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Kalkül / Unbefleckt

Carl Djerassi

Kalkül / Unbefleckt

Zwei Theaterstücke

aus der Welt der Wissenschaft

Aus dem Amerikanischen von Bettina Arlt.
Vorwort übersetzt von Ursula-Maria Mössner.
Die Aufführungsrechte liegen beim Autor.

© 2003
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7499-5

Satz: Haymon-Verlag
Umschlag: Benno Peter

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Inhalt

Vorwort

Unbefleckt

Kalkül

Über den Autor

Danksagung

Vorwort

Ist „Science-in-Theatre“ Literatur im eigentlichen Sinn? Etwas, das gelesen und nicht nur auf der Bühne gesehen wird? Die Tatsache, dass zwei meiner Theaterstücke dieses Genres, Unbefleckt und Kalkül, nun zusammen in einem kleinen Band erscheinen, beweist wohl, dass ich diese Fragen mit einem klaren Ja beantworte.

Aber was verstehe ich unter „Science-in-Theatre“? Ich meine damit Bühnenwerke, in denen Naturwissenschaft und Naturwissenschaftler nicht primär eine metaphorische Funktion erfüllen – so lobenswert und reizvoll derartige Bemühungen in so wichtigen Theaterstücken wie Stoppards Arkadien oder Dürrenmatts Die Physiker auch sind –, sondern vielmehr im Brennpunkt des Stückes stehen, wie beispielsweise in Frayns Kopenhagen. Meine eigene Definition des Begriffs „Science-in-Theatre“ ist sogar noch enger gefasst, da sie außerdem voraussetzt, dass die geschilderten naturwissenschaftlichen Vorgänge real oder zumindest plausibel sind und dass das Verhalten meiner naturwissenschaftlichen Charaktere insofern authentisch ist, als es ihr Stammesverhalten dokumentiert. Diese selbst auferlegten Einschränkungen gelten auch für die Art von literarischen Prosawerken, der ich mich in den letzten 15 Jahren mit einer Roman-Tetralogie gewidmet habe und die ich als „Science-in-Fiction“ klassifiziere, um sie von dem wesentlich weiter verbreiteten Genre der Science-Fiction zu unterscheiden.

Ist Science-in-Theatre also schlicht Science-in-Fiction, die statt zwischen zwei Buchdeckeln auf der Bühne präsentiert wird? Ich möchte behaupten, dass es dabei um mehr geht. Seit dem Beginn der Aufklärung ist der Dialog aus den schriftlichen Abhandlungen von Naturwissenschaftlern faktisch verschwunden. Dialoge jedoch machen Abhandlungen in entscheidender Hinsicht menschlicher, und da es mein Ziel als Naturwissenschaftler und Schriftsteller ist, die menschlichen Schwächen und Stärken meiner Stammeskultur aufzuzeigen, habe ich mich inzwischen der dialogischsten Form der Literatur zugewandt, nämlich dem Drama.

Und obgleich ich mir natürlich wünsche, dass man meine Theaterstücke auf der Bühne sieht, steht doch fest, dass selbst die beliebtesten Stücke nur hin und wieder und jeweils nur an wenigen Orten aufgeführt werden. Ich bin jedoch überzeugt, dass meine Form der „Science-in-Theatre“ für sich betrachtet auch als eine Geschichte über Naturwissenschaft und Naturwissenschaftler gelesen werden kann, die nur zufällig ausschließlich in Dialogform verfasst wurde. Mein zweites Theaterstück dieses Genres, Oxygen – geschrieben in Zusammenarbeit mit Roald Hoffmann und beendet im Jahre 2000 –, wurde binnen drei Jahren in acht Sprachen übersetzt und in sechs davon in Buchform veröffentlicht. Das zeigt, dass Oxygen viel gelesen wird – ob zur Unterhaltung oder zur Belehrung –, und so hoffe ich, dass dies auch bei dem hier vorliegenden Duo der Fall sein wird.

Unbefleckt beschäftigt sich – wie der Untertitel „Sex im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ andeutet – mit einer wissenschaftlichen Entdeckung, die eine Revolution auf dem Gebiet der menschlichen Fortpflanzung darstellt. Das Stück setzt sich mit einer neuen und umstrittenen Methode der assistierten Reproduktion (ICSI = intracytoplasmatische Spermieninjektion) auseinander, die die bevorstehende Trennung von Sex („im Bett“) und Befruchtung („unter dem Mikroskop“) bis zur letzten Konsequenz zu verfolgen verspricht. Wer das Stück liest oder sieht, wird zwangsläufig die technischen wie auch die moralischen Aspekte dieser neuen IVF-Methode besser einzuschätzen wissen.

