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Wieninger : Der Engel der letzten Stunde

Manfred Wieninger

DER ENGEL DER LETZTEN STUNDE

Kriminalroman

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© 2005

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ISBN 978-3-7099-7466-7

Umschlag: Benno Peter

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

1

Der Himmel über Harland war gelbbraun wie ein verschmutzter Teppich und es roch nach einem ekelkalten Nieselregen, der da vielleicht kommen würde. Oder auch das Jüngste Gericht in Form einer brennenden Schwefel- und Styrolwolke aus der hiesigen Chemiefaserfabrik. Wie immer bei einem bevorstehenden Wetterwechsel ratterte der Auspuff meines Ford Granada wie ein Asthmatiker bei einem Marathonlauf. Außerdem waren die Zahnräder des dritten Ganges vor kurzem endgültig weggebrochen und ich war daher permanent entweder zu schnell oder zu langsam unterwegs, aber ich traf im ganzen Westbezirk auf keine Polizeistreife, die mich wegen irgendetwas aufgehalten hätte. Die Stadt konnte sich nach Westen zu nicht entschließen irgendwo aufzuhören. Nach den letzten kleinbürgerlichen Wohnblocks und Genossenschaftsreihenhausanlagen, nach den letzten Tankstellen, Beiseln und Minimärkten an der Ausfallstraße kamen zuerst Einfamilienhäuser mit einer Garage, bald welche mit zwei sowie mit Swimmingpool und Wintergarten, und dann wurde es erst richtig teuer. Kleinere und größere Villen, deren Garagen so groß wie die ersten Einfamilienhäuser waren, drängten sich in ein hügelig werdendes Waldpanorama wie in eine liebevoll gebastelte Spielzeugeisenbahn-Landschaft aus dem Märklin-Katalog. Hierher kam wegen des fast permanent herrschenden leichten Westwindes über Harland der gelbe, zähe, faulende Brodem aus Schwefelwasserstoff, Schwefeldioxid und weiteren Ingredienzen eines teuflischen Atems aus den Schloten so gut wie nie. Hier hustete niemand seine Bronchien heraus, nur weil ein paar Gesellschaften ihren Shareholdervalue erhöhten, hier erstickte niemand beim Frühstück in seinen eigenen vier Wänden.

Das Haus am Ende der unscheinbaren Stichstraße lag lang dahingestreckt auf einem Hügel, auf dem man das Kolosseum noch einmal hätte erbauen können. Es hatte einen Westflügel und einen Ostflügel und der Trakt in der Mitte war auch ganz schön imposant. Nicht die Art von Haus, in die ich normalerweise vorgelassen werde. Um das Portal eines solchen Anwesens zu überwinden, musste man wahrscheinlich eine passende Magnetkarte besitzen, eine Stimmprobe abgeben und zusätzlich die Abdrücke von ein paar Fingern einscannen lassen. Ich nahm mir fest vor, bei Kommerzialrat Schieder auch noch die Abgabe von Urinproben vorzuschlagen.

Ich hatte prähistorische, holländische Glashaus-Oliven gefrühstückt, einen Rest bulgarischen Knäckebrotes aus dem Sonderangebot und schlechte Laune, denn ich hatte während der angeblich wichtigsten Mahlzeit des Tages meine Kontoauszüge studiert. Mangels Aufträgen zahlungskräftiger Kunden hätte ich meinen Gewerbeschein als Privatdetektiv eigentlich längst zurücklegen und mir als Ex-Polizist einen entsprechenden Job suchen müssen. Akkord-Kloputzer bei McDonald’s zum Beispiel. Ich hatte nämlich nichts anderes gelernt, als an schmutziger Wäsche zu schnüffeln. Aber bis zur Neuauflage des Harlander Telefonbuches stand meine Handynummer noch immer unter einem gekreuzten Handschellenpaar und dem Pinkerton’schen Auge im Branchenverzeichnis. All das würde ich dem Hausherrn gegenüber natürlich nicht erwähnen. Mit keiner Silbe.

