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Michael Stavarič, Deborah Sengl

Nadelstreif &
Tintenzisch

Ein Bestiarium

Inhalt

Titel

Klassifizierung eines Bestiariums

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Zum Autor

Impressum und Dank

Klassifizierung eines Bestiariums

Eine Einleitung

Unter einer Tierart werden für gewöhnlich Tiere oder Gruppen von Tieren zusammengefasst, welche gleiche morphologische oder physiologische Eigenschaften besitzen – so die gängigen Lehrbücher. Die morphologischen Eigenschaften umfassen hierbei den körperlichen bzw. anatomischen Bau, die Form und Struktur eines Organismus bzw. dessen „Lebensausrichtung“. Die physiologischen Merkmale beinhalten wiederum Gemeinsamkeiten im Ablauf lebensnotwendiger Vorgänge und körpereigener Funktionen. Prägende Gemeinsamkeiten sind solche, die eine Tierart von anderen Tiergruppen abgrenzen; aus solchen ergibt sich in der Regel auch eine erste Klassifizierung … so wurden beispielsweise Tierarten unter anderem danach eingeteilt, wie sie sich im Unterschied zu anderen fortpflanzen oder etwa ökologisch, sozial oder territorial verhalten – der Phantasie sind allemal keine Grenzen gesetzt.

Eine alte chinesische Enzyklopädie mit dem Titel Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse ordnet die Tiere etwa folgendermaßen:

a) dem Kaiser gehörende Tiere

b) einbalsamierte

c) gezähmte

d) Milchschweine

e) Sirenen

f) Fabeltiere

g) streunende Hunde

h) in diese Einteilung aufgenommene

i) die sich wie toll gebärden

j) unzählbare

k) mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete

l) und so weiter

m) den Wasserkrug zerbrochen habende

n) von weitem wie Fliegen aussehende

o) diebische Vögel

p) auf kein Tischtuch passende

q) Duftwolken

r) Tiere mit Beißhemmungen

s) Unterwässrige

t) Lispeltiere

u) unfassbare Kreaturen

v) Tiere mit Zahnlücken

w) verbotene Früchte

x) Ohrwürmer

y) Rabauken (mit Narben)

z) wie der Wind klingende

Auf diese chinesische Enzyklopädie stößt man im Essay „Die analytische Sprache von John Wilkins“ des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges, der sich wiederum auf den Sinologen Franz Kuhn beruft. Borges bezeichnet den chinesischen Enzyklopädisten als unbekannt und vielleicht sogar unecht oder „anrüchig“, nutzt jedoch die absurde Einteilung wiederum als Kritik an John Wilkins (dieser war im 17. Jhdt. erster Sekretär der englischen Akademie der Wissenschaften). Borges parodiert in seinem Essay dessen Versuch, eine Plansprache zu erschaffen, bei der sich ein jedes Wort selbst definiert und die – in weiterer Folge – in ein natürliches Zahlensystem von Worten mündet.

Hierzu teilt Wilkins das Universum in exakt 40 Kategorien ein (und diese später in weitere Untergruppen). In seiner Plansprache ergab sich aus dieser Kategorisierung etwa „de“ als Bezeichnung für „Element“, „deb“ für „Feuer“ und „deba“ für die „Flamme“ als „unerlässlicher Bestandteil des Elements Feuer“. Um das Prinzip weiter zu veranschaulichen, zitiert Borges eine ähnlich konstruierte Sprache aus dem Jahr 1850:

„a“ bezeichnet in dieser ein Tier

„ab“ ein Säugetier

„abo“ einen Fleischfresser

„aboj“ die Katzengattung

„aboje“ die Katze

Selbst Aristoteles konnte von der Vielfalt der Tiere nicht seine Finger lassen. Er teilte sie etwa danach ein, ob sie Blut besäßen oder nicht; darüber hinaus gibt es bei ihm z.B. Kategorien von Vierfüßern, die Junge gebären und Haare tragen (zu denen etwa das Kamel zählt), oder Mehrfüßer (Kraken und bestimmte „wunderliche“ Insekten). Vögel werden nach Klauen, Spalt- und Schwimmfüßen unterteilt bzw. danach, ob sie lieber Kerne, Würmer oder wie Menschen fressen. Ein Seeigel wird vom antiken Gelehrten sogar nach der Genießbarkeit seiner Eier gekennzeichnet und ein Floh – gemäß der vermeintlichen Herkunft – als „Ansammlung kleinster faulender Stoffe“ charakterisiert.

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Im 18. Jahrhundert sind schließlich die sieben traditionellen Ränge des Tierreichs eingeführt worden: Reich, Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung und Art. Diesem Schema liegt zugrunde, dass nach damaligem Zeitgeist die Zahl Sieben als vollkommen galt und die Ordnung der Natur dieser zahlenmystischen Vorstellung in einer jeden Kategorie zu folgen hatte. Diese Klassifizierung der Lebewesen war immerhin nicht ganz so willkürlich wie andere aus dieser Zeit – etwa nach dem Grad ihrer Perfektion, der Anzahl ihrer Zähne oder den Geräuschen, die sie (oral und anal) verursachten.