Kalkül dagegen beschäftigt sich weniger mit Naturwissenschaft (in diesem Fall mit Mathematik), sondern mit dem sittlichen Verhalten von Naturwissenschaftlern im Rahmen des heftigen Prioritätsstreits zwischen zwei der bedeutendsten europäischen Geistesgrößen, Newton und Leibniz, der sich über drei Jahrzehnte hinzog. Das Stück beleuchtet einen speziellen Aspekt der naturwissenschaftlichen Kultur – den Drang, der Erste zu sein –, der für den in der Forschung tätigen Naturwissenschaftler Antrieb und Gift zugleich ist. Das Stück beweist, dass sich in dieser Hinsicht in den letzten 300 Jahren kaum etwas verändert hat.

Ich glaube, dass die in Unbefleckt und Kalkül behandelten Themen nachdenkenswert und folglich auch lesenswert sind. Warum also nicht in reiner Dialogform?

San Francisco, 1. April 2003

Unbefleckt

Sex im Zeitalter

der technischen Reproduzierbarkeit

Vorbemerkung

Sex im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit

„Die Reproduktionstechnik löst das Reproduzierte aus dem Bereich der Tradition ab.“ (Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 1936)

Die Befruchtung einer weiblichen Eizelle durch einen zeugungsfähigen Mann erfordert bei normalem Geschlechtsverkehr weit mehr als 10 Millionen Spermien – dabei stößt der Mann pro Ejakulat etwa 100 Millionen Spermien aus. Eine erfolgreiche Befruchtung durch ein einzelnes Spermium erscheint völlig unmöglich, wenn man bedenkt, dass ein Mann, der nur 1-3 Millionen Spermien im Ejakulat hat, praktisch zeugungsunfähig ist. Im Jahre 1992 haben Gianpiero Palermo, Hubert Joris, Paul Devroey und André C. Van Steirteghem von der Universität von Brüssel in der Zeitschrift Lancet, 340, 17 (1992) einen sensationellen Artikel veröffentlicht, in dem sie die erfolgreiche Befruchtung einer menschlichen Eizelle durch ein einzelnes Spermium mittels direkter Injektion unter dem Mikroskop und anschließende Rückführung der Eizelle in den weiblichen Uterus bekannt gaben. ICSI – das anerkannte Akronym für „intrazytoplasmatische Spermiuminjektion“ – ist mittlerweile die wirksamste Waffe gegen männliche Unfruchtbarkeit: seit 1992 sind bereits über 100 000 ICSI-Babys auf die Welt gekommen.

So weit die echten Fakten von ICSI. Aber da Unbefleckt ein Theaterstück ist, sind Handlung und Personen – im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Fakten* – frei erfunden, insbesondere die Figur der Dr. Melanie Laidlaw, der Erfinderin von ICSI im Stück. Die moralischen Fragen aber, die ICSI aufwirft, sind authentisch und bleiben auch dann noch relevant, nachdem der Vorhang gefallen ist.

* Der Videofilm, der in Szene 5 den ICSI-Vorgang zeigt, basiert auf einer tatsächlichen Befruchtung, die Dr. Roger A. Pedersen von der University of California, San Francisco, durchgeführt hat, während der Film in Szene 6 den gleichen Vorgang von Dr. Barry R. Behr von der Stanford University durchgeführt zeigt. Standfotos dieses Videofilms (vom Autor erhältlich) sind im Buchtext wiedergegeben.

Personen

Dr. Melanie Laidlaw: Amerikanische Reproduktionsbiologin, in den späten Dreißigern, schlank, sportlich gebaut, mit schönen Beinen (wichtig in Szene 1).

Menachem Dvir: Israelischer Atomingenieur, 40-50, muskulös.

Dr. Felix Frankenthaler: Amerikanischer Kliniker und Infertilitätsspezialist (zwischen Ende 30 und Anfang 50).

Adam: Junger Teenager (im Prolog 17, im Epilog 13 Jahre alt).

Die Handlung spielt in Amerika zwischen 1997 und 1998.