Wenn man in der Lage wäre, sich den Erzherzog-Johann-Jodler als Gebäude vorzustellen, hätte man einen ungefähren Eindruck von der Villa auf dem Hügel, auf den ich langsam zufuhr. Ein Fundament aus unbehauenen Kalksteinen, viel tiefgrün lackiertes Holz, Hirschgeweihe an den Fassaden, kleine Bauernkatenfenster, aber große Türen, geradezu Tore. Vermanscht war das Ganze überraschenderweise aber auch mit Elementen einer mittelalterlichen Raubritterburg, es gab Türme und Türmchen, Erker und Erkerchen, ja sogar Zinnen und mehr Wetterhähne als in einem kleineren Hühnerzuchtbetrieb. Irgendwo auf den Dächern mochte die Loreley hocken. Den Hügel hinab zog sich eine Wiese mit vereinzelten kalifornischen Silberfichten und japanischen Quitten. Graceland war ein Stück stilsicherer Architektur dagegen.

Ich warf noch einmal einen Blick auf den Zettel mit der Adresse, aber – kein Zweifel – dieser Alptraum einer ganzen Architektengeneration war tatsächlich „Am Spiegelgrund 11“.

So groß das Anwesen auch war, so mickrig war die Tafel an der Zufahrtsstraße, die ich fast umgefahren hätte. Dafür war die Aufschrift umso bemerkenswerter:

Achtung, Fangeisen!

KR Rudolf Schieder e.h.

Wenn ich im hohen Alter allein in einem solchen Kasten hausen müsste, würde ich auch welche auslegen, und noch ein paar Schützenminen dazu.

2

Ich drückte den Messingknopf tief in das Gehäuse. Als Reaktion darauf geschah – nichts. Ich zählte in Gedanken bis zwanzig und drückte noch einmal. Wiederum geschah nichts, außer, dass sich das Objektiv einer Videokamera über der Tür surrend auf mich einstellte. Dann ertönte ein Summen, das bei einigermaßen kühner Interpretation wie ein Fragezeichen klang.

„Marek Miert. Aber ich bin mit einer getüpfelten Krawatte gekommen. – Geht das?“, sprach ich in die Kamera hinein und schenkte ihnen mein bestes Lächeln Marke Tom Cruise nach vier Wodka on the rocks.

„Haben Sie einen Ausweis?“

Eine männliche Stimme aus einem kleinen Lautsprecher oberhalb der Kamera. Eine Stimme wie gespaltenes Glas, unangenehm, scharf.

„Sie können die Narben auf meiner Brust sehen. Nur auf der Brust, keine am Rücken.“

„Wir dachten eher an einen Lichtbildausweis.“

„Verdrücken Sie ihn mir bloß nicht beim Fotokopieren!“, antwortete ich und zückte meinen Führerschein.

„Schieben Sie ihn unter der Tür durch!“

„Eine Tür mit einem solchen Spielraum kann man leicht aus den Angeln heben. Mit einem mittleren Brecheisen zum Beispiel.“ Im Übrigen tat ich, wie mir geheißen, und schob das Dokument unten durch.

„Versuchen Sie’s mal! Wem sollen wir danach Ihre Leichenteile übergeben?“

„I wo, war nur ein kleiner Sicherheitshinweis. Völlig gratis und unverbindlich natürlich!“

Danach war dieser reizende Dialog für gute fünf Minuten stillgelegt, bis sich die unangenehme Stimme wieder meldete: „Herr Kommerzialrat Schieder wird Sie empfangen.“

Sogleich sprang die Tür mit surrenden Federn auf.

Hinter der Tür stand ein Männchen im taubengrauen, adretten Anzug mit spitz nach oben zulaufenden Ohren wie dünnes Pergament, mit langen, fetten, schwarzgrauen Haarresten, die an den seitlichen Schädelrändern in die Glatze hochgekämmt waren, und mit blassblauen, spaltförmigen Augen. Ein flaches Gesicht mit Sommersprossen, die aber in dieser physiognomischen Umgebung nicht lustig aussahen. Eine Nase wie ein ungeschliffenes Messer. Ein gefühlloser Mund. Das, was man früher als energisches Kinn bezeichnet hätte.

