image

Jürg Amann: Über die Jahre

image

Jürg Amann

Über die Jahre

Roman

image

© 1994

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7623-4

Umschlagbild: “Schwarze Gestirne, schwarze Löcher, schwarzer Tag” von Anton Christian

Die Arbeit an diesem Buch wurde durch die Stiftung Pro Helvetia gefördert.

Diesen Roman erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

„Wenn aus der Ferne, da wir geschieden sind, ich dir noch kennbar bin, …“

Friedrich Hölderlin

„Es ist die Zeit, die du an deine Rose verloren hast, die diese Rose so wichtig macht.“

Antoine de Saint-Exupéry

Inhalt

Zueignung

Das Buch der Tage

Das Buch der Bilder

Das Buch der Briefe

Das Buch der Nächte

Nachklang

Zueignung

H. hat, als sie klein war, viel zu früh lernen müssen, groß zu sein. Darum macht sie sich jetzt, da sie groß ist, manchmal noch klein. Sie zieht den Kopf zwischen die Schultern, und ihre Stimme verändert sich. Immer wieder, wie lange man auch mit ihr lebt, ist sie das Kind, das sie vielleicht nicht gewesen ist. Man muß sie bei der Hand nehmen, weil sie nicht mutig genug ist zu glauben, daß man sie gern hat. So wächst sie, den Kopf trägt sie frei. Fast wie aus Dankbarkeit ist sie schön. (So schön, daß man sie gar nicht mehr lassen will. Aber sie muß doch lernen, allein schön zu sein.) Sonst steht sie meistens allein, auf langen Treppen, in weiten Gärten, auf Wegen, im Schnee. Steht sie in Gruppen, steht sie am Rand. Wenn sie geht, geht sie ein paar Schritte hinter den anderen her oder voraus. Oft sieht man sie nur von hinten; gerade noch, daß sie den Kopf dreht. Sie ist stolz, aber scheu. Jemand hat sie verletzt.

Das Auffälligste an H. sind ihre Augen. Sie stehen weit auseinander. Sie sind groß. Sie sind voller Vertrauen, das man kein zweites Mal enttäuschen darf. Sie bitten darum. Meist ist sie sehr ernst. Nur wenn sie lacht, verliert man für Augenblicke das schlechte Gewissen, das man ihr gegenüber als der glückliche Rest der Welt hat. Wen sie anlächelt, den hat sie gewonnen. Aber sie lächelt nicht viele an.

H. hat eine Schwester, die es leichter hat mit der Welt. Sie ist älter, und es strengt an, so zu sein wie sie. Sie hat alles schon hinter sich, was H. noch vor sich hat. Sie kann über alles lachen, worüber H. noch weint. Bald weint auch H. nicht mehr, aber das heißt nicht, daß sie jetzt lacht. Sie hält die Lippen verschlossen. Trotzig, entschlossen, das Leben auf ihre Art zu versuchen, steht sie neben der andern. Nein, sagt sie, wenn man sie etwas heißt. Doch, sagt sie, wenn man ihr etwas verbietet. Wenn sie traurig ist, sagt ihre Mutter, da ist eine kleine Welt traurig. Für H. ist es die ganze. Den Vater, den sie dann sucht, findet sie nicht.

Das Buch der Tage

Wie man nicht weiß, wie es anfängt. Wie es einfach begonnen hat. Wie man plötzlich ein Paar ist. Und dann wieder nicht mehr. Und wie man nicht weiß, wie es aufhört.

Wie in ihrem Fall der Anfang am Morgen des 12. August ist. Kurz nach neun. Am gemeinsamen Arbeitsplatz. Seinem ersten. Ihrem wievielten? Nachdem er sein Studium gerade beendet hat. Und sie aus Italien zurück ist. Von einem Sprachaufenthalt in Siena. Wie es wahrscheinlich ein Montag ist.

Wie sie einander vorgestellt werden von einem Herrn R., der jetzt sein Chef ist. Der ihn durch alle Böden und Zwischenböden des Hauses führt, das jetzt sein Haus ist. Und über den Schnürboden, der die linke mit der rechten Seite des Hauses verbindet. Vor und hinter der Bühne, die jetzt die Mitte der Welt ist. Zuletzt zu ihr, dem Fräulein von der Zentrale, die in der Mitte der Mitte der Welt sitzt.

Wie sie ihm also vorgestellt wird. Oder er ihr. Weil sie ja vor ihm da ist. Weil sie ihre Stelle pünktlich, also zu Monatsbeginn, angetreten hat, wie es normal ist, er aber zwei Wochen zu spät kommt. Wie sie zwar beide neu sind, er für sie aber der Neue ist, sie für ihn eine schon Vorgefundene.

Wie sie noch unsicher sind. Er noch unsicherer als sie. Wahrscheinlich um die zehn Tage, die sie ihm auf dem neuen Parkett an Erfahrung voraus hat. Wie sie auf jeden Fall, obwohl sie die an Jahren Jüngere ist, die Unsicherheit besser überspielen kann. Wie sie überhaupt besser spielen kann, also besser an diesen Ort paßt, an dem es ums Spielen geht. Wie ihm das sofort auffällt. Und wie er sich an sie hält.