Prolog (im Jahr 2015)

1. Akt, 1. Szene: Mai 1997, Wohnzimmer einer Hotelsuite, während eines wissenschaftlichen Kongresses.

1. Akt, 2. Szene: September 1997, Dr. Melanie Laidlaws Labor in einem amerikanischen Institut für Reproduktionsbiologie und Infertilitätsforschung.

1. Akt, 3. Szene: November 1997, Traumszene in einer Samenbank.

1. Akt, 4. Szene: Januar 1998, gleiche Dekoration wie Szene 1.

1. Akt, 5. Szene: Sonntag, 8. Februar 1998, gleiche Dekoration wie Szene 2.

1. Akt, 6. Szene: Fünf Minuten später, gleiche Dekoration wie vorhergehende Szene.

2. Akt, 7. Szene: September 1998, gleiche Dekoration wie vorhergehende Szene.

2. Akt, 8. Szene: Ein paar Minuten später, Cafeteria des Forschungszentrums.

2. Akt, 9. Szene: Ein paar Minuten später, gleiche Dekoration wie Szene 7.

2. Akt, 10. Szene: Eine Woche später, gleiche Dekoration wie vorhergehende Szene.

2. Akt, 11. Szene: Anfang Dezember 1998, Dr. Melanie Laidlaws Wohnzimmer.

Epilog: Dreizehn Jahre später (2011).

Die E-Mail-Zwischenspiele können (vorzugsweise) in Echtzeit projiziert werden oder als vollständige Texte nach den Szenen 1, 2, 3, 4, 6 und 10. Die E-Mail-Überschriften können wahlweise, zusätzlich zur Projektion, von einer Stimme aus dem Off gesprochen werden.

Prolog

Zeitpunkt: das Jahr 2015

Adam: (nachdenklich, ein bisschen traurig) Ich weiß nicht mehr genau, wann ich zum ersten Mal gehört habe, wie meine Mutter mir ins Ohr geflüstert hat: „Adam, mein süßes ICSI-Baby.“ … Es hörte sich schön an, wie sie „ICSI“ sagte … wie ein Kosename. Und danach hat sie mir immer einen Kuss gegeben.

Dann kann ich mich daran erinnern, dass ich „ICSI“ mal in einem ganz anderen Zusammenhang gehört habe. Und da habe ich es eigentlich nur zufällig mitbekommen. Da hat sie am Telefon von „dem“ ICSI-Baby gesprochen, und das hörte sich gar nicht mehr so niedlich an. (Kurze Pause.) Jedenfalls nicht in meinen Ohren. Der Artikel „das“ statt „mein“ machte das Ganze so distanziert, fast klinisch … als hätte sie mich auf einmal zu einem medizinischen Kuriosum oder Meilenstein in der Geschichte der Medizin degradiert.

Von dem Tag an sah ich mich selbst mit ganz anderen Augen (kurze Pause) … nicht mehr als „Adam“ oder „Sohn“ … sondern als (kurze Pause) „ICSI“.

Erster Akt, Erste Szene

Mai 1997, ein wissenschaftlicher Kongress. Menachem Dvir und Dr. Melanie Laidlaw rekeln sich nach vollbrachtem Liebesakt. Typisch post-koitale Unterhaltung: liebevoll, mit einem Anflug von Schuldgefühl, beinahe kitschig, neugierig und doch vertraulich.

Menachem: (schmiegt sich an sie) Du hast mir also angesehen, dass ich verheiratet bin?

Melanie: Jedenfalls sahst du nicht aus, als wärst du allein stehend. (Kurze Pause.) Dazu hast du irgendwie … (sucht nach den passenden Worten) … nicht unabhängig genug gewirkt. Du hast zwar nicht das typische Brandmal am Finger, aber man konnte spüren, dass da schon jemand Besitz angemeldet hat.

Menachem: Warum hast du mich nicht gefragt … gestern bei der Eröffnung … oder am Abend in der Sauna?

Melanie: Weil ich es gar nicht wissen wollte.

Menachem: Und warum nicht?

Melanie: Wenn ich vorher gewusst hätte, dass du verheiratet bist … ich meine, ganz sicher … dann wäre ich nicht … dann hätte ich das nicht gekonnt …

Menachem: Dann bin ich froh, dass du nicht gefragt hast. Du hast übrigens tolle Beine.

