Cover

Georg Haderer

Engel und Dämonen

Kriminalroman

1.

In einem Wald zwischen Beaupain und Artillon liegt ein Mann. Seine Kleidung schmutzig, als wäre er immer wieder hingefallen oder gar gekrochen, Hose und Jacke feucht vom Morgentau, er liegt wohl schon seit einigen Stunden hier. In ein paar Metern Entfernung tippelt argwöhnisch ein Rabe umher – hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen, vor der Konkurrenz in diesen Körper zu hacken, und der Gefahr, die von diesem Wesen noch ausgehen könnte. Ungeduldig schreit er in dessen Richtung. Entscheide dich endlich: tot oder lebendig. Wie zur Antwort beginnt im Wipfel einer Föhre ein Specht sein Tagwerk, zum Stakkato seines Schnabels fließt das Sonnenlicht über den Waldboden in Richtung des Mannes, der nun langsam den Kopf hebt, sich wie in einem tragischen Ballettstück auf seine Handflächen stützt und die Augen öffnet. Er reißt den Mund auf, als wolle er schreien, doch es kommt nur ein heiseres Stöhnen, ein schluchzendes Krächzen dann, worauf der Rabe aufflattert und sich in sicherer Entfernung auf einem Ast niederlässt. Mehr aus Neugier denn aus Hoffnung auf Beute verweilt er dort und sieht zu, wie sich der Mann aufrichtet und zwischen den Bäumen umhertorkelt. Dann bleibt er stehen, lässt sich auf die Knie fallen und presst seinen Mund auf einen Moospolster. Gierig saugt er ein, was das Moos an Flüssigkeit hergibt, bewegt sich auf allen vieren weiter, bis er die nächste kleine Oase gefunden hat. Den Raben langweilt dieses sich unzählige Male wiederholende Tun, er sucht das Weite, sieht nicht mehr, wie der Mann schließlich aufsteht und weiterirrt, bis er zu einem kleinen Bach kommt. Als er sich bückt und die Hände zu einer Schale formt, fällt ein Gegenstand aus seiner Jackentasche ins Wasser. Er greift danach, hält eine Pistole in der Hand, zögert einen Augenblick, lässt dann das Magazin aus dem Schaft gleiten. Sieben Patronen zählt er, zieht den Schlitten zurück, nimmt die verbliebene Patrone aus dem Lauf und drückt sie zu den anderen. Elf fehlen, elf fehlen, murmelt er, betrachtet die Waffe erneut und steckt sie schließlich hinten in den Hosenbund. Er hebt den Kopf, sieht in den Himmel, bewegt stumm den Mund, lässt sich wieder auf die Knie nieder und trinkt. Später sitzt er auf einem Baumstumpf, die Ellbogen auf den Knien, das Gesicht in die Hände gelegt. Immer wieder schüttelt er heftig den Kopf. Irgendwann blickt er auf, kneift die Augen zusammen wie ein Kurzsichtiger ohne Sehbehelf. Niemand hört, wie er sagt: Mein Name, mein Name, mein Name. Mein Name ist Johannes Schäfer, ich bin einundzwanzig Jahre alt und wohne in Innsbruck.

Georg Haderer

Autor Foto

© Foto: Ricardo Herrgott

Zum Autor

Georg Haderer, geboren 1973 in Kitzbühel/Tirol, lebt in Wien. Nach einem abgebrochenen Studium und einer vollendeten Schuhmacherlehre arbeitete er als Journalist, Barmann, Landschaftsgärtner, Skilehrer und Werbetexter. Bei Haymon: Schäfers Qualen (2009), sein Debüt und zugleich erster Teil der Reihe rund um Polizeimajor Schäfer, sowie der zweite, dritte, vierte, fünfte und sechste Teil Ohnmachtspiele (2010), Der bessere Mensch (2011), Engel und Dämonen (2012, HAYMONtb 2014), Es wird Tote geben (2013, HAYMONtb 2015) und Sterben und sterben lassen (2014). www.georghaderer.com

Impressum

© 2015

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-3639-9

Umschlag- und Buchgestaltung, Satz: hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Umschlag: Eisele Grafik·Design, München, unter Verwendung von: Bigstock, NejroN Photo; Rabe: tantrik71

Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig

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Cover: Inserat 1

Die Vergangenheit ist ein Hund – und wenn sie zubeißt, lässt sie einen nicht mehr los. Diese schmerzhafte Erfahrung macht Johannes Schäfer von der Wiener Kriminalpolizei, als er in einem Mordfall in Kitzbühel ermittelt: Ein Unternehmer aus der Stadt wurde bewusstlos geschlagen und an einem Gipfelkreuz aufgehängt. Wenig später geschieht ein zweiter brutaler Mord. Dass die Fälle zusammenhängen, scheint auf der Hand zu liegen – aber plant der Täter noch weitere Morde? Und wie passt der ehemalige RAF-Terrorist ins Bild, auf den Schäfer bei seinen Nachforschungen stößt?

Georg Haderer beweist in seinem Krimi-Debüt echte Page-Turner-Qualitäten: Blutig gefärbtes Lokalkolorit, pointierte Dialoge und satirische Seitenhiebe auf die Kitzbüheler Gesellschaft gehen hier einher mit einer atemlos spannenden Mörderjagd und einem Ermittler, der seine Vergangenheit öfter, als ihm gut tut, mit Vogelbeerschnaps vergessen will. Spannend wie Arne Dahl, emotional wie Fred Vargas und abgedreht wie Wolf Haas.

„Das alles ist so spannend und unterhaltsam geschrieben, dass man gleich zum nächsten Buch von Haderer greifen möchte.“

www.literaturhaus.at, Spunk Seipel

Georg Haderer

Schäfers Qualen

Kriminalroman

ISBN 978-3-7099-7440-7

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Cover: Inserat 2

Georg Haderers zweiter Schäfer-Krimi – ein fesselndes Spiel mit Wahn und Wirklichkeit: Nebel, Kälte, Innenpolitik … als ob Major Schäfer nicht schon genug mit seinen Depressionen und Angstzuständen zu kämpfen hätte, treten ihm auch noch der Wiener November und ein reformwütiger Innenminister in die Rippen. Wie soll Schäfer unter diesen Bedingungen arbeiten – zumal in der Gerichtsmedizin neben zwei ertrunkenen Frauen auch noch die mumifizierte Leiche eines Drogensüchtigen liegt. Unfall, Unfall, Überdosis, so soll es in den Ermittlungsakten stehen, wenn es nach dem Polizeipräsidenten geht – nur keine überflüssigen Ermittlungen. Doch dass nicht nur mit dem toten Junkie etwas faul ist, steht für den sturen Schäfer fest. Bei seinen Untersuchungen entdeckt er Zusammenhänge, die auf einen Serientäter schließen lassen, der sich seine Opfer nach dem Schema eines Kartenspiels aussucht. Mit seiner Theorie steht Schäfer innerhalb der Polizei weitgehend alleine da – was ihn aber nicht daran hindert, mit seinen Ermittlungen in die Offensive zu gehen …

Atemberaubende Spannung, rabiate Gesellschaftsanalyse und durchgeknallte Komik – Georg Haderers neuer Krimi zeichnet mit Nachdruck das Bild eines unmenschlichen Systems, das sich nur mehr an Quoten und Machterhalt orientiert.

