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Hans Karl Peterlini

100 Jahre Südtirol

Geschichte eines jungen Landes

Inhalt

Titel

Vorwort

Erben des Krieges

Wie Südtirol entstand

Rote Soße und bittere Zeiten

Im Griff der Diktatur

Zwischen den Ideologien

Heim ins Reich des Nichts

„Befreiung“ als Trauma

Ein schwankender Neuanfang

Hoffnung Selbstbestimmung

Pokerpartie um die „Provinz“

Aufbruchsstimmung und „Todesmarsch“

Wende in der Volkspartei

Glanz und Schatten von Sigmundskron

Ein Land brennt

Von der Feuernacht zum Mailänder Prozess

Verhandlungen im Kugelhagel

Brüche und Aufbrüche

Die neue Leichtigkeit des Südtiroler-Seins

Lehrjahre der Autonomie

Ein Tirol mit zwei Gesichtern

Vom Wechsel der Zeiten

Die Erntezeit der Autonomie

Grenzen eines Traumes

Dank

Literaturhinweise

Bildnachweis

Hans Karl Peterlini

Zum Autor

Impressum

Weitere E-Books aus dem Haymon Verlag

Vorwort

Hundert Jahre auf und ab

Wann beginnt die Geschichte eines Landes? Wie und woran machen wir sie fest? An den offiziellen Gründungsakten in demokratischen Zeiten? Am Emporkommen einer Dynastie? An Landkauf oder Landraub? Oder, was wohl das Sinnvollste wäre, an der Herausbildung einer Gemeinschaft? So könnte die Geschichte Südtirols, dieses an die Südseite der Alpen geduckten Herrgottswinkels, vor vielen tausend Jahren beginnen oder 1248 mit Albert III., der aber nicht der erste, sondern genau genommen der letzte Graf von Tirol war, obwohl mit seinem Landgewinn durch geschickte Verheiratung seiner Töchter häufig die Geburt Tirols verknüpft wird, Tirols wohlgemerkt, denn die Entstehung Südtirols ist wieder ein Stück weit komplizierter. Das Gebiet, das heute Südtirol oder – verwaltungssprachlich – die Autonome Provinz Bozen ausmacht, ist ebenso wie andere Gebiete in seiner politischen Abgrenzung ein Kind von Zufall, Zusammenstößen, Zusammenführungen, schließlich von Zerreißung; ein Stück dieses Landes oder auch das ganze könnte, bei anderem Ausgang der einen oder anderen Schlacht, der einen oder anderen fürstlichen Heiratsaffäre, durchaus auch bei der Schweiz oder bei Slowenien sein, oder ein Ausläufer Frankreichs oder kulturell unsichtbar gemacht bei Italien oder doch wieder bei Österreich – die Geschichte hat ihre Launen. Wenn wir sie nachträglich nach ihrem Sinn befragen, ist es in etwa so, wie wenn ein Ziegelstein vom Dach geworfen und hinterher eine Logik darin gesucht wird, warum einige Teile beisammenliegen, einige ganz geblieben sind und andere weitum in der Gegend verstreut sind. Die Ziegelsteinkarte, die da abgebildet auf dem Boden entsteht, ist eine Wirklichkeit, zu der es unendlich viele andere Möglichkeiten gegeben hätte.

Historische Erzählungen, die das heutige Land Südtirol in seiner langen Genesis von den Menschen vor Ötzi bis in die Gegenwart begleiten, können somit bei den großen Aufbrüchen der Erde, tektonischen Verschiebungen, beim Rückzug des Meeres und dem Vordringen des Eises, bei den ersten Besiedlungen und allmählichen Zu- und Durchwanderungen beginnen und langsam den Faden bis in die Gegenwart verfolgen. Sie werden erst ganz spät, in den Schlusskapiteln sozusagen, von Südtirol reden können. Bis dahin wird allmählich von einer Kulturgemeinschaft diesseits und jenseits des Alpenhauptkammes die Rede sein, von römischen Provinzen, die irgendwie diesen Raum abdecken, dann von wechselnden Grafschaften, Vogteien, kirchlichen Lehen, schließlich von Tirol als „Gefürstete Grafschaft“. In gekonnter Spannung zwischen wissenschaftlicher Gültigkeit und angenehm lesbarer Sprache hat Michael Forcher für den von ihm gegründeten Haymon Verlag diese Arbeit für Tirol schon vor vielen Jahren geleistet. Sein Klassiker „Tirols Geschichte in Wort und Bild“ führt die vielen Einzelstudien von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in einer durchgehenden Erzählform zusammen, angereichert durch Forchers eigene Forschungen und seine Liebe fürs Detail. Dieselbe Arbeit zur weiterhin gemeinsamen Tiroler Geschichte, aber mit einem speziellen Blick auf das Gebiet südlich des Brenners war Forcher erst vor zwei Jahren zu leisten bereit – bis dahin wehrte er sich dagegen, dass man eine „Geschichte Südtirols“ schreiben könne. Der gewählte Titel „Südtirol in Geschichte und Gegenwart“ weist subtil auf dieses Dilemma hin: nicht die „Geschichte Südtirols“ wird erzählt, sondern jene Geschichte, die sich über Jahrtausende und Jahrhunderte in diesem Gebiet hier abspielte. Mir war Ehre und Herausforderung beschieden, in diesem Werk die Zeit ab 1945 zu behandeln, gewissermaßen die jüngste Geschichte des heutigen Südtirol bis in die Gegenwart.

Damals entstand die Idee zu diesem nun vorliegenden Buch, aus dem Gefühl heraus, dass es neben dem weitgespannten Bogen über Jahrtausende hinweg auch ein Bedürfnis für einen engeren zeitlichen Fokus gibt – eine dichte Erzählung der jüngeren Zeit, jener Zeit, in der Südtirol wirklich Südtirol wird, nicht mehr Teil Tirols ist, sich auf dem Weg befindet zur Autonomen Provinz Bozen. Auch dazu gibt es schon Vorarbeiten, gründliche Aufarbeitungen, breiteste Schilderungen – von der umfangreichen „Chronik des 20. Jahrhunderts in Südtirol“, herausgegeben von Gottfried Solderer, über spezifische Ausleuchtungen dramatischer Höhepunkte und herausragender Persönlichkeiten der Südtiroler Geschichte bis hin zu den vielfältigen Editionen von Rolf Steininger. Was noch fehlt, ist eine kompakte, zusammenschauende, aber auch reflektierende Aufarbeitung der jüngsten Geschichte, die uns bis in die Gegenwart nachweht – als Verständnishilfe für das, was war, als Orientierung für das, was ist, und vielleicht auch für das, was kommen könnte. In einem Kommentar für die vom Südtiroler Landesarchiv sorgfältig und erfrischend edierte Zeitschrift „Geschichte und Region/Storia e regione“ hat jüngst Hans Heiss als einer der feinfühligsten Wahrnehmer unserer jüngeren Geschichte eine solche Gesamterzählung des neuen Südtirol vermisst und gewünscht. Dass er mir diesen Beitrag freundschaftlich noch vor der Publikation zukommen ließ, habe ich als unausgesprochene Aufforderung, jedenfalls aber als Herausforderung betrachtet.

