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Spuren suchen – Spuren finden

Am 22. Juli 1942 richtete der Oberstaatsanwalt beim Landgericht Feldkirch, Vorarlberg, „Fernruf 27“, folgende Anfrage an die Geheime Staatspolizei in Düsseldorf:

„Der in der Haftanstalt Feldkirch als Untersuchungsgefangener einsitzende Privatangestellte Heinrich H e i n e n aus Berlin, geboren am 14. Mai 1920 in Köln, ledig, hat zugestanden, mit der am 24. April 1920 in Langenfeld bei Düsseldorf geborenen Jüdin Edith Sarah Meyer (Eltern Max und Rebekka, geb. Salomon) seit anfangs 1940 mehrfach Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Die Meyer hat noch angegeben, dass sie zuerst in Langenfeld, Gansbohlerstrasse 23 gewohnt habe, dass sie aber am 8. Dezember 1941 mit einem Sammeltransport nach Riga gebracht worden sei, wo sie dann im Ghetto gewohnt habe. Von hier habe sie Heinen, was dieser auch zugegeben hat, zu Ostern 1942 entführt. Schließlich wurden beide im Juni 1942 bei dem Versuch, die Reichsgrenze gegen die Schweiz zu überschreiten, im hiesigen Landgerichtsbezirk festgenommen.

Ich bitte nun um Mitteilung, was dort über die Meyer bekannt ist und ob nach den dortigen Unterlagen insbesondere feststeht, dass die Meyer, wie sie selbst zugegeben hat, Volljüdin ist. Gleichzeitig bitte ich noch um Bekanntgabe, an welche Stelle ich mich wegen des Aufenthaltes der Meyer in Riga wenden kann.“1

Hinter dieser nüchternen amtlichen Anfrage verbirgt sich eine ungeheuerliche Geschichte, die Geschichte einer großen Liebe, einer waghalsigen Flucht und eines tragischen Scheiterns. Es ist die Geschichte von Heinrich Heinen und Edith Meyer, eines „Deutschen“ und einer „Jüdin“, die für ihre Liebe ihr Leben riskierten – und verloren.

Achtzehn Jahre waren die beiden alt, als sie sich im Jahr 1938 in Köln kennen lernten und ineinander verliebten. Ihre Liebe war stets von Entdeckung und Bestrafung bedroht, denn die in Deutschland geltenden Rassengesetze verboten Liebesbeziehungen zwischen „Deutschen“ und „Juden“. Bis zum Dezember 1941 war es den beiden Liebenden dennoch möglich, sich heimlich und im Verborgenen zu treffen, dann aber brach die Katastrophe über sie herein: Edith wurde wie Tausende andere Juden aus den Städten und Dörfern Deutschlands in den Osten deportiert.

Heinrich versuchte nun, den Aufenthaltsort von Edith in Erfahrung zu bringen und kündigte schon zu Weihnachten 1941 an, „wenn er wüßte, wo die Edith wäre, würde er sie aus dem Lager holen“2.

Zu Ostern 1942 wusste Heinrich, wo Edith war: im Ghetto von Riga. Und er machte sein Vorhaben wahr. Von Berlin aus fuhr er nach Riga, um Edith zu befreien. Es gelang ihm, Edith unter den mehr als 25.000 Juden, die aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei dorthin deportiert worden waren, ausfindig zu machen und mit ihr aus dem mit Stacheldraht umzäunten und schwer bewachten Ghetto zu fliehen. Von da an hatten die beiden nur mehr ein Ziel: die Schweiz zu erreichen. Dort wollten sie heiraten.

Mehr als 3.000 Kilometer legten die beiden auf ihrer Flucht unentdeckt zurück. Von Riga flohen sie zunächst nach Königsberg, von dort nach Berlin, von Berlin nach Solingen. In Solingen konnte sich Edith für einige Tage bei ihrer jüdischen Cousine Helene Krebs verstecken, Heinrich hingegen fuhr wieder an seinen Arbeitsplatz nach Berlin zurück, wohin ihm wenig später auch Edith folgte. Nach acht Tagen verließen sie Berlin wieder und fuhren nach Königswinter am Rhein, wo sie drei Tage in einer Pension verbrachten. Von dort fuhren sie mit der Bahn nach Konstanz und versuchten zum ersten Mal, die Grenze zur Schweiz zu überschreiten, was aber nicht gelang. Deshalb fuhren sie weiter nach Bludenz in Vorarlberg. Dort ging ihnen das Geld aus, worauf sie in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1942 in Feldkirch versuchten, die Grenze zur Schweiz zu überqueren. Hierbei wurden sie festgenommen und in die Haftanstalt des Landgerichtes3 Feldkirch eingeliefert. Die Entscheidung über ihr weiteres Schicksal lag nun in den Händen der Justiz und der Gestapo von Feldkirch.

