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Klaus Merz:
Kommen Sie mit mir ans Meer, Fräulein?

Klaus Merz

Kommen Sie mit mir
ans Meer, Fräulein?

Roman

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© 1998

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ISBN 978-3-7099-7619-7

Umschlagbild: Heinz Egger

Diesen Roman erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

1

Unterwegs zu Maria hattest du anfangs Angst, die Straße vor dir könnte plötzlich aufhören, vergrasen, ins Unkraut führen, ins Unterholz. Wegelagerer träten dir vor den Wagen, dubiose Gesellen mit finsteren Gesichtern, dem entzündeten Augenlid.

Oder es beugen sich uniformierte Ordnungshüter in dein offenes Wagenfenster. Sie verlangen nach Ausweispapieren, die du nicht bei dir trägst, und verschwinden wieder, ohne zu insistieren. Du fährst zwischen hohen Maisfeldern in einem grünen Kanal. Schwarzbrauner Maisbart hängt da und dort aus den halbreifen Kolben. Achselhöhlen kommen dir in den Sinn, schattige Buchten für verborgene Vogelnester, in denen du deine knochig gewordenen Hände neu ausbrütest, bis sie wie Vögel fliegen: fünf flügge gewordene Finger über einer hellen Landschaft aus Haut und Haar.

Sie sei froh, hat Rosina kürzlich zu dir gesagt, daß die Maisfelder bald abgeerntet würden, man sehe dann wieder besser durch die Welt.

Du siehst sie mit Anna zusammen im grün gestrichenen Türrahmen stehen, als du zu Hause weggefahren bist, ohne zu sagen wohin. Richtung Süden wahrscheinlich.

Einfach ein wenig weg.

Die hellen Tage der letzten Zeit haben unter deiner Schädeldecke einen ziehenden Schmerz verursacht. In klaren Nächten sind auch die Lichter des Bergrestaurants am Horizont wieder zu erkennen gewesen.

Ausfahren, hast du noch gesagt und geschwiegen. Du erinnerst dich, wie du plötzlich nicht mehr sicher gewesen bist, ob dir das tatsächlich zustehe, deine Redensarten sind dir peinlich geworden. Der Wind hat einen blauen Vorhang aus dem offenstehenden Küchenfenster gezerrt. Du hast zu zögern begonnen, bis Anna für dich entschieden hat: Geh jetzt, hat sie zu dir gesagt, und nach einer kurzen Pause beigefügt, bevor es Abend wird und ich dich bitte zu bleiben. Du hast deine Hand auf Rosinas helles Haar gelegt und sie wieder weggezogen, als du sie auf dem Kopf des Kindes hast liegen sehen.

Ihr habt einander rasch umarmt.

Trag Sorge zu dir.

Du auch.

Es war plötzlich eine Fremdheit zwischen dir und Anna, die euch beide sehr sorgfältig machte. Rosina biß auf die Haarsträhne, die sie sich quer über das Gesicht gezogen hatte.

Nachher, beim Einbiegen in die Hauptstraße, stelltest du dir vor, wie sie ihren Kopf an Annas Hüfte schmiegen würde, tratest ohne ersichtlichen Grund auf den Knopf der defekten Scheibenwischanlage, diktiert Dubois, den Blick gegen die weißliche Zimmerdecke gerichtet, das kleine Aufnahmegerät in der rechten Hand.

Eine Stunde zuvor hatte er noch in der Mitte des engen Raumes auf einem schmalen Schragen gelegen, der mit einem weißen Wegwerflaken überzogen war. Er trug seine eigenen Kleider, das helle Hemd, die blaue Hose. Am Türhaken sah er ein frisches Krankenhemd hängen, weiß, mit weinroten Streifen, einem offenen Rückenschlitz und zu kurzen Ärmeln.

Der Sonnenstore stand auf halbmast. Durch die Scheiben schien grünes Licht. Er betrachtete den Wandkalender mit Daten und Namenstagen, dem fetten Schriftzug eines Pharmakonzerns. In einiger Entfernung schrie ein Kind. Schritte im Korridor.

Kurze Zeit später trug Dubois das Hemd mit den Ärmeln. Er lag seitwärts, hatte je einen Fiebermesser im Hintern und unterm Arm. Blut und Urin waren bereits untersucht.

Blutdruck normal.

