Titel

Tirol hautnah erlebt

Ursula Strohal über Felix Mitterer: „Ich schreibe Menschenstücke“

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„Mein Volksschullehrer lebt heute noch in Kirchberg. Er hat entdeckt, dass ich irgendwie begabt bin zum Schreiben. Zuerst hat er’s mir nicht geglaubt, er hat geglaubt, ich hab’s abgeschrieben. Da war ich natürlich tödlich beleidigt und dann hat er mir’s geglaubt und zu mir g’sagt, wie ich zwölf, dreizehn war, ,Ok, Felix, du hast jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder wirst du Pfarrer oder Lehrer‘. Da war ein unglaublich liabs Madl in der Schulklasse, in das war ich furchtbar verliebt und also wollt ich nit Pfarrer werden. Die hat das nie erfahren, natürlich, aber ich hab Lehrer g’sagt, wollt aber Schriftsteller werden. Nur war das vollkommen unmöglich, weil zu der Zeit nach dem Krieg und in dem Milieu war das Lesen etwas, was eher überflüssig ist und ein bissl wirr im Kopf macht und Strom kostet am Abend und von der Arbeit abhaltet. Wobei man sagen muss, dass mein Vater der einzige Bauernknecht war, den ich gekannt hab, der eine Tageszeitung abonniert gehabt hat.“ 1

Felix Mitterer war am 31. Jänner 2012 im Casino Innsbruck Gast von Elmar Oberhauser in der Gesprächsreihe „Zeitzeugen“. Er berichtete von seiner Kindheit und Jugend, seinen beiden Müttern, der Vatersuche, von seinem Be­dürfnis, zu lesen und zu schreiben, das stärker war als die Schulpflicht, und dem ausgeprägten Willen, Schriftsteller zu werden. Er erzählte von seinen frühen Erfolgen und Skandalen, den Tiroler Volksschauspielen Telfs, seinem eineinhalb Jahrzehnte währenden Leben in Irland und seiner Rückkehr 2010.

Mitterer kam als „12., 13. oder 14. Kind“ der Kleinbäuerin Adelheid Lamprecht am 6. Februar 1948 in Achenkirch/Tirol zur Welt. Ihr Mann hatte als Witwer schon Kinder in die Ehe mitgebracht und fiel im Krieg. Felix’ Zwillingsschwester starb bei der Geburt, als Vater gab die Mutter einen jugoslawischen Flüchtling namens Samson an, ihn hatte es kurzfristig nach Achenkirch verschlagen. Mitterer forschte erst viel später auf Initiative seiner Frau Chryseldis und seiner Tochter Anna nach ihm. Nach der Geburt gab Adelheid Lamprecht den Buben zur Adoption an das Landarbeiterehepaar Mitterer frei. Die Frauen waren beste Freundinnen, Felix hatte immer sowohl zu seiner Adoptiv­mutter als auch zu seiner leiblichen Mutter Kontakt. Seine Kindheit war streng, er zog mit den Eltern von Hof zu Hof, musste mitarbeiten.

„Es ist ganz eigenartig, wenn ich an mich als Kind denke, dann denk’ ich an jemanden, der vor hundert Jahren da im unteren Tal herumgelaufen ist. Wir sind von Achenkirch nach Gundhabing gezogen, das ist ein Weiler zwischen Kitzbühel und Kirchberg. Dort waren meine Adoptiv­eltern jahrelang als Landarbeiter beschäftigt, der Michael als Rossknecht und die Juli im Stall und dann im Sommer auf der Alm. Anfang der 50er-Jahre, wie ich ein Kind war, waren da noch 18 Dienstboten, also alles händisch mit den Rössern und so, das war eigentlich wie im 19. Jahrhundert. Um einen Riesentisch g’sessen in der Früh, zum Frühstück hat’s Polenta gegeben, mit einem Riesentrumm Butter drin, und alle haben aus der Pfannen gegessen. Und plötzlich hat sich alles vollkommen verändert, es waren auf einmal die Traktoren da und die Maschinen und man hat keine Landarbeiter mehr gebraucht. Meine Adoptivmutter ist dann putzen gegangen in Fremdenpensionen, unter anderem auch, um mir die Lehrerbildungsanstalt zu ermöglichen, und mein Vater war Straßenkehrer in Kitzbühel.“2

Mitterer kam durch seinen Lehrer 1962 nach Innsbruck in die Lehrerbildungsanstalt und brach die Schule 1966 vorzeitig ab. Die Lehrer seien tolerant mit ihm gewesen, aber er habe kaum gelernt, sondern viel gelesen und geschrieben. In dem katholischen Schülerheim in der Innsbrucker Anichstraße, in dem er untergebracht war, habe es eine unglaubliche Bibliothek „mit der ganzen Weltliteratur“ gegeben. Volksschullehrer, sagt Mitterer, wäre er schon gern geworden, aber lieber noch Schriftsteller. Nach der Schulzeit brachte ihn ein Bekannter beim Zollamt unter, am Frachtenbahnhof an einer Rechenmaschine zum Zölle ausrechnen. Er bleibe nicht lange, er werde Schrift­steller, sagte Mitterer – schrieb in der Freizeit und blieb elf Jahre. In dieser Zeit, ab 1970/71, hatte er erste Veröffentlichungen im Rundfunk und in Zeitschriften, er schrieb Drehbücher, Erzählungen, Hörspiele, Kindergeschichten, Theaterstücke. Ab 1977 arbeitete er als freier Autor, schaffte den Durchbruch, erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Es gab Jahre, in denen er der meistgespielte deutschsprachige Autor war. Tiroler Tageszeitung und ORF haben ihn von Anfang an begleitet.

„1970 hab ich kurz vor Weihnachten ein Tonband mit einem Text von mir an die neu gegründete Ö3 Musicbox geschickt, am nächsten Tag haben die das gesendet. Unglaublich war das für mich, es war meine erste Ver­öffent­lichung. Da ist dann mehr gekommen, ich hab brav geschrieben, auch Prosa, und hab es an verschiedene Verlage geschickt. Aber immer nur an einen, und auf Antwort gewartet, und dann an den nächsten Verlag, statt dass ich’s an zehn gleichzeitig schick. I hab mir gedacht, schick ich’s an zehn gleichzeitig und drei wollen es haben, ist es peinlich. Also hab’ ich gewartet, ein halbes Jahr, nette Antwort, geht leider nicht, wieder eingeschickt, gewartet ein halbes Jahr, so sind die Jahre vergangen. Jeden Tag bin ich mit dem Radl vom Frachtenbahnhof nach Pradl gefahren, in die Wohnung, im Postkasten nachzuschauen um halb elf, ob da ein Brief drinnen ist, wo steht, ,Ja, das ist ja sensationell und das Buch bringen wir raus.‘ 1976 war dann dieser Wettbewerb vom ORF, ,Geschichten aus Österreich‘, wo man versucht hat, neue Autoren und neue Regisseure/Regisseurinnen zu finden, da hat Michael Köhlmeier zum Beispiel für Vorarlberg gewonnen und ich hab halt für Tirol gewonnen und es ist der Film Schießen gedreht worden. Dann hab ich 1977 noch ein Kinderbuch gehabt, Superhenne Hanna und im gleichen Jahr das Theaterstück Kein Platz für Idioten, das 1974 zuerst ein Hörspiel war, wo es um einen behinderten Buben geht, der ausgestoßen wird, das wir dann auf der Volksbühne Blaas in Innsbruck aufgeführt haben wo ich den Buben gespielt hab. Dann bin i weg (vom Zoll).“3