Irgendwann begann sich die Wissenschaft zu fragen, ob es nicht neben den künstlichen Prinzipien solcher Einteilungen so etwas wie eine natürliche Ordnung geben könnte; und tatsächlich, seit Darwin bietet sich hierfür die „Verwandtschaft der Arten“ an, wer stammt von wem ab oder wer von wem nicht, das sei in weiterer Folge die Frage.

Später hat die Molekularbiologie einiges neu zugewiesen, vermessen und geordnet – die Wissenschaft entdeckte zudem, dass ähnlich aussehende Organismen nicht unbedingt miteinander verwandt sein müssen. Dies berücksichtigend, ordnet man heute die Kleinstlebewesen prinzipiell nach drei Domänen: Bakterien, Archaen und Eukaryonten – Letztere sind Organismen mit Zellkern. Archaen leben (bis dato) in extremen Lebensräumen, etwa heißen Quellen und urbanen Kloaken, sie zählten früher wohl allein aufgrund ihres „Lebenswandels“ zu den Bakterien.

Auch „Übernatürliche, Fabel-, Phantasie- oder nicht identifizierbare Wesen“ versuchte man – wie die natürlich vorkommenden und in der jeweiligen Zeit wohl bekannten Tiere – ebenfalls ehestmöglich zu klassifizieren, etwa nach dieser Beschreibung:

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1. Geflügelte oder gehörnte Gestalten

2. Tiermenschen

3. Fabeltiere

4. Pflanzen, Gegenstände oder geometrische Figuren in Form von menschlichen oder tierischen Gestalten; Masken oder Phantasie- oder nicht identifizierbare Köpfe

5. Gruppen, bestehend aus diversen tierischen und menschlichen Bestandteilen

6. Geflügelte Putten

7. Teufel, mit oder ohne Flügel

8. Köpfe von Teufeln und wildwuchernd Bärtigen

9. Zentauren

10. Sphinxe

11. Tritonen

12. Najaden

13. Zentauren mit Pfeil, Bogen oder Lanze oder deutlich sichtbaren Penissen

14. Geflügelte Löwen oder Greife

15. Geflügelte Pferde

16. Andere geflügelte Vierfüßer

17. Einhörner

18. Mehrköpfige Ungeheuer

19. Phönixe

20. Personifizierte Pflanzen

21. Roboter mit menschlichem Aussehen

22. Andere nicht identifizierbare Personifizierungen einschließlich Schneemänner, Vogelscheuchen, Geister – ausgenommen die Zwerge

23. Roboter mit tierähnlichem Aussehen

24. Schreihälse

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Für das hier vorliegende Buch gilt – bis auf Weiteres – die Zuordnung zur Kategorie der „bislang noch im Untergrund operierenden und entschlossenen Tiere“, deren „Ratifizierung“ in den meisten Ländern noch aussteht. Als weiterführende Klassifizierungsmaßnahme empfehle ich nachfolgendes Schema (die Tiere können einem oder mehreren Punkten zugeordnet werden), das gegenwärtig in der Praxis erprobt wird und – dies ist sein großer Vorteil – beliebig erweitert und ergänzt werden darf:

– Tiere, die sich selbst gefährden

– Tiere mit Essstörungen

– Eingeheiratete Tiere

– Tiere in letzter Generation

– Tiere mit leichtem Hang zu Übertreibungen

– Tiere, die es wirklich gar nicht gibt

– Telegene Tiere

– Tiere mit Greencard

– Tiere, die Stehlampen imitieren

– Tiere mit reichlich Auslauf

– Tiere in Überlaufbecken

– Tiere, die gern dabei sind, wenn es eng wird

– Engstirnige Tiere

– Einsilbige Tiere (Silblinge)

– Streich- und Streicheltiere

– Tiere, die gut zu Köchen sind

– Travestierende Tiere

– Tiere mit Schwimmreifen

– Tiere mit unübersehbaren Gemütsschwankungen

– Tiere mit Erkennungsmarken (silbrig oder golden)

– Tiere, die allen ein Schnippchen schlagen

– Tiere, die Luftsprünge wagen

– Tiere mit Luftgewehren

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– Tiere, die schon einmal bei einer Biennale waren

– Schütteltiere

– Tiere, die gar nichts kosten

– Tiere mit seltenen Einsichten

– Tiere, die wirklich kein Pardon kennen

– Tiere wie aus einem Guss

– Tiere, über die man nicht sprechen darf (Tabuisierte)

