Titel

Felix Mitterer

Jägerstätter

Theaterstück


Auftragswerk für das Theater

in der Josefstadt, in Zusammenarbeit

mit dem Theatersommer Haag

Felix Mitterer:
Mein Weg zu Franz Jägerstätter

Ende Februar 1943 geschieht in der oberösterreichischen Kaserne Enns etwas sehr Ungewöhnliches. Der aus der kleinen Gemeinde Sankt Radegund im Bezirk Braunau stammende Bauer Franz Jägerstätter verweigert aus Gewissensgründen den Wehrdienst. Er wolle nicht mitkämpfen und Menschen töten, damit das gottlose NS-Regime siegen und immer mehr Völker unterjochen könne. „Wenn es tatsächlich um die Befreiung des russischen Volkes vom Bolschewismus ginge, dürften Erze, Ölquellen und ein guter Getreideboden keine Rolle spielen.“ Vorher hatte Franz Jägerstätter lange mit sich gerungen, hatte sein Vorhaben im Familien- und Freundeskreis diskutiert; mit allen Mitteln versuchte man ihn abzubringen, Hochmut und Ungehorsam wurden ihm vorgeworfen, aber selbst der Linzer Bischof, bei dem er Rat suchte, und der ihm ab­sprach, als einfacher Bauer eine Meinung darüber haben zu dürfen, ob dieser Krieg gerecht oder ungerecht sei, konnte ihn nicht überzeugen. „Keiner irdischen Macht steht es zu, das Gewissen zu knechten.“

Niemand versteht Franz, absolut niemand. Auf Wehrdienstverweigerung steht die Todesstrafe. Franz hat eine Ehefrau und drei kleine Töchter. Wie kann er seine Familie im Stich lassen, wie kann er ihnen das antun? Natürlich versucht anfänglich auch Franziska Jägerstätter ihren Mann umzustimmen. Als sie aber bemerkt, dass er unendlich allein dasteht mit seiner Entscheidung, stellt sie sich auf seine Seite: „Wenn ich nicht zu ihm gehalten hätte, hätte er gar niemanden gehabt.“

Es folgen zwei Monate Haft im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis im Linzer Ursulinenkloster. Er verschweigt der Familie, was ihm alles angetan wird. Im Mai wird er nach Berlin überstellt. Auch dort Schikanen und Folter. Und auch gutes Zureden von allen Seiten. Aber er gibt nicht nach. Franziska schickt ihm ein Foto mit den drei Töchtern. „Lieber Vater komm bald“, steht auf ein Leintuch gemalt, das die Kinder halten. Franz kommt beinah um vor Qual. Aber er gibt nicht nach, er kann nicht mehr zurück, er würde sich als Feigling fühlen. Im Juli wird er von den Militärrichtern zum Tode verurteilt. Aber man setzt das Urteil noch aus, der Anwalt schreibt ein Telegramm an den Pfarrer von Sankt Radegund, er möge so schnell wie möglich mit Franziska nach Berlin kommen. Es geschieht, der Pfarrer und auch Franziska bitten Franz, seine Verweigerung zurückzunehmen. Er tut es nicht, ist aber glücklich, seine geliebte Frau noch einmal auf dieser Welt zu sehen.

Am 9. August 1943 wird Franz um 16 Uhr in Brandenburg/Havel enthauptet.

Zuhause geht das Martyrium für Franziska weiter, jahrzehntelang geht es weiter. Man macht sie verantwortlich für den Tod ihres Mannes, man behauptet, sie hätte ihn da hineingetrieben. Vor allem die Mutter von Franz ist zur verbitterten Feindin geworden.

Nach dem Krieg wollen Mitarbeiter der Kirchenzeitung an den Opfertod von Franz erinnern. Der Bischof verbietet es, man würde dadurch die heimkehrenden Soldaten vor den Kopf stoßen, man dürfe doch die Schäfchen, die nun wieder zur Kirche zurückkehrten, nicht belasten.

2007 – die meisten überlebenden Weltkriegssoldaten sind tot – wird Franz Jägerstätter seliggesprochen.

Eine späte Genugtuung für Franziska, die fast 70 Jahre lang dafür gekämpft hat, dass der heldenhafte Widerstand von Franz endlich seine Würdigung erfährt.

Es war mein Freund Gregor Bloéb, der mich vor zwei Jahren fragte, ob ich nicht für die niederösterreichische Stadt Haag, wo er 2013 zum letzten Mal dem Theatersommer als Intendant vorsteht, ein Stück über Franz schreiben könnte.

Mit ihm als Hauptdarsteller. Im ersten Moment war ich nicht wirklich begeistert von dieser Idee. Zum einen gibt es den wunderbaren Film von Axel Corti, ein Dokudrama aus dem Jahre 1971, das endlich das Schweigen über den Fall Jägerstätter zu brechen vermochte; ebenfalls mit einem guten Freund von mir in der Hauptrolle, nämlich mit Kurt Weinzierl. Zum anderen erschien mir dieser Fall so tragisch, so aussichtslos, dass ich mich eigentlich lieber davor drücken wollte. Kam noch ein Bedenken dazu: Ist Gregor – der fröhliche Abenteurer, der wilde Kerl – wirklich die richtige Besetzung?

Dann aber entdeckte ich bei meinen Recherchen ein paar Dinge, die meine Meinung sehr rasch änderten.

