Titel

Wolfgang Morscher

Berit Mrugalska

Die schönsten Sagen Österreichs

Von Riesen und Drachen.

„Mal brüllte der Riese,
mal brüllte der Drache.“

Der Drachentöter von Mixnitz

Aus dem Murtal ist vielen die große Prozessionsfigur des Riesen Samson bekannt – und wo es Riesen gibt, da gibt es auch Drachen!

Ein besonders großer und gefährlicher Drache lebte in Mixnitz, südlich von Bruck an der Mur. Dieser Drache besaß einen schlangenähnlichen Körper, doch trug er einen schuppigen Panzer und hatte zwei spitze Flügel. Und damit nicht genug, er hatte auch noch vier Füße, und die waren mit rasierklingenscharfen Krallen ausgestattet. Dieses Monster bekam alles, was es wollte, ob Mensch oder Vieh, keine Kreatur war vor ihm sicher. Seine Opfer verspeiste er entweder gleich an Ort und Stelle oder er schaffte sie in seine Höhle am Röthelstein. Von seiner Beute ließ er nie etwas übrig, kein Knochen oder Schuh wurde jemals außerhalb seiner Höhle gefunden.

Auch der Bauer des Meierhofes aus Pernegg hatte unter dem Mixnitzer Drachen zu leiden. Immer wieder holte sich das Untier Vieh aus seiner Herde, doch eines Tages holte er sich nicht nur zwei Rinder, sondern auch noch den Hirtenjungen. Und nun bebte der Bauer vor Zorn. Er versprach demjenigen eine riesige Belohnung, der den Drachen erlegen würde. Da wurde die Sache natürlich publik, und von überallher kamen Anwärter, die sich dem Drachen stellen und die Belohnung kassieren wollten. Doch manche verließ schon der Mut, wenn sie den Drachen nur aus der Ferne sahen oder sein Brüllen hörten. Andere trauten sich schon näher heran und kämpften mit ihm, doch waren sie meist froh, wenn sie mit ein paar Knochenbrüchen und Abschürfungen davonkamen und ihre Haut retten konnten. Der Drache aber hauste in der ganzen Zeit weiter wie gehabt, er raubte Vieh und Mensch, und viele, die zum Kampf gegen den Drachen aufgebrochen waren, wurden nie wieder gesehen.

Es schien aussichtslos, dass der Drache jemals besiegt werden würde, und da dachte sich der Ziehsohn des Meierhofbauern, dass der Drache dann halt auf eine andere Art erledigt werden müsse. Er pirschte sich zu dem weit sichtbaren Eingang der Drachenhöhle und legte sich auf die Lauer. Hin und wieder wagte er aus seinem Versteck hervorzuschauen und konnte tausende von Knochen der Opfer erkennen, die in der Höhle verstreut lagen. Er musste lange warten, bis der Drache aus der Höhle kam, aber irgendwann musste er ja Durst bekommen und seinen Weg zum See nehmen. Dieser Weg war im Laufe der Jahre zu einer glatten Rinne geworden, keinerlei Steine lagen dort verstreut, auch keine Sträucher wuchsen darin. Der Drache hatte mit seinem Bauch eine glatte Rutschrinne geschaffen und der Junge kam zu der Überzeugung, dass der Bauch des Drachen weich und geschmeidig sei und nicht gepanzert wie der Rest von ihm. Als sich dann der Wind zu seinen Gunsten drehte, machte er sich an die Arbeit, dutzende Sicheln und Messer in die Rinne einzugraben, und zwar mit der Schneide zur Höhle gewandt. Als nun der Drache sich wieder mit einem Hupf in seine Fahrrinne zum See warf, da rissen ihm die Sicheln und Messer den Bauch auf, und der Drache blieb wie gepfählt liegen und brüllte vor Schmerzen. Dann riss er sich hoch, wand sich nach links und nach rechts, doch je mehr er versuchte sich zu befreien, desto tiefer drangen die scharfen Sicheln und Messerschneiden in seinen Leib und zerschnitten ihm die Eingeweide. Schlussendlich konnte sich der Drache wirklich befreien, doch war er so stark verwundet, dass er nur mehr blutend den Berg hinunterkollerte. Steine und Bäume riss er dabei mit sich, und dann blieb er als blutige Kugel liegen – tot.

Dieses Spektakel blieb natürlich nicht unbemerkt, die Ersten kamen, um zu sehen, wer den Kampf mit dem Drachen auf sich genommen hatte, und die freudige Nachricht machte wie ein Lauffeuer die Runde. Von überallher kamen nun die Menschen, sie wollten mit eigenen Augen sehen, dass der Drache nicht mehr am Leben war. Gemeinsam wurde eine riesige Grube ausgehoben, wie man sie bis dahin noch nicht gesehen hatte, und der stinkende Kadaver wurde hineingehievt und ver­graben. Der junge, kluge Bursch bekam als Dank den Meierhof übergeben und wurde von der ganzen Bevölkerung des Murtales als Held gefeiert.

Der Riese Gänner

Im hintersten Oberpinzgau, kurz unterhalb vom Gerlospass, der ins Tiroler Zillertal führt, liegt Krimml. In dieser Gegend, wo es Wasserfälle mit fast 400 Metern Fallhöhe gibt und gleich 30 Dreitausender emporragen, da kann sich jeder gut vorstellen, dass hier früher Riesen gelebt haben. Einer von ihnen hieß Gänner und lebte in der Krimml. Nicht weit entfernt für einen Riesen lebten die Dornauer Riesen in Dornauberg auf der Tiroler Seite. Zum Leben eines Riesen gehört es dazu, dass auch gekämpft wird, denn wozu hätten die Riesen sonst ihre gigantische Kraft?

