Cover

Peter Natter

Die Axt im Wald

Eine Erzählung aus dem Bregenzerwald

Ich widme diese Erzählung in Verehrung und Dankbarkeit  Frau Univ.-Prof. Dr. Erika Kanduth. Sie hat mich das Handwerk des Lesens und Sehens gelehrt und eine überreiche Saat an Reflexionen ausgebracht, nicht zuletzt jene Einstellung Piovenes, dass das Gute nur aus dem Bösen hervorgeht.

… ein Buch muss die Axt sein für  das gefrorene Meer in uns.

Franz Kafka, Briefe

Peter Natter

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© Foto: privat

Zum Autor

Peter Natter, geboren 1958 in Alberschwende, Vorarlberg. Studium der Romanistik und Philosophie. Vielseitige berufliche Tätigkeiten: Hilfsbuchhalter, Lehrer, Garçon d’hôtel, Lektor, Philosoph, Autor. Lebt in Dornbirn, träumt vom Burgund und von der Loire. Seit 2010 sind von ihm fünf Kriminalfälle rund um den Bregenzer Inspektor Isidor Ibele erschienen.

Impressum

Überarbeitete Ausgabe der 2010 im Bucher Verlag erschienenen Originalausgabe.

© 2015

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-3655-9

Umschlag- und Buchgestaltung nach Entwürfen von hoeretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Umschlag: hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol, unter Verwendung von: www.shutterstock.com / by Paul

Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig

Die ersten drei Fälle des Bregenzer Inspektors erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

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Cover: Ibeles Feuer

Brauchtumspflege ist gut und recht – oder auch nicht. Inspektor Ibele hat da seine Vorbehalte; vor allem, wenn Tote zu beklagen sind, dort, wo sie eindeutig nicht hingehören. Eine schöne Witwe macht’s dem Inspektor nicht einfacher, etliche gefälschte Testamente und ein toter Baumeister stiften weitere Unruhe. Die Spuren führen tief in verschneite Wälder, aber auch in vornehme Dornbirner Fabrikantenvillen. Wie kaltblütig kann ein Heißsporn sein?

Peter Natter

Ibeles Feuer

Eine Geschichte vom Erben

ISBN 978-3-7099-3656-6

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Cover: Ibeles Feuer

Hoch droben in den Bergen, bei den Reichen und Schönen, tut sich Grausiges. Ein tödliches Mikadospiel fordert Opfer im Kreis erlauchter Wintersportgäste. Aber auch der Schneider-Bauer muss mitten in der Stallarbeit dran glauben: Hätte er doch seinen Boden verkaufen sollen! Inspektor Isidor Ibele kehrt zurück an seine erste Wirkungsstätte. Eine Heugabel als Mordwaffe, halsbrecherische Skiabfahrten, Wodka in Strömen und blutgetränkte Pisten: Wofür das alles?

Peter Natter

In Grund und Boden

Eine Geschichte von Sein und Haben

ISBN 978-3-7099-3657-3

Die ersten drei Fälle des Bregenzer Inspektors erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

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Cover: Die Tote im Cellokasten

Auf der Schubertiade im Bregenzerwald kommt es zu einem bösen Zwischenfall – eine Gesellschaftsdame wird ermordet, ein wertvolles Cello verschwindet spurlos. Inspektor Ibele ermittelt in den prächtigen Gasthöfen von Schwarzenberg. Er trifft auf betuchte Konzertbesucher und polternde Bauernbuben und ist trotz jahrelanger Erfahrung mehr als gefordert: Die Neigungen eines Trachtenfetischisten bringen selbst den bodenständigen Vorarlberger Inspektor gehörig ins Schwitzen.

„ein kurzweiliger und lebhafter Ausflug nach Vorarlberg“

Die Presse, Duygu Özkan

Peter Natter

Die Tote im Cellokasten

Inspektor Ibeles schwärzester Fall

ISBN 978-3-7099-3554-5

Diesen Kriminalroman erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

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Cover: Mord unterm Hirschgeweih

Diesmal wird es wild in Isidor Ibeles Revier: Im Silberberger Wald liegt eine Leiche – der alte Vonderleu, Bauer, Jäger und Sammler. Erlegt: durch einen Blattschuss. In seiner Hosentasche: 25.000 Euro. Der bodenständige Inspektor tut sein Bestes, um dem Schützen auf die Spur zu kommen. Peter Natter erzählt von Ländle und Leuten, wie sie wirklich sind, und überzeugt mit Spannung, sympathischen Figuren, trockenem Humor und viel Wortwitz – Krimivergnügen pur!

