Image

Felix Mitterer

Die Frau im Auto

image

Die Herausgabe der Werksammlung wurde vom Land Tirol und von der Gemeinde Telfs gefördert.

© 2001

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Aufführungsrechte für alle Stücke beim Österreichischen Bühnenverlag Kaiser &Co., Am Gestade 5/II, A-1010 Wien

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-3662-7

Umschlaggestaltung:

Dieses Stück wurde dem Sammelband »Stücke 3«, erschienen 2001 im Haymon Verlag, entnommen. Den Sammelband »Stücke 3« erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

INHALT

Die Frau im Auto

Biographische Daten und Werkverzeichnis

DIE FRAU IM AUTO

Es geschah im August 1982. Wir spielten bei den Tiroler Volksschauspielen in Telfs meine Passion „Stigma”. Großer Aufruhr, Anzeigen wegen Blasphemie und Religionsstörung, Bombendrohungen, Demonstrationen. Im Rathauscafé trat ein Mann auf mich zu und sagte, daß alles hier sei Blödsinn und uninteressant und des Aufruhrs nicht wert, seine Mutter erleide seit Monaten die wahre Passion und ich solle lieber darüber ein Stück schreiben. Ich fuhr mit ihm in eine kleine Oberinntaler Gemeinde. Am Rande des Ortes befand sich eine Wohnsiedlung aus den 50er Jahren. Dort stand auf der Straße ein Auto. Hinter der Windschutzscheibe war ein Pappschild befestigt: „150 Tage Hungerstreik”. Auf dem Beifahrersitz saß eine alte, dürre Frau, die Mutter des Mannes. Seit 27. Jänner 1982 saß sie in diesem Auto, sieben Monate also schon. Seit 26 März befand sie sich im Hungerstreik. Sie trank nur Fanta.

Was war passiert? Der Mann der Frau war im Krieg geblieben. Die beiden hatten einen Traum gehegt: ein eigenes Haus. Nun war der Mann nicht zurückgekehrt. Die Frau wollte sich den Traum nicht nehmen lassen. Sieben Jahre — von 1945 bis 1952 — arbeitete sie in der Spinnerei im Akkord, gönnte sich nur Kaffee und Butterbrot, stand jedes Wochenende am Bau, baute mit eigenen Händen ihr Haus. Das Haus bedeutete ihr alles, das Haus war ihr Lebensziel, der einzige Lebensinhalt.

Im Jänner 1982 wurde ihr auf Antrag der Gemeinde das Haus versteigert, weil sie Abgaben in der Höhe von 18.000,— Schilling nicht bezahlt hatte. Bei der Versteigerung war nur ein Bieter anwesend: der zweite Sohn der Frau, der „böse” Sohn. Er bekam das Haus sehr günstig. Seine erste Aktion war, der Mutter die Wohnung im ersten Stock zu demolieren. Dann wollte er seine Mutter in den Dachboden übersiedeln. Die Mutter aber wollte nicht in den Dachboden. Also beauftragte der „böse” Sohn die Räumung. Es kam der Gerichtsvollzieher mit zwei Gendarmen und Hund. Die Frau wurde auf die Straße gesetzt, bei 14 Grad minus, am 27. Jänner.

Die Frau stand nun auf der Straße und war nicht zu bewegen, fortzugehen. Also stellte der „gute” Sohn der Mutter sein Auto als „Wohnung” zur Verfügung. Und da saß sie also, schlief sie also, mit ihrem dicken Federbett, auf dem zurückgelegten Beifahrersitz. Fast ein Jahr lang. Sie erfror fast im Winter, kam fast um vor Hitze im Sommer. Und es nützte ihr alles nichts. Der „gute” Sohn wurde zum Rebellen, gründete eine Partei (Ausbildungsziel: „Heranbildung von Freiheitskämpfern”), schrieb Flugblätter, protestierte beim Landeshauptmann, beim Bundeskanzleramt, zeigte alle an: das Gericht, den Bruder, den Bürgermeister, den Exekutor, den Amtsarzt, alle. Es hagelte Anzeigen und Strafen zurück wegen Ehrenbeleidigung, Körperverletzung (des Bruders), Mißachtung des Gerichts etc. Der einzige, der positiv reagierte, war der Landeshauptmann. Er meinte, er könne ein Gerichtsurteil nicht aus der Welt schaffen, aber er sei bereit, der Frau ein Gasthauszimmer zu bezahlen, für einige Zeit. Die Frau antwortete, sie gehe nicht so gerne ins Gasthaus wie der Landeshauptmann, sie wolle ihr Haus zurück, sonst gar nichts.