Auf diese Geschichte wurde ich erstmals im Jahre 1997 im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit als Vizepräsident des Landesgerichtes Feldkirch aufmerksam. Der Langenfelder Historiker Günter Schmitz4 war bei Nachforschungen zur Geschichte der in Langenfeld wohnhaft gewesenen Juden auf die in Feldkirch gescheiterte Flucht dieses Paares aufmerksam geworden und wollte wissen, ob dazu beim Landesgericht Feldkirch noch Akten vorhanden wären. Kurze Zeit später wandte sich ein weiterer Historiker, Holger Berschel, mit dem gleichen Anliegen an das Landesgericht Feldkirch. Er war bei Forschungen zur Geschichte des Judenreferates der Gestapo Düsseldorf5 auf das Ermittlungsverfahren gestoßen, das die Gestapo Düsseldorf gegen Ediths Cousine Helene Krebs eingeleitet hatte, nachdem diese Edith auf ihrer Flucht eine Woche lang in ihrer Wohnung versteckt hatte. Diese Fluchthilfe war der Gestapo Düsseldorf denunziert worden, was schließlich zur Einweisung der hochschwangeren Helene Krebs in das Konzentrationslager Auschwitz führte, wo sie wenig später starb.6 Auch er wollte wissen, ob es in Feldkirch noch Unterlagen zur Flucht von Heinrich Heinen und Edith Meyer gebe.

Nur wenig ließ sich damals zu diesen Anfragen finden. Der Name von Heinrich Heinen und Edith Meyer war zwar im Gefangenenbuch der Haftanstalt (dort „Mejer“ geschrieben) und im Register des Ermittlungsrichters (dort „Mayr“ geschrieben) verzeichnet, Akten waren jedoch nicht vorhanden. Aus den Eintragungen ging lediglich hervor, wann die beiden in die Haftanstalt eingeliefert worden waren und wann sie diese wieder verlassen hatten. Bei Edith Meyer war als Austrittsdatum „29. August 1942,9 Uhr“ und als Austrittsgrund „Gestapo Feldkirch übernommen“ vermerkt. Bei Heinrich Heinen befand sich neben dem Namen ein Kreuzzeichen. Bei ihm war als Grund für den Austritt aus der Haftanstalt eingetragen: „auf der Flucht in Hohenems erschossen“. Dass Heinen gemeinsam mit anderen Häftlingen aus dem Gefängnis von Feldkirch ausgebrochen und dann auf der Flucht in Hohenems erschossen worden war, war bekannt und schon in dem 1985 erschienenen Buch „Von Herren und Menschen. Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1933 bis 1945“7 erwähnt. Ebenso auch, dass er zuvor in Feldkirch wegen Rassenschande und Wehrdienstentziehung zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Über den Ausbruch aus dem Gefängnis und die Flucht von Heinen nach Hohenems war aber nichts Näheres bekannt. Und auch zu seiner Verurteilung wegen Rassenschande ließen sich keine Akten finden.

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Auszug aus dem Gefangenenbuch der Haftanstalt Feldkirch

1998 kam es neuerlich zu einer Anfrage von Günter Schmitz aus Langenfeld. Die Spur von Edith Meyer ende in Feldkirch. Über ihr weiteres Schicksal lasse sich nichts in Erfahrung bringen. Günter Schmitz wollte wissen, ob sich vielleicht aus anderen Fällen Hinweise ergeben könnten, was mit Edith Meyer geschehen sein könnte. Trotz neuerlicher Nachforschungen konnte diese Frage vorerst nicht geklärt werden. Bei einem Besuch im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes in Wien erhielt ich die Auskunft, dass über das weitere Schicksal von Edith Meyer nichts bekannt sei. Wenige Tage später wurde mir jedoch schriftlich mitgeteilt, dass eine Karteikarte der Gestapo von Innsbruck erhalten sei, aus der sich ergebe, dass Edith Meyer am 9. Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert worden sei. Dorthin also führte ihre Spur.