„ein amüsanter Krimi“

Die Presse am Sonntag, Duygu Özkan

Peter Natter

Mord unterm Hirschgeweih

Inspektor Ibeles wildester Fall

ISBN 978-3-7099-3627-6

Diesen Kriminalroman erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Älplerleben und Bauernsterben
Rot wie Blut
Inspektor Ibele interveniert
Ach wie gut …
Sagenhaftes und Superkluges
Kurven, Mumien und wahre Eleganz
Hormone, Hausbesuche und Debreziner
Kopfnuss und Haussulz
Alles Gute kommt von oben
C’est la vie
Slow-food, Schulfreunde und ein Geisterschiff
Alma mater culinaria
Von Waldläufern, Käsgrafen und Singvögeln
Peter Natter
Zum Autor
Impressum
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Rot wie Blut

Zur gleichen Zeit tritt ein kleines Männlein aus dem dichten Tannenwald unterhalb der Hütte heraus, späht über die letzte Geländekante, wittert nach links und rechts. Da ist niemand. Wer sollte auch? Und wenn schon! Jetzt ist es zu spät. Zurück geht er sicher nicht mehr!

Gestern spätabends ist er in Hittisau als einziger Fahrgast aus dem letzten von Bregenz kommenden Postbus gestiegen. Das ist nicht weiter auffällig. Er wohnt zwar weiter draußen im Tal, fährt aber immer wieder auf dieser Strecke. Viel weiß niemand von dem Kauz. Ein Einzelgänger, abweisend und wortkarg, doch nicht einmal die Kinder fürchten sich vor ihm. Auf seinem mächtigen kantigen Kopf sitzt der scheinbar unverrückbare, einst grüne, jetzt völlig verwitterte Sepplhut, ein kohlschwarzer, wilder, unbezähmbarer Bart verschattet das Gesicht, buschige Brauen wuchern über den vermoosten Augen, verfilzte Haarsträhnen stechen in die knochengelbe niedrige Stirn, ein breiter verkniffener Mund und blutleere Lippen erzählen mehr, als sie je mit Worten zu sagen vermöchten. Wie immer hängt die abgewetzte Tasche mit dem verblichenen Namen einer bekannten Baufirma um seine Schultern. Die dünnen Beine stecken in schweren ledernen Bergschuhen. Ein viel zu weiter grauer Lodenumhang verleiht ihm zusätzlich ein gnomenhaftes Aussehen. Schwerfällig und grußlos stolpert er ungeschickt aus dem Bus und verschwindet im Handumdrehen hinter dem Postamt in der stockdunklen Nacht. Auf dem Weg, den er dann einschlägt, um den Hittisberg herum, in weitem Bogen an Sibratsgfäll vorbei und dann der wild tosenden ­Subersach entlang, begegnet ihm in dieser Nacht und bei dem Wetter garantiert kein Mensch. Weit nach Mitternacht legt sich das Männlein in das halb verschimmelte alte Heu in einer der primitiven Holzhütten zwischen Fluss und Wald. Aus seiner Tasche holt er ein großes Stück dunkles Brot, zerpflückt es in kleine Bissen und kaut lange darauf herum. Danach nimmt er eine Flasche Bier aus der Tasche, öffnet sie mit den Zähnen, trinkt sie ohne abzusetzen halb leer. Vorsichtig tastend überprüft er den Inhalt der Tasche, nickt zufrieden, legt sie sich als Kissen unter den Kopf und schläft bald ein.

Als die grautrübe Morgendämmerung unmerklich in den Tag übergeht, erhebt sich das Männchen von seinem Lager. Er trinkt die angebrochene Flasche leer, wieder in einem langen Zug, stopft sich ungeduldig das restliche Brot in den Mund, hängt sich die Tasche um. Er tut das nicht, ohne noch einmal mit den Fingerspitzen ihren Inhalt geprüft zu haben. Das geschieht mit einer Behutsamkeit, fast Zärtlichkeit, die seltsam von seinem rohen, verwilderten Äußeren absticht. Dann macht er sich auf den Weg nach Pfingstgunten. Allzu weit ist es nicht mehr. Es regnet und regnet.