„100 Jahre Südtirol“ ist ein gleich metaphorisch anklingender wie kalendermäßig willkürlicher Titel. Damit wären wir wieder bei der Frage: Wann beginnt die Geschichte eines Landes? Streng genommen kann vom heutigen Südtirol erst mit dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918, noch strenger genommen mit den Annexionsprozeduren 1919/1920 die Rede sein; aber dieses Ende eines Krieges, das für Südtirol einen Anfang darstellt, lässt sich nicht erzählen, ohne den Krieg zu erzählen, ohne ein Zurückleuchten, wie dieser Krieg seinen Anfang nahm, welche deutsch-italienische Nationalismen darin ausbrachen, die das lange Miteinander von Welsch- und Deutschtirol zerstörten. Die Grenze, die 1918–1920 durch das alte Tirol gezogen wurde, zog sich – wenn auch mit anderem Verlauf – geistig schon in den Jahrzehnten davor mit zunehmender Schärfe durch die lange sprachgruppenübergreifende Einheit Tirols von Borghetto südlich von Rovereto bis Kufstein im heutigen Bundesland Tirol. So sind die „100 Jahre Südtirol“ bewusst mit einer gewissen Unschärfe gesetzt, hundert Jahre als eine lange Zeit, in der sich Generationen abwechselten, die mittlerweile durch eine gemeinsame Landesgeschichte verbunden sind – sie können mit 1914 beginnen, als der Krieg ausbricht, mit 1915, als Südtirols Zugehörigkeit zu Italien mit dem Geheimvertrag von London letztlich vorentschieden wird, es sei denn, Österreich hätte den Krieg gewonnen, sie können etwas früher, etwas später beginnen, diese hundert Jahre Landwerdung. Sie möchten zum Ausdruck bringen: In der Zeitspanne eines langen Menschenlebens hat sich in diesem kleinen Raum entscheidendes verändert, und wir – die am Ende dieser hundert Jahre leben – haben vielleicht erstmals ausreichend Distanz gewonnen, um besonnen und nachdenklich darauf zurückzublicken. Manches aus diesen hundert Jahren schmerzt bis in die Gegenwart, manches ist nicht ausreichend betrauert und nicht ausreichend eingestanden worden, an manchem wird krampfhaft festgehalten, obwohl es der Geschichte übergeben gehört, manches ist aber auch geheilt und geglückt, fast ein Wunder, wenn an das Schicksal der allermeisten anderen Minderheiten in Europa nach den zwei fürchterlichen Kriegen gedacht wird, wenn bedacht wird, wie sich ein „Volk in Not“ aus dramatischen Umständen eine neue Zukunft eingerichtet hat.

So sind hundert Jahre Südtirol ein wenig wie hundert Jahre Leben, in einem kleinen Land, das durch Unglück zum Land wurde, aber darin auch viel Glück hatte. Gewidmet den künftigen Generationen, zu denen auch meine Kinder Julia, Nathanael, Rahel und Ruben gehören.

Hans Karl Peterlini
Bozen, September 2012

Erben des Krieges

Nationalismus und Kriegstrauma an der Wiege des neuen Südtirol – Vom Londoner Geheimvertrag zum Ende der Donaumonarchie

Südtirol ist ein Kriegskind. So steht am Beginn der Geschichte eines Landes, wie es sich in seiner Gegenwart begreift, eine traumatische Erfahrung, die Zukunftsvorstellungen, Sicherheiten, Existenzgrundlagen hinwegriss und die Menschen vor völlig veränderte Lebensbedingungen und politische Perspektiven stellte. „Dies ist das Ende, ein Ende mit Schrecken“, schilderte die Tageszeitung „Der Tiroler“ am 8. November 1918 die Lage in Bozen. Ein Anfang, der den Schrecken beenden könnte, war damals wohl schwer zu sehen.

Das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete den Zusammenbruch der Donaumonarchie, der Tirol – mit dem italienischen Welschtirol von Salurn bis Borghetto, mit dem heutigen Südtirol, den ladinischen Tälern im Trentino und in Belluno, dem heutigen Nord- und Osttirol – über Jahrhunderte angehört hatte. Risse hatten sich in dieser Einheit schon lange früher angekündigt. Waren 1809 in den legendären Freiheitskämpfen der Tiroler gegen die napoleonischen Truppen welsche, ladinische und deutsche Schützen noch gemeinsam für ihr Ideal von „Gott, Kaiser und Vaterland“ ausgerückt, entwickelten sich vor allem Deutsch- und Welschtirol ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zusehends auseinander. Die bürgerlichen Revolutionen von 1848, in denen Bedürfnisse nach mehr Freiheit vom erwachenden nationalsprachlichen Bewusstsein beflügelt wurden, lösten in Welsch- und Deutschtirol völlig unterschiedliche Stimmungen aus. Während etwa der Pustertaler Kreishauptmann Johann Jakob Staffler 1848 beklagte, dass „der böse Geist des Trotzes und der Zuchtlosigkeit“ um sich greife und überall das „unsinnige Geschrei“ von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zu hören sei, versuchte eine liberale Elite in Trient die Stimmung für den Anschluss Welschtirols an die Lombardei zu nützen, die zwar damals auch noch österreichisch war, aber ein nationalsprachlich homogenes und wirtschaftlich starkes Gebiet darstellte. Als die Truppen um Giuseppe Garibaldi, beseelt vom nationalen Gedanken einer italienischen Einheit, gegen die österreichischen Grenzen vordrangen, marschierten Deutschtiroler Studenten und Schützen Schulter an Schulter an die Südfront, obwohl die Studenten vom nationalfreiheitlichen (allerdings deutschen) Geist durchaus inspiriert und begeistert waren, während die Schützen treu zum Kaiser standen.

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Symbolbild einer Entzweiung: In Bozen wurde am 15. September 1889 das Denkmal an Walther von der Vogelweide auch im Sinne des erstarkenden deutschen Nationalgedankens enthüllt; die Errichtung des Dante-Denkmals in Trient wurde umgekehrt in Deutschtirol als Provokation empfunden.