Melanie: Weiß ich. Trotzdem danke.

Menachem: Und so glatt. Als ich deine Beine gestern Abend in der Sauna gesehen habe, da dachte ich gleich: die muss ich anfassen. (Kurze Pause.) Du hattest als Einzige ein Handtuch um.

Melanie: Wir Amerikaner sind züchtiger als die Europäer. Das liegt an unserem puritanischen Erbe … und äußert sich besonders, wenn wir mit Fremden in der Sauna sind.

Menachem: Von wegen puritanisch! Vielleicht zu puritanisch, um sexy zu sein … aber züchtig? Dazu bist du eindeutig zu sinnlich. Und wenn ich die Wahl hätte zwischen sexy und sinnlich, wüsste ich sofort, wofür ich mich entscheiden würde.

Melanie: (schnell) Wer sagt denn, dass du die Wahl hast? (Pause, dann in ernstem Ton:) Glaubst du mir, dass ich so was noch nie gemacht habe?

Menachem: Was meinst du denn mit „so was“?

Melanie: Na ja … ich meine, Geschlechtsverkehr –

Menachem: (grinst) „Geschlechtsverkehr“ – (Er will weitersprechen, aber sie lehnt sich über ihn und hält ihm den Mund zu.)

Melanie: – mit einem Mann zu haben, den ich erst ein paar Stunden vorher kennen gelernt habe; über den ich praktisch nichts weiß, außer dass er ein israelischer Spitzenatomphysiker ist, und –

Menachem: (reißt ihre Hand von seinem Mund und lacht) – aus dem Heiligen Land kommt?

Melanie: Glaubst du mir etwa nicht? Du denkst also, ich mache das regelmäßig, mit Männern einfach so ins Bett hüpfen –

Menachem: Typisch amerikanisch! „Ins Bett hüpfen.“

Melanie: Wie wär’s mit „Ich ficke keine Männer, die ich nicht kenne“?

Menachem: (sanft) Melanie! Ts, ts … Hör auf … (Will ihr seinen Zeigefinger auf die Lippen legen, aber sie beißt hinein.) Aua!

Melanie: Okay … wie würdest du es denn nennen?

Menachem: Mit jemandem schlafen. Oder jemanden „lieben“.

Melanie: Und was machst du lieber?

Menachem: Jemanden lieben.

Melanie: Und haben wir das gerade getan?

Menachem: (sehr sanft) Wir haben miteinander geschlafen … jemanden lieben ist anders. Dazu muss jemand die Initiative ergreifen.

Melanie: Aha … und natürlich wäre mein vor Manneskraft strotzender Israeli gerne derjenige gewesen …

Menachem: (spielt mit ihren Haaren) Nein, stimmt gar nicht … diesmal jedenfalls nicht. (Pause.) Ich glaube, das überlasse ich lieber meiner puritanischen Freundin –

Melanie: (hastig, aber zärtlich) Falls es ein nächstes Mal gibt.

Menachem: Natürlich gibt es ein nächstes Mal … muss es einfach!

Melanie: Meinst du?

Menachem: Du hast doch gesagt, du bist kein Betthüpfer.

Melanie: Glaubst du mir das? Ehrlich? Schwörst du’s?

Menachem: Juden und Schwören?! Aber weil du’s bist, (hebt seine Hand zum Schwur, etwas unbeholfen:) ich glaube dir, ehrlich.

Melanie: Warum eigentlich?

Menachem: Was glaubst du?

Melanie: (schüttelt den Kopf) Nein, sag’s mir … bitte. Für Ratespiele kennen wir uns noch nicht gut genug.

Menachem: Na gut. (Pause.) Ich glaube dir, weil es mir genauso geht.

Melanie: Wirklich? Du hast noch nie mit einer Frau geschlafen, die du kaum gekannt hast?

Menachem: Na ja … (Pause.), jedenfalls nicht mit einer, die ich erst ein paar Stunden vorher kennen gelernt habe.

Melanie: Menachem, ich weiß so wenig über dich.

Menachem: Ich weiß auch nicht mehr über dich … außer dass du Wissenschaftlerin bist … sonst wärst du ja nicht auf dem Kongress.

Melanie: Soll ich dir was von meiner Forschung erzählen?

Menachem: Nein, deine Forschung interessiert mich nicht … Wissenschaft ist nichts zum Verlieben.