Das letzte Stück, kaum hundert Meter über zertrampelte Wiesen, steigt er nun bedächtig Schritt für Schritt setzend auf die kleine, windschiefe und altersschwache, in den steilen Hang hinein gebaute Hütte zu. Aus dem schmalen Kamin quillt dunkler Rauch, den die grauen Nebelschwaden vor sich hertreiben und bald aufgesaugt haben. Die Gestalt mit dem Sepplhut erreicht unbemerkt den seitlich gelegenen Eingang, schlüpft vorsichtig aus den schweren Schuhen, steht mit bloßen, löchrigen Wollsocken auf den rohen Brettern des kleinen Schopfs. Linkerhand ist die Tür in den niedrigen Stall weit offen, ein paar Schweine grunzen im Traum, der schwere Ackergaul stampft in seiner engen Box. Die Tür in die verrußte Küche ist angelehnt, der Senn steht im Halbdunkel mit dem Rücken zu ihr. Aus dem Radio trällern noch immer die alten abgedroschenen Schlager. Von einer Träne, die auf Reisen geht, singt eine schmalzig-ölige, hohe Männerstimme. »So ein Blödsinn!«, murmelt Lässer empört in seinen stoppligen Älplerbart hinein. Und das ist dann auch schon sein letzter Gedanke und der letzte Kommentar, den er in diesem Leben abgibt, bevor ihn mit wahnsinniger Wucht ein grauenhafter Schlag trifft. Mit gespaltenem Schädel scheidet er aus dem Dasein. Nichts als ein satter Plumpser ist zu hören, als er kopfüber in den halbvollen Kessel kippt.

So hat sich Albert Fetz sein Sennsuppen-Mittagsmahl sicher nicht vorgestellt. Ein paar Minuten vor seiner Frau erreicht er die Alphütte und tritt forsch grüßend in die Küche ein. Keine Antwort. Verblüfft schaut er sich um. Zuerst sieht er im verrauchten Halbdunkel fast gar nichts. Dann den umgestürzten Tisch und links davon über der gemauerten Feuerstelle den randvollen Kessel. Ist das wirklich eine Hand, die da über den Kesselrand hinausragt? Jetzt nimmt Fetz auch den infernalischen und augenblicklich heftige Übelkeit erzeugenden Gestank wahr, der vom Kessel ausgeht und längst in alle Ritzen der Hütte dringt. Es ist eine Mischung aus feuchtem, versengtem Holz, angebrannter Milch, nassem Leder, saurer Rindssuppe und – verschmortem Fleisch. Er mag seinen Augen nicht trauen: Im Sennkessel schwimmt in einer roten Brühe eine Gestalt. Es ist Lässer, der Senn. Gerade noch rechtzeitig kann der Feinschmecker die nachkommende Gattin aus der Hütte drängen. Er stolpert hinter ihr ins Freie und ringt im nach wie vor strömenden Regen nach frischer Luft. Schwer lässt er sich auf das halbwegs trockene Bänklein an der Hauswand fallen. Das war dann vorgestern, soviel ist ihm augenblicklich klar, definitiv seine letzte Sennsuppe. Käseweiß und fassungslos lehnt er an der silbergrau verwitterten Wand und atmet heftig. Daran ist heute ausnahmsweise nicht der steile Aufstieg schuld.

»Was ist denn los da drin?«, will das Marile wissen. Das Aussehen ihres Gatten verheißt allerdings nichts Gutes. Er winkt einstweilen wortlos ab, ringt weiterhin mühsam nach Luft und wohl auch nach einer Erklärung für das grausliche Bild. Wenig später zieht er sein Telefon aus dem Rucksack und wählt den Polizeinotruf. Der kleine, wildlederüberzogene Flachmann mit dem teuren Cognac, der eigentlich für erfreulichere Anlässe vorgesehen war, muss zur Erstversorgung herhalten.

Sagenhaftes und Superkluges

Kaum sitzt der Inspektor am Montag wie gewohnt überpünktlich kurz vor acht Uhr an seinem Schreibtisch, betritt Aspirant Cäsar Albrecht forsch das Büro. In der Hand hält er ein dickleibiges, großformatiges Buch, auf dessen Umschlag eine Burgruine im Mondschein abgebildet ist. Er setzt eine feierliche Miene auf, als stünde mindestens die Verkündigung der österlichen Frohbotschaft durch den Erzbischof unmittelbar bevor.

»Guten Morgen, Chef. Sie werden es nicht glauben, aber ich weiß, wer den Lässer umgebracht hat! Hören Sie sich bitte an, was ich gefunden habe.« Albrecht glüht vor Eifer, was um diese Tageszeit sonst eher selten der Fall ist. Ibele schwant Arges.

»Ja, Albrecht, was gibt’s denn, wer also, warum, wozu und wie?« Albrecht überhört geflissentlich und souverän den kaum verhohlenen Spott des Inspektors.

