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HAYMON verlag            

Robert Sedlaczek

Die Tante Jolesch
und ihre Zeit

Eine Recherche

In Zusammenarbeit mit

Melita Sedlaczek und Wolfgang Mayr

© 2013
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

Textpassagen aus Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten
© 1975 by LangenMüller in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Textpassagen aus Die Erben der Tante Jolesch
© 1978 by Langen Müller in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7302-8

Umschlag- und Buchgestaltung, Satz:
hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol
Umschlagfoto: Georg Eisler: „Im Kaffeehaus“. Mit freundlicher Genehmigung der Georg und Alice Eisler Stiftung, Wien.

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Inhalt

Der Zufall ist der größte nicht kalkulierbare Faktor

Der Mann mit dem Franz-Hals-Gesicht

Hanni Forester: Ich habe als Kind Hugo Sperber gekannt

Die wilde Zeit nach dem Untergang der Monarchie

Räuber, Mörder, Kindsverderber, gehen nur zu Dr. Sperber

Wer war die Tante Jolesch?

Ein falscher Grabstein auf Sperbers Grab

Georg Gaugusch recherchiert „Wer einmal war“

Spurensuche im „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“

Eine Taxifahrt zur Tante Jolesch und zum Rechtsanwalt Dr. Hugo Sperber

Der Mann ohne Eigenschaften versus Nachts unter der steinernen Brücke

Gisela Salacz emigriert nach Budapest

Sperber in Polizeihaft – das Protokoll der Einvernahme

„Der Neffe Franzl“ – Gastgeber Torbergs in Wiese bei Iglau

Sperber ergänzt seine Aussage und wird freigelassen

Warum Kreisky von Hugo Sperber nicht verteidigt werden wollte

Victor von Kahler nimmt den Dienst an der Tante Jolesch ernst

Sperber als Parteianwalt in politischen Prozessen

Die Ehefrau „des Neffen Franzl“ als Vorlage für Brechts Jüdische Frau

Ein politischer Prozess wird zur Anekdote

Franz Hajek versorgt Torberg mit Pointen für Jolesch-Anekdoten

Kreisky, Torberg und Sperber hören Vorträge von Alfred Adler

Justinian Frisch sammelt Sperberiana für Anekdoteles

Sperber war die Karikatur eines Soldaten

Torberg korrespondiert mit der geschiedenen Frau von Franz Jolesch

Torberg analysierte 1943 für das FBI Brechts Lehrstück Die Maßnahme

Verarmt, aber noch immer ein Anekdotenlieferant

Torberg antizipiert Einwände gegen sein Buch

Franz Jolesch übersiedelt nach Chile

Auch Kreisky erzählt eine Sperber-Anekdote

Wie viele Fehler darf ein Anekdoteles machen?

Kreisky am offenen Grab Torbergs – in einer „geistigen Grundhaltung“ tief verbunden

Zwei bisher unveröffentlichte Franzl-Anekdoten

Anekdoten als Waffe

Die Firmengeschichte von „Samuel Jolesch & Söhne“

Damals war Kaffeehaus noch überall

Julius Jolesch macht Karriere bei Isidor Mautner

Mit Hugo Sperber am Kartentisch

Man blödelte noch auf Lateinisch und Griechisch

Wer ist das Missing Link zwischen Sperber und Jolesch?

Ein „Shakespeare’scher Narr“ steht jetzt oben, um sie anzuklagen

Die Schicksaljahre haben keine heiteren Seiten

Die hundert Jahre alte Turbine läuft und läuft und läuft

Auf den Spuren Sperbers und der Familie Jolesch in Wien

Torbergs Zuhörer sind „eine Art Versuchskaninchen“ für die Wirkung der Anekdoten

Hat die Tante Jolesch wirklich gelebt?

Der tiefere Sinn einer Geschichte

Die Genealogie der Familie Jolesch und der Familie Sgalitzer/Sommer/Sperber

Anmerkungen

Editorische Notiz

Literaturverzeichnis (Auswahl)

Abbildungsverzeichnis

Personenregister

Der Zufall ist der größte nicht kalkulierbare Faktor

Wer will behaupten, dass Abendgesellschaften vergeudete Zeit wären? Bei einer solchen, es muss irgendwann im Jahr 2002 gewesen sein, kam ich mit dem Wiener Rechtsanwalt Dr. Peter Wrabetz ins Gespräch. Ich kannte seinen Sohn aus einer Zeit, als er Manager in der verstaatlichten Industrie war, dann wechselte er in den ORF. Ich war zu diesem Zeitpunkt bald 15 Jahre lang Geschäftsführer eines großen Verlages, Abendgesellschaften gehörten zu meinem Berufsalltag.

Wir sprachen damals vor allem über unsere Hobbys. Dr. Wrabetz erzählte mir, dass er gerade das Buch Österreichische Rechtsanwälte in Vergangenheit und Gegenwart herausgebracht hatte. Bei seinen Recherchen habe ihn eine Biografie besonders interessiert, jene des Rechtsanwalts Dr. Hugo Sperber: „Sie kennen ihn wahrscheinlich aus Friedrich Torbergs Die Tante Jolesch.“

Natürlich kannte ich ihn aus diesem Buch.

„Ich habe viele Details seines Lebens rekonstruiert. Nur eines ist mir nicht geglückt: Ich konnte kein Foto auftreiben. Wir wissen nicht, wie Hugo Sperber ausgesehen hat.“

Ich freute mich, bei dieser Frage dagegenhalten zu können: „Aber ich weiß, wie Dr. Sperber ausgesehen hat! Es ist mir gelungen, ein Foto aufzutreiben, aber aus einer ganz anderen Motivation. Gemeinsam mit meinem Freund Wolfgang Mayr, Chefredakteur der Austria Presse Agentur, habe ich das Große Tarockbuch herausgebracht. Wir recherchierten damals, welche berühmten Persönlichkeiten Tarock gespielt haben – Mozart, Strauß und Freud, aber auch der Schriftsteller Leo Perutz. Über ihn sind wir zu Hugo Sperber gekommen. Die beiden haben in Kaffeehäusern häufig Karten gespielt, oft auch in Perutz’ Wohnung. Viele Anekdoten aus dem Milieu der Kaffeehausspieler gehen auf diese Runde zurück.“

Dann lenkte jemand das Tischgespräch in andere Bahnen. Wie selbstverständlich versicherten wir einander beim Abschied, in Kontakt zu bleiben, doch unsere guten Vorsätze verliefen im Sand.