Im Jahr 2005 stieß ich, mittlerweile Präsident des Landesgerichtes Feldkirch, bei Recherchen für eine Chronik zur Geschichte dieses Gerichtes auf die nur unvollständig erhalten gebliebene Akte des jungen Tschechen Friedrich Frolik8, der im August 1942 bei dem Versuch, illegal die Grenze zur Schweiz zu überschreiten, festgenommen und in der Haftanstalt des Landgerichtes in jenen Haftraum eingewiesen worden war, in dem sich neben anderen Häftlingen auch Heinrich Heinen befand. Aus der Akte ging hervor, dass sich Frolik am Ausbruch von Heinrich Heinen und mehreren anderen Häftlingen aus der Haftanstalt beteiligt hatte. Deswegen wurde er nach seiner neuerlichen Festnahme zum Tode verurteilt und hingerichtet. Das gegen Friedrich Frolik ergangene Todesurteil enthält eine minuziöse Schilderung dieses Ausbruchs, als dessen geistiger Urheber und Rädelsführer Heinen bezeichnet wird. Über ihn heißt es dort: „Seine Verwegenheit offenbarte sich in der Befreiung seiner Braut Sarah Meier aus dem Ghetto in Riga (…)“ und weiter: „Heinen wollte seine Braut Sarah Meier, die aber inzwischen abgeschoben worden war, und andere Gefangene befreien“. Da mir die Flucht von Heinrich Heinen und Edith Meyer aus Riga auf Grund der Jahre zuvor erfolgten Anfragen von Günter Schmitz und Holger Berschel bekannt und in Erinnerung war, wurde mir rasch bewusst, dass Sarah Meier niemand anderer war als Edith Meyer. Der an sich bekannte Ausbruch mehrerer Häftlinge aus der Haftanstalt von Feldkirch und der Tod von Heinrich Heinen erhielt dadurch einen völlig neuen Hintergrund: Heinen wollte seine Edith ein zweites Mal retten und neuerlich mit ihr fliehen.

Dass Heinen und seine Mithäftlinge die Haftanstalt vergeblich nach Edith Meyer durchsucht hatten und diese, wie aus der Karteikarte der Gestapo Innsbruck hervorgeht, nur wenige Stunden zuvor von Feldkirch nach Innsbruck überstellt worden war, beeindruckte und berührte mich zutiefst. Welche Tragik lag über diesem Geschehen. Und welches Verhängnis lag über Friedrich Frolik, der wegen seiner Beteiligung am Ausbruch aus dem Gefängnis zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

2008 wurde schließlich noch ein lange verschollen geglaubter Aktenbestand aus der NS-Zeit gefunden, in dem sich auch die Akte mit Heinens Verurteilung wegen Wehrdienstentziehung und Rassenschande9 befand. Mosaikstein für Mosaikstein erschloss sich mir so über Jahre die Geschichte von Heinrich Heinen und Edith Meyer.

Nach meiner Pensionierung wollte ich diese Geschichte genauer erforschen. Was ließ sich nach so langer Zeit noch über das Leben und die Flucht dieses Paares in Erfahrung bringen? Mich interessierten die Weiterungen, die der Fall in Feldkirch genommen hatte. Wie reagierten Justiz und Gestapo insgesamt auf die an der Grenze zur Schweiz gescheiterten Fluchtversuche? Und welches Geschick hatte die sechs Männer in der Zelle 52 der Haftanstalt von Feldkirch zusammengeführt, die am letzten Sonntag im August des Jahres 1942 aus dem Gefängnis ausbrachen, nachdem sie vorher die Haftanstalt vergeblich nach Edith Meyer durchsucht hatten. Was geschah mit ihnen nach dem Ausbruch? Mich interessierten auch die Auswirkungen der Flucht von Heinrich Heinen und Edith Meyer auf die in Solingen wohnhaft gewesene Helene Krebs. Welche Abläufe hatten dazu geführt, dass Ediths Cousine in hochschwangerem Zustand in das Konzentrationslager Auschwitz eingewiesen wurde, wo sie wenig später starb?