Schwester Barbara war von Anfang an freundlich zu ihm. Er sprach hochdeutsch mit ihr, obwohl sie ihm versichert hatte, daß sie auch Mundart verstünde. Chuchichäschtli, kein Problem. Sie traf seine Venen auf Anhieb. Aber spätestens bevor er sie mit nur noch gespielter Gelassenheit nach ihrer genauen Herkunft fragte, spürte er, daß es für ihn jetzt vor allem darum gehen würde, keine tatsächlichen Verwundungen aufkommen zu lassen, um nicht in etwas hineinzugeraten, vor dem es auf der Hut zu sein galt: Dubois A., 644.45 .403 .3 , Verdacht auf innere Verletzungen, Krankenkasse Helvetia.

Schwester Barbara freute es, daß er Erlangen kennt. Über ihr verlängertes Wochenende werde sie hinfahren. Elternbesuch. Ob er mitgehen möchte, hatte sie ihn scherzend gefragt, das Fieberthermometer aus dem After gezogen. Er durfte sich von nun an auf den Rücken legen, wenn er wollte. In einigen Minuten würde der Chef bestimmt da sein.

Dubois ging die Namen auf dem Wandkalender durch, fand seinen eigenen Vornamen mit dem vorangestellten Datum. Meist liegt noch Schnee um diese Jahreszeit.

Als er einen Moment lang die Augen schloß, spürte er zum ersten Mal seit seiner Einlieferung den stechenden Schmerz in der oberen Bauchgegend wieder gegen die Haut drücken.

Professor Decker, stellte sich dann der Chefarzt vor. Er weiß, wer er ist, altes Schrot und Korn, sagte seine Namen, als sagte er Schach matt. Die graue Operationskappe nahm er für den Besuch nicht ab. Nach drei, vier gezielten Fragen und unerwartet sanften Bauchgriffen ordnete er die vorläufige Überwachung und zusätzliche Abklärungen an: Jägerlatein über die zurückgeworfene Wolldecke hinweg.

Der Notfallarzt nickte.

Dubois hörte sich selbst nach Milz und Leber fragen, als machte er unverbindliche Menüvorschläge. Er wollte sich von den Herren nicht überrumpeln lassen, aber da hatte der Troß sein Zimmer bereits wieder verlassen.

Als einzige kehrte Schwester Barbara nach einer Weile zu ihm zurück, erklärte ihm die bevorstehenden Maßnahmen:

Stündliche Blutdruck- und Pulskontrolle. Überwachung des Bauchumfanges. Eine Abdominal-Lavage, wenn nötig.

Zwecks ständiger Operationsbereitschaft hatte Dubois vorläufig nüchtern zu bleiben. Das Legen einer Leitung war erst für später vorgesehen. Traubenzucker, Kochsalz.

Abdomen heiße eigentlich Schmerbauch, erläuterte die Schwester, im medizinischen Bereich sei die Bauchhöhle damit gemeint.

Dubois war es recht, daß die Schwester weiterredete, während man seinen Schragen durch ein richtiges Bett ersetzte und an die Wand schob. Aber er wollte sich nicht einrichten zwischen den freundlichen, weißen Tüchern. Er schwitzte, stellte den beweglichen Kopfteil flach, hoch, flach, verhaspelte sich fortwährend im feuchter werdenden Bettuch, suchte vergeblich nach kühlen Stellen für seine Füße. Das Bild eines aufgespannten Ochsen am Drehspieß kam ihm immer wieder in den Sinn.

Einen Augenblick lang sah er jetzt Anna und Rosina zu Hause am Mittagstisch sitzen, die Teller halb leer gegessen. Auf seinem eigenen Stuhl lag eng zusammengerollt die Katze. Niemand sagte ein Wort.

Dubois kam sich nicht unersetzbar vor. Und doch spürte er, wie dieses Bild als zusätzlicher Schmerz in seine Bauchhöhle einfuhr. Die unverstellte Angst, langsam in sich hineinzuverbluten, nahm ständig zu.

Er griff wieder nach dem Diktiergerät auf dem Nachttisch, drückte die Wiedergabetaste und hielt das schmale Sieb des eingebauten Lautsprechers an sein Ohr:

Es ist ein heller Tag, hörte er sich unter Motorengeräuschen sagen, staubige Straßenränder. Rotlicht. Linkerhand eine geschlossene Tankstelle. Die Fenster ohne Vorhänge im ersten Stock stehen offen. Das grünrote Castrol-Blech dreht langsam im Wind. Vor dem Zählwerk der Normalsäule fehlt das Schutzglas. Dubois hatte diese Sätze am Morgen während der Fahrt Richtung Innerschweiz protokolliert.

Der unablässig an den Wagenfenstern vorüberziehenden Welt wenigstens mit Worten auf der Spur bleiben, begründet er seine mündlichen und schriftlichen Aufzeichnungen. — Es war bei den paar Sätzen geblieben. Die eigene Stimme beruhigte, aber es war zu wenig, um gegen die zunehmende Unruhe aufzukommen.