So forderte der Riese Gänner den Dornauer Riesen zum Kampf auf Leben und Tod heraus. Doch der alte Dornauer hatte nicht im Geringsten Lust, sich mit Gänner zu messen, da er sowieso wusste, dass er der Stärkere war. Seine drei Söhne dagegen, die waren noch jung und mussten noch viel im Kämpfen lernen. Und da diese erst gegen den Alpbacher Riesen verloren hatten, war das eine gute Gelegenheit, dieses Manko wieder auszumerzen. So fragte er sie am Abend mit wenigen Worten – denn Riesen reden nicht gern – und dumpfer Stimme:

„Mag wer gegen den Gänner kämpfen?“

Und alle drei jubelten begeistert auf, jeder von ihnen wollte kämpfen gehen – und das auf Leben und Tod, dann wird’s bekanntlich erst richtig spannend.

„Nur einer darf hin!“, bestimmte der Vater und ließ einen ungeheuren Kessel mit Butter füllen. Während die Butter langsam über dem Feuer zerging, stellte er seinen Söhnen eine Aufgabe:

„Wer davon am meisten trinkt, der darf hinüberziehen!“

Und der Gewinner war der Hans – als tüchtigster Säufer war er auch der tüchtigste Raufer. Manch einer würde auch sagen: „Der hat Schmalz!“

So zog der Hans denn zum Kampfplatz, wo er schon vom Salzburger sehnlichst erwartet wurde, und gleich darauf begann auch schon das Ringen. Es zeigte sich ziemlich schnell, dass der Hans der Geschmeidigere und Flinkere war. Er wusste seinen Gegner, ehe sich’s dieser versah, geschickt zu packen, hob ihn in die Höhe und schleuderte ihn mit einer gewaltigen Kraft von sich auf den Boden. Da lag nun der Gänner und regte sich nicht mehr – er war tot.

Im Siegesrausch kam der Hans nach Hause und berichtete stolz dem Vater vom Verlauf des Kampfes. Doch anstatt ihn zu loben und sich zu freuen, begann der Vater mit ihm zu schimpfen:

„Schau, du dummer Bub, du! Weshalb machst du ihn denn gleich tot? Raufen hättest du mit ihm sollen, aber doch nicht ihn gleich töten.“

„Ja, mei, Vater!“, verteidigte sich Hans treuherzig, „kann ich wissen, dass der nichts derleiden kann? Ich wollte ihn eh’ nicht wegputzen. Ich habe ihn nur a bissl um die Mitten gehalten, und der hat gleich das Maul weit aufgerissen. Dann hat er einen Schnaufer und einen Schnapper getan und schon hat er ausgegeistert gehabt.“

Wenig später erhielt Hans die Nachricht, dass die Salzburger, denen der Gänner oft zu schaffen gemacht hatte, dem Sieger aus Dankbarkeit zwei Salzbrocken schenken wollten. Nun zog er also über den Gerlospass, lud sich die schweren Salzbrocken auf die Schultern und wanderte, ein Liedchen pfeifend, nach Dornauberg zurück.

Der Basilisk in der Schönlaterngasse

Viel erzählt man sich in Wien von dem Basilisken in der Schönlaterngasse in der Wiener Innenstadt. So ein dämonisches Tier gibt es zum Glück nicht oft, was es aber natürlich nur noch interessanter erscheinen lässt.

Es war der 26. Juni des Jahres 1212, als aus dem Hof eines Bäckermeisters wilde Schreie und ein riesiger Krawall bis auf die Straße zu hören waren. Sofort hatte sich davor eine große Menschenmenge gebildet, die wissen wollte, was denn da drinnen los wäre. Und nach einiger Zeit erschien sogar der Stadtrichter hoch zu Ross, um in Erfahrung zu bringen, was der Tumult zu bedeuten hätte.

Da öffnete endlich der Bäckermeister die großen Tore zu Haus und Hof und berichtete dem Stadtrichter, was vor kurzem vorgefallen war:

„Unsere Magd ist zum Brunnen gegangen, um Wasser zu holen, doch kam sie bald zurück und meldete, dass im Brunnen kein Wasser mehr zu holen sei. Ja mehr noch, ihr schien, als ob der Brunnen vergiftet worden wäre, denn ein bestialischer Gestank drang aus dem Brunnenschacht nach oben. Als sie nun den leeren Schöpfeimer wieder nach unten fallen ließ, beugte sie sich vor und schaute in den Brunnen hinab. Voll Schrecken konnte sie erkennen, dass sich dort unten ein Viech befinden musste, das sie mit dem fallengelassenen Wassereimer getroffen hatte, und das nun wild zu ihr nach oben blickte. Daraufhin wurde sie fast ohnmächtig, die Füße knickten ihr weg und um Luft ringend ließ sie sich auf den Boden vor dem Brunnen fallen. Als sie sich erholt hatte, ist sie gleich zu uns in die Backstube gelaufen und hat uns von dem Vorfall und dem unheimlichen Wesen im Brunnen berichtet. Das konnte der neue Knecht natürlich nicht glauben, und er hat gesagt, die Natter werde er ihr schon heraufbringen, die sich traue, in unserem Hauswasser ein Bad zu nehmen. Nun hat er sich den Strick vom Wassereimer um den Leib gebunden und in die eine Hand eine Laterne genommen, und wir haben ihn vorsichtig in den Schacht hinuntergelassen. Als er wohl auf halber Tiefe war, da wurde die Flamme in der Laterne immer kleiner und mit einem Mal schrie auch er aus Leibeskräften um Hilfe. So schnell wir konnten, haben wir ihn wieder heraufgezogen, aber der Knecht war bereits besinnungslos und wir hatten große Mühe, ihn aus dem Schacht wieder herauszubekommen. Mit Riechsalz, frischer Luft und einem guten Schluck Kräuterwein haben wir ihn schließlich wieder zum Leben erweckt. Und was uns dann der Knecht berichtet hat, davon habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört!