Im Herbst 2011, ein knappes Jahrzehnt später, sah ich zufällig im Internet, dass Dr. Peter Wrabetz im Österreichischen Anwaltsblatt einen Aufruf mit dem Titel „Wer kannte Dr. Hugo Sperber?“ veröffentlicht hatte, und las den Artikel sofort online. Dr. Wrabetz schilderte auf mehreren Seiten, was er „über diese ungewöhnliche Anwaltspersönlichkeit, die durch Legenden und Anekdoten präsent bleibt“, herausgefunden hatte. Er schloss mit der Frage: „Wer kannte Dr. Hugo Sperber wirklich? Zuschriften erbeten an …“

Jetzt tat es mir leid, dass ich Dr. Peter Wrabetz nicht kontaktiert hatte. Hugo Sperber hätte ursprünglich Bruno Kreisky verteidigen sollen, als dieser im März 1936 im sogenannten „Sozialistenprozess“ unter Anklage stand. Dr. Peter Wrabetz schreibt in diesem Artikel, dass ihm Bruno Kreisky ausführlich erklärt habe, warum er damals nicht von Hugo Sperber verteidigt werden wollte.

Meist bereut man ja nicht Dinge, die man getan hat, sondern Dinge, die man versäumt hat. Drei Jahre lang hatte ich für Bundeskanzler Bruno Kreisky gearbeitet, war damals sein jüngster Sekretär. Leider war ich nie auf die Idee gekommen, ihn nach Hugo Sperber zu fragen.

Hoch motiviert wollte ich auf der Stelle Dr. Peter Wrabetz kontaktieren. Allerdings war er inzwischen in Pension gegangen, im Telefonbuch war er nicht zu finden. Also bat ich Alexander Wrabetz per E-Mail, sein Vater möge mich in Sachen Hugo Sperber anrufen. Einen Tag später kam der Rückruf und wir verabredeten uns zu einem Gespräch im Café Tirolerhof.

Ich treffe Wolfgang Mayr vor der Wiener Staatsoper und gehe mit ihm durch die Operngasse zum Albertinaplatz, vorbei an Alfred Hrdlickas „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“, wo mich der „kniende und straßenwaschende Jude“ jedes Mal aufs Neue berührt.

Im Kaffeehaus eingetroffen, präsentieren wir unserem Gesprächspartner ganz stolz das Foto Hugo Sperbers in unserem Tarockbuch. Peter Wrabetz ist überrascht: „So habe ich ihn mir nicht vorgestellt. Friedrich Torberg hat für den ORF Die Tante Jolesch als Spielfilm gestaltet. Der Schauspieler, der den Dr. Hugo Sperber dargestellt hat, sah ganz anders aus.“

Ich frage, wie das Gespräch mit Bruno Kreisky verlaufen sei.

„Bei einem Empfang am Ballhausplatz im Rahmen des Österreichischen Anwaltstages 1979 habe ich Bruno Kreisky erzählt, dass ich Leute suche, die Hugo Sperber wirklich gekannt haben. Darauf sagte Kreisky: ‚Wissen Sie, ich habe den Dr. Sperber wirklich gekannt. Und ich kann Ihnen sagen, der Torberg hat die meisten dieser Anekdoten von mir.‘ “

Dr. Peter Wrabetz zeigt uns eine dicke blaue Mappe mit Unterlagen über Sperber und erzählt, wo er überall recherchiert hat: in den Archiven der Rechtsanwaltskammer, im Kriegsarchiv, im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, im Jüdischen Museum und, und, und. Seine Umfrage im Anwaltsblatt hatte neue Erkenntnisse gebracht. Hugo Sperber hat zwei Bücher geschrieben: Todesgedanke und Lebensgestaltung und Die Lüge im Strafrecht. Beide Bücher weisen Sperber als einen Anhänger der Individualpsychologie Alfred Adlers aus. In der blauen Mappe, die uns Dr. Wrabetz übergibt, befinden sich Fotokopien beider Werke.

„Warum machen nicht Sie ein Buch daraus?“, frage ich Dr. Wrabetz.

„Ich werde bald achtzig und bin gerade dabei, meine Lebenserinnerungen niederzuschreiben.“

„Machen wir es doch gemeinsam!“

„Nein. Aber ich gebe Ihnen gerne diese Unterlagen. Wenn Sie daraus ein Buch machen wollen … Erwähnen Sie halt, dass Sie die Sachen von mir haben.“

Wir bedanken uns höflich und beginnen zu überlegen.

Es wäre eine reizvolle Aufgabe. In dem Buch Die Tante Jolesch ist dem Rechtsanwalt Dr. Hugo Sperber ein ganzes Kapitel gewidmet: „Räuber, Mörder, Kindsverderber, gehen nur zu Dr. Sperber“, außerdem spielt er eine Nebenrolle in dem Kapitel „Kaffeehaus ist überall“. Im zweiten Band Die Erben der Tante Jolesch werden Ergänzungen nachgeliefert. Torberg würdigte ihn als „der Anekdote liebstes Kind nach Franz Molnár“.1

Vielleicht können wir auch das Rätsel um „die Tante Jolesch“ lösen. Hat sie wirklich existiert? Oder ist sie eine erfundene Figur, in die der Schriftsteller Torberg gängige Anekdoten hineinprojiziert hat? Ich erinnerte mich vage an einen Artikel im Kurier. Hat es den Neffen Franzl und die Lieblingsnichte Louise wirklich gegeben? Wieso wissen wir so wenig über diese Familie?

Wir müssen uns auf das Feld der Genealogie begeben. Die Familiengeschichtsforschung, volkstümlich Ahnenforschung genannt, ist eine historische Hilfswissenschaft. Durch den „Ariernachweis“ oder „Arierschein“ in der Zeit des Nationalsozialismus war die Genealogie diskreditiert. Beamte, Ärzte, Juristen, Wissenschaftler mussten in einer beglaubigten Ahnentafel eine „rein arische Abstammung“ nachweisen. Auch für die Aufnahme in die NSDAP sowie in viele Berufsverbände war ein „Ariernachweis“ Voraussetzung.

Der „Ariernachweis“ war ein Mittel zur Ausgrenzung der „Nichtarier“, vor allem der Juden. Wer keinen „Ariernachweis“ erbringen konnte, verlor seine Bürgerrechte. Die letzte Konsequenz war die Deportation in ein Konzentrationslager, Stätte des industriellen Massenmordes. Rund sechs Millionen Juden sind in der Shoah ums Leben gekommen.

Erst seit wenigen Jahrzehnten erfreut sich die Familiengeschichtsforschung wieder einer großen Beliebtheit, ausgehend von den Vereinigten Staaten. Viele Menschen wollen wissen, wer ihre Ahnen sind. Sie betreiben Ahnenforschung als Hobby, nicht aus Schutz vor Diskriminierung.

Nachdenklich gehen wir nach Hause. Wir wissen, uns steht eine Menge Arbeit bevor. Es wird nicht so einfach sein, Hugo Sperber und die Mitglieder der Familie Jolesch wieder zum Leben zu erwecken. Fast jeder kennt Die Tante Jolesch und viele kennen Die Erben der Tante Jolesch. Sie haben die Bücher gelesen und zitieren daraus. Aber was wissen wir über die Schöpfer der Zitate und ihr Leben in einer so unruhigen Zeit? Wir müssen Torbergs Bücher neu lesen und schauen, was zwischen den Zeilen steht. Da Torberg eine umfangreiche Korrespondenz hinterlassen hat, werden wir auch seinen Nachlass in den Bibliotheken durchforsten.

