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FELIX MITTERER: TÖDLICHE SÜNDEN

Felix Mitterer

TÖDLICHE SÜNDEN

Sieben Einakter

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© 1999

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner

Aufführungsrechte beim Österreichischen Bühnenverlag Kaiser &

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ISBN 978-3-7099-7616-6

Umschlag: Benno Peter

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Felix Mitterer:

ANMERKUNGEN ZUM STÜCK

Mit den Lastern, mit den Sünden, beschäftigten sich seit dem Mittelalter zahlreiche Moralitäten. Im 20. Jahrhundert haben sich zwei bedeutende Dramatiker mit dem Thema „Die sieben Todsünden“ auf ihre Weise auseinandergesetzt (ein dritter mit einem kleinen Aperçu).

Da ist zuerst der Tiroler Franz Kranewitter (1860-1938), der über zwanzig Jahre (1903 bis 1925) an seinem Einakterzyklus arbeitete, den er als sein Hauptwerk ansah. Kranewitters Dramen — so auch die „Todsünden“ — sind im Bauern- und Kleinhäuslermilieu seiner Tiroler Heimat angesiedelt, seine Figuren sprechen den örtlichen Dialekt. Zentrum der Auseinandersetzung ist die Familie — „das Haus als Hölle“ (Johann Holzner). Anders als sein erfolgreicher Landsmann Karl Schönherr ist Kranewitter — weil seine Stücke härter, kompromißloser waren — kaum jemals außerhalb der Tiroler Grenzen gespielt worden und heute vergessen. Einzig Tiroler Laienbühnen und die professionellen „Tiroler Volksschauspiele Telfs“ spielen noch seine Stücke. Ich selbst wirkte 1981 bei den ersten Volksschauspielen in Kranewitters „Todsünden“ als Moritatensänger mit. Ruth Drexel, Kurt Weinzierl, Dietmar Schönherr, Gernot Friedel, Josef Kuderna, Reinhard Schwabenitzky und Alf Brustellin inszenierten je einen der Einakter. Die Aufführung — wegen der Länge verteilt über zwei Abende hatte überregionales Echo zur Folge, sie wurde auch vom Fernsehen aufgezeichnet, trotzdem blieb Kranewitter weiterhin ungespielt. Das hat mit seiner Sprache, dem Dialekt zu tun, auch mit dem Milieu, nicht zuletzt aber auch mit einem Blut-und-Boden-Geruch, der Kranewitters Stücken (mehr als denen Schönherrs) anzuhaften scheint, weitgehend zu Unrecht, wie ich meine. Kranewitter ist in eine Reihe zu stellen mit Anzengruber, Schönherr, Thoma und Lorca.

Der zweite Autor ist Bertolt Brecht (1898-1956), der 1933 für Kurt Weill einen Todsünden-Text schrieb, und zwar für eine Ballettaufführung mit Gesang und Orchester.

Brecht erfand zwei Schwestern, Anna 1 (Gesang) und Anna 2 (Tanz); im Grunde sind beide ein und dieselbe Person. Den Standpunkt der Familie vertreten zwei Tenöre, ein Bariton und ein Baß. Die Schwestern verlassen das heimatliche Louisiana, weil sie Geld verdienen wollen, damit die Familie ein Haus bauen kann. Auf ihrer siebenjährigen Reise durch Amerika werden die beiden mit den sieben Todsünden konfrontiert. Brecht stellt wie üblich die gewohnte Moral auf den Kopf, dreht die Sünden um. Anna tritt als Nackttänzerin auf, verkauft sich an einen Mann, alles für die Familie. Brecht fordert sie auf, neidisch zu sein auf die Reichen, zornig zu sein auf die, die sie ausbeuten, genug zu essen, statt für die Familie zu sparen usw. Bei der Pariser Uraufführung der Truppe Les Ballets 1933 sang Lotte Lenya Brechts Text als Anna 1, Tilly Losch tanzte dazu als Anna 2.