In Welschtirol war die Lage weniger eindeutig. Breite Bevölkerungskreise identifizierten sich noch mit der Monarchie, aber intellektuelle und auch aufgeschlossene kirchliche Kreise orientierten sich zunehmend an Italien. Verhärtungen, Unfrieden, sich aufschaukelnde Nationalismen auch innerhalb des alten Tirol waren Vorboten des späteren Auseinanderbrechens: Welschtirol begehrte nach mehr Autonomie und einem Aufschwung aus seinem Hinterland-Dasein am Rande der Monarchie, maßgebliche und zunehmend nationalistische Kräfte in Deutschtirol stellten sich dagegen. Die Hundertjahrfeiern 1909 im Gedenken an 1809 standen im Zeichen einer deutschpatriotischen Mobilisierung und eines inneren Abrückens Welschtirols von der Monarchie. Der Krieg warf zu diesem Zeitpunkt schon seine Schatten voraus.

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Die verregnete Enthüllungsfeier für das Dante-Denkmal in Trient am 11. Oktober 1896.

Die Schüsse von Sarajewo, mit denen der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand erschossen wurde, trafen mitten in ein Pulverfass, sie entfesselten die nur mühsam mit Allianzen, Angriffs- und Nichtangriffspakten zurückgehaltene Kriegsbereitschaft. Die Kriegserklärung Österreichs an Serbien vom 28. Juli 1914 ist auch im Lichte der Machtkämpfe zwischen Deutschland-Österreich auf der einen, Russland-Frankreich und Großbritannien auf der anderen Seite zu sehen. Nur so konnte sie jene Kettenreaktion auslösen, an deren Ende Europa in einem bis dahin beispiellosen Krieg stand. Für Tirol eine besondere Rolle spielte das schwierige Verhältnis Österreichs zu Italien, das erst 1861 aus dem Königreich Sardinien-Piemont hervorgegangen war und seine junge nationale Identität gerade an den Unabhängigkeitskriegen um die von Österreich beherrschten oberitalienischen Gebiete aufgerichtet hatte, besonders durch die Eroberung von Piemont 1858 und Mailand 1859 als wichtigste Schritte zur Einigung Italiens. Ein früher Aufstand gegen Österreich war schon 1848 geglückt, aber noch von kurzer Dauer gewesen. Der aus Mailand vertriebene Feldmarschall Radetzky holte sich das Gebiet nach drei Monaten wieder zurück. 1866 konnte Österreich Venetien und Friaul zwar noch verteidigen, musste beide Gebiete aber wegen seiner Niederlage gegen Preußen abtreten, das mit Italien verbündet war. 1870 eroberte Italien auch Rom und drängte den Kirchenstaat zurück, die italienische Einigung war nahezu vollendet – bis auf die zwei letzten „unerlösten“ Gebiete von Trient und Triest, der „terra irredenta“.

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Mit dem Kriegseintritt Italiens rückten Tirols Außengrenzen mit einem Schlag an die Frontlinie, ein erbitterter Gebirgskrieg begann.

Der italienische Irredentismus trachtete allerdings zunehmend nicht nur nach dem italienischen Teil Tirols, dem damaligen „Südtirol“ und heutigen Trentino, sondern nach dem gesamten Gebiet südlich des Brenners, also einschließlich des südlichen Deutschtirol. Daran änderte auch eine eher strategische Aussöhnung in der österreichisch-italienischen „Erbfeindschaft“ (Claus Gatterer) nichts, als das Königreich Italien 1882 in den Dreibund mit Österreich und Deutschland eintrat. Die formale Aussöhnung blieb ein von der Bevölkerung wenig gefühlter und daher leicht zu kündigender Pakt. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnte Italien die Gunst der Stunde nützen. Streng juridisch war es vom Dreibund nur im Falle eines Verteidigungskrieges seiner Partner zur Solidarität verpflichtet, nicht aber bei Angriffskriegen. So erklärte sich Italien zunächst neutral und begann zugleich, mit beiden Seiten zu verhandeln. Von Österreich forderte es Triest, Istrien und Welschtirol, was Kaiser Franz Joseph I. zunächst strikt ablehnte. Erst mit zunehmender Propaganda Italiens für einen Eintritt in den Krieg gegen Österreich lockerte sich diese Position. Im Frühjahr 1915 signalisierte Wien, „Tirol soweit es italienischer Nationalität ist“ abtreten zu wollen. Zu spät: Italien hatte für den Fall seines Kriegseintrittes an der Seite von Frankreich, Großbritannien, Russland (Entente) weitergehende Zusagen erhalten. Mit dem Londoner Geheimvertrag vom 26. April 1915 wurden Italien die Gebiete von Triest mit der Halbinsel Istrien und „ganz Südtirol bis zu seiner natürlichen Grenze, als welche der Brenner anzusehen ist“, zugesprochen. Unmittelbar darauf, am 4. Mai 1915, kündigte Italien den Dreibund, am 23. Mai erklärte es seinem Eben-noch-Bundespartner Österreich den Krieg.

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Abmarsch in den Krieg, im Bild ein Standschützen-bataillon aus Meran am 20. Mai 1915.

Damit lag Tirol mit einem Schlag unmittelbar an einer nahezu schutzlosen Front. Das österreichische Militärkommando hatte auf das Landlibell von 1511, das den Tirolern die Verteidigung ihres Landes anvertraute und dafür den Kriegsdienst außerhalb des Landes ersparte, längst vergessen – eine Laune der Tiroler Geschichte, wenn bedacht wird, dass dieses Prinzip einer der Gründe war, warum sich Tirol 1809 gegen die napoleonisch-bayrische Besatzung erhoben hatte. Die wehrpflichtigen Männer Tirols waren schon an die Ostfront eingezogen worden, einschließlich der Kaiserjägerregimenter, der Landesschützen und der als Reserve gedachten Landsturmregimenter. Warnungen der Landeshauptleute von Tirol und Vorarlberg waren in den Wind geschlagen worden. Die Landesverteidigung, zentrales Motiv der Tiroler Identität unter Altösterreich, oblag nun jungen Burschen und alten Männern, die zu einer Verteidigungstruppe von rund 30.000 Mann zusammengetrommelt und an die südlichen Außenposten der Monarchie geschickt wurden. Zu Hilfe eilte ihnen – eine weitere Laune der Geschichte – ein Hilfskorps aus Bayern, dem einstigen Feindland. Auftrag der 13 Bataillone des deutschen und weitgehend bayrischen „Alpenkorps“ war es, die Linie am Inn zu halten, das Gebiet südlich des Brenners schien offenbar schon verloren. Trotzdem konnte das gemeinsame Aufgebot den von italienischer Seite erhofften „Spaziergang nach Innsbruck“ schon an den Südgrenzen Tirols so lange stoppen, bis die Kaiserjäger und Landesschützen aus Serbien und Russland zurückkehrten und die Landesverteidigung übernahmen. Unterstützt wurden sie von Heeresverbänden der k. u. k. Armee.