Ausgangspunkt für unsere Recherche ist Hugo Sperber. Sein Leben umspannte die letzten Jahre der Monarchie, die Zeit des Ersten Weltkriegs, die Ausrufung der Republik, die Ausschaltung des Parlaments durch Engelbert Dollfuß, die Februarkämpfe, den „Ständestaat“ samt dem Verbot der politischen Parteien, letztlich die Auslöschung Österreichs durch den „Anschluss“ an Hitler-Deutschland.

Die Tante Jolesch ist ebenfalls in diese Zeit hineingeboren, nur ist sie laut Torberg bereits 1932 im Kreise ihrer Familie gestorben. Der „Ständestaat“ und die Nazi-Herrschaft blieben ihr erspart. Ob die anderen Mitglieder der Familie Jolesch die Shoah, die Massenvernichtung der Juden unter der nationalsozialistischen Herrschaft, überlebt haben? Was ist aus der Lieblingsnichte Louise geworden? Wir nehmen uns vor, so viel wie möglich über die Mitglieder dieser Familie herauszufinden. In Form einer Reportage werden wir in diesem Buch über unsere Recherche berichten und Ihnen die Möglichkeit geben, uns über die Schulter zu schauen.

Wenn wir uns mit dem Rechtsanwalt Hugo Sperber und mit den Mitgliedern der Familie Jolesch beschäftigen, kommen wir um eine Frage nicht herum: Vermitteln Anekdoten Realität? Können Personen, über die wir sonst nichts wissen, in Anekdoten lebensecht abgebildet werden? Die Antwort auf diese Frage soll ein wenig auf sich warten lassen.

Der Mann mit dem Franz-Hals-Gesicht

Unsere Suche beginnt also im Café Tirolerhof. Wir sitzen Rechtsanwalt Dr. Peter Wrabetz im Raucherzimmer des Cafés gegenüber. Die Rauchschwaden, Torberg möge mir verzeihen, sind für Nichtraucher ein Härtetest. Dr. Wrabetz fühlt sich hier sichtlich wohl, er zündet sich elegant eine „Smart export“ nach der anderen an und legt die von ihm gesammelten Dokumente auf die Marmorplatte des Kaffeehaustisches.

Hugo Sperber wurde am 26. November 1885 in Wien 2, Wallensteinstraße 34 geboren, als Sohn des Fabrikanten Jacob Sperber und der Ottilia (Etelka) Sperber, geborene Sommer. So steht es in der Geburtsurkunde, die uns als Kopie vorliegt. In Torbergs Anekdotenband Die Tante Jolesch erfahren wir, dass Jacob Sperber aus Mähren stammte, „wo die deutschen, slawischen, magyarischen und jüdischen Elemente der alten Monarchie eine besonders fruchtbare Mischung eingegangen waren.“2 Hugo Sperber war übrigens mit dem aus Galizien stammenden Schriftsteller und Philosophen Manès Sperber nicht verwandt, dürfte ihn aber gekannt haben.

Hugo Sperbers Vater starb im Dezember 1895, der Bub war zu diesem Zeitpunkt erst zehn Jahre alt.

„Wie in solchen Fällen üblich, übernahm ein naher Verwandter die Vormundschaft“, erklärt uns Wrabetz. „Sperbers Mutter Ottilia hatte eine Schwester, die auf den Vornamen Aranka hörte. Diese war mit dem wohlhabenden Generaldirektor Georg Lewy verheiratet. Es lag also auf der Hand, dass er es war, der gebeten wurde, die Vormundschaft für den Buben zu übernehmen.“ Hugo Sperber kam so in die Obhut seines Onkels – genauer: des Ehemanns seiner Tante.

Er legte in Baden die Matura ab und inskribierte dann an der Universität Wien Jus, vom Wintersemester 1904/05 bis zum Sommersemester 1908. Zu dieser Zeit lehrte die Crème de la Crème der österreichischen Rechtswissenschaft an der Universität. Sperber absolvierte das Studium innerhalb kürzester Zeit und promovierte am 22. Dezember 1909 zum Doktor der Jurisprudenz.

Dr. Wrabetz hat auch im Archiv der Universität Wien recherchiert. Dort ist der Absolvent als „Hugo J. Sperber“ mit folgendem Hinweis vermerkt: „… so in den Nationalien, Unterschrift im Promotionsprotokoll ohne ‚J.‘ “. Als Konfession ist „jüdisch“ angegeben.

Sperber hörte auch Vorlesungen in den Fächern Geschichte, Kunstgeschichte, Klassische Philologie und Philosophie. Außerdem geht aus den Aufzeichnungen des Kriegsarchivs hervor, dass Sperber Englisch, Französisch und Italienisch beherrschte.

In der Liste der Advokatskonzipienten ist die Seite über Hugo Sperber erhalten geblieben. Sperber machte Gerichtspraxis beim Landesgericht für Strafsachen, beim Landesgericht für Zivilrechtssachen und beim Handelsgericht, dann Anwaltspraxis bei Alfred Schlesinger und vier weiteren Advokaten. Irgendwann im Jahr 1913 wurde Hugo Sperber in die Verteidigerliste eingetragen, am 16. Mai jenes Jahres legte er die Advokatenprüfung ab. Dann machte er bis zum Beginn seiner Kriegsdienstleistung am 16. August 1915 Praxis bei zwei weiteren Anwälten.

Dr. Wrabetz nahm auch in das „Hauptgrundbuchblatt“ des k. u. k. Feldjägerbataillons Nr. 25 Einsicht. Aus diesem erfahren wir, dass Sperber 1906 bei der Assentierung (= Musterung) 176 cm groß war. Haare schwarz, Augen braun, Augenbrauen schwarz, Nase kurz, Kinn und Gesicht rund, Schuhgröße 13 (entspricht vermutlich heutiger Schuhgröße 47). Unter „etwaige Gebrechen“ wird auf eine Sehschwäche auf beiden Augen verwiesen.

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Franz Elbogen, Egon Dietrichstein und Hugo Sperber (von links nach rechts), Wien, ca. 1912

Nun zeigen wir Dr. Wrabetz das Foto: „Neben Sperber sind Franz Elbogen und Egon Dietrichstein abgebildet. Mit ihnen spielte Sperber Tarock, in Kaffeehäusern und in der Wohnung des Schriftstellers Leo Perutz.“

Sperber trägt auf dem Bild einen hellen, leicht zerknitterten Anzug mit Gilet. Warum sich die drei zu diesem Fototermin gesellt haben und was sie mit diesem Bild bezwecken wollten, wissen wir nicht.

