, die ihm auf der Zunge lag: »Hat deine Schwester dir je Vorwürfe gemacht, weil du ...«

»Ja. Sie gibt mir die Schuld an dem, was Christoph passiert ist. Und Papa. Das wird nie mehr aufhören.«

Heinz konnte nicht leugnen, dass ihn der Sportler tief beeindruckte. Seine Offenheit schien ebenso ehrlich zu sein wie sein Umgang mit der Situation. Er log sich nicht selbst etwas vor, wusste, wo er stand, und war dennoch felsenfest davon überzeugt, nicht falsch gehandelt zu haben. Gerade diesen Punkt wollte Heinz aber noch abklopfen.

»Wie siehst du das?«

»Wie sehe ich das«, wiederholte Tengg im Murmelton die Frage für sich selbst und schwieg dann geraume Zeit, ehe er antwortete: »Ich sehe das so, dass ein Mann immer selbst wissen muss, was er tut, und dass er die Folgen seiner Entscheidung nicht anderen in die Schuhe schieben darf. Ich meine, ich habe die beiden zu nichts gezwungen. Den Christoph nicht und Papa schon gar nicht, weil der ließ sich sowieso nie was dreinreden. Alles, was ich getan habe, war, den Christoph mit meiner Begeisterung anzustecken. Und er steckte dann Papa damit an.«

»Aber wenn … wenn du sie nicht angesteckt hättest, dann … dann könnten die beiden noch ...«

»Ich wollte nicht, dass es so kommt. Niemand wollte das. Aber wenn du gesehen hättest, wie die zum Schluss noch aufgeblüht sind … ich meine … diese Begeisterung vom Ironman … wenn ich einmal sterben muss, Alter, dann hoffe ich, es ist auf die Art.«

Wenn du dir da nur kein schlechtes Omen herbeiredest, Alter!

»Wie geht deine Schwester mit der ganzen Situation heute um? Ihr Cateringunternehmen versorgt auch heuer wieder den Ironman, so wie in den vergangenen Jahren. Hat sie nicht Angst, die Unglücksserie könnte sich fortsetzen?«

Hannes Tengg spuckte auf den Boden. Heinz konnte nicht beurteilen, inwieweit das eine Reaktion auf seine Frage war.

»Ja, die hat’s nicht einfach. Die hat sich von Christophs Tod nie mehr erholt. Sie flehte Papa an, nicht beim Ironman zu starten, und wie auch er starb, ist sie zusammengeklappt. Sie wollte nachher nie mehr was mit dem Ironman zu tun haben. Auch mit der Cateringfirma nicht. Ich redete wochen- und monatelang auf sie ein, damit sie es sich noch einmal überlegt.«

»Warum ist dir das so wichtig?«

»«