Als Ergebnis meiner Nachforschungen liegt nun dieses Buch vor. Es folgt den Spuren von Heinrich Heinen und Edith Meyer und versucht, die Geschichte dieses Liebespaares und der in ihr Schicksal verwobenen Menschen dokumentarisch nachzuzeichnen.10 Es versucht, an ihrem Beispiel zu zeigen, welch großes Leid die nationalsozialistische Rassenpolitik über Tausende von Menschen brachte und wie schwierig es in jener verhängnisvollen Zeit war, dem Herrschaftsapparat des Nationalsozialismus zu entfliehen. Es will auch Einblick geben, wie die Justiz und die Gestapo von Feldkirch auf die an der Grenze zur Schweiz gescheiterten Fluchtversuche reagierten. Das vorrangigste Ziel dieses Buches besteht aber darin, die bedrückende und berührende Geschichte von Heinrich Heinen und Edith Meyer in das Gedächtnis der Gegenwart zurückzuholen und das Schicksal dieses Liebespaares vor dem Vergessen zu bewahren.

Die Herkunft von Heinrich Heinen und Edith Meyer

Heinrich Heinen entstammte einer katholischen Arbeiterfamilie aus Köln-Lindenthal. Sein Vater Nikolaus Heinen war Fabrikarbeiter, seine Mutter Anna, geb. Maes, Hausfrau.

Heinrich wurde am 14. Mai 1920 geboren und noch am Tag seiner Geburt in der Universitäts-Frauenklinik von Köln getauft.11 Seine Eltern lebten damals in Köln, Severinstraße 209. Später übersiedelten sie an den Georgsplatz 7. Dort erhielten sie auch die Nachricht vom Tod ihres Sohnes.

Der Georgsplatz hat seinen Namen von der Georgskirche, der einzig erhaltenen frühromanischen Säulenbasilika des Rheinlandes, deren Geschichte bis in das Jahr 1057 zurückreicht. St. Georg „ist eine der täglich meistbesuchten Kölner Kirchen“, heißt es in einem Buch über das „Heilige Köln“. „Ihre Proportionen sind klar überschaubar, die Maße auf den Menschen zugeordnet, der sich auch als einzelner nie verloren vorkommt, ihr beständiges Dämmerlicht ist wie eine Trennung von aller gewohnten Hast des Tages.“ In dieser Kirche befindet sich der Torso eines Gekreuzigten, dessen Antlitz ein Leid erahnen lässt, „das an der Grenze des Erfahrbaren liegt.“12 Hier werden Heinens Eltern wohl oft ihres „auf der Flucht erschossenen“ Sohnes gedacht haben.

Beim letzten Bombenangriff auf Köln vom 2. März 1945 wurden die Georgskirche und das Viertel um den Georgsplatz schwer beschädigt. Wahrscheinlich wurde dabei auch Heinens Elternhaus zerstört. Ob Heinens Eltern den Krieg überlebten, konnte nicht geklärt werden, wie überhaupt über ihn und seine Familie nur wenig in Erfahrung gebracht werden konnte. Heute jedenfalls findet sich von Heinrich Heinen und seiner Familie in Köln kaum eine Spur.

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Edith Meyer
(Foto: Leihgeber Ernst Meyer, Sammlung Günter Schmitz)

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Edith Meyer (links hinten) gemeinsam mit anderen Kindern (Foto: Leihgeber Ernst Meyer, Sammlung Günter Schmitz)

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Edith Meyer mit Familie; v.l.n.r.: Schwester Alice Meyer, Bruder Ernst Siegfried Meyer, Edith Meyer, vorne: Eltern Max und Rosa Rebekka Meyer, geb. Salomon (Foto: Leihgeber Ernst Meyer, Sammlung Günter Schmitz)

Im Taufbuch der Universitäts-Frauenklinik ist vemerkt, dass Heinrich am 3. Februar 1930 in der Pfarre St. Columba in Köln gefirmt worden sei. Über die Firmung von Heinrich Heinen sind in den Büchern dieser Kirche jedoch keine Aufzeichnungen zu finden.13 Auch zu seiner Schul- und Berufsausbildung konnte nichts Näheres erhoben werden.