„Folgen Sie mir!“, befahl das Männchen – überraschenderweise mit der entschiedenen Stimme des Lautsprechers unterhalb der Überwachungskamera. „Viele halten mich für die rechte Hand des Herrn Kommerzialrates, dabei bin ich nur sein linker kleiner Finger.“

Ein sehr kleiner kleiner Finger, dachte ich und wunderte mich, dass einem solchen Männchen offenbar die Hüterrolle in diesem Anwesen anvertraut war. Aber vielleicht hockten ja noch ein paar massige Miet-Bodyguards in irgendwelchen Hinterzimmern des Komplexes herum.

„Schön für Sie.“

„Wofür halten Sie sich?“

„Für eine Schaufel, mit der er vielleicht ein wenig Dreck wegräumt.“

Schon der Vorraum der Villa, für den wohl nur die Bezeichnung Vestibül angemessen war, besaß fast die Größe eines Tennisplatzes. Es gab eine Menge Eichenvertäfelung darin, vielleicht ein Dutzend Decken- und Wandleuchten aus Messing, Hirschköpfe und Steinbock-Geweihe auf gebeizten Zirbenholz-Platten an den Wänden, große Bodenvasen im Gmundner Stil mit trockenem Heidekraut und eine Kleiderablage aus gekappten Skispitzen, die aus der Mauer ragten. So weit, so originell. Und es gab viel zum Abstauben, aber es sah nicht danach aus, als ob in letzter Zeit in dieser Hinsicht viel geschehen wäre. Es roch ein wenig nach Naphthalin wie in der Sommerresidenz eines Erzbischofs, der schon seit Wochen in St. Moritz dem Skilauf oder in Moskau dem interkonfessionellen Dialog frönte.

Die Haupthalle war in etwa eine Mischung aus der Fernseh-Dekoration des „Musikantenstadls“ und der Kitzbühler „Tenne“. Die reichlich verwendeten Holzschindeln und -balken sahen wie Plastik aus. An den Butzenscheiben-Fensterchen hingen rotweißrot karierte, hübsch drapierte Vorhänge, überall waren Edelweiß-Buschen und tanzende Trachtenpärchen aufgemalt. Ebenso bemalte Bauernschränke und -truhen allenthalben, in denen man die Mitgift eines ganzen Dorfes aufbewahren hätte können. Jetzt fehlte nur noch, dass aus einer der zahlreichen Türen, die allesamt Gucklöcher in Herzerlform hatten, Hansi Hinterseer träte und eines seiner Lieder schmetterte.

Das kam halt dabei heraus, wenn sich ein Harlander mitten in Harland ein barockes Jagdschloss errichtete, dreihundert Jahre nach dem Verlöschen des barocken Stilgefühls in dieser Gegend. All diese nicht tragenden Balken und Pfosten, die nachträglich völlig unnötigerweise eingezogene Tramdecke und die anderen dekorativen Schaukonstruktionen sahen nach der Jahresarbeit eines gut bezahlten Innenarchitekten aus, aber nicht danach, dass dieser repräsentative Raum jemals bewohnt worden wäre. Er war reine Staffage, bestenfalls geeignet als Bühne für Partys und Empfänge, mit denen man garantiert in die Klatschspalten kam. Diese spektakuläre Empfangshalle war tot. Die Erben würden den ganzen Krempel wegreißen lassen.

„Sie dürfen nicht rauchen, nicht husten, ihn nicht aufregen. Bitte auch keine heftigen Bewegungen, und seien Sie leise. Sie haben fünf Minuten“, sagte das Männchen, das sich zu mir umgedreht hatte und mir inmitten dieser pompösen „Sound of Music“-Dekoration eine weitere Lektion erteilen wollte. Mittelschwer ausgeprägter Napoleon-Komplex, vermutete ich mal, die kleinen Beißer hatten in der Regel die kräftigsten Kiefer.

