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Michael Köhlmeier

Das

Lied

von

den

Riesen

Mit Zeichnungen von Lorenz Helfer

Inhalt

Titel

Widmungen

1 Zeit der Steine

2 Frau Hitt

3 Phrixos

4 Ixion

5 Polyphem

6 Tithonos und Prokrustes

7 Schemchasai

8 Der Hulk

9 Das tapfere Schneiderlein

10 Der Golem

11 King Kong

12 Vogelmann

13 Wasímulíza

14 Die Zwerge

Dank

Michael Köhlmeier

Zum Autor

Impressum

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für Oskar

und Sofie

und Marie

und Anton

Vor langer Weil’, es war einmal,

da lebten, zwar in kleiner Zahl,

die Riesen, doch recht eng bei’nand,

so ungefähr am Weltenrand.

Erst waren die Riesen schmächtig und klein,

dann tranken sie Wolken und fraßen Stein

und wuchsen und wurden spröd und schwer.

Und schließlich trug sie die Erde nicht mehr.

Das heißt, die Ufer senkten sich,

die Koordinaten verrenkten sich,

die Scheibe schloss sich wie ein Mund:

Die Erde wurde kugelrund.

Und schluckte die erste Generation. –

Der Anfang war. – Auch Nichts war schon. –

Doch nichts war zu Ende, und alles war gut.

Die Erde verwahrte ihre Brut.

Verwahrte die Brut in ihrem Schoß

und zog sie mit ihren Steinen groß.

Es waltete friedliche Ökonomie

in nachhaltiger Harmonie:

Der Riesenmann, die Riesenfrau

betrachten erst den Fels genau –

im Ausmaß etwa ein Omnibus – ,

bevor sie ihn knacken wie eine Nuss.

Sie mahlen ihn zu feinem Kies

und kauen und verdauen dies.

Um Nachschub wird nie Sorge sein,

denn Stein verdaut sich zurück zu Stein.

Im Bauch der Erde saßen sie,

den Bauch der Erde fraßen sie;

hier ist es dunkel, warm und still,

weil keiner etwas sagen will.

Es brennt kein Schmerz, es wütet kein Streit,

es zehrt kein Verlangen, regiert keine Zeit.

Es gibt kein Hoffen, kein Licht, keinen Tod;

das Fleisch ist Stein und Blut nicht rot.

Das Ganze war noch ganz und gar,

weil alles an seiner Stelle war.

Nur diese zwei hatten keinen Platz:

der Widerspruch und der Gegensatz.

Ich war nicht Ich, Du war nicht Du.

Es herrschte Ruhe ... Ruhe ... Ruh ... –

Und dann der Spruch: Es werde Zeit!

Und damit war Besonderheit.

Und damit waren: Hass und Neid,

Gerechtigkeit und Schuldigkeit,

Bescheidenheit und Obrigkeit,

Gewissenhaftigkeit und Eid,

Geschwindigkeit und Ewigkeit,

Gelehrsamkeit und Eitelkeit,

die Freiheit und das herbe Joch

der Einsamkeit und vieles noch ...

Das Älteste Gericht der Welt –

wer hat es auf den Plan gestellt?

Was hat er sich dabei gedacht?

Ich frag’: Wer hat die Zeit gemacht?

Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht!

Noch nie sah einer sein Gesicht.

Statt Fragezeichen ohne Sinn

schreib’ ich das Wort der Schöpfer hin.

Der Plan beginnt beim ersten Wort.

Das lautet: Leben, pflanz’ dich fort!

Und Leben beginnt, wo Liebe beginnt,

und Riese und Riesin bekommen ein Kind.

Wird Jänner, Februar, März, April,

und weil das Glück sich zeigen will

in seiner neuen Lebenslust

im Mai, im Juni, Juli, August,

bekommt das Kindchen ein Gesicht,

das lieblich aus dem Brocken bricht.

September, Oktober, schon wächst ihm das Haar,

November, Dezember, schon ist es ein Jahr.

Die Augen wie Murmeln aus schwarzem Onyx;

das größte Glück des Augenblicks,

wenn Kindchen lächelt, und Kindchen nicht weiß,

warum es lächelt. Es steht im Kreis

von Pflanze und Tier, von Scheu und Scham,

und weiß nicht, wie es auf Erden kam;

und weiß doch, dass es Hoffnung gibt,

und weiß, dass Hoffnung das Kindchen liebt.

Es sammelt Brüder- und Schwesterlein,

ruft Ich und Du, ist nicht mehr allein

und hat Ideen und hat ein Programm

und klettert zum Licht durch Grotte und Klamm.