Nach Angaben, die Heinrich Heinen in der Haftanstalt von Feldkirch gemacht hat, wurde er am 15. Januar 1942 durch das Arbeitsamt Köln als Kalkulator zu den Henschel-Werken nach Berlin dienstverpflichtet. Die Henschel-Werke zählten damals zu den bedeutendsten Rüstungsbetrieben des Deutschen Reiches. Sie produzierten Lastkraftwagen für die Wehrmacht, Panzer, Flugzeuge und militärische Flugkörper.

Von seinem Arbeitsplatz in Berlin aus fuhr Heinen zu Ostern 1942 nach Riga, um Edith Meyer aus dem Ghetto zu befreien. Wo und bei welcher Gelegenheit er Edith kennen gelernt hat, ist nicht bekannt. In dem gegen Heinrich Heinen wegen Rassenschande ergangenen Urteil des Landgerichtes Feldkirch wird jedoch erwähnt, dass sich die beiden im Jahre 1938 kennen gelernt hätten. Damals waren beide achtzehn Jahre alt.

Über Edith Meyer und ihre Familie ist dank der Forschungen des Langenfelder Historikers Günter Schmitz weit mehr bekannt als über Heinrich Heinen und dessen Familie.14

Edith Meyer wurde am 24. April 1920 in Langenfeld/Rheinland geboren. Ihre Eltern waren Max und Rosa Rebekka Meyer, geborene Salomon. Edith hatte zwei Geschwister, Alice, geboren am 7. März 1910, und Ernst Siegfried, geboren am 5. Januar 1914. Alice emigrierte bereits im Jahr 1936 in die USA. Ernst Siegfried, der in Deutschland mit dem Medizinstudium begonnen hatte, emigrierte 1937 gleichfalls in die USA, nachdem jüdische Studenten von den Universitäten ausgeschlossen worden waren und er sein Studium in Deutschland nicht mehr fortsetzen konnte.

Edith besuchte vom 20. April 1926 bis zum Herbst 1935 die Marienschule in Opladen. Diese 1866 gegründete „Unterrichts- und Erziehungsanstalt für Töchter“, die seit 1972 auch Knaben aufnimmt, stand bis zu ihrer Übernahme durch das Erzbistum Köln im Jahr 1996 unter der Leitung der „Congregation der armen Dienstmägde Jesu Christi“. 1909 in ein Lyzeum umgewandelt, erhielt die Schule 1927 die Genehmigung zur Führung eines Oberlyzeums (Gymnasium für Mädchen). Wie das Beispiel von Edith Meyer zeigt, nahm die Marienschule nicht nur katholische, sondern auch jüdische Schülerinnen auf.

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Marienschule Opladen, die Edith Meyer von 1926 bis 1935 besucht hat. (Foto aus: „125 Jahre Marienschule Opladen 1866–1991“, S. 50)

Edith Meyer verließ die Marienschule im Herbst 1935. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie einen Schulabschluss, der einer Mittleren Reife entsprach. 1934/35 sank die Zahl der Schülerinnen erheblich, weil der nationalsozialistische Staat katholischen Privatschulen ablehnend gegenüberstand und der Marienschule in Opladen finanzielle Zuschüsse gestrichen wurden. Durch solche und andere Maßnahmen sollte ein allmähliches Ende des Schulbetriebes herbeigeführt werden. 1940 wurde die Marienschule vom Staat geschlossen. Wahrscheinlich führte diese sich bereits 1935 abzeichnende Entwicklung dazu, dass Edith Meyer die Schule im Herbst 1935 verließ, obwohl jüdischen Kindern zu diesem Zeitpunkt der Besuch einer höheren Schule noch nicht generell verboten war.15 In den Schulakten ist vermerkt, dass sie ins Elternhaus zurückkehrte.

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Kaufhaus der Gebrüder Meyer (Foto: Leihgeber Ernst Meyer, Sammlung Günter Schmitz)

Am 20. Februar 1936 zog Edith von Langenfeld nach Düsseldorf, wo sie im Haus des Schulleiters der jüdischen Schule von Düsseldorf Dr. Kurt Gerson Herz in der Bilker Straße 44 als Haustochter wohnte. Bereits am 29. Mai 1936 zog sie jedoch wieder nach Langenfeld in ihr Elternhaus in der mittlerweile nach Adolf Hitler benannten Hauptstraße zurück.