„Haderers Plots beinhalten den Wahnwitz mancher Verbrechen und erinnern manchmal an harte Schwedenkrimis. Er punktet mit Skurrilität, Österreichkolorit und bietet nebenbei gesagt einen coolen Showdown.“

Tiroler Tageszeitung, Sabine Strobl

Georg Haderer

Ohnmachtsspiele

Kriminalroman

ISBN 978-3-7099-7441-4

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Cover: Inserat 3

Schäfer ist zurück – und er ist besser gelaunt denn je. Schließlich war der Polizeimajor in seinem letzten Fall dem Wahnsinn wesentlich näher als der Aufklärung der Morde. Der Pharmaindustrie sei Dank geht es ihm nun bestens. Fast zu gut, findet Assistent Bergmann, als sich sein Chef pillengestärkt und manisch rechthaberisch in die Ermittlungen stürzt: Ein Nationalrat im Ruhestand liegt tot in seinem Arbeitszimmer. Von seinem Kopf ist nicht mehr viel übrig, nachdem der Täter ihn mit Phosphorsäure übergossen hat. Die DNA-Spur allerdings führt zu einem Verbrecher, der seit fünfzehn Jahren tot ist. Wenig später wird ein türkisches Mädchen mit einem Messer in der Brust in der elterlichen Wohnung gefunden. In heiligem Zorn auf den tyrannischen Vater übt Schäfer Selbstjustiz und wird geradewegs nach Salzburg strafversetzt, wo der Fall eine dramatische Wendung erfährt …

In seinem neuen Kriminalroman erschließt Georg Haderer eine neue Ebene der kriminalliterarischen Kunst – furios, komisch und berauschend in jeder Beziehung.

„Georg Haderer zeigt sich mit Schäfers drittem Fall von seiner besten Seite.“

Kurier, Anja Gerevini

Georg Haderer

Der bessere Mensch

Kriminalroman

ISBN 978-3-85218-704-4

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Cover: Inserat 4

Kann Major Schäfer endlich seinen Frieden finden? Die Voraussetzungen sind gut: Aufs Land versetzt macht er Dienst nach Vorschrift und genießt laue Sommerabende am Lagerfeuer. Gestört wird die Ruhe nur durch ein deutsches Filmteam, das in Schäfers idyllischem Revier eine Krimiserie drehen will. Kurz darauf kommt eine Schülerin unter rätselhaften Umständen zu Tode. Und schon spielt Schäfer die Hauptrolle in einem bösen Fall, zu dessen Aufklärung ihm ausgerechnet ein Drehbuchautor mit ausufernder Fantasie verhelfen will.

In seinem neuesten Roman treibt Georg Haderer ein so spannendes wie satirisches Spiel mit Fakten und Fiktion. Kuriose Provinzdelikte, eiskalte Verbrecher und jede Menge Verdächtige treffen sich zwischen Wald und Wirtshaus und jagen gemeinsam einem filmreifen Showdown entgegen.

„So gut, dass man sich die versäumten Romane holen muss.“

Kurier, Peter Pisa

Georg Haderer

Es wird Tote geben

Kriminalroman

ISBN 978-3-7099-3640-5

€ 9.99

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Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
26.
27.
28.
29.
30.
31.
32.
33.
34.
35.
36.
37.
38.
39.
40.
41.
42.
43.
44.
45.
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47.
48.
49.
50.
51.
52.
53.
54.
55.
56.
57.
58.
59.
60.
61.
62.
63.
Epilog
Georg Haderer
Zum Autor
Impressum
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4.

Der Mann, der sich für den einundzwanzigjährigen Johannes Schäfer – gebürtig in Kitzbühel, wohnhaft in Innsbruck – hielt, saß an eine alte Buche gelehnt und atmete schwer. Krämpfe quälten seinen Magen. In den vergangenen Stunden war er durch den Wald gegangen, den Blick auf den Boden gerichtet, und hatte alles verzehrt, was ihm an Genießbarem untergekommen war. Großteils waren es Pilze gewesen – Goldröhrlinge, Eierschwämme, Trichterlinge, Trompetenpfifferlinge, Maronen, Steinpilze –, dazwischen immer wieder Klee, den er kniend in sich hineingestopft hatte, einmal eine bescheidene Ansammlung von Blaubeersträuchern, deren Früchte jedoch noch nicht reif genug waren. Dass er sich, kurz nachdem er eine Handvoll der Beeren ausgespuckt hatte, anhielt, den Platz nicht zu vergessen, um später die reifen Früchte ernten zu können, erschien ihm erst Minuten später widersinnig. Wie lange hatte er denn vor, hier auszuharren? Dieser Gedanke beendete vorübergehend seine animalische Futtersuche und ließ ihn an einen dicken Buchenstamm sinken. Wie lange noch, quousque tandem?, spazierte eine lateinische Floskel durch sein Gehirn, er haschte nach ihr, weil sie ihm gesicherte Erinnerung versprach, Lateinunterricht, ihr Lehrer mit dem Spitznamen Colonel Kurtz, er sah sein Bild, den feisten haarlosen Schädel, wuff, war er verschwunden, jetzt tauchte ein anderer Mann hinter seinen Augen auf: Conny? Ja, das war Konrad Mayer, ihr Pfadfinderführer. Der sie die Hälfte der wöchentlichen Treffen mit seinen öden Vorträgen gelangweilt hatte, zwei Dutzend Acht- bis Sechzehnjährige, mit den Füßen schabend wie eine Herde junger Stiere, im abgedunkelten Vereinsraum des Kolpinghauses, an der Wand vor ihnen die Bilder eines surrenden Overheadprojektors, Speisepilze, Beeren und andere essbare Wald- und Wiesenschätze, das letzte Chart: Achtung, Verwechslungsgefahr!, doch da war ihr Auffassungsvermögen von der Größe einer Pipette längst schon am Überlaufen, Fausthiebe, Papierkugelwürfe und erste Neckereien zwischen den Pubertierenden beendeten den Theorieunterricht meist vorzeitig, Ritalin gab es damals noch nicht, ADS bekämpfte man mit Völkerball und Orientierungslauf; und jetzt hatte dieses Wissen ihm vermutlich das Leben gerettet; wahrscheinlich, ein, zwei Stunden galt es noch den Bauchkrämpfen zu widerstehen, der Angst, dass doch ein Giftpilz dabei gewesen war, wenn nicht: danke, Conny!, puff, schloss sich vor dem sich verbeugenden Pfadfinderführer der Vorhang, der den Zuseherraum von der Erkenntnis trennte, dunkel wurde es wieder und trostlos; wenn nur die Fragen lange genug blieben, um sie zu verstehen; nicht der Schmerz im Hinterkopf war es, der ihn am meisten quälte, sondern die Unfähigkeit, in die Tätigkeit seines Gehirns ordnend einzugreifen; er begann zu weinen; das weichte die Mauer ein wenig auf, ein paar Menschen traten durch einen schmalen Spalt, er wusste, dass er sie kannte, dass sie ihm vertraut und geliebt waren, doch mehr blieb nicht. Dann kam ein Mann geradewegs auf ihn zu, milde lächelnd, im Gehen veränderte sich sein Alter, aus der Ferne hatte er ihn auf dreißig geschätzt, dann wurde er älter, und als er vor ihm stand, war er bestimmt Anfang siebzig, er trug kirchliches Ornat, grün und golden, Johannes, sagte er und ging vor ihm in die Hocke, Johannes, nicht einschlafen. Und er schlug die Augen auf, streckte seinen Rücken durch und begann zu singen:

Dich liebt, o Gott, mein ganzes Herz

Und dies ist mir der größte Schmerz

Dass ich erzürnt Dich, höchstes Gut

Ach, wasch mich rein in Jesu Blut

Dass ich gesündigt, ist mir leid

Zu bessern mich bin ich bereit

Mein Gott und Herr, mir doch verzeih

Nie mehr zu fallen Gnad’ verleih

O Gott, schließ mir Dein Herz nicht zu

Bei Dir allein ist wahre Ruh

Lass nie mich von der Gnade Dein,

von Deiner Lieb’ geschieden sein!

Nimm hin mein Herz, Herr Jesus Christ

Dein Herz für mich durchstochen ist

Ich bitt’ durchs Blut des Herzens Dein

Mach mein und aller Herzen rein

Lass nie in Sünd’ mehr fallen mich

Von ganzem Herzen lieben Dich

O heil’ger Geist, o höchstes Gut

Fach an in mir der Liebe Glut

O Gott mein Ziel, Dein werd ich sein

Mit Leib und Seel’ auf ewig Dein

Tu nur mit mir zu jeder Zeit

Herr, wie Du willst, ich bin bereit

6.

Soll ich dir zürnen für das, was du mir genommen? Oder dankbar sein für das, was mir geblieben? Eine kurze Phase spontaner Heiterkeit folgte dem Morgengebet, das er zu Sonnenaufgang begonnen und fast eine Stunde fortgesetzt hatte. Tief eingeprägte Muster waren dabei zum Vorschein gekommen: Vater unser, der du bist im Himmel … Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt … doch sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. Erst noch stockend, dann mit zunehmender Sicherheit betete er die Mantras ab, die er als Ministrant unzählige Male wiederholt hatte. Damals wie in Trance, das Ende der Messe herbei betend (wann kommt endlich »Der Friede des Herrn sei alle Zeit mit euch«), doch jetzt war es ihm ein Geländer, die einzige Spur, die sich nicht sofort verflüchtigte, und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Am Vortag hatte er am Fuße eines Felshangs eine wuchtige Lärche entdeckt, deren tiefste Äste nicht einmal einen Meter über dem Boden wuchsen, einen Radius von fast zwei Metern einnahmen und so rund um den Stamm einen Hohlraum bildeten, der als sicherer und halbwegs bequemer Schlafplatz erschien. Als die Nacht hereinbrach, schlug er mit der Waffe, die er immer noch bei sich trug, eine Kerbe in den Stamm der Lärche. Er wollte sicher sein, wie viele Tage und Nächte er in diesem Wald verbrachte. Drei bisher, meinte er zu wissen. Doch schon der vorige bestand nur noch aus Fragmenten, aus den Gerüchen von Pilzen und moosigem Wasser, aus Erinnerungsblitzen vermischt mit nebulösen Traumstücken, aus einem unkontrollierten Ineinanderfließen all dessen, sodass er keinem Ereignis oder Gefühl Zeit oder Ort zuzuschreiben imstande war. Schlimmer noch als diese Geistesverwirrung empfand er jedoch, dass der Körper, den er an sich wahrnahm, nicht zu der Person passte, die er zu sein glaubte. Seine Handrücken waren behaart, ebenso sein Oberkörper, auf dem er vom Brustbein bis hinab zum Schambein einen dichten Haarteppich in Form einer Sanduhr wahrnahm. Und wenn es ihm ein paar Sekunden gelang, aus einem angespannten Gedanken einen logischen Schluss für diesen Sachverhalt zu ziehen, löste er sich auf, noch bevor er ihn seinem Verstand einschreiben konnte. Ich habe meinen Verstand verloren, sagte er sich, ohne zu wissen, was das bedeutete; er gab wieder auf und ließ sich in den Strom der ungeordneten Assoziationen und Bilder fallen, die wovon auch immer ausgelöst wurden. Deshalb auch das Beten, in das er regelmäßig verfiel. Wenn er über einer kleinen Oase aus Sauerklee kniete, hielt er inne und rezitierte einen Psalm. Dann tauchte das Bild von Pfarrer Danninger auf, dazu der Geruch von modrigem Marmor, Weihrauch und brennenden Kerzen, kurz entstand so eine friedvolle und angstfreie Stille, in die er sich schmiegte wie ein müdes Baby an die Brust seiner Mutter.

3.

Für acht Uhr war Bergmann mit seinem Freund verabredet – oder Exfreund oder wie immer man das Verhältnis nennen sollte, das sie die letzten Wochen geführt hatten. Eine Analyse dieses Zustands wollte sich Bergmann nicht antun, ebenso wenig wie Schuldzuweisungen, die es auch nicht besser machen würden. Mit Zunahme der Konflikte war sein Harmoniebedürfnis ohne die übliche Phase von Streit und Versöhnung in Gleichgültigkeit übergegangen. Da ließ sich nichts mehr retten; wozu also dieses Treffen? Es würde ihm nur Energie entziehen, von der er zurzeit ohnehin nicht zu viel hatte. Er hatte andere Sorgen, dachte er nun laut und räumte seinen Schreibtisch auf. Ab dem nächsten Morgen hatte er die Gruppe zu führen; stark und kämpferisch, wie Kamp gemeint hatte, dem offensichtlich keine treffenderen Worte eingefallen waren. Wie hatte er das gemeint mit dem Finden und Erfinden? Indizien fälschen? Dass Bergmann die Vorschriften und Gesetze wie ein Elastikband behandeln sollte und nicht mehr als klare Grenzen? Das war nicht seins, das musste Kamp doch wissen. Er hielt noch etwas darauf, sich nicht korrumpieren zu lassen, Zeugen nicht einzuschüchtern, Tatverdächtige nicht zu misshandeln. Das war seine Würde, sein Stolz und sein Schutz.