Elbogen und Dietrichstein sind ebenfalls Figuren in Friedrich Torbergs Die Tante Jolesch. Dr. Franz Elbogen war laut Torberg „ein Bohemien reinsten Wassers und wohlhabender Herkunft“. Er war außerdem „als Vortragender seiner eigenen Couplets ein beliebter Stammgast der ‚Reiss Bar‘, wo sich Wiens arrivierte Künstler mit ihren Bewunderern trafen.“3

Egon Dietrichstein, vorne im Bild sitzend, wird von Torberg in Die Erben der Tante Jolesch so charakterisiert: „Er hatte vor dem Ersten Weltkrieg einige journalistische und literarische Erfolge, die freilich an seiner schon damals unheilbaren Schnorrer-Existenz nichts änderten. Später ging’s mit ihm immer tiefer bergab, sein Talent verkümmerte, niemand druckte ihn …“4

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Rechtsanwalt Dr. Hugo Sperber

Eines seiner späteren Bücher, Bocksprünge des Lebens, ist im Jahr 1936 im Europäischen Verlag erschienen. Dieser brachte meist Kleinstauflagen auf Kosten des Autors heraus, der Autor musste Subskriptionen bzw. Abnehmer in seinem Bekanntenkreis finden.

„Diese drei sind also auf dem Foto zu sehen: Elbogen, Dietrichstein und Sperber“, sage ich stolz zu meinem rauchenden Gesprächspartner. Wir sehen uns Hugo Sperber genauer an ...

… und lesen dann, was Friedrich Torberg über sein Aussehen schreibt: „Äußerlich glich er am ehesten einem jüdischen Verwandten Franz Schuberts, zumindest wenn er saß und wenn sein massiver, schwarz-lockiger Schädel mit dem von Koteletten eingefaßten Gesicht ihm zu kurzem Nickerchen auf die Brust gesunken war. (…) Übertriebene Körperpflege war seine Sache nicht, das keineswegs saubere Vorhemd sprang ihm bei jeder Gelegenheit aus der von Zigarettenasche bedeckten Weste, auch mit dem Rasieren nahm er’s nicht genau – Eitelkeit, kurzum, lag ihm in jeder Hinsicht fern.“5

Nimmt man an, dass sich Hugo Sperber bei der Aufnahme im Fotostudio mit seinem schönsten und saubersten Anzug ausstaffiert hat, so lässt sich die Fotografie mit Torbergs Beschreibung in Einklang bringen. Hinzu kommt, dass Sperber offensichtlich ein Junggeselle war. Es fehlte die ordnende Hand einer Frau oder einer Lebensgefährtin, niemand hat ihn angehalten, sich um sein Äußeres und seine Bekleidung zu kümmern.

Im Nachlass von Leo Perutz findet sich ein Gedicht Dietrichsteins über Hugo Sperber. Dort heißt es, dass Sperber ein Franz-Hals-Gesicht gehabt habe – offensichtlich eine Anspielung auf den holländischen Maler Franz Hals (eigentlich Frans Hals), der oft Menschen mit großen runden Köpfen gezeichnet hat. Dass solche Menschen meist auch einen dicken Hals haben, wird in dem Ausdruck wohl mitschwingen.

Hanni Forester: Ich habe als Kind Hugo Sperber gekannt

Vor mehr als zehn Jahren hatte Wolfgang das Foto mit den drei prominenten Tarockspielern in einem Katalog zu einer Ausstellung der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main gefunden – der Titel der Ausstellung lautete: Leo Perutz 1882 –1957. Das Foto trug den Vermerk „Leihgabe Hanni Forester, San Francisco, entstanden vermutlich um 1912.“ Ich hatte ihre Telefonnummer in einem Internetverzeichnis gefunden und die Abdruckgenehmigung eingeholt.

Bevor ich Hanni Forester nach so langer Zeit wieder kontaktiere, will ich mir vergegenwärtigen, wer sie ist. Die Germanistin Alexandra Kleinlercher, Autorin des Buches Zwischen Wahrheit und Dichtung. Antisemitismus und Nationalsozialismus bei Heimito von Doderer ist mir dabei eine große Hilfe. Die Brüder Paul und Franz Elbogen werden ja in Torbergs Die Tante Jolesch oft zitiert. Der Vater der beiden war der Rechtsanwalt Dr. Friedrich Elbogen. Seine Enkelin, Hanni Forester ist die Tochter von Franz Elbogen.

Franz Elbogen wurde nach dem Einmarsch der Hitler-Truppen ins Konzentrationslager Dachau deportiert und nach Intervention des damaligen US-Botschafters in Paris, William C. Bullitt, freigelassen. Der Dirigent Eugene Ormandy, ein Onkel Hanni Foresters, stellte die Affidavits zur Einreise in die USA zur Verfügung. Dabei handelt es sich um eine eidesstattliche Versicherung, mit der sich ein Verwandter oder Bekannter verpflichtet, notfalls für den Unterhalt eines Einwanderers aufzukommen. Franz Elbogen konnte allerdings sein Leben in Freiheit nicht lange genießen. Er starb 1943 im Alter von 53 Jahren an Krebs.

Sein Bruder Paul Elbogen war Schriftsteller, Journalist und Herausgeber auflagenstarker Anthologien wie Liebste Mutter. Briefe berühmter Söhne an ihre Mütter. Nach dem „Anschluss“ emigrierte er mit seiner Frau Hermine, genannt Minnerl, über Italien und Frankreich in die USA. Sie lebten zunächst in Hollywood, dann in San Francisco. Paul Elbogen und seine Frau kamen 1987 bei einem Autounfall in Kanada ums Leben. Paul Elbogen war ein enger Freund Heimito von Doderers, wenngleich diese Freundschaft auch ihre Kanten hatte.

Auf Anraten von Alexandra Kleinlercher kommuniziere ich mit Hanni Forester per E-Mail. Bald merke ich, dass ihr Deutsch noch immer erstaunlich gut ist. Wenn sie das Gefühl hat, nicht das richtige Wort zu finden, wechselt sie ins Englische.

Haben Sie Hugo Sperber persönlich gekannt?

Ich habe ihn einige Male gesehen, war aber damals ein Kind und mir waren alle diese Freunde meines Vaters ziemlich fremd. They were an odd bunch of people!

Sind Ihnen auch Dietrichstein und Perutz begegnet?

Ja, die beiden waren öfters bei uns zu Hause, Dietrichstein meistens zu Weihnachten.

Stimmt es, dass er immer so nachlässig gekleidet war?

Zu Weihnachten war Dietrichstein sauber und halbwegs gut angezogen. Meine Mutter hat darauf Wert gelegt! Perutz kam öfters und sprach mit meinem Vater über seine Bücher.

Ihr Vater wurde nach Dachau deportiert …

Er kam nach einigen Monaten mit amerikanischer Hilfe aus dem Lager heraus und zurück zu meiner Mutter, die in Wien in einer Pension auf ihn wartete. Die Wohnung war ‚arisiert‘ worden, wie man damals sagte. Durch ein Affidavit von Eugene Ormandy konnten sie nach Amerika kommen.