Der Krieg „in Fels und Eis“, wie er mythisch verklärt wird, war grausam. Die Soldaten der beiden Heere standen sich in einem verbissenen Stellungskrieg unter extremen Bedingungen gegenüber, in ausgesetzter Höhe und bitterer Kälte mit dürftigster Ausrüstung und beeinträchtigter Versorgung. Außer jenen Gebieten, die im ersten italienischen Ansturm nicht verteidigt werden konnten, wie vor allem Ampezzo, wurde kein Meter Boden preisgegeben. Der Preis dafür war auf beiden Seiten unvorstellbar hoch. Besonders umkämpft war die östlich gelegene Isonzofront, allein die vierte von zwölf Isonzoschlachten kostete die italienischen Truppen 120.000, die k. u. k. Armee 70.000 Tote. Ausdruck der Technisierung des Krieges, wie es vorher nicht vorstellbar war, ist der Minenkrieg im Gebirge, vor allem am Monte Piano nördlich von Ampezzo, in den Toblacher und Sextener Dolomiten und im Gebirgsstock des Pasubio östlich von Rovereto. Durch unterirdische Stollen wurde versucht, zum Feindeslager vorzudringen und diesen durch Sprengungen zu treffen, abgesprengte Felsvorsprünge und Bergkuppen, am Pasubio sogar die gesamte Felsplatte auf italienischer Seite, wurden vielfach zum Massengrab. Trotzdem veränderte sich die Frontlinie kaum, erst in der letzten Isonzoschlacht bei Caporetto gelang den Österreichern im Oktober 1917 ein unerwarteter Durchbruch bis zum Piave.

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Der häufig heroisierend dargestellte Krieg „in Fels und Eis“ war eine Material- und Menschenschlacht unter extremen Bedingungen.

Wohl im Zeichen des Krieges und der vermeintlichen gewonnenen Oberhand ist eine Proklamation des Tiroler Volksbundes vom 9. März 1918 in Sterzing zu verstehen. Zugleich zeigt sich darin, wie national verhärtet das einst supranationale „Tirolertum“ mittlerweile verstanden wurde, erodiert in Jahrzehnten der sich aufschaukelnden Nationalismen, zerstört vom Krieg: Der Volksbund forderte eine Berichtigung der österreichischen Grenzen, indem diese wieder in die Lombardei, ins Veneto und ins Friaul verlegt würden, eine stärkere Allianz Österreich-Deutschland, die Einführung von Deutsch als Staatssprache für die gesamte Monarchie, die Zurückweisung von tschechischen und slawischen Staatsgründungsplänen, die Unteilbarkeit Tirols von Kufstein bis zur Veroneser Klause, die Bekämpfung des Irredentismus durch Stärkung des Deutschtums, Ausweisung der Irredentisten, Enteignung ihres Vermögens bei Vorenthaltung von Begnadigung und Staatsbürgerschaft, Ernennung eines deutschen Bischofs für Trient.

Obwohl „Caporetto“ zum italienischen Trauma und zur Deutschtiroler Hoffnung wurde, wendete sich der Kriegsverlauf nicht zugunsten Österreichs. Im Hinterland Tirols wurden 1918 die Lebensmittel knapp, die Höfe wurden nur noch von Bäuerinnen und Kindern bewirtschaftet, die weitgehend ohne maschinelle Unterstützung die Nahrungsmittelproduktion aufrechterhalten mussten. Hunger breitete sich aus, es kam zu Unruhen und Streiks, die Armee wurde von einer Sommergrippe zusätzlich geschwächt, allmählich machte sich die materielle Überlegenheit der italienischen Truppen bemerkbar. Jetzt rächte sich auch, dass die mögliche Dauer des Krieges unterschätzt worden war. Die strategischen Vorstellungen erwiesen sich als unhaltbar, die Impfungen der Soldaten waren unzulänglich, Strategien zur Ernährungslage zu wenig bedacht worden. Wichtige Bahnlinien, deren Bau lange verzögert worden war, mussten nun als wichtige Versorgungslinien im Kugelhagel gebaut werden, so vor allem die Strecke Toblach-Cortina. Die Grödner Bahn wurde über Klausen nach St. Ulrich im Eiltempo verlegt, aber vorerst nicht für den Tourismus, sondern für den Soldatentransport. Die Fleimstaler Bahn von Neumarkt nach Cavalese wurde erst 1916 unter dem Druck des Krieges in Angriff genommen.

Als am 21. November 1916 Kaiser Franz Joseph I. verstarb, dessen Amtszeit mit dem Jahr der Umbrüche von 1848 begonnen hatte, war das Ende der Monarchie schon vorgezeichnet. Sein Nachfolger Kaiser Karl I., später als Friedenskaiser verehrt, konnte trotz mancher Bemühung die von seinem Vorgänger übernommene Tragödie nicht beenden. Die Umbenennung der Landesschützen zu Kaiserschützen zeugt von der Hilflosigkeit eines Kaisers, der den Frieden wünscht und den Krieg nicht beenden kann. Die große Weltschlacht, in die 1914 auch viele Intellektuelle und Gegner der Monarchie mit Begeisterung gezogen waren, hatte ihre Faszination verloren. Die Moral der Truppen und der Zivilbevölkerung war angeschlagen. An manchen Frontstellungen begannen sich die Soldaten diesseits und jenseits zu verständigen oder versuchten wenigstens, sich – in einem Fall mittels eines Hundes – Botschaften für vereinbarte Kampfpausen zukommen zu lassen. Das strenge Militärregime wurde auch in Deutschtirol als Last empfunden, besonders hart war es in Welschtirol, dessen Kriegspatriotismus als wenig vertrauenswürdig galt. Obwohl die Kriegserklärung Italiens nur rund 700 Trentiner veranlasst hatte, zum italienischen Heer überzulaufen, griff die verrohende österreichische Militärjustiz gnadenlos durch. Die Hinrichtung führender, aber auch namenlos gebliebener Irredentisten sollte Exempel statuieren, schuf aber spätestens mit Cesare Battisti und seinen Wegbegleitern Damiano Chiesa und Fabio Filzi die ersten Trentiner Märtyrer. Der sozialistische Reichsratsabgeordnete Battisti hatte lange vergeblich um Autonomie für Welschtirol gekämpft. Im Krieg gegen Österreich und dessen monarchisches System sah er eine Chance, den Traum von einer gerechteren Gesellschaft mit dem Kampf für ein freies Trentino zu verbinden. Allerdings sollte nach Battistis Vorstellungen nur der italienischsprachige Teil Tirols zu Italien kommen, die Forderung nach der Brennergrenze lehnte er ab, weil dadurch im neuen Italien ein deutscher Irredentismus entstehen würde. Eine solche Haltung gegenüber Deutsch-Südtirol wäre nach dem Krieg möglicherweise wertvoll gewesen.