„Darf ich wenigstens atmen? Warum haben Sie mich überhaupt kommen lassen, wenn ihn schon meine bloße Gegenwart umbringen könnte?“, konnte ich mir nicht verkneifen zu entgegnen. Die tatsächliche Wirksamkeit von so etwas wie beredtem Schweigen während des Kampfes ums Dasein ist umstritten. Ich rede lieber.

„Ich habe Sie nicht kommen lassen!“

„Damit ist das ja immerhin klar.“

Mein kleiner Führer fand das offenbar auch, öffnete eine der rustikalen Türen und winkte mich durch. Ich trat ein und stand in einem Krankenzimmer, ja in einem Krankensaal. Eine ganze Krankenstation mit nur zwei Betten darin. Auf dem einen saß eine voll adjustierte Krankenschwester, las eine Illustrierte und aß Pralinen aus einer großen Schachtel. Auf dem anderen lag ein langer, offenbar magerer Körper unter einem ganzen Konvolut von Decken. Nur der Kopf mit stahlgussgrauen, in dünnen Bündeln wirr zusammengeklebten, nackenkurzen Haaren, weiß grundierter, sonst aber skrofulöser, rot gefleckter Gesichtshaut, mit einem vom Schmerz zerfaserten Mund und ausgezehrten blauen Augen ragte daraus hervor. Über, hinter und neben dieser Matratzengruft thronten eine Herz-Lungen-Maschine, ein EKG-Apparat, ein EEG-Bildschirm, ein Defibrillator und eine ganze Menge weiterer medizinischer Geräte und Apparaturen, die ich nicht einmal dem Namen nach kannte. Für meine Begriffe hätte dies auch das Labor eines Kernforschungsinstituts sein können, so viele Kabel, Monitore und Schaltkästen gab es da.

„Das Einzige, was selbst in Österreich nicht umgangen werden kann, ist der Tod“, sagte der Kopf von Kommerzialrat Schieder, ohne sich in seiner Bettgruft zu bewegen, „aber ich bemühe mich. Ich habe sogar den Boden verstärken lassen, damit er all das, diese kleine Intensivstation trägt.“

Die Stimme aus diesem ausgemergelten Körper war eine Überraschung, ein wohlklingender Bariton voller Konzentration.

„Ich lebe mit einer Frau in meinem Schlafzimmer und es ist nicht meine Frau“, die Stimme hatte auch Humor, „überdies wird sie alle acht Stunden durch eine andere ersetzt.“

Die Krankenschwester blickte nicht einmal auf, stopfte weiter Pralinen in sich hinein und fuhr fort, über Leben, Lieben und Leiden diverser Angehöriger europäischer Königshäuser, megalomanischer Fernsehmoderatoren und koksender, bulimischer Models zu lesen.

„Treten Sie näher, Miert! Meine Netzhaut neigt leider zu Blutungen. Welche Anzuggröße haben Sie?“

„Bagger.“

„?“ Die Stimme konnte zum Fragezeichen werden, indem sie sich einfach zurückzog in ihren erschöpften Kopf.

„Ich meine, wenn ein Bagger einen Anzug bräuchte, könnte er einen von meinen nehmen.“

„Ich dagegen bin 92 Jahre alt und seit fünf Jahren so gut wie tot, aber wir haben natürlich das gute alte Nitroglycerin hier, auch Heparin und das famose Ipratropiumbromid. Nicht zu vergessen Magnesiumsulfat und das himmlische Metamizol, die Nirwana-Ampulle. Selbstverständlich ist auch Methylprednisolon vorrätig und Midazolan und Morphin, dieses Geschenk Gottes. Besonders liebe ich aber neben meinen Krankenschwestern auch Midazolam und Urapidil sowie Verapamil. Wie wichtig sind doch auch Kleinigkeiten wie eine starre Unterlage für die Herzdruckmassage, das PEEP-Ventil für den Beatmungsbeutel oder ein Endotrachealtubus.“

Die fünf Minuten, die mir der Majordomus zugestanden hatte, waren mittlerweile vergangen und Kommerzialrat Schieder war noch immer nicht fertig, geschweige denn tot.