Wie er, wenn er eine Frage hat, nicht die fragt, die schon lange hier sind, sondern die, die am ähnlichsten neu ist wie er. Wie sie mitten im Unbekannten für ihn das Bekannte ist. Wie sie sich, einer beim andern, an der gemeinsamen Unsicherheit halten. Wie das die gemeinsame Stärke gegen die Starken wird. Wie es ganz einfache Sachen sind. Daß sie ihm, auf seine Frage, erklärt, wo die Bleistifte sind, daß sie ihm, auf sein Bitten, eine Telefonnummer heraussucht, daß sie ihm in seiner Hilflosigkeit hilft, wenn das Kopiergerät ohne Papier ist. Oder das Kopierte zu klein wird. Oder zu hell oder zu dunkel. Wie sie sich dabei in die Augen schauen.

Oder daß sie dann Italienisch kann und er nicht. Obwohl er einen italienischsprachigen Großvater gehabt hat. Sie aber eine Art italienische Großmutter, jedenfalls die Ziehmutter der Mutter, in Mailand, die immer noch lebt – sie hat es ihm einmal erklärt, später noch einmal, er hat es nicht ganz begriffen. Wie er das Italienische jetzt können müßte, um für das Stück, das er zu betreuen hat, ein Bild von der Schweizer Botschaft in Rom zu beschaffen, wie sie im letzten Jahrhundert gewesen ist. Wie sie es für ihn tut. Und wie er ihr dafür den obligaten Kaffee verspricht.

Wie der Kaffee aber zum Wein wird. Wie sie sich zum erstenmal gegenübersitzen, in diesem spanischen Weinlokal, das er ihr vorgeschlagen hat, weil es seit seiner Studienzeit in dieser Stadt sein liebstes geblieben ist. Anfangs, nach Arbeitsschluß, am frühen Abend, noch fast allein, später, spät in der Nacht, in einem Gedränge von Menschen, in Rauchschwaden gehüllt, in der hintersten Ecke, sie mit dem Rücken zur Wand, er mit Blick in den Spiegel, der im Breitformat hinter ihr hängt, so daß er, seitenverkehrt, den ganzen Raum überblicken kann. Aber er hat ihn ja längst aus den Augen, statt dessen sich immer tiefer mit seinen Augen in ihren Augen verloren, die auffällig groß sind und auffällig weit auseinanderstehen und scheu sind und gleichzeitig brennen, in der Hitze ihres Gefechts. Wie sie über Kafka reden und über Kafka streiten. Wie sie sich ereifert, er aber ruhig bleibt. Wie sie sich wehrt, als er von Kafkas Freundin als einer Tippmamsell spricht. Und wie er ihr bis ganz zum Schluß, zum bitteren und süßen Ende, verschweigt, daß er ein Buch über Kafka geschrieben hat. Und wie sie erschrickt, als er es endlich sagt, und wie sie böse wird und ihn fragt, warum er das nicht von Anfang an gesagt habe, wenn sie das gewußt hätte, hätte sie es doch niemals gewagt, so einfach draufloszureden, und er ihr antwortet: darum. Und wie er ihr dann, als sie auf der Straße stehen, um Mitternacht, und auf die zwei letzten Straßenbahnen warten, die sie nach Hause bringen, in verschiedene Richtungen, an der Haltestelle vor dem Theater, an dem sie tagsüber arbeiten, einen Kuß auf die Stirne drückt. Möglicherweise ist das im Regen. Und möglicherweise ist es inzwischen September.

Wie sich das wiederholt. Wie sie wieder in der Bodega sitzen. Bei Wein und Salami. Diesmal am runden Tisch. An einem wärmeren Abend. Bei offenen Fenstern, die auf die Gasse gehen. Auf diese Wand gegenüber, die angestrahlt ist, mit den Fresken aus der Manesse-Handschrift. Sie reden über die Minne. Und plötzlich bemerken sie, daß ihnen der ganze Tisch zuhört. Alles weiß sie. Alles erzählt sie ihm über die Zürcher Liedersammlung. Es ist ihre Stadt, er ist nur zugezogen. Und von da wendet sich das Gespräch zu den Märchen. Er sagt, daß das Märchen die bestehenden Zustände bestätigt. Weil es in ihm immer nur auf den Helden ankommt. Alles andere darf ihm geopfert werden. Daß es gar nicht das Verdienst des Helden ist, daß er ans Ziel kommt. Nur die Jahre des Banns oder des Fluchs sind zufällig abgelaufen. Die Dornenhecke wäre auch ohne ihn aufgegangen. Dornröschen wäre auch ohne den Kuß des Prinzen erwacht. Er ist nur zufällig zum richtigen Zeitpunkt da, und die anderen vor ihm nicht. Er erfüllt nur zufällig das im Märchen sich immer wiederholende Gesetz. Und daß er andere Märchen schreiben will, in denen es um die anderen geht, die es nicht schaffen. Um die ersten und zweiten Brüder, um die Stiefbrüder und Stiefschwestern, um die Unhelden und Antihelden, die über die Welt straucheln. Oder über sich selbst. Und plötzlich stockt das Gespräch, weil sie wieder bemerken, daß es um sie herum still geworden ist. Und dann gehen sie noch ein Stück Weges zusammen, die Rämistraße hinauf, bis zu der Tramhaltestelle, an der sich ihre zwei Linien verzweigen.

