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Stefan Eminger,
Ernst Langthaler

Niederösterreich

Vom Ersten Weltkrieg
bis zur Gegenwart

Inhalt

Titel

Einleitung

Niederösterreichs Wirtschaft:
Land der begrenzten Möglichkeiten

Prägendes Erbe (bis 1918)

Problematische Umstellung (1918–1929)

Große Krise (1929–1938)

Großdeutscher Entwicklungsschub (1938–1945)

Wiederaufbau Ost (1945–1955)

Nachholende Westorientierung (1955–1973)

Regionales Krisenmanagement (1973–1989)

Globale Standortkonkurrenz (seit 1989)

Niederösterreichs Politik:
Land im Zeichen des Bauernbundes

Vom Kronland zum Bundesland (1918–1933)

Von der Demokratie zur Diktatur (1933–1938)

Vom Bundesland zum Reichsgau (1938–1945)

Vom Reichsgau zur Besatzungszone (1945–1955)

Von der Besatzungszone zum Grenzland (1955–1989)

Vom Grenzland zur Europaregion (seit 1989)

Niederösterreichs Gesellschaft:
Land des gebremsten Wandels

Beschleunigter Übergang (bis 1918)

Gespaltene Gesellschaft (1918–1938)

Zweimaliger „Aufbau“ (1938–1955)

„Goldenes Zeitalter“ (1955–1980)

Flexible Lebenswelten (seit 1980)

Niederösterreichs Kultur:
Land im Schatten der Großstadt

Kampf der Kulturen (1918–1933)

Triumph der Provinz (1933–1938)

Nationalsozialistische Provinzkultur (1938–1945)

Restaurative Antimoderne (1945–1960/70)

Aufbruch in die Moderne (1960/70–1986)

Emanzipation von der Großstadt (seit 1986)

Zusammenschau

Verwendete und weiterführende Literatur

Bild- und Abbildungsnachweis

Stefan Eminger und Ernst Langthaler

Zu den Autoren

Impressum

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Einleitung

Dieses Buch möchte einem breiten, über die engere Fachkollegenschaft hinausreichenden Publikum einen kompakten Überblick über die jüngste Geschichte Niederösterreichs geben. Wie aber schreibt man eine „kurze Geschichte“ des 20. Jahrhunderts von Österreichs flächengrößtem Bundesland? Wie kann man den ausufernden Gegenstand überhaupt sinnvoll eingrenzen? Und wie kommt man den Eigenarten dieses ehemaligen Kernlandes der Habsburgermonarchie auf die Spur?

Bei der Beantwortung dieser Fragen orientieren wir uns am Modell einer facettenreichen „Gesellschaftsgeschichte“ – freilich ohne diese allzu eng zu fassen. Die Darstellung ist nicht vorrangig chronologisch, sondern nach Aspekten gegliedert. Das Buch umfasst vier Kapitel, welche die Geschichte des Landes aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten: Wirtschaft, Politik, Gesellschaft (im engeren Sinn) und Kultur. Diese vier Kapitel entwickeln wir jeweils entlang eines Leitmotivs, das in pointierter Form Charakteristika des Landes und seiner Geschichte benennt. Um das für Niederösterreich Spezifische herauszuarbeiten, ziehen wir immer wieder Vergleiche zu anderen Bundesländern sowie zu Österreich insgesamt.

Die vier chronologisch gegliederten Abschnitte, die die wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Entwicklung Niederösterreichs seit 1918 darstellen, folgen ihrer eigenen Logik. Das zeigt sich etwa an der Periodisierung, die nach Teilaspekten unterschiedliche Zäsuren setzt. Das Auf und Ab der Wirtschaft wird hier ebenso sichtbar, wie die gerade im „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm) so scharfen Brüche in der Politik, die Umschichtungen im Gesellschaftsaufbau genauso wie die Strömungen kultureller Äußerungen. Das Schlusskapitel nimmt die Leitmotive auf und sucht die vier Teilbereiche zueinander in Beziehung zu setzen. Das erste und dritte Kapitel stammt von Ernst Langthaler, das zweite und vierte von Stefan Eminger; Einleitung und Schluss wurden gemeinsam verfasst.

