Titel

Irene Prugger

Letzte Ausfahrt

vor der Grenze

Erzählungen

Zitat

Erster aktiver Liebesimpuls: ein schludriger Kuss,

während meine Frau sich die Schuhe anzieht.

Sie starrt mich an. „Ach so, es ist Frühling“, sagt sie.

Harold Brodkey


Schade, dass man die Männer noch nicht bekommt

als Ampullen

als Pillen

als Salben

Ana María Rodas

Paartherapie

„Fangen wir an“, sagte Barbara zu den beiden, die ihr gegenüber Platz genommen hatten. „Weshalb kommen Sie zu mir?“

„Um unsere Beziehung zu retten“, sagte die Frau.

„Richtig“, bestätigte der Mann.

Ein attraktives, sympathisches Paar, beide Mitte vierzig, verheiratet. Sie hatten sich die Plätze nah beieinander gewählt. Das kam selbst in sehr zerrütteten Beziehungen häufig vor. Die ungewohnte Situation brachte es mit sich, dass manche Paare sich beim Übertreten der Schwelle noch einmal kurz verbündeten.

„Können Sie das konkretisieren?“, fragte Barbara.

„Wir haben so selten Zeit füreinander“, erklärte der Mann.

„Ja“, bestätigte die Frau. „Wir haben wirklich nur sehr selten Zeit füreinander. Er ist meistens nicht da, wenn ich ihn brauche.“

„Und das tut mir auch sehr leid“, sagte der Mann. „Aber die Umstände lassen es oft einfach nicht zu.“ Er wandte sich an die Frau: „Mir geht es doch genauso. Wenn ich dich brauche, hast du ja auch nicht immer Zeit.“

Barbara richtete sich auf ein längeres Gespräch ein. Die objektive Zeit einer Sitzung betrug fünfzig Minuten, aber wie der Wetterbericht neuerdings auch die gefühlte Temperatur angab, rechnete sie bei diesen Sitzungen mit gefühlter Zeit. Bei diesen beiden mit ihren höflichen Umgangsformen, die wie ein klebriger Schmelz die kleinen Unglücksnester überzogen, würde sie ganz entschieden von der objektiven Zeit abweichen. Barbara schätzte ungefähr doppelt so lang. Sie unterdrückte das Verlangen, jetzt schon nach einem der süßen Drops zu greifen, die in einer kleinen Schale am Tisch standen, hauptsächlich für ihre eigene Versorgung.

„Wie lange sind Sie zusammen?“

„Fast sieben Jahre“, sagte die Frau. „Sieben sehr glückliche Jahre.“

„Wir hatten es immer schön miteinander“, bestätigte der Mann, „kaum Auseinandersetzungen, wir teilen dieselben Interessen, können gut miteinander reden, wir haben Vertrauen zueinander und auch im Bett klappt es prima, um nicht zu sagen fantastisch. Wir lieben uns wie am ersten Tag, sie macht mich glücklich und sie gefällt mir noch immer.“ Er fasste nach der Hand der Frau und drückte sie mit einer innigen Geste.

Wie therapiert man ein glückliches Paar, ohne es ins Unglück zu stürzen? Aber möglicherweise steckte das Unglück hier ja in zwei besonders verkorksten Gemütern. Bei der menschlichen Psyche war man auch mit jahrzehntelanger Erfahrung vor Überraschungen nicht sicher. Und in der Dynamik von zwei Seelen, die auf geheimnisvolle Weise zusammenspielen oder sich gegenseitig auszuspielen versuchen, schon gar nicht. Dazu kamen die hohen Erwartungen. Warum genügte es den Menschen nicht, eine gute Beziehung zu führen, warum sehnten sie sich nach Liebe? Und wenn sie die Liebe hatten, dieses große, seltene Geschenk, weshalb konnten sie dann nicht einfach danke sagen und wollten auch noch eine gute Beziehung? Als müsse Liebe unbedingt Alltagstauglichkeit beweisen, damit man ihr vertrauen kann.