Was war Ihr Vater von Beruf?

Er war Geschäftsführer in der Firma seines ersten Schwiegervaters. Die besaßen ein Talkumbergwerk in der Steiermark. Wenn ich mich richtig erinnere in Feistritz bei Anger. Ich durfte als Kind einmal mitfahren. Dort gab es riesige Talkvorkommen. Sie mussten die ‚Arisierung‘ des Unternehmens abwarten, erst dann durften sie Österreich verlassen.

Kennen Sie Friedrich Torbergs Die Tante Jolesch?

Selbstverständlich. Meine Mutter Mady Elbogen – sie hieß zwar Julia, aber alle nannten sie Mady oder Mädy – hat das Buch von einer Freundin aus England bekommen. Ich erinnere mich, dass meine Mutter oft mit Freunden darüber gesprochen hat.

Darf ich Sie fragen, wie alt Sie waren, als Sie Österreich verlassen mussten?

Ich bin am 22. 2. 1922 geboren, mein Geburtsdatum kann sich jeder leicht merken. Ich war also damals 16 Jahre alt.

Wie sind Sie nach Amerika gekommen?

Meine Schwester Mariedi, ihr Mann und ihr kleines Kind konnten im Mai 1938 ausreisen. Ich bin im Juni mit meiner Großmutter herausgekommen. Das alles ist sehr deprimierend und ich versuche so wenig wie möglich an diese Zeit zurückzudenken.

Ich verstehe das. Haben Sie jemals daran gedacht, nach Österreich zurückzukehren?

The few times I had to go to Vienna, partly on business and once to show my grandchildren where we grew up, I never had the feeling that I was very welcomed there.

Das hört man oft. Ich bin zu jung, habe die unmittelbare Nachkriegszeit nicht erlebt, aber ich bin sicher, Sie haben mit Ihrer Einschätzung recht.

Ich fürchte, der Antisemitismus ist in Österreich nach wie vor sehr stark.

Wir Österreicher haben uns lange um die Aufarbeitung der Vergangenheit herumgedrückt. Erst die Affäre Waldheim und die damit verbundene Diskussion hat zu einem Umdenken geführt. Es war dann Bundeskanzler Franz Vranitzky, der 1991 im Nationalrat erstmals eine Mitverantwortung von Österreichern an den Naziverbrechen einbekannte. Haben Sie noch Verbindungen zu Wien und zu Wienern?

Next month I expect the visit of Viennese friends whose father was the Austrian ambassador in Washington, DC in the 40s or 50s, and they come ‚beladen mit Pischinger Tortelettes‘. So I haven’t gotten Vienna out of my blood yet! I am now reading Eric Kandel’s (the Nobel winning scientist’s) wonderful book on his childhood in Vienna, and all about Vienna’s intellectual milieu from 1900 to the 1930s. How times have changed!

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Franz Elbogen in seiner Wiener Wohnung in den 1930er Jahren

Später blättere ich in Paul Elbogens posthum erschienenem Erinnerungsbuch Der Flug auf dem Fleckerlteppich. Hier wird einer jener Vorfälle beschrieben, an die Hanni Forester nicht zurückdenken sollte. „Mein Bruder [Franz], lockenhaarig, stumpfnäsig und kugelrund, wurde von reinrassigen Armbindenträgern – obwohl er aussah wie ein italienischer ‚Krawattltenor‘ – nach drei Tagen auf der Straße befragt, ob er Jude sei, was er nicht leugnete. Worauf sie es für nötig hielten, von ihm und anderen das reinigungsbedürftige Tegetthoffdenkmal abwaschen zu lassen. Er durfte nach zehn Minuten unter Gelächter der Zuschauer heimkehren.“6

Die wilde Zeit nach dem Untergang der Monarchie

Ich habe die Basisliteratur auf einem Tisch im Wohnzimmer zu einem kleinen Berg gestapelt. Dort liegen die verschiedenen Ausgaben von Die Tante Jolesch und Die Erben der Tante Jolesch, einige Bände mit Torberg-Briefen, Sekundärliteratur über den Autor, aber auch Bücher von und über Leo Perutz, Alfred Adler, Bruno Kreisky etc.

Zu meinen eigenen Beständen gesellen sich im Laufe der Zeit eine Unmenge an Büchern, die Wolfgang beisteuert, wobei er die relevanten Stellen mit kleinen gelben Klebezetteln markiert. Aus dem Taschenbuch „Leo Perutz 1882–1957“, dem Begleitwerk zu einer Ausstellung der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main, ragen besonders viele Zettel hervor. Dort findet sich jenes Foto, das Hugo Sperber mit Franz Elbogen und Egon Dietrichstein zeigt,7 gefolgt von einem Spottgedicht Dietrichsteins über Hugo Sperber. An anderer Stelle wird auf eine Broschüre mit dem Titel Dietrichstein in allen Lebenslagen hingewiesen8; sie liegt in Frankfurt am Main im Perutz-Nachlass.

Sperber hat in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg seine Freizeit hauptsächlich im Café Museum und im Café Central verbracht – mit Leo Perutz und Franz Elbogen. Im Jahr 1918 wechselte die Gruppe ins Café Herrenhof. Hier verkehrten auch die Schriftsteller Richard A. Bermann, Egon Erwin Kisch, Paul Kisch, Anton Kuh, Ernst Weiß und Franz Werfel.9

Als im November 1918 die Monarchie unterging und die kommunistischen Rotgardisten, darunter Egon Erwin Kisch, mit einigen operettenhaften Aktionen versuchten, die Macht zu übernehmen, kam Sperber öfter in die Wohnung von Leo Perutz, wo dann lautstark diskutiert und politisiert wurde. Am 4. Dezember notierte Perutz in sein Tagebuch: „Abend große Sitzung bei mir, Sperber, Werfel, Otto Pohl, Dietrichstein, [Egon Erwin] Kisch und ein anderer roter Gardist. (…) Sperber sprach ausgezeichnet über das Wesen des Arbeiters. Dann bald Debatte über die Taktik des Sozialismus. Die Nachbarn kamen und beschwerten sich.“10 Am 13. Jänner 1919 schrieb Perutz: „Sperber, Kisch, Dietrichstein bei mir. Kisch und Dietrichstein rauften. Sehr lustig.“11

Egon Dietrichstein und Egon Kisch kannten einander gut, waren aber alles andere als Freunde. Dietrichstein hatte in den Umbruchtagen des November 1918 im Neuen Wiener Journal einige Zeitungsbeiträge über Egon Kisch verfasst. Was aufs Erste wie eine Würdigung aussah, entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als Häme. Kisch sei „ein Journalist der alten Schule, der nicht nur schreibt, sondern auch sieht, der nicht nur über die Ereignisse berichtet, sondern sie erzeugt.“ Er bezeichnete Kisch als „Abenteurer und Detektiv, Weltreisender und Sensationsjäger in allen geographischen und sozialen Revieren, der das Leben als Jules Verneschen Phantasieroman sieht und seine Geheimnisse und Utopien als Tatsachenrealitäten in Zeitungsspalten zur Strecke bringen will“.

