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Hans Moser

Wörterbuch

der Südtiroler

Mundarten

In Zusammenarbeit mit Robert Sedlaczek

Inhalt

Titel

Liebe Leserinnen und Leser,

Hinweise zur Entstehung und zum Gebrauch dieses Wörterbuchs

A

B

C

D

E

F

G

H

I

J

K

L

M

N

O

P

Q

R

S

T

U

V

W

Z

Die Beziehung zwischen Buchstaben und Lauten

Fachausdrücke

Abkürzungen

Verwendete Literatur

Dank

Hans Moser

Zum Autor

Impressum

Weitere E-Books aus dem Haymon Verlag

Liebe Leserinnen und Leser,

2013 erschien im Haymon Verlag „Das Radio Tirol-Wörterbuch der Tiroler Mundarten“, 2014 folgte mit „Da isch’s Glück dahoam. Das Radio Tirol-Mundartlesebuch für Tiroler und andere Menschen“ ein Buch, das verschiedenste Texte in Tiroler Mundarten versammelt. Beide Bücher fanden großen Anklang, und so war schnell klar, dass auch die Südtiroler Mundarten eine Würdigung in Buchform verdienen.

Mit dem „Wörterbuch der Südtiroler Mundarten“ liegt nun sozu­sagen der dritte Teil einer Mundart-Trilogie vor, der die beiden ersten, die ihre Schwerpunkte auf Nord- und Osttirol legen, abrundet und ergänzt. Das Panorama der Dialekte des Tiroler Sprachraums liegt damit in seiner ganzen beeindruckend bunten Vielfalt vor uns.

Um ein möglichst aktuelles Abbild der Südtiroler Mundarten bieten zu können, luden „ORF Südtirol heute“ und die „Dolomiten“ ihre Zuseherinnen und Zuseher bzw. ihre Leserinnen und Leser ein, ihre liebsten Dialektausdrücke, Sprichwörter, Wendungen und Flüche einzusenden – ein Angebot, das mit viel Begeisterung und Engagement wahrgenommen wurde.

Diese Begeisterung bestärkt uns einmal mehr in der Wahrnehmung, dass der Dialekt in den Köpfen seiner Sprecherinnen und Sprecher etwas ist, das ihren täglichen Alltag prägt und bereichert, das ihnen am Herzen liegt, ein Gefühl der Heimatverbundenheit und der Bodenständigkeit vermittelt. Der Dialekt ist unsere eigentliche Muttersprache, jene Sprache, in der wir spontan unsere Gefühle ausdrücken, und erweckt in uns ein Gefühl der Vertrautheit. Außerdem ist er von größter Bedeutung für die regionale Kultur. Aus all diesen Gründen lohnt es sich, in die Erhaltung und Dokumentation der Mundarten Energie und Arbeit zu investieren.

Die Südtiroler Mundarten sind beständig im Wandel, und was in Bewegung ist, ist lebendig – in Geschichten, in Liedern, in E-Mails, in Kurznachrichten, auf dem Postamt oder im Geschäft ebenso wie in der Literatur.

Einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung sowie der Dokumentation dieser Vielfalt und auch zum Schaffen eines speziellen Bewusstseins leisten „ORF“, „Dolomiten“ und der Haymon Verlag in Zusammen­arbeit mit dem Athesia Verlag gemeinsam durch das vorliegende Buch.

Das Ergebnis all dieses Engagements liegt nun in gedruckter Form vor – und wir freuen uns sehr über dieses informative und zugleich herrlich unterhaltsame Wörterbuch. Woher die Wörter kommen, was sie bedeuten, wie sie verwendet werden – all das zeigt das „Wörterbuch der Südtiroler Mundarten“ auf.

Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Schmökern, Lesen, Wiederfinden und Neuentdecken!

Toni Ebner Helmut Krieghofer

Chefredakteur Dolomiten Landesdirektor ORF Tirol

Hinweise zur Entstehung und zum Gebrauch dieses Wörterbuchs

Die Dialekte sind ein Lebensnerv unserer Sprache. Sie lebendig zu halten und sie zu dokumentieren, ist also eine lohnende Aufgabe – und sei es nur deshalb, weil sie einem raschen Wandel ausgesetzt sind. Nicht wenige klagen, dass Wörter, die die Großeltern noch ganz selbstverständlich benutzt und die Eltern noch gekannt haben, von den Kindern nicht mehr verwendet oder nicht einmal mehr verstanden werden. Umgekehrt kennen auch die Dialekte Wortgut, das vor zwei Generationen noch nicht bekannt war.