Wie sie sich über Fellini streiten, über „Amarcord“, über „Roma“, über die „Vitelloni“. Ihr ist er zu wenig politisch, ihm ist er in der Satire politisch genug. Sie hat Italien am eigenen Leib erfahren, hat dort gelebt, hat Freunde dort, liebt es, er nur am Leib der eigenen Mutter, dem er in diesen Filmen vervielfacht und vervielfältigt in tausend Verzerrungen, von denen er sich distanzieren kann, wieder begegnet. Sie findet das frauenfeindlich, er befreiend und lebensrettend. Mammaverschlungenheitüberwindend. Wie er sich kaum mehr von seinem liebsten, von „Otto e mezzo“, zu erzählen getraut. Von Gelsomina, der Dicken, die vor den Kindern am Strand für ein paar Lire die Beine öffnet. Und von seinem Traum, den er dem Traum Guidos im Film nachgebildet hat, seine Großtante mit wehenden schlohweißen Haaren an einem Seil hoch über der Erde als Drachen fliegen zu lassen. Und wie sie landet, schmal, kaum mehr ein Hauch, alles Körperliche im Flug in der Reibung der Luft zerrieben, mit flatterndem schwarzem Mantel, die nackten, gläsernen Füße gegen den Sand der Wüste gestemmt. Und wie sie ihm nach diesem läuternden Flug die liebste Frau in der ganzen Verwandtschaft der Frauen ist.

Wie sie sich überhaupt immer streiten auf diesem Fest. Bei dieser Frau B. Einige sagen auch Fräulein. Die das Leben für das Leben des Vaters geopfert hat. Den sie pflegt, seit die Mutter gestorben ist. Die Schwester ist aus dem Haus, verheiratet, sie ist zurückgeblieben. Hat auf die Liebe, die sie auch gehabt hat, in Frankreich, verzichtet. Man sieht es ihr manchmal an. Sie schreibt Gedichte, die keiner gelesen hat. Langsam ist sie alt geworden neben dem Vater und muß jetzt aufpassen, daß sie in ihrem Büro, in dem sie Dramaturgiesekretärin ist, nicht eines Tages wie ein Regenschirm, weil es nicht regnet, stehengelassen wird. Bei der sie also eingeladen sind. Das ganze Haus, mehr oder weniger. Zum Saisonbeginn. Die Proben laufen ja schon, bald ist die erste Premiere. Um sich noch einmal so richtig auf alles zu freuen, bevor wieder die Frustration beginnt, die sie noch nicht oder erst vom Hörensagen kennen. In ihrer Villa am Waldrand. Oder besser in der Villa des Vaters. Hoch über dem Zürichsee. Durch die zum erstenmal auch bei ihnen der Wunsch erwacht, so zu wohnen. Oder zumindest die Fantasie. Jedenfalls reden sie beim Weggehen, spät nachts, bevor sie zu jemand Fremdem ins Auto steigen, miteinander vom Wohnen. Sie wohnt noch bei den Eltern, er hat eine kleine Wohnung, in der er ein Zimmer an eine Studentin vermietet.

Am nächsten Morgen, im Theater, wissen schon alle, auch die, die beim Fest gar nicht gewesen sind, daß sie ein Paar sind. Nur sie wissen es nicht. Herr R. sagt, daß er es von Frau E. weiß. Wie sie lachen, als man ihnen sagt: was sich streitet, das liebt sich. Und wie er sich fragt, was das soll, als Herr H., das Faktotum, ihn, als er Papier holt, beiseite nimmt und ihm hinter vorgehaltener Hand verrät, daß das Fräulein aber einen Verlobten hat, einen Ausländer, einen Italiener.

Wie sie eines Morgens, als er wie immer nach dem Frühstück, das er im Café um die Ecke zu sich nimmt, zu spät ins Theater kommt, nicht an ihrem Platz ist. Wie er nach ihr fragt. Wie er hört, daß sie krank ist. Und wie er ihr Blumen nach Hause schickt.

Als sie wieder gesund ist, erzählt er ihr, was inzwischen gewesen ist. Wie die Proben vorangehen. Wie es sich zuspitzt. Wie er damit nicht zurechtkommt, daß die Schauspieler scheinbar mit Leichtigkeit etwas spielen, das sie in Wirklichkeit gar nicht kennen. Zum Beispiel die Liebe. Mit ihren schnellebigen Affären. Daß er es ihnen auf jeden Fall nicht zutraut, so wie er sie inzwischen kennt und so wie er sich die Liebe vorstellt. Wie er sich dagegen sträubt, daß man sie überhaupt spielen kann. Wie er das Wesen der Liebe dadurch in Frage gestellt sieht, daß sie auch spielbar ist. Wie er es nicht wahrhaben will. Wie ihm das Spiel als Lüge erscheint. Wie er Angst hat, sich anzustecken. Wie er sich fragt, ob er nicht den Beruf verfehlt hat. Aber sie antwortet ihm, daß sie denkt, daß er gerade darum am richtigen Ort sei.

