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HAYMON verlag            

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Dichtung
für alle:
Das Mimetische und die Synästhesie. Zur Konzeption der Wirklichkeit in der Poesie

Wiener Ernst-Jandl-
Vorlesungen zur Poetik

Herausgegeben von
Thomas Eder und Kurt Neumann

© 2013
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

Inhalt

Vorwort der Herausgeber

Ferdinand Schmatz

Das Mimetische und die Synästhesie.
Zur Konzeption der Wirklichkeit in der Poesie

Erste Vorlesung: Zur Realisation von Freiheit in der Poesie: „Blickt zu mir der Töne Licht“. Dichtung im Garten der Sinne und der Vernunft

Zweite Vorlesung: „auggedröhn ohrgesehn bildgetön“: Die wuchernden Umordnungen. Zur Verdrehung von Sensorik und Kognition in der Poesie

Biografie

Vorwort der Herausgeber

Poetik-Dozenturen haben an den literaturwissenschaftlichen Instituten im deutschen Sprachraum eine lange Tradition, die Frankfurter Vorlesungen zur Poetik (seit 1959/60), die vergleichsweise junge Tübinger Poetikdozentur (seit 1996), die Heidelberger, die Hildesheimer, die Freiburger, die Mainzer, die Erfurter, die Kieler, die Basler Poetikdozentur seien beispielhaft genannt. Poetik-Vorlesungen an den Universitäten Klagenfurt, Innsbruck und Graz haben in Österreich seit Jahren Autorinnen und Autoren zur poetologischen Reflexion eingeladen, in Wien pflegt die Alte Schmiede mit der 1977 aufgenommenen Reihe internationaler Autorenseminare und der 1986 vom Schriftsteller Josef Haslinger und Kurt Neumann ins Leben gerufenen Reihe „Wiener Vorlesungen zur Literatur“ eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit grundsätzlichen und aktuellen Fragestellungen der Literatur in Form wissenschaftlicher Untersuchungen, vor allem aber als schriftstellerische und dichterische Selbstreflexion. Diese zwei Ausgangspunkte ziehen seither ganz verschiedene Weisen und Methoden der Auseinandersetzung mit zeitgenössischem künstlerischen Schaffen und dessen denkerischen, ästhetischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nach sich.

Zehn Jahre nach dem Tod Ernst Jandls richteten 2010 die Alte Schmiede, das Institut für Germanistik der Universität Wien und die Gesellschaft zur Erforschung von Grundlagen der Literatur eine der dichterischen Haltung Jandls verpflichtete Dozentur für Poetik als vom österreichischen Bundesministerium für Kunst und Kultur gefördertes Gemeinschaftsprojekt ein.

Jedes Jahr wird im Sommersemester eine namhafte Persönlichkeit der deutschsprachigen und internationalen Dichtung eingeladen, in zwei Vorlesungen an der Universität über jeweils wichtig erachtete Themen zu sprechen, ob sie nun spezifisch literarische Fragestellungen aufgreifen oder allgemeine Problemstellungen gegenwärtiger individueller oder kollektiver Lebenszusammenhänge.

Die dichterischen und gesellschaftspolitischen Perspektiven Ernst Jandls sind dabei den jeweils vortragenden Gästen als mögliche Orientierungsmarken oder Korrespondenzpunkte angeboten und werden in das auf die Vorlesungen folgende Konversatorium mit einbezogen.

Die zwei Vorlesungen an der Universität sind in eine universitäre Lehrveranstaltung zu den Schwerpunkten Gegenwartsdichtung / Grundfragen der Poetik / Lyrikanalyse / Zur Theorie der Dichtung / Sprachsoziale Aspekte der Dichtung etc. eingebettet, jedoch allgemein zugänglich.

Das Konversatorium in der Alten Schmiede steht allen Hörerinnen und Hörern der zwei Vorlesungen offen.

In den Jahren, in denen der Ernst-Jandl-Preis in Neuberg an der Mürz vergeben wird, findet das Konversatorium im Rahmen der jeweiligen Ernst-Jandl-Tage ebendort statt.

Als erster Vorlesungsgast hat 2010 der aus Russland stammende, ab seinem 11. Lebensjahr in Deutschland aufgewachsene und ausgebildete Dichter, Rezitator und Übersetzer Alexander Nitzberg zwei Vorlesungen zum Themenschwerpunkt „Mnemosyne und Mnemotechnik“ gehalten.

Darin hat er zunächst versucht, einen ursprünglichen Selbstbegriff der Dichtung darzustellen. Dabei stützt er sich auf die Leitfigur der „Muse“, die als zentrale schöpferische Kraft gesetzt wird, die alle von Gedichten affizierbare Menschen miteinander in Verbindung setzen könne. Um das Geheimnisvolle dieser Kraft anschaulich zu machen, zitiert er so unterschiedliche Gewährsleute wie den antiken Dichter-Philosophen Platon und unseren dichterischen Zeitgenossen Ernst Jandl, um damit die Geheimniskraft der Dichtung gegen eine in seinen Augen nihilistische Analytik der Moderne und einen rhetorischen Zugriff von außen zu verteidigen.

