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Jürg Amann: Mutter töten

Jürg Amann

MUTTER TÖTEN

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© 2003

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ISBN 978-3-7099-7621-0

Umschlag: Benno Peter

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In memoriam R. A. -N

(1922 - 2002)

I

DIE REISE

»Du sollst Vater und Mutter ehren.«

Viertes Gebot

Als im Herbst 1956 der jährlich zu dieser Jahreszeit von uns mit der Post erwartete Jutesack mit den Kastanien nicht kam, war es noch eine Vermutung, als zwei Monate später auch das gewohnte Weihnachtspaket mit den Torrone-Stengeln, den Amaretti und dem Panettone ausblieb, galt es in der Familie als ausgemacht, dass der Tessiner Grossvater gestorben war. Als der Vater, wieder ein paar Monate später, nachdem er endlich eine Telefonnummer hatte ausfindig machen können, für seine Frau, meine Mutter, die das unehelich geborene Kind des uns seit jeher immer wieder in Richtung Süden Entschwundenen und nun offenbar endgültig auch von der Erdoberfläche Verschwundenen war, unter einem Vorwand, in vorher auswendig gelernten italienischen Worten, dort nach ihm fragte, kam die Bestätigung: Il signor Galli e morto.

Wir hatten über seinen Wohnort ja nie etwas Genaueres wissen dürfen. Jeder Verkehr mit ihm, das Bestellen von Grüssen, eine Einladung zu einem Besuch, das Sich-Bedanken für die Geschenke, musste sich über seinen Arbeitgeber, eine Firma Züblin, Hoch- und Tiefbau, in Zürich abwickeln. Er war Eisenbahningenieur und Bauführer an der Gotthardstrecke gewesen. Meine Mutter hatte das ungeschriebene Gesetz, seine Spur nicht aufzunehmen, respektiert, solange er lebte, jetzt, da er tot war, fühlte sie sich daran nicht mehr gebunden. Schliesslich hatte er ihr immer versprochen, für sie zu sorgen, sie zu bedenken, ihr nach seinem Tod alles, was er besass, Land, Haus und Geld, zu vermachen, wenn sie ihm nur zu seinen Lebzeiten dabei behilflich sein würde, im Dorf seiner Herkunft, in dem er, wenn ihn nicht sein Beruf anderswohin versetzte, zusammen mit seiner Schwester, die dort Lehrerin war, noch immer gewohnt hatte, seinen Ehrennamen zu wahren. Sie durfte ihn darum nicht tragen. Hinter dem Namen ihres Mannes, unseres Vaters, führte sie, nach ihrer Mutter, den Mädchennamen Noseda. Ihr Vater war ein Feigling gewesen, aber er war doch ihr Vater, und darum hatte sie ihm geholfen, auch gegen sich selbst.

Ihre Mutter, die er vielleicht auch geliebt, auf jeden Fall aber geschwängert hatte, weit weg von zu Hause, von seinem Dorf, auf einer seiner SüdNord-Passagen, hatte er mit der Versprechung hingehalten, sie später, wann immer das sein sollte, zu heiraten und also alles in Ordnung zu bringen, was jetzt in Unordnung war, wenn nur erst der Streckenbau an sein Ende und damit sein Leben in ruhige Bahnen käme. Dass es sich bei diesem Streckenbau in Wirklichkeit um Revisionsarbeiten, sei es an der Trasse, sei es an Brücken, handelte, die natürlich nie an ein Ende kamen, sondern, wenn sie auf der einen Seite des Gotthards für den Moment erledigt waren, gleich auf der anderen Seite wieder beginnen konnten, hatte er nicht erwähnt, wahrscheinlich einfach zu erwähnen vergessen.

Inzwischen war unsere Mutter geboren worden und gleich zu einer Ziehmutter in einer kleinen Ortschaft am Rhein gekommen und die ersten vier Lebensjahre auch dort geblieben, weil ihre Mutter sonst ihretwegen und wegen der ledigen Mutterschaft von ihrer Mutter, die ihrerseits geschieden und zum zweiten Mal verheiratet war, aus dem Familienverband ausgestossen worden wäre. Als den Nol aus den Erzählungen der Mutter kannte ich diesen Ort ihrer ersten Kindheit. Im Nol sei sie aufgewachsen, sagte sie immer. Nol erinnerte mich immer an Nordpol. Es hätte ein Wort aus einer Kindergeheimsprache sein können. In Wirklichkeit war es ein Dorf, eher ein Weiler, direkt am Rhein, an einer Böschung, unmittelbar unterhalb des berühmten Rheinfalls, wo das Wasser schon wieder ruhiger wurde. Trotzdem hatte meine Mutter nie schwimmen gelernt und ihre Furcht vor dem Wasser immer behalten. Wenn ich, auf einem Ausflug, zwischen den Eltern, auf einem Felsen mitten in der tosenden Flut stand und durch den Wasserstaub zu blicken versuchte, lag dieser Nol am unteren Ende des Regenbogens.

Als sie vier Jahre alt war, durfte die Mutter wieder mit ihrer Mutter nach Hause. Besser, sie musste. Denn inzwischen war natürlich die Ziehfamilie zu ihrer Familie geworden, bei der sie es gut hatte, bei der sie zu Hause war. Es gab da ja noch mehr solche Kinder wie sie. Zwei Schwestern hatte sie gehabt, Ziehschwestern, die unter ähnlichen Umständen wie sie fern von ihren Familien dort auf die Welt gekommen waren. Zu Hause, vielmehr bei ihrer Mutter, war sie allein. Ihre Grossmutter, die ihre Tochter nach vier Jahren Ächtung zum ersten Mal an einem Sonntag auf einer ihrer Reisen zu ihrem Kind an den Rhein begleitet hatte, hatte das Mädchen liebenswürdig gefunden und ihr erlaubt, es zu sich und also auch in ihr Haus, unter ihr Dach zu nehmen.