»Hören Sie gut zu«, fordert ihn der Aspirant, zum Frontalangriff übergehend, auf. Nun liest er so theatralisch gestikulierend wie mühsam artikulierend die Sage vom gesottenen Senn auf der Alpe Wöster vor. Er liest in der für seinesgleichen typischen Intonation, also in einer Art abgehacktem Sprechgesang mit einer besonderen Akzentuierung der Endsilben, als wäre er froh um jedes gemeisterte Wort. Das erzählt die Sage: Faule – und folglich böse – Älpler aus der Nachbarschaft suchen in übler Absicht die Alpe Wöster heim, die dank des Fleißes und der Meisterschaft des dortigen Senns wohl bestallt ist und als eine der reichsten Alpen weitum gilt. Sie raffen Butter und Käse zusammen und treiben das Vieh fort. Was sie von den reichen Vorräten nicht mitnehmen können, zerstampfen sie im Dreck. Dann fachen sie ein mächtiges Feuer unter dem Kessel an, überwältigen den sich heftig wehrenden Senn und sieden ihn in dem brodelnden Wasser zu Tode.

»Warten Sie!«, erstickt Albrecht den Kommentar, zu dem Ibele ansetzt, im Keim. »Es kommt noch mehr!« Albrecht blättert ein paar Seiten weiter. Was folgt, ist die Geschichte eines Hirten auf einer großen Montafoner Alpe, der eines Nachts, der ewigen Hänselei und Nörgelei durch seine Kollegen überdrüssig, durchdreht. Er hackt mit einem Beil dem Obersenn den Kopf ab – hier wirft Albrecht dem Chef einen bedeutungsvollen Blick zu – und kann vom restlichen Alppersonal nur in die Flucht geschlagen werden, weil ein Windstoß seine Kerze auslöscht. Am Ende einer wilden Hetzjagd von Hütte zu Hütte zündet der Mörder eine leerstehende Hütte an und entzieht sich der Verhaftung unter wüsten Verwünschungen und Flüchen durch einen Sprung in die Flammen.

»Und was schließt der Herr Albrecht daraus?«, fragt Ibele so interessiert wie möglich, übergroße Anteilnahme an Albrechts Theorie heuchelnd.

»Dass der Knecht der Täter war!«, triumphiert der Aspirant.

»Sehr schön, lieber Albrecht! Nur leider gibt es keinen Knecht auf Pfingstgunten.« Ibele freut sich zu früh, wie sich gleich herausstellen soll.

»Aber es gab einen, Inspektor, ich habe das schon untersucht«, Albrecht ist mit seinem Latein noch lange nicht am Ende.

»Wann war das?«, forscht Ibele.

»Vor zehn Jahren, ich weiß auch, wer es war und ich weiß auch, dass der Betreffende elf Mal vorbestraft ist wegen Körperverletzung und Zechprellerei, und …«, Albrecht hebt erneut die Stimme zum Fanal, »… er ist seit fünf Tagen verschwunden!«

»Erzähl, Albrecht, was ist das für eine Geschichte? Steht die auch in deinem Buch?« Nun ist der Inspektor doch neugierig geworden.

»Nein, Inspektor, das habe ich alles gestern beim Frühschoppen im Schnepfauer Adler erfahren, dafür hat’s dann bis am Abend gedauert und mein Kopf brummt heute noch. Der Knecht, ein gewisser Gottlieb Hammerer, ist vor zehn Jahren im Streit von Pfingst­gunten weggegangen. Man erzählt sich, der Lässer, der ja ein ganz ein lästiger Hund sein kann oder sein hat können, habe ihn ständig wegen einer missglückten Weibergeschichte verlacht, bei der der Hammerer allerdings ganz schlecht ausgeschaut hat. Er ist einer schneidigen Touristin, einer feschen deutschen Ärztin, die ihm schöne Augen gemacht hat, zumindest ist das für den Hammerer ganz klar der Fall gewesen, bis nach Bielefeld nachgefahren und hat sich dort eine wahnsinnige Abfuhr geholt, sagt man. Außerdem habe ihm der Lässer einen Teil des Lohns vorenthalten. Seitdem verdingt sich der Hammerer als Holzer, aber sein Ruf ist schlecht und die Vorstrafenliste lang. Ich habe das alles von dem Alpbesitzer, einem gewissen Moosbrugger aus Hirschau, erfahren. Bei seiner Mutter, wo der Hammerer wohnt, ist er seit über einer Woche nicht mehr aufgetaucht. Zuletzt soll er am vergangenen Sonntag beim Bauderschwanger Musikfest gesehen worden sein, sternhagelvoll natürlich.« Albrecht klappt geräuschvoll das Sagenbuch zu und verharrt reglos vor Ibeles Schreibtisch. Antoinette Hagen, Kriminal-Chefinspektor Ibeles blutjunge Sekretärin, und, mit Verlaub gesagt, ein selten krasser Fall von schlichtem Gemüt, schwachem Geist und willigem Fleisch, späht keck um die Ecke ins Chefzimmer herein. Als sie Ibeles funkelnder Blick trifft, macht sie sich errötend und hektisch über ihre Computertastatur her. Antoinette ist ein recht bedürftiges Pflänzchen. Antoinette, wie sie eigentlich zu ihrem Namen komme, hat Ibele die Hagen einmal gefragt, man lebe ja nicht in Versailles. »Wer sucht ein Ei?«, erwiderte die so Befragte verständnislos. Ihren Vornamen habe sie, da brauche der Herr Inspektor gar nicht blöd reden, vom Großvater mütterlicherseits, einem Anton eben, Scheffknecht übrigens. Das sei der bekannte, später in Nigeria verschollene Sticker, hakte sie nach, ob Ibeles Unwissenheit verächtlich schnaubend und ihre toupierte Mähne schüttelnd.