Dieses Buch fußt zu wesentlichen Teilen auf der von uns gemeinsam mit Oliver Kühschelm und Peter Melichar 2008 herausgegebenen Geschichte Niederösterreichs im 20. Jahrhundert. Es ist ein Versuch, die vielfältigen Forschungsergebnisse dieses dreibändigen Sammelwerkes zu bündeln und in essayistischer Form zur Diskussion zu stellen. Darüber hinaus konnten wir auf Arbeiten von Fachkolleginnen und -kollegen zurückgreifen, die vor allem seit der Jahrtausendwende verfasst wurden und das wachsende Interesse an regionaler Zeitgeschichte ausdrücken. Bemerkenswert erscheint dabei das Engagement des Landes Niederösterreich für die Bearbeitung seiner jüngsten Geschichte. Beginnend mit der dreibändigen Kulturgeschichte Niederösterreichs von 1861 bis zur Gegenwart (2004–2006) über den Sammelband Sowjets, Schwarzmarkt, Staatsvertrag. Stichwörter zu Niederösterreich 1945–1955 (2005) und den gemeinsam mit dem Magistrat St. Pölten erarbeiteten Band St. Pölten im 20. Jahrhundert (2010) initiierte das Land Niederösterreich in den letzten Jahren nicht nur das dreibändige Niederösterreich im 20. Jahrhundert (2008), sondern auch Oral History-Projekte und zeithistorische Ausstellungen, etwa Ein Land im Zeitraffer. Niederösterreich seit 1848 (NÖ Landesmuseum, 2012).

Über die Beweggründe dieses jüngst erwachten Interesses, auch des offiziellen Niederösterreichs, an der regionalen Zeitgeschichte lassen sich unterschiedliche Vermutungen anstellen. Jedenfalls tritt das in vielerlei Hinsicht „extreme“ 20. Jahrhundert auch in Niederösterreich langsam aus dem Bereich des heiß umkämpften Gedächtnisses in den Bereich der kühl abwägenden Geschichtsforschung. Der Verlag Haymon eröffnet mit seiner Buchreihe zur Geschichte der österreichischen Bundesländer seit 1918 eine weitere Gelegenheit zur differenzierten Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit dieses Landes. Ihm und seinem Programmleiter Georg Hasibeder gilt daher unser Dank.

Niederösterreichs Wirtschaft: Land der begrenzten Möglichkeiten

Prägendes Erbe (bis 1918)

„Kann man unter diesen Umständen noch von einem Land Niederösterreich sprechen?“ Diese – tendenziell mit „nein“ beantwortete – Frage der Historikerin Andrea Komlosy führt zum Leitmotiv des folgenden Kapitels. Die Umstände, von denen hier die Rede ist, sind die inneren und äußeren Grenzen Niederösterreichs, die – zusammen mit anderen Bedingungen – den Manövrierraum des Wirtschaftens abstecken. Diese Grenzen lassen das Bundesland nicht als einheitlichen Wirtschaftsraum, sondern als buntes Konglomerat von Regionen erscheinen. Zwar können diese mit Verwaltungseinheiten zusammenfallen; doch meist verlaufen sie quer zu Bezirks-, Landes- und Staatsgrenzen. Eine Region zeichnet sich durch ein bestimmtes Maß an Verfügungsgewalt über Ressourcen aus; mächtige und reiche Regionen steigen zu Zentren auf, abhängige und arme Regionen bilden Peripherien. Ob eine Region eine zentrale oder periphere Stellung im Gefüge des Wirtschaftsraums einnimmt, hängt einerseits von der Art ihrer Einbettung in das politisch-ökonomische System, andererseits von den Deutungen und Handlungen der dortigen Akteure ab. Folglich betrachten wir Niederösterreich als ein Gefüge ungleicher Regionen, das durch über die jeweiligen Grenzen hinausgehende Macht- und Austauschbeziehungen sowie regionale Aktivitäten aufrechterhalten und verändert wird.

Die regionale Vielgestaltigkeit Niederösterreichs ist zu einem Gutteil ein Erbe der Habsburgermonarchie. Das Kronland Niederösterreich umfasste eine breite Palette an naturräumlichen Lagen, die Möglichkeiten und Grenzen der „Urproduktion“ – der unmittelbaren Nutzung des Landes durch Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei und Bergbau – festlegten: „Lage, Boden und Klima bedingen in Niederösterreich die ganze Reihe von Bewirtschaftungsarten, welche sonst nur in Ländern von grosser Ausdehnung vertheilt gefunden werden“, bemerkte der Agrarfachmann Joseph Roman Lorenz Mitte des 19. Jahrhunderts. Da die Verwaltungseinteilung Niederösterreichs auf die naturräumlichen Eigenarten kaum Rücksicht nahm, legten Agrarstatistiker ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entsprechende Einteilungen fest. Diese wurden im 20. Jahrhundert weiter verfeinert, so etwa in den nach Kleinproduktionsgebieten gegliederten Hauptproduktionsgebieten Niederösterreichs: Voralpen, Alpenostrand, Waldviertel, Alpenvorland sowie nordöstliches Flach- und Hügelland. Jedes Produktionsgebiet umfasst charakteristische Formen der Landnutzung: Im Produktionsgebiet Voralpen entfiel der größte Teil der Betriebe auf Grünlandwirtschaften, die verhältnismäßig hohe Waldanteile aufwiesen. Der kleinere Teil umfasste die Acker-Waldwirtschaften des Wechselgebietes, bei denen der Waldanteil zurücktrat und die Dauergrünlandflächen einem stärkeren Ackerfutterbau Platz machten. Diese Betriebe ähnelten jenen des Produktionsgebietes Waldviertel, das sich aus Futterwirtschaften mit größerem Waldanteil und vorwiegend den Getreidebau betonenden Ackerwirtschaften zusammensetzt. Zwischen Waldviertel und Voralpen schob sich das Produktionsgebiet Alpenvorland, welches dieselben Landnutzungsformen wie im Waldviertel erkennen ließ; hier begünstigten die vergleichsweise bessere Verkehrs- sowie klimatische Lage die Intensivierung der Betriebe. Im Produktionsgebiet östliches Flach- und Hügelland mit stark pannonischem Klimaeinfluss machten die Dauerfutterflächen dem Feldfutterbau Platz. In den besseren Lagen gewann der Hackfruchtbau an Bedeutung, und in den Gunstlagen wurde Weinbau betrieben. Etwa je ein Drittel der Höfe entfiel auf die Getreide-, Hackfrucht- sowie Weinbauwirtschaften mit oder ohne nennenswerten Ackerbau. Neben den Klima-, Boden- und Reliefbedingungen des Landes bildeten die Gewässer Niederösterreichs – die Donau als überregionale Verkehrsverbindung zwischen Nordwest- und Südosteuropa sowie die ihr aus den niederschlagsreichen Alpen zuströmenden Flüsse als Energiequellen – entscheidende Voraussetzungen des Wirtschaftens. Zudem schlummerten im Wiener Becken und im Weinviertel Erdöl- und Erdgasvorräte im ansonsten an Bodenschätzen armen Land.