Die als real gesetzte Muse bilde das Fundament eines Verbindungsbogens, der über den Dichter, sein Gedicht, den Rezitator und den Übersetzer bis zu den Hörenden und Lesenden sich spannen lasse.

Als bestimmende Eigenschaften der Gedichtstruktur nennt Nitzberg Kohärenz, innere Statik, Zentrizität und Punktualität, die das Sprach-Kunstwerk als wirkkräftiges Phänomen in einer metaphysischen Einheit des Seins verankern. In dieser läge auch seine Zirkelstruktur, die das Ende stets mit einem Anfang verbindet, begründet. So wäre auch eine kategorische Trennung zwischen Dichtungstradition und Dichtungsmoderne aufgehoben.

Als Bürgen dieser metaphysischen Sichtweise zitiert Nitzberg in seinen Vorlesungen eine Vielzahl von Dichtern, von Goethe über Puschkin, Hebbel, Rilke, Majakowski, zurück bis zum Humanisten Melissus und noch weiter zum „Vorsokratiker“ Anaxagoras.

Brigitte Kronauer sprach 2011 in ihrer ersten von zwei Vorlesungen unter dem Titel „Mit Rücken und Gesicht zur Gesellschaft“, die sie dem Thema „Avantgardismus“ widmet, über die Notwendigkeit der zeitgenössischen Literatur, „die allgemeinen Vereinbarungen über Dinge und Gesellschaft zu korrigieren“. Denn, so weist sie nach, selbst ein „naives“ bzw. „natürliches“ Erzählen vollzieht dramaturgische und stilistische Eingriffe, während es vorgibt, die „Wirklichkeit“ einfach so wiederzugeben, wie sie sei.

Bei Adalbert Stifter, Wilhelm Raabe oder William Carlos Williams entdeckt sie höchste Artifizialität und avantgardistische Techniken, mit denen „reale Geschehnisse“ dargestellt und charakterisiert sind. Ihren eigenen literarischen Entwicklungsgang positioniert sie im Rahmen dieser grundsätzlichen Auseinandersetzung zwischen „Wirklichkeit“ und sprachlichem Ausdruck und nennt den Roman „Frau Mühlenbeck im Gehäus“ in dieser Hinsicht als für ihr gesamtes Schaffen zentrales Werk.

„Avantgardist sein“, so lautet das Resümee ihrer Überlegung, „heißt, den Interpretationsmustern, Vor- und Urteilen der Gesellschaft auf die Schliche zu kommen“.

In ihrer zweiten Vorlesung mit dem Untertitel „Über Politik und Literatur“ spürt Kronauer dem Verhältnis des Schreibens zu öffentlichen Kontexten nach, wobei sie das Politische als das versteht, „was das in sich kreisende Subjekt zum Kollektiv hin öffnet, also das Private in den gesellschaftlichen Kontext von staatlicher Macht, Kapital, Gesetz stellt und entsprechende Wechselwirkungen aufzeigt“. Fernab von agitatorischer Stellungnahme sei Literatur jedoch nur dann im Feld des Politischen überzeugend, wenn sie mit den ihr innewohnenden Spezifika operiert, „wenn sie als Gattung auf ihrem Arbeitsfeld durch nichts anderes zu ersetzen ist und Komplexeres als Information und Analyse, die sich zu einem Resümee konzentrieren lassen, dabei herauskommt“. Ausdrucksformen des Journalismus und der Literatur werden von Brigitte Kronauer in ihrer Unterschiedlichkeit erkannt, auch und gerade entgegen der postmodernen Auffassung ihrer Austauschbarkeit: Literatur sei der Versuch, „was journalistisch als möglichst präzise und objektive Information erscheint, durch den erregten Redner subjektiv einzufärben und es auf diese Weise relativiert in den literarischen Text zurückzubiegen“.