Wie er ihr vom Stück erzählt. Was alles in diesem Stoff liegen würde. Wie wenig der Autor daraus gemacht hat. Was er daraus machen würde.

Wie das Programmheft aus der Druckerei kommt. Sein erstes. Es ist noch feucht. Es riecht nach Druckerfarbe. Wie er ihr ein Exemplar hinunterträgt, ins andere Stockwerk, und auf den Tisch legt. Wie sie es gleich anschaut, es dann über Nacht liest, ihn anderntags dafür lobt. Wie er auch vom Intendanten gelobt wird, ein paar Tage später. Wie er es ihr brühwarm erzählt. Wie es ihm wie das Meisterstück vorkommt, mit dem er die Meisterprüfung bestanden hat. Wie er von da an dazugehört.

Wie sie sich bei der Premiere im Dunkeln, an das sie sich langsam gewöhnen, entdecken. Sie stehen. Jedes für sich, hinter einer anderen Säule. Sie haben die Plätze, auf die sie Anspruch gehabt hätten, anderen überlassen, die sonst keinen Platz bekommen hätten. Sie sind zu nervös zum Sitzen. Vorn läuft das Spiel. Mit glühenden Gesichtern, mit aufgerissenen Augen sind sie dabei. Wie ihre Herzen schlagen, wie sie mit den Schauspielern mitfiebern, wie sich ihre Oberkörper nach vorne beugen, wie sie sich fast nicht mehr hinter den Säulen halten können, wie sie einander Blicke zuwerfen, wie sie sich insgeheim Mut machen. Als ob es auch ihre Premiere wäre.

Wie sie sich gegenübersitzen, auf einer Insel von der Größe des weißen Tischtuchs, das den Tisch zwischen ihnen bedeckt, während um sie herum das Fest tobt. Premierenfeier heißt das. Mitternacht ist vorbei. Wie sie von Gott und der Welt reden. Wie es ihm wieder auffällt, daß Frauen, wenn sie im allgemeinen reden, das Spezielle meinen. Wie er sich plötzlich vorstellen kann, daß sie, wenn sie von der Welt spricht, eigentlich ihn meint. Wie er sich ein wenig davor zu fürchten beginnt. Wie es später und später wird. Wie er ihr endlich von seiner Angst erzählt, die er vor Beziehungen hat, woher sie kommt und warum er sie braucht. Wie sie ihm sagt, daß sie sie auch hat, daß sie schon zwei Verlobungen ihretwegen wieder gelöst hat. Wie er Dämme gegen sie baut, aus Bröseln, von einer Semmel, die er gegessen hat, die er auf dem Tischtuch als Grenzlinie zwischen sie und sich legt. Wie sie sie plötzlich, mit einer entschlossenen, raschen Bewegung der Hand, mit dem Zeigefinger durch sie hindurchfahrend, zerstört. Und wie sie sagt, daß sie, da sie beide vor einer Beziehung Angst hätten, voreinander keine Angst zu haben bräuchten.

Wie sie sich dann in der Nacht gegenüberstehen, ratlos, und nicht wissen, was jetzt zu tun ist. Wie sie frieren, und wie er sie plötzlich wieder, im Schutz der Dunkelheit, die seine Röte verbirgt, auf die Stirn küßt, bevor sie ins Taxi einsteigt. Und er allein den Berg hinaufrennt, zu sich nach Hause, in seine kalte Wohnung, während vereinzelt schon Vögel, die sich in der Stunde getäuscht haben, pfeifen.

Wie sie ihm „Gehen“ von Thomas Bernhard zu lesen gibt. Er liest es sofort. Aber er muß zu lesen aufhören, weil sich ihm beim Lesen die aberwitzigen Kreisstrukturen der Sätze so sehr in seine Hirnstrukturen eindrehen, daß er Angst bekommt, wahnsinnig zu werden. Wie er ihr davon erzählt. Wie er das Buch erst nach einigen Wochen zu Ende liest. Wie es aber von da an zwischen ihnen ein gemeinsamer Nenner ist. Wie sie, wenn er „tschechoslowakische Ausschußware“ sagt, lachen muß. Wie er, wenn sie vom „Rustenschacherschen Hosenladen“ spricht, nicht anders kann, als zurückzulachen.