Nachdem er sich dagegen entschieden hatte, vor seinem Treffen nach Hause zu fahren, um zu duschen und sich umzuziehen, ging er um den Schreibtisch und setzte sich an Schäfers Platz. Zog die oberste Schublade von dessen Rollkasten heraus und stellte sie vor sich hin. Alles schön ordentlich – weil er die Lade schon dreimal durchsucht und wieder eingeräumt hatte; die ursprüngliche Unordnung wiederherstellen zu versuchen, wäre verlogen gewesen. Er nahm eine quadratische Schachtel heraus und leerte den Inhalt auf die Tischplatte: kleine goldene Schutzengel-Anhänger, Kupferarmreifen mit obskuren Magnetnieten, Christuskreuze in verschiedenen Größen und Ausprägungen, Amulette, Heilsteine, eine Traumfänger-Miniatur – wer daran zweifelte, dass auch Polizisten einen Fanclub haben konnten, musste sich nur Schäfers Schachtel-Schrein ansehen, in dem er die Talismane und Dankesgeschenke lagerte, die in unregelmäßigem Abstand mit der Post eintrafen. Eine Flasche Wein wäre mir eigentlich lieber, hatte er ein paar Wochen zuvor bemerkt, als er einem Paket einen faustgroßen Rosenquarz entnahm, der ihn vor bösen Strahlungen oder Rheuma oder sonst was beschützen sollte. Gedankenverloren ließ Bergmann vor seinen Augen ein Lederband mit einem metallenen Amulett pendeln, auf das ein ihm unbekanntes Symbol geprägt war: ein auf dem Kopf stehendes Dreieck, durch dessen Spitze zwei Wellenlinien zogen. Das Ding wog schwer, was war das, Blei? Esoterisches Glumpert auf jeden Fall, nutzloser Plunder, dessen Wirksamkeit nun offiziell widerlegt war. Bergmann warf die Sachen zurück in die Schachtel und nahm sich zum wiederholten Mal den Rest des Schrankinhalts vor: Stifte, Zettel, Blöcke, steinhartes Studentenfutter, ein Taschenmesser, ein paar Muscheln, ein Fremdwörterbuch, tja, haha, und die quasi nur mehr verdeckt eingesetzte Kaffeetasse, die Schäfer zu Weihnachten 2006 in zehnfacher Ausführung in einem Souvenirladen als Geschenk für sie hatte anfertigen lassen: »Ich sehe tote Menschen« stand groß drauf, darunter »EB Leib & Leben – Gruppe ­Schäfer«. Einen Monat nach dieser gelungenen Bescherung mussten sie auf Anweisung von oben die Tassen aus den Büros entfernen: zynisch, rücksichtslos, es galt doch zu bedenken, dass auch polizeifremde Personen, möglicherweise Angehörige von Opfern et cetera. Verklärt lächelnd nahm Bergmann die Tasse zum Waschbecken mit, wusch sie aus, bereitete sich einen Tee und setzte sich wieder an Schäfers Platz.

Um viertel vor acht gab er auf – wenn wer in diesem belanglosen Bürokram ein Indiz finden konnte, dass Schäfer einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, dann Schäfer, Punkt.

Mit fünfzehnminütiger Verspätung betrat er das Lokal im 5. Bezirk. Martin hatte bereits einen Tisch besetzt, sein Bierglas war mehr als halbleer, er blätterte in einem Magazin, zu schnell, als dass er etwas vom Inhalt mitbekommen konnte. Er hatte Bergmanns Eintreffen bemerkt, ließ sich jedoch nichts anmerken, bis dieser sich ihm gegenübersetzte und vorerst nichts, gar nichts zu sagen wusste.

»Nette Begrüßung …«

»Hallo …«

»Grüß dich … willst du was essen?«

»Ja, warum nicht …«

»Zwingen tu ich dich nicht.«

»Hast du schon was bestellt?«

»Nein, ich habe auf dich gewartet …«

Sie blätterten schweigend in der Karte, deren Gerichte nicht halb so einfallsreich waren wie die Namen dafür.

»Ich glaub, ich nehm die Tagliatelle … sollen wir eine Flasche Wein bestellen?«

»Mir reicht ein Glas … aber wenn du …«

Der Kellner trat an den Tisch, sie bestellten, warteten, bis der Wein kam, von dem Bergmann hoffte, dass er die Stimmung zumindest ein wenig lockern würde.

»Und? Habt ihr ihn schon gefunden, deinen …«

»Nein. Können wir über etwas anderes reden, bitte …«

»Nur zu gern …«

»Wie war dein Tag?«

»Ts … Stress, wie immer … jetzt haben wir auch noch das Projekt in Oberwart gewonnen, das Einkaufszentrum …«

»Gratuliere … war das dein Entwurf?«

»Vom Team … wundert mich eh, dass die sich an so was rantrauen …«

»Am Land sind sie doch inzwischen wesentlich progressiver als in der Stadt … zumindest, was die Architektur angeht …«

»Ja … wir beide bräuchten nicht aufs Land zu ziehen«, Martin lächelte und versuchte Bergmanns Hand zu nehmen, die dieser rasch zurückzog.

»Okay … so weit ist es schon.«

»Entschuldigung … es ist nicht … es ist nur … Scheiße …«

»Das kannst du laut sagen … also was, was denkst du?«

Bergmann starrte durch seinen Freund hindurch. Er hasste diese Frage. Mit siebzehn, als er noch glaubte, auf Frauen zu stehen, hatte er eine Freundin aus dem Nachbardorf. Immer, wenn sie irgendwo allein waren und er ein paar Minuten schwieg, fragte sie ihn: Was denkst du denn? Und »nichts« als Antwort war natürlich genauso unzureichend wie das Ausweichen hin zu »dass du schön bist« oder ­ähnlichen Banalitäten.

»Dass es mir momentan alles ein bisschen zu viel ist«, bemühte er sich um die Wahrheit.

»Und was genau?«

»Die Arbeit … unsere Streitereien …«

»Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass das vielleicht zusammenhängt … die Sorge um dein Schäferlein und …«

»Halt die Klappe!«

»Ah, da wird der Herr Chefinspektor plötzlich emotional … gut zu wissen …«

Bergmann war danach, aufzustehen und zu gehen. Diese beschissene Eifersucht und diese dummen Sticheleien und dieses zwanghafte Umkreisen der immer gleichen Themen – als ob man auf einem zugefrorenen See mit Schlittschuhen so lange exakt dieselbe Runde lief, bis die Kufen das Eis durchbrachen. Er mochte darauf wetten, dass innerhalb der folgenden Stunde das Gespräch erneut auf diesen Samstag Anfang Mai käme, wo er mit Schäfer zum Ikea gefahren war. Martin wollte mit ihm das Wochenende verbringen, doch Bergmann war danach, zwei Tage für sich zu sein, ein paar Sachen für die Wohnung zu kaufen, aufzuräumen und nichts zu tun. Und dann ruft am Vormittag Schäfer an: »Was machen Sie heute, gehen wir spazieren in den Wienerwald? … Zum Ikea? Ah, da komme ich mit, ich brauche eh einen neuen Duschschlauch. Holen Sie mich ab?« Was hätte er denn sagen sollen? Nein, lassen Sie mich in Frieden mit Ihrer Mir-fällt-die-Decke-auf-den-Kopf-Panik? Ja, etwas in der Richtung hätte er erwidern können, zumal er genau wusste, was Schäfer von Einkaufszentren hielt, dass es ihm nicht um den Duschschlauch ging, dass er sich an den Rockzipfel seines Untergebenen hängen wollte, weil ihm sonst die Leere seines Wochenendes unerträglich würde. Und natürlich überschritt hier das Berufliche die Grenze zum Privaten, hatte der Major die Befehlskette aus dem Büro mitgenommen und schepperte seinem Chefinspektor damit ins Telefon, aber das würde er nicht tun, wenn er Bergmanns Gesellschaft nicht als angenehm empfinden würde, und genau das war der Punkt, an dem Martins Eifersucht zumindest teilweise berechtigt war.