Auch Eugene Ionesco schrieb einen Einakter zum Thema, nämlich als Drehbuch für den französisch-italienischen Episodenfilm „Les sept peches capitaux“ (in der deutschen Fassung „Die sieben Todsünden“), den die Regisseure Jean-Luc Godard, Sylvain Dhomme, Philippe de Broca, Edouard Molinaro, Jacques Demy, Roger Vadim und Claude Chabrol 1962 drehten. Ionesco beschäftigte sich mit dem Zorn, und zwar dergestalt, daß eine Fliege in der Sonntagssuppe zuerst Ehekrach, dann Unruhen, schließlich Krieg und endlich den Untergang der Welt auslöst. Durch den Einsatz von sieben Autoren sind die einzelnen Episoden sehr unterschiedlich, es verbindet sie ein leichtfüßig-satirischer Unterton.

1995 hat sich übrigens noch einmal ein Film das Todsünden-Motiv aufgegriffen, und zwar der amerikanische Thriller „Seven“ (mit Brad Pitt, Morgan Freeman, Gwyneth Paltrow, Regie: David Fincher), in dem ein Serienkiller seine Opfer nach dem Schema der sieben Todsünden aussucht und umbringt.

Zu Beginn des Jahres 1997 trat der Schauspieldirektor des Tiroler Landestheaters, Dietrich W. Hübsch, mit einem Ansinnen an mich heran. Man plane ein Todsünden-Projekt, wobei das Meraner „Theater in der Altstadt“ den Kranewitter produzieren soll und ein deutsches Theater die Brecht/Weill-Variante. Ich selbst möge für Innsbruck einen neuen Einakterzyklus schreiben. Geplant sei, die drei Produktionen untereinander auszutauschen. Dies schien mir ein spannendes Vorhaben. Der Begriff „Sünde“ ist ja unschwer herauszulösen aus dem kirchlichen Kontext, und zwar auch ohne Brecht’schen Trick, denn im Grunde ist Sünde ja nichts anderes als ein unsolidarisches Verhalten dem Mitmenschen und der Gesellschaft gegenüber. Und interessant ist: Die eigene Sünde richtet sich auch gegen einen selbst. Der Hochmut, der Zorn, der Geiz — alles richtet sich letztlich gegen einen selbst. Die Bestrafung erfolgt schon hier und jetzt.

DIE SIEBEN TODSÜNDEN:

(von der Kirche früher auch Wurzelsünden, heute Hauptsünden genannt; lat. vitia capitalia)

1. Hochmut (auch Stolz, Hoffart, Ruhmsucht, Anmaßung; lat. superbia oder inanis gloria)

2. Trägheit (Müßiggang, Faulheit, Überdruß; lat. acedia oder tristitia)

3. Unzucht (Unkeuschheit, Wollust, Fleischeslust; lat. luxuria)

4. Zorn (lat. ira)

5. Geiz (Habsucht, Habgier, lat. avaritia)

6. Neid (lat. invidia)

7. Unmäßigkeit (Völlerei; lat. gula)

Die Siebenzahl der Todsünden ist seit Papst Gregor dem Großen (540-604) üblich, früher wurden, indem man Hochmut (superbia) und Stolz (inanis gloria) trennte, acht Sünden gezählt. Die Reihung der Sünden hat sich im Laufe der Zeit mehrmals geändert, allerdings stand der Hochmut als Urgrund aller Sünden immer am Anfang, die Trägheit (acedia) immer am Ende. Die heutige Reihung der Kirche ist Hochmut, Geiz, Neid, Zorn, Unzucht, Unmäßigkeit, Trägheit; sie wurde von mir aus dramaturgischen Gründen geändert.

PERSONEN:

Mann

Frau 1

Frau 2

Kind

RÄUME:

Speisezimmer

Wohnzimmer 1

Wohnzimmer 2

Fernsehstudio

Büro

Das Kind ist darzustellen von einer jungen, kleinen Schauspielerin, Geschlecht und Alter sollen aber diffus bleiben, obwohl man an Hand des Textes dreimal (Hochmut, Zorn, Geiz) ein männliches und zweimal (Unzucht, Unmäßigkeit) ein weibliches Kind vermuten kann.

In Maske und Kostüm gleichen die Personen den Außerirdischen in amerikanischen Science-fiction-Serien. Dies kann eine kleine Anomalie im Gesicht oder in der Gesichtsform sein, zum Beispiel ein sehr hoher Haaransatz, wodurch auf der vergrößerten Stirnfläche Raum ist für ein reliefartiges (wulstiges, wucherndes) Zeichen oder Mal.