Damit ist die Zielsetzung dieses Wörterbuches auch schon umschrieben. Es richtet sich an die einheimischen Liebhaberinnen und Liebhaber der Südtiroler Dialekte. Daneben ist es auch für Touristinnen und Touristen bestimmt, die in Südtirol ihren Urlaub verbringen, und für all jene, die sich mit der Sprache befassen, für Neugierige, die auch über die Herkunft der Wörter Bescheid wissen wollen. Außerdem hoffen wir, dass dieses Wörterbuch dann und wann auch für Fachleute nützlich sein wird – für spezielle Fragestellungen rund um die Südtiroler Mundarten.

Wäre dieses Wörterbuch ausschließlich für Fachleute verfasst, dann würde es sich einer Lautschrift bedienen, doch diese wäre für Laien ein Ärgernis. Es würde außerdem die Etymologien der Wörter detailliert begründen, damit sie auch dem kritischen Blick von Fachkolleginnen und -kollegen standhalten können – auch dieses Verfahren wäre dem breiten Lesepublikum nicht zuzumuten.

Es gibt bereits ein wissenschaftlich fundiertes Wörterbuch, das den Anspruch der Vollständigkeit mit der Forderung nach lautlicher Genauigkeit verbindet und bis heute eine unerschöpfliche Fundgrube des gesamttirolischen Wortschatzes ist: das zweibändige „Wörterbuch der Tiroler Mundarten“ von Josef Schatz. Es ist 1955 erschienen, 1993 unverändert nachgedruckt worden und noch heute lieferbar. Dort sind allerdings viele Wörter nur dann aufzufinden, wenn man Vorkenntnisse in der dialektalen Lautgeschichte hat. Die Boaßln bzw. Boaßlbeeren (= Berberitzen) etwa sind nicht unter Boa-, sondern unter Bai- zu finden usw. Außerdem sind die etymologischen Hinweise so formuliert, dass sie für Laien oft nur schwer nachvollziehbar sind.

Neben und nach diesem wissenschaftlichen Grundlagenwerk gibt es inzwischen eine ganze Reihe von regionalen Wörterbüchern für Südtiroler Dialekte, die wir dankbar als Quellen für unsere Wortsammlung benützt haben. An erster Stelle ist das Passeirer Wörterbuch von Harald Haller und Franz Lanthaler zu nennen, das in Vollständigkeit, Genauigkeit der Lautwiedergabe und aufschlussreichen Kontextbelegen alles übertrifft, was uns zum Wortschatz von Tal-Mundarten (nicht nur in Südtirol) bekannt ist. Dankenswerterweise haben uns die Autoren auch die mit vielen Etymologien ergänzte Datei zur Verfügung gestellt, was unsere Arbeit erleichtert und – was die Etymologien anlangt – bereichert hat. Auch das vorzügliche Wörterbuch zum sehr eigenständigen Eggentaler Dialekt hat uns Christian Zelger auf diese Art zugänglich gemacht. Das Gleiche gilt für das Wörterbuch von Elisabeth Christensen zum Dialekt des Pfitschertals, das sich ebenfalls durch ungewöhnliche Reichhaltigkeit und präzise Darstellung der erhobenen Wörter auszeichnet. Auch die übrigen im Literaturteil ausgewiesenen Werke haben wesentlich zur Vervollständigung unserer Sammlung beigetragen.

Wir haben versucht, einen eigenständigen Weg einzuschlagen. Das nun vorliegende Buch soll Ihnen alle elementaren Informationen liefern, die notwendig sind, um ein Wort richtig zu gebrauchen und zu bewerten: wie es ungefähr klingt, wie es grammatisch einzuordnen ist und wie es verwendet wird. Wir geben meistens auch Hinweise darauf, woher es stammt oder stammen könnte, denn wer über die Geschichte eines Wortes Bescheid weiß, kann mehr damit anfangen und bekommt überdies einen Einblick in die manchmal verschlungenen Wege des sprachlichen Wandels. Und wenn wir in einigen Fällen die Herkunft nicht klären konnten, dann scheuen wir uns auch nicht, das zuzugeben.

Gleichzeitig haben wir uns um eine einfache Darstellungsweise und um Benutzerfreundlichkeit bemüht. Sie können sofort in unserem Wörterbuch schmökern, sie brauchen nicht seitenlange Listen mit der Bedeutung von Sonderzeichen und ebenso lange Abkürzungsverzeichnisse zu studieren.