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Landwirtschaftliche Haupt- und Kleinproduktionsgebiete in Niederösterreich 1966

Hauptproduktionsgebiet Voralpengebiet: Waidhofen-Scheibbser Gebiet (36), Westlicher Wienerwald (37), Östlicher Wienerwald (38), Niederösterreichische Eisenwurzen (39), Gutensteiner Gebiet (40), Thermenland (41); Hauptproduktionsgebiet Alpenostrand: Bucklige Welt und Wechselgebiet (43); Hauptproduktionsgebiet Wald- und Mühlviertel: Hochlagen des Waldviertels (55), Mittellagen des Waldviertels (56), Östliches Waldviertel (57), Südliches Waldviertel (58); Hauptproduktionsgebiet Alpenvorland: Haag-Amstettner-Gebiet (75), Wieselburg-St. Pöltner Gebiet (76); Hauptproduktionsgebiet nordöstliches Flach- und Hügelland: Wachau (83), Herzogenburg-Tulln-Stockerauer Gebiet (84), Westliches Weinviertel (85), Hollabrunn-Mistelbacher Gebiet (86), Laaer Bucht (87), Östliches Weinviertel (88), Marchfeld (89), Wiener Boden (90), Baden-Gumpoldskirchner Weinbaugebiet (91), Steinfeld (92).

Die regionale Vielgestaltigkeit Niederösterreichs folgte nicht unmittelbar aus dem naturräumlichen Potenzial, sondern erst vermittels dessen Aneignung durch die Gesellschaft. Das Erzherzogtum Österreich unter der Enns mit der Haupt- und Residenzstadt Wien als überragendem Verwaltungs- und Konsumzentrum bildete jahrhundertelang das Kernland des Habsburgerreiches; daher zählte es zu den am meisten privilegierten und entwickelten Regionen im Alpen- und Donauraum. Mit der volkswirtschaftlichen Integration im absolutistischen Zentralstaat seit dem 18. Jahrhundert bildete sich nach und nach eine regionale Arbeitsteilung heraus; dabei bestimmten Ressourcenausstattung, Arbeitskräftepotenzial und Verkehrserschließung die regionalen Entwicklungsmöglichkeiten und -grenzen. Parallel zur agrarischen Arbeitsteilung – einerseits die mit harter ungarischer Konkurrenz kämpfenden Marktfruchtbetriebe rund um Wien, andererseits die stärker auf Selbstversorgung ausgerichteten Betriebe in den Rand- und Gebirgslagen – entstanden im 19. Jahrhundert gewerblich-industrielle Schwerpunkte. Die Großindustrie konzentrierte sich im Wiener Becken und entlang der 1842 eröffneten Südbahn und strahlte in die einmündenden Seitentäler des Ostalpenrandes aus. Zunächst siedelten sich an den Wasserläufen mit Privilegien ausgestattete Textilfabriken an; später folgte die Metall- und Rüstungsindustrie; schließlich bildeten die Fahrzeug-, Maschinen-, Elektro- Lebensmittel-, und chemische Industrie die Leitsektoren. Im Ersten Weltkrieg wurde der Raum Wiener Neustadt zur Waffenschmiede der Monarchie ausgebaut, was der Metall- und Rüstungsindustrie erneut Auftrieb verschaffte. In den agrarisch kargen Abschnitten des nördlichen Waldviertels wie auch der südböhmischen Nachbarregionen, seit 1869 über die Kaiser-Franz-Josephs-Bahn verkehrstechnisch erschlossen, hatte sich seit dem 18. Jahrhundert die hausgewerbliche Textilverarbeitung konzentriert. Diese Textilregion diente seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend als verlängerte Werkbank von Firmen aus dem Großraum Wien, die aus Kostengründen die arbeitsintensiven Schritte der Weberei und Druckerei an Billigstandorte verlagerten. Entlang der 1858 eröffneten Kaiserin-Elisabeth-Westbahn knüpfte sich – im Schatten der dominanten Nord-Süd-Achse zwischen den durch die Kaiser-Ferdinand-Nordbahn seit 1838 erschlossenen mährischen und schlesischen Kohlerevieren und dem am Ende der Südbahn gelegenen Seehafen von Triest – kein geschlossenes Industrieband. Dazu trug auch der Niedergang der jahrhundertealten Kleineisenindustrie in den Eisenwurzen durch die großindustrielle Konkurrenz des Wiener Beckens bei, den nur isolierte Industriestandorte im Ybbs- und Erlauftal überlebten. Einzig das spät industrialisierte St. Pölten und das Traisental bildeten eine Nord-Süd-Achse der Eisen- und Metallerzeugung. Die übrigen Regionen Niederösterreichs, vor allem das Wein- und große Teile des Waldviertels sowie die nicht- und deindustrialisierten („reagrarisierten“) Abschnitte des Mostviertels, trugen ein landwirtschaftliches Gepräge. Die regional ungleiche Industrialisierung und „Reagrarisierung“ Niederösterreichs bis zum Ende der Habsburgermonarchie äußerte sich in einer Zentren- und Peripheriebildung, die der Wirtschaftsentwicklung im 20. Jahrhundert ihren Stempel aufdrückte.