Auch das Interieur hat Anklänge an dieses Genre. Wohnzimmer und Speisezimmer definieren sich durch Lichtschranken, das Fernsehstudio durch Lichtfelder, das Büro durch Lichtfelder mit großen Fensteröffnungen.

Falls Musik, dann wie ein „Filmsoundtrack“, wobei man als Hauptthema die Melodie von „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod“ einarbeiten könnte, da dieses Lied in drei der Einakter vorkommt.

HOCHMUT

In große Höhen

steigt die Seele des Hochmütigen empor,

und von dort stürzt sie sich selbst

in die Tiefe hinab.

(Evagrios Pontikos, 345-399)

(Speisezimmer. Der Raum ist durch Lichtschranken abgegrenzt, eine Türöffnung frei. Dunkel. Mann und Frau 1 kommen herein. Mann hat einen langen, schwarzen Gummimantel an und trägt eine Geburtstagstorte mit zehn brennenden Kerzen, Frau hat ein langes Messer in der Hand. Kind sitzt am Tisch, hat dasselbe Gesicht wie Mann. Diese Gleichheit muß keine fotografische sein, es genügt, wenn die beiden dieselbe auffallende Anomalie in der Gesichts- oder Schädelform auf weisen, zum Beispiel eine ausgebuchtete Stirn. Mann und Kind können diese Maske auch in den anderen Einaktern beibehalten, denn es ist in der symbolischen Bedeutung richtig, wenn die beiden sich immer ähneln. Kind trägt den rechten Arm in Schlinge. Vor ihm am Tisch Teller und Kuchengabel sowie ein großes Glas mit einem Cocktail von Aufbaupräparaten.)

MANN/FRAU: (singen) Happy Birthday to you, Happy Birthday to you, Happy Birthday, dear Hans, Happy Birthday to you!

(Mann stellt die Torte auf den Tisch, Kind steht auf bläst die Kerzen aus, Mann und Frau applaudieren, das allgemeine Licht geht von selbst an, Frau küßt Kind auf etwas übertriebene Art, sticht ihm dabei fast das Messer in den Hals. Kind entwindet sich, setzt sich. Frau ist auf fast unmerkliche Weise betrunken. Mann nimmt Frau mit leichter Ungeduld das Messer weg, Frau setzt sich, zündet sich eine Zigarette an, trinkt von ihrem Kognak. Mann schneidet die Torte an, legt ein Stück auf den Teller des Kindes, setzt sich, schaut leicht nervös auf seine Uhr, schaut lächelnd Kind an, dieses blickt zurück, Mann deutet mit dem Kopf auf das Tortenstück.)

MANN: Heute darfst du, ausnahmsweise.

(Kind beginnt langsam zu essen, Gabel für Gabel, ganz sorgfältig und ohne Appetit, Mann und Frau schauen lächelnd zu.)

MANN: (zu Kind) Wir müssen uns dann absprechen, was wir morgen in der Talkshow sagen. Wir sind bei Ulrike. Die hat die höchsten Einschaltquoten.

FRAU: (ärgerlich) Hör doch endlich auf, ihn dauernd der Öffentlichkeit zu präsentieren. Sowas von peinlich.

MANN: Du bist nur neidig, weil sich für dich niemand interessiert.

FRAU: Du führst ihn vor wie einen Freak. Warum tust du ihm das an?

(Mann starrt sie an, will etwas Zorniges sagen, beherrscht sich wegen des Kindes.)

FRAU: Würdest du bitte den Mantel ausziehen, was soll das?

MANN: Wir haben einen Interviewtermin.

(Frau schüttelt mit tiefem Ärger den Kopf Mann schaut auf seine Uhr, schaut zum Kind, schiebt ihm auffordernd lächelnd das Glas näher.)

KIND: Ich kann das nicht mehr trinken, Vater.

MANN: Du brauchst es.

KIND: Ich bring’s nicht mehr hinunter. Tut mir wirklich leid.