Die Nahrung im Erdenschoß war Stein;

das kann in der klaren Luft nicht sein.

Die klare Luft macht Appetit

auf Obst und Gemüse und nicht auf Granit.

Die klare Luft bei Sonne und Wind

befördert den Verstand beim Kind

und pflanzt ihm eine Seele ein,

es riecht nun auch anders, nicht mehr nach Stein.

Noch weiß es nicht, was ihm hier droht,

sein Blut schmeckt nach Salz, ist warm und rot.

Die Steinzeit hat sich im Stein verrannt.

Der Riese wird endlich Mensch genannt.

Und der erhebt sich, will hinan,

er schaut am Himmel die Sterne an

und fragt sich: Was wird wohl aus mir?

Warum bin ich ich? Warum bin ich hier?

Das Älteste und das Jüngste Gericht

sind eingeschrieben in sein Gesicht

wie Zahlen in ein Kassabuch

als Schuld und Vergebung, als Hoffnung und Fluch.

Er faltet die Hände, wird schließlich fromm:

Ach, ob ich wohl in den Himmel komm’ ?

Er fühlt sich so groß – und ist so klein.

So ist der Mensch, so soll er sein.

Das Riesengeschlecht kommt vor den Fall!

Denn hoch ist der Himmel, gewaltig das All!

Der Mensch wird irgendwann Geister seh’n,

dann wird er vielleicht seinen Schöpfer versteh’n –

– behauptet der Schöpfer auf jeden Fall,

der Schöpfer von Sein und Zeit und All,

von Himmel und Hölle und Alkohol,

von Fink und Funk, und der weiß es ja wohl.

Riesenmädchen, Riesenbub,

Menschenmädchen, Menschenbub,

so stehen sie und pflücken sich

die Frucht vom Baum – schmeckt fürchterlich!

So beugen sie sich über den Fluss

und essen den Karpfen – ohne Genuss;

so treten und gären sie Trauben zu Wein

und träumen vom Wasser, kühl und rein.

Doch alles wird besser – sprich: Nichts ist gut.

Der Fortschritt ist des Falls Attribut.

Die Pflanzennahrung ist zwar gesund,

doch schafft man sich den Buckel rund.

Erst muss man Samen sammeln geh’n,

dann muss man nach dem Boden seh’n;

auch wessen Eigentum er ist –

Genaueres weiß der Jurist.

Dann muss man lästiges Unkraut mit

der bloßen Hand und im Fersenritt

bei böser Sonne und bösem Wind

herausreißen und zwar geschwind;

geschwind, weil morgen Regen kommt,

der alles überschwemmt – und prompt

muss wieder alles, alles neu ...

sonst wird’s kein Weizen, sonst wird’s Spreu.

Die Menschenkinder plagen sich,

sind unglücklich und fragen sich,

ob dieses Leben in freier Luft

bequemer ist als in der Gruft

im warmen, harten Untergrund.

Sind Früchte wirklich so gesund?

Ein Schieferstein sieht aus wie Krokant,

ist knusprig und schmeckt interessant,

ein zarter Nachgeschmack nach Meer –

beteuert der Nostalgiker ...

Es lebt, wer über den Gräbern steht.

Kein Leben dort, wo Leben vergeht.

Der Riese hat keine Heimat mehr.

Er hadert nicht, doch es schmerzt ihn sehr.

Er glotzt gradaus und trinkt den Wein

und sieht die Geister und bildet sich ein,

er kennt nun seines Schöpfers Plan,

versteht nun, was er ihm angetan.

Gemüseesser sind halt klein –

so ist der Mensch, so soll er sein.

Er trinkt den Rest, dann fällt er um

und liegt nun da und wurmt sich krumm,

als hätt’ ihm einer die Haut geklaut

und sich daraus ein Zelt gebaut.

Es gibt keinen Trost, sein Herz ist tot,

ist kalt wie Stein, ist hart wie die Not.

Gemüsefresser bleiben klein! –

Gern möchte er wieder ein Riese sein!

Die Menschen leben im Augenblick,

sie schauen nach vorne und schauen zurück,

bis keiner mehr die Zeiten kennt,

ob immerdar oder ob Moment.

Von nun wird bis in Ewigkeit

der Augenblick zum Rivalen der Zeit.

Die Zeit – sie ist unendlich groß;

der Augenblick ein Photönchen bloß.

Sie ist mit Leere angefüllt,

er prall, jedoch vom Nichts umhüllt –

wie Zwillinge, die aneinander saugen

und nur noch zur Metapher taugen.