Das war die Situation. Keine Zeitung schrieb darüber, außer einem kleinen, lokalen Alternativblatt, keine Rundfunkanstalt berichtete. Über Querulanten berichtet man nicht. Auch ich schrieb kein Stück. Ich wußte nicht, wie umgehen damit. Hatte der Bundeskanzler recht, der meinte, der „gute” Sohn wolle seine Mutter sterben lassen, um die Regierungspartei und deren Justiz „Mörder” nennen zu können? Andererseits: diese Frau schien so stark und autark, sie kam mir nicht vor wie ein Manipulationsopfer ihres Sohnes.

Ich schrieb kein Stück. Zu groß waren die Erwartungen. Man erwartete sich von meinem Theaterstück die Errettung aus der Not und die Bestrafung der Bösen. Aber damit kann die Literatur ja leider nicht dienen. Ich beschränkte mich darauf, an den Landeshauptmann zu schreiben (was nichts half) und ein Wochenmagazin auf den Fall aufmerksam zu machen (welches berichtete, aber auch ohne Wirkung). Nach 200 Tagen Hungerstreik wurde die Frau ins Krankenhaus eingeliefert. Ihr Schicksal hat mich nie losgelassen. Die „Frau im Auto” blieb immer in meinem Kopf. Nun mußte ich ihr doch ein Denkmal setzen. Festzuhalten ist dabei, daß es sich natürlich nicht um ein Dokumentarstück handelt, sondern daß ich — wie immer — mit den tatsächlichen Ereignissen und Charakteren frei umging. Wichtig war mir zu zeigen, wie wenig manchmal Recht und Gesetz mit Gerechtigkeit zu tun haben und wie leicht es passieren kann, daß jemand — uninformiert, hilflos um sich schlagend — im Kampf gegen die Behörden untergeht.

PERSONEN:

Hedwig Lamprecht (75)

Robert (53), Sohn

Hermann (54), Sohn

Manuela (35), Hermanns Frau

1. Gendarm (älter)

2. Gendarm (jung)

Exekutor (40)

Bürgermeister (45)

Sympathisant (55)

Frau Krautschneider (60)

Amtsarzt (40)

Journalist (25)

Kleindarsteller:

Fotograf (auch als neugieriger Zuschauer und Partygast)

2 Staatspolizisten (auch als neugierige Zuschauer)

3 Jugendliche (auch als neugierige Zuschauer und Partygäste)

1. Bub (12)

2. Bub (11)

In der Rückblende:

Simon, Hedwigs im Krieg gefallener Mann (vom Darsteller des Journalisten gespielt)

Slawomir, polnischer Zwangsarbeiter (vom Darsteller des Journalisten gespielt)

1. Gestapobeamter (vom Darsteller des 1. Gendarmen gespielt)

2. Gestapobeamter (vom Darsteller des 2. Gendarmen gespielt) GI

(vom Darsteller des Exekutors gespielt)

Hermann als Kind (vom Darsteller des 1. Buben gespielt)

Robert als Kind (vom Darsteller des 2. Buben gespielt)

SCHAUPLATZ:

Straße in Wohnsiedlung eines Dorfes, vor Hedwigs Haus

ZEIT:

27. Jänner 1997 bis 31. Dezember 1997

ANMERKUNG ZUR DARSTELLERIN DER HEDWIG:

Hedwig beginnt nach viereinhalb Monaten Aufenthalt im Auto einen Hungerstreik und hält diesen 199 Tage durch. Das bedeutet natürlich, daß sie sehr viel Gewicht verliert. Wir lernen Hedwig als eine etwas korpulente alte Frau kennen, durch die Strapazen des Lebens im Auto nimmt sie bereits ab, nach Beginn des Hungerstreiks wird sie dann immer dünner, bis sie zum Schluß praktisch nur mehr ein Knochengerüst ist. Wenn sich auch mit Kostüm und Maske einiges machen läßt, ist aus diesem Grunde eine ziemlich schlanke Darstellerin vonnöten. Zu Beginn des Stückes muß man ihre Kleidung „ausstopfen” und später Schale für Schale — wie bei einer Zwiebel — entfernen. Auch das Gesicht der Schauspielerin sollte zu Beginn voller erscheinen und dann immer schmäler werden.