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Industriestandorte in Niederösterreich 1926

Jede Figur steht für 500 Beschäftigte. Wichtige Betriebe mit geringerer Beschäftigtenzahl sind in gleicher Weise dargestellt

Trotz der gewerblich-industriellen Schwerpunktbildungen im niederösterreichischen Wirtschaftsraum seit dem 18. Jahrhundert überwog auch noch in der Spätzeit der Monarchie das agrarische Hinterland: Niederösterreich ohne die Stadt Wien war 1910 mit 52 Prozent land- und forstwirtschaftlich Erwerbstätigen im Vergleich zu den 39 Prozent auf dem Gebiet des heutigen Österreich ein „Agrarland“; der Anteil der gewerblich-industriell Beschäftigten lag mit 29 Prozent etwas unter dem Durchschnitt von 32 Prozent; der Dienstleistungsbereich fiel mit 19 gegenüber 29 Prozent deutlich ab. Freilich fiele dieser Vergleich unter Einbezug Wiens, des Sitzes der niederösterreichischen Verwaltungs-, Wirtschafts- und Kultureliten, anders aus. Dieses Profil – übergewichtiger Primär-, ausgeglichener Sekundär- und untergewichtiger Tertiärsektor – blieb im Großen und Ganzen während des gesamten 20. Jahrhunderts prägend. Gleichwohl heben sich zwei Entwicklungsphasen ab: eine vergleichsweise statische bis zur Jahrhundertmitte und eine dynamische in den Jahrzehnten danach. In die dynamische Phase fiel der – in Niederösterreich gegenüber Österreich um etwa ein Jahrzehnt verzögerte – Übergang von der Agrar- zur Industrie- und schließlich zur Dienstleistungsgesellschaft. In dieser Ära näherte sich das wirtschaftssektorale Profil Niederösterreichs langsam an das gesamtösterreichische an – freilich ohne es bis zur Jahrtausendwende völlig einzuholen.

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Wirtschaftliche Zugehörigkeit der Erwerbsbevölkerung in Niederösterreich und Österreich 1910–2001: Anteil in Prozent

Das wirtschaftsräumliche Erbe der Monarchie – das Bündel regionaler und sektoraler Ungleichgewichte – hat in erstaunlicher Weise im gesamten 20. Jahrhundert fortgewirkt und die Möglichkeiten der niederösterreichischen Wirtschaftsentwicklung begrenzt. Natürlich war damit der Gang der Dinge nicht vorbestimmt; die historische Pfadabhängigkeit traf auf die Abhängigkeit vom jeweils aktuellen gesellschaftlichen Kontext – und in diesem Kräftefeld konnte sich der Manövrierraum der Akteure erheblich verändern, verengen oder erweitern. Der Zerfall der Habsburgermonarchie setzte eine solche Veränderung – genauer, eine Verengung – in Gang.