»Wir arbeiten seit zehn Jahren zusammen«, sagte Bergmann trotzig, »ich habe mehr Zeit mit ihm verbracht als mit sonst einem Menschen … wie würdest denn du an meiner Stelle reagieren?«

»Ich weiß, wo mein Beruf aufhört und das Privatleben anfängt …«

»Ja … weil dich auch niemand um Mitternacht anruft und sagt, dass da ein Mann auf der Straße liegt, dem die Eingeweide heraushängen …«

Der Kellner trat an den Tisch, stellte die Teller ab und erklärte ihnen, was sie zu essen im Begriff waren.

»Guten Appetit.«

»Ja, dir auch.«

Als Bergmann das Lokal um kurz vor zwölf verließ – nach dem so finalen wie peinlichen Satz, dass sie sich vielleicht einmal zwei Wochen nicht sehen sollten, um Abstand zu gewinnen, bla, bla, bla –, hatte er einen Schwips. Drei Gläser Wein in knapp vier Stunden, da putzte Schäfer zwei Flaschen weg, murmelte er, als er in sein Auto stieg. Ich sollte mich einmal so richtig volllaufen lassen, in eine dieser verrauchten Spelunken im Zweiten gehen und saufen, bis die Funkstreife kommt. Doch allein beim Gedanken daran zog sich sein Magen zusammen. Dankbar muss ich sein, dass ich nicht so bin, jetzt redete er in Gesprächslautstärke, entgeht mir irgendwas, wenn ich darauf verzichte, am Vormittag zwei Stunden auf ein Glas zu starren, in dem sich eine Alka-Seltzer-Tablette nach der anderen auflöst? Sicher nicht.

Ein heftiger Knall riss ihn aus seinen Gedanken. Wie war das denn möglich? Er hatte die Einfahrt zur Tiefgarage bestimmt schon tausendmal genommen, da fand er rückwärts und blind hinein, das konnte nur an dem Wagen liegen, dessen Kotflügel er zerstört hatte, der stand bestimmt einen Meter über die Begrenzungslinie hinaus. Er stellte den Motor ab, stieg aus und betrachtete den Schaden. Tja, da würde einer die nächsten Tage die Öffentlichen oder einen Leihwagen brauchen. Und die Schuldfrage war eindeutig zu beantworten, der beschädigte Wagen stand keinen Zentimeter über den zugewiesenen Parkplatz hinaus.

Bergmann nahm sein Handy, suchte die Nummer eines Kollegen von der Sicherheitswache und bestellte einen Streifenwagen inklusive Alkoholmessgerät.

»Wo ist er denn?«, war die erste Frage des Beamten, als er selbstbewusst auf Bergmann zuging.

»Vor Ihnen.«

»Sie? Sie schauen mir aber nicht sehr betrunken aus … das da der Schaden?«

»Ja … überprüfen Sie bitte meinen Atemalkohol und nehmen Sie einen Bericht auf …«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Ja, wieso?«

»Stecken Sie ihm eine Visitenkarte unter den Scheibenwischer und die Sache ist geregelt.«

»Nein … was ist jetzt mit dem Alkomaten …«

»Wenn Sie meinen … und wenn Sie drüber sind?«

»Muss ich Ihnen jetzt das Gesetz erklären …«

»Nein … aber blöd wäre es halt, wegen dem Führer­schein …«

0,6 Promille – im Aufzug lächelte Bergmann kopfschüttelnd sein Spiegelbild an; seinen Führerschein war er nicht los, dennoch schämte er sich. Betrunken Auto zu fahren fiel für ihn in die Kategorie Fahrlässige Körperverletzung; dieses Verhalten verachtete er zutiefst, nicht erst seit dem Mädchen, dessen Gehirnmasse auf diesem Zebrastreifen im 19. Bezirk allzu deutlich zu sehen gewesen war. Er schloss die Tür auf, ging direkt ins Badezimmer, duschte und setzte sich danach an den Esstisch. Vier Wochen würde er den Wagen jetzt nur mehr für Dienstfahrten verwenden, sagte er sich, irgendwo im Keller stand ja noch sein verstaubtes Fahrrad.

2.

Bergmann allein im Büro. Mit einem schwarzen Kugelschreiber zieht er die Striche auf der Schreibunterlage nach. Jeden Tag kommt ein neuer hinzu. Wie auf einer Zellenwand. Dreiundzwanzig sind es mittlerweile. Er legt den Kugelschreiber beiseite, nimmt die Handschellen vom Tisch, öffnet einen der Ringe und schlägt ihn mit einer schnellen Drehung des Handgelenks an den Fuß der Schreibtischlampe. Einhändiges Tempoachtern, in Gedanken geht er eine Realsituation dazu durch: Tritt in die Kniekehle, Fixieren der Person durch Druck des linken Unterarms in den Nacken beziehungsweise Griff in die Haare, Sichern des rechten Handgelenks mittels Handfessel, bei Gegenwehr Ellbogen oder Finger bis zur Bruchstelle belasten, zweiten Ring anbringen, Abkühlphase abwarten beziehungsweise Person in Gewahrsam der Kollegen geben. Klack, klack, klack, der Fuß der Lampe weist zwei Dellen mehr auf, an denen der Lack absplittert. Schäfers Lampe gegenüber ist nur am Schirm beschädigt, an der Außenseite, die zum Fenster zeigt, dessen Griff analoge Schlagspuren aufweist. Ein rituelles Dacapo, das sich Bergmann herbeisehnt: Sein Vorgesetzter kommt bei der Tür herein, sieht sich um, als hätte er sich im Zimmer geirrt, setzt sich, trommelt mit den Fingern auf die Tischoberfläche und schlägt dann mit dem Handrücken den Lampenschirm weg, der blechern gegen den Fenstergriff knallt. War die Lampe an, hieß das in den meisten Fällen: Licht aus.