„Wenn es nur das Zeitproblem ist, warum nehmen Sie sich dann nicht mehr Zeit füreinander?“, fragte Barbara.

„Wenn das so einfach wäre, säßen wir nicht hier“, sagte der Mann.

„Richtig“, bestätigte die Frau. „Es ist wirklich nicht so einfach.“

„Hatten Sie denn früher mehr Zeit füreinander, hat sich in Ihrer Lebensstruktur Wesentliches geändert?“

„Wir sind beide sehr engagiert im Beruf, das waren wir schon immer“, erzählte die Frau. „Unsere Kinder sind mittlerweile erwachsen. Es sind zwar nicht unsere gemeinsamen Kinder, weil wir diese Partnerschaft ja erst später eingegangen sind, ich will nur sagen, mit den Kindern gibt es kein Problem. Vielleicht ist es ja gar nicht einmal so sehr die mangelnde Zeit selbst, aber es gibt Themen, die wir ausgrenzen müssen.“

Barbara schwieg, um der Frau die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken zu vertiefen. Erst als nichts mehr kam, hakte sie nach. „Welche Themen?“

„Themen, die das Zusammenleben im Alltag so mit sich bringt“, sagte die Frau, und zum ersten Mal wirkte ihr Blick auf den Mann ein wenig unsicher.

Im Grunde wussten alle, woran es haperte. Es ging nur darum, es auszusprechen und deutlich zu machen und dann eine Lösung zu finden. Meistens lag die Lösung im Kompromiss. Für die Ästhetik eines guten Kompromisses konnte Barbara sich begeistern. Leider verkamen sie in der Praxis oft zu faulen Kompromissen, weil die Einsicht bei den beteiligten Parteien von Tag zu Tag nachließ, sie in die alten Muster verfielen und damit vertragsbrüchig wurden.

„Wenn wir mehr Zeit miteinander verbringen könnten, müssten wir diese Themen nicht aussparen“, sagte der Mann. „Insofern ist es schon auch ein Zeitproblem, aber selbstverständlich nicht nur. Es ist vielleicht vor allem ein Organisationsproblem, das wir nicht in den Griff bekommen.“

„Schon von Beginn an nicht“, bestätigte die Frau.

„Es ist aber nicht so, dass wir nicht an unserer Beziehung arbeiten würden“, setzte der Mann hinzu. „Wir haben einen Nachmittag und Abend in der Woche ganz allein für uns reserviert. Diese gemeinsamen Stunden sind uns heilig. Wir verzichten nur im äußersten Notfall darauf. Aber es ist wohl zu wenig.“

„Bei Weitem zu wenig“, bestärkte die Frau.

Barbara langte nach einem Kirschdrop, biss darauf herum und überlegte, ob sie nicht besser die Zeit hätte nützen sollen, um eine andere Beziehung zu retten, ihre eigene zum Beispiel. Da stand es Spitz auf Knopf und eine klärende Aussprache wäre längst nötig gewesen. Aber dazu bedurfte es eines Impulses oder einer Zunahme an Leidensdruck. Außerdem hätte sie wieder an die grundsätzliche Liebestauglichkeit der Spezies Mensch glauben müssen und das war schwierig in diesem Beruf. Sogar dann, wenn man zwei turtelnde Tauben vor sich sitzen hatte.

„Wie sehen diese gemeinsamen Stunden aus?“, fragte Barbara.