Er gibt ihr eine Geschichte zu lesen, die er selber geschrieben hat, früher, in der ein Fallensteller, der natürlich er selber ist, Fallen um sich selber auslegt, Fallgruben aushebt, damit die anderen, die sich ihm nähern wollen, hineinfallen, so daß er allein bleibt, in seiner Mitte, und seine Ruhe hat, und die eigentliche, wirkungsvollste, letzte Falle, für die, die sich durch alle anderen nicht haben von ihm abhalten lassen, soll diese Geschichte selber sein. Aufgescheucht antwortet sie ihm, sie ist zornig, sie schreit ihn an. Was sie ihm getan habe. Was er sich einbilde. Sie wolle doch gar nichts von ihm. Wie sie dabei blaß ist. Wie sie zittert dabei. Wie er ihr sagt, daß sie ihn falsch verstanden habe. Wie er aber weiß, daß sie ihn richtig verstanden hat. Wie er nicht mehr recht weiß, ob er von ihr richtig verstanden hat werden wollen.

Wie sie sich von ihren früheren Lieben erzählen. Wie er nicht viel zu erzählen hat. Wie sie ihm erzählt, daß sie einmal, ein einziges Mal, in Italien, als junges Mädchen, mit einem Mann geschlafen hat, mit dem sie gar nicht hat schlafen wollen, mit ihrem Lehrer, den sie verehrt und der ihre Verehrung ganz falsch gedeutet hat, dem sie sich aber nicht nein zu sagen getraut hat, nicht deutlich genug, in jenem Sommer, im Freien, hinter der Kirche, wie es aber ein Mißverständnis gewesen ist. Wie ihm das im nachhinein noch für sie weh tut. Aber ebenso sehr auch für sich. Daß jemand sie hat haben können, den sie gar nicht gewollt hat. Wie er selber dadurch verletzt ist. Wie er eifersüchtig auf ihr Vorleben ist.

Wie sie zum erstenmal zusammen ins Kino gehen. Ausgerechnet in „Gotho, die Insel der Liebe“. In Schwarz-Weiß. Ungefähr in der Mitte des Films, im Unsichtbaren, legen sie ihre Hände ineinander. Aber am Schluß, als das Licht wieder angeht und sie sich lassen und jeder für sich aufsteht und sich in seine Jacke hineinzwängt, tun sie so, als ob sie nichts davon wüßten.

Zusammen fahren sie zum Stadtrand hinaus, mit der Elf oder der Dreizehn, ins beste Gastspieltheater der Stadt, um Bernhards „Macht der Gewohnheit“ zu sehen, mit Bernhard Minetti. Wie sie begeistert sind, vom Stück und vom Schauspieler, den sie zum erstenmal sehen, vom „Forellenquintett“, das gespielt werden muß, obschon keiner es spielen will. Noch monatelang werden sie bei jeder Gelegenheit „Morgen Augsburg“ sagen, um sich aufzumuntern, wenn ihr eigenes Theater oder sie selber in einen trostlosen Trott verfallen. Während sie jetzt, als er nach der Vorstellung mit seinem Freund, den er getroffen hat, geistig das Pfauenrad vor ihr schlägt, immer mehr auseinandertreiben. Sie steht daneben und redet nicht mit. Längst in der Straßenbahn, längst auf dem Heimweg, längst wieder mit ihm allein, sagt sie noch immer kein Wort. Sie schaut aus dem Fenster ins Dunkel. Und er betrachtet sie von der Seite. Wenigstens im Spiegel der Scheibe versucht er einen Blick von ihr zu erhaschen. Einen Anhaltspunkt zu bekommen. Es gelingt ihm nicht. So daß er sie fragt, was denn sei. Und sie antwortet: nichts. Wie er daraufhin, ohne selber noch etwas zu sagen, obwohl er noch lange nicht aussteigen müßte, ohne zu grüßen an der nächsten Station aussteigt. Und sie ihn Tage später, als sie wieder Worte gefunden haben, rückblickend des geistigen Hochmuts bezichtigt. Wie er ihr erklärt, daß ihn ihre Reaktion, ihr Schweigen voll Vorwurf, an die Reaktion seiner Mutter auf seinen Vater erinnert habe. Vor der er geflohen sei.

Wie ihm trotzdem, als ihn Freunde einladen, in einem kleinen Bauernhaus, das einer von ihnen vor den Toren der Stadt gemietet hat, mit ihnen Silvester zu feiern und dazu eine Begleiterin mitzubringen, niemand anderer einfällt als sie. Mit dem er den Jahreswechsel begehen möchte. Er überlegt lange. Dann denkt er, warum immer vom Unmöglichen träumen, warum nicht das Mögliche tun. Wie sie zusagt. Und wie sie also hinausfahren, mit Zug und Postauto, beladen mit Wein, Rum und Zuckerhut, den Ingredienzien der Feuerzangenbowle, für die sie zuständig sind.