Dubois drückte die rote Sprechtaste und begann, das angefangene Diktat fortzusetzen. Während er sich Wort für Wort aus seiner drohenden Verletztheit herausredete, nahm auch das Stechen in seiner Bauchgegend wieder ab.

Als Schwester Barbara die nächste Kontrolle vornimmt, versichert ihr Dubois, daß er absolut gesund sei. Der Schmerz in seiner Bauchgegend habe sich im Verlaufe des Spätnachmittages ganz verloren. Im Grunde habe er sich schon lange nicht mehr so gut gefühlt wie gerade jetzt, deshalb wolle er weiterfahren, diktieren.

Ja, das Gerät trage er immer bei sich, auch wenn er mit dem Wagen unterwegs sei. Er halte damit fest, was ihm auf der Fahrt auffalle: Kleinigkeiten, Dazwischenliegendes meist, keine Hauptsachen. Nein, eigentlich betreibe er mit seinen mündlichen und schriftlichen Notizen lediglich eine Art Spurensicherung. Um nachlesen zu können, wo es hingehe mit ihm. Er sehe für sich keine andere Möglichkeit, ein wenig vorauszuschauen. Und gegenwärtig zu sein.

Wahrscheinlich habe er Vergangenheitsaugen, fügt Dubois noch bei und schaut der Schwester zu, wie sie am Fußende des Bettes die Meßresultate in die vorgedruckte Kontrolliste einträgt. Sie ist Linkshänderin. Nachdem sie ihren blauen Kugelschreiber in die Schürzentasche zurückgesteckt hat, bleibt sie im Zimmer stehen, als erwarte sie noch etwas.

Er wäre ihr dankbar, sagt Dubois nach einer Pause zu Schwester Barbara, wenn sie ihn nicht mehr allzu oft kontrollieren, sie solle verzeihen, unterbrechen würde. Was er jetzt nämlich nicht festhalte, werde ihm im Laufe der Zeit langsam abhanden kommen. Es sei für ihn aber sehr wichtig, das spüre er, dieses Gefühl sei sozusagen an die Stelle seines Stechens in der Bauchhöhle getreten, daß er im Verlaufe dieser Nacht noch bis Erstfeld durchkomme.

Er wisse es, eine schattige Gegend, auch im Sommer.

Nein, seine Frau solle man noch nicht verständigen. Er möchte das am nächsten Tag selber tun.

Dubois vereinbart mit der Schwester, daß sie die stündliche Blutdruck- und Pulskontrolle nur noch alle zwei Stunden vornimmt. Er verspricht ihr zu läuten, falls sich an seinem Zustand etwas ändern sollte.

An der gegenüberliegenden Zimmerwand fällt ihm, nachdem sich die Schwester mit der neuen Regelung einverstanden erklärt und den schmalen Raum verlassen hat, die Reproduktion eines gemalten Alpaufzuges auf: die geschmückten Kühe in den Serpentinen, die dünne Rauchfahne, die aus der gebogenen Tabakspfeife des Sennen steigt. Ein wenig scheint er in den Knien zu gehen, da sein Reff schwer beladen ist. Bis zum oberen Bildrand breiten sich lauter saftiggrüne Alpweiden aus. Weiter gibt es nichts mehr zu sehen auf dem dunkel gerahmten Bildchen mit den messingverstärkten Ecken, denkt Dubois. Auch beim tiefen Ein- und Ausatmen meldet sich kein Schmerz mehr. Und das faustgroße Gerät in der Hand gibt ihm eine eigenartige Sicherheit.

2

Seitenwind, der Himmel Richtung Süden ist jetzt wolkenlos. Die großen Überlandleitungen in der Ebene hängen sommerlich durch. Ein Schützenhaus steht blind, aber wehrhaft auf dem offenen Feld, eine Mischung aus Alphütte und Ritterburg mit schwarz-gelb gestrichenen Fensterläden.

Wer durch dieses Land unterwegs ist, stößt vor Dörfern, am Rande von Städten, zwischen losen Wohngebieten, in Waldeinschnitten zwangsläufig und immer wieder auf diese abseitigen Bauten: Seilbahnstationen ohne Seile, Lagerschuppen ohne Gleisanschluß. Ein landesweites Arsenal von rührenden Laubsägehäuschen und unmotivierten Lawinenverbauungen.

Auf den gekiesten und geteerten Vorplätzen, den verkommenen Wiesenparzellen ragen neben den verriegelten Gebäuden leere Fahnenmasten in die Höhe. Bei Wind schlägt das Drahtseil an die langen Stangen. Die rot-weiße Schießfahne liegt eingerollt im finsteren Vorraum des Standes.