Melanie: Also … ich bin nicht verheiratet und habe keine Kinder.

Menachem: Möchtest du Kinder?

Melanie: Uh-huh.

Menachem: Wie alt bist du?

Melanie: Rate mal.

Menachem: (streckt seine Hand aus und tastet ihr Gesicht ab wie ein Blinder) Siebenunddreißig plus-minus sieben Monate.

Melanie: Gar nicht so schlecht. Wie du siehst, hab ich nicht mehr viel Zeit … ich meine, um Kinder zu kriegen. Und du?

Menachem: Ob ich Kinder will? Früher mal. Jetzt nicht mehr.

Melanie: Willst du nicht darüber sprechen?

Menachem: Ich glaube nicht. (Pause.) Frag mich was anderes.

Melanie: Wie alt bist du denn?

Menachem: (flüsternd, gespielte Heimlichkeit) Fast fünfzig. (Lauter:) Jetzt bin ich wieder dran.

Melanie: Schieß los.

Menachem: Wieso bist du eigentlich –

Melanie: – mit dir ins Bett gehüpft? Bloß, weil ich seit dem Tod meines Mannes keinen Sex mehr hatte, heißt das nicht, dass ich keine Lust drauf habe.

Menachem: Das kann ich jederzeit bezeugen.

Melanie: Du sollst nicht glauben, dass ich bloß eine Gelegenheitswitwe bin. (Pause.) Aber als Wissenschaftlerin kenne ich mich genug mit Chemie aus, um eine besondere Reaktion zu erkennen, wenn ich eine sehe – und so was wie mit dir habe ich vorher noch nie erlebt.

Menachem: Stimmt. Das war wirklich wie eine spontane chemische Reaktion zwischen uns.

Melanie: Ich habe „besonders“ gesagt.

Menachem: Ist doch egal!

Melanie: Spontane Reaktionen haben die Tendenz, schnell wieder zu verpuffen … wenn man nicht etwas hinzugibt.

Menachem: Was zum Beispiel?

Melanie: Ein Chemiker würde sagen, man braucht zusätzliche Reagenzien … oder einen Katalysator.

Menachem: Was für einen Katalysator?

Melanie: Weiß ich noch nicht. Die Reaktion ist ja noch nicht verpufft, sie brodelt noch.

Menachem: Ja, und nur weil ich dir in der Sauna nicht sofort gesagt habe, dass ich verheiratet bin. Aber jetzt weißt du alles.

Melanie: Alles? (Lange Pause, während der sie Menachems Blick meidet.) Das Wort gibt es für einen Wissenschaftler nicht. Man kann niemals alles wissen. Aber man kann genug Wissen zusammentragen, um sicher zu sein, dass es nicht mehr lohnt weiterzusuchen.

Er will sprechen, aber sie küsst ihn auf den Mund und beugt sich über ihn; verführerisch, erotisch und langsam.

Melanie: Diesmal … lieben wir uns richtig.

E-Mail-Zwischenspiel

From: <mlaid@worldnet.att.com>

To: <mdvir@alpha.netvision.net.il>

Subject: Kontakt

Date: Samstag, 24. Mai 1997 08:51:59

Lieber M,

da du mir deine E-Mail-Adresse gegeben hast: Kann ich davon ausgehen, dass niemand anderer deine Post liest?

From: <mdvir@alpha.netvision.net.il>

To: <mlaid@worldnet.att.com>

Subject: Privatsphäre

Date: Sonntag, 25. Mai 1997 10:11:34

Keiner außer mir.

M.

From: <mlaid@worldnet.att.com>

To: <mdvir@alpha.netvision.net.il>

Subject: Erklärung für die Tränen

Date: Freitag, 30. Mai 1997 21:01:45

Mein lieber Menachem,

nach unserer ersten Nacht in Österreich – wohlgemerkt meine erste Nacht mit einem praktisch Fremden – dachte ich: Liebe mit Fremden ist einfach und nett, man fragt nicht, man prahlt nicht, man liegt nur im Bett. Aber in der letzten Nacht warst du kein Fremder mehr für mich und mir war klar, dass mein Spruch nicht viel taugt.

Du hast zwar geschrieben, aber so wenig! Schreib doch mal mehr.

