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Joseph Zoderer

Liebe auf den Kopf gestellt

Gedichte

© 2013
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

Originalausgabe: Carl Hanser Verlag München 2007

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7668-5

Umschlag: hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Der Königin der Ratten

In der Nacht hast du/ dein Gesicht geschmückt/
ich zitterte vor Honigsüße/ Mit schwarzen Haaren

und dem Lächeln einer Maske/ hast du die Tür geschlossen/
bist über die Schwelle/ einer anderen Angst getreten/

leichtfüßig/ Der Verlust bot mir ein Fenster/ ich sah wie du
für jedes Lachen/ einen Preis nanntest/ und sogar

die Wärme deiner Schenkel/ wurde als Gewicht gemessen/
In der gleichen Gasse brannte/ zur gleichen Zeit

ein Rosenstrauch/ und du ließest deine Zehen küssen/
von Amseln und von Tannenhähern

Dies unverfrorene Blau/ des Himmels wurde heute/
nur überboten/ vom Rot des Blutpflaumenbaums/

Es zwang mich/ in die Knie/ ich wollte das obszöne Grün/
des Rasens küssen/ Nein/ schrie eine alte Frau

und versuchte mich/ mit einem Apfelblütenzweig/
zu verjagen/ Wenn sie wüßte/ dachte ich/ daß

die Buchen in den Bergen/ ihr Blattgrün/ erst austräumen
und die Lärchen/ noch grau sind vor Liebesentzug

Nicht länger werde ich/ mich entziehen/ der Süße
des Verlusts/ Ich werde meine Jacke bürsten/

und den Müllsack noch vor der Dämmerung/ drei
Stockwerke hinuntertragen/ Irgendwo werde

ich dann das Skalpell finden/ um die Haut zu schälen
von der Erinnerung/ Du bedeckst schmatzend

mein Gesicht mit Zweifeln/ Wie kann ich deiner Ferne
trauen/ wenn du mir Kuchen backst?/ Eines Tages

wirst du/ auch mein Schlafkissen zum Sprechen
bringen/ und ihm alle Seufzer entlocken/ jeden

geträumten/ jeden ersehnten Verrat/ Hast du meinen
Vater gekannt?/ Hast du meine Mutter gekannt?/

Nein/ ebenso kenne ich kein Auge deiner Eltern/Jenseits
des Flusses haben wir/ sie ans Kreuz geschlagen/ sie

sind die Opfer/ unserer Ferne [Jetzt hast du endlich/
das Wort gefunden für/ unerträgliche Liebe]

Beeile dich/ damit du der Trauer
voraus bist/

hörst du/ ihren schleppenden Schritt?
Sie ist nicht ehrgeizig/ aber

ihr Atem reicht weit

Und/ sagte sie/ ich liebe für dich
und für mich/ Die Asphaltstraße/

sagte er/ ist noch nicht frei/ die Schatten
toter Tiere liegen herum/ Ich/ sagte sie/

ich liebe für zwei/ Aber das undurchschaubare Gelb
der Müllblumen/ warnte er/ und das honigtödliche

Gezwitscher vertriebener Sperlinge!/ Geh weiter/
sagte sie/ wir finden genug/ ausgetrunkene

Bierdosen/ und ausgeleckte Pizzapappkartons/ ich
vertraue/ dem Knarren der Äste/

und den dunklen Augen der Pfützen/ Leg dich
zu mir/ sagte er/ unter den schillernden Ölfleck

Vor deiner nimmersatten Hingabe/ verfällt
meine Zerstreutheit ins Hüsteln/ Ich könnte

wie du öffentlich oder geheim/ saftigen Waldklee
kauen/ dieses Wundermittel gegen Ängstlichkeit/

und die Fichtennadeln– grün oder braun–/ helfen die
gegen das unerlaubte Gähnen/ der Phantasie?/

Was wenn jeder Kuß/ eine Narbe hinterläßt/ auf