Für die breite Bevölkerung schmerzhaft war die Massenevakuierung des Frontgebietes. Auf italienischer Seite wurden 30.000 Menschen, auf österreichischer Seite 70.000 umgesiedelt. In Mitterndorf an der Fischa in Niederösterreich entstand das berüchtigte Barackenlager für die Welschtiroler Evakuierten. Versorgung und Verpflegung waren katastrophal, viele starben an Hunger und Krankheit. 1700 Welschtiroler, die als politisch unzuverlässig eingeschätzt wurden, kamen in das Internierungslager Katzenau, wo sie zum Teil behandelt wurden wie Vieh.

Auch Kaiser Karls letzter Versuch, das Schicksal der untergehenden Monarchie zu wenden, war vergeblich und kam viel zu spät: Das föderalistische Manifest vom 18. Oktober 1918 an alle Völker der Monarchie, ihre eigenen Parlamente und Regierungen zu bilden, wäre um 1910 möglicherweise noch eine rettende Maßnahme gewesen. Damals aber wurden auch kleine Zuständigkeiten wie eine italienische Universität in Trient oder Triest möglichst lange hinausgezögert, ebenso die Autonomie für Welschtirol, die von Deutschtiroler Seite so lange boykottiert wurde, dass der Krieg sie obsolet machte. 1918 beklagte Deutschtirol 20.000 Gefallene, das waren vier Prozent der Bevölkerung. Welschtirol beklagte allein in Galizien 60.000 Tote. Darin zeigt sich auch eine besonders zynische Seite der Vielvölkermonarchie: Die „unverlässlichen“ Welschtiroler waren 1914 als erste an die Ostfront abkommandiert worden.

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Soldaten und Zivilbevölkerung litten gegen Ende des Krieges unter der schlechten Versorgungslage: im Bild die Plünderung eines Lebensmittellagers in Brixen um 1918.

Dass die „Heimatfront“ erfolgreich verteidigt worden war, konnte die schweren Verluste und Rückschläge an vielen anderen Fronten nicht wettmachen. Die neuen Nationalregierungen, die sich nach Kaiser Karls Völkeraufruf bildeten, begannen nacheinander ihre Truppen von der Front abzuziehen. So hielt das kaiserliche Manifest den Zusammenbruch der Monarchie nicht auf, sondern beschleunigte ihn. An der Front zu Italien bedeutete dies, dass der Kampf vergeblich gewesen war. Einer großangelegten Offensive der italienischen Truppen mit massiver britischer Unterstützung am Piave schien Österreich nichts mehr entgegensetzen zu können. Am 28. Oktober wies Kaiser Karl seine Unterhändler an, Verhandlungen über einen Waffenstillstand aufzunehmen, schon einen Tag später erreichten die italienisch-britischen Heeresverbände Vittorio Veneto. Österreich musste sich bei den Verhandlungen in der Villa Giusti bei Padua den italienischen Bedingungen beugen. Zu diesen gehörte nicht nur die Räumung der italienisch besiedelten Gebiete der Monarchie, sondern auch Tirols bis zum Brenner.

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Chaos am Kriegsende, der Bozner Bahnhof als Sammelpunkt eines Heeres in Auflösung, November 1918.

Der Waffenstillstand wurde am 3. November 1918 unterzeichnet, in Kraft treten sollte er am Tag danach um 15 Uhr. Diese 24-Stunden-Frist wurde zu einer Art Zeitfalle: Ob durch ein Versehen, ob durch Missverständnisse, ob durch Versagen der Heeresleitung konnte nie genau geklärt werden, Tatsache ist, dass die österreichischen Truppen die Kriegshandlungen unmittelbar nach dem Abschluss des Waffenstillstandes einstellten und die italienischen Truppen somit nahezu 24 Stunden freie Hand hatten. Kampflos konnten sie in wenigen Stunden 400.000 k. u. k. Soldaten entwaffnen und das bis dahin nicht einnehmbare Gebiet besetzen. Die österreichischen Truppen traten einen ungeordneten Rückzug an, die Offiziere flüchteten mit dem nächsten erreichbaren Zug Richtung Wien, die Soldaten kehrten ausgemergelt, demoralisiert, vielfach auch enthemmt zurück, es wurde geraubt und geplündert. Die italienischen Truppen rückten noch am 3. November bis Triest und Trient vor, am 4. November erreichten sie von Süden aus Salurn, von Westen aus den Vinschgau und den Mendelpass. Das Waffenstillstandsabkommen erlaubte das Vordringen bis zum Brenner sowie die Postierung kleinerer Einheiten in Innsbruck und anderen strategischen Orten nördlich des Alpenhauptkammes. Am 6. November erreichten sie Meran und Bozen, am 10. November wurde am Brenner die Trikolore aufgepflanzt, am 14. November marschierten in Bozen triumphal mehrere Bataillone auf, unter ihnen der Vater der späteren führenden neofaschistischen Politiker Andrea und Pietro Mitolo.

Im Zusammenbruch der Monarchie und in den Wirren eines aufgelösten und überrannten österreichischen Heeres waren die italienischen Truppen nun im Gebiet des künftigen Südtirol die bestimmende Ordnungsmacht: „Unsere Heeresleitung“, schrieb die Tageszeitung „Der Tiroler“ über den Einmarsch am Morgen des 14. November, „wandte sich mit dem dringenden Ersuchen an die italienische Heeresleitung, den Anmarsch zu beschleunigen, den Ordnungsdienst in Bozen zu übernehmen und nach Beseitigung der derzeitigen Unordnung den Truppenabmarsch […] möglichst rasch durchzuführen.“ Dem ersten Wunsch wären die italienischen Truppen auch ohne Ersuchen nachgekommen, an einen Abmarsch dagegen dachte die italienische Heeresleitung natürlich nicht. So beschrieb ein Korrespondent des „Corriere della Sera“ die Stimmung in Deutsch-Bozen als Benommenheit und als Versuch, „eine gleichgültige Miene aufzusetzen, um sich nicht bloßzustellen gegenüber jenen, die nun angekommen sind und keine Absicht hegen, wieder abzuziehen“.

Drei Tage zuvor, am 11. November, hatte Kaiser Karl seinen Verzicht auf jegliche Teilnahme an den Staatsgeschäften deklariert, am 12. November proklamierte die Provisorische Nationalversammlung einstimmig die Republik Deutschösterreich. Nicht nur Trient, auch Deutschtirol südlich des Brenners, bald Südtirol genannt, würde ihr nicht mehr angehören.