Wie da, während die Stunde fortschreitet, darüber philosophiert wird, warum die Fliege, die einem eben noch um die Ohren gesaust ist, unwiderstehlich von der Flamme angezogen wird, obwohl sie sich daran die Flügel verbrennt. Wie sich, vom Alkohol angeregt, die wildesten Theorien darüber bilden. Im Gelächter rund um den Tisch schlagen sie schallend zusammen. Wie sie nicht merken, daß alles, was sie sagen, ohne den Alkohol gar nicht lustig wäre. Daß ihr Lachen also vollkommen fehl am Platz ist. Wie es schon gegen Mitternacht geht. Wie ihre Köpfe brennen, wie ihre Augen brennen, wie die Kerzen brennen, wie der mit Rum übergossene Zuckerhut brennt. Wie die Freunde, als alles getrunken ist, ins Dunkel und in die Kälte hinausgehen, um den Jahreswechsel unter freiem Himmel zu feiern. Und sie zwei allein in der Stube zurückbleiben. Ohne sich abzusprechen, unter dem gleichen Vorwand. Weil es ihnen draußen zu kalt ist. Weil sie jetzt das Licht und die Wärme wollen. Auch auf die Gefahr hin, sich daran zu verbrennen. Wie sie um Mitternacht vom Tisch aufstehen und um den Tisch herum aufeinander zugehen und sich in der Mitte des Raums um den Hals fallen und sich unter der Lampe zum erstenmal wirklich küssen. Erst dann, mit diesem offenbaren Geheimnis, gehen sie zu den anderen hinaus, um sich in ihre übermütige Schneeballschlacht einzumischen.

Wie sie danach schläfrig werden. Wie sie erhitzt sind und frieren. Wie sie still und starr auf dem Rücksitz des Wagens sitzen, in dem sie ein Freund mit in die Stadt zurücknimmt. Wie sie ihn trotzdem, und obwohl es schon gegen Morgen geht, fragt, als sie aussteigt, ob er noch zu ihr hinauf will. Wie er ja sagt. Wie er sie aber mißverstanden hat. Weil er glaubt, daß sie ihn gefragt hat, ob er jetzt mit ihr schlafen will. Und sie ihm auch nicht sagt, daß sie das nicht gefragt hat. Wie es aber nicht geht. Wie sie nebeneinander auf dem Bett liegen und für alles zu müde sind. Wie er bei sich denkt, daß man mit einer Frau, wenn man sie erst einmal in den Händen hält, gar nicht so viel anfangen kann, wie man gedacht hat, als man sie noch nicht in den Händen gehalten hat. Weniger jedenfalls als mit sich selbst. Wie er sie streichelt, wie sie aber bald einmal zu Ende gestreichelt ist. Wie sie ihm für das Streicheln zu nah ist. Wie er, um sie zu sehen, ein wenig zurückweicht. Wie er ihr sagt, daß ihr Leib schön sei; wie es ihm aber vorkommt, als klinge das wie eine Entschuldigung für seine Erschöpfung.

Wie sie noch etwas reden. Wie er ihr, mitten im Winter, an der Grenze zum Schlafen, den „Nachsommer“ ans Herz legt. Wie er davon erzählt, wie die ideale Ordnung der Buchwelt beim Lesen heilsam, gleichsam idealisierend, also ihn verbessernd auf ihn übergegangen sei, daß er förmlich gespürt habe, wie ihm dieses Buch im wörtlichen Sinn gut getan habe. Von seiner läuternden Wirkung. Sie sagt: heile Welt. Er antwortet: geheilte. Sie sagt: reaktionär. Er aber: utopisch. Wie sie sich zwar verstehen, jetzt aber nicht einigen können.

Sie läßt ihn in ihrem Bett schlafen, das auch das Bett ihrer Kindheit und Jugend ist, während sie selber ins Zimmer der Schwester geht, die nicht mehr im Haus wohnt, wenn auch nicht weit von da, im Haus nebenan, die schon verheiratet ist. Am Morgen, als er erwacht, weiß er nicht mehr recht, wo er ist. Als er wieder weiß, wo er ist, weiß er nicht, wo sie ist. Und wo das WC ist, dessen er so dringend bedürfte. Nachdem er vergeblich darauf gewartet hat, daß sie kommt und ihn aus seiner Drangsal befreit, und er es selber sucht, stößt er in der Wohnung auf ihre Eltern. Die ihn, während ihre Tochter noch schläft, höflich zum Frühstück einladen. Und ihn, während sie Tee trinken und Zopf essen, fragen, wer er ist, woher er kommt, was er für einen Beruf hat. Wie sich dabei allmählich die Verbindung zu ihrer Tochter erklärt. Wie diese selbst aber, verschlafen, in ihrem Pyjama, im Morgenmantel, erst auftaucht, als alles vorbei ist.

Wie sie ihn über den Berg heimbegleitet. Vielmehr über den Hügel. Der ihre zwei Wohnquartiere voneinander trennt und miteinander verbindet. Jetzt, bei Tageslicht, als sie aus dem Haus treten, stellt er fest, daß es in der gleichen Straße steht wie das Haus, in dem eine große Liebe von ihm während des Studiums gewohnt hat. Die er mit dieser also einmal Hand in Hand im Morgengrauen heraufgegangen ist. Nach einer durchredeten Nacht. Als er geglaubt hat, daß er die Welt jetzt im Sack hat. Die er mit ihr aber, im übertragenen Sinn, immer wieder von neuem hätte hinaufgehen müssen, immer wieder von unten beginnen, weil sie für sie, aus verschiedenen Gründen, da oben nicht weitergeführt hat. Wie er daran zurückdenkt, wie sie darüber mit einer gewissen Trauer geredet haben. Wie er also seiner jetzigen Begleiterin von seiner früheren Begleiterin auf dieser Straße erzählt.