„Aber nicht nur das alles, hinter dem Haus steht auch ein voll ausgerüsteter Notarztwagen, besetzt jeweils mit einem Sanitäter und einem jungen Mediziner, die ich ebenso gut bezahle wie meine übrigen medizinischen Angestellten.“

Ich fragte mich inzwischen, ob mich Kommerzialrat Schieder nur deswegen kommen hatte lassen, um sich seine intensivmedizinischen Vorkehrungen bewundern zu lassen.

„Wenn einer dem Tod noch von der Schaufel hüpfen kann, dann sind Sie das“, sagte ich, um halt auch einmal etwas zu sagen.

„Unterbrechen Sie mich nicht! Reden ist schließlich das einzige Vergnügen, das mir geblieben ist.“

Irgendwie hatte er Recht. Achtzig, neunzig Millionen Euro, darauf wurde Schieders Vermögen geschätzt, unterbrach man nicht so einfach. Egal wobei.

„Ich habe mit zwei Wracks begonnen, Miert, einem Opel Blitz und einem Skoda, aus denen ich der Roten Armee einen tadellosen Lastkraftwagen aufgebaut habe. Als Bezahlung gab’s nicht einmal einen warmen Händedruck, nur weitere Wehrmachtswracks und weitere Aufträge, die von Befehlen nicht leicht zu unterscheiden waren. Ich war damals der einzige noch lebende und nicht in Gefangenschaft geratene Automechaniker in ganz Harland und besaß dank des sowjetischen Stadtkommandanten bald so etwas wie eine Kfz-Werkstätte – eine Bombenruine mit Blindgängern im Hof. Meinen ersten Opel habe ich 1947 verkauft, an die städtische Bestattung – das einzige Gewerbe, das in den damaligen Zeiten florierte.“

„Klingt alles sehr schwierig.“

„Die nächsten fünfzehn Jahre waren dafür leicht – Gebietsschutz, wissen Sie. Und es gab mehr Käufer, als wir überhaupt Fahrzeuge geliefert bekamen. Die nächsten zwanzig Jahre waren sowieso ein Kinderspiel. Der Gebietsschutz wurde ausgebaut und es erhielten ihn nur die dickeren Fische unter den Händlern. Ich hatte schon Filialen in Krems, Amstetten, Wiener Neustadt und Penzing.“

Die Konfektschachtel war mittlerweile leer. Die Krankenschwester bewegte sich nun nicht mehr. Schieder hatte sich überhaupt noch nicht bewegt. Ebenso wenig wie ich, denn ich stand seit einer Viertelstunde wie ein Zinnsoldat vor seinem Bett und hörte mir seine Geschichten an. Es roch nach Sauerstoff, Hydrauliköl, Schokolade und feinem, frischem Schweiß wie von einem neugeborenen Meerschweinchen. Warum schwieg Gott und seine Staubgeburten führten das große Wort?

„Erzählen Sie mal ein bisschen was über sich!“, forderte mich der sprechende Kopf plötzlich auf.

„Heißt das etwa, dass Sie keine Referenzen über mich eingeholt haben?“

„Ich habe mich immer auf mich selbst verlassen, auch bei der Beurteilung von Menschen. Und ich bin immer gut damit gefahren. Außer bei meinen zwei Ehefrauen.“

Es schien mir höchst unpassend, in dieser Umgebung zu kichern oder auch nur komisch zu glucksen.

„Okay, also ich bin nicht besonders dynamisch, aber zäh. Mein dreißigster Geburtstag ist an mir vorbeigerauscht wie eine F-16. Wenn man Red Bull und Whiskey mischt, bekommt man keine Flügel, sondern Düsen. Außerdem dusche ich nicht zweimal pro Tag und habe eine große Klappe. Mein Handwerk habe ich beim Wiener Sicherheitsbüro gelernt, aber ich bin, fanden jedenfalls meine Vorgesetzten, nicht teamfähig. Bei einem Marek-Miert-Wettbewerb würde ich vermutlich nur den vierten Rang belegen, wenn überhaupt.“

Den Kopf schienen meine Antworten nicht besonders zu befriedigen, er begann wieder zu sprechen: „Was heißt das?“

„Wenn Sie wollen, dass ich Dreck für Sie wegräume, richtigen Dreck meine ich, dann bin ich Ihr Mann. Wenn Sie allerdings von mir verlangen sollten, auf Samtpfötchen durch die Gegend zu hopsen und immer meine Glaceehandschuhe dabeizuhaben, dann wäre ich nicht der Richtige für Sie.“

Ich plauderte zwar noch immer farblosen Dampf ins Blaue hinein, schien aber ungefähr in die Nähe dessen geraten zu sein, was der sprechende Kopf sich in etwa vorstellen mochte.