Wie Südtirol entstand

Zeit des Übergangs – von der militärischen Besetzung zur Zivilverwaltung und zur Annexion

Die kampflose Besetzung des Gebietes bis zum Brenner durch das italienische Heer schuf zwar Tatsachen, wurde aber in Deutschtirol – in Unkenntnis des Londoner Geheimvertrages – nicht für dauerhaft gehalten. In der Proklamation der neuen Republik Deutschösterreich war noch von der „Grafschaft Tirol mit Ausschluss des geschlossenen italienischen Siedlungsgebietes“ als Teil des neuen Staates die Rede. Allerdings schien Tirol einen Sonderweg gehen zu wollen: Noch im Oktober wurde eine eigenständige „Nationalversammlung“ einberufen, die sich weniger an Österreich orientierte als vielmehr an Bayern und Deutschland, wo am 9. November Kaiser Wilhelm II. abdankte und die Republik ausgerufen wurde. Hoffnung gab den Tirolern die 14-Punkte-Deklaration des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson für eine neue Friedensordnung in Europa. In Punkt 2 wurde „die Regelung aller Fragen, sowohl der Gebiets- wie der Souveränitätsfragen“ der „freien Annahme dieser Regelung durch das Volk, das unmittelbar damit betroffen ist“, unterstellt, und zwar ausdrücklich unabhängig von Interessen oder Vorteilen anderer Nationen. Italiens Ansprüche schienen mit Punkt 9 der Deklaration eingeschränkt, da sich Gebietsveränderungen „nach den klar erkennbaren Linien der Nationalität“ richten müssten. Eine solche Weltordnung fand – nach den zunächst überzogenen Forderungen durch den Tiroler Volksbund vor Kriegsende – mittlerweile das volle Einverständnis aller politischen Kräfte in Deutschtirol. Diskutiert wurde lediglich, ob die Welschtiroler nicht doch die Möglichkeit bekommen sollten, über ihre Zugehörigkeit zu Italien oder Österreich abzustimmen.

Hoffnung machten auch die – ansonsten wenig geschätzten – sozialdemokratischen und sozialistischen Kräfte in Italien, die in der Tradition Cesare Battistis von einer Annexion nicht-italienischer Gebiete absehen wollten. Sozialistenchef Filippo Turati vertrat noch mitten im italienischen Eroberungsjubel am 21. November 1918 im Parlament den Standpunkt, dass bei der Grenzziehung das Selbstbestimmungsrecht zu respektieren sei. Als im Juli 1919 alle damals 172 Gemeinden Südtirols sich in einer gemeinsamen Petition gegen die Annexion des Landes durch Italien aussprachen, vertrat Turati den Standpunkt, dass „diese freie Willensäußerung einer freien Bevölkerung“ respektiert werden müsse. Der ebenfalls sozialistisch orientierte Minister Leonida Bissolati trat aus Protest gegen die sich abzeichnende Annexion sogar von seinem Amt zurück. Im Kampf für die italienische Einigung hatten Kräfte zueinander gefunden, die nun auseinanderbrachen – auf der eine Seite der minderheitensensiblere sozialistische Block, auf der anderen Seite die nationalistischen Kräfte, die auf der Brennergrenze beharrten und zu deren wichtigsten Wortführern der aus Rovereto stammende Irredentist Ettore Tolomei wurde. Der lange für einen Kauz gehaltene Geograph und Geschichtsforscher hatte sich 1906 im Bergdörfchen Glen bei Montan niedergelassen, um von hier aus Italiens Anspruch auf Südtirol durch die Übersetzung aller Orts- und Flurnamen „wissenschaftlich“ zu begründen. Bei Kriegsbeginn setzte er sich über die Grenze nach Italien ab, im Tross der italienischen Truppen kehrte er nach Kriegsende zurück, um sein Lebenswerk zu vollenden. Ein vorübergehender Weggefährte Battistis war Benito Mussolini gewesen, der 1909 wegen seiner – zunächst weniger national denn revolutionär-sozialistisch inspirierten – Propaganda aus Österreich ausgewiesen worden war. Als „österreichfreundlich“ eingestuft war dagegen der christlichkatholische Widerpart Battistis im Trentino, Alcide Degasperi. Dieser blieb bis zum Zusammenbruch der Monarchie deren Reichsratsabgeordneter. Als der im Krieg kaum tagende Reichsrat 1917 erstmals wieder zusammentrat, wurden die Namen jener Abgeordneten verlesen, deren „Mandate durch rechtskräftiges Urteil freigeworden waren“, darunter auch jener des hingerichteten Rivalen Battisti. Degasperi, der spätere Ministerpräsident Italiens, war Protokollführer.

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Symbolische und faktische Besitznahme eines Landes: italienische Truppen auf dem Waltherplatz in Bozen, November 1918.

Schon unmittelbar nach dem Waffenstillstand versuchten sich in Südtirol die politisch maßgeblichen Kräfte zu formieren. Eine Schwierigkeit lag darin, dass alle Verbindungen über den Brenner abgebrochen waren. Die italienischen Kontrollen über Verkehr und Nachrichtenwesen waren rigoros, der Brenner unpassierbar, Postwege und telegraphische Übermittlung versperrt. Selbst Brieftauben wurden konfisziert, um jeglichen Kontakt von Südtirol nach Österreich zu unterbinden. Die Südtiroler mussten sich auf sich selbst stellen. So wurde der Provisorische Nationalrat für Deutsch-Südtirol einberufen, wie sich das besetzte Gebiet nun nannte. Im Sinne des „volklichen“ Zusammenhaltes beendeten die Tiroler Volkspartei und die Deutschfreiheitliche Partei ihre oft heftig ausgetragenen Kämpfe zwischen konservativer und liberaler Ideologie. Nicht überbrückt wurde der Graben zu der – in Tirol nie stark Fuß fassenden – sozialdemokratischen Partei.

Führender Kopf des Nationalrates war der Bozner Bürgermeister Julius Perathoner, eine charismatische Persönlichkeit, in der Tradition der Freiheitlichen äußerst deutschnational eingestellt. Am 16. November rief der Deutsch-Südtiroler Nationalrat die „Unteilbare Republik Südtirol“ aus, gab ein Amtsblatt heraus, beschloss die Einführung eigener Steuern, eigener Währung und Briefmarken. Der Traum vom eigenen Staat „Südtirol“ währte aber nur kurz: Die italienische Militärregierung löste den Nationalrat im Jänner 1919 wieder auf, da er weder von der österreichischen noch von der italienischen Regierung legitimiert worden sei.