1. BILD

7. JÄNNER 1997/MORGEN

Es schneit leicht. Eine Wohnsiedlung aus den 50er Jahren, die an einem Hügel angelegt ist. Die Ein- und Zweifamilienhäuser (alle mit Vorgärten) sind links und rechts einer Straße erbaut, die leicht ansteigend auf die Anhöhe hinaufführt. Auf den Hausdächern Fernsehantennen bzw. an den Wänden Satellitenschüsseln. Über der Anhöhe der diesige, winterliche Himmel. Eine (unsichtbare) Seitengasse dient als Parkplatz und zur Anfahrt zu Hedwigs Haus, das im Vordergrund steht. Hedwigs Haus ist zwar grau und eher trist (wie auch alle anderen), aber gar nicht so klein, es besitzt zwei Wohnungen, eine ebenerdig, die andere im ersten Stock. Im holzverschalten Dachbodenteil ein neues (kleines) Fenster. Die Vorhänge an den beiden Fenstern des ersten Stockes (Wohnzimmer Hedwig) sind geschlossen, es schimmert Licht durch sie. Die Vorhänge der beiden Fenster im Erdgeschoß (Wohnzimmer Hermann/Manuela) sind auch geschlossen, es brennt ebenfalls Licht. Winterlicher Vorgarten, Rauhreif auf den Büschen.

Auf der Straße vor dem Haus steht der schäbige Kombi von Robert, die Fahrertür weit offen, sie wurde in der Eile nicht zugemacht. In der Nähe eine Telefonzelle. Es ist noch fast dunkel, eine Straßenlampe auf hohem Mast erhellt das Auto und seinen Umkreis, das Blaulicht eines nicht sichtbaren (in der Seitengasse abgestellten) Gendarmerieautos streicht über die Szenerie. Aus einem erhöhten Fenster des nächst- oder gegenüberliegenden Hauses schaut Frau Krautschneider, die Neugier in Person, mit Polster auf der Fensterbank zum Aufstützen. Auch aus den erleuchteten Fenstern anderer Häuser schauen neugierige Nachbarn (Puppen, deren dunkle Silhouetten man sieht). Sechs Männer, die auf dem Weg zur Arbeit sind (ebenfalls nur als dunkle Silhouetten erkennbar, deshalb können sie von den Darstellern von Fotograf, den drei Jugendlichen und den zwei Staatspolizisten gespielt werden) stehen in Gruppen auf verschiedenen Positionen der Straße. Noch einen Beobachter gibt es. Es ist der Sympathisant, ein etwa 55-jähriger, unauffälliger Mann, bekleidet mit Anzug und Krawatte sowie mit Hut und Mantel (beides etwas abgewetzt, der Herr sah schon bessere Tage), der sich fast versteckt hält vor den anderen, der sich auch immer wieder (aber eher gelassen und routinemäßig) umschaut und auch mit leicht angehobenem Kopf lauscht, ob er nicht verfolgt wird. (Aus diesem Grunde schaut er auch seine Gesprächspartner selten direkt an.)

Nach einer Weile stolpert Robert rücklings aus der Haustür, geschubst von einer Männerhand. Er trägt Arbeitshose und nur Hemd und Pullover, weil er in der Eile vergaß, etwas Warmes anzuziehen. (Robert ist ein eher unscheinbar und auch kränklich wirkender Mann, der sich in seinem Leben nie durchzusetzen vermochte, gebeugt auch von der jahrzehntelangen Arbeit in der Textilfabrik.) Der 1. Gendarm erscheint in der Tür, schubst Robert noch einmal, dieser fällt rücklings über die Treppenstufen in den Vorgarten.