Bergmann steht auf, dreht sich um und nimmt aus dem obersten Regal einen Karton mit Glühbirnen; eine Großpackung zu vierundzwanzig Stück, die er nun auf den Schreibtisch stellt und den Inhalt zählt. Sieben. Gekauft hat er die Packung vor einem halben Jahr … kurz vor Weihnachten, gewohntermaßen eine schwierige Zeit für seinen Chef: der Wind, der Wiener Nebel, kaum Tageslicht … Zwei Jahre zuvor hat Bergmann für Schäfer eine Tageslichtlampe gekauft, die dieser tatsächlich jeden Tag bei Arbeitsantritt einschaltete. Das grelle kühle Licht ließ das Büro von außen erscheinen wie das Treibhaus eines Marihuanazüchters. War Schäfer gut gelaunt, brummte er nach Einschalten der Lampe immer ein paar Minuten dieses Hank-Williams-Lied … I wandered so aimless, my life filled with sin, I wouldn’t let my dear saviour in. Then Jesus came like a stranger in the night, praise the Lord, I saw the light. I saw the light, I saw the light … Jemand klopft an die Tür.

»Haben Sie gerade gesungen?«, fragte Kovacs grinsend, während sie einen Stuhl an den Schreibtisch stellte.

»Nein … was gibt’s?«

»Ist gerade gekommen«, Kovacs legte eine Akte auf den Tisch, die fast so dick war wie das Wiener Telefonbuch.

Bergmann schlug das Deckblatt zurück und überflog die ersten paar Seiten.

»Wiener Neustadt … liegt meines Wissens immer noch in Niederösterreich … Was geht uns das an?«

»Das ist der Fall von diesem Bürgermeister, der mit zwei Promille in ein Möbelhaus gekracht ist …«

»Ja … das war in Niederösterreich, das war ein Unfall, das ist ein halbes Jahr her, also: Was geht uns das an?«

»Ein Freund des Opfers hat den Unfallhergang noch einmal untersucht und …«

»Dieser wahnsinnige Richter?«

»Genau der … jedenfalls hat er offensichtlich ein paar Ungereimtheiten und polizeiliche Versäumnisse aufgedeckt und die Staatsanwaltschaft so lange bearbeitet, bis sie den Fall wieder aufgenommen hat … und aufgrund einer möglichen Befangenheit der Ermittler dort …«

»Die spinnen … der Alte ist hinüber, der gräbt in der Pension alte Akten aus und will nachweisen, dass Franz Fuchs ein Agent des Mossad war …«

Kovacs kicherte – kicherte dämlich, fand Bergmann –,­ sie nahm die Akte und legte sie aufgeschlagen zurück. Bergmann starrte auf ein Foto des Unfallwagens von Lady Diana, aufgenommen im berühmten Pariser Tunnel. Darunter zum Vergleich der Mercedes des verunglückten Bürgermeisters inmitten zerfetzter Sitzgarnituren.

»Nein, nicht mit mir«, sagte Bergmann, als wäre er ein Kind, das vor einem Teller Kohlgemüse sitzt.

»Schreyer?«, fragte Kovacs schelmisch.

Bergmann überlegte einen Augenblick. Schreyer. Schäfers Hofnarr. Ihr halbautistischer Inspektor, der sich zwar als wahres Recherchegenie etabliert hatte, aber in diesem Fall … nein, zu komplex … außerdem war der ohne seinen Herrn und Meister zu störanfällig.

»Sie machen das«, Bergmann packte die Akte und drückte sie Kovacs in die Hände, »filtern Sie aus, was kompletter Schwachsinn ist, und erstellen Sie mir eine Kurzfassung … maximal zehn Seiten … zwei Tage?«

Kovacs sah ihn verblüfft an. Offensichtlich hatte sie damit gerechnet, dass der Akt ein paar Wochen zur Belustigung im gesamten Dezernat rotierte und dann als krude Verschwörungsfantasie abgetan würde. Vielleicht meinte er das nur als Scherz. Nein, Bergmann machte in puncto Arbeit nie Scherze.

»Sonst noch was?«

»Ja … gibt’s …«

»Nein, es gibt nichts Neues«, erwiderte Bergmann, ohne ihr in die Augen zu sehen.

Jetzt blickt er auf die Wanduhr. Sieben nach elf. Drei Stunden, ohne eine Leistung erbracht zu haben, für die der Steuerzahler aufzukommen hat. So geht’s auch nicht. Er zieht einen Stapel Akten heran und legt sie nebeneinander auf die Tischplatte.

Alsdann: Obdachloser mit Bruststich, dafür ohne Erinnerung, aufgefunden am 7. Mai am ­Lerchenfelder Gürtel auf der Grünfläche zwischen Straße und U-Bahn. Tatzeit gegen vier Uhr früh, entdeckt um halb sechs von einem Morgenspaziergänger – Typus Hundausführer, der regelmäßig die medial verkündeten grausigen Funde macht. Anschließend Notoperation, eine Woche später lag der Mann schon wieder im Billigwein-Koma in verwahrlosten Hauseingängen und pflegte das langsamere Sterben. Ohne Zeugen oder Zufall würden sie den Täter nicht kriegen. Bergmann platziert die Akte links oben auf der Tischplatte – die Ecke, wo die Prioritäten so hoch sind wie seine momentane Motivation.

Fall zwei: Ein toter Kroate am Hernalser Gürtel, verblutet nach einer Schnittverletzung am Oberschenkel, die ihm die Arterie durchtrennt hatte. Da sie am Fundort weder Kampf- noch Blutspuren gefunden hatten, sah das Ganze nach einer Kofferraumfahrt mit anschließender Deponierung aus. Warum ausgerechnet an einer Stelle, wo auch in der Nacht der Verkehr relativ stark und zudem einige Nachtlokale in der Nähe waren, blieb unklar. Eine Warnung an irgendwen? Dazu fehlte dem Kroaten jede Verbindung zum Milieu. Keine Vorstrafen, Arbeitserlaubnis … Raubmord schied ebenfalls aus, da der Mann Uhr, Geld und Papiere bei sich getragen hatte … vielleicht eine Verwechslung … auch Koller, dem Gerichtsmediziner, gab der Fall Rätsel auf. Die Wunde war mit einer dünnen, sehr scharfen Klinge verursacht worden, am ehesten ein Rasiermesser; doch bei einem Angriff mit einem solchen gegen den Oberschenkel hätte sich der Mann gewehrt und ohne Zweifel Abwehrverletzungen erlitten. Was bei Gesamtbetrachtung immer wieder zu absurden fiktiven Tatverläufen führte, etwa, dass sich der Mann nach der Arbeit mit Kollegen besäuft, dann auf dem Nachhauseweg in einem Park einschläft, worauf ihm ein Verrückter mit einer Rasierklinge die Oberschenkelarterie durchtrennt, literweise Blut in irgendeinem Behältnis auffängt, den Toten dann in sein Auto packt, am Gürtel parkt und sein Opfer neben die Straße legt. Das verlangte im Moment zu viel an Denkarbeit, als dass sie genügend freie Gehirne dafür hätten; ab nach hinten, rechts neben den Obdachlosen.

