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Felix Mitterer

Das Fest der Krokodile

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Die Herausgabe der Werksammlung wurde vom Land Tirol und von der Gemeinde Telfs gefördert.

© 2001

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Aufführungsrechte für alle Stücke beim Österreichischen Bühnenverlag Kaiser & Co., Am Gestade 5/II, A-1010 Wien

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7638-8

Umschlaggestaltung:

Dieses Stück wurde dem Sammelband »Stücke 3«, erschienen 2001 im Haymon Verlag, entnommen. Den Sammelband »Stücke 3« erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

INHALT

Das Fest der Krokodile

Biographische Daten und Werkverzeichnis

DAS FEST DER KROKODILE

Ein Kinderstück über den Krieg

1993 — in Jugoslawien herrschte das Grauen des Krieges — wandte sich Werner Kantner, ein Freund aus alten Wiener Tagen (1978/79 hatte ich „Kein Platz fiir Idioten” in Wien gespielt) an mich und fragte an, ob ich für eine neue Kindertheatergruppe ein Stück über den Krieg (für Kinder ab 9) schreiben könnte. Die Gruppe nannte sich „Theater Schrille Stille” und bestand aus fünf Leuten, die sich schon lange (allein oder zu zweit, nie aber alle zusammen) mit Kindertheater auseinandergesetzt hatten. Da ich ja meinen ersten großen Erfolg mit dem Kinderbuch „Superhenne Hanna” (1977) gehabt hatte und erst wieder 1986 in Telfs mit dem Zaubermärchen „Drachendurst” etwas für Kinder schrieb, fand ich es an der Zeit und auch als große Herausforderung, gerade anhand eines so schwierigen Themas wie Krieg mich erneut auf dem Gebiete des Kindertheaters zu versuchen. Die Gruppe wünschte sich außerdem, das Stück in einem ständigen Diskurs mit mir zu erarbeiten, zudem sollte ich den zwei Schauspielerinnen Eva Billisich und Verena Vondrak sowie den Schauspielern Andreas Moldaschl, Stephan Rabl und Hubertus Zorell ihre Rollen auf den Leib schreiben. Auch das fand ich eine interessante Herausforderung, weil ich bisher immer (wie jeder Autor) einsam am Schreibtisch meine Geschichten erarbeitet hatte. Ich fuhr also nach Wien und traf mich mit den Leuten. Sie waren mir alle sympathisch, erschienen mir alle sehr begabt und kompetent, und ich empfand die Zusammenarbeit zu Beginn sehr erfrischend und befruchtend.

Anfang 1994 führte die Gruppe in Schulen von Wien und Niederösterreich Gespräche über den Krieg durch und stellte mir die Ergebnisse zur Verfügung. Ich begann zu schreiben. Und langsam, aber sicher wurde die Sache mühselig. Der Grund lag erstens darin, daß ich häufig von meinem Wohnort Innsbruck nach Wien fahren mußte (und ich verreise eher ungern), zweitens stellte sich heraus, daß alle fünf Leute etwas anderes wollten, so daß das Sprichwort „Zu viele Köche verderben den Brei” sich zu bewahrheiten drohte. Dann kam der Regisseur, und es ging wieder aufwärts, denn da sprach einer, der eine genaue Vorstellung hatte und auch die Kraft zu besitzen schien, sich durchzusetzen. Es handelte sich um Karl Welunschek, einen der ungewöhnlichsten jungen Regisseure des damaligen Wien, von manchen hochgeschätzt, von manchen aber auch wegen seiner Kompromißlosigkeit sehr angefeindet. Kaum war der Welunschek da, war er aber auch schon wieder weg, bis heute weiß ich eigentlich nicht genau, warum. Wahrscheinlich waren es auch ihm zu viele Köche.