Die Machtverhältnisse waren ganz andere. Schon am 30. Oktober 1918 hatte der Alliierte Kriegsrat auf Vorschlag Großbritanniens einstimmig jene Grenzziehung beschlossen, die im Londoner Geheimvertrag mit Italien festgelegt worden war. Auch US-Präsident Wilson stimmte zu. Die USA und mit ihnen Frankreich versuchten nämlich, das sich formierende, spätere Jugoslawien für den Westen günstiger zu stimmen, indem sie Italiens Ansprüche im Osten etwas dämpften. So wurden zwar Friaul, Istrien und Triest, nicht aber Dalmatien mit Fiume an Italien angeschlossen. Im Gegenzug sollte aber Italien zumindest am Brenner nicht enttäuscht werden. Dazu kam die Unsicherheit, ob sich Österreich nicht am Ende mit Deutschland zusammenschließen würde. Ein solcher neuer großdeutscher Staat wurde mit Besorgnis betrachtet und sollte besser nicht über die Brennergrenze reichen. Enttäuscht richteten die Südtiroler Gemeinden noch im Frühjahr 1919 eine Petition an Wilson, um ihn an seine Grundsätze zu erinnern: „Und nun soll unsere deutsche Heimat mit ihrer tausendjährigen Kultur und Geschichte, dieses Volk mit seinem angestammten Freiheitssinn italienisch werden? Ein einziger Aufschrei tiefsten Schmerzens durchhallt bei diesem Gedanken das ganze Land.“

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Bild eines Entfremdungsschocks: Italienische Verordnungen in Meran; die Menschen, an die sich die Aufrufe wandten, waren des Italienischen meist kaum oder gar nicht mächtig.

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Der Verhandlungssaal im Schloss Saint-Germain bei Paris, wo im Zuge des Friedensvertrages mit Österreich auch die staatliche Zugehörigkeit Südtirols entschieden wurde.

Am 18. Jänner 1919 hatten in Paris die Friedensverhandlungen begonnen, die Verhandlungen um den Friedensvertrag mit Österreich fanden im Vorort Saint Germain en Laye statt. Am 24. April wurde der erste Entwurf vorgelegt, Südtirol darin Italien zugesprochen. Die österreichische Verhandlungsdelegation unter Staatskanzler Karl Renner wies den Entwurf am 2. Juni noch zurück, es gab aber keinen Spielraum: Am 10. September 1919 nahm die österreichische Nationalversammlung den Friedensvertrag einschließlich der Bestimmung für Südtirol an. Damit war Südtirols künftige Staatszugehörigkeit entschieden. Bis zur formalen Annexion dauerte es noch ein Jahr: Im Sommer 1920 fand im italienischen Parlament die Debatte über die Annexion Südtirols statt, die Sozialisten wehrten sich vergeblich dagegen. Am 10. Oktober 1920 trat das von der Mehrheit des italienischen Parlamentes verabschiedete Annexionsdekret in Kraft: Südtirol gehörte nun – wie de facto schon seit der Besetzung 1918 – auch staatsrechtlich zu Italien.

In einer ersten Stellungnahme zur Annexion fanden die Tiroler Volkspartei, die deutsch-freiheitliche Volkspartei und die sozialdemokratische Partei noch zu einer gemeinsamen Erklärung zusammen: „Südtirol ist das Opfer des Friedensvertrages geworden, der uns trotz des feierlich verkündeten Selbstbestimmungsrechtes von unseren Volksgenossen losreißt. Wir Südtiroler haben die unerschütterliche Hoffnung, dass der Tag kommen wird, an welchem uns Gerechtigkeit und weitschauende Politik die nationale Befreiung bringen werden.“ Das Schreiben endet mit einem Aufruf: „Südtiroler! Aufrecht wollen wir den heutigen Tag über uns ergehen lassen! Wir fordern euch auf, jede Ungesetzlichkeit zu vermeiden und mit Ruhe und Würde das Schicksal zu ertragen.“ Dem Deutschen Verband schlossen sich die Sozialdemokraten trotz dieser gemeinsamen Erklärung nicht an, zu nationalistisch waren ihnen die Positionen von Volkspartei und Freiheitlichen.

Noch hofften die Südtiroler innerhalb Italiens auf weitgehende Unabhängigkeit. Die Regierung unter Ministerpräsident Francesco Saverio Nitti stand einer Territorialautonomie aufgeschlossen gegenüber, es rächten sich aber die jahrzehntelangen Verstimmungen mit dem einstigen Welschtirol. Die bestimmende Persönlichkeit war nun der ehemals „österreichfreundliche“ Alcide Degasperi, der sich in der Haltung gegenüber Südtirol deutlich von jener Battistis unterschied: Die Trentiner sprachen sich nicht nur gegen eine Sonderautonomie für Südtirol aus, sondern forderten die Angliederung des teilweise auch italienisch besiedelten Südtiroler Unterlandes an das Trentino.

Möglicherweise verkannten die Südtiroler in dieser ersten Phase nach der Annexion die Notwendigkeit realpolitischer Forderungen. Im Gefühl, dass das Unrecht der Annexion nur durch eine De-facto-Unabhängigkeit gutgemacht werden konnte, legte der Deutsche Verband ein umfassendes Autonomiemodell vor: primäre Gesetzgebungszuständigkeit in allen wichtigen Bereichen, dazu die Kontrolle des Verkehrswesens, eine eigene Zoll- und Handelspolitik, Steuerhoheit, eigene Gerichtsbarkeit und eigenes Militär nach dem Modell der Standschützenorganisationen. Dem konnte die Regierung Nitti nicht zustimmen, ganz abgesehen vom massiven Druck der immer stärker werdenden Rechtsopposition um die faschistische Partei Benito Mussolinis. Ohne Chancen blieb auch ein eigener Entwurf der Sozialdemokratischen Partei, der sich vor allem in sozial- und demokratiepolitischen Fragen von jenem des Deutschen Verbandes unterschied, nämlich durch Betonung des Parteienpluralismus, des Mitspracherechts für die Arbeiterklasse, der Verankerung von Arbeitsschutzbestimmungen und einer klaren Trennung von Staat und Kirche, die man durch die Allianz des Deutschen Verbandes mit der Kirche gefährdet sah.

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Militärverwalter General Guglielmo Pecori-Giraldi (Bild links) war noch einigermaßen sensibel für die Befindlichkeit der deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler gewesen, der auf ihn folgende Zivilverwalter Luigi Credaro (Bild rechts, im Anzug) schlug eine härtere Gangart ein.

Eine Bruchlinie zwischen Sozialdemokraten und Deutschem Verband war immer auch die Haltung zum Trentino gewesen. Ob sich bei einer Stärkung der sozialistisch-sozialdemokratischen Kooperation zwischen Deutsch- und Welschtirol andere politische Lösungen eröffnet hätten, lässt sich nicht sagen. Sicher aber rächte sich nun die feindselige Deutschtiroler Haltung gegenüber den Welschtiroler Autonomiewünschen, da sich die Machtverhältnisse umgedreht hatten. Die Sozialdemokraten versuchten eine sprachgruppenübergreifende Allianz zu schließen, indem sie 1920 als autonome Sektion der Sozialistischen Partei Italiens beitraten. Damit wurden sie, ganz abgesehen vom ausbleibenden Wahlerfolg, in Südtirol freilich erst recht als patriotisch unzuverlässig abgestempelt.