1. GENDARM: Du hast dich in diese Amtshandlung überhaupt nicht einzumischen!

Robert steht auf, will am Gendarmen vorbei wieder ins Haus, der Gendarm packt ihn am Kragen, zerrt ihn durch den Vorgarten auf die Straße heraus.

1. GENDARM: Wenn du noch einen Schritt da hinein machst, dann nimm i di fest!

Der 1. Gendarm geht wieder durch den Vorgarten Richtung Haustür, Robert bleibt unschlüssig und verzweifelt auf der Straße stehen. In der Haustür tauchen Hedwig und der 2. Gendarm auf. Sie trägt Kleid, darüber Kleiderschürze, darüber dicke Strickjacke sowie an den Füßen Pantoffeln. (Hedwig ist eine etwas korpulente, alte Frau, sehr rüstig und äußerst resolut.) Der 2. Gendarm hält Hedwig an den Oberarmen gepackt, führt sie gewaltsam in den Vorgarten und heraus auf die Straße, sie wehrt sich stur, macht sich steif, er muß sie fast aufheben.

ROBERT: Des könnts doch nit machen! Wo gibts denn sowas?

Der 2. Gendarm stellt Hedwig ab, läßt sie los, sofort läuft sie wieder zurück in den Vorgarten und will zur Haustür, der 1. Gendarm fängt sie aber ab, hält sie fest. Der Exekutor (ein eher gemütlicher Mann) taucht in der Tür auf, hat abgewetzte Aktentasche in der Hand.

EXEKUTOR: Mein Gott, Frau Lamprecht, was sind S’ denn so stur?

ROBERT: Es hat vierzehn Grad Minus! Ihr könnts doch nit bei vierzehn Grad minus eine alte Frau auf die Straßen stellen!

2. GENDARM: Geh, red nit so blöd! Du kannst sie ja zu dir mit heimnehmen, oder?

EXEKUTOR: Frau Lamprecht! Sie brauchen ja nur in den Dachboden übersiedeln. Vom ersten Stock in den Dachboden. A paar Meter weiter!

HEDWIG: (reißt sich vom 1. Gendarmen los, schreit) Des is mein Haus!

EXEKUTOR: (kommt zu ihr) I hab einen Räumungsbefehl durchzuführen! Seit Weihnachten schon! I muß des machen!

HEDWIG: Des is mein Haus!

EXEKUTOR: (zu Robert) Herr Lamprecht! Reden Sie ihr doch zu. Bitte! I will doch auch nicht, daß sie da in der Kälten steht. Da oben im Dachboden is es warm.

ROBERT: Ah so? Waren Sie oben?

Der Exekutor schaut hilflos.

2. GENDARM: Dein Bruder sagt, es is bacherlwarm.

Robert rennt zum Exekutor hinein, der 2. Gendarm greift nach ihm, erwischt ihn aber nicht mehr, hat auch keine Lust, ihm nachzulaufen, seufzt auf.

ROBERT: Herr Exekutor, i möcht Sie bitten, gehen Sie hinauf und schaun Sie sich des an. Von wegen bacherlwarm! A kleiner Heizstrahler steht drin! Des is verboten, in an Dachboden. Der Treppenaufgang is ein Meter dreißig hoch, ein Meter dreißig! Da muß ma ja a Zwerg sein, da muß ma kriechen. Und alles a Pfusch da oben! Ein einziges Fenster! (Deutet hinauf.) Der Herd steht unter Strom, weil seine Pfuscher ihn falsch angschlossen haben. Keine Dusche, nix. Überall ziehts.

EXEKUTOR: (fast verzweifelt) Was soll i machen? Des is nit meine Angelegenheit. I hab an gerichtlichen Räumungsbefehl durchzuführen, fix noch amal!

Hermann taucht in der Tür auf, ist schon für seinen Arbeitstag mit Anzugshose und gestreiftem Hemd angezogen, hat aber noch Strickjacke an, Pantoffeln an den Füßen, Kaffeetasse in der Hand. (Er ist ein kräftiger, selbstbewußter Mann, der alles aus dem Weg räumt, was sich ihm entgegenstellt. Und er trägt einen tiefen Haß mit sich herum, Haß vor allem auf seine Mutter.)