Problematische Umstellung (1918–1929)

Die Niederlage Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg hatte die auseinanderstrebenden Kräfte im Vielvölkerreich entfesselt; der daraus folgende Zerfall der Habsburgermonarchie verschob auch Niederösterreichs Außengrenzen. Die Vorstellung der maßgeblichen politischen Parteien, das deutschsprachige Restgebiet („Deutschösterreich“) werde sich Deutschland anschließen, musste auf Grund des „Anschlussverbots“ im Friedensvertrag von Saint Germain 1919 aufgegeben werden; damit wurde der Kleinstaat Österreich zum Bezugsrahmen des Wirtschaftens. Die Gründungen der Tschechoslowakei sowie Ungarns 1918 errichteten im Norden und Osten des Bundeslandes eine Staats- und damit Zollgrenze; die Angliederung des Burgenlandes, des ehemaligen Deutsch-Westungarns, an Österreich 1921 verlegte die Staatsgrenze ein Stück nach Osten; schließlich zog die Abtrennung Wiens 1922 eine Landesgrenze im Inneren Niederösterreichs – und politisierte den ökonomischen Stadt-Land-Gegensatz. Die neuen Staats- und Landesgrenzen beeinträchtigten oder kappten die gewachsenen, aufeinander abgestimmten Wirtschaftsbeziehungen niederösterreichischer Regionen zu anderen Teilen der österreichisch-ungarischen Monarchie; dies führte zu schwerwiegenden Ungleichgewichten. Den Wegfall der ungarischen Intensivagrarregionen, die einen Gutteil des österreichischen Bedarfs an Getreide, Zuckerrüben, Fleisch und Milchprodukten geliefert hatten, konnte die vergleichsweise extensive Landwirtschaft (Nieder-)Österreichs nicht sofort ausgleichen; um seine hungrige (Stadt-)Bevölkerung zu ernähren, war Österreich zunächst auf ausländische Hilfslieferungen angewiesen und musste in weiterer Folge Nahrungsmittel importieren. Im gewerblich-industriellen Bereich standen Unterkapazitäten bei der Kohle-, Eisen- und Glasversorgung Überkapazitäten in der Metall- und Maschinenindustrie gegenüber; so etwa lagen vier der fünf Lokomotivfabriken der Monarchie in Niederösterreich. Verwickelter war die Situation der Textilindustrie: Hier bestanden ein Überhang im Bereich der Spinnerei im Großraum Wien und ein Mangel im Bereich der Weberei, die in den böhmischen Ländern konzentriert war; dies verbesserte zunächst die Auftragslage der Waldviertler Webereien, verstärkte aber auch deren Abhängigkeit. Desaströs war die Lage der im Ersten Weltkrieg – mit zeitweise 120.000 Arbeitern allein im Raum Wiener Neustadt – aufgeblähten Rüstungsindustrie, darunter der 1915 gegründeten Oesterreichischen Flugzeugfabrik AG (Oeffag), der Wöllersdorfer Munitionsfabrik oder der Austro-Daimler-Werke; der Friedensvertrag hatte Österreich die Waffenproduktion untersagt. Auch die Zentren der „Sommerfrische“ im alpinen Niederösterreich wurden durch die Verarmung der Mittelschichten im Zuge der galoppierenden Geldentwertung hart getroffen. Einerseits war die Umstellung auf den kleinstaatlichen Rahmen ein Hemmschuh der weiteren Entwicklung, so der Historiker Michael John: „Die Umstellung von der Großraumwirtschaft der Monarchie zur Kleinraumwirtschaft der Republik Österreich, die veränderte Aufgabenstellung der Regionen führte zu gravierenden wirtschaftlichen Problemen.“ Auf der anderen Seite verschaffte der Wegfall der Konkurrenz – der ungarischen im Agrar-, der böhmischen und mährischen im Industriebereich – veralteten Betrieben eine Atempause und innovativen Betrieben bessere Marktchancen.

Dem verbreiteten Pessimismus der Umbruchsjahre 1918/19 gegenüber steht der Optimismus, mit dem das offizielle Niederösterreich Ende der 1920er Jahre auf den geleisteten „Wiederaufbau“ zurückblickte; so suchte ein als „Heimatbuch“ titulierter Prachtband in Text, Zahl und Bild das Vertrauen seiner Leserschaft in das Land und dessen Verwaltungs- und Wirtschaftseliten zu stärken. Tatsächlich konnte der durch Landwirtschaftskammer, Bauernbund und Genossenschaften straff organisierte Agrarbereich mit Erfolgszahlen aufwarten: Anbauflächen, Viehstände und Erträge stiegen und überschritten bald das Vorkriegsniveau; die vormals extensive Land- und Viehnutzung wurde – im Rahmen einer zunächst liberalen Markt- und Preispolitik – intensiviert. Zudem hatten die Nachkriegsinflation die bäuerlichen Schulden weitgehend aufgefressen und die „Schattenwirtschaft“ im und nach dem Krieg zusätzliche Einkünfte eingebracht. Jedoch zeigten die landwirtschaftlichen Einkommen ein deutliches Gefälle von den Getreide- und Hackfruchtwirtschaften in der Ebene zu den Grünland- und Waldwirtschaften in den Bergen. Die moralisch abgesicherte Versorgung des Gesindes als Teil der bäuerlichen „Hausgemeinschaft“ wurde – auch durch die Agitation sozialdemokratischer Landarbeitergewerkschaften – zunehmend ausgehöhlt; zugleich besaßen die Landarbeiter/-innen, die im östlichen Niederösterreich in Konkurrenz zu slowakischen Saisonarbeitskräften standen, bis zur Einführung der Kranken- und Unfallversicherung 1928 noch keine arbeits- und sozialrechtliche Absicherung. Folglich kennzeichnete eine mitunter krasse Ausbeutung – die freilich auch bäuerliche Familienangehörige betraf – die ländlichen Arbeitsverhältnisse.