Mit dem kleinen Kreis über dem Buchstaben a sind Sie ja vertraut, damit wird auch in Dialektgedichten und in Texten von Südtiroler Liedern signalisiert, dass der Vokal zwischen a und o anzusiedeln ist, zum Beispiel in den Wörtern ånderthålb und Fåsching. Dieser Laut ist übrigens typisch für den bairisch-österreichischen Dialektraum, zu dem auch Südtirol gehört.

Ein zweites Sonderzeichen ist der Akzent bei Diphthongen. Damit kennzeichnen wir, dass der Hauptakzent auf dem ersten Vokal des Diph­thongs liegt: Blúima, Flóach. Ein Südtiroler wird freilich nie auf die Idee kommen, diese Diphthonge auf dem zweiten Vokal zu betonen, ein Besucher aus Hamburg oder Berlin vielleicht schon.

Damit ist schon fast alles erklärt. Kürze und Länge wird so gekennzeichnet, wie Sie es vom Gebrauch des „Österreichischen Wörter­buchs“ und des „Rechtschreibdudens“ sowie des „Großen Wörter­buchs der deutschen Sprache“ des Dudenverlags gewohnt sind. Betonte Kürze wird durch einen Punkt unter dem Vokal gekennzeichnet, betonte Länge durch einen Strich unter dem Vokal: Bạntl (= kleines Band), Baraber (= Bauarbeiter, Schwerarbeiter), Béarnpråtzn (= Hahnenkammkoralle). Hier sind wir auch schon am Ende der Gebrauchsanweisung.

Wenn Sie sich intensiver mit der Beziehung zwischen Lauten und Buchstaben befassen wollen, dann beachten Sie bitte die Darstellung im Anhang.

Wie ist dieses Wörterbuch erstellt worden? Wir haben uns zunächst das Schatz’sche Wörterbuch und die bestehenden Wörterbücher und Wortsammlungen vorgenommen. In einem zweiten Schritt wurde unser Nordtiroler Wörterbuch unseren Südtiroler Gewährspersonen vorgelegt mit der Bitte, jene Stichwörter und Bedeutungen zu markieren, die ihnen auch aus ihrer Heimatregion vertraut waren. Damit war ein Grundstock gelegt, eine vorläufige Wortsammlung. Diese haben wir nach unseren Darstellungsprinzipien bearbeitet und daraus die einzelnen Wortartikel entwickelt. Das so entstandene Rohmanuskript wurde schließlich wiederum den kundigen Gewährspersonen aus unterschiedlichen Regionen Südtirols vorgelegt, damit sie dieses kritisch prüfen und Korrekturen bzw. Ergänzungen vornehmen. Die Gewährsleute sind Experten auf ihrem Gebiet und haben sich bereits intensiv mit dem Dialekt ihrer Region befasst. Wir sind diesen Gewährsleuten zu großem Dank verpflichtet, ihre Rückmeldungen waren für uns sehr wertvoll. Sie haben uns auf neue Wörter und fehlende Bedeutungen aufmerksam gemacht und dort korrigiert, wo wir falsch lagen oder ungenau waren.

In einem weiteren Arbeitsgang haben wir unsere vorläufige Wortsammlung durch Wörter ergänzt, die aus allen Ecken Südtirols hereingeschneit kamen – „ORF Südtirol heute“ und die „Dolomiten“ hatten entsprechende Aktionen initiiert –, sodass wir hoffen, den spezifischen Wortschatz des Südtiroler Dialekts vollständiger erfasst zu haben als es die verdienstvolle Arbeit von Josef Tscholl („Die Süd­tiroler Mundart in Wortschatz und Struktur“) tun konnte.

Aber gibt es überhaupt „den“ Südtiroler Dialekt? Streng genommen natürlich nicht. Jedes Tal hat seine Besonderheiten – das fängt schon mit den Lauten an: Das Wort Stein zum Beispiel wird im Eisacktal und anderswo als Stoan ausgesprochen, wobei oft (z. B. im Ahrn- und im Sarntal) das n kaum zu hören ist und der vorhergehende Diphthong nasaliert wird. Im Westen des Landes und in den Seitentälern südlich des Brenners heißt es Stuan oder Stu~a. Im oberen Pustertal ist die Lautform Stan üblich, im Eggental findet man die Form Stã. Solche Lautunterschiede gibt es viele.

Was für die Laute gilt, trifft auch auf die Wörter selbst zu. Hagebutten heißen im Nordosten des Landes Dornepfl, im Westen Pfroslen und im Eisacktal südlich von Klausen und im Etschtal Hetschepetsch. Dem Kees als Bezeichnung für den Gletscher im Pustertal entsprechen im übrigen Südtirol Ferner oder Komposita mit Ferner (Eisferner, Schneeferner). Solche Wortgrenzen gibt es immer wieder, manchmal steht auch ein Tal oder ein Bezirk für sich allein da – etwa das Pfitschertal mit den Kapinockn.