Die Sonne scheint flach auf den Schnee. Sie setzen sich am Waldrand auf eine Bank und schauen auf die winterliche Stadt hinunter. Und zurück auf das vergangene Jahr, das sie zusammengebracht hat. Und auf das eben erst gewesene Ende des Jahres. Und auf den Beginn des neuen, der ja in gewisser Weise auch zu ihrem eigenen Beginn geworden ist. Jedenfalls fast. Wie sie plötzlich darüber lachen müssen, daß ihre Hochzeitsnacht so vollkommen mißglückt ist.

Wie dieses Lachen eine gute Grundlage für spätere bessere Nächte ist. Wie aber alles ganz langsam geht.

Wie er ihr an einem der folgenden Tage, zur Erinnerung an die erste Nacht, den „Nachsommer“ schenkt. Eines Tages wirst du in mir lesen! schreibt er als Widmung hinein. Natürlich wissen sie beide, daß das zweideutig, nämlich wörtlich und persönlich, gemeint ist. Wie sie ihn anlacht, als sie es liest. Wie sie dabei diesen dunklen, feuchten Schimmer in ihre Augen bekommt, an dem er künftig immer wieder ablesen wird, daß sie ihn liebt.

Als ihn sein Freund fragen wird, ob er in sie verliebt sei, wird er antworten, ich weiß es nicht, es ist alles so still, aber ich bin gerne mit ihr zusammen, lieber als mit allen anderen Menschen. Später, als ihn sein Freund fragen wird, ob er sie liebe, wird er immer noch antworten, ich weiß es nicht, aber mit niemand anderem ist die Liebe so schön wie mit ihr. Aufregender ja, aber schöner nie.

Wie die Fadenenden aus ihren früheren Leben eben noch in ihr jetziges Leben herüberhängen. Wie auf ihrer Seite am anderen Ende des Fadens immer noch ein Verlobter hängt, der zwar weit weg ist, im Süden Italiens, der aber, wenn er wieder auftaucht, um Geld von ihr zu erbetteln, für ein Studium, das er nie abschließt, immer noch bei ihr wohnt. Oder ein Arthur, der manchmal, nachdem sie jetzt schon eine eigene Wohnung hat, weg von den Eltern, im sündigsten Viertel der Altstadt, plötzlich vor ihrer Tür steht und Einlaß begehrt und dann verlegen und verwundert im Zimmer herumsteht, weil da schon ein anderer ist, der das Feld nicht mehr räumen will, auch nach einer halben Stunde, auch nach einer Stunde noch nicht. Und vor seiner Tür, vor der auch nicht gekehrt ist, ebenso plötzlich eine Frau wieder steht, die ihn in Berlin, in seinem letzten Leben, geliebt hat und die ihm jetzt, kaum daß er sie über die Schwelle läßt, nach einem ersten abschätzenden Blick, nicht auf den Kopf, aber sozusagen auf den Bauch zusagt, daß er dicker geworden sei. Die dann bei ihm wohnen will, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt. Die am Wochenende mit ihm im Wald spazierengeht, um mit ihm über die Zukunft zu reden, die er mit ihr gar nicht mehr haben will. Der er wochentags, wenn er zur Arbeit muß, einen Schlüssel gibt, damit sie sich frei bewegen kann. Während er, um sich ihr zu entziehen, bis in die Nächte hinein arbeitet. Oder die halbe Nacht, um beiden Frauen damit je ein entgegengesetztes Zeichen zu geben, bei der anderen Frau bleibt. Um dann doch noch, lange nach Mitternacht, als er nach Hause zurückkehrt, von ihr in der Badewanne empfangen zu werden, vielmehr mit einem Stöhnen, das durch die Badezimmertür, kaum daß er den Flur betritt, in dem bekannten unzweideutigen Rhythmus zu ihm hinausdringt, mit dem sie ihn zu sich in das Badezimmer und in die Badewanne hereinlocken will, ohne Erfolg, auf daß er ihr das, was sie an sich mit Fingern und Duschbrause zu vollziehen vorgibt, wie es sich für den einstigen Liebhaber geziemt, abnehme. Die also mit ihm und mit der er Katz und Maus spielt. Bis sie eines Tages, als er nach Hause kommt, wieder verschwunden ist, wie sie gekommen ist, und der Schlüssel, den er ihr geliehen hat, ohne Kommentar in seinem Briefkasten liegt. Oder wie eine andere Frau, die manchmal sein Bad benützt, weil sie selbst keines hat, sich nach dem Bad zu ihm ins Bett legt, um mit ihm über ihren Freund zu reden, der auch sein Freund ist oder zumindest gewesen ist, der jetzt weit fort in einer anderen Stadt lebt. Oder wie immer noch Briefe zwischen ihm und Amerika hin und her gehen. Und wie seine große Liebe, der er auf der Straße, vor dem Haus der anderen, wiederbegegnet, als er ihr sagt, was er jetzt macht, antwortet: das wirst du nicht lange machen.