Ausgehend von Ernst Jandls Satz, dass Dichtung eine fortwährende Realisation von Freiheit sei, hat sich Ferdinand Schmatz im Sommersemester 2012 in seinen beiden Vorlesungen die Frage nach dem Zusammenhang von Synästhesie, Mimesis und Dichtung gestellt. Das Phänomen der Synästhesie ist in der Psychologie zwar seit über 100 Jahren bekannt, wurde aber dennoch häufig als Kuriosität behandelt und in der Forschung kaum weiter beachtet. In jüngerer Zeit aber hat man die „schwache Synästhesie“ als eine allgemeine menschliche Disposition und Grundlage von Metaphern erkannt. Den psychischen Regularitäten setzt Schmatz in seinen Überlegungen die Freiheit des Dichters und des Dichtens ebenso entgegen wie er die Auffassung, dass die Gesellschaft Einfluss auf die dichterische Inspiration ausübe, als „Dilemma von Gebundensein oder Gelenktwerden und der Freiheit der Wahl, vor allem die Freiheit der Inspiration“, kritisch beleuchtet. Dazu zitiert er Ossip Mandelstam: „Der Dichter wählt den Gegenstand für seine Gedichte selbst; die Gesellschaft hat nicht das Recht, seine Inspiration zu lenken.“

Das Gedicht als Einheit von Inhalt und Form halte dem beliebigen Sprechen über besondere Gegenstände das besondere, ja bestimmte Sprechen über beliebige Gegenstände entgegen. Weil aber durch sprachliche Mittel innere psychische Vorgänge ausgedrückt und auch im Lesenden zum Nachvollzug angeregt würden, ermögliche Dichtung, dass – mit Adorno – „das dichtende Subjekt durch Identifikation mit der Sprache, in Form seines monadologischen Widerspruchs sein bloßes Funktionieren innerhalb der vergesellschafteten Gesellschaft“ negiert.

Theoretisch fundiert Schmatz sein essayistisches Forschen unter anderem mit Sigmund Freuds Auffassungen zu „Wortvorstellungen“ und „Sachvorstellungen“, wobei für Schmatz in einer „quasi forschenden Dichtung“ sich nicht nur das ausgewählte Wort an die Gegenstände schmiegt, „sondern sich die Sache auch aus dem Wort heraus erzeugen lässt“. Anhand von Gedichten Brentanos, Chlebnikovs, aber auch eigener Gedichte, eröffnet Schmatz seine Vorstellung einer Verdrehung von Sensorik und Kognition in der Poesie, die zu einer „mimetisch konstruktive[n] Welt der anderen Wahrheit“ führt.

Mit dieser ersten Serie von Ernst-Jandl-Poetik-Vorlesungen liegen markante Setzungen gegenwärtigen Schreibens und Dichtens vor, die sich im Rahmen dichterisch-philosophischer Selbst-Bestimmungen der europäischen Literatur (und Literaturgeschichte) positionieren.

Ferdinand Schmatz

Das Mimetische
und die Synästhesie
Zur Konzeption
der Wirklichkeit
in der Poesie

für ernst jandl

Erste Vorlesung

Zur Realisation von Freiheit in der Poesie:
„Blickt zu mir der Töne Licht“

Dichtung im Garten der Sinne und der Vernunft

Da ist das Ohr. Es hört.
Da ist die Nase. Sie riecht.
Da ist das Auge. Es sieht.
Da ist die Hand. Sie greift.
Da ist der Mund. Er spricht:

Alles, was ich sehe, könnte auch anders sein.

Alles? Ich? Sein? Anders?

So vielleicht:

Da ist das Ohr. Es riecht.
Da ist die Nase. Sie hört.
Da ist das Auge. Es greift.
Da ist die Hand. Sie spricht.
Da ist der Mund. Er sieht.

1

Synästhesie, gr. Mitempfinden, ist das gleichzeitige Anklingen eines Sinneserlebnisses in einem anderen Sinnesgebiet, ein Sinnesreiz ruft zwei qualitativ unterschiedliche Sinneseindrücke hervor, einen adäquaten und einen inadäquaten.

2

Synästhesie liegt vor, wenn Auge und Ohr sehen und hören, Farbe und Klang oder ähnlich sinnübergreifende Wortpaare sich zwanglos in einer Aussage verknüpfen lassen.

3

Synästhesie ist ein Wahrnehmungsphänomen, eine „crossmodal perception”. Eine Sinnesvermischung, ein Doppelempfinden über Verknüpfung, eine Überlagerung etc.

Und das Ich:
ist das, was der Mund sieht, das, was ihm das Auge erhört, was ihm die Hand riechen macht und die Nase tasten heißt.

Wieso ist das möglich, den Mund sehen zu lassen, das Ohr riechen zu lassen, das Auge greifen, und so fort?

Ist es mehr als eine Folge von beliebigen Behauptungen, von verqueren noch dazu?

Es ist formuliert, ausgesagt – aber in Wirklichkeit, in der gegebenen Realität der Wesen, Dinge und Ereignisse, wo:

Der Mund spricht, das Auge sieht, das Ohr hört, die Nase riecht, die Hand greift.

Da ist das, was wir sind? Der Körper mit seinen Organen, die ihm, durch die Sinne repräsentiert, im Zusammenspiel mit dem Verstand den Sinn der inneren wie äußeren Welt erkennen und gebrauchen helfen – gebunden an Funktionen und Abläufe physischer Art. Und wie steht es um jene psychischer Art?