Sie schenkten sich wieder einen innigen Blick. „Nun ja“, antwortete die Frau, „diese Stunden sind der Liebe gewidmet. Seelisch und körperlich, wenn Sie wissen, was ich meine.“

Oh ja doch, so weit konnte Barbara noch folgen. Sie langte nach einem nächsten Drop, Pfirsich diesmal. Schlecht für die Zähne, aber gut für die Nerven. Die beiden machten sie aggressiv mit ihrer zur Schau gestellten Herzinnigkeit. Es gab Paare, die sie am liebsten in eine Talkshow geschickt hätte, weil sie nur ihren Müll auskippen wollten, ohne sich weiter darum zu kümmern. Und wies man sie dann – therapeutisch korrekt selbstverständlich – darauf hin, dass sie ihren Mist gefälligst selbst wegzuräumen hatten, wenn sie in einem angenehmen Umfeld leben wollten, reagierten sie oft wie vor den Kopf gestoßen und argumentierten, sie hätten für eine saubere Lösung bezahlt. Diese beiden waren nicht gekommen, um ihren Müll auszuschütten, sondern um von ihrem Glück zu berichten. Sie hatten sich vermutlich in eine Isolation hineinmanövriert, weil Verwandte und Bekannte es nicht mehr ertrugen, mit so viel Harmonie konfrontiert zu werden. Glück ist bekanntlich nur die Hälfte wert, wenn es nicht mit aufrichtigen Neidern geteilt werden kann.

„Sollen wir näher darauf eingehen?“, fragte der Mann.

„Worauf?“, fragt Barbara.

„Auf unsere schönen gemeinsamen Stunden“, sagte die Frau.

Barbara unterdrückte ein Seufzen. „Wenn Sie das Gefühl haben, es sei wichtig, dann ja.“

Und so schenkte sie ihnen ihr Ohr und ihre nicht ganz ungeteilte Aufmerksamkeit, denn während sie Beteuerungen von einem zärtlichen, verständnisinnigen Liebesleben mit wunderbarem, fantastischem, befriedigendem und nach all den Jahren durchaus noch experimentierfreudigem Sex hörte, überlegte sie, ob sie zur nächsten Abendeinladung Knödel mit gelber oder doch lieber mit schwarzer Polenta, also mit Mais- oder Buchweizen- oder gar Esskastanienmehl zubereiten sollte. Aber Sybille, die kapriziöse weibliche Hälfte des eingeladenen Paares, verzichtete ohnedies aus Diätgründen auf jede Beilage und Kurt, Barbaras unverbesserliche Hälfte, konnte es sich dann nie verkneifen, mit einem Seitenblick auf Barbara zu bemerken, dass solche Diätmaßnahmen ja durchaus Wirkung zeigten, wenn man sie nur konsequent durchhielte, worauf Barbara jedes Mal zwar nicht der Appetit, aber jede Lust auf weitere Konversation verging, was wiederum Norbert dazu veranlasste, aus falsch verstandener Diplomatie über unverfängliche Themen zu referieren, aber unverfängliche Themen wurden schnell verfänglich, wenn Norbert darüber referierte, weil er stets in diesem unerträglichen dozierenden Tonfall redete, sodass Barbara nicht umhin konnte, wieder in die Diskussion einzusteigen oder zumindest ein paar kritische Bemerkungen einzustreuen. Und weil Norbert kritische Bemerkungen von Frauen nicht mehr aushielt, seit sein Selbstbewusstsein durch Karriererückschläge angeknackst war, würde er schließlich auf weibliche Befindlichkeiten überhaupt keine Rücksicht mehr nehmen und ohne Überleitung zu seinem Lieblingsthema Fußball schwenken, was Kurt sich gern zunutze machte, um auf die neuesten Wettskandale und auf Korruption zu sprechen zu kommen, weil er meinte, mit seiner aufrechten Gutmenschen-Haltung Sybille beeindrucken zu können, die sich tatsächlich beeindrucken ließ, und jedes Mal mit dumm klimperndem Augenaufschlag seinen Ausführungen lauschte und für Kurt und gegen Norbert Partei ergriff, obwohl die beiden doch meistens in wesentlichen Punkten einer Meinung waren, was ihnen aber wegen Sybilles vorlauter Einmischung selbst bald nicht mehr klar war und sie sich schließlich tatsächlich als Kontrahenten fühlten und die Diskussion heftiger und heftiger wurde und niemand es mehr für Wert befand, Barbaras bestens gelungene Nachspeise aus selbstgepflückten Himbeeren ausdrücklich zu loben, so wie das ganze prächtige Essen mit einem mehrfach wiederholten einfallslosen „mhm“ aus drei Mündern insgesamt unterbeurteilt werden würde, das wusste sie jetzt schon. Schließlich würde sie dafür vier Stunden in der Küche gestanden sein, ohne dass Kurt ihr auch nur mit einem Handgriff behilflich gewesen sein würde, aber wenn sie das so nebenbei beim Servieren des Hauptgerichtes vor den Freunden erwähnte, schoss er mit Giftpfeilen zurück und verriet, dass sie unter der Woche bevorzugt Convenience-Food koche und auch vor dem einen oder anderen Päckchen Instant-Suppe mit penetrantem Maggi-Geschmack nicht zurückschrecke, sodass Norbert sich bemüßigt sah, aus männlicher – oder weiblicher? – Solidarität auch ein paar kompromittierende, durchaus witzige Details aus Sybilles Leben preiszugeben, was Barbara einigermaßen versöhnlich zu stimmen vermochte und zu lautem Gelächter verleitete, in das Sybille jedes Mal mit gezwungener Fröhlichkeit einstimmte, weil ihr nie klar war, dass sie von dem Kakao, durch den man sie zog, nicht nur trank, sondern gierig schlürfte, weshalb sie noch ein paar Anekdötchen aus ihrem schusseligen Leben obendrauf setzen würde, bei denen sie nur vermeintlich schlecht wegkam, denn in Wirklichkeit appellierte sie mit zur Perfektion ausgefeilter Hilflosigkeit an den Beschützerinstinkt der Männer und, wie nicht anders zu erwarten, fielen beide jedes Mal darauf herein und machten ihr Komplimente, dass sie ihr Leben ja doch ganz gut im Griff habe und dass sie darüber hinaus auch noch fantastisch aussehe, und Kurt pflegte das gern zu wiederholen, wenn die beiden längst wieder gegangen waren, wie fantastisch Sybille doch aussehe und welch tolle Figur sie noch habe und wie tüchtig sie sei, und dabei dachte er nicht einen Augenblick daran, Barbara beim Tischabräumen zu helfen, sondern genehmigte sich in aller Ruhe noch ein Gläschen Wein und sprach von einem überaus gelungenen Abend, sodass Barbara sich jedes Mal fragte, wer von ihnen beiden an einer eklatanten Wahrnehmungsstörung litt und ob ihre Ehe nicht längst am Ende war.