Bekannt ist, dass Edith in der Folge als Schneiderin bei der Firma Brügelmann in Köln arbeitete, einer Firma, die seit 1820 vor allem Bettwäsche, Bettdecken und Leintücher erzeugt.

Ediths Vater Max, geboren am 7. August 1874 in Ganspohl, einem Ortsteil von Langenfeld, betrieb mit seinem Stiefbruder Bernhard ein Warenhaus, in dem alles erhältlich war, was damals in einer „Gemischtwarenhandlung“ üblicherweise gekauft werden konnte: Kleider, Stoffe, Schuhe, Möbel, Geschirr, Werkzeuge und vieles mehr. „Maß-Anzüge von 25 Mk. an. Stoffmuster franko zu Diensten“, offerierte das „Warenhaus Gebr. Meyer“ 1907 in einem Inserat. Das Kaufhaus hatte in Langenfeld und Umgebung einen guten Ruf. Die Eigentümer waren wie die übrigen jüdischen Bürger von Langenfeld in das kulturelle und soziale Leben der Gemeinde integriert, betätigten sich in verschiedenen Vereinen und nahmen am gesellschaftlichen und kulturellen Leben von Langenfeld teil. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten gab es in Langenfeld keine nennenswerten antisemitischen Zwischenfälle.

Langenfeld, dreißig Kilometer nördlich von Köln und fünfundzwanzig Kilometer südlich von Düsseldorf gelegen, besteht aus mehreren Ortsteilen, die im Jahr 1936 vereinigt wurden. Bis zu dieser Vereinigung hieß die Gemeinde Richrath-Reusrath. 1933 hatte die Gemeinde knapp 16.000 Einwohner, 73 davon waren Juden. Mit diesen 73 Mitgliedern war Richrath-Reusrath die größte jüdische Gemeinde im Rhein-Wupper-Kreis.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es auch in Langenfeld zu antisemitischen Ausschreitungen, sodass schon kurze Zeit später die ersten jüdischen Bürger die Gemeinde verließen. 1935 lebten nur mehr 54 Juden in Langenfeld, 1939 noch 34, von denen 19 Patienten der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Langenfeld-Galkhausen waren. In dieser Anstalt waren seit ihrer Gründung Juden aus dem Rheinland als Patienten untergebracht.

Auf die Ermordung des Legationssekretärs der deutschen Botschaft von Paris, Ernst Eduard vom Rath, durch den siebzehnjährigen Juden Herschel Grynszpan folgten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in ganz Deutschland vom NS-Regime organisierte und gelenkte Pogrome und Ausschreitungen gegen Juden. Auch in Langenfeld kam es zu schweren Gewalthandlungen der SA und SS gegen jüdische Bürger, bei denen auch das Geschäft und die Wohnungen der Gebrüder Meyer, die sich im Geschäftshaus befanden, beschädigt und geplündert wurden. Ediths Vater wurde im Zuge dieser Ausschreitungen festgenommen und in das Polizeigefängnis verbracht, aus dem er erst am 22. November 1938 wieder entlassen wurde.

Max Meyer erstattete nach dem Krieg Anzeige gegen die Tatbeteiligten an den damaligen Ausschreitungen. Das Verfahren endete mit geringfügigen Strafen für mehrere Beteiligte. Aufschlussreich ist die Aussage, die Antonie Brüggemann, die katholische Haushälterin von Albert Salomon, einem Onkel von Edith Meyer, in diesem Verfahren machte. Ihre Aussage zeigt, wie die Ausschreitungen gegen Juden in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in dieser kleinen Stadt, in der nur mehr wenige Juden lebten, abliefen:

„Ich hörte, daß in unserem Haus Scheiben eingeschlagen wurden. Aus diesem Grund stand ich auf und begab mich zum Parterre. Ich hatte keinen Verdacht, was für Personen es sein könnten, die die Zertrümmerung vornahmen. Salomon selbst befand sich noch auf der Etage und hatte er, wie ich später erfuhr, eine Waffe zum Fenster hinausgeworfen. Bemerken möchte ich noch, daß von draußen dem Salomon zugerufen wurde, er möchte seine Waffe herausgeben. Salomon war im Besitze eines Waffenscheines. Nach kurzer Zeit hat Salomon das Haus verlassen und ist nach dem damaligen Polizeimeister Schoofs, Talstr. hingegangen, um dort um Schutz zu bitten. Von dort kam er zurück und erklärte mir, daß Schoofs ihm für Schutz sorgen würde. Nach einiger Zeit fuhr nun ein Auto am Haus Salomon vor und wir waren der Annahme, daß es Polizeibeamte waren. Aus diesem Grund öffnete Salomon die Haustüre und kamen nun 6–8 SA-Leute in Uniform herein, die sofort über Salomon herfielen. Mit einer Treppenlatte, die von den SA-Leuten abgerissen wurde, wurde nun Salomon mißhandelt. (…) Ph. M. hat mit der Latte den Salomon mißhandelt. Sein Vater, der F. M. zog den SA-Dolch und wollte damit auf Salomon einstechen. Der Sturmführer F. hielt ihn davor zurück. Salomon lag auf dem Fußboden im Flur. Ob er durch die Mißhandlung blutete, kann ich nicht angeben. Ich bin von der ersten Etage aus, weil ich Angst um mein Leben bekam, aus dem Fenster gesprungen und blieb schwer verletzt im Garten liegen. Von dort hörte ich das schwere Stöhnen des Salomon. Durch diesen Sprung aus dem Fenster war das rechte Bein dreimal gebrochen und das linke einmal. Nach etwa 10 Minuten habe ich geklopft und hat Herr Salomon mich in dieser Lage aufgefunden. Er benachrichtigte den Arzt Dr. Heller und wurde ich dann in das Haus hereingetragen. Der Arzt stellte die Brüche der Knochen fest und wurde ich am selben Tag zum Krankenhaus nach Richrath geschafft und lag ich dort 11 Monate. Nach einiger Zeit, als ich auf dem Sofa im Wohnzimmer lag, erschienen zwei mir unbekannte SA-Leute und waren diese mit Beilen bewaffnet. Sie schlugen die Türfüllung entzwei und suchten gleichzeitig den Salomon. Dieser war durch den Keller nach dem Garten geflüchtet und wurde er von den SA-Leuten verfolgt, jedoch haben dieselben diesen nicht gefunden. Das ganze Haus wurde nun demoliert, jedoch konnte ich die einzelnen Beschädigungen nicht feststellen, da ich gehunfähig auf dem Sofa lag. Morgens gegen 1/16 Uhr (Anm.: gemeint wahrscheinlich ½ 6 Uhr) hörte ich, daß von draußen gerufen wurde: Licht aus. Ich sagte nun, daß ich nicht gehen könne und aus diesem Grund das Licht nicht ausschalten könne. Daraufhin sagte der SA-Mann K., den ich an seiner Stimme erkannte: ‚Dann verreck.‘

Bemerken möchte ich noch, daß bei der Zerstörung des Hauses und der Möbel zwei SA-Leute in mein Zimmer kamen, denen ich erklärte, daß ich krank sei. Einer davon sagte nun, dann schonen wir dieses Zimmer. Das ganze Haus wurde vollständig demoliert. Alle Türen, Möbel, Fenster und die Treppengeländer wurden gewaltsam zerstört bezw. umgeworfen. Ebenso wurde das Haus auch ausgeplündert, von mir wurden 2 goldene Ringe, 1 goldnes Armband mit Brillantsteinen, 1 silberne Theatertasche gestohlen. (…)“16

Nach den Novemberpogromen nahm die Entrechtung und Verfolgung der Juden durch das NS-Regime drastisch zu. Auch Edith und ihre Familie waren von den nun anlaufenden Schikanen und Maßnahmen betroffen. Auf Grund der „Verordnung vom 12. November 1938 über die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ wurde die Firma der Gebrüder Meyer mit Wirkung vom 31. Dezember 1938 von Amts wegen gelöscht. Damit verloren Ediths Vater und sein Stiefbruder ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage.