Fall drei: Ein Ehepaar, das zwei Wochen zuvor erschossen im Vogelweidpark im 15. Bezirk aufgefunden worden war. Hier sprach alles für einen Doppelselbstmord beziehungsweise Tötung auf Verlangen. Die beiden waren aneinander gelehnt auf einer Parkbank gesessen, jeweils an der linken Schläfe ein Einschussloch, beide Schüsse aufgesetzt, Pulverrückstände an der rechten Hand und am Ärmel des Mannes. In der Manteltasche der Frau hatten sie einen Abschiedsbrief in ihrer Handschrift gefunden: schwer krank, können sich nicht mehr länger selbst um sich kümmern, wollen in kein Heim und schon gar nicht ohne den anderen leben, die Kinder mögen ihnen bitte verzeihen. Akte zu, Rosen auf die Särge, Asche zu Asche, zwei Menschen wandern ins Himmelreich und in die Vergessenheit – einen Augenblick bitte noch, was ist mit der Waffe, wo ist die hin? Sie war weg, höchstwahrscheinlich gestohlen; von irgendwelchen halbstarken Balkanjungs, die sich nach Einbruch der Dunkelheit ohne Einspruch der Eltern im Park herumtrieben; von einem der bulgarischen Kleinzuhälter, die sich zwischen den Besuchen im Wettbüro dort mit ihren Prostituierten zum Abkassieren trafen; von einem Drogendealer, der zwischen den Büschen seine Heroinpäckchen vergraben hat; möglicherweise auch von einem braven Bankangestellten, der die beiden Toten beim spätabendlichen Joggen entdeckt und sich gedacht hat, dass er eigentlich schon seit der Schulzeit, als er ständig drangsaliert worden war, eine Pistole haben wollte.

So oder so würde die Waffe früher oder später wieder auftauchen. Wie wohl, fragte sich Bergmann. Würde es die besorgte Mutter sein, die sie im Zimmer ihres Sohnes unter der Matratze fände und der Polizei übergäbe? Nur zwei Kugeln daraus im Oberkörper eines ausgeraubten Juweliers? Oder die alte Walther P1 in der kalten toten Hand eines Amokläufers, der mit den verbliebenen sechs Projektilen … wie auch immer, alle Details zur Waffe waren in den relevanten polizeilichen Datenbanken erfasst, viel mehr als abwarten konnten sie auch in diesem Fall nicht.

So, jetzt zum vierten Fall, dem beschissensten überhaupt: Suchen Sie den Mörder eines Mörders. 28. Mai, kurz nach Mitternacht: Ein Pärchen, das nach einem Lokalbesuch zur U4-Station Rossauer Lände geht, sieht auf der zum Donaukanal abfallenden Wiese einen menschlichen Körper liegen. Ungewöhnlich, aber wahr: Sie schauen nach, was es mit der Person auf sich hat, ob sie vielleicht Hilfe benötigt. Nein, jetzt nicht mehr, der Mann ist tot. Als Bergmann eintrifft – ohne Schäfer, der seit vier Tagen im Urlaub ist – und den Leichnam sieht, denkt er zuerst: nur gerecht. Dann: noch mehr Arbeit. Bei dem Toten handelt es sich um einen des mehrfachen Mordes verdächtigten Mann. Seit Anfang des Jahres soll er sieben Prostituierte stranguliert, erstochen, anschließend mit einem Brandbeschleuniger übergossen und angezündet haben, um allfällige Spuren zu verwischen. Bei seinem letzten Opfer kam ihm allerdings ein anderer Freier dazwischen, den er niederstach und den Tatort fluchtartig verließ. Gewebe- und Blut­spuren unter den Fingernägeln der Toten sowie die Personenbeschreibung durch den Freier führten schnell zu einem Installateur, der wegen Körperverletzung vorbestraft war und bereits zwei Jahre in Haft verbracht hatte. Und damit auch erfahren genug war, um zu wissen, dass ihm nicht viel Zeit blieb, um unterzutauchen. Dass sie ihn jetzt in Wien fanden, erstaunte Bergmann. Der Mann hatte genug Zeit und Geld gehabt, um sich ins Ausland abzusetzen. Stattdessen treibt er sich auf der Lände herum und findet seinen Richter in stumpfer Gewalteinwirkung gegen den Hals. Wahrscheinlich ein Handkantenschlag, der ihm den Kehlkopf zerquetscht hat; möglicherweise eine der üblichen spätabendlichen Streitereien zwischen alkoholisierten Männern; allerdings hatte das Opfer sonst keine sichtbaren Verletzungen, was den Schluss nahelegte, dass der Angreifer überraschend zuschlug und kampferfahren war. Einer dieser jugendlichen Testosteron­­jugos, wie Schäfer sie nannte: frustrierte Schulabbrecher oder Arbeitslose, die ihr Zuviel an Zeit in suspekten Fitnessstudios verbrachten, wo ihnen das Zuschlagen ohne die Konsequenzen beigebracht wurde.

Selbstjustiz oder ein Racheakt waren natürlich ebenso wenig auszuschließen, dachte Bergmann und legte den Akt rechts neben den Obdachlosen.

Der restliche Stapel beinhaltete keine Tötungsdelikte. Und damit das, was den Einsatzbereich Leib und Leben tagtäglich am Laufen und Ermitteln hielt: Straßenschlägereien, Messerstechereien, Gewalt von Türstehern und gegen diese, prügelnde Ehemänner und Lebensgefährten, Pensionisten, die mit Luftpistolen auf lärmende Kinder schossen, Autofahrer, die sich wegen eines Parkplatzes an die Gurgel gingen, Pöbeleien unter Jugendlichen, die außer Kontrolle gerieten … dass die Aufklärungsquote trotz der Anzahl der Delikte und der Personalknappheit bei fast achtzig Prozent lag, erschien Bergmann immer wieder rätselhaft. Andererseits: Die Mehrzahl der Täter war betrunken, dumm, aktenkundig, so laut, dass es sofort Zeugen gab, stand vor einer Überwachungskamera – oder schlicht alles zusammen. Welchen Beruf hätte ich eigentlich, wenn alle Menschen gut wären, fragte sich Bergmann, lehnte sich zurück und legte umständlich die Füße auf den Tisch, nur ein paar Sekunden allerdings – er war nicht der new sheriff in town, der alte wäre hoffentlich bald wieder da, hoffentlich, hoffentlich, hoffentlich.

Am frühen Nachmittag – Bergmann hatte eben die Aussagen der Nachbarn eines krankenhausreif geschlagenen Reklamezustellers überprüft und deren Glaubwürdigkeit sowie Gewaltbereitschaft einzuschätzen versucht – rief Kamp ihn zu sich. Schon als er die Nummer des Obersts am Display sah, setzte in ihm der bekannte Widerstreit zwischen Hoffnung und Verzweiflung ein. Wir haben ihn gefunden. Tot oder lebendig? Doch Kamp wusste nicht mehr oder weniger als Bergmann selbst.