Je weiter er in den Schacht hinunterkam, desto abscheulicher und schlimmer wurde der Gestank, der ihm jeden Atem zu nehmen schien und einen Hustenreiz bei ihm auslöste. Er hat sich sein Halstüchl um den Mund gebunden und nur mehr flach geatmet. Plötzlich hat er unten in der Tiefe des Brunnens ein unbeschreiblich grässliches Tier gesehen. Es hatte die Gestalt eines großen Hahns, aber so groß wie eine Schreckgestalt, mit vielzackigem Schuppenschweif und plumpen, warzigen Füßen. Seine Augen schienen zu glühen und dazu hatte es eine Krone auf dem Kopf. Diese Kreatur muss eine Missgeburt aus der Kreuzung eines Hahns mit einer Schlange oder einer Kröte sein. Und da der Knecht in seinem Leben noch nie etwas so Abscheuliches gesehen hat, hat er auch sogleich die Augen geschlossen und um Hilfe geschrien. Wie wir ihn dann noch oben gezogen haben, da kam es ihm so vor, als wenn allein der Blick dieses Ungetüms genügt hätte, um ihn zu töten und dass bereits sein Blut in den Adern zu stocken angefangen hatte.“

Die Menge, die während der Erzählung des Müllers immer größer geworden war, hörte gebannt zu, als er aber geendet hatte, da wusste niemand Rat.

Da trat ein gelehrter und in der Naturwissenschaft erfahrener Arzt hervor und erklärte nun den Leuten, dass es sich bei diesem „Viech“ im Brunnen wohl nur um einen Basilisken handeln könne. Er erklärte weiter, dass ein Basilisk auf wunderbare Weise aus einem Ei entsteht, das ein alter, schwarzer Hahn gelegt hat und das von einer Kröte ausgebrütet wird. Schon der berühmte Naturforscher Plinius beschrieb ein solches Tier und sagte, dass der Blick eines Basilisken so giftig sei, dass jeder, den er ansieht, sterben müsse. Töten kann man ihn aber nur mit seinen eigenen Waffen – man muss ihm einen Spiegel vor die Augen halten, sodass er von seinem widergespiegelten Blick selber sterben muss. Nach diesen Erklärungen gab der Arzt vor, ein Kranker warte auf ihn und er müsse sich schnell auf den Weg machen.

Nun war guter Rat teuer, denn es war niemand unter den Umstehenden, der sich nochmals in den Brunnen gewagt hätte. Der Stadtrichter musste also eine Entscheidung treffen und gab den Befehl, große Steine und Erde herbeizuschaffen. Dann wurde alles mit einem Schwung in den Brunnen geworfen und der Basilisk wurde von den Massen zerdrückt und erstickt. Doch auch der Bäckerjunge überlebte die Begegnung mit dem Basilisken nicht, er starb noch am selben Tag.

Zur Erinnerung an das, was in diesem Haus passierte, wurde ein getreues Abbild des scheußlichen Ungeheuers in einer Nische der Hausmauer aufgestellt und mit einer Inschrift versehen.

Andere wissen zu erzählen, dass der jähzornige Bäckermeister Martin Garhibl seinem Gesellen nicht seine Tochter zur Frau geben wollte und dem Antragsteller spottend ins Gesicht gesagt habe:

„Erst wenn dieser alte Hahn ein Ei legt, dann sollst du mein Schwiegersohn werden. Ab heute aber kannst du dir einen neuen Arbeitsplatz suchen!“

Als der gedemütigte Geselle am nächsten Morgen am Hof vorbeiging, mengte er sich unter die Menschenmasse und hörte den Worten des Bäckermeisters zu. Mutig trat er hervor und sagte:

„Dann ist es also wahr geworden und ich werde hinabsteigen.“

Und wirklich konnte er mit Hilfe eines großen Spiegels den schrecklichen Basilisken töten, worauf der ekelhafte Kadaver im Brunnen gelassen und mit Sand und Steinen eingegraben wurde. Kurz darauf wurde dann die Hochzeit gefeiert, denn nun konnte der Bäckermeister sich nicht mehr herausreden.

Wieder andere geben zu bedenken, dass dieser Stadtteil früher „unterm Tempelhof“ hieß und der Basilisk nicht nur ein „Eidechsenkönig“, sondern wohl eher ein Tempelwächter war, so wie er es seit alters her ist. Die allegorische Bezeichnung „Basilisk“ steht in der Alchemie übrigens für den Stein der Weisen.

Der Kampf mit dem Lindwurm

Vor vielen hundert Jahren regierte in Karnburg der Herzog Karast. Auf seinem Land konnte er nicht viel anbauen, denn überall wuchsen wilde Sträucher oder feuchtes Moos. Umgeben war sein sumpfiger Besitz von Bergen und dort hatten sich die Menschen angesiedelt. Oft schon hatte Herzog Karast versucht die feuchten Wiesen trockenzulegen und zu roden, doch keiner der Bauern kehrte nach seiner Arbeit im Sumpf je wieder heim. Ein schrecklicher Lindwurm hauste in dem nassen, morastigen Dickicht und verschlang jedes Lebewesen, das sich in sein Revier wagte. Die Bestie hatte einen ganz unglaublichen Geruchs- und Orientierungssinn, sodass sie selbst bei dichtem Nebel ihre Beute nie verlor. Bald wagte sich niemand mehr in die Nähe des Sumpfes. Selbst wenn den Hirten eine Kuh oder ein anderes Haustier dort hineingeraten war, nahmen sie lieber diesen Verlust hin, als dem Tier nachzugehen und das eigene Leben zu riskieren. An trüben Tagen hörte man aus dem Moor ein dumpfes Heulen heraufklingen, dass selbst die tapfersten Männer sich fürchteten.