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Für Südtirol 1921 ins neue römische Parlament gewählt: Wilhelm von Walther, Karl Tinzl, Eduard Reut-Nicolussi und Friedrich Graf Toggenburg.

Im Übergang zwischen militärischer Besetzung und formaler Annexion wurde für Südtirol eine Zivilverwaltung eingesetzt. Bis dahin hatte der liberal gesinnte General Guglielmo Pecori-Giraldi gemessen an der prekären Lage eine umsichtige Amtswaltung gepflegt. Wohl wurden die Bezirkshauptleute, wie sie in der österreichischen Verwaltung als staatliche Exekutivbeamte üblich gewesen waren, durch italienische Kommissare ersetzt. Die österreichischen Beamten blieben aber im Amt, ebenso wurden die Gemeinden nicht angetastet. Trotz des Drucks von Ettore Tolomei hielt sich Pecori-Giraldi sogar an die landesüblichen Ortsnamen. Mit Juli 1919 gingen Verwaltung und Kontrolle des Landes an das Ufficio per le Nuove Province über, das direkt dem Ministerrat unterstellt war. Für die Venezia Tridentina, der Südtirol zu- und untergeordnet war, wurde Luigi Credaro als Generalvizekommissar eingesetzt. Wohl war er ebenso wie Pecori-Giraldi ein Liberaler, er leitete aber die ersten markanten Entkulturalisierungsmaßnahmen ein. So verbot Credaro 1920 alle nichtreligiösen tirolerischen Kundgebungen, das Böllerschießen und das Hissen von Fahnen mit Ausnahme der Trikolore. Anlass waren die durchaus als politische Kundgebung gedachten Herz-Jesu-Feuer vom 13. Juni 1920 gewesen. Bürgermeister, die in ihrem Schriftverkehr die Namen „Tirol“ oder „Deutsch-Südtirol“ verwendeten, wurden belangt, jener von Salurn deswegen sogar abgesetzt. Eine Rolle für den verschärften Kurs dürfte der Umstand gespielt haben, dass Italien nun die volle Souveränität über Südtirol erreicht hatte und keine Rücksichten mehr nehmen musste. Im Friedensvertrag war Italien zu keiner Sonderbehandlung Südtirols verpflichtet worden, das Versprechen von Viktor Emanuel III. („vollste Achtung der lokalen autonomen Einrichtungen und Bräuche“) war eine freiwillige Willensbekundung, keine Zusicherung. Im Juni 1920 wurde zudem die regionalistisch ausgerichtete Regierung Nitti gestürzt, der neue Ministerpräsident Giovanni Giolitti schlug einen zentralistischen Kurs an.

Nach Inkrafttreten des Annexionsdekretes mussten im Oktober 1920 alle Südtiroler Bürgermeister einen Eid auf Italien und den italienischen König ablegen. Der Obermaiser Bürgermeister Alois Hölzl leistete den Schwur ausdrücklich nur als formalen Akt und erklärte, er trage den Eid innerlich nicht mit. Trotz Mahnungen aus Rom, solche Fälle nicht zu hoch zu spielen, erwirkte Credaro die Auflösung des gesamten Gemeinderates der damals noch selbständigen Gemeinde Obermais.

In Bozen leistete sich Julius Perathoner einen Eklat, als Viktor Emanuel III. anlässlich der Annexion im Oktober 1920 nach Bozen kam: Des Italienischen bestens mächtig, begrüßte der Bürgermeister den König in deutscher Sprache. Noch glaubten die Südtiroler, sich im neuen Staat behaupten zu können. Bei den ersten demokratischen Parlamentswahlen am 15. Mai 1921 hatte der Deutsche Verband vier Abgeordnete durchbekommen: Wilhelm von Walther, Karl Tinzl, Eduard Reut-Nicolussi und Friedrich Graf Toggenburg. Außer Tinzl, der als jüngster in der Südtiroler Politik noch eine prägende Rolle einnehmen sollte, hatten sie alle schon aktive politische Erfahrung im alten Österreich gesammelt: Graf von Toggenburg war Statthalter von Tirol und im letzten Kriegsjahr österreichischer Innenminister gewesen, der aus der altbairischen Trentiner Sprachinsel Lusern stammende Eduard Reut-Nicolussi war Obmann der christlich-sozialen Partei und letzter Südtiroler Abgeordneter im Wiener Nationalrat gewesen. Er verabschiedete sich dort, um sich für Südtirol ins italienische Parlament wählen zu lassen. Wilhelm von Walter war der einzige Vertreter der Deutschfreiheitlichen. Die Sozialdemokraten, die alleine kandidiert hatten, kamen auf neun Prozent, blieben aber ohne Mandat. Wilhelm von Walther legte in der ersten Wortmeldung im Parlament eine Rechtsverwahrung gegen die Annexion als „Akt der Unterdrückung Südtirols“ ab, verbunden mit dem Hinweis auf die „Vorenthaltung seines Selbstbestimmungsrechtes“.

Rote Soße und bittere Zeiten

Erste Fremdheitserfahrungen im neuen Staat – Lebensstile, Einschränkungen und Heimatverluste

Sich plötzlich in einem anderen Staat zu befinden, hatte für die Südtiroler Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg auch sehr praktische Auswirkungen. Die Preise für Lebensmittel stiegen aufgrund der Knappheit nach dem Krieg dramatisch an. Den meisten fehlte es an Geld. 320 Millionen Kronen hatte die damalige Bevölkerung in Südtirol als Kriegsanleihen gezeichnet. Diese Schulden wurden vom neuen Staat nicht übernommen, das Geld war praktisch verloren. Zwar durfte noch eine Zeitlang mit der österreichischen Krone bezahlt werden, ab 10. April 1919 aber war nur noch die Lira erlaubt. Der Währungswechsel war äußerst nachteilig. Vor dem Krieg war der Umrechnungskurs mit 100 zu 105 in etwa ausgewogen gewesen, nun wurde er mit 100 zu 40 festgelegt, und selbst als sich dies allmählich auf 100 zu 60 besserte, war der Kapitalverlust enorm. Wer Geld in Kronen gespart oder verliehen hatte, bekam weniger oder kaum mehr als die Hälfte zurück. Kredite bei österreichischen Instituten waren oft ganz verloren. Dass die Inflation in Österreich noch viel verheerendere Auswirkungen hatte, war den Betroffenen in Südtirol ein schwacher Trost.