HERMANN: Was is jetzt? Kann i die Tür zumachen? Es geht nämlich kalt einer!

Robert stürzt sich auf Hermann, zieht ihn herunter in den Vorgarten, beginnt sich mit ihm zu prügeln. Das gestaltet sich aber als eine eher lächerlich wirkende Rangelei, Robert wäre im Ernstfall Hermann auch gar nicht gewachsen, nur durch den Überraschungsangriff und durch seine Rage ist er kurzfristig im Vorteil. Hedwig beteiligt sich nun ebenfalls, schlägt auf Hermann ein, der 1. Gendarm zerrt sie weg. Der 2. Gendarm läuft in den Vorgarten zurück, packt Robert, dreht ihm einen Arm gekonnt um, Robert geht in die Knie.

2. GENDARM: Gibst du a Ruh?

Robert antwortet nicht. Hermann richtet sich gelassen die Kleidung, hebt seine Kaffeetasse auf. Hedwig wehrt sich gegen den 1. Gendarmen, der sie festhält, tritt mit den Füßen nach dem 2. Gendarmen. Dieser dreht Robert das Handgelenk um.

2. GENDARM: Gibst a Ruh?

Robert nickt aufstöhnend, der 2. Gendarm läßt los, Robert steht langsam auf.

HEDWIG: (zum Exekutor) Wissen Sie, was der (zeigt auf Hermann) getan hat, wissen Sie des? Am Tag nach der Versteigerung hat er mir die Treppen zum ersten Stock herausgrissen. I komm vom Einkaufen heim und die Treppen is weg! Und kein Mensch war da! Den ganzen Tag bin i auf der Straßen auf und ab gangen, bis neune auf d’Nacht. Kommt der Amtsarzt und will meinen Geisteszustand untersuchen. Die Nachbarn ham ihn angrufen, natürlich. „Die Lamprechtin is narrisch worden, die marschiert den ganzen Tag vor ihrem Haus auf und ab, mit Eiszapfen in die Haar!” Hab i ihm wohl gezeigt, was los is. Er mit mir sofort zur Gendarmerie, und was haben die gsagt?

1. GENDARM: (repliziert trocken) In Familienangelegenheiten mischen wir uns prinzipiell nicht ein.

HERMANN: (schaut auf seine Armbanduhr) Ja, i geh. Pfiat enk. (Verschwindet im Haus, schließt die Tür.)

2. GENDARM: Die Treppen is eh wieder drin, was willst denn?

HEDWIG: Ja, weil der Amtsarzt ihm gedroht hat, er zeigt ihn an. Dafür hat er dann sofort andere Stückeln aufgführt. Die Leitungen aus die Wänd grissen, die Klomuschel herausgrissen, die Zentralheizung abdreht und vom Dachboden aus Wasser in die Wohnung rinnen lassen. (Schreit:) Eis an die Wänd! Eis an die Wänd! — Bitte! Gehts doch hinauf (deutet zu den Fenstern des 1. Stockes) und schauts euch des an!

1. GENDARM: Des is sein Haus, Hedwig. Er kann abreißen, was er will, die ganze Hütten da, wenns ihm paßt.

2. GENDARM: (zu Robert) Da kommt übrigens eine Gerichtsverhandlung auf dich zu.

ROBERT: Was?

2. GENDARM: (zum Exekutor) Er hat einen von die Arbeiter über die Treppen hinuntergworfen. Schwere Knieverletzung. Des is eine rabiate Familie, des kann i Ihnen sagen.

ROBERT: Des war a Unfall! Des wollt i doch nit! I wollt doch nur die Arbeiter daran hindern, daß sie der Mama die ganze Wohnung demolieren. I bin nit rabiat, i bin froh, wenn mir keiner was tut!

EXEKUTOR: Frau Lamprecht, das ist offenbar wirklich eine Familienangelegenheit. Ich weiß nicht, warum einer Ihrer Söhne unbedingt Ihr Haus haben will.

1. GENDARM: (genervt) Ja, damits in der Familie bleibt! Hätt ja auch jemand anderer ersteigern können. Dann hätt sie nit amal den Dachboden kriegt. So muß ma des sehen!