Nun ließ der Herzog am Rand des Sumpfes einen festen Turm bauen und von überallher die Knechte zusammenrufen. Dann sprach er zu ihnen:

„Ein jeder von euch kann sich heute selber von den schweren Grundmauern des Turmes überzeugen. Diesen Turm kann kein Ungeheuer bezwingen, selbst unser schrecklicher Lindwurm hier nicht! Ihr seid kräftige und fleißige Männer und arbeitet jeden Tag hart bei euren Bauern. Wer von euch es schafft, von diesem Turm aus den grauslichen Wurm zu töten, ganz gleich ob mit List oder mit Gewalt, dem verspreche ich die Freiheit, eigenes Land und reichen Lohn.“

Bei diesem Angebot horchten die jungen Männer auf, denn so eine Belohnung hätten sie sich in ihrem ganzen Leben nicht erträumt. Das würde bedeuten, dass sie selber zu Grundherren werden würden, sie noch dazu in keiner Abhängigkeit zum Herzog stünden, ja sie könnten sogar endlich heiraten! Einige mutige Knechte machten sich sofort ans Werk. Sie banden einen fetten Stier als Köder an eine lange Kette, an der ein Widerhaken befestigt war, und versteckten sich im Turm. Von den kleinen Turmfenstern aus konnten sie die ganze Gegend überschauen. Und sie hatten sich noch gar nicht richtig im Turm verschanzt, da hallte bereits das angsterfüllte Brüllen des gefesselten Stieres über den Sumpf. Nun hörten sie auch schon den gewaltigen Flügelschlag des Lindwurmes, wie er über die Wasseroberfläche peitschte. Pfeilschnell schoss er herbei, sein Körper war von einem glänzenden Schuppen­panzer bedeckt, und riss den schnaubenden Rachen mit den riesigen Zähnen auf. Das Untier stürzte sich auf den zitternden Stier, bohrte seine langen Krallen in seinen breiten Rücken und begann ihn zu verschlingen. In seiner Gier bemerkte er den Widerhaken nicht und verschluckte auch diesen. Als der sich aber im Rachen des Monsters verhakt hatte, versuchte der Lindwurm sich davon zu befreien und begann in Todesangst, mit dem riesigen Schwanz um sich zu schlagen und an der Kette zu zerren. Doch je mehr er zerrte und riss, desto mehr grub sich der Haken in sein Fleisch. Wie ein Fisch an der Angel kam er nicht mehr los und die Knechte eilten mit ihren eisernen Keulen herbei und erschlugen ihn unter lautem Geschrei.

Nun jubelten die Menschen auf, endlich waren sie von diesem schrecklichen Ungetüm befreit, das ihnen das Leben schwergemacht hatte. Herzog Karast konnte schließlich damit beginnen sein Land trockenzulegen und bereits nach wenigen Jahren konnten die ersten Häuser in der Niederung gebaut werden. Das war der Ursprung der ältesten Ansiedlung im Klagenfurter Becken.

Zur Erinnerung steht noch heute ein Lindwurmbrunnen auf dem Neuen Platz in Klagenfurt, auch im Stadtwappen sind Turm und Lindwurm abgebildet.

Die gefundenen Überreste aus der Drachengrube auf dem Zollfeld wurden im 16. Jahrhundert in die städtische Sammlung von Klagenfurt übertragen und im Jahr 1840 erkannte Franz Unger, dass es sich bei dem markanten Kopf des Lindwurmes um ein wollhaariges Nashorn aus der Eiszeit handelte.

Vom Riesen Haymon

Zu den bekanntesten Sagengestalten im deutschen Sprachraum gehört der Riese Haymon, der später zum Klostergründer von Stift Wilten wurde – aber bis es dazu kam, musste er viele Wege beschreiten, und diese verliefen nicht immer geradlinig.

Es gehört jedoch zum großen Geheimnis der Welt, dass sich erst im Nachhinein gewisse Lebensabschnitte als wichtig herausstellen, und so war es auch bei dem starken Riesen Haymon mit dem germanischen Namen, der sehr wahrscheinlich aus dem Rheintal stammte.

Haymon befand sich im besten Mannesalter – das heißt, er war schon einige hundert Jahre alt –, als er davon hörte, dass es im Inntal einen Drachen gab, der Mensch und Vieh das Leben schwer machte. Da sein letzter anständiger Kampf schon eine ganze Weile her und sein Leben in den vorangegangenen Jahren ziemlich fad gewesen war, packte er seine Rüstung und sein Schwert und machte sich auf, um gegen den Drachen zu kämpfen. Als Haymon nach einigen Tagen raschen Fußmarsches in das Inntal kam, da bemerkte er sofort, was hier los war. Angst und Schrecken herrschten hier, und je näher er zu der gewissen Sillschlucht kam, wo dieser feuer­speiende Drache seine Höhle hatte, desto zerstörter war die Umgebung. Ganze Bauernhöfe fand er in Schutt und Asche gelegt, auf den wenigen grünen Weiden stand kaum noch Vieh, und nur mehr ganz selten konnte er einen Mensch er­blicken, der sich nicht schon versteckt hatte, als er sich näherte. Als Haymon nun die Sillschlucht fand, kurz bevor die Sill in den Inn fließt, da bemerkte er gleich den für Drachen typischen Gestank nach Schwefel und Aas.

„Dann werde ich mir mal eine sichere Unterkunft bauen“, sprach er zu sich selber, ruhte sich nicht lange aus, sondern zog sogleich mit einem Baumstamm die Grundrisslinien auf den Erdboden. Erst als es finstere Nacht war, legte er sich für ein paar Stunden hin, um gleich mit dem ersten Sonnenstrahl weiter an seinem Haus zu bauen. Haymon stellte sich dabei besonders geschickt an und bis zum Abend standen bereits die Grundmauern, es fehlte nur noch der Dachstuhl. Den ganzen Tag über hatte er niemanden gesehen, weder Mensch noch Vieh oder gar den Drachen. Es herrschte eine gespenstische Stille und Gespanntheit über dem gesamten Gebiet, doch das bemerkte Haymon nicht, denn Riesen kennen keine Angst. Diese Nacht schlief Haymon besonders fest und erst am neuen Morgen sah er, was in der Nacht vorgefallen sein musste: Jemand war gekommen und hatte seine festen Grundmauern niedergerissen; es sah aus, als hätte jemand mit einem Rammbock hier gewütet.

„Dass ich auch immer so fest schlafen muss“, ärgerte sich der riesige Mann und ballte die Fäuste.

„Das kann doch wohl kein Zufall sein? Aber was soll’s, ich baue mir mein Haus schon wieder auf! Es schien mir eh fast ein wenig klein, ich werde es noch größer bauen“, murmelte er in seinen Bart und hatte bei diesen Worten schon die ersten Steine wieder aufgerichtet.