„Sonst noch etwas, was ich wissen müsste?“

„Ich arretiere keine Ladendiebe und schlage keine säumigen Schuldner zusammen. Das ist ein Prinzip von mir.“

„Okay, Miert, sehen Sie, ich habe einen tüchtigen Schwiegersohn, der einen tüchtigen Detektiv aus Wien engagiert hat. Er telefoniert in meinem Auftrag jeden zweiten Tag mit einem tüchtigen Karrierejuristen aus Hietzing, unserem hiesigen Polizeidirektor. Aber ich wollte jemanden, der beispielsweise weiß, wo das Scharfe Eck und wer Wickerl Pongratz ist, jemanden, der weiß, dass der Grund unter dem Autohaus Goritschnig noch immer feucht ist, weil der Bau auf dem zugeschütteten Langteich der Naturfreunde errichtet worden ist.“

Das mit dem Teich hatte ich nicht gewusst. Also hielt ich lieber mal den Mund und bemühte mich, möglichst wissend dreinzuschauen.

„Verstehen Sie, Miert?“

Ich nickte: „Das verstehe ich ganz gut, aber die Hauptsache …“

„Ich möchte in dieser Stadt nicht sterben, bevor dieses Mädchen nicht gefunden ist! Alles Weitere erfahren Sie von Hierlinger. Auf Wiedersehen!“

Die Audienz war beendet, die Krankenschwester stellte das Illustriertenlesen abrupt ein und trat an Kommerzialrat Schieders Bett heran. Nichts Ernstes, nur eine Pulskontrolle.

3

Das akkurat gekleidete Männchen hatte offenbar vor der Tür des Krankenzimmers Wache gestanden und auf mich gewartet.

„Sie sind wohl Hierlinger?“, begrüßte ich es.

„Und Sie sind wohl die Allegorie einer dickbauchigen Wärmflasche?“

„Was machen Sie bloß, wenn diese Krankenstation einmal leer ist? Den Sozialstaat in die Pflicht nehmen?“

„Ich denke nicht, dass Sie das etwas angeht! Kommen Sie mit in mein Büro.“

Praktischerweise befand sich dieses gleich daneben, hinter einer ebenso idiotisch-rustikalen Tür, von der Macht nur ein paar Schritte entfernt. Aber vielleicht war der Hausmeier Hierlinger selbst schon die Macht. Sein Büro sah allerdings nicht danach aus oder war raffiniertestes Understatement: schwarzgraue Polstermöbel ohne viel Polsterung, mit Messerkanten und rechten Winkeln wie aus der Kollektion eines leicht zwanghaften technischen Zeichners. Schreibtisch sowie PC-Tisch und Büroschrank aus braunorangen Spanplatten, irgendwie eine Mischung aus Neo-Bauhaus und Stadtrand von Bremen. Hinter dem Schreibtisch ein Aquarium mit einem großen, weißen, neurotischen Goldfisch, der hektisch an der Oberfläche nach Fressbarem, neuen Perspektiven oder einem Gott mit Kiemen suchte, und einem kleinen schwarzen Exoten, der in Bodennähe einer plastikgrünen Wasserpflanze vorsichtig den Hof machte. Auf dem Schreibtisch neben den üblichen Büroutensilien ein mit Blüten und der Aufschrift „Breitensee 1999“ bemalter faustgroßer Stein und eine kaum mehr als daumengroße Plastikfigur eines Beelzebubs, der nicht nur die Zunge spitz und glänzend zeigte, ein kleiner Teddybär mit roter Schleife, die mit einer Sicherheitsnadel an seinem Goder festgestochen war, und eine rote Plastikrose in durchsichtigem Zellophan, das über und über mit winzigen roten Herzen bedruckt war. Das Foto eines weißen, langhaarigen Hundes auf einer Pinnwand neben einer Straßenkarte von Niederösterreich sowie eine Fotografie von aufgeschichteten Totenköpfen aus einem Karner rundeten Hierlingers Büroeinrichtung ab. Nichts deutete darauf hin, dass er sich auch mit Kriminalfällen beschäftigte.