»Nichts Neues«, begann er das Gespräch und Bergmann erkannte nicht, ob es eine Frage oder Feststellung war.

»Nein … seine Mutter ruft jeden Tag zweimal an und fragt mich dasselbe … seine Nichte oder sein Bruder täglich … was soll ich ihnen sagen …«

Kamp schaute an die Decke und strich sich mit beiden Händen über die Wangen, als überprüfte er seinen Bartwuchs.

»Ich weiß, dass Sie den Fall gern übernehmen würden«, sagte er, als die Stille zu nichts mehr führte.

»Aber?«

»Sie kennen das Aber. Solange es keinen Hinweis auf ein Gewaltverbrechen gibt, suchen die Fahnder nach ihm, Kollege hin oder her … außerdem sind wir … sind Sie befangen … was soll ich machen …«

»Pervers … die einzige Möglichkeit, dass wir ihn offiziell suchen dürfen, ist, etwas zu finden, das beweist, dass er wahrscheinlich getötet worden ist …«

»So ist es eben … haben Sie was gefunden?«

»Ich ermittle ja gar nicht.«

»Lassen Sie das … also?«

»Nein … ich war dreimal in der Wohnung … ein Anzug fehlt … wenn er ihn nicht zur Caritas gebracht hat … Sportkleidung, Bergschuhe, sein Laptop … ohne Befangenheit würde ich sagen, die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Person abgesetzt hat, ist durchaus gegeben … zumal sein Verhalten in den letzten beiden Jahren sowie seine Aussagen … ich kann nicht glauben, dass er einfach so verschwindet. Ohne sich zu melden … zumindest bei seiner Familie … das würde Schäfer ihnen nicht antun …«

Sie sahen sich schweigend an, ihre Gedankenwege fanden zueinander, sahen an der Kreuzung das Wort Selbstmord und weigerten sich, es in Sprache zu wandeln.

»Wenn ich an den Fall Lopotka denke …«, sagte Kamp leise.

»Dann?«

»Da war unserem Major der Unterschied zwischen Finden und Erfinden herzlich egal … mir ja auch, aber ich lag damals im Krankenhaus …«

Bergmann schaute den Oberst einen Augenblick begriffsstutzig an. Dann lächelte er kurz.

»Verstehe … haben Sie da einen Anhaltspunkt …«

»Herr Chefinspektor«, sagte Kamp nun formell, »ab morgen heißt Ihr Team Gruppe Bergmann. Das war gottlob keine einfache Entscheidung, aber ich brauche jemanden, der die Führung und Verantwortung übernimmt … trauen Sie sich das zu?«

Bergmann fühlte sich überrumpelt. Und Schäfer? War diese Beförderung der erste Spatenstich zu dessen Grab?

»Ich weiß nicht … also arbeitsmäßig schon …«

»Vergessen Sie das andere einstweilen … Sie leiten die Gruppe und übernehmen damit auch die Verantwortung dafür, was Sie neben der Bearbeitung des Tagesgeschäfts so finden …«

»Also soll ich Schäfer jetzt doch suchen …«

»Zwischen den Zeilen lesen ist nicht so Ihre Stärke«, erwiderte Kamp. »Überlegen Sie es sich und geben Sie mir morgen früh Bescheid, dann informiere ich die Gruppe bei der Morgenbesprechung darüber.«

»Nein … also ja, ich mache es.«

»Gut … wurde ohnehin Zeit, dass Sie aus seinem Schatten treten …«

»Aber nicht so …«

»Werden Sie bitte nach Dienstschluss sentimental, Chefinspektor Bergmann … was ich jetzt brauche, ist eine kämpferische Truppe und einen starken Anführer.«

Nachdem Bergmann das Büro verlassen hatte, starrte Kamp minutenlang auf den leeren Sessel vor ihm. Dann schenkte er sich ein Glas Cognac ein, stand auf und stellte sich ans Fenster.

5.

Bergmanns Beförderung zum Gruppenleiter war der erste Punkt der Morgenbesprechung. Keiner der anwesenden Beamten zeigte sich wirklich überrascht oder äußerte sich dazu, doch die Spannung, die alle nicht gestellten Fragen im Raum erzeugten, veranlasste Kamp, gegen seinen ursprünglichen Willen auf das Thema Schäfer einzugehen. Ermittlungstechnisch gab es keine Fortschritte: Die letzte gesicherte Begegnung hatte am 26. Mai mit dem Nachbarn, Peter Wedekind, stattgefunden. Danach war Schäfer offensichtlich nicht mehr in seiner Wohnung gewesen oder hatte sich bei ihnen bekannten Personen gemeldet. Bankomat- und Kreditkarten waren nach diesem Tag nicht mehr belastet worden, das Mobiltelefon außer Betrieb. Es gab keine Ticketbuchungen bei Luftlinien, keine Aufnahme in Krankenhäusern unter Schäfers Namen und zum Glück auch noch keine nicht identifizierten Leichen aus dem EU-Raum, die Ähnlichkeiten aufwiesen. Insgesamt ein Status, der ein Verbrechen nahelegte und das Eingreifen ihrer Dienststelle rechtfertigen würde – also, weshalb zögerten sie noch? Vielleicht, weil Schäfer offensichtlich einiges an Gepäck mitgenommen hatte; weil er ein Mensch war, der seine Gedanken und Vorhaben oft genug vor seinen Kollegen und Freunden verborgen hatte; weil es ihm zuzutrauen war, dass er aus einer psychisch instabilen Verfassung heraus beschlossen hatte, nach Südamerika oder Südostasien zu verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Vielleicht hatte Kamp es mit einer entsprechenden Weisung aber auch deshalb nicht eilig, weil er die mörderische Logik fürchtete, die ihrem Beruf immanent war: Indizien, die eine Ermittlung rechtfertigten, waren schon allein wegen des mangelnden Personals sehr nahe an einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Anders gesagt: Wenn sie eine Leiche suchten, fanden sie meistens eine oder zumindest Teile davon.

Deshalb überraschte es Bergmann auch, als Kamp nach den üblichen Phrasen von unter Beweis gestellter Kollegialität, Professionalität und Führungsvermögen ihr Gespräch vom Vortag in sehr freier Interpretation wiedergab.

»Wie ich gestern mit Chefinspektor Bergmann besprochen habe, werden Sie alle unter seiner Führung die Ihnen zugeteilten Aufgaben in gewohnter Weise erledigen … im operativen Ablauf sollten wir allerdings einige Änderungen einführen: Ermittlungsschritte, die nicht unbedingt sein Mitwirken erfordern, werden in zunehmendem Maße ohne ihn durchgeführt … muss ja nicht sein, dass er jede Befragung im Außendienst wahrnimmt, wie das Major Schäfer gern praktiziert hat … das will ich auf keinen Fall als Kritik an dessen Vorgehen verstanden wissen, das – wie Sie alle wissen – in den meisten Fällen erfolgreich war …………………