Denn die Riesen können mittels ihrer Kräfte zwar viel bewerkstelligen, die Worte kommen ihnen aber nur sehr langsam über die Lippen. Der Eifer des Riesen beim Hausbau war enorm, und als er sich diese Nacht zur Ruhe legte, da standen schon wieder die Mauern, nur viel größer als zuvor.

Es graute der neue Morgen und Haymon stand wieder vor einem Trümmerhaufen. Sein Haus war ein weiteres Mal zerstört worden, während er sich von den Strapazen des Tages ausgeruht hatte. Nun aber war es mit seiner Geduld vorbei. Er stieß einen furchtbaren Schrei vor Wut aus, so dass die Erde ein wenig zu beben begann und von den Hängen der Felsschlucht Steine herabstürzten. Da sah Haymon einen Bauern, der ihn erschrocken anschaute und nur mit Mühe sein Gleichgewicht halten konnte.

„Wer war das?“, fragte Haymon den Bauern und versuchte seine Stimme unter Kontrolle zu bekommen.

Der Bauer brachte vor Angst keinen Ton heraus und musste sich auf einen der Steinbrocken setzen, da ihn seine Beine nicht mehr halten wollten.

„Wer hat was gegen mich und mein Haus?“, donnerte Haymon den Bauern an.

„Wird wohl der Thyrsus sein, bei Seefeld droben“, brachte der Bauer schlotternd heraus und zeigte mit der Hand in die Richtung.

Haymon legte nun bedächtig seine glänzende Rüstung an, nahm sein langes Schwert und machte sich über den Zirler Berg auf nach Seefeld. Haymon schäumte immer noch vor Wut; es dauerte gar nicht lange, da sah er ihn, den anderen Riesen. Den, den sie Thyrsus nannten, und der schon vor ihm hier war, weil er schon immer hier gelebt hatte. Natürlich war er es, der ihm heimlich und feige sein Haus zerstört hatte, während er schlief. Ja, so waren sie, die von dem anderen Geschlecht, die nicht zu den Bajuwaren gehörten, sondern zu den Rätern oder anderen Stämmen.

„Hinterhältig und heimtückisch, das wäre der bessere Name für dich“, schimpfte Haymon vor sich hin, „aber du Dümmling wirst nicht einmal wissen, dass du gar keinen Namen hast, sondern einfach nur Riese – Thyrsus – gerufen wirst …“

Nun schaute auch Thyrsus auf, der bei der Feldarbeit war, und nach Art der Riesen mit einem einfachen Fell und ein wenig Baumbart bekleidet war. Instinktiv riss er sich eine Birke aus, und da stand er auch schon vor ihm, der Fremde mit dem zornigen Blick, seiner glänzenden Rüstung, wie sie die Menschen trugen, und mit einem scharfen Schwert. Es wurde nicht lange geredet, es wurde sofort gekämpft, und Thyrsus gab sein Bestes, den Angreifer abzuwehren. Doch Haymons Schwert war flink und Thyrsus fiel zu Boden. Er war an der Ferse getroffen und konnte keinen Schritt mehr gehen, Blut tropfte erst langsam, dann immer schneller herab – es bildete sich eine kleine Lache, die allmählich in dem trockenen Boden versickerte.

„Spritz Bluet – ist für Vieh und Leut’ guet“, sprach Thyrsus mit zittriger Stimme.

Er riss noch eine Grasscholle aus und stopfte sie sich in die Wunde, doch er brachte die Blutung nicht zum Stillstand und starb bereits kurze Zeit später auf seinem Feld.

„Das ging aber schnell“, dachte Haymon bei sich, „das scheint eine delikate Stelle zu sein, da werde ich auch bei mir in Zukunft aufpassen. Da habe ich dem Übel­täter eine verpasst und noch gleich etwas gelernt!“, und er ging mit Riesenschritten wieder ins Inntal hinab, um sich sofort an die Arbeit zu machen. Er spuckte kurz in die Hände und legte sorgfältig einen Stein auf den anderen.

„So, heute nun kann ich mich unbesorgt zur Ruhe legen. Hach, ich freu’ mich schon auf den morgigen Tag“, dachte er noch kurz, bevor er in den Schlaf fiel.

Am nächsten Morgen schlief er ein wenig länger und wurde von einem ungewohnten Stimmengewirr wach. Als er sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte und ein lautes Knurren aus seinem hungrigen Magen hörte, da sah er erst, dass er von mindestens zwanzig Menschen begafft wurde, die alle nur darauf warteten, dass er endlich aufwachen würde. Und nun bemerkte er auch etwas anderes: Sein Haus war in der Nacht ein weiteres Mal zerstört worden.

„Oh nein! Wie kann das sein?“, rief er entsetzt. Er hatte doch den hier sesshaften Riesen Thyrsus im Kampf getötet, wer sollte ihm nun schon wieder sein Haus zerstört haben? Oder sollte er gar den Falschen bekämpft und ein Unrecht begangen haben?

Die Menschen fingen an, nach seiner Fährte zu suchen und zeigten ihm schon bald Aschereste und Spuren von stinkigem, glitschigem Schleim.

„Das kann nur der Drache gewesen, der Silldrache spielt mir jede Nacht also diesen üblen Streich. Das wird es mir heimzahlen, dieses Sauviech“, schwirrte es ihm durch den Kopf.

„Haymon, sieh dich vor, handle nicht unüberlegt“, warnten ihn die Menschen, als er sich im Eiltempo die Rüstung anzog. „Wir wissen nicht viel über ihn. Auf einmal war er da und niemand, der versucht hat, gegen ihn zu kämpfen, wurde jemals wieder lebend gesehen. Wir wissen auch nicht, ob er allein in der Sillschlucht lebt oder ob es noch andere von seiner Sorte gibt. Vergiss nicht, dass sein Blut und seine Zunge giftig sein können!“ Doch Haymon hörte schon nicht mehr zu, er war bereits in der rauschenden Sillschlucht verschwunden.