Auch hier bekam ich keinen Stuhl angeboten, während sich Hierlinger hinter seinem Schreibtisch platzierte und mit dem Stein aus Breitensee zu spielen begann. Dafür kam er immerhin gleich zur Sache: „Helene Kafka, elf Jahre alt, seit fünf Wochen verschwunden. Sie haben sicher von der Sache gehört?“

Ich hatte.

„Damit Sie die ‚Harlander Nachrichten‘ nicht aus Ihrem Altpapiercontainer herausfischen müssen, haben wir ein Foto der Kleinen und ein paar Fakten für Sie vorbereitet.“

„Sie ist auf dem Schulweg verschwunden, nicht?“

„Exakt, auf dem Weg von ihrer Schule zu ihrer Mutter. Mehr weiß ich nicht, mehr weiß niemand. Name und Adresse der Mutter und der Schule finden Sie in diesem Umschlag. Es gibt auch noch einen Großvater. Dessen Adresse haben wir ebenfalls für Sie aufgeschrieben.“ Damit zog er aus einer Schreibtischlade ein dünnes, oranges Kuvert hervor, das aber nicht nach Orangen, sondern höchstens nach Industrieleim roch, und reichte es mir. Es enthielt einen Farbabzug im Format A4, offenbar eine extreme Vergrößerung eines Schul-, eines Klassenfotos. Das Gesicht der kleinen Kafka, das den Abzug ausfüllte, war mager und verhuscht, hatte strähniges, elektrisch aufgeladenes, brünettes Haar, angefressene Augen, eine leicht schiefe Nase und einen Mund, der sich sichtlich nicht wohl fühlte, jedenfalls im Moment der Aufnahme.

Als Letztes war in dem Umschlag ein Blatt Papier, auf dem mit Schreibmaschine die Adresse der Schule sowie die Wohnanschriften einer Helga Kafka und eines Franz Leeb standen.

„Sie bekommen täglich einen Scheck über vierhundert Euro zugesandt. Wenn Sie größere Spesen haben sollten, wenden Sie sich an mich. Zusätzlich werden Sie jeden Tag in Ihrem Postfach eine Bestätigung vorfinden, dass Sie genau an diesem Tag Kommerzialrat Schieder in einer privaten Untersuchung vertreten. Und zwar nur an diesem Tag! Wenn Scheck und Bestätigung ausbleiben, dürfen Sie den Auftrag als erledigt betrachten. Zumindest, was uns betrifft.“

Zog man Kommerzialrat Schieders Gesundheitszustand in Betracht, so würde der Auftrag wohl durch ein Gottesurteil beendet werden.

„Wann und wem bin ich berichtspflichtig?“

„Sie berichten wöchentlich, und zwar mir.“

„Eines interessiert mich noch: Was erhofft sich Kommerzialrat Schieder von meinem Engagement?“

Da bereits halb Harland seit Wochen vergeblich nach der kleinen Kafka suchte, konnte er sich wohl nicht allzu viel erwarten. Höchstens ein schönes Begräbnis für die Kleine, wenn irgendwer die Leiche ausbuddelte.

„Warum tut er das überhaupt? Schieder und Kafka – das klingt ja nicht gerade nach engster Verwandtschaft?!“

„Soweit ich weiß, ist da auch nichts, schon gar keine Blutsverwandtschaft, keine nähere Beziehung, nichts. Ich bin mir sicher, dass er die kleine Kafka nicht einmal kennt, geschweige denn die Mutter.“