Agrarstatistische Kennzahlen Niederösterreichs um 1910 und 1930

 

um 1910

um 1930

Weizenernte in 1.000 Tonnen

123

136

Roggenernte in 1.000 Tonnen

314

264

Zuckerrübenernte in 1.000 Tonnen

258

579

Pferdebestand (nur Landwirtschaft) in 1.000 Stück

84

96

Kuhbestand in 1.000 Stück

346

356

Schweinebestand (nur Landwirtschaft) in 1.000 Stück

557

748

Weitaus problematischer als der Agrar- entwickelte sich der Gewerbe- und Industriesektor in den 1920er Jahren. Nach kurzem Aufschwung durch inflationsbedingte „Kaufwut“ städtischer Mittel- und Oberschichten und Aufträgen mittel- sowie großbäuerlicher Betriebe verschlechterte sich durch den sanierungsbedingten Kaufkraftrückgang seit Mitte der 1920er Jahre die Auftragslage der Gewerbetreibenden merklich; so stützten sich viele Betroffene mit ausschließlich Familienarbeitskräften zunehmend auf ihr zweites, landwirtschaftliches Standbein. Der überregional orientierten Wiener Neustädter Eisen- und Metallindustrie, einem der wichtigsten Rüstungszentren im Ersten Weltkrieg, misslang die Umstellung von der Kriegs- zur Friedensproduktion – ganz im Gegenteil zur oberösterreichischen Rüstungsschmiede Steyr, der zunächst die Umstellung auf die Fahrrad- und Automobilerzeugung gelang. Während hier die Arbeitslosigkeit grassierte, waren dort hochqualifizierte Fachkräfte mit der Fahrzeugproduktion beschäftigt. Etwas weniger trist stellte sich die Lage im Raum St. Pölten dar. Die 1903 gegründete Voith AG stieg mittels bahnbrechender Innovationen zu einer Firma von Weltrang auf. Mit der marktgängigen Erzeugung von Papier- und Zündholzmaschinen sowie Wasserturbinen – darunter auch die erste Kaplan-Turbine, eine Flügelradturbine mit verstellbaren Schaufeln – stieg der Beschäftigtenstand auf 1.500. Die Erste Österreichische Glanzstofffabrik, die Chemiefasern aus Zellulose herstellte, wurde mit 3.000 Beschäftigten zum personalstärksten Betrieb der Region. Die Harlander Zwirnfabrik wurde nach einem Eigentümerwechsel konsolidiert. Auch das Gewerbe suchte sich flexibel den veränderten Bedingungen anzupassen; so gründeten die Einzelkaufleute der Region St. Pölten bereits 1918 eine Großeinkaufsgenossenschaft. Neben St. Pölten verzeichneten auch andere Standorte Erfolge, so etwa die Berndorfer Metallfabriken mit der Glockengießerei als ihrem Herzstück. Die Nahrungsmittelindustrie, vor allem die Mühlen-, Brauerei- und Zuckerrübenindustrie, erfreute sich guter Geschäfte. Die steigende Nachfrage nach Elektrizität und das Angebot an ausbaufähigen Gewässern kamen der 1922 durch Fusion gebildeten Niederösterreichischen Elektrizitätswerke AG (Newag) zugute; sie verdreifachte von 1922 bis 1929 die Stromerzeugung. Nach der Abtrennung der monarchieweiten Wirtschaftsbeziehungen durch die Grenzziehungen 1918/19 kam der Handel mit den Nachfolgestaaten des Habsburgerreiches langsam wieder in Gang; bereits 1930 entfielen 41 Prozent der Einfuhren und 31 Prozent der Ausfuhren Österreichs auf die Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien und Polen. Vor allem die niederösterreichische Industrie besaß in diesen Staaten wichtige Bezugs- und Absatzmärkte.