Erstens: Franz war kein sturer, depressiver „Betbruder“, kein Sonderling und Außenseiter, für den ich ihn gehalten hatte. Franz war ein fröhlicher, aufrechter, tatkräftiger Mensch. Als erster Radegunder besaß er ein Motorrad, als erster schob er den Kinderwagen durch das Dorf, und bis zu seiner Gewissensentscheidung war er außerordentlich beliebt. Und damit war auch Gregor die genau richtige Besetzung.

Zweitens: Ich entdeckte eine große Liebesgeschichte, die zwischen Franz und Franziska, das bewegte mich sehr, das half mir sehr. Auch 70 Jahre nach seinem Tod dauert diese Liebesgeschichte immer noch an. Das strahlende Lächeln von Franziska werde ich nie vergessen, so wie viele; auch sie ein froher Mensch. Zwölf Tage nach ihrem 100. Geburtstag (4.3.2013) – Gregor und ich durften ihr noch gratulieren – nahm Franziska Abschied und ging heim zu ihrem Franz. Wie hat sie einmal über ihr Leben gesagt? „Es war ein langer Karfreitag, aber jetzt bin ich wohl schon näher am Ostermorgen.“

Drittens: Immer hat man behauptet, dass sein Opfer letztlich vollkommen sinnlos war, denn er konnte dadurch ja nichts verändern. Auch das stimmt nicht. Der amerikanische Soziologe Gordon C. Zahn hat nach dem Krieg das erste Buch über Jägerstätter geschrieben, was zur Folge hatte, dass Franz zum Vorbild zahlreicher Kriegsdienstverweigerer in der ganzen Welt wurde. Vor allem auch während des Vietnamkrieges haben sich viele auf ihn berufen. Und es ist seinem Opfertod zu verdanken, dass im 2. Vatikanischen Konzil die Katholische Kirche endlich das Recht auf Kriegsdienstverweigerung anerkannte. „Pax Christi“.

Danken möchte ich Franziska, den Töchtern und der ganzen Familie Jägerstätter für das Vertrauen. Ich bin sehr erleichtert darüber, dass sich die Familie vorbehaltlos mit meinem Stück einverstanden erklärte, obwohl dadurch das alte Herzeleid wieder aufgerissen wurde.

Danken möchte ich Erna Putz, die viele Bücher über Franz geschrieben hat, die im Grunde ihr ganzes Leben dem heldenhaften Verweigerer widmete; ohne ihr Werk hätte ich über Franz nicht schreiben können.

Auch dem Innsbrucker – aus Oberösterreich stammenden – Bischof Manfred Scheuer, der im Seligsprechungsprozess, der sich viele Jahre hinzog, sozusagen der Anwalt von Franz war, danke ich für seine Unterstützung. Ebenso Josef Steinkellner, dem Pfarrer von Sankt Radegund, ein Seelsorger, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Danken will ich den Verantwortlichen vom Theatersommer Haag, die so mutig waren, diesen schwierigen Stoff zuzulassen. Wir hätten es allerdings kaum ge­schafft, wäre nicht ein außerordentlicher Glücksfall eingetreten. Herbert Föttinger, Direktor des Wiener Theaters in der Josefstadt, erklärte sich bereit, das Stück in seinem Hause uraufzuführen, was die Produktion des Stückes in jeder Hinsicht sehr erleichterte und Franz Jägerstätter dadurch auch dem Wiener Publikum nahebringt. Die Südtiroler Schauspielerin Gerti Drassl, an der Josefstadt zum Stern aufgestiegen, konnte für die Rolle der Franziska gewonnen werden. Als ich die Fotos der jungen Franziska anschaute, drehte sich mir das Herz um, denn ich vermeinte, ein Szenenfoto mit Gerti Drassl zu sehen. Dass meine Lieblingsregisseurin Stephanie Mohr, die im Mozartjahr 2006 mein Stück „Die Weberischen“ zum Triumph geführt hatte, nun auch den Jägerstätter inszeniert, erfüllt mich ebenfalls mit großer Dankbarkeit.

Und danke, Gregor, ohne Dich wäre mir dieser frohe, tapfere Märtyrer fremd geblieben, ohne Dich würde Franz weiterhin nur einer kleinen, katholischen Minderheit bekannt sein, so aber erfahren viele Menschen von ihm.

Franz Jägerstätter gehört der ganzen Welt.

Personen

Franz Jägerstätter

Franziska, seine Frau

Rosalia, seine Mutter

Theresia, Mutter des ledigen Kindes von Franz

Oberlehrer, Ortsgruppenleiter

Pfarrer Fürthauer

Bürgermeister

Rudi, Großbauernsohn

Bischof von Linz

Offizier, älterer Oberst in Enns

Dr. Feldmann, Offizier und Anwalt von Franz in Berlin

Alle Schauspieler, mit Ausnahme von Franz und Franziska, bilden den Chor mit wechselndem Vorsprecher.

Die Töchter von Franz und Franziska werden von Puppen dargestellt:

Rosl (1. 9. 37), Maridl (4. 9. 38), Loisi (5. 5. 40).

Ebenso Hilde, die Tochter von Theresia (5 Jahre alt).

Keine Hakenkreuzfahnen, keine Nazi-Embleme, keine Nazi-Uniformen.