(Mann holt Ampulle und Spritze hervor, zieht die Flüssigkeit in die Spritze, steht auf schiebt Kind den linken Ärmel zurück, injiziert in eine Kanüle, die mit Heftpflaster befestigt ist. Kind läßt es sich gefallen, schaut nicht einmal hin, ißt währenddessen weiter. Frau wendet sich wütend ab.)

MANN: Hast du dir das Video angesehen?

KIND: Ja.

MANN: Worauf kommt es an?

KIND: Handgelenk steif, nicht zu weit ausholen, Gewicht nach vorne, still stehen, ruhiger Schlag.

MANN: Du schlägst den Gegner, nicht den Ball. (Kind antwortet nicht.)

MANN: Du schlägst den Gegner, nicht den Ball.

(Dezidiert:) Dein einziges Ziel ist die Vernichtung des Gegners!

KIND: Ja, Vater.

MANN: (setzt sich) Du bist zu wenig aggressiv. Warum bist du so wenig aggressiv? Ich war ungeheuer aggressiv. Ohne Aggressivität geht es nicht. Du mußt deinen Gegner hassen.

FRAU: Stell dir einfach vor, dein Vater ist der Gegner. Dann müßte es doch hinhauen.

KIND: Du sollst nicht rauchen, Doris.

FRAU: Sag Mama zu mir. (Kind ißt, antwortet nicht.)

FRAU: Sag einmal Mama zu mir. Warum sagst du nicht Mama zu mir? An deinem Geburtstag.

(Mann schlägt Frau die Zigarette aus dem Mund, steht auf hebt die Zigarette auf löscht sie sorgfältig im Aschenbecher aus.)

MANN: (zu Frau) Du hast uns immer sabotiert. Immer. (Heftig:) Wir sind Sportler!

(Frau zündet sich eine Zigarette an.)

FRAU: Darf ich dich was fragen, Kind? An deinem Geburtstag? Hast du Spaß an deinem Leben?

MANN: Was soll das? Fängst du schon wieder an zu stän-kern?

FRAU: Ich darf ja wohl das Kind an seinem Geburtstag fragen, ob es Spaß hat an seinem Leben.

MANN: (dezidiert) Das Leben ist kein Spaß. Das Leben ist Kampf. Wenn du gewinnst, dann hast du Spaß.

FRAU: Wird er kaum jemals Spaß haben.

MANN: Eine Voraussetzung ist, vor allem für ein Kind: Harmonie in der Familie.

FRAU: Bin ich dafür.

MANN: Warum störst du dann die Harmonie? Ständig.

(Heftig:) Seit Jahren!

FRAU: Weil ich überflüssig bin.

MANN: Bist du nicht. Bist du nicht. Du bist ein wichtiger Bestandteil des Planes. Du bist unerläßlich.

FRAU: Ach ja?

MANN: Du bist zuständig für Harmonie. Wir haben eine Abmachung, erinnere dich. Du bist zuständig für Harmonie. Deine einzige Aufgabe. Du bist frei, du kannst tun, was du willst, aber, wenn wir nach Hause kommen, ist deine Aufgabe die Harmonie. Ein freundliches Lächeln, gute, gesunde, ausbalancierte Kost, die Frage, wie war es, erzählt, wie war es, Anteilnahme, Interesse, das Kind in den Arm nehmen, wenn es einmal nicht so gut lief. Mehr nicht. Das war abgemacht. Statt dessen sabotierst du uns. Behelligst uns mit deiner Überspanntheit. Rauchst, trinkst, läßt dich gehen. Wir brauchen Halt, Halt!

FRAU: Ich kündige die Abmachung, Hans.

MANN: Das geht nicht, das kannst du nicht.

FRAU: Ich steige aus. Ich gehe. Ich lass’ euch allein.

MANN: Das machst du nicht.

FRAU: Doch, Hans.

MANN: (nimmt hart ihre Hand) Das machst du nicht.

KIND: (weinend) Nicht an meinem Geburtstag. Nicht an meinem Geburtstag.

FRAU: Was?

KIND: Streiten. Streiten.

FRAU: Ich streite nicht. Ich teile euch nur mit, daß ich weggehe.

KIND: Geh bitte nicht weg.

FRAU: Ihr braucht mich nicht.