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Titel

Tirol hautnah erlebt

Peter Plaikner über Alois Durnwalder:
Luis der Letzte

Menschenfänger unterwegs

Kimsch amoi wieda eini? Das ist schnell dahingesagt, wenn Hände im Zehn-Sekunden-Takt zu schütteln sind und freundliche Worte im Halb-Minuten-Takt den Adressaten wechseln müssen. Das Bad in der Masse, der Nahkampf, die Bodenübung für Politiker in der Ära der Mediendemokratie: Luis Durnwalder beherrscht es wie wenige andere, scheint es immer aufs Neue zu genießen wie kaum ein Routinier seines Fachs, wirkt daheim wie auswärts als einer, der einfach Menschen mag.

Ungeachtet der zeitgeistigen Faustregel, dass Politik – je größer ihr Publikum, desto stärker – sich über Massen­medien vermittelt, haben Experten längst das persön­liche Kommunikationsgen als ewiges Erfolgsgeheimnis von Volksvertretung entlarvt. To be connected nennen das die Amerikaner, und wer Bill Clinton auf Celebrity-Stippvisite in Ischgl erlebt hat, weiß, warum der seine Affäre mit Monica Lewinsky politisch überlebt hat. Der einstige US-Präsident gilt als ungeschlagener Weltmeister des effizienten Kurzkontakts. Ein paar Momente eins mit dem Gegenüber: du und ich statt ihr und ich – so funktionieren Menschenfänger. Auch am 27. April 2012 im Management Center Innsbruck (MCI) nach dem Vortrag „Politik – eine Leidenschaft: Herausforderung zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ von Luis Durnwalder. Small talk am Stehbuffet: Kimsch amoi wieda eini?

Da hat er sie längst alle eingesackelt mit seiner Mi­­sch­ung aus Bauernschläue und Alleinherrschaft, in einer bodenständigen Art, die von Brüssel bis Berlin Unterschätzung züchtet und in Wien als so urtirolerisch ankommt, wie sich die Hauptstädter den ewigen Prototypen des Alpenmenschen ausmalen – zwischen dem wahren Eduard Wallnöfer selig und dem vermeintlichen Tobias Moretti heute. Also umlagern sie ihn im MCI, erhoffen Erstkontakt, Wiedererkennen, Rückbesinnung – und kriegen, was ihr wollt. Er genießt diese Auswärtspartie als Heimsieg, wie er kaum einem ortsansässigen Kollegen gelingt. Da überwindet einer die Distanz zwischen der Politik und dem Bürger. Kimsch amoi wieda eini? Nach Bozen, wo er allmorgendlich ab 6 Uhr für jeden zu sprechen ist. Ohne Voranmeldung im Südtiroler Landhaus. Seit fast schon einem Viertel­jahrhundert.

Doch es braucht mehr als solche Offenheit, um den Status des Landesvaters derart zu prägen, wie dies Luis Durnwalder seit 1989 vollzieht. Der Mann verfügt über rare Eigenschaften im Zeitalter der Flüchtigkeit. Was situativ oft unverbindlich erscheint, ist von ihm meist ganz ernst ge­meint. Kimsch amoi wieda eini? Am nächsten Tag Termin­anfrage in seinem Büro, ein paar Wochen später ein ausführliches Gespräch. So wie im Jahr zuvor immer wieder, um ein Buch über ihn zu schreiben. Keine Biographie, das wäre zu hoch im Anspruch. Es gab und gibt Berufenere für eine Nahaufnahme von Luis Durnwalder. Doch die Distanz des Nordtirolers in Österreich zum Südtiroler in Italien ermöglicht andere Perspektiven, kann wie ein Zoom-­Objektiv wirken – mit seiner subjektiven Motivveränderung durch den Wechsel von Teleskop und Weitwinkel.

Folgerichtig soll auch dieser Beitrag über den „Zeitzeugen“ eine Annäherung sein, ein Balanceakt für das Selbstverständnis eines kritischen Journalisten, der durchaus eingesteht, sich von der Ausstrahlung des Porträtierten immer wieder vereinnahmen zu lassen. Weil der ein Dinosaurier ist, ein machtvolles Urvieh inmitten der Cyborgs der aktuellen Politikszenerie. Ein legitimer Nachfahr der Wallnöfers und Gleißners, der Haslauers und Krainers (jeweils senior), wie es ihn heute in Österreich nicht mehr gibt – auch wenn Erwin Pröll, Durnwalders später Studienkollege von der Universität für Bodenkultur in Wien, in seiner Herrschaft über Niederösterreich noch am ehesten diesem Archetypus entspricht. Doch dort fehlt die Mischung aus demokratiepolitisch mitunter bedenklichen, aber autonomiespezifisch erklärbaren, wenn nicht gar notwendigen Handlungsmustern.

Die Kritik erfordert Distanz, das Porträt benötigt Nähe. Im Versuch, den Luis zu erklären, liegt schon die Grenzüberschreitung. Was im Buch Ursachenforschung ist, wäre für Tagesmedien Anbiederung. Es bietet Vor- und Nachteile zugleich, dies als einer von draußen (= in erster Linie Nord- und Osttirol, in weiterer Folge Österreich und Deutschland) über einen von drinnen (= Südtirol und sonst nichts) zu tun. Einerseits bist du nirgends drin, und andererseits bist du nirgends drin. Der Abstand zu Partei, Flügel, Fraktion hilft dem Unterfangen, die Entfernung zu Themen, Anliegen, Bedürfnissen erschwert es.1