Die Menschen nun blieben hier an diesem Ort, wo der Haymon sein Haus bauen wollte. Einer von ihnen begann ein Feuer zu machen und eine der Frauen fing an, einen Kräutertee aufzustellen. Schon seit einigen Stunden hörten sie die Kampfgeräusche aus der Sillschlucht hallen. Mal brüllte der Riese, mal brüllte der Drache. Riesige Feuerzungen zuckten in die Luft, an einigen Stellen flogen glimmende Kohle­stücke auf und langsam breiteten sich Rauchschwaden aus. Endlich erschien er wieder, der Riese Haymon, und jubelnd hielt er den Menschen die Drachenzunge entgegen, als Zeichen, dass er das Untier besiegt hatte.

„Das war ein Kampf!“ – mehr sagte er nicht, aber das reichte den Menschen und sie feierten ein Freudenfest, wie man es schon lange nicht mehr getan hatte.

In den nächsten Tagen begannen die Menschen, dem Riesen beim Hausbau zu helfen, und das Gebäude wuchs mit jedem Tag und wurde immer prächtiger. Doch Haymon wurde immer wortkarger und erschien den Menschen fast nachdenklich, traurig. Ein Missionar, der aus der Schweiz das Oberinntal herunterkam, gesellte sich zu ihnen und erzählte ihnen vom Christentum. Besonders Haymon schien von seinen Worten angetan zu sein, er fasste großes Vertrauen zu dem Missionar und erzählte ihm von seinen Gewissensbissen, da er den Riesen Thyrsus getötet hatte. Aus Reue und Sühne nahm der Riese Haymon schließlich den Glauben der Christen an und wollte in seinem großen Haus nicht mehr alleine wohnen, sondern gründete das Stift Wilten. Und es dauerte nicht lange, da kamen Mönche, um mit ihm in einer Klostergemeinschaft zu leben.

Die Bauern waren dem Riesen natürlich sehr dankbar, dass er sie von dem Drachen befreit hatte, der ihnen alles, was sie hatten, zerstört hatte. Noch dazu baute er wenig später eine Brücke über den Inn und legte damit die Weichen zur Stadtgründung Innsbrucks. Sie lieferten dem Stift Wilten Zins ab und ließen Haymon die Grenzen von Grund und Boden festlegen. Dazu nahm er einen sehr großen Stein, legte ihn sich auf die Schulter und stieß ihn mit aller Kraft von sich.

„Bis dorthin, wo der Stein fliegt, ist alles mein“, sprach er keuchend.

Und so war es. Noch heute liegt der Stein des Haymon, um ein paar Meter verschoben, in den Wiltener Feldern bei den Sillhöfen. In den Feldern bei Seefeld aber, da hat sich auch der letzte Satz des Thyrsus bewahrheitet. Heute noch wird dort aus dem harten Stein das „Thyrsusblut“ gewonnen, auch Dirsten- oder Steinöl genannt, das Ichthyol, welches vielleicht nicht besonders gut riecht, aber schon manchem geholfen hat.

Der Riese Haymon aber lebte noch einige Jahre, bis zu seinem Tod im Jahre 878, im Kloster. Wie es einem Klostergründer gebührt, wurde Haymon an der bedeutendsten Stelle in der Kirche begraben, und zwar hinter dem Altar. Auf seinen Sarkophag wurde eine Holzstatue gelegt, die ganz nach seinem Ebenbild geschaffen wurde und 12 Werkschuh und vier Zoll lang ist. Im Nachhinein wurde ihm sogar ein Wappen verliehen und er damit in den Adelsstand erhoben: Auf einem Helm ruht ein rotes Kissen, auf dem ein Leopard sitzt. Das Feld des Schildes ist grün, ein weißer Querbalken liegt in der Mitte.

Auch die Drachenzunge wurde in Silber gefasst und im Altarraum aufbewahrt. Beides ist heute noch erhalten und wird im Stift Wilten aufgehoben. Am Eingang der Stiftskirche Wilten stehen heute noch zur Erinnerung die überlebensgroßen Statuen vom Riesen Thyrsus mit der Keule und dem Riesen Haymon mit seinem Schwert.

Frau Hitt

Weit über die Grenzen Tirols hinaus kennt man sie, die Sage der Frau Hitt, manchen ist sie auch unter Frau Hütt bekannt. Ein markanter Felszacken an der Nordkette, hoch über der Landeshauptstadt Innsbruck, trägt ihren Namen, so viel wissen die meisten. Aber wie kam es dazu? Frau Hitt war eine Riesenkönigin und beging einen Brotfrevel.

Lange vor unserer Zeit, als noch nicht einmal die Stadt Innsbruck existiert hat, da lebte hier eine Riesin, die bald zur Königin wurde. Ihre Kühe weideten an den grünen Hängen der Nordkette und gaben reichlich Milch. Bis zu den obersten Bergspitzen reichten die saftigen Wiesen und die Menschen, die für die Riesenkönigin schufteten, hatten viel Arbeit mit Melken und der Weiterverarbeitung der Milch und natürlich auch mit der Vermarktung und mit dem Verkauf. Frau Hitt brauchte sich bald um nichts mehr zu kümmern, mit jedem Tag wuchs ihre Viehherde, und mit jedem Tag wurde sie reicher. So benahm sich Frau Hitt auch bald nicht mehr wie andere Riesen, ihr lag nichts mehr daran, ihre Körperkräfte mit anderen Riesen zu messen, und sie wollte sich bald auch wie eine Königin kleiden. War sie früher noch mit Kleidern aus Leinen und Fell zufrieden gewesen, so trug sie jetzt nur noch Kleider aus feinster Seide, mit Goldfäden durchzogen.

Eines Tages ging ihr Sohn in den Wald zum Spielen und kam erst nach vielen Stunden wieder heim ins Schloss. Doch was war geschehen? – Ihr Sohn war von oben bis unten voll Dreck und Moder. Sein Gesicht war kreidebleich und seine Knie zitterten.