Die Kontakte wurden nun spärlicher, das Stück lieferte ich dennoch termingerecht ab und es wurde im September 1994 (die Regie hatte eine der Schauspielerinnen übernommen) beim Kinderstückfestival „Szene Bunte Wähne” in Horn in Niederösterreich uraufgeführt. Wie mir schien, kam es bei Kindern wie bei Erwachsenen gut an und löste auch die erhofften Diskussionen aus, vor allem über soldatisches Heldentum, politische (Ver-)Führer und Haß auf die sogenannten „Fremden”, die vor kurzem noch Nachbarn waren. Es war mir in dem Stück vor allem um Entlarvung gegangen, um Entlarvung der Führer und Entlarvung der Helden, und Entlarvung funktioniert natürlich am besten mit einer absurden, respektlosen Komödie.

Bei mir als Autor kam das Stück gar nicht gut an. Ich hatte das Gefühl, etwas ganz Miserables, Mißlungenes abgeliefert zu haben, und schwer enttäuscht (von mir) fuhr ich nach Hause. Im November 94 wurde das Stück dann mehrere Wochen lang im Wiener Künstlerhaus gespielt, begleitet von zahlreichen Rahmenveranstaltungen.

Es fanden Diskussionen mit dem Publikum statt, eine Podiumsdiskussion zum Thema „Gibt es ein Erwachsenwerden in der Konfliktfähigkeit”, die Prämierung von Schüleraufsätzen zum Thema Krieg, eine Rauminstallation, Lesungen und pädagogische Spielstunden, eine dreitägige Filmreihe „Kinder und Krieg” mit Mal-Animation und Fotoausstellung „Alltag im Krisengebiet”, zuletzt auch noch eine Stadtführung für Kinder mit dem Thema „Wien 1945” durch die Historikerin Timmermann. Das alles war äußerst positiv, und die Gruppe „Schrille Stille” hatte damit großartige, effiziente Aufklärungsarbeit geleistet; besser kann man so etwas gar nicht machen. Mir selbst blieb dennoch das Gefühl, versagt zu haben. Ich ritt natürlich nicht darauf herum und verfiel auch nicht in Selbstmitleid, auch stellte sich keine „Schreibhemmung” ein, gewurmt hat es mich dennoch.

So beschloß ich also, meinen Bühnenverlag zu bitten, das Stück für weitere Aufführungen zu sperren, wie ich es 1980 schon bei meinem mißlungenen zweiten Stück „Veränderungen” getan hatte. Mein Verlag akzeptierte dies auch, wenn auch mit leisem Widerwillen, irgendwann aber kam wieder einmal eine Anfrage, die Mitarbeiterin, die gerade das Telefon abhob, wußte nichts von der Sperrung und schickte dem betreffenden Theater das Stück. So kam im Jahre 1998 „Das Fest der Krokodile” im Wiener Theater „Experiment” heraus. Meine Verlegerin besuchte die Aufführung, war sehr angetan und schlug mir vor, ich solle mich bei meinem nächsten Wienbesuch selbst davon überzeugen, daß das Stück sehr wohl funktioniere.

Das tat ich dann auch, wenn auch mit viel Bauchweh — und siehe, so miserabel war es gar nicht. Deshalb finden Sie, liebe Leserinnen, „Das Fest der Krokodile” nun doch in diesem Sammelband abgedruckt. Bilden Sie sich selbst eine Meinung.

PERSONEN:

Fräulein Eva

Herr Hubertus

Frau Tini

Herr Andreas

Herr Stephan

SCHAUPLATZ:

Kriegsruine auf Hügel, halb Vorratslager, halb Müllplatz. Säcke, Kisten, Lumpen, Lüftungsschläuche (grün-braun wie Krokodile), ein Tarnnetz, darunter ein improvisierter Tisch mit improvisierten Hockern sowie ein Liegestuhl, ein Hometrainer, Feldtelefon, Herdplatte, Töpfe, ein Plastikeimer, eine Gießkanne, ein Plastikschafferl mit Waschrumpel, ein rostiger Tresor, ein zerbrochener Spiegel, vorne eine hohe, dürre Blume, oben am Trümmergrat ein Maschinengewehr mit eingelegtem Munitionsgurt. Dahinter Wüste (links noch etwas Vegetation vom Fluß), weiter Horizont.

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