– Tiere, die Fruchtfliegen nachstellen

– Tiere mit Pollenflug

– Enorm schwangere Tiere

– Tiere mit trägem Magen

– Parasitäre Tiere

– Tiere mit Versicherungspolizzen

– Tiere mit irgendeinem Vorleben

– Tiere fast wie Atomwaffen

– Vertikale Tiere

– Tiere, die eindeutig neben der Spur liegen

– Tiere mit heiligen Versprechen

– Niederträchtige Kreaturen

– Tiere mit Augenringen/Fettpölsterchen

– Tiere mit Brandschutztüren

– Tiere mit zu hohen Ansprüchen

– Tiere mit rapidem Blutzuckerabfall

– Tiere nach dem Menschen

– Vakuumtiere

– Tiere, die wie in Stein gemeißelt sind

– Tiere mit Zungenschlag

– Tiere mit Flaschenzügen

– Tiere mit schrecklichen Ambitionen

– Tiere mit Lichtorgeln

– Tiere mit einer dunklen Vergangenheit

– Tiere, die gern zischen und zündeln

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– Tiere, die zu vorbildlichen Selbstmorden neigen

– Tiere, deren lächerliche Namen kein normaler Mensch ausspricht

– Tiere mit Libido

– Schrecklich behaarte Tiere

– Tiere, deren Bekanntschaft sich als Problem erweist

– Tiere mit Hang zur Selbstdarstellung

– Tiere, die von Brücken kotzen

– Tiere, die von sich behaupten, Mr. Spock zu sein

– Tiere, die immer noch in Schilling zahlen

– Tiere mit brauner Zukunft

– Tiere unter vier Augen

– Klammheimlich entwendete Tiere

– Tiere mit einem geringen Aktionsradius

– Tiere, die wie Austern schmecken

– Aufgespießte Tiere

Übersicht

Der Rote Zar

Das Gesellschaftstier

Der Kleine Hüttengärtner

Die Lebendfalle

Der Wolkenkratzer

Der Gieraffe

Das Honigmaul

Die Randerscheinung

Der Tintenzisch

Das Pazifische Standwiesel

Der Sitzfleischriese

Der Buschmeister

Der Schattenschreck

Der Nadelstreif

Der Gute Heinrich

Der Schlichte Särgling

Der Große Hüttengärtner

Der Achtäugige Schlundegel

Der Küssende Gurami

Der Tuk-Tuk

Die Taf-Taf

Der Sandhechler

Die Kratzbürste

Der Ödlandotter

Das Biest, das dem Begräbnis folgt

Die Kamikatze

Die Piorkowska

Die Neonröhre

Der Moorschlank

Der Berliner Hauer

Die Schrecklich Behaarte Fliege

Das Biest, das Skrupel hat zu töten, wenn man galant nach seiner Mutter fragt (BSM)

Der Glutäugige Schlingel

Der Faserschmeichler

Das Aye-Aye (Fingertier)

Der Bettvorleger

Das Biest, das vor dem Regen herläuft

Der Tagalog

Solche, die das Licht ausmachen und sich nicht umdrehen, wenn die Hunde bellen

Der Vasilisk

Der Gürtelschnalzer

Der Karpatische Stülper

Der Schlitzrüssler

Das Moderlieschen

Der Pigmentlöwe

Der Zierliche Gottfried

Die Drittelmaus

Der Starkstrom

Der Gemeine Wildfang

L’anima spicca (Das Herz einer süßen Frucht, das sich mühelos aus dem Fleisch lösen lässt)

Hüftgold mit Flügeln

|DER ROTE ZAR.

Nonenthratum folioliber

Der Rote Zar war stets ein lebendes Paradoxon: Er liebt (seit jeher) Rotkäppchen über alles, fürchtet allerdings den Erdbeergrouper, Zimtschnecken und Tizians gesammelte Werke. Während des Vietnamkrieges war er ein vorbildlicher Pazifist, spätestens seit dem Golfkrieg macht er sich nichts mehr aus menschlicher Gesellschaft. Das geht so weit, dass er keinem mehr die Hand reicht, er vermeidet jeglichen Augenkontakt und versteckt sich gerne in Tropfsteinhöhlen (oder aufgelassenen Tunnelröhren). Dort leckt er (um sich selbst zu erheitern) den Kalkstein ab, seine Sehkraft lässt dabei allerdings deutlich nach, schon bald fürchtet er sogar den Klang der eigenen Stimme. Urin im Blut wiederum scheint ihm nichts auszumachen. Seine Abendlektüre (Blindenschrift!) besteht aus nachfolgenden Werken: Philosophisch-ökonomische Manuskripte 1844 – die Entfremdungstheorie, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde und Plädoyer für einen zu Unrecht angeklagten Philosophen (allesamt vergriffen).

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Zimtschnecke, männlich, in Drohgebärde (schwedische Abart: Kanelbulle)

Der Rote Zar ernährt sich mit Vorliebe von Marsriegeln; sind keine zur Hand, begnügt er sich mit in Buttermilch eingelegten Rinderhälften. Nach einigen (einschlägigen!) Therapiesitzungen gelangte er zu der Einsicht, seine Flugangst sei lediglich ein „entbehrliches Konstrukt“, eine (ja doch) „ungewollte Schwangerschaft“, deren Ursprung im Fortbestand der Art begründet liegt – ergo: Rote Zaren paaren sich niemals in Aufzügen, auf Bergketten, in Stockoder Hochbetten. Selbstverständlich kam jeder Rote Zar bei seiner Geburt nur knapp mit dem Leben davon …

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