„Ja, so ist das bei uns!“, schloss die Frau die gemeinsamen Ausführungen.

Barbara fragte sich nicht wie sonst bei kompliziert gelagerten Fällen, ob sie etwas Wesentliches überhört hatte, sie war das Geflöte und Gezirpe endgültig leid. „Vielleicht sollten Sie nach Hause gehen und einfach so weitermachen wie bisher. Kochen Sie sich am besten etwas Feines und dann …“

„Das geht aber nicht“, unterbrach sie der Mann.

„Und warum nicht?“, fragte Barbara.

„Wir haben getrennte Küchen“, sagte die Frau.

„Ach ja? Und warum?“ Hatte sie am Ende doch etwas überhört?

„Wir sind verheiratet“, sagte der Mann.

„Das weiß ich, das haben Sie zu Beginn schon gesagt!“

„Aber nicht miteinander“, sagte die Frau.

„Sondern?“, fragte Barbara.

„Ich mit meiner Frau“, sagte der Mann.

„Und ich mit meinem Mann“, sagte die Frau.

Barbara musste erst die letzten Reste des Drops hinunterschlucken, bevor sie imstande war, einigermaßen gelassen die nächste Frage zu formulieren: „Und welche Beziehung wollen Sie nun retten?“

„Alle drei“, sagten die beiden unisono, fassten sich wieder an der Hand und sahen Barbara erwartungsvoll an.