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Felix Mitterer

Abraham

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Die Herausgabe der Werksammlung wurde vom Land Tirol und von der Gemeinde Telfs gefördert.

© 2001

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Aufführungsrechte für alle Stücke beim Österreichischen Bühnenverlag Kaiser & Co., Am Gestade 5/II, A-1010 Wien

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7615-9

Umschlaggestaltung:

Dieses Stück wurde dem Sammelband »Stücke 3«, erschienen 2001 im Haymon Verlag, entnommen. Den Sammelband »Stücke 3« erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

INHALT

Abraham

Biographische Daten und Werkverzeichnis

ABRAHAM

Stück über eine Liebe

Ich kannte einen Mann in einem Dorf irgendwo in Österreich. Eines Tages ließ er mir über einen Dritten mitteilen, er sei homosexuell, habe Aids, würde mir gerne seine Geschichte erzählen, wünsche sich von mir ein Theaterstück darüber. Da viele Menschen sich vom Schriftsteller Erlösung, Rehabilitation, Rechtfertigung und manchmal sogar Rache für ausgestandenes Unrecht erhoffen, häuft sich derartige Post.

Man schreibt an die Zeitungen, an den Bundespräsidenten, an den Schriftsteller. Letzterer kann konkret am wenigsten tun, er kann nur im allgemeinen ein „Rächer der Enterbten” sein, nicht im einzelnen, besonderen Fall. Dann kommt hinzu, daß ich nicht über alles und jedes schreiben kann und mag, daß ich nicht ein gesellschaftliches Problem nach dem anderen auf meiner Werkliste abhaken will. So antwortete ich erst nach Monaten, daß ich kommen werde, sobald es meine Zeit erlaubt. Wieder vergingen Monate, es kam eine Karte: „Ich bin jederzeit für Sie bereit. Nur meine Tage, Wochen, Monate (?) scheinen mir davonzulaufen. Es kann aber auch noch länger dauern.” Zwei Wochen später rief ich endlich an, seine Mutter war am Apparat: „Tut mir leid, Herr Mitterer, vor ein paar Tagen ist er gestorben.”

Ich fühlte mich schuldig, war wütend auf mich. Und fühlte mich verpflichtet, jetzt erst recht verpflichtet, das Stück zu schreiben. Ich sprach mit den Eltern. Da sie vom Wunsch ihres Sohnes wußten, gaben sie mir Auskunft. Aber ich merkte, daß sie Angst hatten. Wenn ich zu den Ärzten kam, zu den Krankenschwestern, zu den Freunden, waren jedesmal schon die Eltern dagewesen, hatten erklärt, sie seien fertig mit den Nerven, könnten nicht mehr schlafen, weil der Mitterer ein Stück über den Sohn schreibt. Ich warf also weg, was ich schon geschrieben hatte, und versicherte den Eltern, daß ich nicht daran interessiert sei, ihr Leid noch zu vergrößern, und daß der Sohn und sie nicht erkennbar sein werden in meinem Stück.

Im Laufe meiner Recherchen stieß ich auf ein Phänomen, das mir in diesem Ausmaß nicht bewußt gewesen war. Die meisten Homosexuellen, die ich kenne — vor allem im Theatermilieu — können zu sich stehen, haben kaum Probleme mit sich und der Umwelt. Überhaupt ist in den Städten die Existenz erträglicher für sie, obwohl man auch dort — außerhalb der Gettos — selten schwule Liebespaare sieht, die sich öffentlich als solche zu erkennen geben, obwohl auch dort die meisten — ob Politiker, Manager, Angestellte — sich aus gutem Grunde hüten, ihre Homosexualität zu offenbaren. Am Land aber ist die Lage immer noch viel prekärer, viel schlimmer, als ich glaubte. Und nicht nur den Druck von außen gibt es, sondern vor allem den Druck von innen, aus sich selbst heraus. Das heißt, ich stellte fest, daß viele Homosexuelle am Land mit großen, übergroßen Schuldgefühlen zu kämpfen haben, daß viele sich selbst für abnormal, für „pervers” halten, daß sie auch dann, wenn sie in die Stadt flüchten, viele Jahre brauchen, um mit sich selbst zu Rande zu kommen. Die Erziehung, die Normen der Kirche, das ganze Weltbild sitzen ihnen schwer und unabschüttelbar im Nacken.

Ich stieß auf einen, der — schon todkrank — die Behandlung in der Aids-Station verweigerte, weil er die Krankheit selbst als Strafe Gottes ansah. Ich stieß auf einen, der den Krankenhauspfarrer, der ihn trösten wollte, wüst beschimpfte und eine Strafpredigt, die Androhung der Verdammnis von ihm verlangte. Ich stieß auf Väter — mehr Väter als Mütter, die Mütter sind verständnisvoller —, deren Welt zusammenbrach, die psychisch und manchmal auch physisch zugrunde gingen, wenn sie von der Homosexualität des Sohnes erfahren. So ist also „Abraham” kein sogenanntes „Aids-Stück” geworden, sondern ein Stück über eine homosexuelle Liebe, und darüber, wie ein Mensch mit sich zu kämpfen hat, der an Gott glaubt und an die Gesetze der Kirche, der seine Veranlagung selbst für eine Sünde hält. Und es ist ein Stück über die Liebe zwischen Vater und Sohn geworden. Trotz dieser Liebe setzt der Vater den Sohn mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln unter Druck. Sein Motiv ist Angst. Die Angst, Ansehen, Macht und Ehre zu verlieren, in Schande zu fallen. Das Stück endet in einem Alptraum, in einer biblischen Apokalypse. Der Vater, der den Sohn schon längst auf dem Altar der gesellschaftlichen Konvention geopfert hat, tut dies und zwar auf Verlangen des Sohnes! — nun auch tatsächlich. Der rettende Engel kann diesmal das Opfer nicht verhindern.