„Ja Bubele“, rief Frau Hitt entsetzt, „wer hat denn dich so hergerichtet?“

Er hatte sich die ganze Zeit so fest zusammengenommen, als er aber die Worte seiner Mutter hörte, da kamen ihm dann doch die Tränen.

„I wollt’ mir ja nur ein Steckenpferd aus einem Tannenwipfel brechen – und da bin I hinuntergekugelt, in den Sumpf hinein.“

Und schluchzend sprach er weiter: „Und da bin i fast nimmer außerkemmen. I war bold dertrunken, jo, bold dertrunken war i!“

Nun musste die Riesin fast selber mit ihren Gefühlen kämpfen, schnell wandte sie sich an ihren Diener:

„Er nehme feines, weißes Brot und werde meinen Buben damit trocken tupfen!“

Der Diener machte große Augen, war es aber gewohnt, nicht zu widersprechen. Frau Hitt kannte ihn sehr gut und bemerkte daher auch, dass dieser eine Augenbraue besonders weit nach oben zog, wie er es immer tat, wenn er einen ihrer Befehle nicht verstand.

„Und er nehme so viel Weißbrot, wie es eben für meinen Buben braucht, um ihn trocken zu bekommen!“, setzte sie nach.

Die anderen Diener waren in der Zwischenzeit schon in die Küche gelaufen und brachten große Körbe mit frischem, hellem Brot. Als sie nun anfingen das Brot zu brechen und den nassen Dreck von dem Riesenjungen zu wischen, da verfinsterte sich der Himmel. Ein gewaltiges Donnern ertönte und die Erde fing an zu beben. In rasender Geschwindigkeit ereigneten sich nun die Dinge, und dennoch erschien es den Anwesenden wie Stunden. Einzig die Blitze, die über den nachtdunklen Himmel zuckten, erhellten für Sekundenbruchteile die Szenerie. Schwere Gesteinsmassen lösten sich aus der Nordkette und nahmen auf ihrem Weg ins Tal alles mit, was sich ihnen in den Weg stellte. Tonnen von Gestein rollten herab, es wollte einfach kein Ende nehmen, und bereits nach wenigen Minuten konnte man das frühere Reich der Frau Hitt nicht mehr wiedererkennen. Wo vorher noch grüne saftige Wiesen waren, da gab es nur mehr karge Felswände in einem fahlen Grau. Auch von dem prächtigen Schloss der Riesenkönigin war nichts mehr zu sehen – einzig Frau Hitt selber, die noch schnell zu ihrem Buben gelaufen war und ihn in ihre Arme geschlossen hatte, war für alle weithin zu sehen. Versteinert stand sie da, hoch oben am Felsenkamm der Nordkette. Sie hatte ihre Lektion erhalten und sollte nun für jeden, der hier vorbeizog, ein Mahnmal sein.

Die Innsbrucker Bevölkerung kennt jedoch noch eine Version, wie es zu der Versteinerung von Frau Hitt kam:

An einem schönen Tag machte Frau Hitt mit ihrem Gefolge einen Ausritt in die herrliche Umgebung. Auf dem Rückweg ins Schloss begegnete ihr eine Bettlerin, die dort mit ihrem kleinen Jungen in der Sonne saß, um sich zu wärmen. Beide hatten Hunger und beiden war kalt, vor allem aber dem kleinen Sohn, denn er war fast nackt. Schon von Weitem sah man die Riesenkönigin herannahen; ihre Kleider, die mit Gold und Edelsteinen besetzt waren, glänzten und blitzten wie die Sonne selber.

Schwach richtete sich die junge, aber völlig entkräftete Frau auf und streckte bittend die Hand aus:

„I bitt di, hast du wohl eine milde Gabe für uns?“, fragte sie demütig.

„Ich habe selber nichts, was könnte ich dir schon geben, was bildest du dir eigentlich ein?“, antwortete Frau Hitt.

„Ja, hast du nit wenigstens ein Stück Brot für uns, wir haben entsetzlichen Hunger“, bat die Mutter.

Da lehnte sich die Frau Hitt zur Seite und brach einen Stein aus der Felswand.

„Da hast du dein Stück Brot für dich und deinen Balg!“, sprach die Riesin höhnisch lachend.

Doch nun stand die junge Mutter auf, mit erhobenem Kopf und eiserner Stimme brüllte sie die Worte heraus:

„Und so hart wie dieser Stein und wie dein Herz bereits ist, so sollst auch du werden!“

Da kamen tiefschwarze Wolken und verfinsterten den Himmel, Gesteinslawinen brachen von der Nordkette herab und bedeckten alles, was früher grün und fruchtbar gewesen war und was je von Menschenhand gebaut worden war. Frau Hitt aber konnte sich von diesem Moment an nicht mehr bewegen, sie war versteinert, und wie von unsichtbarer Hand wurde sie auf den Rand der Nordkette gestellt, so dass man sie aus der ganzen Umgebung sehen konnte. Auch heute noch steht sie hoch über Innsbruck und erinnert daran, was einst geschah.

Der Riese Erla und die Nixe

Hoch in den Felsen beim Traunstein befindet sich auf der östlichen Seeseite der Erlakogel, der sowohl von der Salzkammergut-Bahn aus als auch von der Salzkammergut-Bundesstraße aus – wenn man auf der bei der Umfahrung Gmunden Richtung Altmünster unterwegs ist, wo sich die Strecke zum Traunsee neigt – an das Profil einer schlafenden Frau erinnert. Diese Frau wird im Salzkammergut die Schlafende Griechin genannt. Der trauernde Riese Erla hat dieses gigantische Profil in den Berg gehauen, um für alle Zeit eine Erinnerung an seine Freundin namens Blondchen zu errichten. Diese am Traunsee und weit darüber hinaus sehr bekannte Begebenheit wird seit Menschengedenken weitergegeben.