Kisch bewertete in diesen dramatischen Tagen in der Zeitung Der Freie Arbeiter den Umstand, dass „Herr Egon Dietrichstein am Samstag kam, um Informationen für ein Feuilleton über uns zu holen“ ironischerweise als ein gutes Zeichen: „Wir hatten uns durchgesetzt.“

Sperber war bereits 1903 der Sozialdemokratischen Partei beigetreten, Perutz galt zum Zeitpunkt dieser Tagebucheintragung zwar als Anhänger der Sozialdemokratie, war aber kein Parteimitglied. Perutz schrieb Artikel, die ungezeichnet in der Arbeiter-Zeitung erschienen, außerdem beteiligte er sich an der Abfassung einer Broschüre über die Willkür der Militärjustiz im Ersten Weltkrieg: „In den vier Kriegsjahren wurden hundertmal mehr Personen hingerichtet als in der ganzen nahezu dreißigjährigen Periode von 1885 bis zum Kriegsausbruch.“12 Der Text kulminiert in einem Wahlaufruf für die Sozialdemokratie.

Sperbers berufliche Tätigkeit zur damaligen Zeit ist nur bruchstückhaft bekannt. Er dürfte vor dem Krieg die Bemühungen des Straf-, Staats- und Völkerrechtlers Heinrich Lammasch (1853–1920) um ein neues Strafrecht genau beobachtet haben. Lammaschs Entwurf wurde allerdings nicht Gesetz, womit das alte Strafrecht aus dem Jahr 1803 weiter in Kraft blieb.

Lammasch war der letzte k. k. Ministerpräsident Altösterreichs – und zwar rund zwei Wochen lang im Oktober/November 1918. Der überzeugte Pazifist gehörte zu den bedeutendsten Befürwortern der politischen Neutralität Österreichs. Während allgemein eine Vereinigung Österreichs mit Deutschland gefordert wurde – auch von den Sozialdemokraten, denn diese erwarteten sich einen Vorteil durch einen Zusammenschluss mit der viel stärkeren deutschen Sozialdemokratie – trat Lammasch für einen neutralen Pufferstaat Österreich ein.

Im Internet finden wir einen Aufsatz des Germanisten Murray G. Hall mit dem Titel Der unbekannte Tausendsassa – gemeint ist der Schriftsteller, Journalist und Übersetzer Franz Blei, im Übrigen auch ein enger Freund Robert Musils.

Als sich Blei in einem Ehrenbeleidigungsprozess gegen die Anwürfe eines gewissen Georg Bittner zur Wehr setzen wollte, war Hugo Sperber sein Verteidiger. Bittner hatte Blei in Zeitungsartikeln als einen Gesinnungslumpen dargestellt, als einen, der gleichzeitig oder abwechselnd Rotgardist, Katholik, Sozialdemokrat und Kapitalist gewesen sei.

Obwohl in dieser Justizgroteske zahlreiche Zeugen zugunsten von Blei aussagten, darunter auch Adolf Loos, führte das Verfahren nicht zu einer Verurteilung Bittners. Blei meldete nach wenigen Tagen gegen das Urteil des Geschworenengerichts Nichtigkeitsbeschwerde an, doch verfolgte er den Fall später nicht weiter, weil er nach München übersiedelte.

Auf dem Bücherberg liegt auch die Kopie der Broschüre Dietrichstein in allen Lebenslagen, laut Untertitel ein „Authentischer Text seiner Aussprüche, zur Erbauung seiner Gemeinde kodifiziert von seinen Bewunderern.“ Sie hat 16 Seiten, ist aber nicht in billiger Hektographie hergestellt, sondern im wesentlich teureren Druckverfahren. Offensichtlich war sie die Attraktion auf einer Silvesterfeier 1918/19, vermutlich in der Wohnung von Franz Elbogen. Sperber, Perutz und Elbogen dürften die Verfasser gewesen sein.

Die Broschüre legt den Schluss nahe, dass in diesem Kreis damals nicht nur heftig politisiert, sondern auch ausgelassen gefeiert wurde. Die 21 Dialoge unterschiedlicher Güte haben durchwegs einen anekdotischen Charakter. Als Friedrich Torberg Mitte der 1970er Jahre Die Tante Jolesch verfasst, hat er die zu Silvester 1918/19 erschienene Broschüre offensichtlich nicht bei der Hand.

Hugo Sperber kommt in ihr nur in einem einzigen Beitrag vor; dieser ist mit Dietrichstein in der Sommernacht betitelt und beginnt mit einer Art Regieanweisung: „Mondüberglänzter Wiesengrund. Nachtigallen schlagen, Grillen zirpen, Bäume rauschen usw.“

Sperber: Dietrichstein!! Bei diesem Mond beschwör’ ich Sie! Haben Sie schon jemals ein Weib geliebt?

Dietrichstein: Haben Sie keine anderen Sorgen?! Wenn lieber Alpine [Aktien] steigen würden!

Der kurze Monolog Dietrichstein auf Freiersfüßen ist eine Anspielung auf Dietrichsteins Schnorrertum:

Dietrichstein: Glaubst Du nicht, ich sollte die Nina Kuh [die Schwester von Anton Kuh] heiraten? Sie ist magenkrank. Sie ißt wenig. Ich würde viel Geld ersparen. – Allerdings, da müßte man wieder den Arzt bezahlen …

Ein Kavalier … Herr Dietrichstein soll zeigen, dass Dietrichstein auch bei Trinkgeldern knausrig war:

Dietrichstein (beim Zahlen im ‚Central‘): Da haben Sie einen Kreuzer Trinkgeld, der andere ist mir auf den Boden gefallen.

Subtiler ist ein Gespräch zwischen Dietrichstein und Anton Kuh:

Dietrichstein: Jetzt werden Sie zerspringen, Kuh. Das Weihnachtsfeuilleton von Ludwig Bauer ist in dreißig Zeitungen nachgedruckt worden.

Kuh: Warum soll ich deswegen zerspringen? Ich bin doch kein Dietrichstein!

Dietrichstein: Sie sind ein Dietrichstein!!

In dem Dialog Dietrichstein und die Biologie geht es um den österreichische Wissenschaftler Paul Kammerer (1880–1926). In der Einleitung heißt es, dass Leo Perutz anlässlich der Veröffentlichung des Romans Das Mangobaumwunder einen anerkennenden Brief von Kammerer erhalten habe.

Elbogen: Auf diesen Brief können Sie sich etwas einbilden, Perutz. Dietrichstein (skeptisch): Bitt’ Dich, wer ist schon der Dr. Kammerer? Elbogen: Du weißt nicht, wer der Dr. Kammerer ist, der die berühmten biologischen Experimente gemacht hat?