PERSONEN:

Peter (35), Architekt

Max (60), Baumeister und Vater von Peter

Georg (27), Freund von Peter

Pfarrer (60)

Erich (50), Maurerpolier

Gabi (30), Prostituierte

Werner (30), Ledertyp

Charly (30), Fixer

Judy (30), Transvestit

6 bis 10 Statisten („Tod”, Dorfbewohner, Junge, Philippinin, U-Bahn-Passanten)

SCHAUPLÄTZE:

Gasthausklosett (Land)

Wohnzimmer Max (Land)

Appartement Georg (Stadt)

Aids-Station (Stadt)

U-Bahn-Station/Griechischer Strand

Kirche (Land)

Müllhalde (Land)

PROLOG

Meeresrauschen. Aus der Ferne erklingt windverblasen der berühmteste aller griechischen Hasapikos, „Frankosyriani”, gesungen von Markos Vamvakaris.

WERNER: In Athen und Thessaloniki, in den griechischen Vierteln von Smyrna und Istanbul lebten um die Jahrhundertwende Männer, die sich Manges nannten. Sie stammten ab von Freiheitskämpfern und Bergräubern. Nun schlugen sie sich durch als Schmuggler, Spieler und Tagediebe. Der Mangas ist selbstherrlich und streitsüchtig und geht keiner Messerstecherei aus dem Weg. Er spricht leise und schleppend, seinen Jargon verstehen nur die Eingeweihten. Er trägt ein dunkles Jackett, ein schwarzes oder violettes Hemd ohne Kragen, enge gestreifte Hosen, spitze Schuhe mit Absätzen und einen breitkrempigen Hut vom Typ „Republiko”. Sein Schnurrbart ist an den Enden hochgezwirbelt, auf der Stirn klebt eine gewachste Locke. Im Gürtel steckt ein zweischneidiges Messer, oft auch eine Pistole. Das Jackett trägt er nur mit dem linken Arm im Ärmel, so daß er es mit einer raschen Bewegung um den Arm wickeln kann, um das Messer des Gegners abzuwehren. Seine Hand spielt unentwegt mit dem Komboloi. Der Mangas ist stolz wie kein anderer Mann. Er verheiratet sich nicht, er zeugt keine Kinder, er geht keiner geregelten Arbeit nach. Er lebt nur für das Heute. In den Kaffeehäusern, in den Hafentavernen und Haschischkneipen trifft er sich mit seinen Kumpanen zu Gesang und Tanz. Die Nacht macht er zum Tag. Lernt er einen Jungen kennen, der ebenso stolz sein möchte, ebenso mutig und frei, dann nimmt er ihn als Söhnchen an. Kein Mangas endet als Greis. Eines Tages wird er getötet. Im Zweikampf oder von der Polizei. Dann machen die Kumpane ein großes Fest. Und das Söhnchen tanzt.

1. GASTHAUSKLOSETT (LAND)

Eher heruntergekommenes Männerklo. Musik und Gegröle von der Gaststube her. Ein als Tod verkleideter Mann sitzt mit dem Rücken zur Wand schlafend am Boden, bewegt sich während der ganzen Szene nicht. Peter (verkleidet als Batman) wird von Georg (verkleidet als Catwoman) hereingezogen. (Georg soll für den Zuschauer nicht als verkleideter Mann erkennbar sein.) Peter will Georg küssen, dieser „zeigt die Krallen”, faucht Peter an, läuft davon, Peter ihm nach, Georg schlägt mit der Peitsche nach ihm, Peter fängt sie beim dritten Mal, zieht Georg an sich, küßt ihn, Georg umarmt Peter. Der Pfarrer kommt (verkleidet als Erzengel Michael mit Flammenschwert) herein, sieht die beiden.

PFARRER: Na, also bitte!

Peter fährt erschreckt zurück.

PFARRER: Machts des gefälligst daheim! (Schaut Georg an, zeigt mit dem Schwert Richtung Ausgang.) Hinaus! Hier ist das Herrenklo!

Georg springt mit erhobenen Krallen auf den Pfarrer zu, dieser weicht zurück.

PFARRER: Lassen Sie das! Hören Sie auf!

Georg hört nicht auf, der Pfarrer stößt mit dem Schwert nach ihm, Georg schlägt es ihm mit der Peitsche aus der Hand. Peter hat sich auch zu amüsieren begonnen, weil er unter seiner Maske ja nicht erkennbar ist. Georg legt dem Pfarrer einen Arm um den Hals.

GEORG: (mit gut verstellter, „weiblicher” Stimme) Wir müssen doch zusammenhalten, Erzengel! Gemeinsam bekämpfen wir das Böse! Zu jeder Stunde, an jedem Ort, und gerade auch hier, wo der Mensch den niedrigsten Bedürfnissen nachgeht! Im Klosett trifft sich der Abschaum der Menschheit, Erzengel! Hab ich recht, Batman?

PETER: Klar! Aber jetzt sollt ma den Erzengel aufs Klo gehn lassen. (Will zum Ausgang.) Los, komm!

GEORG: Moment noch! Die Stunde ist gekommen, ein Rätsel zu lösen, das die Menschheit schon von jeher beschäftigt!

Der Pfarrer will sich losreißen, aber Georg hält ihn fest.

GEORG: Haben Engel ein Geschlecht, und wenn ja, welches?

PETER: Ja, des is interessant!

PFARRER: (wehrt sich) Lassen Sie mich gefälligst los!