Die niederösterreichische Tourismuswirtschaft erholte sich in den ersten Nachkriegsjahren überraschend schnell von diesem Rückschlag. Neben der „Sommerfrische“ des (groß-)bürgerlichen Wiener Publikums in den Nobelkurorten warben rührige Fremdenverkehrsvereine in Kleinstädten und Marktorten um die Gäste mit kleinerem Portemonnaie. Der Schisport, etwa auf dem Semmering, im Schneeberg-Rax-Gebiet und in den Voralpen, gewann zunehmend Anhänger. Gemessen an den Zahlen der Fremdenbetten (66.000) und Nächtigungen (5,178 Millionen) war Niederösterreich 1928 unter allen Bundesländern führend. Eisenbahnen, Autobusse und immer häufiger auch Privat-Personenkraftwagen, deren Zahl in Niederösterreich von 895 (1922) auf 3.419 (1929) stieg, beförderten die Mobilität der Touristen. Die Gastfreundschaft stieß jedoch an der verbreiteten Judenfeindschaft im katholisch-konservativen und deutschnationalen Milieu an Grenzen. Allein in Niederösterreich fassten 13 Gemeinden, darunter Mank, Maria Taferl und Scheibbs, den Beschluss, dass jüdische Gäste vor Ort unerwünscht seien. In Baden forderten Plakate jüdische Kurgäste zum Verlassen des Kurortes auf – und zur Auswanderung nach Palästina. Der Antisemitismus war auch in Niederösterreich verwurzelt – lange bevor ihn die Nationalsozialisten in der „großen Krise“ der 1930er Jahre radikalisierten.

Große Krise (1929–1938)

Viele der erfolgversprechenden Lösungsansätze der problematischen Umstellung in den 1920er Jahren scheiterten in der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise und der damit verknüpften Krise der Demokratie, die 1933/34 in die austrofaschistische „Regierungsdiktatur“ unter dem niederösterreichischen Agrarfachmann Engelbert Dollfuß mündete. Die politisch-ökonomische Doppelkrise der 1930er Jahre veränderte auch die Außengrenzen des niederösterreichischen Wirtschaftsraumes: Einerseits ging das Handelsvolumen mit den Nachfolgestaaten insgesamt zurück; andererseits wurden diese zunehmend in die deutsche „Großraumwirtschaft“ als Lieferanten von Agrargütern und Empfängern von Industrieprodukten einbezogen. Folglich sanken die Import- und Exportanteile der Nachfolgestaaten am österreichischen Außenhandel drastisch; zudem scheiterte 1931 der Plan einer deutsch-österreichischen Zollunion. Schließlich schottete Österreich angesichts der internationalen Agrarkrise seinen Binnenmarkt gegenüber billigen Nahrungsmittelimporten ab; die protektionistischen Gegenmaßnahmen anderer Staaten verteuerten jedoch die Exporte der österreichischen Industrie. Alles in allem verengte sich der Manövrierraum des Wirtschaftens – wobei der bäuerliche Agrarsektor gegenüber anderen Sparten zunächst die besseren Karten in der Hand hatte.

Um den Absatz der langsam, aber beständig wachsenden Agrarproduktion zu sichern, drängten deren Vertreter auf handelspolitische Barrieren gegen Importe aus dem Ausland, die sich – vor allem nach der Berufung Dollfuß’ als Landwirtschaftsminister 1931 – in Zollerhöhungen und bilateralen Handelsverträgen niederschlugen. Da die Außenschutzmaßnahmen den Agrarpreisverfall – der durchschnittliche Reinertrag pro Hektar Kulturfläche verfiel von plus 65 (1928) auf minus neun Schilling (1931) – nicht einzudämmen vermochten, setzten die Entscheidungsträger auf die Regulierung des Binnenmarktes entsprechend des „agrarischen Kurses“. Neben dem Vieh- und Milchmarkt (Viehverkehrsstelle 1931, Milchausgleichsfonds 1931) wurden auch der Getreidemarkt, vor allem für Roggen (Roggenpreisstabilisierung 1933), zunehmend staatlich gelenkt. Dieser Kurs zielte darauf ab, den „Bauernstand“ nicht der krisenanfälligen kapitalistischen Entwicklung anzupassen – d.h. „gesundzuschrumpfen“ –, sondern ihn aus dem kaum kalkulierbaren Spiel der Marktkräfte herauszulösen und in einen Schutzmantel zu hüllen; dies sollte „gerechte“ Agrarpreise zur Sicherung der betrieblichen Rentabilität sicherstellen. Gewerbe- und Industrievertreter sowie die sozialdemokratische Arbeiterbewegung warfen der Bundesregierung die Begünstigung der „Agrarier“ auf Kosten ihrer jeweiligen Klientel vor. Der „agrarische Kurs“, der unter Dollfuß’ Nachfolger deutlich zurückgefahren wurde, verfehlte letztlich sein Ziel, wie der Historiker Ulrich Kluge klarstellt: „Das Gros der österreichischen Bauern und die Mehrzahl der berufsständisch organisierten Interessenpolitiker fühlten sich von der Agrarpolitik Schuschniggs düpiert.“ Zwar wurden Produktivitätsfortschritte bei der Pflanzen- und Tierproduktion sowie ein erhöhter Selbstversorgungsgrad bei den wichtigsten Nahrungsmitteln verbucht: So etwa stiegen die durchschnittlichen Hektarerträge von 1926 bis 1935 gegenüber 1910 bei den Hauptgetreidearten um 18 bis 51 Prozent, bei Kartoffeln um 74 Prozent und bei Zuckerrüben um 47 Prozent; die durchschnittliche Jahresmilchleistung der Kühe wurde von 1919 bis 1934 von 1.300 auf 2.100 Liter angehoben. Doch die vergleichsweise hohen Getreidepreise –, vor allem jene über das Niveau von 1929 gekletterten für Weizen – bescherten den Ackerwirtschaften im Flachland Einkommensvorteile auf Kosten der Grünland- und Waldwirtschaften im Bergland, die von Getreidezukäufen abhingen und unter dem Verfall der Milch- und Holzpreise litten. Gegen die wachsende Schuldenlast, die sich in einer Welle von Zwangsversteigerungen äußerte, boten der Bergbauernhilfsfonds 1934 und die Besitzfestigungsaktion 1937 wenig Abhilfe. Trotz aller Produktivitäts- und Produktionssteigerungen vermochte das staatlich regulierte Agrarsystem in den 1930er Jahren weder der Gesamtheit der Produzenten angemessene Einkommen, noch den Konsumenten eine entsprechende Nahrungsmittelversorgung zu erschwinglichen Preisen zu sichern.