Wie geht das Wörterbuch mit den Unterschieden zwischen den Dialekten um? Dort, wo es – wie im Fall der Hagebutte – mehrere Wörter gibt, haben wir alle verzeichnet. Sie finden also einen Artikel Dornepfl ebenso wie Artikel zu Pfroslen und Hetschepetsch. Wenn wir über die Verbreitung eines Worts unsicher waren, haben wir in Klammern die Quelle angegeben (vgl. die Liste S. 361). Wo also beispielsweise Pass. steht, stammt das Wort aus dem Passeirer Wörterbuch und war weder den anderen Wörterbüchern noch unseren Gewährspersonen bekannt. Das schließt zwar nicht aus, dass es außerhalb des Passeiertals Dialekte gibt, in denen das Wort ebenfalls lebt, garantiert aber, dass es im Passeiertal bekannt ist.

Bei Unterschieden in der Lautform sind wir folgendermaßen verfahren: Im Normalfall haben wir an den Anfang der Artikel mehrere Lautvarianten gestellt: beim Substantiv „Stein“ etwa Stoan, Stuan, Stan. Diese Variantenlisten sind nicht vollständig (beim konkreten Beispiel könnte man Varianten ohne das -n, aber mit Nasalierung des vorausgehenden Vokals – also Stõa, Stu~a, Stã – hinzufügen), denn sie sollen lediglich eine Vorstellung davon vermitteln, wie groß die lautliche Streubreite ist. Bei der alphabetischen Einreihung der Artikel gehen wir in der Regel von der Form aus, die der Standardsprache am nächsten kommt oder zumindest weiter verbreitet ist; im genannten Fall ist das Stoan, bei Stuan wird daher auf Stoan verwiesen. In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist Folgendes: die standardsprachlich langen a-Laute in Wörtern wie raten, schlagen, Ader sind in den meisten Südtiroler Dialekten zu o geworden, wir alphabetisieren die genannten Wörter daher als rotn, schlogn, Oder; diese Regelung gilt auch für die Vorsilben ab- und an-.

Welche Wörter wurden aufgenommen? Einfach gesagt: nur jene Wörter, die es in der Standardsprache nicht gibt. Das sind zum Ersten Wörter, die in der Standardsprache eine andere Bezeichnung haben: das Blatenigl z. B. heißt dort Aurikel. Zum Zweiten gibt es Wörter, deren Lautform und Bedeutung den Zusammenhang mit einem standardsprachlichen Wort verdunkelt: Das Dialektwort bleade etwa kommt wie das standardsprachliche Adjektiv blöd aus mhd. blœde (= zaghaft, gebrechlich), hat aber im Dialekt andere Bedeutungen: 1. geschmacklos 2. benommen, kraftlos.

Wörter des Standarddeutschen wie Baum und Haus werden Sie also in unserem Wörterbuch in der Regel nicht finden, sehr wohl aber den Bambecker und Heisl in der Bedeutung Toilette und das Adjektiv heisl (= häuslich, gut wirtschaftend) – übrigens unabhängig davon, ob es ein bestimmtes Wort nur in Südtirol gibt oder ob es auch darüber hinaus verwendet wird: Wörter wie Pfintztag und Pfoat etwa sind im gesamten bairisch-österreichischen Dialektraum heimisch, außerdem ist Südtirol auch ein Teil des noch größeren süddeutschen Dialektraums.

In diesem Wörterbuch sind nicht nur die alten Dialektwörter vermerkt, also jene, die als urtümlich und bodenständig gelten. In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich die Sprachlandschaft verändert, es wurden auch Wörter aus anderen Gebieten importiert, zum Beispiel Hawerer und Sandler aus dem Österreichisch-Wienerischen oder Hidrauliker, Targa aus dem Italienischen. Hätten wir auf diese Wörter verzichtet, wäre das Bild der Südtiroler Sprachlandschaft unvollständig geblieben.

Das Buch verzeichnet außerdem auch Wörter der Standardsprache, die im Dialekt eine zusätzliche Bedeutung haben. Blattl ist die Verkleinerungsform von Blått, wäre also kein Fall für das Wörterbuch, die Blattln sind aber trotzdem aufgenommen, weil sie eine bestimmte Speise bezeichnen.

Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen, Entdecken und Schmökern!