Wie sie damit aber nur das Theater meint. Wie sie nicht wissen kann, daß er gerade, mitten am Tag, während der Arbeitszeit, von der Liebe kommt. Daß es plötzlich, während sie über Mittag im Rechberggarten gewesen sind, in der ersten Wärme der Sonne, im Gras, auf der warmen Erde, und sich geküßt und gestreichelt haben, mit Grashalmen und Fingern, von oben herab und von unten herauf, bis unter die Kleider hinein, mit aller Macht Frühling geworden ist. Daß er aufgestanden ist, mit einem Ruck, daß er ihr aufgeholfen hat aus dem Gras, daß sie haben rennen müssen, nach Hause, zu ihr, in ihre Wohnung ganz nah in der Altstadt, um ihre Erregung rechtzeitig unter ein schützendes Dach zu bringen. Daß es jetzt öfter so ist.

Wie er sich aber schwer tut mit ihren Strumpfhosen, meist grau oder schwarz, die er dabei von ihren Hüften und Beinen wie Wursthäute schälen muß. Sie hilft ihm ja nicht dabei. Wie er überhaupt manchmal denkt, daß sie ihm bei der Liebe etwas mehr helfen könnte. Wie sie sich andrerseits, als er einmal krank ist, bei ihrem Besuch kurzerhand auszieht und in sein Bett legt, um ihm mit einer Schwitzkur das Fieber aus dem Leib zu treiben. Wie ihre Strümpfe dabei auf der weißen, niedrigen Tischplatte liegen. Und tatsächlich wird er davon schlagartig wieder gesund.

Wie er sich immer noch vor ihr fürchtet. Wie er in sein Tagebuch schreibt: Der neuen Geliebten erzählt man immer von der alten Geliebten, weil man ihr sonst nichts zu sagen hat. Wie er es, einige Tage danach, korrigiert. Statt dessen schreibt er jetzt: Der neuen Geliebten erzählt man immer von der alten Geliebten, um sich vor ihr zu schützen. Vor der neuen natürlich. Wie das aber bald einmal aufhört. Nicht nur, weil es keine alten Geliebten mehr gibt, von denen noch zu erzählen wäre.

Wie er sich trotzdem, an einem Tag größter Verletzlichkeit, anläßlich der Uraufführung seines ersten Theaterstücks, durch eine zweite Frauenbegleitung, eine Italienerin, eine Kostümbildnerin, eine Schönheit, die zudem nicht deutsch kann und also sein Stück gar nicht versteht, von ihrer zu großen Nähe ein wenig distanziert und in Sicherheit bringt. Im Dunkeln sitzt er mit Herzklopfen zwischen den beiden Frauen in der ersten Reihe. Wie es ihn aber zu keiner von ihnen hin-, sondern nach vorne zu seinem Stück zieht. Wie er sich vorbeugt. Wie er mit seiner Schauspielerin, auf daß keines seiner Worte unter den Tisch falle, mitzittert und mitspricht. Wie er vorher, als sie alle zusammen, die Italienerin, der Bühnenbildner, der ein Freund von ihnen ist, sie, er, essen gegangen sind, von einer Sekunde auf die andere keinen Bissen mehr hinuntergebracht hat. Wie sie ihn zu beruhigen versucht hat, obwohl es ihr ähnlich gegangen ist. Wie er nachher, als alles gut verlaufen ist und ihm von allen Seiten und auch von ihr gratuliert wird, plötzlich weiß, zu wem er gehört.

Wie er deshalb im darauf folgenden Sommer in Venedig, wo er ein Stück über den Untergang von Venedig schreibt – in dem Venedig schließlich gerettet wird, aber inzwischen ist rundherum die Welt untergegangen –, eine Deutsche, die ihm schon auf dem Schiff nach Torcello in ihrem roten Jäckchen aufgefallen ist und die ihm den ganzen Tag folgt, von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, von Café zu Café, am Abend aus dem Zimmer seines Hotels, in dem er jetzt lebt und arbeitet, in dem sie am Fenster mit dem kleinen Balkon steht und hinausschaut auf die offene Lagune und darauf wartet, daß er zu ihr hintritt und ihr von hinten den Arm um die Schultern legt, damit es so kommt, wie es kommen soll, noch rechtzeitig, bevor das letzte Boot hinüber nach den Zattere, wo sie logiert, gegangen ist, wegschickt. Während er zu ihr, der anderen, der Freundin, die zu Hause geblieben ist, wo sie noch arbeitet, als sie ihn anruft, von sehr weit weg, nachdem er ihr schon geschrieben hat, als sie ihn fragt, ob sie über das Wochenende zu ihm kommen soll, ohne zu überlegen sagt, ja, komm.