Da wohnte sie nun, in der Stadt, oder am Stadtrand, fremd, verängstigt, verschüchtert, bei ihrer Sippe, die sie nicht kannte, die eine andere Sprache sprach als die, die sie am Rheinfall gelernt hatte, die die andern die Tschinggen nannten, und musste zusehen, wie der Mann, von dem man ihr sagte, dass er ihr Pate sei, der aber gleichzeitig ihr Grossvater war, der jedenfalls mit ihrer Grossmutter zusammenlebte und die ganze Familie mit seinem kleinen Maurergeschäft durchbrachte, Abend für Abend betrunken war und zuerst ihre Mutter, später, als sie grösser geworden war, auch sie selber im Rausch bedrängte. Fensterscheiben zerschlug er, Wohnungs- und Zimmertüren drückte er ein, wenn es sein musste, um sich den verweigerten Zutritt mit Gewalt zu verschaffen. Und am Sonntag, zur Feier des Tages, wollte er seine Weinbergschnecken essen, die sie ihm während der Woche im Garten und in den Wiesen am Waldrand, die man die Flore hiess, hatte aufsammeln müssen.

Sobald sie konnte, wollte sie da weg. Den ersten, von dem sie glaubte, dass sie ihn liebte und dass er sie auch liebte, einen ganz anderen, Feinen, der Gedichte schrieb, obwohl damit kein Brot zu verdienen war, wie seine Eltern sagten, der kein Tschingg war und der auch nicht trank, nahm sie zum Mann. Zur Hochzeit hatte sie auch ihren Vater eingeladen. Er hatte abgesagt, dann war er im letzten Moment doch noch gekommen, so wie er war, von der Strasse, vollkommen festuntauglich, so dass man für ihn einen Anzug hatte ausborgen müssen. Nach der Feier, für die er zur Gänze aufgekommen war, war er sofort wieder verschwunden, kein Mensch wusste, wohin. Der Mutter hatte er noch das Geld zugesteckt, dann wurde er nicht mehr gesehen.

Bis er dann in dem jungen Haushalt, der inzwischen in einem eigenen Haus gegründet worden war, zu dem aber auch die Mutter der Mutter gehörte, die immer noch auf ihn wartete, jedenfalls nie einen andern geheiratet hatte und nun auch wieder arbeiten ging, in einem Büro, um etwas dazuzuverdienen, manchmal als Gast für eine Nacht überraschend aufgetaucht war. Was heisst aufgetaucht! Telefonisch meldete er sich vorher an, aus Zürich, das kaum eine halbe Autostunde entfernt war: er fahre sofort los. Und dann warteten wir, vergeblich, stundenlang, und er kam nicht, obwohl alles in aller Eile für ihn bereitgemacht worden war. Wenn er dann kam, in seinem schwarzen Mercedes, nach vier Stunden, und man fragte ihn, nach der Begrüssung, ob er noch aufgehalten worden sei oder ob er auf der Strecke eine Panne gehabt habe, antwortete er ganz erstaunt: nein, warum, er habe sich gleich auf den Weg gemacht, aber verschnaufen habe er unterwegs natürlich ein paarmal müssen und sich die Beine ein wenig vertreten.

Was waren das immer für seltsame Besuche gewesen, was für Gespräche, bei Tisch oder beim Kaffee in den Polstern der Stube, die fast ausschliesslich von ihm allein geführt wurden, während wir andern nur ja sagten oder verlegen in sein steifes, hüstelndes Lachen einstimmten. Die Kartoffel gehört in den Keller, nicht auf den Tisch, sagte er beispielsweise. Der Mutter schaute er in die Töpfe, damit sie die Vitamine nicht wegkochte. Er sagte: Das Essen darf man nicht loben, sonst ist es beim nächsten Mal schlechter. Oder: Immer zuerst das frische Obst von der Hurd holen, nicht das alte; sonst ist das frische, bis man es braucht, auch schon das alte. Die Salamiwurst führte er so anschaulich auf den Esel zurück, dass man sie nicht mehr essen mochte. Die Brotkrümel auf dem Tischtuch wischte er mit einer gezielten Handbewegung über die Tischkante auf den Fussboden. Er war ein vornehmer Herr. Er behielt auch beim Essen Jackett und Weste an. Er trank Wein. Nach dem Essen war er immer ganz krank, nur mit einer beinahe wundertätigen Pille, die er einer Silberdose entnahm und mit einem Glas Wasser hinunterspülte, konnte das Schlimmste verhütet werden. Zur Verdauung und Auferstehung durfte er rülpsen. Wenn er da war, trug man die Sonntagskleider, auch wenn es ein Werktag war. Er sagte: Das Kind soll Zahnarzt werden, da verdient es soviel wie als Arzt und hat einen geregelten Feierabend. Das sagte er jedesmal. Mit dem Kind meinte er mich, der Bruder war ihm für seine Berufsberatung noch zu klein. Wenn er ging, steckte er jedem eine grosse Banknote zu: Mach dir selbst eine Freude. Bevor er in seinem schwarzen Wagen langsam wieder davonfuhr.

Dann waren noch jährlich die Geschenke gekommen. Dann war die Mutter der Mutter plötzlich gestorben. Und dann also er.