Melanie

Zweite Szene

September 1997, Dr. Melanie Laidlaws biologisches Labor für Reproduktion an einem amerikanischen Forschungszentrum für Infertilität. Scheinwerfer auf zwei Hocker und einen Labortisch, der übersät ist mit typischen Bio-Labor-Utensilien: zum Beispiel Petrischalen, Pipettenspender, Gestell mit kleinen Röhrchen, eventuell eine Tischzentrifuge. Unbedingt notwendig ist lediglich ein großes Mikroskop mit Doppelokular, das im Laufe der folgenden Szenen zum Schlüsselobjekt wird. Insgesamt wirkt das Labor eher unordentlich. Frankenthaler sitzt Melanie gegenüber auf einem Laborhocker.

Melanie: Danke, dass du gekommen bist. Ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, wo ich wissenschaftliche Unterstützung brauche. Z. B. jemanden wie den berühmten Spitzenkliniker Dr. Felix Frankenthaler.

Frankenthaler: Was heißt hier „z. B. jemanden“ wie mich? Als du das erste Mal auf mich zugekommen bist, klang es so, als sei ich unentbehrlich.

Melanie: Ich dachte, Schmeicheleien könnten nicht schaden.

Frankenthaler: Da ist was dran.

Melanie: Natürlich bist du was Besonderes: ein Spezialist für Infertilität mit eigener Praxis … deswegen hab ich dich ja gefragt. Außerdem bist du stets auf dem neuesten Stand der Grundlagenforschung … (verschmitzt) und bastelst nebenbei auch noch im Labor herum. Auf jeden Fall bringt jeder von uns etwas mit, das der andere nicht hat … (Kurze Pause.) Und vergiss nicht: Deine Klinik ist eine der besten im ganzen Land.

Frankenthaler: Du weißt das … ich weiß das … aber wer sonst noch? Wenn du mit deiner Arbeit den Durchbruch schaffst, dann ist eine Veröffentlichung mehr wert als alle zeugungsunfähigen Patienten, denen ich jemals in meinem Leben zur Vaterschaft verhelfen werde.

Melanie: Du machst mich ganz verlegen.

Frankenthaler: Das war nicht meine Absicht. Ich will dir nur erklären, warum ich dein Angebot so schnell angenommen habe. (Kurze Pause.) Wie weit bist du denn mittlerweile?

Melanie: Noch ein paar Monate, und ich bin so weit, eine menschliche Eizelle durch Injektion eines einzelnen Spermiums zu befruchten.

Frankenthaler: Intrazytoplasmatische Spermiuminjektion (Pause) … ICSI. Wenn alles klappt, kannst du die Abkürzung demnächst im Lexikon nachschlagen! Aber warum probierst du es nach den erfolgreichen Hamstereierversuchen nicht erst mal an anderen Tieren aus? Du hast doch keine Eile!

Melanie: Schließlich beschäftige ich mich mit menschlicher Reproduktion und Infertilität. (Kurze Pause.) Wenn deine Patienten wüssten, woran ich hier arbeite, würden sie mir die Tür einrennen. Die ganzen Männer mit zu geringer Spermienanzahl in der Samenflüssigkeit, die auf dem üblichen Weg niemals Väter werden können.

Frankenthaler: Alles, was meine Patienten wollen, ist eine Eizelle befruchten. Ob das nun unter dem Mikroskop passiert oder im Bett, ist ihnen völlig egal … solange es ihr eigenes Sperma ist.

Melanie: Du bist auf männliche Infertilität spezialisiert. Das ist schließlich dein Beruf. Aber ist dir auch klar, was das für die Frauen bedeutet?

Frankenthaler: Klar! Falls es dir entgangen ist: Ich behandle männliche Zeugungsunfähigkeit, um Frauen schwanger zu machen.

Melanie: (belustigt) Felix, du hast dich nicht im Geringsten verändert. Du bist ein erstklassiger Arzt … (Pause.)

Frankenthaler: (witzelnd) Aber … aber … aber? Raus damit!

Melanie: Aber … du siehst immer alles durch die rosarote Testosteron-Brille.

Frankenthaler: (immer noch liebevoll neckend) Und wie lautet die Östrogen-Ansicht meiner Kollegin?

Melanie: Was ICSI betrifft, ist die Sache ganz einfach – das hat nichts mit Östrogen zu tun, da musst du deine Brille nur richtig putzen.

Frankenthaler: Ach ja?