Der protektionistische Kurs unter christlichsozialen Vorzeichen zielte neben dem „Bauernschutz“ auch auf den „Gewerbeschutz“. Das Dollfuß-Schuschnigg-Regime suchte mit dem Untersagungsgesetz den Zugang zur Gewerbeberechtigung auf ein „gesundes“ Maß zu begrenzen – und verwies die davon Betroffenen auf prekäre Überlebensstrategien dies- und jenseits der Legalität. Während sich Großgewerbetreibende enger mit Industriebetrieben verflochten, ließen schlechte Auftragslage und Kapitalmangel viele mittlere Gewerbetreibende auf den Status der Alleingewerbetreibenden abrutschen. Familienwirtschaftliche Flexibilität – Mehrarbeit, Konsumverzicht, agrarisch-gewerbliche Mischwirtschaft und so fort – erwies sich nun, wie in anderen Krisenzeiten auch, als überlebenswichtig. Der Anspruch der „Qualitätsarbeit“ ließ sich angesichts desolater, schwach motorisierter Betriebsstätten, schlecht ausgebildeter, allein auf Grund von Verwandtschaft oder Versorgungsbedarf ausgewählter Lehrlinge und Gehilfen sowie überalterter, abgearbeiteter Meister/-innen kaum mehr einlösen. Die paternalistische „Hausgemeinschaft“ wurde im Zuge von Nebentätigkeit der Meister/-innen, Gesellenentlassungen und Lehrlingsausbeutung brüchig. Die Aufsplitterung in Land- und Stadtgewerbe, Groß-, Mittel- und Alleingewerbe sowie Männer- und Frauengewerbe erschwerte den Aufbau einer geschlossenen, schlagkräftigen Interessenvertretung, wie sie etwa im Agrarbereich bestand.

Der wirtschaftspolitische Protektionismus sollte dem agrarischen und gewerblichen „Mittelstand“ in der „großen Krise“ mehr Spielraum auf dem Binnenmarkt sichern; er beschnitt jedoch auch die Spielräume der mit den Auslandsmärkten verflochtenen, international aber wenig wettbewerbsfähigen Großindustrie. So führten äußere und innere Bedingungen in die „großen Krise“, die für Herzstücke der niederösterreichischen Industrie das Aus brachte. Angefacht wurde die Krise durch die Zurückhaltung der christlichsozialen Bundesregierung mit öffentlichen Aufträgen, entsprechend dem Ziel der Geldwertstabilität des Schillings als „Alpendollar“; erst im austrofaschistischen „Ständestaat“ folgten öffentliche, propagandistisch verwertete Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung, von denen vor allem Niederösterreich – zu Lasten des „Roten Wien“ – profitierte. Die Industrieproduktion fiel von 1929 bis 1933 österreichweit um 38 Prozent; zu den Krisenbranchen zählten in Niederösterreich vor allem die Metall-, Maschinen- und Textilindustrie. Im Gegenzug verdoppelte sich im selben Zeitraum die Zahl der Arbeitslosen in Niederösterreich; extreme Arbeitslosenraten bis zu sechzig Prozent verzeichnete der Raum Wiener Neustadt. Verschärft wurde die Situation 1931 durch die Insolvenz der größten österreichischen Bank, der Creditanstalt für Handel und Gewerbe (CA), mit ihren zahlreichen Industriebeteiligungen in Niederösterreich. Als too big to fail