Die „Polizeiverordnung über das Auftreten der Juden in der Öffentlichkeit vom 28. November 1938“ ermöglichte es den Behörden, Juden das Betreten bestimmter Bezirke zu verbieten und ihnen aufzutragen, sich zu bestimmten Zeiten nicht in der Öffentlichkeit zu zeigen. Auf Grund dieser Regelungen wurden die Brüder Bernhard und Max Meyer mit ihren Familien am 18. September 1939 in ein „Judenhaus“ zwangsumgesiedelt. Dieses „Judenhaus“ befand sich in der Ganspohler Straße 13 und stand im Eigentum von Albert Salomon, jenem Onkel von Edith, über dessen Misshandlungen in der Reichspogromnacht Antonie Brüggemann in dem gegen die Tatbeteiligten nach dem Krieg durchgeführten Verfahren berichtet hat.

Die Konzentration in einem „Judenhaus“ diente der besseren Überwachung und Kontrolle der Juden. Noch bestehende Kontakte zu „Deutschstämmigen“ sollten durch diese Form der innerstädtischen Ghettoisierung unterbunden oder zumindest erschwert werden. „Die Ausscheidung der Juden aus deutschen Wohnstätten“ verfolgte auch das am 30. April 1939 erlassene „Gesetz über die Mietverhältnisse der Juden“. „Deutschen Volksgenossen“ stand nunmehr das Recht zu, das Zusammenleben mit Juden im gleichen Haus abzulehnen.

Ediths Vater unterhielt auch nach der zwangsweisen Einweisung in das „Judenhaus“ noch Kontakte zu früheren Freunden. Wegen solcher Kontakte wurde er am 18. März 1942 für einundzwanzig Tage in „Schutzhaft“ genommen. Er hatte einen katholischen Schulfreund besucht, den die Gestapo als „fanatischen Katholiken“ bezeichnete, der wegen seines Verhaltens „Juden gegenüber“ ein „Feind des Nationalsozialismus“ sei. Die Gestapo drohte ihm „im Falle des weiteren Verkehrs mit Juden“ schärfste staatspolizeiliche Maßnahmen an.

Die Zahl der Bewohner des „Judenhauses“ änderte sich mehrmals. Als schließlich am 24. Juli 1942 die letzten sieben Bewohner dieses Hauses, darunter auch Ediths Eltern Max und Rosa Rebekka Meyer, deportiert wurden, war Langenfeld „judenfrei“. Die in der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt untergebrachten Juden waren bereits am 12. Februar 1941 nach Düsseldorf-Grafenberg verbracht worden, wo alle jüdischen Kranken der nördlichen Rheinprovinz gesammelt wurden. Ihr weiteres Schicksal ist nicht genau bekannt. Vermutlich kamen sie in die nationalsozialistische Tötungsanstalt Hadamar, wo sie wie Tausende andere Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermordet wurden.

Edith Meyer wurde am 11. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Zusammen mit ihr wurden ihr Onkel Albert Salomon, der Eigentümer des „Judenhauses“, ihr Stiefonkel Bernhard Meyer und seine gerade erst zehn Jahre alte Tochter Helga nach Riga deportiert. Bernhard Meyers Frau Emma kam gleichfalls dorthin, wurde aber später in das siebenunddreißig Kilometer östlich von Danzig gelegene Konzentrationslager Stutthof verlegt.

Auch Jakob Schmitz und ein weiterer Jude namens Albert Salomon aus Langenfeld kamen mit diesem Transport nach Riga. Sie alle wurden zunächst mit einem Viehtransporter von Langenfeld nach Düsseldorf transportiert. Von dort wurden sie nach Riga verbracht. Von ihnen überlebte niemand.

Rosa Rebekka und Max Meyer, Ediths Eltern, wurden im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Rosa Rebekka Meyer verhungerte dort, das Todesdatum wird mit 17. bzw. 18. April 1943 angegeben. Ihre Asche hat ihr Ehegatte Max in einem Fluss verstreut.

Max Meyer überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt und kehrte im Juni 1945 nach Langenfeld zurück. Er starb dort am 22. März 1955.

Ediths Schwester Alice verbrachte ihr weiteres Leben in den USA, heiratete dort und starb im Jahre 1993. Sie hatte keine Kinder.