Melanie: Wahrscheinlich kann ich deshalb auch weiter sehen als du. (Kurze Pause.) Mit ICSI könnten wir endlich die biologische Uhr überlisten. Und wenn das klappt, dann betrifft das weitaus mehr Frauen, als es überhaupt zeugungsunfähige Männer gibt. (Grinst.) Und ich werde berühmt. (Kurze Pause.) Wir werden berühmt.

Frankenthaler: (ernst, beinahe misstrauisch) Klar werden wir berühmt … weltberühmt … aber nur, falls die erste ICSI-Befruchtung erfolgreich ist … und falls ein gesundes Baby zur Welt kommt. Aber was hat das alles mit der (leicht sarkastisch) „biologischen Uhr“ zu tun?

Melanie: (lehnt sich nach vorne, aufgeregt) Felix, bei deinen In-vitro-Verfahren ist es doch durchaus üblich, Embryos monate- oder sogar jahrelang einzufrieren, bevor sie einer Frau eingesetzt werden.

Frankenthaler: Ja und?

Melanie: Und stell dir dasselbe mit gefrorenen Eizellen vor.

Frankenthaler: (ungeduldig) Ich weiß, was mit gefrorenen Eizellen passiert … wenn man sie auftaut, funktioniert die künstliche Befruchtung nur hie und da. Und willst du auch wissen, warum?

Melanie: Das spielt doch jetzt überhaupt keine Rolle mehr! Ich will ja keine herkömmliche künstliche Befruchtung durchführen … wo ein Haufen Spermien auf eine Eizelle losgelassen werden und sich selber durch ihren natürlichen Schutzwall hindurchkämpfen müssen. (Pause.) Wir werden direkt in das Innere der Eizelle injizieren. (Pause.) Und wenn ICSI bei menschlichen Eizellen funktioniert –

Frankenthaler: Was bisher noch keinesfalls erwiesen ist …

Melanie: (wird langsam gereizt) Felix … du wiederholst dich. Die Frage ist nicht „ob“, sondern „wann“! Und der Zeitpunkt ist jetzt gekommen. Keine Hamster mehr … und auch keine anderen Tiere … jetzt wird es ernst.

Sie geht zum Mikroskop hinüber.

Frankenthaler: Melanie, du solltest nichts überstürzen. (Kurze Pause.) Wenn du versagst, wirst du auch nicht berühmt.

Melanie: Mir geht es bei ICSI nicht um Ruhm … sondern um Mutterschaft.

Frankenthaler: Wessen Mutterschaft?

Melanie: Mutterschaft ganz allgemein. Denk doch mal an all die Frauen … meistens berufstätige … die das Kinderkriegen verschieben, bis sie Ende 30 oder sogar Anfang 40 sind. Zu dem Zeitpunkt ist die Qualität ihrer Eizellen … ihrer eigenen Eizellen … nicht mehr so, wie sie zehn Jahre vorher war. (Wird immer nachdrücklicher.) Mit ICSI könnten solche Frauen auf ihr Sparkonto von gefrorenen jungen Eizellen zurückgreifen und somit eine weitaus bessere Aussicht auf eine normale Schwangerschaft in ihrem späteren Leben haben. Und ich denke dabei nicht an Spendereier.

Frankenthaler: In ihrem späteren Leben? (Pause.) Heißt das, über die Wechseljahre hinaus?

Melanie: Du machst doch auch aus Männern in den Fünfzigern noch erfolgreiche Spender –

Frankenthaler: Warum also nicht auch Frauen! Ist das dein Ernst?

Melanie: Ich sehe nicht ein, warum Frauen diese Möglichkeit nicht haben sollten … wenigstens unter bestimmten Umständen.

Frankenthaler: Tja, wenn das funktioniert … dann wirst du nicht nur berühmt … sondern berüchtigt.

Melanie: Darauf lasse ich’s ankommen. Und den Ruhm teile ich mit dir.

Frankenthaler: (besänftigt) Na gut … Dann hätten wir also eine neue Befruchtungsmethode.

Melanie: Warum denken wir nicht weiter und gehen sofort von einem umfassenderen Anwendungsbegriff von ICSI aus? Ich bin davon überzeugt, dass eines Tages – vielleicht in dreißig Jahren oder sogar früher – Sex und Befruchtung völlig getrennt voneinander sein werden. Sex hat dann nur noch mit Liebe und Lust zu tun –