Dietrichstein: Ich weiß schon, er hat aus männlichen Fröschen weibliche und aus weiblichen Frösche männliche gemacht.

Elbogen: Und Du verstehst nicht die ungeheure Bedeutung solcher Versuche?

Dietrichstein: Aber ich bitt’ Dich, wozu braucht man überhaupt Frösche!

Das war eine Anspielung auf Kammerers Publikationen zur Geschlechtsbestimmung und Geschlechtsverwandlung. Noch größere Aufmerksamkeit erzielten seine späteren Versuche mit Geburtshelferkröten, bei denen es ihm darum ging, die Vererbung erworbener Eigenschaften nachzuweisen. Als Vorwürfe auftauchten, die Versuche seien manipuliert gewesen, nahm er sich das Leben – wobei auch private Probleme eine Rolle gespielt haben dürften.

Kammerer, ein überzeugter Sozialdemokrat und Pazifist, war auch auf einem anderen Gebiet ein Pionier. Er veröffentlichte 1919 sein Buch Das Gesetz der Serie. Eine Lehre von den Wiederholungen im Lebensund Weltgeschehen, dessen Titel sprichwörtlich wurde. Er entwickelte aufgrund jahrelanger persönlicher Beobachtungen das von der Kausalität unabhängige Prinzip der Serialität. Er wollte damit beweisen, dass sich in sogenannten „Zufällen“ ein universelles Naturgesetz manifestiert, das unabhängig von bekannten physikalischen Kausalprinzipien wirkt. Damit zählt er zu den Erfindern des Konzepts der Synchronizität, das heute mit dem Namen C. G. Jung verbunden wird.

Räuber, Mörder, Kindsverderber, gehen nur zu Dr. Sperber

Der Rechtsanwalt Dr. Hugo Sperber soll überlegt haben, mit diesem Slogan für seine Kanzlei zu werben. Für einen Advokaten, der sich auf das Strafrecht spezialisiert hatte, war ein derartige Werbespruch wohl nicht so abwegig, wenngleich standeswidrig. Rechtsanwälte durften damals nicht für sich selbst werben, sie dürfen es auch heute nicht.

Friedrich Torberg berichtet über Sperbers Umgang mit Taschendieben und anderen kleinen Verbrechern. Dass Sperber auch einen Angeklagten in einem der spektakulärsten und grausamsten Mordfälle der Ersten Republik verteidigt hat, mussten wir selbst recherchieren.

Ausgangspunkt war ein Hinweis in einem Brief Torbergs auf Sperbers Verteidigerrolle im „Gruber-Prozess“ – ohne weitere Details. Auf der Website diekriminalisten.at fanden wir einen ausführlichen Bericht.13

Es handelt sich um einen Mordfall aus dem Jahr 1932, in dem ein gewisser Franz Gruber angeklagt war. Er hatte ein Verhältnis mit zwei Schwestern. Die eine, Marie Walter, erwürgte er im Streit und zerstückelte dann den Leichnam. Er versuchte zunächst, die Leichenteile zu verbrennen, warf sie aber schließlich in den Kanal.

In der Wohnung von Franz Gruber wurde eine Säge mit Blutspuren entdeckt, nicht weit entfernt von seinem Wohnhaus fand man einen Beckenknochen. Die Schwester, sie hieß Anna Magerl, behauptete, sie habe einen Abschiedsbrief gefunden. Wenige Tage später beging sie Selbstmord. Vermutlich hatte sie den Abschiedsbrief der Marie Walter fingiert.

Das Gerichtsverfahren gegen Franz Gruber wegen Meuchelmordes begann am 26. Oktober 1932. Dr. Hugo Sperber war der Verteidiger. Am Richtertisch standen in zwei großen Einmachgläsern angekohlte Knochenreste und klein geschnittene Fleischstücke. Die Badewanne, in der die teilweise zerstückelte Leiche in die Waschküche getragen wurde, stand vor dem Richtertisch, daneben der Hackstock, auf dem die Zerteilung vorgenommen worden war. Auf der Säge, dem Beil und den Wäschestücken konnte selbst jeder Laie die eingetrockneten Blutreste erkennen.

Gruber schilderte den Tathergang an jedem Tag anders. Zunächst wollte er die Tat der durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Anna Magerl in die Schuhe schieben. Am zweiten Tag erzählte er, dass die beiden Schwestern wieder einmal gerauft hätten und er eingegriffen habe. Dabei habe er Marie Walter so unglücklich am Hals erwischt, dass sie zusammengesunken sei und sich nicht mehr gerührt habe.

Am dritten Verhandlungstag sprach der Staatsanwalt den Angeklagten auf den angeblichen Streit zwischen den Schwestern an: „Was hätten Sie als Mann, der zwischen den beiden Frauen stand, pflichtgemäß tun müssen?“ In diesem Moment betrat der zu spät kommende Dr. Sperber den Saal. Er hatte gerade noch die letzten Worte vernommen. Noch ehe er seinen Platz erreicht hatte, erhob er schon die Hand und sagte: „Diese Frage halte ich für unzulässig. Wir können doch nicht vom Angeklagten ein Gutachten über Ritterlichkeit einfordern!“ Der Staatsanwalt reagierte verärgert: „Herr Verteidiger, Sie haben heute bis jetzt noch gar nicht am Verfahren teilgenommen und können auch gar nicht wissen, worum es geht. Also stören Sie mich nicht und lassen Sie mich hier arbeiten!“

Beim Lokalaugenschein führte Gruber vor, wie er die Tat begangen haben wollte, wobei er immer wieder heftig schluchzend und weinend unterbrach. Dr. Sperber war die Vorführung, bei der niemand das Opfer spielte, zu wenig aussagekräftig, er forderte, dass der Angeklagte genau demonstrieren sollte, wie er Marie Walter gewürgt hatte. Der Vorsitzende lehnte ab: „Wir können nicht riskieren, dass noch jemand erwürgt wird.“ Dr. Sperber sagte mit Blick auf seinen Mandanten: „Ich habe keine Angst, packen Sie mich nur am Hals!“ Gruber führte den Angriff vor.

Als die Schaulustigen den Angeklagten sahen, stürmten sie nach vorn und durchbrachen den Polizeikordon. Einige schrien mit erhobenen Fäusten: „Hängt’s eam auf, den feigen Mörder!“ – „Auf’n Galgen mit dem Falotten!“ Allerdings hatte die Erste Republik die Todesstrafe im ordentlichen Verfahren bereits abgeschafft.

In seiner Schlussrede bat Sperber um Milde. Dass Gruber die Tat begangen hatte, war unbestritten, doch der Beweis des vorsätzlichen Mordes wäre nicht erbracht worden. Und das, was Gruber nach der Tat mit der Leiche gemacht hatte, könne ihn nicht vom Totschläger zum Mörder machen. Sperber flehte die Geschworenen an, im Angeklagten einen Menschen zu sehen und keine Hyäne.