Über dem Traunsee hauste auf seinem Kogel der Riese Erla. Es fehlte ihm an nichts, er hatte die riesigen Wälder, er konnte jagen und fischen und er hatte eine geräumige Höhle, vor der er im Sommer ausgiebig und ungestört ruhen und im Winter bei Unwetter und Regen das größte Lagerfeuer anzünden konnte, um sich zu wärmen. Dennoch befiel ihn mit der Zeit eine gewisse Schwermut, die er sich nicht erklären konnte, da er doch alles hatte.

Als er einmal auf der Jagd nach einem Hirsch war, hörte er aus der Gegend um den Laudachsee einen lieblichen Gesang. Diese feine Melodie machte ihn blitzartig neugierig, denn so etwas hatte er noch nie zuvor gehört. Er ging diesem Gesang ganz leise nach und entdeckte am Ufer des Laudachsees eine kleine Wassernixe, die sich am Ufer sonnte. Ganz behutsam griff er mit seinen riesigen Händen nach ihr und begrüßte sie nach der Farbe ihrer Haare als Blondchen. Die beiden verstanden sich gleich prächtig, die Nixe erzählte ihm von ihrer Einsamkeit und er erkannte, dass auch ihn dieses Alleinsein so gequält hatte. Er führte sie zu seiner Höhle am Erlakogel und lud sie ein, von nun an gemeinsam mit ihm zu leben. Doch diese ungepflegte Junggesellen-Höhle mit all den herumliegenden Knochen gefiel ihr überhaupt nicht und sie bat den Riesen wieder zurück zu ihrem Laudachsee gehen zu können. Da sie aber so gut miteinander auskamen, schlug sie ihm ein Zusammenleben in einem Schloss am Traunsee vor. Weil Erla die Nixe wiedersehen wollte, versprach er ihr, so schnell wie möglich ein Schloss zu errichten.

Noch am selben Abend nach dieser zauberhaften Begegnung riss er aus den Bergen rund um den Traunsee große Felsen aus den Wänden und warf sie ans andere Ufer oder wie Erla sagte, „ans andere Ort“ des Sees, denn die dortige Lage schien ihm für ein schönes Schloss ideal. Ganz früh am nächsten Morgen machte er sich auf zum Dachstein und weiter noch zum Untersberg, um die schönsten Marmorblöcke herbeizuschleppen, die er nur finden konnte. In der ganzen Umgebung riss er die prächtigsten und ältesten Bäume aus, um für das Dach und die Innenausstattung des Schlosses das edelste Baumaterial zu erhalten. Im Rauristal holte er Gold, um Türen und Fenster zu verzieren. Am dritten Tag wollte er mit dem Bau beginnen, doch gleich musste er erkennen, dass er als Riese viel zu ungeschickt für Maurerarbeiten war.

Daher wandte er sich an seinen Nachbarn, den Zwergenkönig Röthel, der mit seinem Volk in den Höhlen beim Röthelsee weit hinter Karbach wohnte. König Röthel sagte seine Hilfe zu und noch am selben Tag war das Zwergenvölkchen voll Begeisterung daran, das schönste Schloss zu errichten.

Wie Erla am Ufer sitzend, ein wenig müde nach allen diesen Vorbereitungen für die Baustelle, den Zwergen beim Errichten des Schlosses zusah, betrachtete er sein Spiegelbild im Wasser des Traunsees, das er zuvor noch nie beachtet hatte. Da bemerkte er seine ungepflegten und zerzausten Haare, seinen wallenden Bart und seine einfache Kleidung aus Fellen. Sein Erscheinungsbild war ihm unangenehm und er erschien sich nicht standesgemäß, um mit der eleganten Nixe befreundet zu sein.

Als er dann noch die Baustelle des neuen Schlosses kurz vor der Fertigstellung besichtigen wollte, musste er feststellen, dass es das Zwergenvolk zu klein gebaut hatte und er mit seiner Körpergröße gar nicht durch die Tür passte.

In der nun aufkommenden Verzweiflung über seine Gestalt und sein Auftreten wandte sich Erla an die Hexe Kranawitha, die auf dem Feuerkogel lebte. Sie verzauberte den Riesen, gab ihm die Körpergröße der Menschen und ein ritterhaftes Auftreten, wie es sich für einen vornehmen Schlossbesitzer am Traunsee gehörte.

Nun konnte Erla sein Blondchen zur Hochzeit in sein Schloss bitten, alle Riesen und Zwerge aus der Nachbarschaft, die an der Vorbereitung dieses Festes mitgeholfen hatten, feierten eine Woche lang ein berauschendes Fest, wie es am Traunsee noch nie zuvor stattgefunden hatte.

Doch nach diesem großartigen Fest machte Blondchen Erla darauf aufmerksam, dass Nixenglück nur einen Sommer lang währen würde. Erla wollte dies nicht wahrhaben, doch als nach einem unendlich glücklichen Sommer das erste Laub im Herbst zu welken begann, erkrankte Blondchen und wurde von Tag zu Tag schwächer.

Erla holte in seiner Verzweiflung die besten Ärzte des Zwergenvolkes und vertraute auf die Kunst der Hexe Kranawitha, doch alles war vergebens. Als sich die ersten Nebelschwaden über den Traunsee senkten, erlosch ihr Leben. Wie sie es sich als Sterbende noch gewünscht hatte, versenkte Erla ihren Sarg mit gebrochenem Herzen mitten im See. Auch alle Nachbarn, die Zwerge, Riesen und Hexen weinten, als sie die fröhliche Nixe auf ihrem letzten Weg begleiteten.

Nach Blondchens Tod verwandelte sich Erla wieder in einen Riesen und war nach diesem Tag nie wieder gesehen. Doch tagelang hörte man ihn meißeln, sodass die ganze Gegend bebte. Allmählich formte er aus dem Kamm des Kogels riesenhaft die Gesichtszüge seines Blondchens. Hierauf stieg er auf den Traunstein und betrachtete weinend sein Werk, bevor er sich traurig in den See stürzte. Das schöne liegende Frauengesicht, das sich aus den Felsspitzen ergibt, ist auch unter der Bezeichnung Schlafende Griechin bekannt und das idyllische Schloss Orth zieht heute noch manchen Besucher in seinen Bann.