»Soso …«, Ibele resümiert Albrechts Erkenntnisse und überlegt. Das ist ja zumindest etwas, das den General interessieren wird, und von irgendwoher drängt sich plötzlich wieder das Bild des Straßenkehrer-Seppl in seine Gedanken, aber so ganz wird es diesmal nicht heimisch darin. Dieser Seppl war gewissermaßen Pazifist, vielleicht unfreiwillig, aber trotzdem. Der Hammerer scheint ja eher ein forscher Typ zu sein. »Lass dir einen Haftbefehl ausstellen und schreib den Kerl landesweit zur Verhaftung aus.« So richtig überzeugt scheint der Inspektor von der Sache nicht zu sein, aber wer weiß: A priori wollen wir nichts ausschließen. Albrecht zieht stolz ab, an der Hagen eigenartig schnell vorbei. Als würde er sich ausgerechnet vor der fürchten.

»Übrigens, Albrecht, kennst du eine gute Adresse für scharfes Werkzeug?«, ruft ihm Ibele hinterher.

»Scharfes Werkzeug? Sie meinen Sensen und Äxte, Messer und so? Und echt scharf?« Albrecht macht nicht ohne einen vielsagenden Seitenblick auf die Hagen kehrt. »Ja, das sind die Brüder Wohlgenannt in Dornbirn, die sind voll auf Zack! Total scharfes Zeug haben die! Da kriegst du alles, was schneidet, haut und scharf ist, sogar die schwedischen Äxte von Gänsfür bruk oder so, die sind echt geil! Mit denen ist auch ein Älplerschädel leicht zu knacken.« Aspirant Albrecht befindet sich sozusagen noch im paradiesischen Zustand techno-erotischer Unschuld: Scharf ist scharf und geil ist geil, ob Axt oder Weib – was soll’s! Möge er diesen Zustand ohne allzu viel Blutvergießen überwinden, denkt sich Ibele in einer gleichermaßen spontanen wie tiefschürfenden Anwandlung philosophischer Weitsicht. Seinen deutlich vernehmbaren Seufzer hört Albrecht nicht.

»So, sind die«, murmelt Ibele still in seinen ergrauenden Drei- oder eigentlich Sechstagebart.

»Hagen!«, ruft er laut, und weiß wohl, dass das nicht sehr charmant ist. Aber er will jetzt nicht charmant sein. »Ist denn immer noch kein E-Mail gekommen vom Dr. Hallmüller?«

»Moment, Herr Inspektor«, flötet es geschäftig herein, »ich schau gleich nach.« Trotzdem dauert es eine Weile, bis sich wieder etwas rührt bei der jungen Dame.

»Nein, ein Mail ist nicht gekommen, aber ein Fax«, tönt es jetzt und schon stelzt die Hagen steif wie ein Stock mit seltsam maskenhaftem Lächeln im Gesicht auf den Inspektor zu. Sie erinnert ihn fatal an die Synchronschwimmerinnen und die absurden Fratzen, mit denen sie jeweils halberstickt, ein Lächeln vortäuschend und grimassierend aus dem Wasser auftauchen. Keinen Schritt kann Antoinette heute wieder tun, ohne an ihrem eh kaum vorhandenen Röcklein oder dem knappen Topp herumzuzupfen, unter dem es eindrucksvoll wippt und wogt: Weia! Woge du WelleIsthat