Das Urteil der Geschworenen fiel eindeutig aus. Die erste Frage, ob Gruber des gemeinen Mordes schuldig war, wurde mit elf Ja-Stimmen gegen eine Nein-Stimme beantwortet, die Zusatzfrage auf tückische Verübung des Mordes hingegen einstimmig verneint. Franz Gruber wurde zu zwanzig Jahren schweren Kerkers verurteilt, er starb 1942 in der Strafanstalt Garsten eines natürlichen Todes.

Wer war die Tante Jolesch?

Recherche im Internet: Ich möchte wissen, was in den letzten Jahren in den Zeitungen über Hugo Sperber erschienen ist. Es kommt, wie es kommen muss: Du suchst Hugo Sperber und findest – die Tante Jolesch. Berühmte und weniger berühmte Schauspieler haben sich mit Lesungen ihrer Anekdoten hervorgetan. Im Kurier-Archiv gibt es etwas besonders Interessantes: Georg Markus hat die Identität der Tante Jolesch enthüllt.14

Zunächst lese ich noch einmal nach, was uns Friedrich Torberg in seinen zwei Büchern über die Tante Jolesch verraten hat. Gleich am Anfang des ersten Buches gibt er uns einige Hinweise. Er verdanke die Sprüche „seiner Freundschaft mit ihrem Neffen Franz“. Dieser sei der „allseits verhätschelte Sprößling einer ursprünglich aus Ungarn stammenden Industriellenfamilie“ gewesen, die „seit langem in einer der deutschen Sprachinseln Mährens ansässig und zu beträchtlichem Wohlstand gelangt war.“

Franz sei „um mindestens 12 Jahre älter“ als er (Torberg) gewesen, habe am Ersten Weltkrieg teilgenommen und wurde scherzhaft als „Seiner Majestät schönster Leutnant“ bezeichnet. Torberg war nach eigenen Angaben wiederholt auf dem mährischen Besitz dieser Familie zu Gast.

Anschließend erfahren wir, dass dem Neffen Franz ein schlimmes Schicksal beschieden war. „Die einrückenden Deutschen hatten ihn 1939 als Juden eingesperrt, die befreiten Tschechen hatten ihn 1945 als Deutschen ausgewiesen. (...) Er verbrachte dann noch einige Zeit in Wien und übersiedelte nach Chile, wo er bald darauf an den Folgen seiner KZ-Haft gestorben ist.“15

An anderer Stelle präsentiert Torberg die „Lieblingsnichte“ der Tante Jolesch, Louise. Sie habe im Jahr 1932 der Tante Jolesch am Sterbebett das Geheimnis entlockt, warum die Krautfleckerln immer so gut geschmeckt haben: „Weil ich nie genug gemacht hab …“16

In Die Erben der Tante Jolesch berichtet Torberg, dass er einige Briefe zu den Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der Familie Jolesch bekommen habe, nennt aber keine Details. „Von einigen in die weite Welt verstreuten Angehörigen der seligen Tante Jolesch erhielt ich ungemein detaillierte Auskünfte über verwandtschaftliche Schichtungen und Verzweigungen, die ich nicht erwähnt hatte. (Zu meiner Entschuldigung: es lag mir fern, eine Familienchronik des Hauses Jolesch verfassen zu wollen.)“17

Soweit Torberg, nun zu den Beiträgen von Georg Markus. Er behauptet, dass Torberg ein Foto der Tante Jolesch dem Verlag geschickt habe. „Doch dem Lektor gefiel das Bild nicht, weshalb man eine Zeichnung anfertigen ließ, die auf dem Umschlag platziert wurde, aber keinerlei Ähnlichkeit mit der Original-Tante aufweist.“ Als einige Jahre später bei der Buchgemeinschaft Donauland eine Lizenzausgabe des inzwischen zum Bestseller avancierten Buches erschien, sei das Foto der Tante Jolesch neuerlich aufgetaucht. „Diesmal gelangte es auf das Cover. Ob es sich hier tatsächlich um die echte Tante handelt, ist heute nicht mehr nachzuweisen – aber eher wahrscheinlich.“ Sicher sei hingegen, dass es von ihrem Neffen Franz ein Foto gibt. Torbergs Nachlassverwalter David Axmann habe es in den Unterlagen des 1979 verstorbenen Schriftstellers entdeckt.

Außerdem zitiert Markus Frau Judith Pór-Kalbeck, die Witwe des Schriftstellers Florian Kalbeck: „Mein Mann hat in den 70er Jahren des Öfteren von der Tante Jolesch gesprochen – damals, als sie durch Torbergs Buch berühmt geworden ist. Und er hat mir erzählt, dass sie die Frau vom Generaldirektor seines Großvaters Isidor Mautner war.“

Die Rede ist von Isidor Mautner (1852–1930), er war der wichtigste Vertreter der Industriellenfamilie Mautner. Diese Familie begründete im 19. Jahrhundert die „Vereinigte Österreichische Textil-Industrie Mautner Aktiengesellschaft“, einen der größten europäischen Textilkonzerne Europas mit rund 23.000 Beschäftigten in seiner Blütezeit. Die Mautners dürfen übrigens nicht mit der ebenfalls österreichischen Industriellenfamilie Mautner Markhof verwechselt werden. Diese hat sich mit der Herstellung von Lebensmitteln einen Namen gemacht.

Über Isidor Mautner sind zahlreiche Anekdoten in Umlauf, Markus erzählt eine: „Als man Isidor Mautner einmal als ‚Herr Generaldirektor‘ ansprach, erwiderte er lachend: ‚Ich bin kein Generaldirektor – ich halte mir welche.‘ Und der Generaldirektor, den er sich für seine Wiener Textilniederlassung ‚hielt‘, war eben, wie sich jetzt herausstellte, Herr Julius Jolesch, der Ehemann der von uns gesuchten Dame.“ Er wohnte laut Telefonbuch in Wien I., Franz-Josefs-Kai 53/3/12.

Im Martikenamt der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien bekam Markus die Information, dass der Fabriksdirektor Julius Jolesch am 25. Dezember 1893 Gisela Salacz, geboren in der ungarischen Stadt Großwardein, geheiratet hatte.

„Sie war die Tante Jolesch“, schreibt Markus. „Gisela Jolesch wurde damals noch lange nicht Tante gerufen – war sie doch bei ihrer Heirat erst 18 Jahre alt (…) Giselas Vater war der in Budapest ordinierende praktische Arzt Dr. Siegmund Salacz, ihre Mutter hieß Fanni und war eine geborene Schwarz. Somit ist jetzt, fast 30 Jahre nach Erscheinen des nach ihr benannten Kultbuches, zum ersten Mal die volle Identität der Tante Jolesch bekannt.“